Schwachsinn auf Kassenkosten – der unheilvolle Aufstieg der Pseudo-Medizin

August 29, 2016

Der englische Publizist Keith Gilbert Chesterton (1874 – 1936) brachte es treffend wie kein Zweiter bereits vor etlichen Jahrzehnten auf den Punkt: „Wenn Menschen aufhören, an Gott zu glauben, dann glauben sie nicht an nichts, sondern an alles Mögliche.“
1023_ohne_FD

Und während in der Tat hierzulande die Mitgliederzahlen der großen Volkskirchen wie der „größten deutschen Sekte“ (sprich: der NAK) seit Jahren klar zurückgehen, bedeutet dies im Umkehrschluss leider längst nicht automatisch, dass die Betreffenden eine von Rationalismus und Wissenschaftsorientierung geprägte Weltanschauung verfechten. Im Gegenteil: Finanziell bestens ausgestattete Institutionen wie Greenpeace und Bündnis 90/Die Grünen propagieren seit Langem schon die Mär von der grundsätzlichen Gefährlichkeit der Pflanzengentechnik, Menschen sorgen sich vor absurden „Gefahren“ wie Chemtrails, glauben allen Ernstes, ihr Schicksal stehe in den Sternen oder hängen quacksalbernden Heilslehren anderer Art an: eine davon ist die Homöopathie, mit der ich mich in den letzten Wochen etwas eingehender beschäftigt habe:

Das Überraschendste an der Homöopathie ist für mich eigentlich die Tatsache, dass unsere „aufgeklärte“ Gesellschaft des 21. Jahrhunderts in anderen Bereichen wie der Chemie oder der Astronomie längst reinen Tisch gemacht und pseudowissenschaftliche Denkansätze (in diesen Fällen: die Astrologie und die Alchemie, also den Versuch, aus anderen Elementen Gold herzustellen oder mithilfe eines „Steins der Weisen“ das ewige Leben zu erlangen) in die esoterische Schmuddelecke verbannt hat.
Warum bildet aber gerade der medizinische Bereich die große Ausnahme?

Zunächst aber zur Frage, was eigentlich die Grundannahmen der Homöopathie ausmacht:
Begründet wurde diese Heilslehre in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts durch den deutschen Mediziner Samuel Hahnemann (1755 – 1843). Angesichts der katastrophalen Situation der Medizin seiner Zeit engagierte sich Hahnemann für eine scharfe Abkehr vom heute gern als „Schulmedizin“ abfällig titulierten ärztlichen Mainstream, der sog, Allopathie. Nun muss man jedoch wissen, dass die moderne Medizin von heute zur damaligen Zeit nicht einmal in Ansätzen existierte: Bakterien und Viren als Krankheitserreger waren eh unbekannt, man „kurierte“ die Patienten häufig mittels Quecksilbergaben oder Aderlass, wobei die Betreffenden nicht selten dabei verbluteten. Wunden wurden gern mit siedendem Öl ausgebrannt statt sie zu kühlen, der Gang zum Zahnarzt glich einer wahren Folterung etc. pp.
Kurzum: Hahnemann war der Ansicht, die Medizin müsse sich grundsätzlich neu aufstellen, sich zum Einen durch lange Gespräche den Patienten zuwenden und zum Anderen auch auf andere „Wirkstoffe“ setzen: Globuli (lat. für „Kügelchen“), d.h. kleine zuckerhaltige Präparate. Das Besondere daran: Seine Globuli enthielten i.d. Regel so gut wie nichts oder auch überhaupt kein einziges Molekül des sog. „Wirkstoffs“ (max. eine Verdünnung von einem Milliliter auf 50 Mio. Liter), der auch schon einmal aus getrockneten Bienen oder Tierkot bestehen konnte. Hahnemann ging nämlich davon aus, dass Krankheit gleichbedeutend mit dem aus der Balance geratenen „Lebensgeist“, also einer Kraft, die ein Lebewesen erst lebendig werden lässt.
Nun existiert bis zum heutigen Tag kein einziges Indiz, welches auf das Vorhandensein dieser ominösen Kraft verweisen würde; doch so sehr sich die Physiker von der Vorstellung eines das Weltall durchziehenden „Äthers“ verabschiedet haben, so versteiften sich Hahnemann und mit ihm Generationen seiner Jünger auf eben diese weltanschauliche Grundlage.
Des Weiteren geht Hahnemann davon aus, dass „Ähnliches mit Ähnlichem“ (lat. similia similibus curentur) geheilt werden müsse – in der Konsequenz wirkt also dasjenige Mittel, welches bei einem gesunden Menschen eine Krankheit auslöst, bei einem kranken Menschen genau umgekehrt heilend (!).
Und um diese Heilung in Gang zu bekommen bedarf es jener Zuckerkügelchen, wobei das Präparat mit steigender Verdünnung zu höherer Wirksamkeit gelangt (!).
Dass es sich bei dieser homöopathischen Grundannahme um ausgemachten Bullshit handelt, bewies spätestens vor einigen Jahren die Aktion 10:23 der „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“ (GWUP): Ab dem Verdünnung (Homöopathen nennen es „Potenzierung“) von 10 hoch 23 ist kein einziges Ausgangsmolekül der Substanz mehr enthalten, und in dieser „Dosis“ nahmen weltweit viele Teilnehmer homöopathische Mittel ein, ohne dass ihnen (wie laut Hahnemann-Jüngern eigentlich zu erwarten wäre) auch nur ein Haar gekrümmt wurde.

Zu allem Überfluss kommt es laut Hahnemann-Anhängern auch noch nach der ersten Einnahme ihrer Globuli zu einer sog. Erstverschlimmerung, was jedoch als positives Zeichen der Wirksamkeit der jeweiligen Substanz gedeutet wird – bis es in akuten Fällen zu spät sein kann, einen Arzt aufzusuchen, der tatsächlich evidenzbasiert (also wissenschaftlich) arbeitet!
Nun werdet ihr, liebe Leserinnen und Leser sicher ad hoc den einen oder anderen aus eurem Freundes- und Bekanntenkreis benennen können, bei dem/der die Einnahme homöopathischer Mittel vorgeblich geholfen hat. Dessen ist sich die Medizin mittlerweile jedoch bewusst: Der sog. Placebo-Effekt scheint hier wahre Wunder zu wirken. D.h. allein die Tatsache, dass mir jemand mit medizinischer (Schein-)Kompetenz aufmerksam zuhört, meine individuelle Situation ausgiebig in die Behandlung einbezieht und ein Mittel dagegen verordnet, kann (wie viele weitere Faktoren) schon zur Besserung meiner Lage führen! Ganz abgesehen von vielen sog. Spontanheilungen, da nicht wenige Krankheitssymptome auch gänzlich ohne Behandlung von alleine verschwinden.
Soviel also dazu, wenn Oma demnächst wieder ihre Globuli als ach so segensreiches Hausmittel anpreist… wofür leider auch seit 2005 eine zunehmende Anzahl an Krankenkassen die Kosten übernimmt.
Es versteht sich von selbst, dass methodisch einwandfrei arbeitende (doppelblinde) Studie bis heute keinen Nachweis irgendeines wirkstoffbasierten Heilerfolgs durch homöopathische Präparate erbringen konnten – wogegen die entsprechenden Esoterikmittelchen von den strengen gesetzlichen Auflagen der Wirkstoffprüfung herkömmlicher Medikamente befreit sind – ein handfester Skandal, wie ich meine!

Zur näheren Info empfehle ich diesen kritischen SPIEGEL-Artikel sowie das Buch „Die Homöopathie-Lüge“ von Christian Weymayr und Nicole Heißmann.

„Was tröstet, hat recht?“ – Das Phänomen des Glaubens an den Glauben

Juli 14, 2016

„Dass Religion die Fähigkeit hat zu trösten, macht sie nicht wahrer. Selbst wenn wir ein gewaltiges Zugeständnis machen; wenn wir schlüssig nachweisen, dass der Glaube an die Existenz Gottes für das psychische und emotionale Wohlbefinden der Menschen völlig unentbehrlich ist; selbst wenn alle Atheisten verzweifelte Neurotiker wären, die von einer erbarmungslosen kosmischen Angst in den Selbstmord getrieben würden – selbst dann wäre das alles nicht der Hauch eines Belegs dafür, dass religiöser Glaube der Wahrheit entspricht. […]
Es ist wohl kaum eine Übertreibung, wenn ich behaupte, dass die Mehrheit der Atheisten in meinem Bekanntenkreis ihre Überzeugung hinter einer frommen Fassade verbirgt. Sie glauben selbst nicht an irgendetwas Übernatürliches, haben aber nach wie vor eine unbestimmte Schwäche für irrationale Überzeugungen. Sie glauben an den Glauben. Es ist verblüffend, wie viele Menschen anscheinend den Unterschied zwischen ‚X ist wahr‘ und ‚Es ist wünschenswert, dass die Menschen X für wahr halten‘ nicht kennen.“

Glaube-2

Soweit Richard Dawkins in „Der Gotteswahn“ in einem Textauszug, der in der letzten Unterrichtsstunde meines 11er-Ethikkurses vor den hessischen Sommerferien diskutiert wurde.
Die Einstellungen der Schülerinnen und Schüler fielen dabei erstaunlich unterschiedlich aus: von Unverständnis darüber, wie jemand nun überhaupt nicht an etwas Göttliches glauben könne bis zu 100%-iger Zustimmung war alles dabei. Und ich muss sagen, bei der Vorbereitung der Stunde kam mir unwillkürlich ein ähnlicher Ausspruch einer Kollegin in den Sinn, die damals (es muss wohl mittlerweile auch schon fünf bis sechs Jahre her sein) im Rahmen einer Schultheaterprobe zu Büchners „Woyzeck“ auf ihre Religiosität angesprochen wurde und sinngemäß ihr Bedauern ausdrückte, nicht glauben zu können. Ich habe mich damals aus dem Gespräch herausgehalten, mir aber bereits an Ort und Stelle mir im Sinne Dawkins‘ meine Gedanken dazu gemacht.
Denn nur allein die Tatsache, dass ein religiöser Glaube dazu taugt, Kontingenzbewältigung zu leisten, also in Lebenskrisen Orientierung und Halt zu bieten, sagt doch nun weiß Gott (!) keinen Deut über dessen Realitätsgehalt aus! Einmal abgesehen davon, dass mit Sicherheit jede Menge Anhänger dieses Glaubens existier(t)en, denen eben kein Trost aus ihrer Religiosität erwächst, weil sie nämlich diversen Perversitäten ihres ach so liebevollen Gottes zum Opfer gefallen sind: Man denke nur an unheilbare Krankheiten (ein Schüler unserer Schule verstarb 2014 an Leukämie!) und andere Naturkatastrophen; das von Menschen verursachte Leid (Hunger, Krieg, Terror) braucht hier nicht einmal ins Spiel zu kommen.
Gläubige Menschen werden sich vielfach mithilfe des Argumentes zu retten versuchen, dass derart unschuldig Leidende bei Gott sicher eine Art „Premiumplatz“ hätten. Doch diese Sichtweise verkennt, dass hiermit der Grundstein einer ausgesprochenen Leidenstheologie gelegt würde, welche über Jahrhunderte Gläubige zu masochistischen Zwangsgedanken und -handlungen angetrieben hat (man denke nur an Martin Luthers Selbstkasteiungen).
Und selbst eine biblizistische Endzeitgruppierung wie die NAK will diesen Zug nach eigener Aussage überwunden haben, während in früheren Zeiten der Begriff „Welt“ dort bekanntermaßen mit „Wehe, Elend, Leid und Tod“ gleichgesetzt wurde.
Und noch etwas scheint den Religiösen und ihren säkularen Bewunderern hinsichtlich ihres „Trost“-Argumentes nicht aufzufallen, nämlich die Nähe zur Motivation von Drogenkonsumenten, welche ja häufig gerade deshalb zum Betäubungsmittel ihrer Wahl greifen, um aus der als frustrierend und beengend empfundenen Realität zumindest für einen kurzen Moment zu flüchten. „Wer Hirnes hat, der denke…“

Religion – zur Entstehung eines irrationalen Denksystems (Teil I)

Juni 30, 2016

In den kommenden Monaten werde ich mich – wahrscheinlich in unregelmäßiger Folge – dem Phänomen „Entstehung der Religion als irrationalem Denksystem“ widmen.
Den ersten Teil dieser kleinen Reihe eröffnet Jesse Bering, Evolutionspsychologe und Direktor des Institute of Cognition and Culture an der Queen´s University Belfast (Nordirland). Der nachfolgende Text entstammt aus dessen Buch „Die Erfindung Gottes. Wie die Evolution den Glauben schuf“:

produkt-7276

Als direkte Folge der Evolution des sozialen menschlichen Gehirns und wegen der schwerwiegenden selektiven Bedeutung unserer Fähigkeiten zur Mentalisierung können wir manchmal gar nicht anders, als Absichten, Wünsche und Überzeugungen in Dingen zu sehen, bei denen auch nicht das kleinste Fitzelchen eines neuronalen Systems vorhanden ist. Folglich können sie die psychischen Zustände, die wir wahrnehmen […], gar nicht hervorbringen. Vor allem dann, wenn unbelebte Gegenstände unerwartete Dinge tun, denken wir gelegentlich so über sie, wie wir das bei Menschen machen, die sich abseitig oder schlecht benehmen.
Wie viele mögen ihr defektes, „unzuverlässiges“ Vehikel in die Seite getreten oder ihren „unfähigen“ Computer verbal beleidigt haben? Die meisten gehen nicht so weit, diesen Gegenständen mentale Zustände zuzuschreiben […]. Doch unsere Emotionen und unser Verhalten gegenüber solchen Objekten scheinen unser primitives, unbewusstes Denken zu verraten: Wir handeln, als wären sie für ihre Aktionen moralisch verantwortlich. […]
Was wäre, wenn ich sagte, dass auch die mentalen Zustände Gottes allein im Denken jedes Einzelnen vorhanden sind? Dass Gott – wie ein winziger, am Rand der Hornhaut des Auges schwebender Fleck, der das Bild eines verschwommenen, unerreichbaren Sternchens erzeugt, das jede Bewegung mitmacht – in Wahrheit eine psychische Illusion ist, eine Art evolutionär entstandener Fehler, der sich ins Zentrum der kognitiven Hirnsubstanz eingeätzt hat? Vielleicht fühlt es sich ja an, als sei da draußen etwas, das größer ist… etwas, das beobachtet, weiß, sich kümmert. Möglicherweise sogar Urteile fällt. In Wahrheit aber ist es nur unsere überaktive Mentalisierung. Eigentlich ist da nichts als die Luft, die wir atmen. […]
Man sollte sich kurz vor Augen führen, was es heißt, wenn man sich Gott so vorstellt […]. Subjektiv wäre Gott in unserem Leben weiterhin präsent (manche wären davon eher unangenehm berührt). Aus dieser Sicht würde er unsere Erfahrungen immer noch mit einer schwer fassbaren Bedeutung durchdringen und das Gefühl vermitteln, das Universum kommuniziere auf vielfältige Weise mit uns. Doch diese Vorstellung von Gott als Illusion ist eine radikale und für manche wohl gefährliche Idee, weil sie entscheidende Fragen darüber aufwirft, ob Gott ein autonom und unabhängig Handelnder ist, der außerhalb menschlicher Gehirnzellen lebt, oder eher ein Phantom, das von unserer durch eine spezielle Evolution entstandenen Mentalisierung hinaus in die Welt gestoßen ist. […]
Bei allen Wendungen scheinen wir zu glauben, in jedes Schnitzwerk der Natur seien subtile Botschaften eingeritzt: fein gearbeitete Zeichen oder Hinweise darauf, dass Gott oder eine andere übernatürliche Wesenheit versucht, uns eine Lektion oder einen Gedanken zu übermitteln – und häufig uns allein. Gewöhnlich geht es uns darum, wie wir uns verhalten sollten. […] Die besten Beispiele dafür, dass in der Natur der Geist Gottes am Werk gesehen wird, sind tendenziell auch die lachhaftesten. Doch gerade an ihnen können wir erkennen, wie die religiösen und spirituellen Ansichten mit der von unserer Spezies durch Evolution erworbenen Fähigkeit zur Mentalisierung zusammenhängen. Der freimütige afroamerikanische Bürgermeister von New Orleans, Ray Nagin, meinte Reportern 2005 gegenüber, der Hurrikan Katrina – einer der wildesten und zerstörerischsten Stürme, die Nordamerikas Küsten je heimgesucht haben – sei in Wahrheit ein klimatisches Zeichen für Gottes heftigen Zorn gegen die von Drogen benebelte Stadt, den militärischen Einfall des Landes in den Irak und das „schwarze Amerika“ […].


Quelle: Jesse Bering: Die Erfindung Gottes. Wie die Evolution den Glauben schuf. München 2011, S. 56, 58, 111f.

Die „geistige Augensalbe“ des Bischof Koch

Mai 26, 2016

Jedes Mal, wenn ich mal wieder mit dem Rad am Frankfurter Mainufer entlangradele, fällt mein Blick auf dieses Wandbild:

aylan kurdi

Es zeigt auf 120 Quadratmetern Fläche an der Osthafenmole unweit des Glitzerpalastes der Europäischen Zentralbank den leblosen Körper des toten dreijährigen Flüchtlingskindes Aylan Kurdi, ertrunken im September 2015 in den Fluten des Mittelmeeres – dank einer EU-Flüchtlingspolitik, die Hunderttausende verzweifelte Menschen auf die lebensgefährliche Reise per Schlauchboot oder seeuntauglichem Kutter zwingt.

Unter anderem mit dieser Politik befassen sich aktuell auch zahlreiche Veranstaltungen auf dem 100. Katholikentag in Leipzig. Wer einmal einen Blick auf die Homepage dieser Großveranstaltung wirft, entdeckt mit ziemlicher Sicherheit auch die Statements diverser Prominenter aus den Bereichen Politik und Kirche. Besonders hängengeblieben bin ich dabei bei dem Beitrag des Berliner Erzbischofs Heiner Koch (etwas nach unten scrollen):
„Der Katholikentag ist eine Schule des Sehenlernens. Und je mehr wir lernen, desto reicher werden wir. Gott sieht jeden und lässt niemanden allein: Gläubige und Nichtgläubige, Junge und Alte, Kranke und Gesunde, leistungsstarke und Schwache, Obdachlose und Flüchtlinge, Linke und Rechte.“

Sicherlich für manchen zu Herzen gehende Worte, vermag es doch sicher zu trösten, wenn man sich einem Gott gegenüber „weiß“, der keinen Menschen von seiner Gnade ausnimmt. Doch ein jeder Leser und jede Leserin möge sich diese bischöflichen Sätze einmal auf der Zunge zergehen lassen und mir dann bitte angesichts des (Flüchtlings-)Elends in der Welt erklären, wie Bischof Koch sich zu dieser Bemerkung versteigen kann. Die Angehörigen des kleinen Aylan sind sicher brennend an einer Antwort interessiert!

„Ich entsage dem eigenständigen Denken…“ – evolutionsbiologisches Sparprogramm und der Glaube an den „Leibhaftigen“

April 29, 2016

Frühlingszeit ist Konfirmationszeit – nicht nur in neuapostolischen Landen. Junge Christen übernehmen Eigenverantwortung für ihren zukünftigen Glaubensweg und bestätigen (lat. confirmare) den göttlichen Bund der Taufe – so jedenfalls die Theorie.
konfis
Die Besonderheit einer neuapostolischen Konfirmation besteht nun darin, dass die Konfirmanden ein an die altkirchliche Traditio Apostolica, einer Kirchenordnung aus dem frühen 3. Jhd., angelehntes Gelübde sprechen. Im Wortlaut heißt es dort: „Ich entsage dem Teufel und all seinem Werk und Wesen und übergebe mich dir, oh dreieiniger Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, im Glauben, Gehorsam und ernstlichem Vorsatz: Dir treu zu sein bis an mein Ende. Amen.“
Einmal abgesehen von der Tatsache, dass in klassisch-neuapostolischer Sektenmanier viele aktive NAK-Anhänger sicher auch heute noch das Wort „Gott“ innerhalb des Gelübdes automatisch mit „Neuapostolische Kirche“ gleichsetzen und zu den ach so teuflischen Werken wohl in erster Linie die „Verführung“ zum regelmäßigen Versäumen neuapostolischer Gottesdienste zählen.
Und dieser himmelschreiende Ausdruck tief verankerter religiöser Indoktrination soll hier im Folgenden etwas näher beleuchtet werden: Wie kann es angehen, dass Menschen einer ihrem Wesen nach säkularen und hochtechnisierten Gesellschaft im 21. Jhd. noch immer allen Ernstes an die Existenz und Wirkmächtigkeit des „Leibhaftigen“ glauben?
(Die entsprechende Passage „Das Böse als Person“ (Abschnitt 4.1.2 des NAK-Katechismus von 2012) kann hier eingesehen werden.)

Dieses und weitere damit zusammenhängende Phänomene beschäftigt auch zahlreiche Denker inner- wie außerhalb religiöser Gemeinschaften. Und so wurde ich bei einem meiner letzten Besuche in der hiesigen Groß-Buchhandlung auf das engagierte Werk eines liberal-protestantischen Physikers aufmerksam. Der Autor, Martin Urban, beklagt darin die seiner Meinung nach in der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) vorhandene Weltfremdheit in Glaubensfragen, allerdings auch den zunehmenden Einfluss fundamentalistischer, also die Bibel weitgehend wörtlich nehmender Kräfte (Evangelikale, Charismatiker, Pfingstler).

Ebenso thematisiert er die neuronalen Hintergründe kognitiver Prozesse, sprich: das Warum menschlichen Denkens.
Und hier knüpft Urban an das Bekennen des eigenen Glaubens an, wie es ja auch in der Handlung der Konfirmation vollzogen wird:

„Da gibt es zum Beispiel den Glaubenszeugen. Er bezeugt seinen Glauben. Was heißt das? Zeugnis geben gemeinhin Augen- oder Ohrenzeugen eines Sachverhalts, den sie damit bekunden oder bestätigen. Den Begriff ‚Zeugnis‘ mit dem Begriff ‚Glauben‘ zu verbinden, soll der Glaubens-Aussage Gewicht geben. Der Glaubenszeuge kann jedoch auch beliebigen Unsinn glauben und bezeugen. So ist zum Beispiel Martin Luther Zeuge des Wirkens von allerlei Teufeln in der Welt gewesen; etwa des Satans, der, so glaubte der Reformator tatsächlich, Ursache seiner chronischen Darm-Verstopfung gewesen sei. […]
Um die Zusammenhänge zu verstehen und zu reflektieren, sind weitere Erkenntnisse der Neurowissenschaftler wichtig. Wir wissen heute nämlich nicht nur, dass die Bilder, die wir uns von der Welt machen, nicht die Welt abbilden, sondern auch, warum das so ist: Wahrnehmung bildet die Welt nicht ab, sondern stellt sich, so der Gehirnforscher Wolf Singer, als ‚hypothesengesteuerter Interpretationsprozess dar, der das Wirrwarr der Sinnessignale nach ganz bestimmten Gesetzen ordnet und auf diese Weise die Objekte der Wahrnehmung definiert.'[…]
Denken, die Voraussetzung auch für das Zweifeln, ist anders als Glauben eine anstrengende Angelegenheit.Pro Gewichtseinheit setzt die Hirnmasse 16-mal so viel Energie um wie das Muskelgewebe. Natürlicherweise beschränkt sich unser Denken deshalb auf das Allernotwendigste. […] Das, was immer schon so war, genauer: so angesehen wurde, anzuzweifeln, ist unüblich. Auch deshalb schleppen wir die Weltbilder unserer Ahnen von Generation zu Generation. […]
Diese Neigung, sich auf Althergebrachtes zu verlassen, wird ergänzt um eine weitere problematische Eigenschaft unseres Gehirns: ‚Wenn wir nach langem Suchen und peinlicher Ungewissheit uns endlich einen bestimmten Sachverhalt erklären zu können glauben, kann unser darin investierter emotionaler Einsatz so groß sein, daß wir es vorziehen, unleugbare Tatsachen, die unserer Erklärung widersprechen, für unwahr oder unwirklich zu halten, statt unsere Erklärung diesen Tatsachen anzupassen.‘ So beschrieb es 1976 Paul Watzlawick.“

Quelle: Martin Urban: Ach Gott, die Kirche! Protestantischer Fundamentalismus und 500 Jahre Reformation. München 2016, S. 25ff.

Ach so, noch etwas, liebe „Gotteskinder“: Das so häufig auch im Rahmen von Konfirmationsgottesdiensten angestimmte Lied Chormappe 86 („Eins bitte ich vom Herrn“) entreißt ihr einfach seinem biblischen Kontext, also dem Psalm 27, 4. Und dort ist mit dem „Haus des Herrn“, in dem der Psalmist „immerdar bleiben möge“ klipp und klar der jüdische Tempel gemeint, da die meisten von ihnen in punkto Entstehungszeit auf die Zeit nach dem Babylonischen Exil, also ab 538 v.u.Z., datiert werden. (Die Einweihung des Zweiten Tempels unter Nehemia und Esra nimmt man i.d. Regel für das Jahr 515 v.u.Z. an.)

„Spieglein, Spieglein hat´s nicht erkannt!“ – Das Märchen vom missbrauchten Glauben

März 31, 2016

Die älteren Leser/innen werden sich vielleicht noch daran erinnern: In früheren Zeiten eines Rudolf Augstein (fast hätte ich geschrieben: „Gott hab´ ihn selig!“), da verpasste sich Deutschlands führendes Print-Nachrichtenmagazin selbstbewusst den Beinamen „Sturmgeschütz der Demokratie“. In den letzten Jahren kommt mir hingegen das eine und andere Mal der Verdacht, dass der SPIEGEL in mancherlei Hinsicht dem „Volk zu sehr auf´s Maul schaut“, um Luther zu zitieren, und dies dann zu Lasten einer akribischen Recherche geht. Und man daher dem leidigen Auflagen-Diktat hinterherhechelt!

In seiner aktuellen Ausgabe tuten die Hamburger jedenfalls kräftig ins Horn des bestenfalls halbreflektierten Mainstream-Journalismus und titeln unter Einsatz fetziger Bilder religiotischer Knallchargen (Salafisten, Trump, Putin samt orthodoxem Patriarchen Kyrill) „Der missbrauchte Glaube“. Hier deutet sich die Message bereits glasklar an: Religion an und für sich ist gut (oder zumindest nicht per se schlecht), allein der Missbrauch durch irgendwelche Fanatiker stellt das Problem dar. Allein der Schlusssatz bringt die Haltung der Redakteure auf den Punkt: Hier beschreiben sie die Flucht der Bewohner des syrischen Dorfes Dabiq vor den Terrorgangstern des „Islamischen Staates“:

„Ein verwüstetes Geisterdorf in Erwartung der Apokalypse – so kann das Ende aussehen, wenn Mächtige oder Extremisten den Glauben missbrauchen.“

samad_salim

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ja, ich bin mir dessen selbstverständlich bewusst, dass Religion etwas zutiefst Friedliches, Trost- und Hoffnungsvolles sein kann, dass religiöse Musik das Herz durch und durch berühren kann (ich selbst empfinde jedes Mal einen religiösen Schauer beim Hören von Händels Largo!). Aber bitte, bitte, liebe Gläubige, tut euch selbst den Gefallen und lest eure „heiligen Texte“ im Original samt zugehörigem Kontext!
Möglicherweise werdet ihr an der einen oder anderen Stelle vor Intoleranz und apokalyptischem Furor aus dem Schlucken nicht mehr herauskommen (für Anfänger eignet sich z.B. diese Website „hervorragend“ dazu, den christlichen Glauben betreffend).

Was den Islam betrifft, so ist zugegeben die Auswahl potenter Quellen erheblich kleiner. Aber es tut sich etwas auf dem deutschen Büchermarkt. Und an dieser Stelle kann man dem ägyptischstämmigen Politologen Hamed Abdel-Samed wohl nicht genug danken für sein ungeheures Verdienst im Sinne einer innerislamischen Aufklärung! Mag sein, dass er das eine oder andere Mal etwas dick aufträgt (insbesondere was die leichtfertige Anwendung des Faschismusbegriffs auf den Islam betrifft).
Aber nachdem ich soeben sein aktuelles Werk Mohamed. Eine Abrechnung gelesen habe, ziehe ich wirklich den Hut vor diesem Mann!

Der Autor belegt darin anhand gängiger islamischer Quellen, dass Mohammed entgegen der Verleugnungs-Propaganda diverser Islamophiler (Muslime wie Nicht-Muslime) insbesondere in seiner Zeit als Religionsführer und Kriegsherr in Medina (also ab spätestens 624 n.u.Z.) ein intolerantes Regime mafiaähnlicher Struktur aufgezogen hat, an dem sich die Mörderbanden des „Islamischen Staates“ nicht zu Unrecht orientieren! So müssen wir wohl davon ausgehen, dass er mindestens eine weibliche Kriegsgefangene vergewaltigte, nachdem er zuvor ihren Ehemann sowie ihren Bruder ermordet hatte, um sie erst nach dem sexuellen Schändung zu heiraten (die Rede ist von Mohammeds jüdischer Frau Safiyya). Oder die Enthauptung aller männlicher Mitglieder des jüdischen Stammes der Banu Quraiza – wohlgemerkt als reaktion auf die vermeintlichen Verschwörungspläne von maximal einigen wenigen Mitgliedern dieses Clans! (Die Beispiele ließen sich noch eine geräumige Weile fortsetzen…)

Mit anderen Worten: Hier wird Religion von den Islamisten nicht missbraucht, sondern (als eine von mehreren Lesarten) in zwangsneurotischer Weise ausgelebt! Abdel-Samad schreibt:

„Fundamentalismus und Intoleranz sind nicht eine Folge der Fehlinterpretation der Texte, sondern eine Folge ihrer Überhöhung. Die Reform des Denkens beginnt, wenn Muslime es wagen, Mohamed aus dem Käfig der Unantastbarkeit zu entlassen und ihn Mensch werden zu lassen.“
(Abdel-Samad: Mohamed. Eine Abrechnung. München 2015, S. 218f.)

Von alldem lassen die sauberen „Investigativ“-Journalisten des SPIEGEL natürlich nichts verlauten. Aber daran hat man sich ja leider fast schon gewöhnt im Appeasement-Deutschland des Jahres 2016! (Eine kleine Auswahl weiterer Medien, die durch ihre verzerrte Berichterstattung die Sache der Islamisten betreiben, findet sich hier.

Und da die Bluttaten von Brüssel beileibe nicht die letzten Anschläge der ach so missbrauchten „Religion des Friedens“ in diesem Jahr gewesen sein werden, dürfte die nächste Gelegenheit zur Beschäftigung mit diesem leidigen Thema nicht lange auf sich warten lassen. In diesem Sinn: „Hasta la vista, Salafaschista!“

Flüchtlingssterben und kein Ende – gegen die Ignoranz unserer Zeit

Februar 29, 2016

Wäre das „Zentrum für politische Schönheit“ eine Partei – meine Stimme bei der nächsten Wahl wäre ihr gewiss! Und wenn Sie sich an dieser Stelle verwundert fragen: „Wovon ist jetzt schon wieder die Rede?“, dann sei an dieser Stelle auf eine der letzten medienwirksamen Aktionen dieser Politaktivisten, die Beerdigung von im Mittelmeer dank der tödlichen EU-Außengrenzen zu Tode gekommener Flüchtlinge im Juni 2015 vor dem Reichstag in Berlin, verwiesen. Von Kritikern als selbstbezogene Inszenierung geschmäht, von Befürwortern als überfälliges Rühren in der Wunde europäischer Kaltherzigkeit gefeiert.
150421mauer-col-1000-300x212
Jedenfalls gelingt es dem Kopf dieses Künstlerensembles, Philipp Ruch, in seinem als „politisches Manifest“ titulierten Werk „Wenn nicht wir, wer dann?“, in eigenwillig pathetisch-aufrüttelnder Weise, uns die Monstrosität des Status Quo in der Ägäis vor Augen zu führen, auch wenn die kalten Apologeten der Macht im Berliner Kanzleramt darüber nicht mit der Wimper zucken dürften.
Somit sei der Beitrag des Monats Februar 2016 all den Opfern des Friedensnobelpreisträgers Europäische Union (welch eine groteske Realsatire!) gewidmet, für deren Würde Philipp Ruch mit seinem mit viel Herzblut abgefassten Weckruf schonungslos und kampfeslustig streitet:

„Der Mann, der vielleicht eine Art Seismograph des humanistischen Gewissens und Handelns in Deutschland ist, Rupert Neudeck, beobachtete und erkannte die dramatische Lage auf dem Mittelmeer bereits 2004. Mit seiner korrekten Einschätzung der politischen Lage kam er aber nicht an gegen das Dehydrieren, das Ertrinken, das Überfahrenwerden Hunderttausender Menschen, die sich eigentlich voller Hoffnung in ein neues Leben aufmachen. Inzwischen hält das Massensterben auf dem Mittelmeer schon über ein Jahrzehnt an. […]
Aber wo bleiben die Menschenrechtler, die gegen die militärische Grenzabschottung protestieren? Humanität heißt, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um Menschen nicht sterben zu lassen, alle politisch verfügbaren Ressourcen zu mobilisieren, um Menschenleben zu retten. Denn dafür sind sie letztlich da, die deutsche Marine, die Außenpolitik, der Menschenrechtsausschuss des Bundestages, die großen Menschenrechtsorganisationen. […]
Das Blumenmeer nach dem Tod von Lady Di oder Michael Jackson, die Massenaufläufe bei königlichen Hochzeiten, mit Liveübertragungen auf allen Kanälen, der mediale Crash vor einer Klinik, in der Michael Schumacher liegt – diese medialen Ikonen unserer modernen Anteilnahme sind die passenden Kontrastfolien zur Teilnahmslosigkeit gegenüber den Mittelmeertoten. Die Bilder der Särge passen so gar nicht zu dem Bild, das wir von uns selbst haben. Sie verkörpern das Kollabieren unseres Anspruchs auf moralischen Fortschritt. […]
Wurden wir schon einmal in Gruppen zusammengetrieben? Hatten wir schon einmal Angst, an Ort und Stelle vergewaltigt zu werden? Haben wir schon einmal unsere eigene Vernichtung gefürchtet?
Das größte Infrastrukturprojekt unserer Zeit ist eine gigantische Schallmauer um Europa herum. Dieser Schallschutz ist mentaler Art und schützt uns davor, die Hilfeschreie weiter hören zu müssen.
Wir wollen nicht zum Ort der Schreie und Leiden dieser Welt werden. Wir wollen selbst noch etwas zum Schreien und Leiden haben. Waren wir schon einmal vollkommen rechtlos? Hat schon einmal
jemand auf uns geschossen? Ist unsere Mutter schon einmal beinahe verhungert, weil sie uns durchfüttern wollte? Glaubten wir schon einmal, der Tod wäre die Erlösung? Dass Millionen Menschen auf ihren Sofas dahinschlummern, in Gedanken vielleicht bei nichts anderem als ihrer Reisekrankenversicherung, während die Fernsehnachrichten ihnen in drastischen Bildern zeigen, welches Inferno5 sich in Syrien abspielt, macht uns zu einer Zivilisation mit hässlichen Zügen. Ich will in so einem Land eigentlich nicht leben. […]“

Quelle: Philipp Ruch: Wenn nicht wir, wer dann? Ein politisches Manifest. München 2015, S. 7 -10.

„Im Koran steht: ‚Wer einen Menschen tötet, tötet die ganze Menschheit!'“ – Religion als positives Vorurteil

Januar 30, 2016

Vor Kurzem zeigte ich einem meiner Ethikkurse, diesmal einer Klasse Industriekaufleute, die ARD-Dokumentation Im Netz der Salafisten. In der anschließenden Diskussion herrschte schnell Einigkeit, dass der Islam von diesen Verklärern der „Altvorderen“ (arab. as salaf-as salih), d.h. der ersten drei Generationen der Prophetennachfolger, missbraucht werde, schließlich verbiete der Koran das Töten von Menschen. Eine Meinung, die man hierzulande anscheinend mit der Muttermilch aufzunehmen scheint, geht es doch vielfach darum, Religion generell (oder zumindest den Islam speziell) als Hort des Friedens darzustellen, den es vor Missbrauch aus den eigenen Reihen zu schützen gelte.

0072_jungfrauen
Ich allerdings halte diese Einstellung für hochgradig gefährlich!

Wer sich nur ein wenig mit den Inhalten des Korans beschäftigt, merkt i.d. Regel schnell, dass es sich um einen Steinbruch für Freiheitsfeinde und religiöse Fanatiker handelt! (Ja, für die Bibel gilt dies in ähnlicher Weise, wenngleich das jesuanische Gebot der Feindesliebe (Matthäus 5, 44) es ein wenig verkompliziert.)

Die Basis derartigen Appeasements besteht in Sure 5,32, in der es heißt: „Wer ein menschliches Wesen tötet, ohne (dass es) einen Mord (begangen) oder auf der Erde Unheil gestiftet (hat), so ist es, als ob er alle Menschen getötet hätte.“
Der islamkritische Politikwissenschaftler und Ex-Muslimbruder
Hamed Abdel-Samad
schreibt dazu anlässlich des „Charlie-Hebdo“-Attentats vom 7. Januar 2015 in Paris:

„Kaum ein anderer Vers wird aber aus seinem Zusammenhang gerissen wie dieser eigentlich halbe Vers, denn:
1. handelt es sich hier nicht um ein islamisches Gebot sondern um die Wiedergabe eines jüdischen Gebots, und wird gerne von liberalen Muslimen bewusst am Anfang ausgeschnitten.
Der Vers beginnt nämlich mit den Worten: ‚Aus diesem Grunde haben Wir den Kindern Israels vorgeschrieben: Wer einen Menschen tötet….‘
2. Kommt der darauffolgende Vers mit der tatsächlichen islamischen Botschaft und Regelung des Tötens:
‚Der Lohn derer, die sich Allah und Seinem Gesandten wiedersetzen und Unheil im Lande zu erregen trachten, soll sein, dass sie getötet oder gekreuzigt werden oder dass ihnen Hände und Füße wechselweise abgeschlagen werden oder dass sie aus dem Lande vertrieben werden. Das wird für sie eine Schmach in dieser Welt sein, und im Jenseits wird ihnen eine schwere Strafe zuteil‘. Fast alle islamischen Kommentatoren sind sich einig, Apostaten, Blasphemiker und Beleidiger des Islam und diejenigen, die Muslime daran hindern, die Botschaft Allahs in die Welt zu tragen seien in diesem Vers gemeint. Auch alle Rechtsschulen verwenden den Vers als Beleg für die Tötung von Abtrünnigen.“

Der religionskritische Philosoph Michael Schmidt-Salomon betont, die „Ungläubigen“ erwarte „laut Koran nicht bloß das ‚ewige Feuer‘, sie werden in der ‚Hölle‘ mit ‚Eiterfluss‘ und ‚Jauche‘ getränkt (Suren 14,16 und 78,25), erhalten einen ‚Trunk aus siedendem Wasser‘ (Sure 6,70), der ihnen die ‚Eingeweide zerreißt‘ (Sure 47,15), werden mit ‚eisernen Keulen‘ geschlagen (Sure 22,21), müssen Kleidungsstücke aus flüssigem Kupfer und Teer tragen (Sure 22,19) und vieles andere mehr. Immer wieder wird im Koran betont, wie sehr Allah ‚die Ungläubigen‘ hasst – sie gelten ihm gar als die ’schlimmsten Tiere‘ (Sure 8,55) – und dass es für den gläubigen Muslim eine heilige Pflicht sei, den Zorn Gottes an ihnen zu vollstrecken (Suren 8,15-16). Eine gute Grundlage für den respektvollen Umgang mit Andersdenkenden ist dies sicherlich nicht.“

Auch hinsichtlich einer seit der Silvesternacht sehr emotional geführten Debatte werden in den letzten Wochen (sogar aus Kreisen der Islamwissenschaft) Stimmen laut, die keine oder höchstens marginale Zusammenhänge zwischen den sexuellen Belästigern von Köln und deren religiöser Sozialisation erkennen wollen. Beispielhaft genannt sei hier das Interview mit der Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus für das ARD-Politikmagazin „Kontraste“.
Darin behauptet diese u.a., weil viele der Täter von Köln im alkoholisierten Zustand fremde Frauen belästigt hätten, könne man die Taten nicht auf deren religiösen Hintergrund zurückführen, was man z.B. bei serbischen Vergewaltigern während des Bosnienkriegs in Bezug auf deren christlichen Hintergrund zu Recht auch nicht getan habe.
Mich erinnert diese Argumentation ein wenig daran, als würde jemand, der ansonsten die Kerndogmen des Christentums vertritt, automatisch kein Christ mehr sein können, wenn er auch nur ein einziges Mal gegen eines der Zehn Gebote (z.B. „Du sollst kein falsch Zeugnis reden“, sprich: nicht lügen: achtes Gebot) verstoßen hat.
Natürlich wäre es falsch, ausschließlich die Religion des Islam als ursächlich für die sexuellen Übergriffe heranzuziehen! Jedoch eine Mitschuld ebendieser Religion gänzlich zu leugnen, erscheint mir in hohem Maße als zumindest naiv. Wer sich mit den sozialen Gegebenheiten in weiten Teilen der muslimischen Welt auseinandergesetzt hat, kommt doch über die Tatsache nicht hinweg, dass der dort kultivierte Jungfrauenwahn, in unheilvoller Kombination mit archaischen „Ehr“-Vorstellungen (welche oft genug auf die sexuelle Keuschheit der Frau vor der Ehe abzielen) und der praktizierten Geschlechterapartheid zu Millionen persönlicher Tragödien nicht gelebter bzw. schadhaft gelebter Sexualität führen!

Aus diesem Grund halte ich wenig von Spielhaus & Co., erinnern sie mich doch an die Überschrift des zweiten Kapitels aus Alexander Kisslers sehr empfehlenswertem Buch „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“. Sie lautet „‚Das hat nichts mit dem Islam zu tun‘: Die Brigade mit den Beruhigungspillen rückt aus“.

Alternativ zu den vielfachen Islam-Appeasement-Versuchen stehen bezüglich der Kölner Sex-Übergriffe folgende Kommentare:

Ahmad Mansour: „Übrig bleibt das Macho-Gehabe“
sowie

Hamed Abdel-Samad: „Das hat auch mit dem Islam zu tun“
.

Und weil man es hierzulande anscheinend auch immer wieder betonen muss: Nein, trotz meiner islamkritischen Haltung bin ich keineswegs PEGIDA- oder AfD-Sympathisant! Dies hieße, den Teufel mit dem Beelzebub austreiben zu wollen…

„Kein Alkohol ist auch keine Lösung!“ – Religionsverzicht als Allheilmittel?

Dezember 21, 2015

Neulich diskutierte mein 13er-Ethik-Kurs über „Wege zum Frieden“: Die Schüler hatten die Aufgabe, mithilfe eines Schreibgesprächs sich der Frage zu widmen, auf welchem Wege eine friedliche Welt zu erreichen sei. Dabei kristallisierte sich eine nicht ganz kleine Gruppe an Diskutanten heraus, die die Meinung vertraten, alle Religionen der Erde sollten zu diesem Zweck abgeschafft werden. Ein Kursmitglied wollte den Menschen gar eine staatliche Einheitsreligion verordnen…

welt-frieden
Nun, so weit würde ich trotz meiner religionskritischen Grundhaltung sicher auf keinen Fall gehen! Allerdings bin ich schon der Meinung, dass besagte Schüler mit ihrer Aussage eine Hauptquelle des Unfriedens unserer Zeit ausgemacht hatten – ohne dass explizit die Sprache auf den Islam bzw. Islamismus gelenkt wurde. (Den innerislamischen Intoleranz- und Gewaltfaktoren werde ich sicher im kommenden Jahr einen ausführlichen Blogeintrag widmen.)
An dieser Stelle nur so viel: Was wir anno 2016ff. brauchen, ist neben einem beherzten (aber im Gegensatz zum aktuellen Vorgehen der Bundesregierung in Syrien langfristig durchdachten) militärischen Vorgehen gegen die dschihadistischen Halsabschneiderbanden (als symptombekämpfende Notfallmaßnahme) vor allem die „geistige Schlacht“ aller Kräfte der Aufklärung gegen die barbarischen Mächte (nicht nur) des islamischen Mittelalters mit ihrem
Jungfrauenwahn
, Machogehabe und ihrer kritikverteufelnden Herrenmenschenreligiosität.
Erst wenn die Strenggläubigen (zu denen beileibe nicht nur gewaltbereite Dschihadisten, sondern i.d. Regel die gewöhnlichen orthodoxen Mainstream-Muslime zählen) ihr wahnhaftes Stockholm-Syndrom als solches erkennen und ablegen, indem sie das verhängnisvolle, im Laufe der Evolutionsgeschichte perfektionierte Ingroup-Outgroup-Denken (die religiöse Version des alten Sandkasten-Mantras „Mein Papa ist der stärkste!“) überwinden, haben wir auf absehbare Zeit den Hauch einer Chance auf eine friedliche Gesellschaft, die diesen Namen wirklich verdient!
Jegliches Appeasement gegenüber den Feinden der Toleranz ist genau der falsche Weg – der Weg in den Abgrund der Barbarei!

In diesem Sinne wünsche ich allen Blogleserinnen und -lesern erholsame Feiertage und einen guten Start für 2016!

„Unser täglich Apokalypse gib uns heute!“

November 29, 2015

Zum Thema „Apokalypse-Erwartung aufgrund aktueller Nachrichten-Wahrnehmung“ habe ich mich ja bereits im Oktober letzten Jahres kurz zu Wort gemeldet („Streik der apokalyptischen Reiter“).
Die momentane Terrorberichterstattung und -wahrnehmung veranlasst mich, erneut einen Beitrag hierzu zu posten:

weltuntergang_1881975
Vorab: Ich weiß, dass nach den Anschlägen von Paris (wie bereits nach 9/11 oder dem Super-GAU von Fukushima) wieder einige Menschen aus fundamentalistisch-apokalyptischen Glaubensgemeinschaften an dem eigentlich bereits gefassten Entschluss des Austritts (oder zumindest der inneren Abnabelung) gegenüber ihrem Endzeitverein zweifeln werden. Könnten die brutalen Taten des „Islamischen Staates“ und anderer Terrormilizen nicht doch Vorboten des „Antichristen“, des „Tieres“ aus der Johannes-Apokalypse sein?
Dann stellt sich mir jedoch die Frage, warum man das vermeintlich nahende Endzeit-Finale nicht viel eher im Zusammenhang mit einem der hier aufgelisteten Ereignisse der Vergangenheit hätte proklamieren können:
1. die Zweite Marcellusflut (1362), die sog. „Grote Mandrenke“, in deren Folge sich Teile der Nordfriesischen Inseln vom Festland abspalteten (was noch kein noch so großer Mega-Orkan der letzten Jahre weltweit irgendwo bewerkstelligt hat),
2. der Dreißigjährige Krieg (1618 – 48), der Europa (wie zuvor bereits die Pest) zu ca. einem Drittel entvölkerte,
3. der Erste und Zweite Weltkrieg, beide Ursache von zig Millionen Opfern an Soldaten und Zivilisten.

Natürlich liegt es mir fern, die Gefahr des islamistischen Terrors herunterzuspielen. Die Toten von Paris werden nicht die letzten innerhalb Europas gewesen sein, irgendwann wird es auch hierzulande richtig knallen, sei es in oder vor einem Fußballstadion, auf einem Weihnachtsmarkt oder „einfach nur “ auf einer belebten Einkaufsmeile.
Ich sehe allerdings keinen Grund, hier ins apokalyptische Geraune einzustimmen – weder in dasjenige der Endzeitgläubigen à la NAK, Zeugen Jehovas, Adventisten etc., noch in dasjenige der Medien, die seit Jahren mit der Angst vieler Menschen und der Jagd nach Auflage bzw. Quote ihr perverses Spielchen spielen (Stichworte: „Klimakatastrophe“, Umweltängste vor Grüner Gentechnik, Pestiziden etc., Terrorangst und und und).

Allen Kulturpessimisten sei daher an dieser Stelle wärmstens das Buch Anleitung zum Zukunftsoptimismus des deutschen Zukunftsforschers Matthias Horx empfohlen, aus dem ich hier zitieren möchte:

„Der britische Systemmathematiker und ‚Katastrophist‘ Gordon Woo hat […] ein mathematisches Modell erarbeitet, mit dem sich die Wahrscheinlichkeit von Terrorattentaten berechnen lässt. So entsteht eine ‚Wahrscheinlichkeitskurve der Terrorevents‘. Und in dieser Kurve sieht es nicht unbedingt nach einem eins zu null für den Terrorismus aus. Zwar werden kleine und mittlere Attentate immer wahrscheinlicher. Aber gleichzeitig sind sie für die terroristische Bewegung zunehmend uninteressanter. Die Chance für spektakuläre Großattentate sinkt tendenziell, auch wenn sich die Zahl der Attentäter derzeit noch erhöht. Sogar eine Fußballweltmeisterschaft [gemeint ist das „Sommermärchen“ 2006] mit ihren gewaltigen ‚Weichteilen‘ war für den Terror nicht zu knacken.“ (2. Auflage 2009, S. 187)

Ich weiß, ich weiß: Diese Zeilen wurden vor der Entstehung der „Bestie Islamischer Staat“ zu Papier gebracht. Aber allein die Tatsache, dass die Medienberichterstattung seit dem 13. November in Endlosschleife mit Beiträgen über den islamistischen Terrorkomplex aufwartete, verzerrt unsere Wahrnehmung des Phänomens. Ganz nüchtern überlegt: Im Jahr 2014 wurden 3368 Menschen in Deutschland Opfer des Straßenverkehrs. Welch einen Bruchteil ihrer Artikel bzw. Sendezeit widmeten unsere Medien dieser traurigen Tatsache, verglichen mit dem Hype um die 130 Ermordeten von Paris?
In diesem Sinne: Stehen Sie, liebe Leserinnen und Leser weiter mutig ein für unsere freiheitlichen Werte, und genießen Sie auch weiterhin den Bummel über den Weihnachtsmarkt in Ihrer Nähe… Ich wünsche Ihnen eine frohe Advents- und Vorweihnachtszeit!

Paris, 13.11.2015

November 15, 2015

Don´t Pray For Paris

Evolutionsbiologie – die Königsdisziplin der Religionskritik

Oktober 30, 2015

Je länger ich mich als Ethiklehrer mit der Evolutionsbiologie (Pflichtthema in Jahrgang 12 der Gymnasialen Oberstufe in Hessen) und ihren weltanschaulichen Implikationen beschäftige, desto klarer wird mir, dass gerade darin der „Fels des Atheismus“ (Georg Büchner) besteht.
darwin fish
Doch leider scheint sich das evolutionsbezogene Halbwissen vieler Mitmenschen im Glauben zu erschöpfen, der Mensch „stamme vom Affen ab“ (wobei es korrekt heißen müsste, dass der Mensch und andere Primaten gemeinsame Vorfahren haben) und dies stehe irgendwie im Zusammenhang mit dem Prinzip des „Survival of the fittest“ (oft missverstanden als „Überleben der Stärksten“).

In Kurzform geht die Evolutionsbiologie (die den wissenschaftlichen Stand eines Charles Darwin (1809 – 1882) längst hinter sich gelassen hat, diesen jedoch mehr und mehr in wesentlichen Punkten bestätigen konnte) von folgenden, empirisch sehr gut untermauerten Annahmen aus:
1. Alle Lebewesen haben gemeinsame Vorfahren, sind also untereinander verwandt.

2. Lebewesen tendieren dazu, mehr Nachwuchs in die Welt zu setzen, als dieser langfristig überlebensfähig wäre. Innerhalb einer Art verfügt jedes Lebewesen zudem über etwas anders ausgestattete genetische Eigenschaften (zum Teil ausgedrückt in unterschiedlichem Aussehen, dem Phänotyp). Bei der Fortpflanzung gehen jeweils mütterliche und väterliche Gen-Anteile in neuer „Mischung“ auf den Nachwuchs über (Rekombination). Bei diesem Vorgang kann es durch Ablesefehler der DNA/RNA zu zufälligen Änderungen des Erbgutes der Keimbahn (= der Geschlechtschromosomen) (oder auch durch radioaktive Strahlenbelastung, Kontakt mit bestimmten chemischen Substanzen etc.), den sog. Mutationen kommen. Diese wirken sich zumeist neutral auf die Überlebensbedingungen des Individuum aus. In wenigen Fällen kann eine solche Mutation jedoch auch zufällig zu einem Überlebensvorteil führen – hier wird klassischerweise häufig die weiße Farbe des Fells angeführt, welche einem Hasen in verschneiter Umgebung viel größere Überlebenschancen vor seinen Fressfeinden bietet als dies bei einem Hasen mit braunem Fell der Fall wäre. Daher wird der Hase mit weißem Fell mit höherer Wahrscheinlichkeit auch mehr Nachkommen zeugen als der braune und seine genetischen Eigenschaften somit weitergeben (natürliche Selektion).
Dieser Mechanismus kann in Extremfällen (und i.d. Regel mithilfe räumlicher Isolation) sogar im Laufe vieler Hunderttausender oder Millionen von Jahren dazu führen, dass aus einer Art mehrere Arten werden, also Populationen, die nicht mehr in der Lage sind, untereinander Nachkommen zu zeugen.

3. Allein diese Mechanismen erklären die Artenvielfalt im Reich der Organismen, so dass hierfür kein Schöpfungsakt eines Gottes angenommen werden muss, wie ihn zahlreiche Religionen postulieren. Im Gegenteil, die wirkmächtige Rolle des Zufalls erscheint offensichtlich als derart dominant, dass ein planvolles göttliches Eingreifen quasi ad absurdum geführt wird.
Somit wird der Mensch seiner Herkunft nach als Mitglied des Tierreichs „geerdet“ und verliert seinen zuvor selbstherrlich durch die Religionen angenommenen Status als „Krone der Schöpfung“.

In diesem Zusammenhang sei der Evolutionsbiologe Thomas Junker zitiert:
„Zum anderen machte Darwin darauf aufmerksam, dass die Natur nicht so aussieht, als sei sie von einem allmächtigen und gütigen Gott erschaffen worden: ‚Es scheint mir zuviel Elend in der Welt zu geben. Ich kann mich nicht überzeugen, dass ein wohlwollender und allmächtiger Gott absichtlich die Schlupfwespen erschaffen haben würde, mit der ausdrücklichen Absicht ihrer Fütterung in den lebenden Körpern von Raupen‘ […].
Für das Christentum sind Tod und Leiden Folge des Sündenfalls. Dieses Argument lässt sich aber nur einigermaßen glaubhaft vertreten, wenn Menschen und andere Organismen mehr oder weniger gleichzeitig entstanden sind. Die Evolutionsbiologie behauptet hingegen, dass es den Tod schon bei den ersten Lebewesen vor vier Milliarden Jahren, Schmerzen und Leiden schon bei den frühen vielzelligen Tieren vor mehr als 600 Millionen Jahren gab. Da Menschen aber erst seit zwei Millionen Jahren existieren, können sie schlecht für den Tod und das Leiden in den unermesslichen Zeiten vor ihrer Entstehung verantwortlich gemacht werden. Und so hat die Evolutionsbiologie das Theodizee-Problem (die Rechtfertigung Gottes in Anbetracht der Übel und Unvollkommenheiten der Welt) verschärft, indem sie der traditionellen religiösen Antwort die Grundlage entzog.“

Thomas Junker: Die 101 wichtigsten Fragen – Evolution. München 2011, S. 122f.

Gerne führe ich an dieser Stelle auch erneut Michael Schmidt-Salomons geniale Widerlegung der religiösen Seelenlehre an:
„Stellen Sie sich vor, Sie reichen Ihrer Mutter die linke Hand, die wiederum ihrer eigenen Mutter die linke Hand gibt, die das Gleiche bei ihrer Mutter macht und so weiter und so fort. […] Gehen wir nun davon aus, dass jedes Individuum in dieser Kette genau einen Meter Platz für sich beansprucht und der durchschnittliche Abstand zwischen den Generationen 20 Jahre beträgt: Wie lange müssten Sie wohl die Reihe Ihrer Ur-Ur…-Großmütter entlanggehen, um auf jene bemerkenswerte Dame zu stoßen (nennen wir sie ‘Oma Chimpman’), die zugleich auch die Ur-Ur…-Großmutter der heutigen Schimpansen ist? Die Antwort ist verblüffend: Es sind bloß rund 300 Kilometer – etwa die Entfernung von München nach Würzburg oder von Hamburg nach Berlin. […]
Irgendwer oder irgendwas soll irgendwann (man weiß nicht wie, man weiß nicht, warum) eine ‘unsterbliche Seele’, einen ‘autonomen Geist’, einen ‘freien Willen’ in eine dieser affenartigen Lebensformen eingehaucht haben. […] [S]osehr Sie sich auch bemühen, Sie werden in Ihrer Abstammungsreihe keine plötzlichen Veränderungen finden, keinen Moment, in dem aus einem unbeseelten Wesen ein beseeltes würde. […] Kurzum: Sie werden auf Ihrem langen Marsch entlang Ihrer Abstammungslinie exakt das feststellen, was Evolutionsbiologen seit Langem darlegen, nämlich: dass die Natur keine Sprünge macht. (Diese Erfahrung würden Sie selbstverständlich auch machen, wenn Sie die Kette Ihrer Ahnen noch ein gutes Stück weiter gehen würden, um schließlich auch noch auf Mama Reptil, Großmama Lurch und Urgroßmutter Fisch zu treffen, aber wir wollen das Gedankenspiel hier nicht überstrapazieren.)“


Michael Schmidt-Salomon: Hoffnung Mensch. Eine bessere Welt ist möglich. München 2014, S. 56f. [der gebundenen Ausgabe]

Refugees welcome! Religious fundamentalism not welcome!

September 30, 2015

Eigentlich bin ich es leid, immer wieder auf Selbstverständlichkeiten hinzuweisen, die in eine niveauvolle gesellschaftliche Debatte längst als solche eingeflossen sein sollten: Ja, natürlich sind Flüchtlinge hier willkommen, die daheim alles aufgeben mussten, um den Bomben Assads oder den Gewehrläufen der Islamfaschisten des IS zu entkommen! Das ist doch derart trivial, dass es eigentlich eine reine Zeitverschwendung darstellt, extra noch darauf hinzuweisen!
Aber vor allem ist es endlich an der Zeit, über den platten Aktionismus der Politik (Merkels „Wir schaffen das!“) hinaus weiterzudenken: Die meisten der Hunderttausenden, die in den letzten Wochen und Monaten in unserem Land eine vermutlich dauerhafte Bleibe gefunden haben, sind nun einmal muslimischen Glaubens. Und je nachdem, wie streng oder weniger streng dieser Glaube durch den einzelnen Flüchtling gelebt wird, bleibt es sicher nicht aus, dass sich Probleme im gesellschaftlichen Zusammenleben ergeben (werden).
Islam-15-01-08
Von daher sollten kritische Stimmen wie die eines Wolfgang Kubicki sehr sehr ernst genommen werden, wenn er von Fällen der Zwangsprostitution und Vergewaltigung in einer Gießener Flüchtlingsunterkunft berichtet.

Natürlich müsste hier wie auch sonst erst einmal der Zusammenhang zwischen dem muslimischen Glauben der Täter und der jeweiligen Tat erwiesen werden (so vorhanden). Diese Verbindung war zweifelsohne beim Fall versuchter Lynchjustiz von Suhl gegeben, welche durch aufgebrachte Hardcore-Muslime in einer Flüchtlingsunterkunft ausgelöst wurde, nachdem ein zum Christentum konvertierter Ex-Muslim Seiten eines Korans in der Toilette hinuntergespült hatte.

Aus diesem Grund sei auf einen weiteren Artikel verwiesen, diesmal aus der Feder des ex-muslimischen Islamkritikers Hamad Abdel-Samad:
„Den neu Zugewanderten muss schon bei ihrer Ankunft klargemacht werden, wie eine offene, demokratische Gesellschaft funktioniert. Ihnen muss erklärt werden, dass Religionsfreiheit Teil des großen Konzepts der Freiheit ist, das jedem das Recht gibt, einer Religion anzugehören oder eine zu verlassen; das Recht, zu sagen und zu schreiben, was man will, solange man nicht zu Gewalt oder anderen Straftaten aufruft. […]
Freiheit bedeutet, Männer und Frauen sind gleichberechtigt, die Frau darf schwimmen, darf lieben und heiraten, wen sie will. Zur Freiheit gehört auch die Tatsache, dass niemand gegen Kritik oder Satire immun ist, ob Jesus oder Mohamed, ob Papst oder Kanzlerin. Das sind die Prinzipien, die Europa zu dem machten, was es ist, ein Europa, in das Millionen von Muslimen jetzt fliehen, um ein besseres Leben zu führen, statt nach Saudi-Arabien zu flüchten, wo die Prinzipien des Islam geboren wurden und per Gesetz implementiert werden.“

(Zu gegebener Zeit werde ich hier über Abdel-Samads neu erschienenes Buch „Mohamed. Eine Abrechnung“ schreiben.)

Endzeitglaube als Verschwörungstheorie

August 31, 2015

Manchmal kann es ganz aufschlussreich sein, die eigene (ehemalige) apokalyptisch ausgerichtete Religionsgemeinschaft mit ähnlich orientierten Denominationen zu vergleichen. Passiert ohnehin viel zu selten, dass Mitglieder von Endzeit-Club X sich mit Lehre und Organisation von Endzeit-Club Y oder Z beschäftigen, was ich einfach nicht verstehen kann, aber wohl in erster Linie am Hamsterrad liegt, in welches die jeweilige Gruppierung ihre Mitglieder einspannt (und zudem am theologischen Desinteresse der meisten Gläubigen, die offensichtlich froh sind, wenn sie das rituelle Bepredigtwerden ohne größeren Schaden abgesessen haben).

Apokalypse-Fragezeichen 003

Schade eigentlich, ansonsten würde vielleicht dem einen oder anderen auffallen, wie wenig einheitlich die unterschiedlichen christlichen Endzeitgruppierungen (hier: Zeugen Jehovas und NAK) die Abfolge der konkreten apokalyptischen Ereignisse anordnen.

(Zur willkürlichen In-eins-Setzung des „Ersten-Auferstehungs“-Terminus aus Offb 20,6 mit der „Entrückungs“-Passage aus 1. Kor 15, 20 und 22-24 seitens der NAK siehe den online leider auf der Autoren-Website nicht mehr verfügbaren Auszug aus Rudi Stiegelmeyrs „Die Neuapostolische Kirche – Anspruch und Wirklichkeit einer Glaubenselite – Aus Gnaden erwählt…? Band 3“, S. 555f. Weitere Artikel des theologisch brillanten Stiegelmeyr zur NAK, zur christlichen Kirche allgemein sowie zur Gesellschaftsreform siehe hier.)

Im Übrigen bestand ein Teil meiner Urlaubslektüre darin, dass ich mich den Schilderungen des ehemaligen Zeugen Jehovas Misha Anouk widmete:
„Dass Zeugen Jehovas glauben, die wahre Religion zu sein, liegt unter anderem an dir. Wenn du sie an der Haustür abweist, ist das ein Zeichen. ‚Wenn wir um der Gerechtigkeit willen Gegnerschaft und Verfolgung erdulden müssen, ist das ein Beweis, dass wir als wahre Christen in Gottergebenheit leben‘, heißt es einmal im Wachtturm. Wenn du sie hereinbittest und Interesse zeigst oder gar Zeuge Jehovas wirst: auch. Egal, was du tust, du bleibst nichts anderes als ein kleines, aber feines Glied in ihrer Indizienkette.“ (Misha Anouk: Goodbye, Jehova!, S. 53)

(Übrigens ein typisches Kennzeichen jeder Verschwörungstheorie: Jede Ablehnung/Kritik ihr gegenüber „beweist“ die vermeintliche „Wahrheit“, dass Juden, Amis, Großkonzerne etc. schon immer nur Böses im Schilde führten.)

Und die Neuapostolische Kirche? Im „Wort zum Monat“ August 2015 heißt es (ungekürztes Zitat):
„Wie kann das sein? Da geht ein Werk seiner Vollendung entgegen, das Gott selbst ins Leben gerufen hat, das er führt und leitet, in dem sein Geist die Impulse und die Richtung vorgibt, und dann stellt man allenthalben Erschwernisse und ernüchternde Entwicklungen fest: weniger Gottesdienstbesucher, kleiner werdende Gemeinden, ein schwieriger werdendes Umfeld, in dem das Evangelium und die Botschaft von der nahen Wiederkunft Christi immer weniger Resonanz finden.

Dabei, so sollte man meinen, muss die Braut Christi doch im Triumphzug ihrem Bräutigam, Jesus Christus, entgegengehen, in einem glorreichen Siegeslauf, an dessen Ende die Krone winkt?

Nimmt man die Worte von Paulus und Barnabas ernst, dann sieht die Sache ganz anders aus: „Wir müssen durch viele Bedrängnisse in das Reich Gottes eingehen.“ Kein Triumphmarsch, sondern Mühsal und Bedrängnis: Es wird schwieriger, Glauben zu behalten, es kostet mehr Kraft, treu zu bleiben. Enttäuschungen häufen sich. Man versteht vieles nicht. Man findet keine Antwort und keine Erklärung dafür, warum die Verhältnisse so sind, wie sie sind. Man sieht es im persönlichen Bereich, man sieht es in der Gemeinde und man sieht es in der Kirche insgesamt.

Warum? Weil die Kirche denselben Weg geht wie ihr Herr. Vor der Auferstehung stand das Kreuz. Aber nach der Passion, nach der Todesnacht, kam der Triumph, folgten die siegreiche Auferstehung und die Himmelfahrt. Lassen wir uns deshalb von Bedrängnissen, gleich welcher Art, nicht irritieren.“

Interessanterweise klang das vor einigen Jahren (um die Jahrtausendwende) noch ganz anders. Von Gemeindeschließungen war noch nicht (oder kaum) die Rede, mit stolz geschwellter Brust meinten die Herren NAK-Prediger, das weltweite Wachstum als sicheres Zeichen baldiger Vollendung verkaufen zu können. In einem Gottesdienst bezog der damalige Stammapostel Fehr sogar das Wort aus Jesaja 2, 2 („Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen […]“; zit. n. Luther Bibel 1984) auf die seinerzeitige Situation seiner Endzeitgemeinschaft.

(Leider war es mir trotz mehr als einstündiger Suche nicht möglich, Datum, Ort und Predigtinhalte Fehrs zu diesem Textwort online ausfindig zu machen. Dass dieser Gottesdienst aber kein Hirngespinst ist, dafür verbürge ich mich!)

Vor allem fällt am zitierten „Wort zum Monat“ (wie generell häufig an Publikationen/Predigten apokalyptisch orientierter Gemeinschaften) auf: Es wird keinerlei (und wenn, dann höchstens absolut oberflächliche) Ursachenforschung betrieben, warum denn „Evangelium und die Botschaft von der nahen Wiederkunft Christi immer weniger Resonanz finden“. In vielen Fällen mag es ja wirklich zutreffen, dass sich ein relativ unreflektierter „Gewohnheits-Atheismus“ bei den (Gott sei Dank nur schwach) indoktrinierten Endzeitgläubigen im Laufe der Zeit Bahn bricht und man mit Glaubensfragen (verständlicherweise!) erst einmal nicht weiter behelligt werden möchte. Aber vielfach betrifft es auch (Ex-)Mitglieder, die sich gerade intensiv mit ihrem (zumeist übergestülpten, da von Kindheit ansozialisierten) Glauben auseinandersetzen und aufgrund einer tragfähigen Argumentationsgrundlage zu abweichenden Ergebnissen als von der Kirchenleitung vorgegeben kommen.
Für Endzeitgläubige natürlich ein GAU, rechnen sie doch (idealerweise) täglich mit dem Anbrechen von „Harmageddon“ (Zeugen Jehovas) bzw. der Wiederkunft Christi und der unmittelbar darauffolgenden „großen Drangsal“ (NAK, Siebenten-Tags-Adventisten, zahlreiche Evangelikale und Pfingstler). Aber die Psychodynamik apokalpytischer Gläubiger ist dann doch ein ganz eigenes, separat abzuhandelndes Thema, dem ich mich sicher auch noch annehmen werde, „so der Herr bis dahin nicht gekommen ist“😉

„Unser täglich Bio gib uns heute!“ – Ökologismus als Religionsersatz

Juli 23, 2015

Endlich komme ich dazu, mich einem Thema zu widmen, das mir schon lange am Herzen liegt und seit meinem Engagement bei der Bremer Ortsgruppe der Umweltorganisation Greenpeace (2001 – 2005) darauf drängt, nach außen getragen zu werden.
Ich widmete mich also als (nicht mehr ganz so junger) Student von Ende zwanzig mit dem Schutz unserer Umwelt einer Aufgabe, die für mich – seitdem ich nicht mehr aktiv in der Neuapostolischen Kirche tätig war – zunehmend an persönlicher Relevanz gewonnen hatte:

karikatur Ausgelöst durch meine Abscheu gegenüber den französischen Atombombentests vor dem Pazifikatoll Moruroa 1995 war ich zunächst Fördermitglied, sechs Jahre später dann aktives Mitglied geworden. Nein, ich habe nicht Kopf und Kragen in waghalsigen Schlauchboot- oder Kletteraktionen riskiert, dafür hätte es selbstverständlich eines eingehenden Trainings bedurft, auf das ich nicht sehr erpicht war. Dennoch war mir sehr daran gelegen, als „stinknormaler“ kleiner Greenpeacer die Belange der „Regenbogenkrieger“ anlässlich von Infoständen, Messen und ähnlichen Aktionen zu vertreten.
Ein für mich damals neues Thema stellte die sog. Grüne Gentechnik dar, also der Einsatz von gentechnisch veränderten Pflanzen zum Zwecke der Herbizidtoleranz („RoundupReady“-Soja) oder der Abwehr von Fraßfeinden per gentechnisch eingeschleustem pflanzeneigenem Insektizid (hauptsächlich in Mais als sog. Bt-Mais).
Wie zu allen weiteren Umweltthemen hatte Greenpeace auch hier eine klare Position: Nein, nein und nochmals nein! Die Grüne Gentechnik führe nur zur Ausbildung von Superunkräutern, Antibiotika-Resistenzen und möglicherweise noch viel schlimmeren Folgen, wer wusste das schon so genau? An einen Beitrag im Kampf gegen den Welthunger durfte nicht einmal im Traum gedacht werden! Der gentechnisch veränderte sog. Goldene Reis (bis heute von fanatischen „Umwelt“-Organisationen immer wieder im Anbau verzögert!) hatte als Trojanisches Pferd der bösen Agrarindustrie verteufelt zu werden! War doch die Technik eine sog. „Risikotechnologie“ und von daher viel zu unerforscht, ergo zum Einsatz im Rahmen menschlicher Lebensmittelerzeugung rundum abzulehnen!

Doch neugierig wie ich nun einmal war (und heute noch bin), waren mir die Greenpeace-Verlautbarungen zum Thema nicht genug, so dass ich mich im Internet und vor allem mittels der Zeitschrift „NOVO“ (heute: „NovoArgumente“), die ich damals gerade kennengelernt hatte, eingehender mit dem Thema zu beschäftigen begann.
Und oh Wunder: Es offenbarte sich mir eine gänzlich andere Sichtweise auf die Grüne Gentechnik! So erfuhr ich z.B., dass gentechnisch veränderter Mais sehr viel seltener Schimmelpilzgifte ausbildete als herkömmlicher oder dass der Goldene Reis durch weitere Forschung deutlich mehr Beta Carotin enthalten würde als der Prototyp und zudem Kleinbauern in den Entwicklungsländern kostenlos zur Verfügung gestellt werden sollte.

Vor allem aber lernte ich, mir ein differenziertes Urteil zu bilden, anstatt kritiklos die von Greenpeace vorgegebenen Parolen nachzuplappern. Mochte es durchaus bedenkliche Praktiken z.B. durch den Gentechnik-Multi Monsanto geben, so war dies doch lange kein Grund dafür, die komplette Technik in Bausch und Bogen zu bekämpfen – zumal in einigen Entwicklungsländern staatliche Forschungsprogramme z.B. an Vitamin-A-angereicherte Kochbananen (Uganda) durchgeführt wurden.
Von wiederholten Pro-Gentechnik-Stellungnahmen seitens namhafter wissenschaftlicher Organisation ganz zu schweigen!

Je länger ich mich mit der Thematik auseinandersetzte, umso deutlicher wurde mir, dass es Greenpeace (und leider auch zahllosen weiteren vermeintlich im Dienste der Umwelt agierenden Gruppen) nicht um wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern um reine Angsterzeugung ging! Dass letzten Endes Teile der Öko-Szene munter dabei waren, einer Art Religionsersatz zu huldigen, in dem es nur Gut und Böse, Schwarz und Weiß, „heilige“ Biolandwirtschaft und „teuflische“ Gentechnik geben durfte – als Fundamentalismusgeschädigter hatte ich wohl einen siebten Sinn für so etwas!

Heute, zehn Jahre nach meinem dementsprechend nur konsequenten Abschied von Greenpeace bin ich mir noch mehr bewusst, welche Ausmaße diese selbstgefällige und gegenüber den Menschen in der Dritten Welt paternalistische Abwehrhaltung angenommen hat, betrifft sie doch bei Weitem nicht allein die Grüne Gentechnik, sondern bspw. auch die Total-Opposition gegenüber der Chemikalie DDT (die früher in der Landwirtschaft massenhaft versprüht wurde, jedoch maßvoll eingesetzt ein Segen gegen die Anophelesmücke, Überträgerin der Malaria, sein kann) oder die simplifizierende Unterteilung in „gute“ regenerative (Sonne, Wind, Wasser, Biogas etc.) und „böse“ fossile Energien (Kohle, Atom).
Wer sich einen ersten Überblick über Ökologismus (im Unterschied zur wissenschaftlichen Disziplin Ökologie) verschaffen möchte, dem seien folgende Lektüren empfohlen:
Alexander Neubacher: Ökofimmel – Wie wir versuchen die Welt zu retten – und was wir damit anrichten

Dirk Maxeiner / Michael Miersch: Alles grün und gut? Eine Bilanz des ökologischen Denkens

Aufklärung meets NAK

Juni 30, 2015

Anlässlich der beiden diesjährigen Jugendtage der Neuapostolischen Kirche Süddeutschland am 28.06. in Nürnberg sowie 12.07. in Offenburg hat die Kirchenleitung eine spezielle Website eingerichtet, auf der jedes (vornehmlich natürlich jugendliche) Kirchenmitglied besondere Grüße, Wünsche und Botschaften im Zusammenhang mit diesen beiden Kirchenevents hinterlassen kann – anonym und ohne dass das Datum der Eingabe angezeigt würde.

Neugierig wie ich bin habe ich mich in der letzten Woche dort umgesehen und bin an folgendem Statement hängengeblieben:
„Ich komme gerade aus der Uni, aus einer Stunde, wo es um Aufklärung und Atheismus ging. Was war ich froh, als ich mittendrin denken konnte ‚(m)ein Gott sei Dank‘ darf ich Glauben haben!'“

Nun bin ich ja als Deutsch- und Ethiklehrer quasi prädestiniert, zu diesem für religiös-überhebliche Auserwähltheitsdünkel typischen Eintrag meinen Kommentar an irgendeiner Stelle im Netz zu hinterlassen. Und da der neuapostolische Zensor selbstverständlich meinen dezenten Hinweis auf den mutmaßlichen Stand der „Ketzer“-Verfolgung im 21. Jahrhundert für den Fall nicht erfolgter Aufklärung seit Kant, Lessing & Co. nicht meinte auf 2nak.de veröffentlichen zu müssen, hole ich dies etwas ausführlicher an dieser Stelle nach:

Zunächst einmal sei für den weniger themenkundigen Leser festgehalten, wie Immanuel Kant (1724 – 1804), DER Aufklärer schlechthin, seine berühmte Frage „Was ist Aufklärung?“ beantwortet:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.
Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. […]“

Ich bezweifle sehr, dass der Student / die Studentin, der / die für obigen Eintrag verantwortlich zeichnet, a) sich umfassend mit der Epoche der europäischen Aufklärung befasst hat oder vor hat dies zu tun und b) sich Kants obiges Diktum zu Herzen nehmen und auf die eigene religiöse Sozialisation in der neuapostolischen Endzeitgemeinschaft anwenden würde. (Die Fähigkeit zum Transfer erarbeiteter Inhalte auf neue Situationen, insbesondere wenn sie ganz unmittelbar die eigene Lebensgestaltung angehen, scheint ohnehin ein Problem vieler heutiger Schüler zu sein, soweit mein subjektiver Eindruck aus ca. acht Jahren Lehrererfahrung.)
kant
Insbesondere kann ich nur jedem, der sich für diese so immens wichtige Epoche unseres europäischen Geisteslebens, der Aufklärung, interessiert, empfehlen, sich ein wenig mit Lessing (1729 – 1781) und dem sog. Fragmentenstreit zu beschäftigen:
Dabei handelt es sich um eine weitreichende Auseinandersetzung Lessings mit dem protestantisch-orthodoxen Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze (1717 – 1786) im Anschluss an Lessings posthume (Teil-)Veröffentlichung bibelkritischer Analyse-Ergebnisse des Hamburger Gymnasialprofessors Hermann Samuel Reimarus (1694 – 1768) unter dem Titel „Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes“.
Mag Reimarus sicher recht radikale Thesen (u.a. die Apostel und Jesus als Betrüger) aufgestellt haben, so sollte uns der Versuch Goezes eine Mahnung sein, die Errungenschaften der damals noch sehr fragilen Aufklärung, in erster Linie Meinungsfreiheit auch und gerade in religiösen Fragen, zu blockieren und damit der dringenden gesellschaftlichen Liberalisierung den Riegel vorzuschieben!
Medial wenig beachtet mobilisieren überwiegend homophobe evangelikale Christen in der Region um Stuttgart aktuell gegen die sog. „Ehe für alle“, ganz abgesehen von den freiheitsfeindlichen Auswüchsen in Teilen der muslimischen Community hierzulande.
(Ich lese momentan das zweite Buch des ehemaligen Berlin-Neuköllner Bezirksbürgermeisters Heinz Buschkowsky: „Die andere Gesellschaft“ ).
Aber „leider Gottes“ wird all dies den kleingeistigen Horizont unseres neuapostolischen Studierenden mit besagtem Eingangsstatement nicht tangieren, wird er / sie mit hoher Wahrscheinlichkeit die Auserwähltheits-Predigten seiner / ihrer „Vorangänger“ einer grundlegenden geistigen Auseinandersetzung mit der Epoche der Aufklärung einschließlich Reflexion zur Relevanz für den eigenen Lebensentwurf vorziehen. Dies ist immer wieder ein kleiner, in der Summe jedoch herber Schlag für das niemals endende Projekt der Aufklärung!

Jenseits der „Sekten“-Hysterie

Mai 31, 2015

Als ehemaliges Mitglied einer christlich-fundamentalistischen Endzeitgemeinschaft gehört die Beschäftigung mit Religion(en), speziell der radikaleren Sorte, sicher zu meinem Lebensthema. Von daher war es nur eine Frage der Zeit, bis mir das Buch
„Die wunderbare Welt der Sekten. Von Paulus bis Scientology“
von Gerald Willms in die Hände fallen würde.

Wunderwelt Sekten
Der Autor, seines Zeichens Religionssoziologe und ehemaliger Lehrbeauftragter für Religionswissenschaften der Uni Göttingen, zeichnet sich durch das komplette Werk hindurch durch einen unaufgeregt-nüchternen, bisweilen plauderhaften Tonfall aus. Eine Tatsache, die so manchem typischem „Aussteiger“-Bericht ebenfalls zu wünschen wäre!
Dabei begibt sich Willms auf einen wahren Parforce-Ritt durch die schillernde Welt „abseitiger“ Religiosität; ein Fakt, der zugleich Vor- und Nachteile mit sich bringt: Einerseits kann sich der Leser aufgrund der schier erschlagenden Fülle behandelter Religionsgemeinschaften einen recht guten Überblick über die wahre Vielgestaltigkeit dieser „Szene“ (nicht nur im Hinblick auf christliche, sondern bspw. auch esoterische oder hinduistische Gruppierungen) bilden, was angereichert um fundierte historische Ausführungen z.B. zur Entwicklung des kirchlichen Mönchswesens oder des Umgangs mit Häresie seitens der alten sowie der mittelalterlichen (katholischen) Kirche sicherlich eine große Stärke des Buches darstellt.

Andererseits geht dieser auf 323 Buchseiten ausgebreitete Facettenreichtum fast zwangsläufig zu Lasten der Detailliertheit in der Analyse der jeweiligen Einzelgemeinschaft: Hier fällt dem neuapostolisch sozialisierten Leser natürlich sofort die fehlende Erwähnung der Bischoff-Botschaft im Zusammenhang mit der Darstellung der „katholischen Protestanten“ (Willms über die NAK, vgl. S. 66 – 68) ins Auge.
Hervorzuheben ist jedoch noch etwas Anderes, was dem Werk eine zurecht exponierte Stellung innerhalb der Fülle an „Sekten“-Literatur verleiht: Und zwar besteht Willms konsequent auf einer nicht-apologetischen Position, d.h. auf dem Verzicht der Differenzierung nach „guter“ und „schlechter“ Religiosität (sprich: unproblematischer („Groß-) Kirche“ einerseits und konfliktärer „Sekte“ andererseits).
Hier macht der Autor mehr als nur einmal deutlich, dass es immer die gesellschaftlichen Mehrheits- und Normativitätsverhältnisse der „Normopathen“ (vgl. S. 268) sind, die der durch dieses Werteraster fallenden einzelnen Gemeinschaft das „Sekten“-Label verpassen.

Ein großes Anliegen des Religionssoziologen ist es zudem, mit einer ganzen Reihe gängiger „Sekten“-Klischees aufzuräumen und wissenschaftliche Nüchternheit einziehen zu lassen.
So weist er darauf hin, dass die Theorie der „Gehirnwäsche“ in den 1970er-Jahren aus ihrem ursprünglich militärischen Entstehungskontext entlehnt und auf die Debatte um die damals sog. „Jugendreligionen“ übertragen wurde. Originär besagte jene These, dass während des Korea-Kriegs gefangen genommene US-Soldaten durch ihre kommunistischen Gegner mithilfe diverser Psychotechniken, Drogen etc. gewaltsam zum Seitenwechsel animiert worden seien.
Anhänger neuer Religionsgemeinschaften hätten sich – so Willms – jedoch einer sehr bewussten Entscheidung folgend zu ihrer jeweiligen Konversion entschlossen.
Zudem nimmt der Autor möglicher aufkeimender Kritik an seinem Ansatz den Wind aus den Segeln, indem er betont: „Das Wichtigste aber ist, dass es ein Buch ist, in dem es um das ‚Verstehen‘ geht. Dieses Verstehen darf freilich nicht verwechselt werden. Es geht dabei nicht darum, etwas gutzuheißen oder schönzureden, sondern um das Aufzeigen von Sichtweisen, die den ‚Normalen‘ vielleicht helfen, das vorgeblich ‚Unnormale‘ nachvollziehen zu können. Und zwar ohne dass damit der Zwang einhergeht, das Verstandene „richtig“ oder „gut“ finden zu müssen.“ (S. 17)
Selbstverständlich gehe es nicht darum, „Aussteigern“ aus diversen Gruppierungen die Realität ihrer zumeist negativen Erfahrungen in Abrede zu stellen, jedoch sei ihre Sichtweise eben nur eine mögliche und nicht repräsentativ für alle mit der speziellen Gemeinschaft in Zusammenhang Stehenden (aktiven wie ehemaligen Mitgliedern, Angehörigen etc.).
Nicht gut wegkommen in diesem Werk die von Willms so getauften „Sektenmacher“, also diejenigen (zumeist kirchlichen) „Weltanschauungsexperten“ sowie (Boulevard-) Journalisten, denen es selten um faire Darstellung, sondern um Schwarz-Weiß-Zeichnung von „gesunder“ (evangelischer oder römisch-katholischer Mainstream) und „krankmachender“ Religiosität bzw. um die möglichst reißerische „Aussteiger“-Story gehe.
Dieser Sichtweise ist sicherlich zuzustimmen, jedoch fällt auf, dass Willms in diesem eigens für diese „Sektenmacher“ reservierten Kapitel 12 selten Ross und Reiter nennt und deren problematische Sichtweisen als O-Töne erst gar nicht zitiert.

Des Weiteren – und hiermit möchte ich meine kurzen Anmerkungen zu diesem insgesamt empfehlenswerten Buch beenden – wäre es wünschenswert gewesen, wäre Willms auch dem Phänomen der „Bewusstseinsmanipulation“ nachgegangen (vgl. Detlef Streichs Ausarbeitungen „Konstitutive Merkmale der Neuapostolischen Kirche“ und der darin verwendete Deutungsansatz nach Robert Jay Lifton, vgl. S. 36ff. dieser Arbeit sowie „Sprachliche Mittel zur mentalen Zwangsüberzeugung in der Neuapostolischen Kirche“: Runterscrollen bis „Verschiedene Themenbereiche“, dort als Word-Datei abrufbar).
Der geneigten Leserin von Streichs Studie sollte demnach die Problematik des „betreuten Denkens“ in diversen zumeist kleineren Religionsgemeinschaften sehr wohl als ethisch verwerflich einleuchten. Auch nach meiner eigenen Erfahrung als Hineingeborener in eine christliche Endzeitgruppierung lässt sie sich nicht so einfach argumentativ aushebeln wie Willms dies tut und was leider ein Manko seines ansonsten überaus lesenswerten Buches ausmacht.
In diesem Zusammenhang muss ganz klar auch zur Sprache kommen (was Willms auch versäumt), dass zumindest in einigen der traditionsreichsten (sprich ältesten) der behandelten Gemeinschaften (z.B. der Neuapostolischen Kirche) die Rekrutierung des Großteils der Mitglieder nur zu einem kleineren Teil über die Mission Erwachsener, i.d. Regel aber über die Sozialisation des eigenen Nachwuchses erfolgt, wodurch es den „Sektenkindern“ (zumindest in den Fällen einer sehr rigiden Erziehung) an Außenkontakten und somit der Möglichkeit zu einer alternativen Sichtweise mangeln kann.

Mit Bibel, Barth und Blablabla: Theo(un-) logische Eiertänze an der Dogmenfront

April 30, 2015

Anno 2015 haben es die Herren (und gelegentlich auch Damen!) Theologen hierzulande nicht so einfach: So Otto-Normal-Christ sich denn überhaupt noch kirchlichem Bepredigtwerden aussetzt – sei es anlässlich von Taufe, Hochzeit, Beerdigung oder auch dem Standard-Sonntagsgottesdienst – allüberall hat er (oder sie) mit theologischem Wortgeklingel zu rechnen. Versuchen es die wackeren Verkündiger des Wortes Gottes doch immer wieder, den Spagat zwischen biblischem Fundament ihrer Glaubenslehre und fortschreitenden Erkenntnissen der Wissenschaft hinzubekommen.
theologie suende schuld angst
Allein die Tatsache, dass die an hiesigen Universitäten gelehrte Theologie katholischer wie evangelischer Ausrichtung es bis heute nicht vermag, den Gegenstand ihrer Analysen stichhaltig nachzuweisen, spricht ja bereits Bände. Die häufige Antwort: theologische Nebelkerzen, oder was sonst soll man ohne kirchlich-dogmatisches Voreingenommensein davon halten, wenn etwa der protestantische Dogmatiker Wilfried Härle schreibt: „‚Gottes Wirklichkeit ist in sich selbst Bewegung, sein Sein ist durch sich selbst bewegte[s] Sein.'“
Ein Mann, der viele Jahre seines Lebens mit dem Studium derartigen Geschwurbels zugebracht hat, ist der Theologe Heinz-Werner Kubitza. Nur statt wie wohl die übergroße Mehrheit seiner Kolleginnen und Kollegen den Weg auf die Kanzel oder ans Universitätstkatheder anzutreten und Generationen nachwachsender Gläubiger (was Theologiestudenten sicher i.d. Regel sind) mit Phrasen obigem Kalibers vollzusalbadern, ging Kubitza einen völlig anderen Weg: denjenigen an die kritische Öffentlichkeit!
Nach „Der Jesuswahn. Wie die Christen sich ihren Gott erschufen. Die Entzauberung einer Weltreligion durch die wissenschaftliche Forschung“ (Marburg 2011) sowie „Verführte Jugend. Eine Kritik am Jugendkatechismus Youcat. Vernünftige Antworten auf katholische Fragen“ (Marburg 2011) ist nun das dritte religionskritische Werk Kubitzas im Tectum-Verlag (dessen Inhaber er zugleich ist) unter dem Titel „Der Dogmenwahn. Scheinprobleme der Theologie. Holzwege einer angemaßten Wissenschaft“ erschienen.

In einem schonungslosen Rundumschlag zitiert der Autor darin aus aktuellen Dogmatiken evangelischer Gottesgelehrter, die auch als maßgeblich für die Ausbildung heutiger Nachwuchs-Theologen herangezogen werden. In erster Linie sind hier besagter Wilfried Härle, Hans-Martin Barth, Wilfried Joest und Wolfgang Trillhaas, bisweilen auch Christopher Frey, Rochus Leonhardt, Heinrich Ott, Horst Georg Pöhlmann und Gunda Schneider-Flume zu nennen.

Der Tenor des Werkes liegt darauf, permanent die hilflosen theologischen Versuche der Quadratur des Kreises vor Augen zu führen, wenn jahrhundertealte Glaubenslehrsätze (Gottessohnschaft Jesu, Sühnetodtheologie, Erbsündenlehre etc.) gleichzeitig als Zugeständnis an den aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstand bzw. ethischen Entwicklungsstand der Mehrheitsgesellschaft relativiert und dennoch mit der Tradition des eigenen Bekenntnisses versöhnt werden sollen.
Kenntnisreich zeigt Kubitza – wie bereits im „Jesuswahn“ – auf, wie der zutiefst jüdische Apokalyptiker und Exorzist Jesus von Nazareth, der seine Jünger dazu anhielt „Geht nicht der Heiden Straßen […] Geht vielmehr zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“ (Matthäus 10, 5 – 7) (Dogmenwahn, S. 317) und den unmittelbar bevorstehenden Anbruch der Gottesherrschaft (Markus 1, 15) verkündigte, nach seinem Tod erst zum sündlosen idealen Menschen und mit zeitlichem Abstand zu seinem Tod am Kreuz mehr und mehr zum Gottmenschen (vgl. vor allem Johannesevangelium) umgeglaubt wurde, den es nun seinerseits von Seiten seiner Anhänger zu verkündigen galt.

Ein Verkündigter, dessen Geburts- und Wundergeschichten samt und sonders als kitschige Hagiographie (Heiligenlegenden) statt als historisch stichhaltige Augenzeugenberichte gelesen werden müssen, wie der Forschung schon lange bekannt ist. Wovon selbstverständlich auch die universitäre Theologie, aber die eigenen Gemeinden weitgehend im Unklaren darüber lässt und stattdessen unverdrossen weiter Lobeshymnen auf einen glorifizierten Jesus singt, den es historisch betrachtet nie gegeben hat.
Überaus erhellend auch die Anmerkungen zur „Karriere“ des biblischen Schöpfergottes vom relativ unbedeutenden bronzezeitlichen Wetter- und Berggott JAHWE (siehe auch hier), der zeitweilig als Ehemann seines weiblichen Götterpendants Aschera geglaubt wurde (bevor nach und nach in Juda und Israel der Monotheismus durchgesetzt wurde), bis hin zum neutestamentlichen Herrn des Universums, der am „Jüngsten Tage“ die „Schalen“ seines grimmigen Zorn über allen Anders- und Nichtgläubigen ausgießen werde…

Sehr aufschlussreich auch die Ausführungen zu den Versuchen „moderner“ Bibelexegeten, ihre linksliberal-ökologische Kirchentagstheologie („Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung“) aus den biblischen Texten abzuleiten, die allesamt als unlauter anzusehen sind, bedenkt man etwa die Vernichtungsforderungen Jahwes gegenüber den unterworfenen Völkern Kanaans im Anschluss an die Wüstenwanderung der Israeliten (die es im Übrigen wohl nie gegeben haben dürfte!) oder auch die zutiefst auf Ungleichheit ausgerichtete Ideologie eines Paulus (die Frau als „Abglanz des Mannes“, vgl. 1. Korinther 11, 7) etc.

In immer neuen Anläufen weist Kubitza nach, wie viel einfacher, ja logisch zwingender es wäre, würde man statt diverser theologischer Scheinlösungen für eben solche Scheinprobleme (vor allem wäre hier das Theodizee-Problem, also die Rechtfertigung Gottes in einer Welt des Leids, hervorzuheben) den Mut haben und den naheliegenden Ausweg wählen – die Annahme der Nichtexistenz (des biblischen) Gottes!

(Interessierten sei an dieser Stelle auch die ausführlichere Rezension des „Dogmenwahns“ von Siegfried R. Krebs im Humanistischen Pressedienst (hpd) vom 16.02.2015 ans Herz gelegt.)

Das Fähnchen stramm im Wind – zum Opportunismus der NAK im „Arbeiter- und Bauernstaat“

März 28, 2015

Dass sozialistische Regime und christliche Gemeinschaften i.d. Regel kein besonders herzliches Verhältnis zueinander pfleg(t)en, gehört heute sicher zum Allgemeinwissensbestand der meisten Bürger. Man denke etwa an die Evangelische Kirche der untergegangenen DDR, welche zu einer Hochburg zivilgesellschaftlicher Gegenkultur gegen den autoritären sozialistischen Ein(heits-)parteienbrei gezählt werden kann.
opportunismus_Nein_Danke
Die Tatsache, dass es jedoch gravierende Ausnahmen innerhalb des religiösen Spektrums gab, dürfte vielen – selbst am religiösen Geschehen innerhalb des deutschen Sprachraums Interessierten – unbekannt sein.
Nun, allem Anschein nach haben wir es mit der Neuapostolischen Kirche (NAK) in der DDR mit eben jener Ausnahme-Erscheinung zu tun:

Diese Erkenntnis zu verdanken haben wir insbesondere Olaf Wieland, Mitglied der NAK-Gemeinde Berlin-Weißensee und aktiv im Verein für Freikirchenforschung e.V. Münster sowie der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur Berlin.
Was dieser in seiner in der Religions-Zeitschrift „Berliner Dialog“ im Herbst 2014 veröffentlichten Ausarbeitung unter dem Titel „Vom Segen gemeinsamer Arbeit“ – Neuapostolische Kirche (NAK) und das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der damaligen DDR veröffentlichte, verschlägt selbst Kennern der Neuapostolischen Kirche mitunter den Atem. So soll Bezirksapostel Wilhelm Pusch als „‚im Auftrag des MfS [Ministerium für Staatssicherheit der DDR] reisender Begünstigter'“ Kontakte bis hin zu deren oberster Leitungsebene in Gestalt von „Stasi-Minister“ Erich Mielke unterhalten haben und der Repräsentativ-Bau des NAK-Gotteshauses Berlin-Lichtenberg 1978/79 (mit 2500 Sitzplätzen) durch ein DDR-Wachregiment erfolgt sein.

Ich will an dieser Stelle die Inhalte von Wielands Beitrag gar nicht groß kommentieren. Nur sei mir bei aller berechtigten Kritik, die nun in der NAK-Kritikerszene ob des an den Tag kommenden opportunistischen Gebahrens der NAK im Verhältnis zur sozialistischen Staatsführung sicher berechtigterweise geäußert wird, der Hinweis gestattet:
Ganz so unchristlich, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag, hat sich die Leitung der DDR-NAK nun auch wieder nicht verhalten. Natürlich werden viele nun mit dem biblischen Jesus argumentieren, der schließlich auch gegenüber „den“ heuchlerischen Pharisäern und geldgeilen Geldwechslern im Tempel „klare Kante“ gezeigt habe und daher als politischer Aufrührer mit dem Leben bezahlen musste.
Aber genau hier, an der Schilderung der Todesumstände Jesu „versündigte“ sich die christliche Überlieferung in einer Weise, wie sie fataler nicht hätte ausfallen können: Statt die für die Kreuzigung verantwortlichen römischen Besatzer für die Ermordung des „Gottessohnes“ anzuprangern, schoben die Autoren der Evangelien pauschal „den“ Juden die Schuld in die Schuhe – nicht etwa nur einem kleinen Kreis innerhalb der Tempelpriesterelite (Sadduzäer). Und dies nur, soweit ist sich die Bibelforscherzunft einig, um der eigenen aufstrebenden christlichen Gemeinschaft im Imperium Romanum günstige Startbedingungen zu verschaffen und einer knallharten Verfolgung vorzubeugen (was bekanntlich nur partiell gelang). Die Folgen dessen sind bekannt, ansonsten in jeder Ausarbeitung zur Geschichte des jüdischen Volkes nachzulesen. „Wer Ohren hat, der höre…“

Wer Bibel sät, wird Intoleranz ernten! Unmaßgebliche Einwürfe zur „Hasspredigt“ des Pastor Latzel

Februar 28, 2015

Von katholischem „Reliquiendreck“ war die Rede, das islamische Zuckerfest sei nichts als „Blödsinn“, Buddhafiguren und andere Talismane ein Ausdruck verwerflichen „Neuheidentums“: Seit Bekanntwerden der Predigt des evangelikalen Bremer Pastors Olaf Latzel an der St.-Martini-Gemeinde vom 18. Januar 2015 köchelt der Fall bis heute munter durch die Medien der Republik – der klassische „Shitstorm“, wie es auf Neudeutsch bekanntlich heißt.
6hoellenangst_prediger
Der strenggläubige Hirte hatte an jenem denkwürdigen Datum seine Predigt unter die Überschrift „An Gideon die Reinigung von den fremden Göttern lernen“ gestellt und sich dabei auf die Bibelpassage Richter 6, 25 – 32 bezogen.
(Wer am Wortlaut der kompletten Predigt interessiert ist, kann sich diese hier anhören.)

Doch welcher historische Hintergrund liegt dieser Textstelle zu Grunde? In der Zeit zwischen der israelitischen Landnahme Kanaans (ca. 1230 v. Chr.) und dem Beginn der Königsherrschaft unter Saul und später David (ca. 1000 v. Chr.) wurden die Stämme Israels durch sog. Richter angeführt. Einer dieser Richter mit Namen Gideon (hebr. für „Hacker“, „Holzfäller“, „Zerstörer“) erhält angesichts der in der Bevölkerung nach wie vor virulenten Verehrung alternativer Gottheiten in obigem Textabschnitt den Befehl JHWHs: „Reiße den Altar des Baal, der deinem Vater gehört nieder und die Aschera, die dabei steht, haue um! […] Und baue dem Herrn, deinem Gott, einen Altar!“ (Ri. 6, 25-26; zit. n. dieser Übersetzung).

Diesen vermeintlich göttlichen Auftrag an Gideon überträgt Latzel nun in die Gegenwart, in welcher er einen nicht hinnehmbaren religiösen Synkretismus („So alles zusammenmanschen“) ausmacht. Eindringlich weist er dabei auf die Göttlichkeit des Befehls an Gideon und damit auch an die heutigen Gläubigen hin, jedwede Form von „Neuheidentum“ und Reliquienverehrung, ja auch die Teilnahme an überkonfessionellen bzw. -religiösen Veranstaltungen wie Schulgottesdiensten mit evangelischen Pastoren, katholischen Priestern und muslimischen Imamen ebenso abzulehnen wie etwa die Feier des islamischen Zuckerfestes („und all diese[m] Blödsinn“), wenn etwa die Tochter mit einem muslimischen Partner liiert sei.

Da in zahlreichen Medienberichten lediglich Splitter der Latzel-Predigt wiedergegeben werden, halte ich es für sinnvoll, hier ein wenig tiefer in die Ausführungen des Pastors einzusteigen, wie er sich einen angemessenen Umgang mit dem Islam vorstellt:
„Wir können keine Gemeinsamkeit mit dem Islam haben. Das heißt nicht – das sag ich auch in aller Klarheit, – dass wir nicht den Muslimen in Liebe und Nähe zu begegnen haben. Das ist ganz wichtig. Gott unterscheidet zwischen der Sünde und dem Sünder. […] Wir haben den Menschen muslimischen Glaubens in Liebe und Barmherzigkeit zu begegnen! Und wenn die verfolgt werden, dann haben wir uns vor sie zu stellen. Das ist unsere Aufgabe als Christen. […] Ich weiß, dass das manchmal schwer ist, das hinzukriegen, zu sagen: das Nein zum Islam und diese Vermischung mit dem Christentum, aber das Ja zu Menschen anderen Glaubens. […]
Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Die Muslime, die hier leben, ja. Absolut! Aber der Islam hat nichts zu tun mit dem Gott, von dem es in der Präambel unseres Grundgesetzes heißt: ‚Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, vom Willen beseelt als gleichberechtigtes Glied im vereinten Europa geben wir uns dieses Grundgesetz‘. Dieser Gott, der da gemeint ist, das ist jedem, der nur ein bisschen historische Ahnung hat (klar), ist der dreieinige Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Und ist nicht Allah. Der Islam gehört nicht zu Deutschland.“

Die Reaktionen der breiten Öffentlichkeit dürften allgemein bekannt sein: Latzel wurde zum „Hassprediger“ abgestempelt, die Staatsanwaltschaft forderte gar eine Abschrift des Predigttextes an. Zudem bezogen Dutzende seiner Bremer Amtskollegen öffentlichkeitswirksam Stellung gegen Latzels geistige Grundhaltung und für ein „buntes“ und „vielfältiges“ Bremen. Biblische Texte seien in der inkriminierten Predigt aus ihrem historischen Zusammenhang gerissen worden.

Und spätestens hier kann ich nicht nur über den fundamentalistischen Pastor den Kopf schütteln, sondern mich vor allem nur über die offenbare Unkenntnis der versammelten Geistlichkeit echauffieren, die ihre eigene Glaubensgrundlage, die sog. „Heilige Schrift“ eher flüchtig zu kennen scheint!
Es sei an dieser Stelle nur angedeutet, dass das Alte Testament an einer Vielzahl von Stellen vermeintlich göttliche Vernichtungsbefehle gegenüber den von den Israeliten als Konkurrenz wahrgenommenen Stämmen (Midianiter, Amalekiter etc.) enthält (ausdrücklich auch gegenüber Frauen und Kindern!), im Einzelnen nachzulesen in jeder handelsüblichen Bibel oder etwa bei Franz Buggle: Denn sie wissen nicht, was sie glauben. Und auch der biblische Jesus war alles andere als ein kuscheliger Prediger unbedingter Nächstenliebe – man kann es nicht oft genug betonen!
Ganz zu schweigen von einem Paulus, welcher seinem Herrn und Meister hier in nichts nachsteht, wenn er pauschal alle Nicht-/Andersgläubigen verdammt:
„Sie sind voll Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habgier, Bosheit, voll Neid, Mord, Streit, List und Tücke; sie verleumden und treiben üble Nachrede, sie hassen Gott, sind überheblich, hochmütig und prahlerisch, erfinderisch im Bösen und ungehorsam gegen die Eltern, sie sind unverständig und haltlos, ohne Liebe und Erbarmen. Sie erkennen, daß Gottes Rechtsordnung bestimmt: Wer so handelt, verdient den Tod(Rom. 1; 29-32; zit. n. Buggle, S. 84f.).

Dass die breite Öffentlichkeit, in erster Linie aber auch theologisch studierte Geistliche anstelle der Quelle der Intoleranz, also der Bibel, auf denjenigen eindreschen, der in seiner glaubensbezogenen Naivität diese Schrift für das unverfälschte und daher wörtlich zu nehmende „Wort Gottes“ hält, stellt einmal mehr den geistigen Zustand weiter Teile des liberalen Christentums zur Schau – eines Christentums, das sich in der Tat derart weit von den Grundlagen des eigenen Glaubens entfernt hat, dass die Bezeichnung „Christ“ für diese Menschen eigentlich der reinste Hohn ist: Wischiwaschi-Piep-piep-piep-Gott-hat-doch-alle-lieb-wir-kommen-alle-alle-alle-in-den-Himmel-Gläubige träfe es wesentlich präziser!
Wobei mir diese spirituelle Rosinenpickerei selbstverständlich immer noch lieber ist als ein verabsolutierter Dämonen- und Höllenglaube inklusive blutrünstiger Sühnetod-Theologie, wie sie die Hardcore-Christen ja meinen, bis in alle Ewigkeit (da Jesus nun mal nicht wiederkommt) aufrechterhalten zu müssen… unredlich bleibt dieser „Pippi-Langstrumpf-Glaube“ jedoch alle mal… („Ich mach mir die Welt, wiediewiediewie sie mir gefällt!“)

Wie zu erwarten: mediale Unterwerfung gegenüber „religiösen Gefühlen“

Januar 31, 2015

Es war nur eine Frage der Zeit, eigentlich überhaupt ein Wunder, dass die übergroße Anzahl der Medien hierzulande nach den bestialischen Terroranschlägen von Paris in den allgemeinen „Je suis Charlie“-Chor einstimmten. War man doch aus dem Jahr 2006 – dem Jahr des Hochkochens des berüchtigten „Karikaturen-Streits“ um ein paar harmlose Zeichnungen über den Propheten Muhammad – ganz andere Töne der Selbstkasteiung und vorauseilender Rücksichtnahme gegenüber jedweder Form religiöser (muslimischer) Gefühle gewohnt.

Abbildung Muhammad*

Nun scheint es also in der Tat an der Zeit zu sein, wo die allgegenwärtigen Mahner und Warner wieder langsam diskursives Oberwasser erhalten und die Unbedingtheit der Verteidigung der Meinungsfreiheit auch gerade entgegen den dauerbeleidigten Ultrareligiösen hinterfragen:

Bestes Beispiel: Die aktuelle Sendung des NDR-Politikmagazins „Panorama“ vom 29. Januar. Unter der Überschrift „Wenn Meinungsfreiheit zur Waffe wird“ schlägt sich die Redaktion eindeutig auf die Seite derjenigen, die beständig Toleranz für ihre (religiöse) Ideologie einfordern, auch wenn diese oftmals eine jahrhundertelange Blutspur zu verantworten hat. So heißt es im „Panorama-Beitrag“:

„Bisweilen konnte man den Eindruck gewinnen, dass die Mohammed-Karikaturen als eine Art Waffe im Kampf für die Meinungsfreiheit genutzt werden. So sahen sich alle die, die die Zeichnungen nicht brachten, massiver Kritik ausgesetzt. Von mangelnder Solidarität, einer Einschränkung der Meinungsfreiheit oder schlicht Feigheit war da die Rede, nach dem Motto: Ihr habt nicht verstanden, worum es geht! Der Eindruck entstand: Grenzen für die Meinungsfreiheit scheint es offenbar in Deutschland nicht zu geben. Muslime, die die Anschläge von Paris fast ausnahmslos verurteilen, wiesen gegenüber Panorama darauf hin, dass es für sie an dieser Stelle allerdings eine klare Grenze für Satire gibt, die durch einige veröffentlichte Mohammed-Karikaturen der letzten Wochen überschritten wurde. Sie fühlen sich verletzt, wenn ihr Prophet, ihr Religionsstifter, in dieser Form dargestellt wird.

Bekenntnis zur Meinungsfreiheit

Von den Muslimen in Deutschland erwartet man nun, diesen Zwiespalt zwischen einem Bekenntnis zur Meinungsfreiheit und der tiefverwurzelten Ehrfurcht gegenüber ihrer Religion stets zugunsten einer uneingeschränkten Meinungsfreiheit zu entscheiden. Dabei diskutieren und akzeptieren wir in Deutschland seit Jahren durchaus immer wieder gewisse Grenzen: Darf eine Tierschutzorganisation auf einem Domplatz eine Kreuzigungsszene nachspielen? Muss sich der Papst (und die katholische Kirche) ein deftiges Titelbild mit einer urinbefleckten Soutane in der Satirezeitschrift „Titanic“ gefallen lassen? Sind auch die zotigsten Karikaturen mit Jesus am Kreuz in jedem Fall gerechtfertigt, auch wenn sie viele Christen als Missachtung und Herabwürdigung ihrer Religion begreifen? Und wird hier nicht mit zweierlei Maß gemessen, wenn der einen Religion jeder Tabubruch zugemutet wird, während andere Religionen in ihrem Protest ernstgenommen werden?“

Liebe „Panorama“-Redaktion, werte Religions-Appeaser aller Couleur: Nein, man sollte sich nicht unter Druck setzen lassen und um irgendwelcher wie auch immer gearteter Konformitätserwartungen eine bestimmte Sorte an Karikaturen abdrucken. Es ist selbstverständlich auch völlig legitim, die entsprechenden Zeichnungen vulgär, geschmacklos, ja zutiefst abstoßend zu finden. Aber findet ihr es nicht merkwürdig, dass ausgerechnet viele derjenigen, die am ehesten zu Dauerbeleidigtsein und einer mantraartigen Beschwörung der Quasi-Heiligkeit ihrer „verletzten religiösen Gefühle“ tendieren, Anhänger einer Glaubenslehre sind, die alles andere als eine blütenweiße Weste vorzuweisen hat? Oder wie es Gunnar Schedel in einem Beitrag des Humanistischen Pressedienstes (hpd) zum Phänomen PEGIDA auf den Punkt bringt:
„Es lässt sich schwer bestreiten, dass der Prophet Mohammed (sofern seine Taten im Koran und in den Überlieferungen historisch halbwegs korrekt beschrieben werden) nach heutigen Maßstäben ein Kriegsverbrecher war.“

Des Weiteren geht Schedel auf die Einlassungen des muslimischen Gefängnisseelsorgers Husamuddin Meyer ein, der sich am 22.01. anlässlich der Talksendung „Maybrit Illner“ wie folgt geäußert habe:
„Auf die Frage nach einer Koranstelle, die Ungläubige niedriger als Tiere einstufe, antwortete er, dass hier ein Missverständnis vorliege. Der Mensch habe eigentlich eine höhere Bestimmung als die Tiere, weil er dazu berufen sei, die göttliche Schönheit zu erkennen. Wer diese Schönheit jedoch nicht erkenne, der irre umher, folge sozusagen seinen Instinkten: ‚Wenn aber sich ein Mensch, der eigentlich eine hohe Bestimmung hat von Gott, nachher benimmt wie ein Tier, dann ist er deswegen noch unter dem Level der Tiere.‘ Da blitzt sie auf, die Vorstellung, dass die Religion die einzige Quelle der Ethik ist und Ungläubige folglich keine Ethik haben (und sich deshalb ‚instinktgesteuert‘ wie Tiere verhalten).“

Und genau da liegt der Hase im Pfeffer: Wer sich aus überzogener religiöser Toleranz auf die Seite der (Hardcore-) Religiösen stellt, erweist damit dem Projekt der Aufklärung im Sinne Kants („Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“) einen Bärendienst. Anstatt darauf zu bestehen, ein reflektiertes und damit auch zumindest in Teilen distanzierendes Verhältnis zum jeweils verehrten Religionsstifter bzw. dem auf diesen zurückgeführten religiösen Überbau einzunehmen, erfolgt ein Einknicken vor der Macht der Irrationalität, die so etwas emotional Besetztes wie das Phänomen Religion nun einmal i.d. Regel mit sich bringt.
Aber genau dadurch begibt man sich in eine gefährliche Abhängigkeit: Wer religiösen Menschen damit letzten Endes die Deutungshoheit darüber einräumt, wer wann ihre „religiösen Gefühle“ verletzt hat bzw. zukünftig dies tun könnte, der führt damit durch die Hintertür eben jene (Selbst-) Zensur wieder ein, von der sich viele Journalisten im Zuge der Charlie-Hebdo-Debatte erfreulicherweise bereits zu verabschieden begonnen hatten.

Dann wundert es auch nicht mehr groß, wenn sich ein namhafter deutscher Jurist für die rigorose Anwendung des „Gotteslästerungs-Paragraphen“ § 166 StGB stark macht und die Organisatoren des Kölner Rosenmontagszuges den geplanten Motivwagen „Charlie Hebdo“ flugs aus ihrer Planung gestrichen haben. Oder wie es Michael-Schmidt-Salomon bereits 2012 anlässlich des Anti-Islam-Machwerks „Die Unschuld der Muslime“ so treffend ausdrückte:

„Die Absurdität der gegenwärtigen Debatte zeigt sich nicht zuletzt darin, dass Respekt ausgerechnet jenen gegenüber eingefordert wird, die hinlänglich bewiesen haben, dass ihnen jeder Respekt gegenüber Andersdenkenden fehlt. Verwunderlich ist dieses Defizit nicht, wenn man die Heiligen Schriften kennt.“

——————————————————————————————————————-
* Die Darstellung des muslimischen Universalgelehrten Abū Rayḥān al-Bīrūnī (973 – 1048) zeigt Mohammed (rechts) in seiner letzten Predigt zu seinen ersten Konvertiten auf dem Berg Ararat in der Nähe von Mekka.

„Überall wird enttarnt, entzerrt, zurechtgerückt“ – der wankende Mythos Bibel

Dezember 28, 2014

Insider wissen es bereits spätestens aus dem Werk der beiden Archäologen Israel Finkelstein und Neil A. Silberman
„Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel“
: Viele religiös sozialisierten Menschen zutiefst vertraute biblische Begebenheiten wie der Auszug der Israeliten aus Ägypten, die Einnahme Kanaans oder das vermeintliche Großreich König Davids – sie alle basieren auf nichts als menschlicher Hybris i.d. Regel ohne jedwede archäologischen Belege oder stellen bestenfalls maßlose Übertreibungen wie im Fall des „Räuberhauptmanns“ David mit seinem Provinzfürstentum dar, welcher im Nachhinein zum mythenumrankten Glanz-und-Gloria-Ur-König Israels aus bescheidensten Hirtenanfängen umgelogen wurden.

cartoon-art-of-david-sitting-on_small
Nun hat sich der SPIEGEL in seinem traditionell dem Thema Religion vorbehaltenen Aufmacher der Weihnachtsausgabe 52/2014 vom 20.12. dieses Falls angenommen und kommt unter dem Titel
„Am Anfang war das Feuer“
zu aus religiöser Warte niederschmetternden Ergebnissen, von denen ich hier einige wenige referieren möchte.

Zunächst vertritt der SPIEGEL-Autor Matthias Schulz die originelle These, der Gott der Bibel (JHWH) sei mit dem saudi-arabischen Vulkan Hala al-Badr gleichzusetzen, der in der Gegend des alttestamentarischen Midian gelegen sei. Vermeintlich metaphorisch aufzufassende Bibelverse seien dementsprechend wörtlich zu nehmen und auf eben jenen Feuerberg zu beziehen, wenn es etwa über den landläufig als Berg Sinai identifizierten Gipfel heiße, „denn der Herr war im Feuer auf ihn herabgestiegen. Der Rauch stieg vom Berg auf wie Rauch aus einem Schmelzofen. Der ganze Berg bebte gewaltig“ (Exodus 19).

Auch an der netten Story vom kleinen Hirtenjungen David, der den riesenhaften Philister-Krieger Goliat per Steinschleuder ausschaltete, existierten laut Leipziger Assyrologin Angelika Berlejung erhebliche Zweifel: „Die Nachbarn [Philister, M.H.] waren den Israeliten haushoch überlegen, sie hatten Kampfwagen und besaßen ein Monopol auf Metalle“.

Den Grabungsbefunden Berlejungs zufolge war im Übrigen die Philister-Hauptstadt Aschdod um 900 v. Chr. fünfmal so groß wie die vermeintliche Metropole und David-Hauptstadt Jerusalem: „Wenn ein Hebräer einen Pflug oder auch nur einen Nagel kaufen wollte, musste er ihn beim Feind erbetteln.
Schwerter bekamen sie anfangs überhaupt nicht. Der Archäologe Hermann Michael Niemann aus Rostock spricht von einem ‚Waffenembargo‘. Die Bibel überspielt diese Pleite. Stattdessen […] bietet sie ‚emotionale Tiraden voller Abneigung gegen die reichen Küstenbewohner'“.

„Zwar enthält das Werk [die Bibel, M.H.] echte Annalen, Königslisten und Chroniken. Zugleich aber tischt es Legenden, Gerüchte und ideologisch verbrämte Geschichtsdeutungen auf. Diese wurden im Laufe der Zeit mehrfach redigiert, neu verzahnt und mit manipulierenden Einschüben versehen. […] Dabei schlichen sich Widersprüche ein. Der Erzvater Abraham soll vor über 4000 Jahren gelebt haben. Nur wieso reitet er dann auf einem Kamel? Das Tier war damals noch gar nicht gezähmt.“

Die Goliat-Geschichte zeigt das Gestoppel am besten: Die älteste Schicht der Sage stammt wohl aus dem elften Jahrhundert vor Christus. Da hieß der Held noch ‚Elhanan‘. Erst später münzte man die Story auf König David um. Goliat erhielt nun einen ‚Helm aus Bronze‘ samt Eisenpanzer und Beinschienen. Er sah plötzlich aus wie ein griechischer Soldat. Den letzten erzählerischen Schliff bekam der Bericht erst um Christi Geburt.

All das besagt: Eine Offenbarung aus einem Guss hat es nie gegeben. Die Bibel ist Menschenwerk, teils von grandioser Qualität, teils mit trügerischer Absicht verfasst.

Zwar berichtet die Bibel (1. Könige 5), dass Salomo einem glanzvollen Staat vorstand, der bis zum Euphrat reichte. Der König speiste Perlhühner und ließ sich Affen bringen. Seine Schiffe fuhren bis nach Spanien. In seinem Harem lebten 700 fürstliche und 300 weitere Nebenfrauen. Leider bezeugt nicht ein Stein dieses Mythenreich.
So geht es fort und fort. Überall wir enttarnt, entzerrt, zurechtgerückt. Die moderne theologische Forschung gleicht einer einzigen Desillusion.“

Dass der vermeintlich in der NAK wirkende „Heilige Geist“ diese Erkenntnisse bisher nicht wirkte, sondern nach wie vor an der dortigen althergebrachten Kindergarten-Theologie festhält, spricht dagegen Bände. Und wer meint, diese Desillusion betreffe ja „nur“ das Alte Testament, der irrt, wie z.B. bei Heinz-Werner Kubitza („Der Jesuswahn“, siehe Linkliste am rechten Rand meines Blogs unterhalb der Monatsbeiträge) nachzulesen ist.

Misereor: kirchliches Hilfswerk auf Abwegen

November 30, 2014

Weihnachtszeit ist bekanntlich Spendenzeit, liebe Leserinnen und Leser. Aberhunderte von großen und kleinen Hilfsorganisationen (oder solchen, die sich dafür halten) appellieren in teils rührseligen Aufrufen an die vorweihnachtliche Großherzigkeit der Bundesbürger. (Merkmale seriöser Spendensammler und Ausführungen zu einzelnen Organisationen liefert das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen, der sog. „Spenden-TÜV“).

gott-gibt-es-nicht2

Zu den ganz Großen im Geschäft gehört dabei das katholische Hilfswerk Misereor mit Hauptsitz in Aachen sowie einem Finanzvolumen von gut 179 Mio. Euro in 2013 (davon gut 56 Mio. an Spenden- und Kollektengeldern). Und obwohl dieser Blog sich ausdrücklich der Religionskritik verschrieben hat, soll es an dieser Stelle nicht um die Frage gehen, ob und inwiefern Misereor (oder auch andere kirchliche Hilfswerke wie z.B. Brot für die Welt) verkappte Missionsarbeit qua Bibelverteilung etc. betreiben.
Nein, im Fokus meiner Betrachtung steht vielmehr die unselige Allianz zwischen Misereor und fundamentalistischen Gentechnikgegnern in Indien. Trotz immer wieder erwiesener Nutzeneffekte dieser Technologie führen bekanntlich nicht nur Umweltorganisationen wie Greenpeace, sondern zunehmend auch kirchliche Stellen einen regelrechten Glaubenskrieg gegen die Anwendungen der Pflanzengentechnik. (Übrigens der Hauptgrund für mich, 2005 meine Mitarbeit bei der Bremer Greenpeace-Ortsgruppe zu beenden.)

Zur Causa Misereor liefert das von mir geschätzte Querdenker-Magazin „NovoArgumente“ folgende Informationen:

Unter dem Mantel der Nächstenliebe betreiben Organisationen wie Misereor politische Kampagnen in Entwicklungsländern, die dort dem wirtschaftlichen Wohlergehen schaden. […]
Im Sommer dieses Jahres meldete Radio Vatikan: ‚Indien: Staat setzt deutsche Hilfswerke auf rote Liste‘. Mit betroffen war das katholische Entwicklungshilfswerk Misereor. […]

Nach Erkenntnissen des indischen Geheimdienstes unterstützen die westlichen ‚Helfer‘ mit ihren Spendengeldern Aktionsgruppen, die gegen zahlreiche Infrastrukturprojekte kämpfen. Gleichzeitig finanzieren sie den Glaubenskampf verbündeter Organisationen gegen die Grüne Gentechnik in Indien mit. Der von außen in das Land getragene Skeptizismus koste den indischen Staat zwei bis drei Prozent jährliches Wirtschaftswachstum, berechnete der Geheimdienst. Zugleich schade er Indiens Ansehen als Demokratie und Wissensnation.
Dass Misereor Gentechnikgegner unterstützt, ist bekannt. Radio Vatikan hat das einmal so formuliert: ‚Hilfswerke wie Misereor engagieren sich unter anderem in Indien gegen Kinderarbeit in Steinbrüchen und gegen den Anbau genmanipulierter Nahrungsmittel.‘ Gentechnik wird in einem Satz mit Kinderarbeit im Steinbruch genannt, als ob beides gleich böse wäre und der Kampf dagegen gleich gut. Aber nicht wegen ihres Einsatzes für die Kinder, sondern wegen der Unterstützung des dogmatischen Kampfes gegen die Gentechnik kamen die kirchlichen Organisationen auf die rote Liste. Der Geheimdienst benannte neben fünf indischen Organisationen sechs ausländische NGOs als federführend in der Agitation gegen Grüne Gentechnik. Dazu gehören unter anderen Greenpeace International, der Evangelische Entwicklungsdienst, Brot für die Welt und Misereor.“

Natürlich bleibt es ganz Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, überlassen, ob und wem Sie in der nun angebrochenen Vorweihnachtszeit (oder auch sonst) Ihr Spendengeld anvertrauen. Aber wenn ich mit diesem Beitrag ein klein wenig zu mehr Sensibilität in Sachen „Öko-Industrie“ beisteuern konnte, dann ist schon viel erreicht. Denn bitte bedenken Sie: Auch diejenigen, die sich permanent lauthals (und überwiegend zu Recht) über den negativen Einfluss diverser Lobbygruppen auf die Politik beschweren, bilden selbst eine – nicht wenig einflussreiche – Lobby! Und dass auch Greenpeace & Co. keine Übermenschen sind, sollte spätestens seit den überzogenen Angaben zu den Giftrückständen auf der seinerzeit zur Versenkung anstehenden Ölplattform „Brent Spar“ bekannt sein.

Streik der apokalyptischen Reiter

Oktober 30, 2014

Menschen, die in apokalyptisch ausgerichteten Endzeitgemeinschaften sozialisiert wurden, neigen i.d. Regel häufig dazu, jede Hiobsbotschaft, ob Krieg, Seuche oder Hungersnot, in ihr vorgefertigtes Wahrnehmungsraster „Die Welt wird schlechter, wir leben in der Endzeit, nun kommt Jesus sicher bald!“ einzusortieren.
Das aktuelle Jahr 2014 bietet sicher auch allen Anlass für ernste Besorgnis, denkt man an den derzeit nach_dem_weltuntergang_1882745
weltweit schlimmsten und längsten Ausbruch der Ebola, die zahlreichen im Fokus der Medienöffentlichkeit stehenden Kriege um Syrien und den (Nord-)Irak (Stichwort: Terrormiliz „Islamischer Staat“), die Ost-Ukraine, Gaza, den Südsudan etc.
Einmal ganz abgesehen von den Gesetzen medialer Wahrnehmungslenkung (Stichwort: Mechanismen medialer Skandalisierung; dazu meine Buchempfehlung: Walter Krämer & Gerald Mackenthun: „Die Panik Macher“), so spricht gegen die landläufige Auffassung, die Welt befinde sich in einem beständigen Abwärtsstrudel Richtung globaler Armut, Chaos und Krieg so Einiges:

Hans Rosling heißt der Mann, seines Zeichens Mediziner und Professor für Internationale Gesundheit in Stockholm, der den Untergangspropheten und Apokalypse-Raunern einen Strich durch die Rechnung macht. Seine Botschaft:
Es geht aufwärts in weiten Teilen der Welt, auch wenn dies überraschenderweise kaum jemand mitzubekommen scheint!
In einem FAZ-Interview vom Anfang dieses Jahres liest sich das wie folgt:

„80 Prozent der Menschen auf der Welt können lesen und schreiben. In Europa glauben die Leute aber, dass 60 Prozent der Menschen Analphabeten sind. Das haben wir in Umfragen in England und Schweden festgestellt. Die vier Milliarden sind schon viel weiter, als wir uns vorstellen. Die Europäer haben nicht einfach eine falsche Vorstellung, was im Rest der Welt vor sich geht. Viele sind schlicht ignorant. […]
Vor nicht allzu langer Zeit starben zwei bis drei Millionen Kinder jedes Jahr an Masern. Dann begannen die Impfungen. Heute sterben 200.000 Kinder. Als wir in Schweden gefragt haben, wie hoch der Anteil der Menschen in Afrika ist, die gegen Masern geimpft wurden, war die Antwort: 33 Prozent. Es sind aber 80 Prozent.“

Und auf die Erwiderung, auch heute noch lebten ca. eine Milliarde Menschen in bitterster Armut:
„1990 haben knapp 50 Prozent der Menschen auf der Welt in bitterer Armut gelebt, heute sind es 22 Prozent. Der Anteil der armen Menschen ist selbst in Afrika gefallen, von 50 Prozent auf 40 Prozent in den letzten zehn Jahren. Europa denkt, die Armut in der Welt wächst beständig. Das Gegenteil ist der Fall.“

Quelle: „Die Welt wird besser. Und keiner glaubt es.“
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.01.2014

Zur weiteren Vertiefung:
Matthias Horx: Anleitung zum Zukunftsoptimismus. Warum die Welt nicht schlechter wird

„Religion, Religion, die hat immer Recht…“

September 28, 2014

Über kein anderes Thema wurde wohl in den letzten Wochen in den hiesigen Medien so ausführlich und emotional berichtet und diskutiert wie über die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ und die Frage, wie gefährlich „der Islam an sich“ denn nun sei. Gebetsmühlenhaft beteuerten muslimische Vertreter (z.B. Khola Maryam Hübsch in „ZDF login“, vgl. ab Min. 6:04 in folgendem Video-Link) immer wieder, dass der IS mit dem „wahren Islam“ absolut nichts zu tun habe, dass die Radikalen die Religion missbrauchten, Etikettenschwindel betrieben. Da es sich dabei eindeutig um den blinden Fleck muslimischen Selbstverständnisses aufgrund religiöser Indoktrination handelt und ich mich nicht nur als Christentums-, sondern als Religionskritiker verstehe, widme ich meinen monatlichen Blogeintrag einmal in aller Kürze dem Thema Islam.

islam_europa_karikatur
Eine zu den muslimischen Beschwichtigungs-Mantras konträre wie kompakte Antwort liefert der liberal-muslimische Psychologe Ahmad Mansour in seinem SPIEGEL-Essay vom 8. September unter der Überschrift „Reinheit, Ehre, Todesverachtung“:
„Wir Muslime müssen damit beginnen, die Ursachen auch bei uns zu suchen. Welche Denkfiguren und Glaubensinhalte werden denn von den Radikalen aufgegriffen und fundamentalistisch überspitzt? Leider kennen wir sie doch fast alle. Auch moderate Imame zelebrieren die Opferrolle von Muslimen, pflegen drastisch und erbarmungslos Feindbilder – böse sind der Westen, die Demokratie, die Schiiten, die nicht praktizierenden Muslime, die Islamkritiker und so fort. Gut sind die eigenen Anhänger, der wahre Islam, die reine Lehre, das blinde Befolgen aller Gebote und Tabus und so fort. Alles, was anders ist, wird abgewertet. Mit der Behauptung, die absolute und einzige Wahrheit zu besitzen – andere Religionsanhänger, etwa evangelikale Fundamentalisten, sind da nicht anders –, geht das Verbot einher, Aussagen zu hinterfragen, kritisch zu denken. Neue, zeitgemäßere Deutungen des Koran, wissenschaftliche Erkenntnisse zur Geschichte des Islam dürfen weder gelesen noch diskutiert werden. Hinzu kommt das Unterdrücken, Tabuisieren und Schlechtmachen von Sexualität, das besonders bei jungen Männern zu zielloser Aggression führen kann. Das alles ist Teil einer einschüchternden Pädagogik, die mit der Angst vor der Hölle arbeitet und eine Heroisierung des Todes herbeiführt.“

Wer noch ein wenig tiefer in diese Thematik einsteigen möchte, dem sei der Beitrag „Die Islamismuskompatibilität des Islam“ von Armin Pfahl-Traughber ans Herz gelegt.
Zudem kann ich folgende Bücher empfehlen, beide von Autorinnen verfasst, die sich kritisch mit dem Islam befassen, sich aber noch immer als (liberal-)religiöse Muslime betrachten:

Ates: Der Islam braucht eine sexuelle Revolution.
Lale Akgün: Aufstand der Kopftuchmädchen.

Gottesfrage und intellektuelle Redlichkeit

August 31, 2014

Mit seiner Dokumentation „Mission unter falscher Flagge“ vom 4. August dieses Jahres wirbelte der Norddeutsche Rundfunk (NDR) mächtig viel Staub im evangelikalen bzw. charismatischen Lager auf, der anschließende Shitstorm erfolgte wohl unausweichlich, wie es für hinterweltlerisch-gläubige Menschen fast schon ein reflexhaftes Verhalten zu sein scheint, wenn man sich in seinem (zumeist recht einfachen Schwarz-Weiß-)Weltbild infragegestellt fühlt.

Da ich allerdings hoffe, zu den Lesern meines Blogs vorwiegend Menschen zu zählen, die zu einer (manchmal recht schmerzlichen) Selbstreflexion eigener Denk- und Glaubensmuster in der Lage sind, habe ich hier einen Auszug aus dem Essay „Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit. Ein Versuch“ von Thomas Metzinger, Professor für Philosophie an der Uni Mainz und u.a. Autor des Buches „Der Ego-Tunnel“, für euch ausgewählt:

Ego_Tunnel_2014-189x300

„In seiner höchsten Form führt der Wille zur Wahrhaftigkeit dazu, dass man sich selbst eingestehen kann, dass es keinerlei empirische Belege für die Existenz Gottes gibt, und dass über viertausend Jahre der Philosophiegeschichte kein überzeugendes Argument für die Existenz Gottes hervorgebracht haben. Er erlaubt es uns, die von der Evolution fest in uns eingebaute Suche nach emotionaler Sicherheit und guten Gefühlen loszulassen und der Tatsache ins Auge zu schauen, dass wir radikal sterbliche Wesen sind, die zu systematischen Formen der Selbsttäuschung neigen. Wahrhaftigkeit uns selbst gegenüber erlaubt es, das Wahnhafte und die systematische Endlichkeitsverleugnung in unserem Selbstmodell zu entdecken.
Der Urvater dieser für die Unterscheidung zwischen Religion und Spiritualität so absolut zentralen Frage war der britische Philosoph und Mathematiker William Kingdon Clifford. Hier sind seine zwei Grundprinzipien:
– Es ist zu jeder Zeit, an jedem Ort und für jede Person falsch, etwas aufgrund unzureichender Beweise zu glauben.
– Es ist zu jeder Zeit, an jedem Ort und für jede Person falsch, für die eigenen Überzeugungen relevante Beweise zu ignorieren, oder sie leichtfertig abzuweisen.

In der akademischen Philosophie nennt man diese Position ganz einfach ‚Evidentialismus‘. Das heißt, dass man nur etwas glaubt, für das man wirklich Argumente und Belege hat. Die philosophischen Gegenstücke sind etwas, das wir alle gut kennen, nämlich der Dogmatismus und der Fideismus. Dogmatismus ist die These: ‚Es ist legitim, an einer Überzeugung festzuhalten, einfach weil man sie schon hat.‘ Fideismus nennt man in der Philosophie die Idee, dass es völlig legitim ist, an einer Überzeugung auch dann festzuhalten, wenn es keine guten Gründe oder Evidenzen für sie gibt, sogar angesichts überzeugender Gegenargumente. Der Fideismus ist also der reine Glaubensstandpunkt. Für den Fideisten ist es legitim, an bestimmten Überzeugungen festzuhalten, nicht nur ohne irgendwelche positiven Argumente oder Evidenzen für sie, sondern selbst angesichts starker Gegenargumente und starker empirischer Belege gegen eigene Überzeugungen. Das Interessante daran ist jetzt, dass man den Fideismus als die Verweigerung jeder ethischen Einstellung zum inneren Handeln überhaupt beschreiben kann. Er ist ein Mangel an innerem Anstand. Und das ist der klassische Standpunkt der organisierten Religion im Gegensatz zur Spiritualität. Wenn man die beiden erkenntnistheoretischen Positionen einmal rein psychologisch interpretieren würde, dann geht es beim Fideismus um vorsätzliche Selbsttäuschung, um systematisches Wunschdenken oder auch um Paranoia, während das psychologische Ziel der Ethik eines Glaubens eine ganz bestimmte Form von geistiger Gesundheit ist. Ich nenne diese Form von geistiger Gesundheit ‚intellektuelle Integrität‘.“

Schneider, der religiöse Individualismus und das Demokratiedefizit religiöser Gesellschaften

Juli 24, 2014

Dass streng-religiöse Menschen häufig Probleme mit allzu individualistischen (Un-)Glaubensansichten haben, dürfte eine triviale Erkenntnis sein. Auch in der Neuapostolischen Kirche hätte bspw. ein Immanuel Kant (1724 – 1804) mit seinem „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ deshalb heute noch einen schweren Stand.
??????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????
Von daher dürfte folgender Auszug aus der
Predigt des Stammapostels Jean-Luc Schneider
vom 15.06.2014 in Berlin-Wilmersdorf beim NAK-erfahrenen Leser (erst recht beim NAK-Predigt-Geschädigten) keine große Aufregung auslösen:

Als Grundlage dienten folgende beiden Verse aus dem 2. Korintherbrief:
„Denn ich eifere um euch mit göttlichem Eifer; denn ich habe euch verlobt mit einem einzigen Mann, damit ich Christus eine reine Jungfrau zuführte. Ich fürchte aber, dass wie die Schlange Eva verführte mit ihrer List, so auch eure Gedanken abgewendet werden von der Einfalt und Lauterkeit gegenüber Christus.“ (2Kor 11,2.3)
Dazu führte Schneider u.a. wie folgt aus:
„Die Einfalt gegenüber Christus gehe […] dann verloren, wenn der Mensch sich auf die Ebene Gottes begebe, mahnt der Stammapostel: ‚Diese Tendenz kennen wir: Ich weiß, was gut für mich ist. Ich weiß, was ich machen muss, um das Heil zu erlangen. Man will frei entscheiden, was Sünde ist und was nicht. Jeder Gläubige will entscheiden, wie er mit dem göttlichen Gesetz umgeht. Nur, das geht so natürlich nicht.'“

Wie passend fügen sich da folgende empirischen Forschungsergebnisse zum Zusammenhang von Religiosität und Friedfertigkeit/Demokratie in einer Gesellschaft ins Bild, wie „Bild der Wissenschaft“ am 19.02.2013 unter der Überschrift „Göttliche Gesellschaften“ vermeldete:

„Wie ‚religiös‘ eine Gesellschaft ist, wurde […] empirisch ermittelt anhand der Selbsteinschätzung der Einwohner, der Häufigkeit des Betens, der Zahl der Gottesbesuche [sic!] oder des Anteils an Kirchenmitgliedern oder anderen religiösen Gemeinschaften. Je ungerechter es in einer Gesellschaft zugeht und je weiter die Schere zwischen den Einkommen geöffnet ist, desto höher ist der Stellenwert der Religion, so Gregory Paul und seine Kollegen. Und: In Ländern mit größeren Einkommensunterschieden sind sowohl ärmere als auch reichere Menschen eher religiös als in Ländern mit geringeren Unterschieden – Reiche sogar überproportional stark. In wirtschaftlich ausgeglichenen Ländern sind sie dagegen weniger religiös als die Armen.

Dass ‚ungläubigere‘ Länder hinsichtlich der Einkommensverteilung und den anderen soziologischen Indikatoren besser abschneiden, zeigten inzwischen mehrere Analysen auch einzelner Gesellschaftsmerkmale. So ist die Demokratie dort stärker ausgeprägt, wo Gott eine geringere Rolle spielt.

Das wies ein Forscherteam unter der Leitung von Marc Bühlmann von der Universität Zürich und Wolfgang Merkel vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung nach. Sie hatten 30 Nationen anhand von über 100 empirischen Indikatoren für demokratische Prinzipien wie Freiheit, Gleichheit und Kontrolle untersucht – also beispielsweise die Möglichkeit der Mitbestimmung, der Transparenz von Entscheidungsprozessen und das Ausmaß der Korruption.[…]
Die religiösen Selbsteinschätzungen stammen vom World Values Survey (WVS), einer groß angelegten weltweiten Umfrage, die seit den 1980er-Jahren immer wieder durchgeführt wird.
Atheistischere Länder sind friedlicher. Das zeigte der britische Religionswissenschaftler und Biologe Tom Rees mit einer Auswertung des Global Peace Index 2009. Dieser bewertet den Friedensgrad anhand von 23 Kriterien – darunter Kriege, Bürgerkriege, das Ausmaß von Menschenrechtsverletzungen und Waffenhandel, die Zahl der Morde und der Gefängnisinsassen sowie der Grad der Demokratisierung. Wie friedlich ein Land ist, korreliert positiv mit dem Prozentsatz der Atheisten und negativ mit dem Prozentsatz derjenigen religiösen Menschen, die gemäß dem WVS mindestens einmal im Monat einen Gottesdienst besuchen.“

Wir halten also fest: Gläubige nach dem Religionsverständnis à la NAK (respektive J.-L. Schneider), die brav nur das glauben, was ihnen die allweisen Segensträgerlein einplaudern („Glauben nach Zahlen“ in Anlehnung an das bekannte Kinder-Spielzeugset „Malen nach Zahlen“), sind tendenziell demokratie- und friedensunfähig! Ein Schlag ins Gesicht für die Möchtegern-Elite der künftigen „Könige und Priester“ im „Tausendjährigen Friedensreich“ der Johannes-Apokalypse.

Diese beiden Werte (Demokratie und Frieden) setzen nun einmal Selbstreflexions- und -verantwortungsfähigkeit voraus. Dann würde vielleicht auch der eine oder die andere Gläubige darauf kommen, dass
a) der „Sünden“-Begriff sinnvollerweise von der Frage ausgehen sollte, ob jemand überhaupt real geschädigt worden ist (was auf angeblich „widergöttliche“ Verhaltensweisen wie einvernehmlich praktizierte Homosexualität nicht zutrifft) und

b) der Begriff „Sünde“ sogar zu verwerfen ist, weil er eine von Geburt an vorhandene Schuld des Menschen Gott gegenüber impliziert (Stichwort „Erbsünde“, ein perfides Konzept des „Kirchenvaters“ Augustinus im Rückgriff auf den „heiligen“ Paulus).
Aber so weit ist die „neue“ NAK natürlich nicht und kann sie auch nie und nimmer sein, will sie ihren Anspruch, den eigenen Glauben einigermaßen bibelkonform zu lehren, nicht völlig aufgeben.
Macht aber nichts: Wozu gibt es denn Großevents wie den vollmundig als „Internationaler Kirchentag (IKT) München 2014“ angepriesenen Selbstbeweihräucherungs-Hype oder diesen drolligen kleinen (eine EDEKA-Werbung parodierenden) Videoclip anlässlich des diesjährigen NAK-NRW-Jugendtages… Hauptsache niemand kommt ins kritische Nachdenken!

Die Fähigkeit der Geisterunterscheidung oder: Logik à la NAK

Juni 29, 2014

Zürich, 13. Mai 2013: Der scheidende Stammapostel Dr. Wilhelm Leber veröffentlicht in seiner Funktion als Leiter der Neuapostolischen Kirche eine Stellungnahme zur unseligen „Botschaft“ Johann Gottfried Bischoffs aus den 1950er-Jahren („Der Herr kommt zu meiner Lebzeit wieder. Ich bin der Letzte, nach mir kommt keiner mehr!“).

zitat-die-botschaft-hor-ich-wohl-allein-mir-fehlt-der-glaube-johann-wolfgang-von-goethe-199638

Im Wortlaut heißt es darin: „Die Neuapostolische Kirche hält heute nicht mehr daran fest, dass es sich bei der Botschaft von Stammapostel Bischoff um eine göttliche Offenbarung gehandelt hat. Die Frage der Bewertung der Botschaft bleibt offen; es steht jedem frei, sich sein eigenes Urteil darüber zu bilden. Die Neuapostolische Kirche wird auch nicht mehr von der Begründung Gebrauch machen, der Herr habe seinen Willen geändert.“

Schön und gut, werter Stammapostel a.D., dass Sie sich nach einem endlosen Eiertanz rund um dieses Thema endlich zu derart klaren Worten durchringen konnten.

Die NAK wäre aber wohl nicht die NAK, hätte die Sache nicht einen klitzekleinen Haken: Liest man sich nämlich das Wort zum Monat Juni 2014 unter dem martialischen Titel „Die Waffen des Heiligen Geistes“ durch, so erfährt man (es geht um die in Epheser 6,11 angesprochene göttliche „Waffenrüstung“ für die Gläubigen):
„Zu den Waffen des Heiligen Geistes gehört die Fähigkeit, die Geister zu erkennen und zu unterscheiden, auch wenn diese sich verstellen. Es ist alles das Werk dieser Geister, wenn wir hin und wieder Probleme haben und denken: Ich bin doch ein Kind Gottes, ich bin schon viele Jahre treu, das ist doch nicht richtig, dass ich in Armut leben muss. Da wenden wir die Waffe des Heiligen Geistes an. Wir erkennen die Geister und unterscheiden, was Gottes Wille ist und was deren Vorhaben ist: Gott will, dass wir treu bleiben, auch in Krankheit und Armut.“

Ich hoffe, Sie haben sofort erkannt, werte/r Leser/in, worin der Hase im Pfeffer liegt. Für alle anderen hier noch einmal klipp und klar:
Entweder das neuapostolisch versiegelte „Gotteskind“ befindet sich im Besitz der Fähigkeit zur Geisterunterscheidung oder nicht. Sollte Ersteres zutreffen, wieso hat dann diese Fähigkeit zur Zeit J. G. Bischoffs so grandios versagt, bitteschön? Und besteht nicht die Gefahr, dass heutige „Glaubenswahrheiten“ im Lichte der „fortschreitenden Erkenntnis“ kommender Zeiten irgendwann seitens der Kirchenleitung retrospektiv genauso relativiert bzw. verworfen werden?
Mit anderen Worten: Wer garantiert euch, liebe aktiv Neuapostolischen, dass euer Glaubensfundament tatsächlich auf Stein und nicht auf Sand gebaut ist? Was, wenn der von vielen Religiösen (siehe Ratzinger) so gefürchtete (Glaubens-)Relativismus nicht längst in euren Reihen Einzug gehalten hat? Wie übrigens auch bei den Katholiken, deren damaliger deutscher Papst bekanntlich die „Vorhölle“ (lat. limbus) für ungetauft verstorbene Kinder im Jahre 2007 offiziell für abgeschafft erklärt hat…

Juni 12, 2014

Der Mythos der indischen gv-Baumwollbauern-Suizide

Der Bundespredigent und das Hohe Lied kirchlicher Sinnstiftung

Mai 30, 2014

Jedes Jahr im Mai oder Juni wiederholt sich das gleiche Phänomen: Eine deutsche Großstadt wird von gestern auf heute durch eine vielbeinige Menge verklärt blickender Christenmenschen mit bunten Schals und Jesusliedern auf den Lippen bevölkert: keine Frage – es ist mal wieder Kirchentagszeit!
So auch in diesem Jahr, alldieweil die Katholiken an der Reihe sind und ihr kirchliches Massenevent vom 28. Mai bis 1. Juni in Regensburg abhalten. Und wo sich das Wahlvolk in geballter Form einfindet, ist auch die hohe Politik nicht fern: Bundeskanzlerin, -präsident und eine Vielzahl weiterer „Größen“ des Politikbetriebs findet sich auf den obligatorischen Kirchen-/Katholikentags-Foren ein und bekundet Jahr um Jahr die „gute alte Mär“ von der gesellschaftlichen Relevanz christlicher Glaubensinstitutionen.

Katholikentag-in-Regensburg
In diesem Sinne äußerte sich jüngst unser aller Bundespräsident Bundespredigent und Pastor Joachim Gauck auf dem Glaubenstreff zu Regensburg wie folgt:

„‚Die Kirchen werden gebraucht in der Gesellschaft‘, betont Bundespräsident Gauck, weil sie Glaubensformen sind, die nach dem Sinn des Menschen forschen und die Menschen ‚wirklich zueinander bringen'“.

Einmal abgesehen von der Tatsache, dass dies mittlerweile über 36 % aller Bundesbürger anders sehen dürften – da sie keiner (institutionalisierten) Religion angehören, mithin also konfessionslos sind – mehr als der Anteil der Katholiken und Prostestanten mit jeweils knapp unter 30 %.
Und sicherlich empfindet höchstens ein verschwindender Bruchteil dieser Konfessionslosen diesen Status als etwas Defizitäres, da Sinnentleertes – die Wiedereintrittszahlen oder Übertritte in andere Konfessionen halten sich jedenfalls hierzulande in Grenzen.
Und dass nun unbedingt die Kirchen benötigt würden, um Menschen zueinander zu bringen, sehen Fußballfans, Festivalgänger oder andere Freunde jedweder Großveranstaltungen wohl auch mehrheitlich anders. Ganz abgesehen von nicht wenigen Homosexuellen, geschiedenen Wiederverheirateten etc., die insbesondere mit der Katholischen Kirche und deren „integrierender Kraft“ für sexuelle und andere Minderheiten so ihre ganz eigenen Erfahrungen gesammelt haben…

Und auch philosophischerseits mussten sich die beiden (noch) halbwegs großen Kirchen Deutschlands einiges ins Stammbuch schreiben lassen – Urheber der Kritik ist diesmal kein Opfer sexuellen Missbrauchs oder dergleichen, sondern einer der angesehensten Philosophieprofessoren des Landes, Kurt Flasch (Autor des Buches „Warum ich kein Christ bin“).
Im Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“ lesen wir Folgendes über sein Verhältnis zum Christentum und dessen ach so universal sinnstiftende Funktion:

Wenig hält Flasch auch von jenen, die den biblischen Schwulenhass durch Metaphorisierung entschärfen wollen. Wer die Bibel nur bildlich verstehen und damit ins Sanfte transferieren wolle, so Flasch, „kommt mir vor wie ein freundlicher und sensibler junger Mann, der aus Familiengründen in einen Anglerverein geraten ist, der dann aber seine Sympathie für die Fische entdeckt und vorschlägt, der Anglerverein soll sich in Zukunft mit dem Häkeln von Tischdecken statt mit dem Töten von Fischen beschäftigen“.
Nein, über die christliche Religion lasse sich nur reden, wenn man sich auf den strengen Wahrheitsanspruch der Christen einlasse: „Da ihr Gott der einzige Gott sein soll, muss er es für alle sein“, schreibt Flasch. „Und was sie als sein Wort verkünden, soll für alle gelten. Weil wahr ist, was sie sagen, muss es für alle wahr sein.“
[…] Man lande „im gedanklichen Fiasko“, wenn man sich heute noch der Theologie von Erbsünde, Hölle und Erlösung hingebe. Um den Sinn des Lebens zu begreifen, brauche man den Glauben auch nicht: „Mein Leben ist nicht sinnlos“, schreibt Kurt Flasch. Er lebe und arbeite „in Heiterkeit“.

Quelle: http://www.welt.de/print/die_welt/literatur/article119569447/Lasst-alle-Dogmen-fahren.html

„Hoffnung Mensch“ – aber nicht mit schulischer Bibelverdummung!

April 30, 2014

Den zweiten Osterfeiertag verbrachte ich in diesem Jahr bei meinem Bruder, meiner Schwägerin und meinem Neffen (11) in NRW. Stolz präsentierten mir die drei den DVD-Mitschnitt der Aufführung eines Kindermusicals „Noah und die coole Arche“ , an der der Junge im Rahmen einer Schulprojektwoche mitgewirkt hatte. Eines von zahlreichen, die landauf, landab von einer Vielzahl engagierter Primarstufenpädagoginnen und -pädagogen mit ihren Zöglingen geprobt und aufgeführt werden. Nur leider betreiben die meisten Lehrkräfte damit der Ausbildung des Nachwuchses zu kritischen, selber denkenden Geistern einen Bärendienst, wie ich fürchte.

Dieser Eindruck drängte sich mir jedenfalls nach dem Anschauen besagten Mitschnittes auf: Die Kinder beweihräucherten Noah immer wieder als „coolen Typen“, und wenn auch nur eines von ihnen so clever sein sollte und die implizite Logik dieses Mythos begreifen und auf heutige Naturkatastrophen übertragen sollte, wird mir schlecht:
Schließlich besagt diese nichts anderes, als dass ein Mangel an menschlichem Moralverhalten, sprich: der permanente Verstoß gegen vermeintlich göttliche Gebote, die Ursache für verheerende Fluten, wenn nicht auch Erdbeben oder Vulkanausbrüche ausmacht! Denn laut 1. Mose 6, 5 sah „der Herr […], daß die Menschen auf der Erde völlig verdorben waren“ (Gute-Nachricht-Bibel, Stuttgart 1998).

Dass dies im Grunde das Armutszeugnis für einen angeblich „allwissenden“ Gott abgibt, der offenbar zu beschränkt ist, diese Entwicklung von Anfang an zu bedenken, sei´s drum!
Doch es geht noch weiter: In 1. Mose 9, 11 gibt Gott sogar folgende Zusage: „Ich will das Leben nicht ein zweites Mal vernichten. Die Flut soll nicht noch einmal über die ganze Erde hereinbrechen.“
Liebe Grundschulpädagogen: Dann erklärt doch bitte euren anvertrauten ABC-Schützen, wie „Gott“ solche Naturereignisse wie den Tsunami im Indischen Ozean Weihnachten 2004 zulassen konnte!
Ein weiterer Grund, endlich endlich darauf zu dringen, die Evolutionslehre kindgerecht in die Grundschulen zu bringen – nicht in indoktrinärer Absicht, versteht sich, aber dass dies überhaupt geschieht, dazu wird es allerhöchste Zeit!

Zum Glück hielt Ostern nicht nur derartige Auswüchse menschlicher Denkfaulheit für mich bereit: Mittlerweile habe ich Schmidt-Salomons „Hoffnung Mensch. Eine bessere Welt ist möglich“ (ich berichtete bereits Ende März) durchgelesen und muss sagen, dem Mann ist ein verdammt großer Wurf gelungen! Allein wie konsequent er in evolutionären Dimensionen denkt (sowohl räumlich – bezogen auf die Ausdehnung des Universums – als auch zeitlich – bezogen auf den Wimpernschlag innerhalb der Erdgeschichte, seit der die Gattung Mensch diesen Planeten betreten hat) und die religiöse Seelenlehre aus den Angeln hebt, ist ein intellektuelles Glanzstück, daher präsentiere ich sie euch, werte Leserinnen und Leser, an dieser Stelle (OK, die ursprüngliche Idee zu diesem Gedankenexperiment stammt, das gibt der Autor auch zu, von Richard Dawkins):
schaedeleinspa-DW-Wissenschaft-Hamburg
„Stellen Sie sich vor, Sie reichen Ihrer Mutter die linke Hand, die wiederum ihrer eigenen Mutter die linke Hand gibt, die das Gleiche bei ihrer Mutter macht und so weiter und so fort. […] Gehen wir nun davon aus, dass jedes Individuum in dieser Kette genau einen Meter Platz für sich beansprucht und der durchschnittliche Abstand zwischen den Generationen 20 Jahre beträgt: Wie lange müssten Sie wohl die Reihe Ihrer Ur-Ur…-Großmütter entlanggehen, um auf jene bemerkenswerte Dame zu stoßen (nennen wir sie ‚Oma Chimpman‘), die zugleich auch die Ur-Ur…-Großmutter der heutigen Schimpansen ist? Die Antwort ist verblüffend: Es sind bloß rund 300 Kilometer – etwa die Entfernung von München nach Würzburg oder von Hamburg nach Berlin. […]
Irgendwer oder irgendwas soll irgendwann (man weiß nicht wie, man weiß nicht, warum) eine ‚unsterbliche Seele‘, einen ‚autonomen Geist‘, einen ‚freien Willen‘ in eine dieser affenartigen Lebensformen eingehaucht haben. […] [S]osehr Sie sich auch bemühen, Sie werden in Ihrer Abstammungsreihe keine plötzlichen Veränderungen finden, keinen Moment, in dem aus einem unbeseelten Wesen ein beseeltes würde. […] Kurzum: Sie werden auf Ihrem langen Marsch entlang Ihrer Abstammungslinie exakt das feststellen, was Evolutionsbiologen seit Langem darlegen, nämlich:
dass die Natur keine Sprünge macht. (Diese Erfahrung würden Sie selbstverständlich auch machen, wenn Sie die Kette Ihrer Ahnen noch ein gutes Stück weiter gehen würden, um schließlich auch noch auf Mama Reptil, Großmama Lurch und Urgroßmutter Fisch zu treffen, aber wir wollen das Gedankenspiel hier nicht überstrapazieren.)“

M. Schmidt-Salomon: Hoffnung Mensch. Eine bessere Welt ist möglich (S. 56f.)

Von der Partikularethik der Religionen zur Universalethik der Menschheit

März 31, 2014

Zu den häufig verdrängten Tatsachen – nicht nur – der christlichen Religion zählt ihre ausgesprochene Gruppenfixierung, in der Fachsprache auch als „Ingroup-/Outgroup-Denken“ bekannt. Die eigene Gruppe wähnt sich im Besitz der alleinigen Wahrheit, während sich alle anderen doch letzten Endes auf dem Holzweg befinden oder im Extremfall sogar als verachtenswerte Gegner wahrgenommen werden. Wie legte doch bereits der Evangelist Matthäus dem „Gottessohn“ in den Mund: „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich, und wer mir nicht sammeln hilft, der zerstreut.“ (Matthäus 12, 30 – Gute Nachricht Bibel)
fuer_eine_bessere_welt_02
Da macht es eigentlich nur einen unbedeutenden Unterschied, ob sich hier eine marginale Endzeitgemeinschaft wie die NAK oder die ungleich größere gesamte Christenheit diese angeblichen Jesusworte zu eigen macht – Überheblichkeit und Intoleranz bleiben nun einmal, was sie sind!

Wie wohltuender fühlt sich der weniger engstirnig aufgelegte Mensch da bei der Lektüre evolutionär-humanistischer Schriften. Und in diesem Metier kommt seit einigen Jahren schon niemand mehr an einem Mann vorbei, den der SPIEGEL einst zu „Deutschlands Chef-Atheist“ adelte: Gemeint ist Michael Schmidt-Salomon, seines Zeichens Philosoph und Geschäftsführer der Giordano-Bruno-Stiftung (GBS).
Mit seinen zahlreichen Werken bereichert er seit nunmehr über zehn Jahren die humanistische Lektürelandschaft, und seine
Schaffenskraft
scheint nicht nachzulassen.
Doch bevor dieser Beitrag zu reiner Lobhudelei ausartet: In seinem letzten Buch Keine Macht den Doofen holte Schmidt-Salomon zum verbalen Rundumschlag gegen alle möglichen menschgemachten Idiotien aus den Bereichen Religion (wie könnte es anders sein!), Wirtschaft, Politik, Medien und Umwelt aus. Doch selbst mir als religionskritischem Kopf ging sein revoluzzerhaftes Dauergepöbel gegen die mit seiner eigenen Wortneuschöpfung so unflätig titulierten „Religioten“ irgendwann auf den Keks.
Dahingegen scheint er in seinem aktuellen Werk Hoffnung Mensch. Eine bessere Welt ist möglich zu geradezu „altersweiser“ Reife gelangt zu sein.
Ich habe das Buch zwar noch nicht durch-, sondern nur einige Seiten angelesen, bin aber recht angetan und möchte der geneigten Leserin an dieser Stelle einen kleinen Appetizer aus dem Vorwort daraus servieren:
Es ist so leicht, Zyniker zu sein. Unendlich viele Gründe sprechen dafür, die Menschheit zu verachten. Man werfe nur einen Blick in die Geschichte. Oder in die Reality-Soaps, die Tag für Taag über unsere Bildschirme flimmern. Haben diejenigen nicht furchtbar recht, die den Menschen als „fatalen Irrläufer der Evolution“ beschreiben? Wäre es nicht ein Segen für die Erde, wenn sie sich endlich von dem „Krebsgeschwür Menschheit“ befreien könnte? Sollten wir dem „Untier Mensch“ auch nur eine müde Träne nachweinen?
Die beste Medizin gegen die vorauseilende Resignation des Zynismus besteht darin, sich an jenen zu orientieren, die die besten Seiten der Menschheit zum Vorschein gebracht haben – und genau darum wird es im Weiteren gehen: Thematisierte mein letztes Buch
Keine Macht den Doofen die unerträgliche Penetranz menschlicher Dummheit in Geschichte und Gegenwart, handelt dieses von der heilenden Wirkung menschlicher Klugheit, von der Güte, dem Einfühlungsvermögen, der Kreativität, durch die sich unsere oft verkannte Spezies eben auch auszeichnet. Denn so seltsam es klingen mag: Von seiner Veranlagung her ist der Mensch das mitfühlendste, klügste, phantasiebegabteste, humorvollste Tier auf dem gesamten Planeten.
Die Natur hat uns ganz besondere Talente in die Wiege gelegt, auch wenn wir es bisher nur selten verstanden haben, diese Talente sinnvoll zu nutzen. Doch wenn dies geschah, kam es zu jenen wunderbaren Momenten, in denen die Natur sich gewissermaßen selbst überschritt. „Mutter Natur“ war dies freilich völlig schnuppe – uns aber sollte es keinesfalls egal sein: Immerhin hat die Evolution Jahrmilliarden gebraucht, um ein Wesen hervorzubringen, das in der Lage ist, den evolutionären Prozess zu durchschauen. Schon allein deshalb wäre es schade um uns, würden wir vorzeitig von der Bühne des Lebens abtreten.“
(S. 7ff.)

Wer nun neugierig geworden ist, den verweise ich auf die Homepage des Buches, wo ihr das komplette Vorwort plus Inhaltsverzeichnis findet.

Bei aller Differenz in religiösen Fragen, die sich in diversen Forendiskussionen hier im Netz immer wieder auftut, empfinde ich Schmidt-Salomons neuestes Werk – bis jetzt – als wohltuend versöhnlich.
Es stellt zugleich eine große Verantwortung, aber auch eine immense Freude für mich dar, Teil einer weltumspannenden Gemeinschaft derjenigen zu sein, die zum Wohle der Unterprivilegierten und Erniedrigten etwas beitragen möchte – und sei es auch nur ein winziges Jota in Form einer Geldspende an die Welthungerhilfe oder einer ähnlichen Einrichtung.

„Leben wir in einem aufgeklärten Zeitalter?“

Februar 28, 2014

… mit dieser Frage Immanuel Kants beschäftigen sich nicht nur routinemäßig meine Schülerinnen und Schüler der 11. Jahrgangsstufe, wenn wir in meinem Deutschunterricht über die Literaturepoche der Aufklärung sprechen. Ich finde es in diesem Zusammenhang immer ganz reizvoll, die Jugendlichen Collagen zum Aspekt „Selbstverschuldete Unmündigkeit heute“ anfertigen zu lassen.

fagrbw

Für Kant besteht Aufklärung in Bezug auf den Menschen bekanntlich darin, „Ausgang […] aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit [zu finden]. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen.“

Die letzten Wochen waren aufgrund der medialen Berichterstattung insbesondere zu zwei Themen sehr dazu angetan, die Frage nach dem Aufklärungsgrad unserer Gesellschaft einmal mehr aufzuwerfen:
Da ging es zum einen um den Entwurf zum neuen Baden-Württembergischen Bildungsplan für 2015, der fächerübergreifend die Vermittlung von „sexueller Vielfalt“ als grundlegendem Leitprinzip vorsieht. Insbesondere die sexuellen Minderheiten lesbischer, schwuler, bisexueller, transsexueller, transgender, intersexueller und queer lebender Menschen (kurz: LSBTTIQ) sollen dadurch eine weiterreichende Akzeptanz von Seiten der Mehrheitsgesellschaft erfahren.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich dann Mitte Januar die Nachricht, dass eine Online-Petition „Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan unter der Ideologie des Regenbogens“ – initiiert seitens des evangelikalen Realschullehrers Gabriel Stängle – um Unterstützung warb – und bis zum Ende der Zeichnungsfrist den beachtlichen Zuspruch von gut 192.000 Petenten fand.

Die mittlerweile ein wenig entschärfte Fassung kommt auch auf den ersten Blick gar nicht so aggressiv-homophob daher, wie man es vielleicht erwarten würde. Erst beim näheren Hinsehen sollte man stutzig werden.
So wie Peter F., seines Zeichens homosexueller Gymnasiallehrer in einer Kleinstadt des um Stuttgart gelegenen „Speckgürtels“, einer Gegend mit hohem Anteil extrem konservativer Protestanten, den sogenannten evangelikalen Christen.
Peter F. hat gegenüber seinen Schülerinnen und Schülern sowie den meisten Kollegen sein Coming Out noch vor sich. Über die näheren Umstände – F.s Ängste und Sorgen – berichtet die „tageszeitung“ (taz) in einem bewegenden Artikel.
Dort findet sich u.a. ein Zitat aus eben jener Petition und wie F. darüber denkt: „‚Verhalten‘ steht da, der ganze Satz: ‚Aus der gleichen Würde jedes Menschen folgt noch nicht, dass jedes Verhalten als gleich gut und sinnvoll anzusehen ist‘, schreibt der Petent Gabriel Stängle. Peter F. schüttelt den Kopf. Ein bestimmtes Verhalten ist für ihn etwas Situatives, etwas, was man ändern kann. ‚Homosexualität ist ja kein Verhalten. Wer das behauptet, der hat gar nichts verstanden.'“

Und auch die Behauptung der „Anti-Regenbogenkrieger“ „Es gibt aber keinen empirisch nachweisbaren Zusammenhang zwischen Suizidgefährdung und Diskriminierung, der dies aufgrund nicht akzeptierender Einstellung im Bereich jugendlicher Homosexualität erklären kann.“ lässt sich mittlerweile aufgrund wissenschaftlicher Faktenlage nicht länger halten:
So kommt das Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich in Kooperation mit dem Verein „Dialogai“ für die Schweiz in seiner neuesten Studie zu dem Ergebnis:

„20% aller Schwulen haben einen Selbstmordversuch unternommen, d.h. eine von fünf homo- oder bisexuellen Personen. Die Hälfte dieser Suizidversuche werden noch vor dem zwanzigsten Lebensjahr verübt, öfters in Zusammenhang mit dem Coming Out (wenn jemand seine sexuelle Orientierung oder eine Gender-Identität öffentlich macht). Damit ist die Suizidgefahr bei jungen Homosexuellen im Alter von 16-20 Jahren zwei- bis fünfmal so hoch wie bei ihrer heterosexuellen Altersgenossen. Einer von drei jungen Schwulen, die sich mit Suizidgedanken tragen, geht den Schritt bis zum Selbsttötungsversuch. Eine erhöhte Suizidtendenz besteht weiter auch im erwachsenem Alter. […]

Erstmals wird für die Schweiz bestätigt, dass Homosexuelle, und ganz besonders junge Homosexuelle, eine Gruppe mit erhöhtem Selbstmordrisiko sind. Die Schlussfolgerungen des Forschungsprojekts bestätigen damit Ergebnisse aus anderen Ländern zu diesem Thema. Sexuelle Vielfalt muss bereits in der Schule thematisiert werden. Dabei sind homo- und bisexuelle Beziehungen als gleichwertige Lebensformen
wie heterosexuelle Beziehungen darzustellen.“

Eine schallende Ohrfeige also für die konservativen Petenten um Stängle, die in ihrer diffusen Homo-Abwehrhaltung nicht merken, dass eher sie und weniger der von ihnen kritisierte Bildungsplan eine ideologisch verbohrte Einstellung ausdrückt.

Doch was beim Thema Homophobie noch relativ klar ein massives aufklärerisches Echo fand, stellt sich komplett anders dar, wenn es um das Thema Pflanzengentechnik geht:
Der Anfang Februar im EU-Ministerrat zur Abstimmung bezüglich des geplanten EU-weiten Anbaus stehende mit einer Insektenresistenz ausgestattete „Gen-Mais“ 1507 (hat unveränderter Mais etwa keine Gene?) „erfreute“ sich hierzulande einmal mehr sämtlicher Propagandaregister, die die Anti-Gentechnik-Lobby von Greenpeace & Co. sowie mit ihnen verbündeter Verdummungsmedien aufzubieten hatte. Es sei an dieser Stelle aus Platzgründen lediglich auf einen erfreulich differenzierten FAZ-Artikel aus der Feder von Joachim Müller-Jung verwiesen, welcher Forschungsergebnisse referiert, die der antiaufklärerischen Gentech-Hysterie-Front nicht in den Kram passen dürften: „Wie sicher ist der Genmais?“ fragt der Autor, um dem werten Leser sogleich das Ergebnis der Studien Anthony Sheltons (Insektenkundler, Cornell University) zu präsentieren, wonach der 1507-Mais „harmloser jedenfalls als viele der herkömmlich auf den Feldern versprühten Insektiziden“ sei.

Kant hätte sicher seine Freude an diesem Beispiel ausgewogener (sprich: wahrhaft aufklärerischer) Berichterstattung, auch wenn diese – zumindest im Segment des Wissenschaftsjournalismus – auf dem absteigenden Ast begriffen zu sein scheint.
Und so bleibt ein ach so kaltherziger Rationalist wie ich („Rationale Armee-Fraktion“) am Ende mit gemischten Gefühlen zurück, wenn es um die Frage nach dem Stand der Aufklärung der bundesdeutschen Gesellschaft Anno 2014 geht…

„The number of the beast“ – Wem verdanken wir die Johannesapokalypse als biblischem Bestandteil?

Januar 31, 2014

„Der erste Engel blies seine Posaune. Hagel und Feuer, mit Blut gemischt, fiel auf die Erde. Ein Drittel der Erde und ein Drittel aller Bäume verbrannten, auch alles Gras verbrannte.
rom_tier
Dann blies der zweite Engel seine Posaune. Etwas, das wie ein großer brennender Berg aussah, wurde ins Meer geworfen. Ein Drittel des Meeres wurde zu Blut. Ein Drittel aller Meerestiere starb, und ein Drittel aller Schiffe wurde vernichtet.

Dann blies der dritte Engel seine Posaune. Ein großer Stern, der wie eine Fackel brannte, stürzte vom Himmel. Er fiel auf ein Drittel der Flüsse und auf die Quellen. Der Stern heißt ‚Wermut‘. Ein Drittel des Wassers wurde bitter. Viele Menschen starben an diesem Wasser, weil es vergiftet war.“
(Offb 8, 6 – 11, Übersetzung, auch aller nachfolgenden Bibelstellen: Gute Nachricht Bibel, Stuttgart 1998)

Auch heute, nach über zwanzig Jahren, erinnere ich mich hin und wieder daran, wie mich als blutjunger Konfirmand ein heiliger Schauer beim Lesen dieser und ähnlicher Bibelstellen überkam – das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes, hatte mich in ihren Bann geschlagen. Voll verinnerlichtem neuapostolischem Auserwähltheitsdünkel ( „Freuen dürfen sich die Auserwählten, die an der ersten Auferstehung teilhaben.“, Offb 20,6) und beinahe enthusiastischer Endzeitstimmung träumte ich mich in die letzten Tage der alten Erde hinein, las vom furchterregenden Tier, dessen Zahl 666 „die eines Menschen“ ist und vom kosmischen Krieg, den dieses Ungeheuer gegen Gottes Heilige führt, letztlich aber vernichtende geschlagen wird.

Bis heute stellt die Johannesapokalypse eines der faszinierendsten, aber auch dank seiner bombastisch-sadistischen Bilderwucht eines der rätselhaftesten Bücher der Christenheit, wenn nicht gar der Menschheitsgeschichte dar. Höchste Zeit also, der werten Leserin und dem verehrten Leser kurz anzureißen, wie dieses so blutrünstige, aber auch trostspendende Buch („Er [Gott] wird alle ihre Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben und keine Traurigkeit, keine Klage und keine Quälerei mehr“, Offb 21,4) Eingang in den biblischen Kanon finden konnte:

So schreibt die US-amerikanische Religionswissenschaftlerin Elaine Pagels über die Johannesapokalypse:

„Es sind Visionen, die fast auf jeden Konflikt übertragbar sind. Denn Johannes charakterisiert die ‚Bösen‘ zwar als ‚die Feigen […] und Ungläubigen und Frevler und Mörder und Unzüchtigen und Zauberer und Lügner und […] Götzendiener‘ (Offb 21,8), nicht jedoch anhand bestimmter Taten, weshalb fast jeder für sich in Anspruch nehmen kann, auf der Seite Gottes zu stehen und die ‚Bösen‘ zu bekämpfen. Im Lauf der Jahrhunderte haben seine Visionen religiöse Wut bestärkt, wie er selbst sie empfand: die Wut derer, die unterdrückt werden und auf Rache sinnen gegen jene, die ihr Volk foltern und töten. Doch jene, die im Namen Gottes foltern und töten, betrachten sich oft gleichfalls als die Gerechten, als Diener Gottes, die eine göttliche Strafe vollstrecken. […]

Christen haben diese Visionen seither immer wieder dem Wandel der Zeit angepasst und die sozialen, politischen, und religiösen Konflikte ihrer eigenen Epoche in diesen kosmischen Krieg hineingelesen, den Johannes so wortgewaltig beschwört. Höchst erstaunlich ist, in welcher Weise Konstantin die Visionen der Johannesoffenbarung von Christi Sieg über Rom zur Untermauerung seines eigenen imperialen Herrschaftsanspruchs zu nutzen verstand.“


(Elaine Pagels: Apokalypse. Das letzte Buch der Bibel wird entschlüsselt.
München 2013, S. 168f.)

Der Verfasser der Apokalypse, der häufig als identisch mit seinem Namensvetter, dem Jesus-Jünger Johannes Zebedäus und vermeintlichen Evangelisten angesehen wird (was die Bibelwissenschaft jedoch mit großer Mehrheit ablehnt), brachte seine düsteren Vorspiegelungen nach divergenter Meinung der Forschung entweder in der Regierungszeit Kaiser Neros (68/69 n. Chr.) oder unter Kaiser Domitian (81 – 96 n. Chr.) zu Papyrus.

Von Interesse ist in diesem Zusammenhang, dass bereits kurz nach der Abfassung dieses Werkes der Streit innerhalb der jungen christlichen Religion um sich griff, ob die Johannesoffenbarung als maßgebliche Glaubensgrundlage betrachtet werden solle.

Knapp 300 Jahre nach seiner Niederschrift ist es dann Bischof Athanasius von Alexandria, der 367 n. Chr. in seinem 39. Osterfestbrief den Kanon aus 27 neutestamentlichen Büchern, wie wir sie heute noch kennen, als verbindlich festlegt (also einschließlich der Johannesapokalypse) – auch wenn dies noch lange nicht das Schlusswort im Jahrhunderte währenden Gezänk um die Frage des biblischen Kanons sein sollte. Im Übrigen jener Athanasius, der als Sieger aus dem Arianischen Streit hervorgegangen war und maßgeblich dafür verantwortlich zeichnet, dass Jesus auf dem Konzil von Nizäa 325 n.Chr. als „wesensgleich (griech. homoousios) mit dem Vater“ erklärt wurde.
By the way: Athanasius war es auch, der den Sohn Kaiser Konstantins, Konstantius, als „das Tier“ der Apokalypse betrachtete.
Laut Pagels kam die Offenbarung des Johannes von Patmos Bischof Athanasius deshalb so gelegen, weil diese sich nicht nur – wie in der Zeit der Christenverfolgung vor der „Konstantinischen Wende“ 311 n. Chr. – gegen das Imperium Romanum wenden, sondern auch innerhalb der jungen christlichen Religion all diejenigen als Anhänger des „Drachens“ verleumden ließ, die dem Kirchenmann aus Alexandria als „Häretiker“ (also „Ketzer“) ein Dorn im Auge waren.

An dieser Stelle sei außerdem darauf hingewiesen, wie widersprüchlich der uns heute vertraute Kanon des Neuen Testaments Jesus darstellt: Der allseits bekannten Forderung nach Feindesliebe (Mt 5,44) steht in der Johannesoffenbarung ein überaus brutaler Weltenherrscher entgegen: „Aus seinem Mund kam ein scharfes Schwert, mit dem er die Völker besiegen wird. Er wird sie mit eisernem Zepter regieren und sie zertreten, wie man die Trauben in der Weinpresse zertritt.“ (Offb 19,15)

Wie ernst kann man einen „Gott“ nehmen, der seinen Sohn im wahrsten Wortsinn derart zweischneidig agieren lässt? Und wie ernst kann man Kirchenfunktionäre nehmen, deren krude Ansichten sie nicht an der Durchsetzung ihrer Vorstellungen zum biblischen Kanon hinderten? Ein weiteres und noch sehr viel anschaulicheres Beispiel mag die Begründung liefern, die über 150 Jahre vor Athanasius der Bischof und „Kirchenvater“ Irenäus von Lyon (ca. 135 – 202 n. Chr.) dafür abgab, um die Anzahl der biblisch kanonisierten Evangelien zu rechtfertigen:
„‚es ist nicht möglich, dass die Evangelien in ihrer Anzahl entweder mehr oder weniger sein können, als sie es sind. Denn da es vier Zonen der Welt, in der wir leben, gibt und vier Hauptwinde, während die Kirche über die ganze Erde zerstreut ist und die Säule und der Grund der Gemeinde das Evangelium ist… ist es passend, dass sie vier Säulen haben sollte…‘ Mit anderen Worten: vier Enden der Erde, vier Winde, vier Säulen – das heißt notwendigerweise auch vier Evangelien.“
(Bart D. Ehrman: Abgeschrieben, falsch zitiert und missverstanden. Wie die Bibel wurde, was sie ist.
Gütersloh 2008, S. 49f.)

We shall overcome!

Dezember 19, 2013

Stell dir vor, du bist jung, vielleicht gerade erst 18 geworden oder Anfang zwanzig, das Leben liegt noch vor dir. Du wirst von einem Elternteil ständig wegen Nichtigkeiten (oder auch mal völlig grundlos) geschlagen, eingesperrt. Sie haben Angst, dass du deine Jungfräulichkeit verlierst und damit die „Familienehre“ befleckst..
we-shall-overcome
Als du dich aus Protest gegen diese kranke Situation nackt ausziehst und dieses Foto ins Internet stellst, bricht ein geifernder Mob über dich her, überzieht dich mit Morddrohungen, so dass du dich schließlich dazu entscheidest, ins sichere Ausland (z.B. nach Schweden) zu fliehen…

Ein Artikel aus dem aktuellen SPIEGEL über genau diesen Fall einer jungen Frau hat mich bewogen, meinen Dezember-Blogeintrag einmal all denjenigen Menschen zu widmen, die so mutig sind und sich, wo sie auch leben mögen, den Mächten des Klerikalfaschismus (oder auch „einfach nur“ des kulturell bedingten Machismo) in den Weg zu stellen.

Bei jenem Mädchen handelt es sich um die Ägypterin Aliaa Mahdi. 2011 wurde sie mitten im „Arabischen Frühling“ für eben jenes Nacktfoto für kurze Zeit weltberühmt, ist mittlerweile jedoch überwiegend in Vergessenheit geraten. Sie floh vor der Gewalt ihres Elternhauses und der religiös-fundamentalistischen Hetze in ihrem Heimatland, lebt nun in Schweden vereinsamt an wechselnden Orten, um möglichen Attentätern zu entgehen, und beteiligt sich schon einmal an einem Nacktprotest der Feministinnentruppe „Femen“ vor der ägyptischen Botschaft in Stockholm gegen das islamische Strafrecht, die Scharia. [nach unten scrollen]
An dieser Stelle möchte ich euch allen danken, die ihr täglich eure Gesundheit, teils sogar euer Leben auf´s Spiel setzt, damit die Kräfte der Reaktion nicht noch weiter die Oberhand gewinnen: Seien es radikalislamische Salafisten, Taliban, indische Vergewaltiger oder russische Demokratoren vom Schlage Putin. Stellvertretend seien genannt:

Pussy Riot
Aliaa Mahdi
Salman Rushdie
Hamed Abdel-Samad
Malala Yousafzai
Ayan Hirsi Ali
Jyoti Singh Pandey (vergewaltigte und zu Tode gefolterte Studentin aus Delhi)
Apne Aap (indische Hilfsorganisation für ehemalige Sexsklavinnen)
und so viele ungenannte andere.

Auch wenn es jetzt furchtbar pathetisch klingt, aber ich verneige mich in Ehrfurcht vor euch!
Ihr habt der Welt gezeigt, dass es mehr gibt im Leben als den täglichen Konsumwahn und all die ach so wichtigen Belanglosigkeiten unserer saturierten Überflussgesellschaft!
WE SHALL OVERCOME SOME DAY!

Lektüretipps:
Takis Würger: Das satanische Foto. In: DER SPIEGEL 51/2013 vom 16.12.2013
Malala Yousafzai: Ich bin Malala. Das Mädchen, das die Taliban erschießen wollten, weil es für das Recht auf Bildung kämpft
Salman Rushdie: Joseph Anton, Die Autobiografie
Nicholas D. Kristof / Sheryl WuDunn: Die Hälfte des Himmels. Wie Frauen weltweit für eine bessere Zukunft kämpfen

„Das Eiapopeia vom Himmel“ – der Christenheit harmlose Adventsbotschaft

November 30, 2013

Mit der anbrechenden Adventszeit begegnen sie einem quasi auf Schritt und Tritt: Die altbekannten Weihnachtslieder, in wahrstem Wortsinne „alle Jahre wieder“ in unzähligen Variationen gesungen oder instrumental dargeboten.
Wellnesspredigt
Eines der bekanntesten dieser Lieder ist sicherlich „Tochter Zion, freue dich“, basierend auf mehreren von Friedrich Heinrich Ranke (1798 – 1876) umgetexteten Chorsätzen aus Georg Friedrich Händels Oratorien Judas Maccabäus sowie Joshua.
Der Liedtext ist dabei in Teilen dem Buch des Propheten Sacharja (Kapitel 9, Verse 9 und 10) entnommen:
Die Gute Nachricht Bibel (Stuttgart 1998) gibt die relevante Passage wie folgt wieder:
„Freu dich, du Zionsstadt! / Jubelt laut, ihr Bewohner Jerusalems! / Seht, euer König kommt zu euch! / […] Er stiftet Frieden unter den Völkern. […]“

Für die werte Leserschaft von Interesse sollte dabei insbesondere die daraus für besagtes Adventslied abgeleitete Textzeile „Sieh, dein König kommt zu dir, ja, er kommt, der Friedefürst“ sein, wobei nach altbewährter christlicher Lesart kein anderer als der „Gottessohn“ Jesus Christus selbst dieser Friedefürst sein muss.
Ein kurzer Blick in die Weltgeschichte der letzten 2000 Jahre, aber auch die aktuelle politische Weltlage (Bürgerkrieg in Syrien, Dauerkonfliktherde Afghanistan, Pakistan, Somalia etc.) sollte dabei doch jedem halbwegs wachen Christenmenschen vor Augen führen, dass jene verheißungsvolle Friedensankündigung sich als grandioser Irrtum erwiesen hat.

Nun wäre das Christentum lediglich eine unbedeutende Randnotiz der Weltgeschichte und vermutlich niemals über die Grenzen des Mittelmeerraumes hinausgekommen, hätten sich seine Verkündiger nicht von Beginn an auf eine clevere Strategie verstanden – einer Strategie der (teils recht gewaltsamen) Umdeutung alttestamentarischer Prophetenworte auf Jesus, um ihrer allzu leichtgläubigen Anhängerschaft immer wieder aufs Neue zu versichern, dass jener Jesus von zahlreichen „alten Gottesmännern“ vorhergesagt worden und der Glaube der Gemeinde somit alles andere als naiv sei.
Aus Platzgründen möchte ich an dieser Stelle nicht näher auf Einzelheiten eingehen; es sei mir lediglich der Verweis auf das entsprechende Kapitel „Jesus von Nazareth – ein entzauberter Gottessohn“ in H.-W. Kubitzas „Jesuswahn“ sowie auf folgende Website erlaubt: „Über die Prophezeiungen zu Jesus“.

Was taten nun die christlichen Apologeten, um besagte auf Jesus gemünzte Prophetenworte so darzustellen, dass es Otto Normalchrist nicht mitbekommt, dass diese der Konfrontation mit der Realität kein bisschen standhalten können? Richtig, sie bedienten und bedienen sich bis heute einer Trias von Interpretationskniffen. Der katholische Theologe Georg Betz bezeichnet sie in seinem – auch für Agnostiker wie mich – absolut lesenswerten, mittlerweile über zwanzig Jahre alten Büchlein
„Verehren wir den falschen Gott? Wider die Verharmlosung der Sache Jesu“
als Verjenseitigung, Vergeistigung und Verprivatisierung:

„Von der Geburt des ‚Retters‘ ist da die Rede, von der Ankunft des ‚Friedensbringers‘, des ‚Erlösers‘, des ‚Führers aus dem Jammertal‘. […] Bald zweitausend Jahre wird dies nun schon verkündet. Aber ist da nicht immer noch die mächtige Sehnsucht nach dem besseren Leben und der menschlicheren Gesellschaft? Weil die Realitäten außerhalb des Gottesdienstes so ganz anders, beängstigend unheilvoll sind. Irgendwie paßt das alles nicht recht zusammen. Auch wenn man sich die Wende zum umfassenden Glück und Frieden als einen Prozeß vorstellt, der mit Jesu Kommen angefangen hat, und nicht als schlagartig eingetretenen totalen Umbruch der Verhältnisse: Was heute, zweitausend Jahre nach dem Anfang so läuft in dieser Welt, paßt wirklich nicht zu dieser Verkündigung. Eigentlich müßte die Diskrepanz irritieren. Viel schärfer kann sie kaum sein. Aber merkwürdigerweise irritiert sie die vielen Millionen, die hierzulande diese Verkündigung mitbekommen, scheint´s nicht. […]
Wie werden die biblischen Texte nun konkret eingefärbt, so daß sie sich reibungslos mit dem ganz anderen Augenschein vertragen? Eine erste Variante dieser Färbung ist die Verjenseitigung: Was die Propheten verheißen haben und im Bekenntnis der Christen mit Jesus Wirklichkeit geworden ist – […] das alles wird einfach ins Jenseits gerückt. […] Die Bibel, so dieses Deutungsmuster, spreche von dem, was nach dem Diesseits komme, vom Dermaleinst im Himmel, von der Ewigkeit nach dem kurzen Gastspiel hier auf Erden. Und weil deren Verfasser Menschen gewesen seien und nur ihren menschlichen Wortschatz zur Verfügung gehabt hätten, um von der ganz anderen Wirklichkeit zu schreiben, die ‚kein Auge je gesehen, kein Ohr je gehört‘ (1. Korinther 2,9) habe, hätten sie eben die Begriffe gebraucht, in die Menschen ihre großen Sehnsüchte kleiden: Frieden, Gerechtigkeit, Gemeinschaft, erfülltes Leben, Liebe. […]

Im Unterschied zur Verjenseitigung bezieht ein zweites Deutungsmuster, das der Vergeistigung oder Verinnerlichung , die Rede von der neuen Welt, der großen Freude und vom umfassenden Frieden durchaus auf das Jetzt, das Diesseits, die Jahre zwischen Geburt und Tod, die menschliche Geschichte. Aber es bezieht diese Worte nicht auf das menschliche Zusammenleben, auf die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse. Es versteht sie als Wort an die Seele des einzelnen, über den Zustand in seinem Herzen, den er aus der rechten Beziehung zu Gott jetzt schon gewinnt.
Die Rede vom Sieg über alle Not, vom Ende des Hungers, vom Aufblühen der Steppe – all das wird symbolisch verstanden, übertragen auf das menschliche Innere, das als chaotisches Durcheinander, als Nacht, als Wüste erlebt wird, als tot, solange es sich dem Glanz Gottes entzieht. Was die Propheten zu sagen hatten, war demnach Poesie. Der Frieden der Bibel meine den Seelenfrieden, die tiefe Ruhe, zu der das unruhige, verzagte Herz finde, die stille innere Freude und Zufriedenheit, die das Ich umfange. […]

Einen Schritt weiter ins Diesseits als die Vergeistigung und Verinnerlichung geht ein drittes Muster der Deutung und Färbung biblischer Verheißungs- und Erfüllungsaussagen und der auf sie gebauten liturgischen Texte und Gesänge: die Verprivatisierung . Sie bezieht sie durchaus auf den sozialen Raum. Aber eben nur auf den sogenannten privaten Bezirk, und der umfaßt hauptsächlich Ehe, Familie, Verwandtschaft, allenfalls noch die Nachbarschaft und den Kollegenkreis am Arbeitsplatz. Dazu kommen noch die Kirchenräume. […]

Vor allem die Schriften des Alten Testaments sind über weite Strecken hin der großen Mehrheit hierzulande völlig unbekannt. Und was an Erzählungen und Worten ins gängige Bibelbewußtsein eingegangen ist, das fristet dort ein ziemlich beziehungsloses, vereinzeltes Dasein. Solche punktuelle Bibelkenntnis ist natürlich geeignet, jede Menge ungewollter und unbemerkter Verdrehungen, Verkürzungen und Fehldeutungen zu fördern. Mir scheinen davon besonders die Propheten betroffen zu sein. […] nehmen wir Amos, den ersten Propheten, von dem Schriftliches vorliegt. Er prangert die ungerechte Verteilung der Früchte des wirtschaftlichen Aufschwungs an, der in seiner Zeit dem Nordreich beschieden ist […]:
Prophet Amos
„Hört dieses Wort, die ihr die Schwachen verfolgt und die Armen im Land unterdrückt. Ihr sagt: Wann ist das Neumondfest vorbei? Wir wollen Getreide verkaufen. Und wann ist der Sabbat vorbei? Wir wollen den Kornspeicher öffnen, das Maß kleiner und den Preis größer machen und die Gewichte fälschen. Wir wollen mit Geld die Hilflosen kaufen, für ein paar Sandalen die Armen. Sogar den Abfall des Getreides machen wir zu Geld.
Beim Stolz Jakobs hat der Herr geschworen: Keine dieser Taten werde ich jemals vergessen.“

Amos 8, 4 – 7

[…] Wir könnten weitermachen: Bodenspekulation, die Sozialgesetzgebung, der Alkoholkonsum, Gewalttätigkeit und innere Sicherheit, der politische Stil, der Modus der Wahl des nationalen Führers, das Anspruchsdenken in der Gesellschaft, die Unterdrückung und Demütigung der Armen und Schwachen, fehlende Verantwortung und Sorge um das eigene Land bei der Führungsschicht, die Pfandpraxis, bei der schon aufgrund minimaler Schulden Häuser und Grundstücke verpfändet und beschlagnahmt werden – all das ist Thema und Zielscheibe der im Auftrag Gottes ausgeübten prophetischen Kritik. Solche ganz erdverhafteten Männer sollen bei ihren Verheißungen einer besseren Zukunft aufs Jenseits vertröstet, hauptsächlich an eine innerseelische Wirklichkeit oder nur an den privaten Bezirk als Geltungsbereich gedacht haben? […]

Analog zu seinen Ausführungen über die Propheten proklamiert Betz diese absolut „bodenständige“ Theologie auch für den historischen Jesus:

Der Mann aus Nazaret, der damals durch die Dörfer und Städte zieht, in Synagogen auftritt und Kranke heilt, ist – und schon das nehmen ganz viele in seiner Tragweite nicht mehr ernst genug – Jude. Er ist im jüdischen Milieu vor bald zweitausend Jahren groß geworden. Die Menschen um ihn herum allesamt auch. Zum Jude-sein gehört damals ganz wesentlich, die Schrift zu kennen: das Alte Testament und darin nicht zuletzt die Texte der Propheten. Gerade sie sind besondes hochgeschätzt. […]
Ihm und vielen seiner Landsleute sind die Erwartungen des glückhaften Neubeginns in Israel ständig gegenwärtig. Es kann aber damals niemandem verborgen bleiben, daß das auserwählte Volk alles andere als das Modell ist, zu dem alle Völker pilgern, um zu lernen, wie man friedlich zusammenlebt und wie alle ‚Leben in Fülle‘ (Johannes 10,10) finden. […]
Besatzer beherrschen das Land, Heiden. Freiheit und Eigenständigkeit sind dahin, und das in einem Volk, das die Befreiung von der Herrschaft Ägyptens seit Jahrhunderten als das große Ereignis seiner Geschichte begeht. […]
Wer sich diesen nach Gemeinschaft, Auskommen, Freiheit, Gesundheit, nach ‚Leben‘, wirklichem, erfülltem, anerkanntem, sattem Leben schreienden Resonanzboden Jesu vergegenwärtigt, kann die Auffassung eigentlich nur absurd finden, daß Jesus die Propheten umgedeutet, hauptsächlich aufs Jenseits vertröstet oder lediglich auf die Ausbreitung des inneren Seelenfriedens hingearbeitet haben soll, nicht aber auf die Erneuerung der gesellschaftlichen Zustände, weil das nicht in sein Ressort gefallen sei. […]
Der Glaube, die Gebräuche und Träume, die Bedrückungen und Nöte der Landsleute Jesu gehen, weil meist auch gar nicht bekannt, in die heutige Wahrnehmung der Evangelien nicht mit ein. Der erhöhte Christus hat im allgemeinen Glaubensbewußtsein den historischen Jesus so verdrängt, daß kaum jemanden mehr irritiert, was die Jenseits- und Innerlichkeits(um)deutung der Evangelienaussagen oder deren Geltungsbegrenzung auf den privaten Bereich irritieren müßte.“
(S. 15, 17, 20f., 23, 25f., 31f., 33, 35, 39f., 41f.)

Soweit also der Katholik Betz in seiner messerscharfen Beobachtung der auch heute hierzulande weit verbreiteten „Kuscheltheologie“, wie sie uns gerade in der Vorweihnachtszeit mannigfaltig begegnet.
Dass Betz aus seiner Analyse nicht die letzte Konsequenz zieht und die Sache Jesu als offensichtlich gescheitert betrachtet, sei einmal dahingestellt.
Mich erinnern diese weichgespülten Theologieübungen eines innerlich weitgehend ausgehöhlten Christentums an den großen deutschen Querdenker-Dichter Heinrich Heine (1797 – 1856). Und um mit den ebenso hochpoetischen wie treffenden Worten aus seinem Gedicht „Deutschland. Ein Wintermärchen“ zu enden, in dem er ein „kleines Harfenmädchen“ auftreten lässt:


Sie sang vom irdischen Jammertal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ew’gen Wonnen.

Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.
[…]

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

In disem Sinne wünsche ich allen Lesern meines Blogs eine im wahrsten Wortsinn be-sinnliche Advents- und Weihnachtszeit!

Peinliche Konkurrenz

Oktober 25, 2013

Wer bis jetzt im Glauben war, nur Endzeitgruppierungen und andere, ihre „heiligen Schriften“ überwiegend wörtlich nehmende Religionsgemeinschaften hätten das Monopol auf peinliche Ansichten gepachtet, dem sei ein Artikel aus der Oktoberausgabe der von mir sehr geschätzten Zeitschrift „Aufklärung und Kritik“, herausgegeben von der Gesellschaft für Kritische Philosophie Nürnberg ans Herz gelegt:

psalm_231_farbig_1510505
Prof. Dr. Thomas Rießinger nimmt darin die „Deutungskünste“ des ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Dr. Wolfgang Huber, entnommen dessen Buch
„Darauf vertraue ich“
, regelrecht auseinander. (Die Fettungen stellen Huber-Zitate dar, die Ziffern in Klammern weisen auf die jeweilige Seitenangabe hin.):

Er [Huber] beginnt mit dem 23. Psalm, dessen bekannte Eingangsworte „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ immer wieder gerne zitiert werden. Dass es in diesem Psalm um ein Vertrauen geht, „das an den Grenzen des Lebens Bestand behält,“ (12) will unser Autor verdeutlichen, indem er an die Ereignisse des 11. September 2001 erinnert. Nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center habe man bei einem Gottesdienst in Berlin „Zuflucht zur Sprache der Bibel“ genommen, „vor allem zum 23. Psalm, dem Vertrauenspsalm.“ (12)
In Anbetracht der Terroropfer erscheint das ein wenig seltsam. Wurde nicht gerade das „Urvertrauen“ Tausender Menschen grausam enttäuscht? Hat der Herr, der absolut vertrauenswürdige Hirte, den Opfern des Anschlags einen Tisch im Angesicht seiner Feinde bereitet, wie es der Psalm so poetisch formuliert? Hat er ihren Angehörigen Gutes und Barmherzigkeit geschenkt, worüber sich der Psalm so lobend äußert? Er hat nichts dergleichen getan – sondern – wenn man einmal seine Existenz voraussetzt – wieder einmal bewiesen, dass ihm das Schicksal der Menschen völlig gleichgültig ist. Daraus eine Aufforderung zum Gottvertrauen abzuleiten, ist doch etwas gewagt. […]

„Entscheidend freilich ist nicht das Vertrauen, das wir anderen Menschen entgegenbringen… Eine feste Grundlage für unser Leben erreichen wir erst dann, wenn wir ein letztes Vertrauen nicht in uns selbst und andere Menschen, sondern in Gott setzen.“ (17)
Das hätte er gern. Bedauerlicherweise zeigt die Geschichte der Menschheit und insbesondere die Geschichte des menschlichen Leidens, dass ein solches Gottvertrauen alles andere als angebracht ist, da der allmächtige Gott keinen sehr entgegenkommenden Umgang mit dem Vertrauensvorschuss der Menschen an den Tag legt und sie ungerührt dem Bösen in der Welt überlässt, das es ohne seinen Willen nicht geben könnte. […]

[…] unbeeindruckt erläutert unser Autor nun, das „Staunen über die Schöpfung“ gebe „unserem Gottvertrauen eine innere Gewissheit,“ der Schöpfungsglaube verhelfe „der Dankbarkeit zur Sprache“ , und „in dieser Dankbarkeit nimmt das Vertrauen, dass Gott es mit mir selbst und mit der Welt gut meint, konkret Gestalt an.“ (21)
Aus der puren Existenz des Universums und des Lebens kann man somit nicht nur schließen, dass der Schöpfer ausgesprochen vertrauenswürdig ist, man weiß sogar Bescheid über seine Intentionen: Er meint es gut mit der Welt und mit uns. Huber kommt nicht auf den Gedanken, dass man die Lage auch anders sehen könnte. Wer etwas erschafft, muss es noch lange nicht gut mit seiner Schöpfung meinen, es könnte sie auch zu Versuchszwecken aufgebaut haben und sich an den unbeholfenen Versuchen seiner Geschöpfe erfreuen, mit ihrer komplizierten Situation fertig zu werden. Oder er könnte sie bald nach dem Schöpfungsakt vergessen haben, weil sich ein interessanteres Spielzeug fand. Der Verlauf der Weltgeschichte gibt Anlass zu der Vermutung, dass solche Verhaltensweisen dem göttlichen Umgang mit der Schöpfung näher kommen als es Huber lieb sein kann.
Huber teilt uns nun mit, wir Menschen seien Beziehungswesen, aber „unter der Vorherrschaft einer egoistischen Lebensorientierung trat das in den Hintergrund. Doch das bloße Kreisen um sich selbst ist schöpfungswidrig.“ (22)
Seltsam nur, dass das große Ziel jedes Christen, der Eingang ins Paradies, ein äußerst egoistisches Ziel darstellt und die christliche Religion diesen Heilsegoismus ganz entschieden fördert. Dass die Menschen „zum Ebenbild Gottes geschaffen“ sind, (23) hilft Huber da auch nicht weiter, denn gerade Gott hat sich im Verlauf seiner biblischen Karriere nicht unbedingt als soziales, sondern eher als egozentrisches Wesen gezeigt, dem der eigene Wille über alles geht. Der menschliche Egoismus scheint daher nicht schöpfungswidrig, sondern eher schöpfungs- und sogar gotteskonform zu sein. […]

Ebenso unbegründet bleibt der Schluss, die Bibel sehe in den Menschen „nicht Diener der Götter, sondern Gottes Ebenbild.“ (24) […]
Die Würde des Menschen als eines der drei zentralen Elemente des biblischen Schöpfungsgedankens zu benennen […] erscheint daher etwas gewagt. Dass sie dort keine nennenswerte Rolle spielt, sieht man spätestens dann, wenn man die Erzählung über das Paradies weiter verfolgt. Bekanntlich stand dort im Garten Eden der Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen, und Gott verbot seinen mit Würde ausgestatteten Ebenbildern, von den Früchten dieses Baumes zu essen, „denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.“ Ich will einmal von der Frage absehen, wie in einer derartigen Drohung wohl die „Dankbarkeit für das Geschenk der Schöpfung“ veranschaulicht werden soll. Entscheidend ist, dass Gott hier den Menschen, den Ebenbildern Gottes, für eine eher harmlose Regelübertretung den Tod androht und sich dabei auch noch den Spaß erlaubt, sie in völliger Ahnungslosigkeit zu belassen: Sie konnten ja noch nicht wissen, dass ein Bruch der göttlichen Regeln eine böse Handlung sein muss, da ihnen das Essen vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen verwehrt blieb. Geht man so mit seinen Ebenbildern um? Vor allem dann, wenn man ihnen nach Hubers Auffassung eine eigene Würde zugestehen will? Gottes und Hubers Vorstellung von Menschenwürde laufen darauf hinaus, dass der Mensch Gottes Würde zu achten hat und umgekehrt Gott mit dem Menschen tun kann, was er will. Damit verdeutlicht man tatsächlich „die Überlegenheit des Schöpfers,“ (24) aber sicher nicht die Würde des Menschen, eher seine Herabwürdigung zu Gottes Spielzeug.

Realsatire der „blinden Blindenführer“

September 21, 2013

In diesem Monat beglückt die Neuapostolische Kirche Mitglieder wie Passanten ihrer Kirchenlokale gleichermaßen mit einer schlichten „Weisheit“ in Form des aktuellen Monatsplakats September 2013, welche uns wissen lässt:

„Kirche ist nichts für Abergläubige. Aber für Gläubige.“

karikatur568

Was aber sollen wir uns unter dem Stichwort „Aberglauben“ eigentlich vorstellen? Das Internet-Lexikon wissen.de definiert ihn wie folgt:

„Aberglaube

ursprünglich eine abwertend gebrauchte Bezeichnung der Kirche für religiöse Vorstellungen, die von der christlichen Lehre abweichen und in denen Reste vorchristlichen Denkens oder magischer Vorstellungen vermutet wurden; […]

Das deutsche Wort Aberglaube ist zum ersten Mal im 12. Jahrhundert belegt. Es diente als Übersetzung des lateinischen „superstitio“ und bezeichnete den von der offiziellen theologischen Lehre abweichenden (Irr-)Glauben; im 16. Jahrhundert wurde das Wort allgemein gebräuchlich und diente dem Klerus zunehmend als Kampfbegriff gegen Häretiker und Ketzer.“

Wie dieser Definition also unschwer zu entnehmen ist, handelt es sich beim „Aberglauben“ schon seit Langem kirchlicherseits um den Versuch, die eigenen Heilslehren mit der Gloriole des einzig wahren Glaubens zu umgeben und in Abgrenzung von allem Anderweitig-Religiösen, irgendwie Suspekten hinzustellen.

Und da sich die christlichen Kleriker – und mit ihnen auch die neuapostolischen – nicht zuletzt in Konkurrenz zu heidnisch-magischen Vorstellungen sahen respektive sehen, sei an dieser Stelle die Bemerkung gestattet, dass der allgemein-christliche Teufelsglaube (wie ihn auch die NAK bekanntlich in naiv-wörtlicher Form konserviert) zu den magischen Denkmustern in Reinkultur zu zählen ist. Beruht dieser schließlich auf der archaisch-mythischen Sichtweise, „das Böse“ werde durch die Einflüsterungen einer äußeren satanischen Instanz in das dadurch „sündhafte“ Menschenkind hineingetragen.

Treffend schreibt dazu der Philosoph und Religionskritiker Michael Schmidt-Salomon in seinem Werk Jenseits von Gut und Böse. Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind :

„Wissenschaftler führen sämtliche Erscheinungen in der Welt auf natürliche Ursachen zurück. Der große Erfolg der Wissenschaften, ihr deutlicher, sich unter anderem in der Entwicklung der modernen Technologie manifestierender Vorsprung gegenüber religiösen Welterklärungsmodellen, beruht nicht zuletzt auf der fruchtbaren (naturalistischen) Unterstellung, dass es im Universum ‚mit rechten Dingen zugeht‘, dass weder Götter noch Dämonen noch Kobolde in die Naturgesetze eingreifen. In dieser nüchternen, wissenschaftlichen Betrachtungsweise sind wir Menschen nichts weiter als eine im Verlauf der natürlichen Evolution zufällig entstandene Primatenart. […]

Deshalb ist für eine spezielle Wirkmacht ‚des Bösen‘ als einer besonderen Kraft in der Geschichte des Menschen in der wissenschaftlichen Betrachtungsweise kein Platz!

Mit anderen Worten: Die Idee des Bösen, die ja nicht nur dazu herangezogen wird, um menschliche Handlungen zu bewerten, sondern auch um diese zu erklären, stellt aufgrund der in ihr enthaltenen übernatürlichen Unterstellungen (‚Es gibt ein eigenes, über natürliche Ursachen nicht zu erklärendes Reich des Bösen!‘) einen Verstoß gegen wissenschaftliche Erkenntnisprinzipien dar. Insofern ist ‚das Böse‘ nicht bloß eine nicht wissenschaftliche, sondern sogar eine unwissenschaftliche Kategorie.“ (S. 36f.)

Gleiches ließe sich selbstverständlich ebenso auf die blutrünstige Sühneopfer-Theologie bezüglich des Kreuzestodes Jesu und weitere Elemente christlicher Mythologie übertragen, vom neuapostolischen Sondergut (Entschlafenenwesen etc.) ganz zu schweigen.

Wie sagte der „Seniorchef“ der deutschsprachigen Religionskritiker-Szene und Autor der zehnbändigen „Kriminalgeschichte des Christentums“, Karlheinz Deschner, so wunderbar treffend:
„Daß Glaube etwas ganz anderes sei als Aberglaube, ist unter allem Aberglauben der Größte.“

Psychodynamik à la „Werk des Herrn“

August 24, 2013

Sie können schon richtig nervig sein, diverse Kritiker des „Volkes Gottes“, des „Werk des Herrn“, besonders wenn sie sich weigern, sich die süße Droge von der „NAK 2.0“ einträufeln zu lassen, dem Märchen von einer vermeintlich modernen Kirche mit rundum zufriedenen und mündigen Mitgliedern.
Indoktrination
Mit Fug und Recht kann man Detlef Streich zu diesen „Wadenbeißern“ unter den NAK-Kritikern zählen, legt er doch in mehreren quasi-wissenschaftlichen Ausarbeitungen auf seiner Homepage immer wieder den Finger in die Wunde dieser Endzeitgemeinschaft, deren Führungspersonal seit einiger Zeit viele Hebel in Bewegung setzt, um seine Religionsgemeinschaft aus der ungeliebten „Sektenecke“ herauszukatapultieren.
Aber nicht nur dort schreibt der rührige Detlef Streich mit spitzer Feder gegen das Apostelimperium der Endzeit an, seine Beiträge finden sich u.a. auch im SeeMoZ – Online Magazin am Bodensee, wo er den Konstanzer Oberbürgermeister Horst Frank aufgrund dessen Aufwartung bei der örtlichen Filiale der „Erstlinge und Überwinder“ seiner Kritik unterzog. Auf die Einzelheiten dieser Auseinandersetzung soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden, vielmehr möchte ich die aufschlussreiche Reaktion des Vorstehers einer nicht näher genannten NAK-Gemeinde offenbar aus dem deutschsprachigen Raum auf den Streich-Artikel in den Mittelpunkt meiner Ausführungen stellen:
Herr Streich führt zunächst handwerklich einwandfrei Zitate aus dem „Wort zum Monat November 2010“ (Verantwortlicher Urheber: der seinerzeitige Stammapostel Wilhelm Leber) an, die einmal mehr glasklar die subtil-manipulativen Wirkmechanismen zahlreicher neuapostolischer Predigten belegen und als das benennt, worauf sie abzielen, nämlich nicht zuletzt auf „Denkverbote“ für die Gläubigen.
Wie anders soll man es in Worte kleiden, wenn Leber in typisch-metaphorischer NAK-Sektenmanier ausführt:
„Da ist das Boot des Unglaubens und des Zweifels: Viele Menschen glauben nicht an Jesus Christus, sie glauben schon gar nicht, dass sich der Herr Jesus heute in seinen Knechten offenbart. Wenn sie aufgefordert werden, Jesu nachzufolgen, müssen sie dieses Boot des Unglaubens verlassen.“
und kurz darauf
„Viele Menschen haben ihre eigene, feststehende Meinung und sagen: Ich lasse nichts anderes gelten als das, was ich denke. Besonders was die Zukunft und die geistigen Dinge betrifft: da beharren solche Menschen auf ihren eigenen Theorien und Ideen und sind nicht zur Nachfolge bereit. Wir können aber nicht auf unsere eigene Meinung pochen, sondern wir wollen bereit sein, dem Herrn Jesus nachzufolgen.“

Die Botschaft ist klar: Eigenes Denken, welches dem Wort aus „Apostelmund“ entgegensteht oder gar zum ach so schrecklichen „Unglauben“ führt, hat bei uns nichts verloren und muss ausgemerzt werden!
(Übrigens kein allein der NAK anzulastender Verstoß gegen die grundgesetzlich garantierte Meinungsfreiheit, sondern klipp und klar im Neuen Testament belegt: „Wer zum Glauben kommt und sich taufen lässt, wird gerettet. Wer nicht glaubt, den wird Gott verurteilen.“ (Markus 16, 16) (Quelle: Gute Nachricht Bibel; George Orwell wäre angesichts dieses phänomenalen Neusprechs vonseiten des „Wahrheitsministeriums“ Deutsche Bibelgesellschaft entzückt!)

Was fällt nun unserem besagten NAK-Vorsteher (Nickname: Daniel Müller) ein, munter die Kommentar-Funktion bei „SeeMoZ“ nutzend? Nicht etwa ein Eingeständnis, dass Streich wahrheitsgemäß den obersten neuapostolischen Glaubenswächter und dessen freiheitsfeindliche Denkweise wiedergegeben habe; nein:
Ich bin sehr erschrocken über Ihre pauschale, beleidigende Stellungnahme über die Kirche, der ich angehöre. Ohne dass ich im Einzelnen zu den Vorwürfen Stellung nehme, empfehle ich Ihnen einmal wieder einen Gottesdienst zu besuchen. Sie werden überrascht sein, wie wenig von dem stimmt, was Sie vorgeben wissen zu wollen.“

Statt sich also die Mühe zu machen, um die einzelnen Kritikpunkte zu widerlegen, haben wir hier die Trotzreaktion eines kleinen Kindes vor uns, das sich – radikale Muslime lassen grüßen – auf seine verletzten religiösen Gefühle zurückzieht und alle vorgebrachten Kritiken in Bausch und Bogen als „beleidigend“ diffamiert! Zu allem Überfluss dann auch noch die unvermeidliche Forderung, einen Gottesdienst in der NAK zu besuchen. Als wenn Herr Streich dies nicht abertausendmal in seinem Leben getan hätte und auch nach seinem Ausstieg immer wieder aktuelle Predigtpassagen höchster neuapostolischer Führungspersönlichkeiten in seine kritischen Ausarbeitungen einbezogen hätte!
Dazu passend möchte ich mit einem Zitat aus einem
esoterikkritischen Werk
enden, welches ich momentan gerade zu meiner Lektüre zähle:
Psychodynamisch gesehen können sie [die Esoterikanhänger, M. H.] nun ihre eigene inwendige Unruhe auf den Kritiker projizieren. Je verzweifelter dieser nun argumentiert, desto weniger nimmt der Gutgläubige seinen eigenen Zweifel wahr, umso unzweifelhafter wirkt auf ihn seine eigene innere Überzeugung. Derart bestärkt, generieren esoterisch [lies: neuapostolisch, M. H.] Indoktrinierte eine beinahe unheimliche Courage gegenüber externen Angriffen“ .

Quelle: Johannes Fischler: New Cage: Esoterik 2.0. Wie sie die Köpfe leert und die Kassen füllt. Wien / Graz / Klagenfurt 2013, S. 170.

„Glaubenserlebnisse“ – Magisches Denken auf dem Prüfstand

Juli 19, 2013

Was für ein GottAuf die Frage, was aktive Neuapostolische denn nach wie vor „aufrecht im Glauben“ halten würde – wenn schon die Qualität der Predigten selbst von vielen dieser als bisweilen phrasenhaft empfunden wird -, bekommt man nicht selten Beispiele sog. „Glaubenserlebnisse“ (oder auch in abgemilderter Form: „Gebetserhörungen“), welche als Zeichen göttlicher Zuwendung interpretiert werden.
Da Gläubige leider vielfach (häufig infolge frühkindlicher Indoktrination und/oder mangelnde wissenschaftliche Ausrichtung des Schulunterrichts) darauf geeicht wurden, in religiösen Fragen magisches statt wissenschaftliches Denken anzuwenden, möchte ich dem religiösen Denkansatz an dieser Stelle letztere als alternative Sichtweise gegenüberstellen.
Die Diskussion erfolgte Anfang/Mitte Juli dieses Jahres auf der NAK-kritischen Netzplattform Quo vadis NAK?. Leider ist es nicht möglich, den Beitrag direkt zu verlinken, von daher hier der Pfad, dem ihr folgen müsst, wenn ihr ihn aufrufen wollt:

„Auch das ist Neuapostolische Kirche“ – „Diskussion mit aktiven NAKlern“ – Beitrag Nr. 74.

Ich zitiere aus dem Posting eines aktiven neuapostolischen Vaters (Rechtschreibung folgt dem Original):

„Als Tauflied [der Tochter] wünschten wir uns ‚Wenn Friede mit Gott‘. […] Während meine Frau mit ihr im Krankenhaus war, ging ich in den Gottesdienst und bevor dieser begann, spielte die Organistin O.s Tauflied, ohne zu wissen dass das ihr Tauflied war und dass sie im Krankenhaus lag.
[…] Zwei Wochen später wurde der Husten wieder schlimmer und sie musste zurück in das Krankenhaus. Das ganze wiederholte sich noch mehrere Male über drei Monate. Immer mit dem gleichen Ergebnis: Keine Besserung.
Während dieser Zeit wurde ausnahmslos in jedem Gottesdienst, ‚Wenn Friede mit Gott‘ entweder gesungen oder gespielt. Selbst wenn Priester aus anderen Gemeinden den Gottesdienst hielten, ließen sie ‚ihr‘ Lied singen, ohne dass sie wissen konnten, welche Bedeutung diese Lied für uns hatte.
Als es mit unserer Kleinen wieder schlechter wurde, saß ich eines Sonntag vormittags im Gottesdienst und betete, dass Gott mir doch ein Zeichen geben möge, dass alles gut wird. Innig hoffte ich darauf, auch in diesem Gottesdienst wieder das Lied zu hören aber es geschah nichts. Dann trat der zweite Mitdienende an den Altar und sagte sinngemäß. ‚Liebe Geschwister, ich möchte einmal die zwei bedeutenden ‚F’s‘ in den Vordergund stellen, Freude und Friede. Es heißt in einem Lied: ‚Wenn Friede mit Gott meine Seele durchdringt, ob Stürme auch drohen von fern, / mein Herze im freudigen Glauben doch singt: /Mir ist wohl, mir ist wohl in dem Herrn‘.‘
Kurze Zeit später ging es unserer Kleinen zusehends besser und sie erholte sich von den monatelangen Strapazen. […]“

Persönliche Erlebnisse von Gläubigen wie das oben Geschilderte erinnern mich an die in der Parapsychologie-Szene vielfach geäußerten Todesahnungen/Todesträume. Dass scheinbar unwahrscheinliche Erlebnisse aber (zufällig) häufiger auftreten als uns oftmals bewusst ist, zeigt folgendes Rechenexempel, gefunden auf der Website der Skeptikerorganisation GWUP:

„Als Beispiel nennt der Dortmunder Statistik-Professor Walter Krämer (Mitglied im GWUP-Wissenschaftsrat) die viel zitierten ‚Todesahnungen‘: ‚Wenn wir einmal sehr vorsichtig schätzen, dass jeder Bundesbürger im Durchschnitt einmal im Leben vom Tod eines anderen, ihm bekannten Menschen träumt, kommen bei achtzig Millionen Menschen in Deutschland pro Nacht mehr als 2000 Todesträume vor – ungefähr so viele, wie tatsächlich Menschen sterben. Wenn wir weiter einmal unterstellen, die Opfer in den Todesträumen wären zufällig unter allen Bundesbürgern ausgewählt, so beträgt die Wahrscheinlichkeit rund acht Prozent, dass mindestens ein Todesfall eines bestimmten Tages in der Nacht zuvor von jemand anderem geträumt worden ist. Das führt pro Jahr an durchschnittlich 30 Tagen zu einer wahren Todesahnung.‘

Solche Todesträume seien also ein lupenreines Produkt des Zufalls, ’so häufig oder selten wie zweiköpfige Kälber, Tod durch Blitzschlag oder Schnee im Juni‘, erklärt Krämer: ‚In einem konkreten Einzelfall sehr unwahrscheinlich, aber irgendwann und irgendwo mit Sicherheit zu finden.'“

http://www.gwup.org/infos/nachrichten/396-psidiotie-in-der-ard

Zum anderen wäre natürlich zu fragen, warum – die Existenz des christlichen Gottes einmal vorausgesetzt – Er G.s Tochter zu Gesundheit und den gläubigen Eltern zu einem „Glaubenserlebnis“ verhelfen sollte, tausenden anderen jedoch nicht, die sicher mindestens ebenso um ein „göttliches Zeichen“ gebetet haben – und von denen die Öffentlichkeit zumeist nie erfährt, weil es in ihren Fällen halt nichts vermeintlich Spektakuläres zu berichten gibt!

Als weitere Lektüretipps (selbstverständlich von mir gelesen) empfehle ich folgende Werke:
Christoph Bördlein: Das sockenfressende Monster in der Waschmaschine. Eine Einführung ins skeptische Denken.


Ulrich Schnabel: Die Vermessung des Glaubens. Forscher ergründen, wie der Glaube entsteht und warum er Berge versetzt
.

Höchste Zeit: Evolution an der Grundschule

Juni 29, 2013

Australopithecus afarensis – seelenloses Affenwesen oder von neuapostolischen Christen im Gebet einzuschließen?Australopithecus_afarensis_kl

Gott schuf die Welt in sechs Tagen und chillte nach dieser kolossalen Anstrengung am siebten. Tag 5 und 6 waren dabei der Erschaffung der Tiere und Menschen vorbehalten (vgl. 1. Mose 1, 20 – 31).

…tja, liebe Grundschüler: Möglicherweise sind die Tage gezählt, an denen ihr dieses biblische Märchen von euren Religionslehrerinnen in der Grundschule erzählt bekommen habt – selbstverständlich absolut unkritisch, um euch nicht zu verschrecken!
Mitte Juni dieses Jahres startete die Giordano-Bruno-Stiftung (GBS) zum Thema „Evolution und Grundschule“ ihr aktuelles Projekt Evokids. Die Projektverantwortlichen schreiben dazu:
„Evolution ist das wichtigste Thema der gesamten Biologie. Wer die Mechanismen der Evolution nicht versteht, dem bleibt nicht nur das Wesen der Biologie grundsätzlich verschlossen, er kann auch nicht begreifen, wer oder was der Mensch ist. Dennoch kommt der Evolution im deutschen Schulsystem keineswegs die gebotene Aufmerksamkeit zu. Das Thema wird in der Regel erst in der zehnten Klasse unterrichtet, in der Grundschule wird es üblicherweise überhaupt nicht aufgegriffen […] Das ist nicht nur didaktisch problematisch, sondern auch deshalb unverständlich, weil gerade das Thema „Evolution” der Interessenslage der Altersgruppe in besonderer Weise entspricht. So gibt es deutliche empirische Hinweise darauf, dass sich Schülerinnen und Schüler im Grundschulalter neben dem Klassiker „Dinosaurier” vor allem auch für die Fossilienentstehung, die Abstammung des Menschen, die Entstehung und Entwicklung des Lebens sowie den Landgang der Tiere interessieren.“
(www.evokids.de/projekt.html)

Man kann es gar nicht oft genug betonen, aber die Beschäftigung mit der Tatsache der Evolution regt einfach zum kritischen Denken über die Rolle des Menschen im Universum an, ob man sie nun vereinbar mit dem schöpferischen Wirken eines allmächtigen Gottes hält oder – wohl sehr viel wahrscheinlicher – eher nicht. Schließlich taucht der moderne Homo sapiens sapiens – betrachtet man die Geschichte der Erde als Tag von 24 Stunden – erst wenige Sekunden vor Mitternacht auf.
Interessant in diesem Zusammenhang ist übrigens auch die ambivalente Haltung der katholischen Kirche. Ich zitiere dazu aus Michael Schmidt-Salomon / Lea Salomon: Leibniz war kein Butterkeks Den großen und kleinen Fragen der Philosophie auf der Spur. München 2011, S. 51f.:

M. Schmidt-Salomon: […] die katholische Kirche erkennt heute offiziell an, dass es eine Jahrmillionen dauernde Evolution gab, die die heute lebenden Arten hervorbrachte. Außerdem akzeptiert die Kirche, dass Mensch und Schimpanse einen gemeinsamen Vorfahren haben, der vor etwa 6 Millionen Jahren lebte.

L. Salomon: Na, dann ist doch alles bestens!

Eben nicht! Denn die Kirche lehrt zudem, dass der Mensch nur „körperlich“ aus der Evolution hervorgegangen sei. Seine „Seele“ habe Gott jedoch separat dazu erschaffen. Und deshalb könne man die „höheren geistigen Fähigkeiten“ des Menschen, unser psychisches Erleben, unsere Art zu denken, evolutionär auch gar nicht erklären.

Wie bitte? Das menschliche Gehirn ist aus der Evolution entstanden, aber nicht in der Weise, wie wir denken und empfinden? Wie passt denn das zusammen?

Das müsstest du den Papst fragen! Nach allem, was wir wissen, ist es gar nicht möglich, Körper und Geist getrennt voneinander zu betrachten. Eine interessante Frage ist in diesem Zusammenhang übrigens, wann und wo der „liebe Gott“ damit begann, Menschen eine separate Seele hinzuzufügen. Machte er das schon bei unserem frühen Vorfahren Australopithecus afarensis vor 4 Millionen Jahren oder erst bei Homo erectus vor 2 Millionen Jahren? Besaßen die Neandertaler schon „Seelen“? Und falls nicht: Was war mit den Kindern, die aus sexuellen Verbindungen von Homo neanderthalensis und Homo sapiens hervorgingen? Hatten die bloß „halbe Seelen“?

„Aber ich, wär ich allmächtig, […] ich würde retten, retten“

März 24, 2013

In diesem Jahr feiert einer der sozial engagiertesten deutschen Dichter seinen 200. Geburtstag: Georg Büchner (1813 – 37), jener bereits im Alter von 23 Jahren verstorbene geniale Mediziner, Schriftsteller und radikale Gesellschaftskritiker, dem wir – und unzählige Schülergenerationen – Werke wie „Woyzeck“, „Dantons Tod“ oder „Lenz“ zu verdanken haben.
Von Letzterem soll folgender Beitrag handeln:

Georg_Büchner
Büchner hält sich in seiner „Lenz“-Erzählung weitgehend an den Bericht des elsässischen Pfarrers Johann Friedrich Oberlin, den der historische Sturm-und-Drang-Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz (1741 – 92) ebenso wie die gleichnamige Büchner-Figur im Winter 1778 in seiner Pfarre Wald(ers)bach aufsucht.
Der bereits von Schizophrenie-Symptomen geplagte Lenz findet dort zeitweise innere Ruhe und AUsgeglichenheit, welche jedoch nicht wirklich tiefgründiger Natur ist. Zu seinen Symptomen zählt u.a. eine Art religiöser Wahn, der ihn dazu treibt, mittels Jesus-Worten („Stehe auf und wandle!“) ein gestorbenes Mädchen aus dem Nachbarort Fouday zum Leben erwecken zu wollen – vergeblich!
Daraufhin flieht Büchners Lenz in einem Anfall von Größenwahn, wenn es heißt „es war ihm, als könne er eine ungeheure Faust hinauf in den Himmel ballen und Gott herbeireißen und zwischen seinen Wolken schleifen; als könnte er die Welt mit den Zähnen zermalmen und sie dem Schöpfer ins Gesicht speien“.

Und kurz darauf: „Lenz musste laut lachen, und mit dem Lachen griff der Atheismus in ihn und fasste ihn ganz sicher und ruhig und fest.“
Gegen Ende der Erzählung, als sich Lenz´ Zustand zusehends verschlechtert, versucht Pfarrer Oberlin ein letztes Mal, ihn zu Gott zu bekehren, woraufhin dieser erwidert: „Aber ich, wär ich allmächtig, sehen Sie, wenn ich so wäre, und ich könnte das Leiden nicht ertragen, ich würde retten, retten“.
Wie Martin Walser in seiner Dankrede zur Verleihung des Büchner-Preises 1981 zu dieser Sequenz in Bezug auf Büchners Lenz anmerkt: „Daran stirbt ihm sein Gott, dass er den Menschen nicht helfen kann. Büchner kann Menschen nicht leiden sehen, das ist alles. Ein Gott, der nicht hilft, ist keiner.“

Alles Weitere will ich dem Marburger Philosophen Joachim Kahl überlassen – seine Gedanken bringen genau das auf den Punkt, was mir angesichts des nicht enden wollenden Bürgerkriegs in Syrien, angesichts von Auschwitz, Ruanda, Srebrenica und Darfur auf der Seele liegt:
„Der Atheismus findet seine eigentliche Begründung in der Wirklichkeit selbst, in der blut- und tränengetränkten Geschichte des Tier- und Menschenreiches. Wie kann ein angeblich liebender Gott, bei dem kein Ding unmöglich ist, die Lebewesen, die er doch geschaffen hat, so unsäglich leiden lassen? Entweder er ist nicht allmächtig und kann die Leiden nicht verhindern, oder er ist nicht allgütig und will die Leiden nicht verhindern. Auf diese Zwickmühle innerhalb des Gottesglaubens hat erstmals der griechische Philosoph Epikur um 300 vor unserer Zeitrechnung in aller begrifflichen Klarheit aufmerksam gemacht. An Epikurs Religionskritik anknüpfend hat viel später der deutsche Dichter Georg Büchner das Leiden eindrucksvoll als den „Fels des Atheismus“ bezeichnet, In dem berühmten „Philosophengespräch“ seines Dramas „Dantons Tod“ heißt es: „Schafft das Unvollkommene weg, dann allein könnt ihr Gott demonstrieren … Man kann das Böse leugnen, aber nicht den Schmerz … Warum leide ich? Das ist der Fels des Atheismus.

Das leiseste Zucken des Schmerzes, und rege es sich in einem Atom, macht einen Riß in der Schöpfung von oben bis unten.“ Aber auch angenommen, es gäbe dermaleinst tatsächlich einen seligen Zustand, wie ihn die Offenbarung des Johannes im Neuen Testament (21,4) verheißt, daß Gott abwischen wird alle Tränen und es keinen Tod und kein Leid und keinen Schmerz und kein Geschrei mehr geben wird: Wäre damit der schnöde Atheismus eines Besseren belehrt und stünde Gott gerechtfertigt da? Nein, denn die Erlösung im Jenseits kommt immer zu spät. Sie kann nicht im geringsten ungeschehen machen, was zuvor geschehen ist. Die Unumkehrbarkeit der Zeit ist die unüberschreitbare Grenze jeder Allmachtsidee.

Kein Erdbeben-, Kriegs-, Folter-, Mord-, Krebs- oder Verkehrs-Opfer wird verhütet durch religiöse Erlösungsversprechen.

In welchem annehmbaren Sinn sollte erfahrenes Leid je wieder gutgemacht werden können? Das liebenswerte Sehnsuchtsbild einer vollendeten Gerechtigkeit, einer universalen Versöhnung bleibt unerfüllbar, weil selbst bei einer jenseitigen Kompensation das zuvor Geschehene nie ungeschehen gemacht werden kann.

Hinzu kommt, daß im Neuen Testament (um im christlichen Bereich zu bleiben) der Erlösung ohnehin nur eine Minderheit der Menschen teilhaftig wird: „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt“, heißt es im Matthäus-Evangelium (22,14). Unmittelbar nach dem zitierten Wort aus der Offenbarung des Johannes wird den „Ungläubigen“, „Abgöttischen“ und „Hurern“ die ewige Qual in „Feuer und Schwefel“ angedroht (21,8).

Und: Wenn Gott überhaupt einen Zustand ohne Schmerz und Leid schaffen kann, warum dann erst so spät und nicht von Anfang an? Warum zuvor die eigenen Geschöpfe durch ein Meer von Blut und Tränen waten lassen? Die nüchterne Antwort kann nur lauten: Statt die Wirklichkeit zu verrätseln und sich in „Gottes unerforschliche Ratschlüsse“ zu flüchten, ist redlich einzuräumen: Es gibt keinen Gott. Ohne Gottglauben ist die Wirklichkeit bitter, aber mit Gottglauben ist sie bitter und absurd.“

Quelle:
http://www.kahl-marburg.privat.t-online.de/kahl_keingott.htm
Lenz-Zitate aus: Georg Büchner: Lenz. Der Hessische Landbote. Stuttgart: Reclam 2002, S. 23, 31.
Walser-Zitat aus: Georg Büchner: Lenz. Der Hessische Landbote. Braunschweig / Paderborn / Darmstadt 2010, S. 117.

Was ist christlicher Fundamentalismus?

Dezember 21, 2012

In der Broschüre „Evangelikale Bewegungen“ (2009) der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) äußert sich deren Vorsitzender Dr. Reinhard Hempelmann zur seiner Ansicht nach wichtigen Differenzierung zwischen Evangelikalismus und christlichem Fundamentalismus:
„Fundamentalismus ist ein Bewertungsbegriff, der auf die Fehlentwicklungen protestantischer Erweckungsfrömmigkeit hinweist. Er ist eine Strömung innerhalb des Evangelikalismus, seine Gefährdung. Zwar gibt es Überschneidungen zwischen Fundamentalismus und Evangelikalismus. Eine Gleichsetzung ist jedoch weder historisch noch phänomenologisch gerechtfertigt.
In historischer Perspektive war die fundamentalistische Bewegung nicht Fortsetzung des Evangelikalismus, sondern ein neues, modernes Phänomen, das ‚aus einer Verengung des evangelikalen Erbes des 18. Jahrhunderts hervorgegangen ist.’1
Auch die Gründung (1942) der ‚National Association of Evangelicals‘ (NAE) ist nicht als Weiterführung des Fundamentalismus unter anderem Namen zu verstehen. Insofern lässt sich eine Identifikation von Evangelikalismus und Fundamentalismus auch im Blick auf die USA nicht rechtfertigen. Während fundamentalistische Bewegungen die Frage nach christlicher Identität hauptsächlich und primär durch Abgrenzung beantworten, will der Evangelikalismus stärker positiv arbeiten und nicht nur negativ auf die moderne Gesellschaft und die kirchliche Situation reagieren.“
(S. 40)

Hempelmann belegt seine These von der vermeintlich ungerechtfertigten Gleichsetzung zwischen Evangelikalismus und Fundamentalismus mit der öffentlichen Kontroverse um das Christival 2008 in Bremen sowie diversen Dokumentationsfilmen wie „Jesus‘ junge Garde“ (2005) oder „Jesus Camp“ (2006). Dabei sei das Markenzeichen der Evangelikalen in der Sichtweise der kritischen Filmemacher ihr Kampf „gegen Homosexualität, Feminismus und Abtreibung, gegen die Evolutionslehre an öffentlichen Schulen, gegen die historisch-kritische Bibelforschung“ sowie die Anwendung „exorzistischer Praktiken gegen Dämonen und den Teufel“ (S. 39).

Schaut man sich Hempelmanns Betätigungsfeld außerhalb der EZW an, stößt man u.a. auf seine Funktion als Dozent des CVJM-Missio-Centers Berlin. Der CVJM-Gesamtverband Deutschland e.V. wiederum wird geleitet von Dr. Roland Werner. Dieser tritt u.a. immer wieder bei evangelikalen Missionierungsshows der Initiative ProChrist auf. In einem Grundsatzartikel schreibt er unter der Überschrift: Was ist eigentlich evangelikal? Folgendes:
„Evangelikale Christen sehen sich gerufen, für den ‚Glauben zu kämpfen, der ein für alle Mal den Heiligen gegeben ist‘ (Judasbrief 3).“ „Evangelikale Christen stehen gegen Unfreiheit, Ungerechtigkeit, Gewalt, Hunger, Krieg, Korruption auf, verkündigen die Herrschaft Jesu Christi und arbeiten in der Kraft des Heiligen Geistes an der Erneuerung der Welt als ein Zeugnis für das kommende Reich Gottes.“ 2

Nun, was ist das für ein Glaube, für den zu „kämpfen“ Roland Werner und damit auch indirekt Reinhard Hempelmann eintritt: Dazu finden Sie, werte Leserin und werter Leser, jede Menge Bibelstellen auf meiner überblicksartigen Zusammenstellung Zur Fragwürdigkeit des christlichen Glaubens. An dieser Stelle sei der Kürze halber nur ein weiteres Bibelwort erwähnt:
„Wenn jemand den Herrn nicht lieb hat, der sei verflucht.“ (1. Kor 16,22)
Des Weiteren verweise ich auf die phänomenale Website
http://www.bibelkritik.ch buch2 und die von mir verlinkten christentumskritischen Bücher, damit Sie sich selbst ein Bild machen können, welch Ungeist der Unfreiheit und Ungerechtigkeit zum Kernbestand christlichen Glaubens gehört, gegen den evangelikale Prediger wie Werner sich einzusetzen vorgeben – natürlich nur in einem völlig anderen Kontext, nämlich demjenigen der politischen Verfolgung von bekennenden (und damit zumindest implizit intoleranten) Christen.

Sie sehen: Geht man den Dingen auf den Grund, so hat Herr Hempelmann vordergründig Recht mit seiner These, Evangelikale würden sich durch „stärker positiv[es] [A]rbeiten“ als ihre fundamentalistischen Pendants auszeichnen. Fühlt man dem Kerngehalt der christlichen Botschaft jedoch ein wenig mehr auf den Zahn, gerät man aus dem Staunen ob einer derartigen Intoleranz – bisweilen verquickt mit humanistischen Einsprengseln à la „Liebet eure Feinde“ – und Verdummung nicht so leicht heraus.
Und das ist es, was solche Scheindifferenzierungen, wie Hempelmann sie betreibt, so gefährlich macht: Sie verschleiern, dass nicht die Radikalität bestimmter christlicher Gruppen das Problem darstellt, sondern die biblische Botschaft an sich! Denn hier ergibt sich für eine Vielzahl an Bibelzitaten eine Intoleranzaffinität, die sich nur selten überzeugend durch weite Auslegung oder situationsspezifische Kontextuierung entschärfen lässt.

————————————-

1 Erich Geldbach: Protestantischer Fundamentalismus in den USA und Deutschland. Münster u.a. 2001, S. 89.
2 http://www.ojc.de/salzkorn/evangelikale-wer-was-christen-sk1-2006.html

November 3, 2012

03.11.2012:
Ab sofort befindet sich eine stichwortartige Übersicht über zentrale Argumente zur Fragwürdigkeit des christlichen Glaubens unter der gleichnamigen Kategorie in der Kategorien-Spalte am rechten Rand dieses Blogs. Ich werde sie mit Sicherheit in unregelmäßigen Abständen ergänzen.

November 3, 2012

Christlicher Glaube hinterfragt

Politik der religiotophilen Angsthasen

September 28, 2012

„Wir leben in der besten aller möglichen Welten!“ Bis vor Kurzem wäre dieses geflügelte Wort aus dem Munde des großen deutschen Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716) vermutlich bezogen auf das Leben in unserem freiheitlichen Rechtsstaat als mein persönliches Motto durchgegangen. Von ein paar „kleineren“ Unstimmigkeiten wie bspw. einer latent rassistischen Abschiebepraxis abgesehen schien mir die Lage im Großen und Ganzen recht annehmlich.
Auch dass es sich bei einigen unserer muslimischen Mitbürger um potentiell leicht beleidigte Zeitgenossen handelt – geschenkt, schließlich bin ich seit kleinauf durch mein Hineingeborenwerden in die Neuapostolische Kirche (NAK) mit strenger Religiosität vertraut.
Was sich jedoch Mitte September dieses Jahres im Zuge der Hysterie um das antiislamische Mohammedfilmchen aus Kalifornien von Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) vernehmen ließ, ist in meinen Augen einfach nur ein Schlag ins Gesicht eines aufgeklärt-liberalen Demokraten: Im Stile eines nur dem „Religionsfrieden“ verpflichteten Zensors wartete der Christsoziale bezogen auf die zur Debatte stehende öffentliche Filmvorführung mit folgender Forderung auf: Dagegen muss man mit allen rechtlich zulässigen Mitteln vorgehen“.

Wie Balsam auf die geschundene Seele wirkte dagegen das klare Statement aus der Feder des Philosophen und Geschäftsführers der Giordano-Bruno-Stiftung, Michael Schmidt-Salomon auf der Website der Wochenzeitung „Die Zeit“.
„Respekt? Wovor denn?“ fragt der Religionskritiker am 21.09.2012 und nennt u.a. gute Gründe, warum nicht zwangsneurotische Hardcore-Religiöse, sondern gerade areligiöse Menschen allen Grund hätten, sich in ihren „nichtreligiösen Gefühlen“ verletzt zu sehen:

„Die Absurdität der gegenwärtigen Debatte zeigt sich nicht zuletzt darin, dass Respekt ausgerechnet jenen gegenüber eingefordert wird, die hinlänglich bewiesen haben, dass ihnen jeder Respekt gegenüber Andersdenkenden fehlt. Verwunderlich ist dieses Defizit nicht, wenn man die Heiligen Schriften kennt. So erwartet ‚die Ungläubigen‘ laut Koran nicht bloß das ‚ewige Feuer‘, sie werden in der ‚Hölle‘ mit ‚Eiterfluss‘ und ‚Jauche‘ getränkt (Suren 14,16 und 78,25), erhalten einen ‚Trunk aus siedendem Wasser‘ (Sure 6,70), der ihnen die ‚Eingeweide zerreißt‘ (Sure 47,15), werden mit „eisernen Keulen“ geschlagen (Sure 22,21), müssen Kleidungsstücke aus flüssigem Kupfer und Teer tragen (Sure 22,19) und vieles andere mehr. Immer wieder wird im Koran betont, wie sehr Allah ‚die Ungläubigen‘ hasst – sie gelten ihm gar als die ’schlimmsten Tiere‘ (Sure 8,55) – und dass es für den gläubigen Muslim eine heilige Pflicht sei, den Zorn Gottes an ihnen zu vollstrecken (Suren 8,15-16). Eine gute Grundlage für den respektvollen Umgang mit Andersdenkenden ist dies sicherlich nicht.
Mit Mitgefühl oder gar Respekt dürfen ‚die Feinde Gottes‘ aber auch in der Bibel nicht rechnen. Denn es steht geschrieben: ‚Du wirst alle Völker verzehren, die der Herr, dein Gott, für dich bestimmt. Du sollst in dir kein Mitleid mit ihnen aufsteigen lassen‘ (Deuteronomium, 7,16-17). Auch im Neuen Testament wird die Bestrafung „der Bösen“ immer wieder in schillerndsten Farben ausgemalt. So verkündet das Matthäus-Evangelium, dass der ‚Menschensohn seine Engel aussenden“ wird, die diejenigen, die „Gottes Gesetz übertreten haben, (…) in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt. Dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen‘ (Mt. 13,41-43). Nicht besser kommen die Fehl- und Nichtgläubigen bei Paulus weg: Die, die sich weigern, (den christlichen) Gott anzuerkennen, sind, so der Apostel, ‚voll Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habgier und Bosheit, voll Neid, Mord, Streit, List und Tücke, (…) sind überheblich, hochmütig und prahlerisch, erfinderisch im Bösen (…) Wer so handelt, verdient den Tod‘ (Römer 1,28-32).

Doch es kam, wie es kommen musste: Nicht Agnostiker und Atheisten gingen auf die Straße, sondern einmal mehr die Anhänger der Religion der Dauerbeleidigten. Nichts gegen die Inanspruchnahme ihres grundgesetzlich verbrieften Rechts auf Meinungs- und Demonstrationsfeiehit.
Das Perfide jedoch ist: In ihrer „Argumentation“ setzen sich dabei zumindest einige der in ihrem religiösem Empfinden gekränkten Muslime mit den Opfern von Rassismus, Antisemitismus und Sexismus gleich.
Der Syllogismus verläuft dabei wie folgt:
„Beleidigt man Schwarze = Rassismus
Beleidigt man Juden = Antisemitismus
Beleidigt man Frauen = Sexismus
Beleidigt man unseren Propheten & den Islam = Meinungsfreiheit“ (siehe eingebundenes Video im Rahmen des oben verlinkten Artikels aus der „Süddeutschen Zeitung“.)

Was die Demonstranten verschweigen: Niemand – auch nicht der Produzent des inkriminierten Mohammedfilmchens – behauptet im Stile eines Volksverhetzers „Muslime sind unser Unglück!“, stiftet zum Abfackeln ihrer Moscheen an oder zeichnet widerwärtige Karikaturen nach Art des Nazi-Hetzblattes „Der Stürmer“ über sie. Auch die wohl bekannteste der dänischen Mohammed-Karikaturen von 2005, welche den Propheten mit einer Bombe im Turban zeigt, weist ja damit lediglich auf den fatalen – zumindest theoretisch vorhandenen, da durch die knallharte Intoleranz ihrer „Heiligen Schrift“ belegte – Kompatibilismus zwischen orthodoxem Mainstream-Islam und Gewaltanwendung gegen „Ungläubige“ und Apostaten hin.
Und der im Film u.a. zur Sprache gekommene Vorwurf, bei Mohammed handle es sich um einen Kinderschänder, trifft nach heutigen Maßstäben schlicht und ergreifend zu! Wie anders soll man denn jemanden bezeichnen, der eine Neunjährige heiratet und – wie es sich für eine gute Ehe gehört – auch den Geschlechtsverkehr mit ihr vollzieht, wie es der Prophet Mohammed nach recht gesicherter Quellenlage getan haben soll?
Dazu wäre es vonseiten der muslimischen Verbände und der vielen Tausend Gläubigen endlich einmal an der Zeit nachzudenken…

Betende Hände nutzlos am Ende?

August 26, 2012

Selbst über 25 Jahre nach seinen legendären Predigten hallen mir bisweilen noch die Donnerworte des ehemaligen Bremer Bezirksapostels Hermann Schumacher im Ohr, wenn er voller heiligem Zorn vom Altar polterte: „Beten hilft immer!“

Auch heute bekommt man im Gespräch mit gläubigen Menschen nicht selten das Argument zu hören, der positive Wert von Gebeten für die mit diesen Fürbitten Bedachten sei wissenschaftlich erwiesen. Was also ist dran an der behaupteten Wunderwirkung des Gebets?

Eine recht differenzierte Antwort auf diese Frage liefert der studierte Physiker und Publizist Ulrich Schnabel, bekannt als Wissenschaftsjournalist für die Wochenzeitung „Die Zeit“ sowie das Monatsmagazin „Geo“: In seinem hochspannenden und mit 532 Seiten zudem schwergewichtigen Werk „Die Vermessung des Glaubens. Forscher ergründen, wie der Glaube entsteht und warum er Berge versetzt“ geht er neben solch faszinierenden Experimenten wie der künstlichen Induzierung von Außerkörperlichen Erfahrungen u.a. auf mehrere Studien ein, welche die Wirkung des Gebetes näher unter die Lupe genommen haben:

So habe der US-amerikanische Herzspezialist Randolph Byrd 1988 mit seinem vermeintlichen Nachweis für einen positiven Einfluss von Fürbittegebeten große Öffentlichkeit erregt. Am San Francisco General Hospital habe er den Genesungsprozess von 393 Herzkranken untersucht. Für seine Studie sei eine Einteilung dieser Patienten in zwei Gruppen erfolgt, wobei für die erste Gruppe täglich von „wiedergeborenen Christen“ außerhalb des Krankenhauses gebetet wurde, während der Rest der Patienten als Kontrollgruppe diente, also keinerlei Gebetsunterstützung erhielt. Weder Kranke noch Ärzte hätten gewusst, wer zu welcher Gruppe gehörte, ein in der Wissenschaft als Doppelblindstudie übliches Standardverfahren.

Byrd habe in der Tat nach einer gewissen Zeit positive Effekte bei der „Gebetsgruppe“ im Vergleich zur Kontrollgruppe feststellen können und dies sogleich als Beleg gedeutet, dass Fürbittegebete zum jüdisch-christlichen Gott einen medizinischen Effekt gezeitigt hätten.

Der Haken bei der Sache: Byrd habe – wie sich nachträglich herausstellte – methodisch inkorrekt gearbeitet. Anstatt im Vorfeld der Studie eindeutige Kriterien zu definieren, welche Beschwerden durch die Gebete genau gelindert werden sollten, habe der Mediziner recht willkürlich 26 verschiedene Indikatoren überprüft – von der Anzahl der eingenommenen Medikamente über die notwendigen ärztlichen Interventionen bis zur Häufigkeit von Problemen etwa durch Lungenentzündung. Unter Statistikern sei diese fragwürdige Methodik auch als „Dilemma des texanischen Scharfschützen“ bekannt, da es vergleichbar mit einem Waffenliebhaber sei, der erst auf ein Scheunentor feuere und im Nachhinein erst die Zielscheibe darumherum zeichne.

Methodisch anscheinend sauberer seien dann zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Untersuchungen von Michael Krucoff sowie Herbert Benson verlaufen: Krucoff – Mitarbeiter des Medical Center der Duke University – habe den Heilungsprozess von 700 Herzpatienten nachvollzogen. Hier sei für die Hälfte der Erkrankten gebetet worden – und zwar außer von Christen auch von Muslimen, Juden und Buddhisten – und für die andere Hälfte nicht.

Etwa zeitgleich habe Benson von der Harvard Medical School eine Studie mit 1802 Bypass-Patienten in sechs Krankenhäusern in Angriff genommen. Dieser habe diesmal eine Einteilung in drei Gruppen vorgenommen: Die erste bekam mitgeteilt, dass Christen für sie jeweils 14 Tage lang ein Gebet für eine erfolgreiche Operation sowie zügige Genesung sprechen würden. Die zweite Gruppe erfuhr, dass für sie nur eventuell gebetet würde – tatsächlich war die dann auch der Fall -, während die dritte Gruppe wie üblich zur Kontrolle auf Gebete verzichten musste.

Das Ergebnis sei in beiden Untersuchungen eine herbe Enttäuschung gewesen: Weder Krucoff noch Benson gelang es, einen wie auch immer gearteten positiven Effekt der Gebete nachzuweisen. Und mehr als nur das: Bei Bensons Patienten seien die meisten Komplikationen sogar bei denjenigen aufgetreten, die wussten, dass für sie gebetet wurde (Schwierigkeiten bei 59% von ihnen im Vergleich zu 51% aus der Kontrollgruppe und 52% aus der Gruppe der „Unklaren“).

Es ist Schnabel ausdrücklich als Kriterium ausgewogener journalistischer Handwerksarbeit anzurechnen, dass er hier die Gläubigen aller Religionen nicht hämisch verspottet. So lässt er des Weiteren den Religionswissenschaftler und Psychologen Sebastian Murken von der Uni Trier zu Wort kommen. Dieser habe mit seinen Mitarbeitern in der Onkologischen Reha-Klinik Bad Kreuznach die Rolle der Religiosität bei der Bewältigung von Brustkrebs analysiert und dabei festgestellt, dass Religion durchaus helfen könne – wenn auch lediglich unter gewissen Bedingungen:

Murken zufolge fanden diejenigen Patientinnen in ihrem Glauben eine hilfreiche Stütze, die hochreligiös waren und zugleich ein positives Gottesbild besäßen. Dadurch, dass sie ihrer Krankheit einen Sinn abgewinnen konnten, sei es ihnen gelungen, diese anzunehmen und konstruktiv damit umzugehen. Sei jedoch das Bild eines strafenden Gottes bei den Betreffenden dominant gewesen, so hätten diese Patientinnen signifikant häufig unter Angst- und Depressionszuständen gelitten, da sie sich religiös begründete Vorwürfe gemacht hätten. Eine dritte Kategorie – die Vertreterinnen einer „mittleren Alltagsreligiosität“ – seien in der Klinik in erster Linie durch Verunsicherung und Zweifel aufgefallen. Schnabel lässt Murken von daher resümmieren: „Eine Religion hilft vor allem denen, die stark daran glauben, dass sie ihnen hilft.“

Quelle: Ulrich Schnabel: Die Vermessung des Glaubens. Forscher ergründen, wie der Glaube entsteht und warum er Berge versetzt. 2. Aufl. München 2008, S.39ff.

Der klein(geistig)e Prinz von Barmbek

Juli 31, 2012

Millionen kleinen und großen Lesern geht auch im Abstand vieler Jahre nach der Lektüre das Herz auf, wenn sie an das moderne Märchen „Der kleine Prinz“ aus der Feder des französischen Aufklärungsfliegers und Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry (1900 – 1944) und die darin enthaltene fiktive Planetenreise des Protagonisten zurückdenken.

Sein Kerninhalt, die Frage nach der Vermittlung zwischen den Idealen der Kindheit und der Lebenswelt der Erwachsenen, kommt zugespitzt im berühmten Ausspruch des kleinen Prinzen zum Ausdruck: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar!“

Gegen diese naive und doch zugleich tiefgehende Weisheit liefert die stammapostolische Predigt vom 25.07.2012 in Hamburg-Barmbek ein in schlechter christlicher, speziell neuapostolischer Tradition stehendes Beispiel für die Vereinnahmung, ja Pervertierung einer prominenten Persönlichkeit der Zeitgeschichte für die eigene Propaganda.

Die Website der NAK Norddeutschland zitiert aus besagtem Gottesdienst wie folgt:

„Stammapostel Leber zitierte Teile eines Ausspruchs des französischen Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry, in dem einige Merkmale und Folgen eines gottlosen Lebens zusammengefasst werden: ‚Wenn die Menschen gottlos leben, sind die Sitten zügellos, die Lügen grenzenlos, die Verbrechen maßlos, die Völker friedlos, die Schulden zahllos, die Regierungen ratlos, die Politik charakterlos, die Konferenzen endlos, die Aussichten trostlos, die Kirchen kraftlos, die Christen gebetslos.‘

Diese Zeilen relativierte der Stammapostel kaum, sondern er betonte, dass die Gottlosigkeit immer mehr die Herzen der Menschen ergreife. Diesem Trend nicht zu folgen, stattdessen alles mit Gott zu machen und jeden Gedanken mit Gott zu fassen, sei die sich lohnende Aufgabe eines jeden Christen.“

Abgesehen von der einfachen – durch Leber hier nicht beantworteten – Frage nach dem konkreten Verständnis von „Gottlosigkeit“ (schließlich kann dieser Begriff auch ganz einfach symbolisch für ein selbstentfremdetes und daher ethisch verrohtes Verhalten stehen, ohne jede bewusste Hin- oder Abwendung zu / von „Gott“), habe ich mich ein wenig auf die Suche nach Saint-Exupéry und seiner Haltung zu Religion / Spiritualität begeben und bin dabei fündig geworden. In seiner 2012 bei Rowohlt erschienenen Biografie „Antoine de Saint-Exupéry“ äußert sich ihr Autor, Karlheinrich Biermann, zwar nur recht knapp, gleichwohl allerdings ganz und gar nicht im Sinne der typisch-neuapostolischen Dichotomie à la Leber zu obigem Aspekt:

„Die simple Apologie eines Abbé Antonin-Gilbert Sertillanges (‚Die Quellen des Glaubens an Gott‘, 1907) lehnt er [de Saint-Exupéry, M.H.] kategorisch ab. Die Ergebnisse der historisch-kritischen Forschung und der Naturwissenschaften können nicht ohne Folgen für den Glauben des Einzelnen und für die Dogmen der römisch-katholischen Kirche bleiben. Die Gottesfrage, das zentrale Problem des Glaubens, jedoch bleibt bestehen, und manchmal hat es den Anschein, als sei Saint-Exupéry der Begriff Gottes wichtiger als seine tatsächliche Existenz. Er ist auf der Suche nach Konzepten, die die zeitgenössische Realität zu erfassen vermögen und die Umgestaltung der Verhältnisse ermöglichen, letztlich aber stößt er auf einen Kern der Wirklichkeit, der rational nicht fassbar ist: Das Wesen des Lebens ist irrational oder auch mütterlich. Diese Erkenntnis verstärkt seine Überzeugung, dass die eigentlich geistige Tätigkeit des Menschen die Dichtung oder die Kunst allgemein ist. Die schöpferische Kraft macht die Freiheit des Menschen und den Kern seiner Menschlichkeit aus. […]

Seine Vorstellung von Kultur schließt auch eine ethische Haltung der Mitmenschlichkeit ein, die einem demokratischen und sogar revolutionären Ideal entspricht. Es ist nicht mehr ein Denken, das dualistisch zwischen Gut und Böse, Gott und Teufel, Freund und Feind unterscheiden zu können glaubt, sondern eine Methode, die den Widerspruch akzeptiert. Die Verwirrung und der Zweifel, sogar die Unordnung, die ein akzeptierter Widerspruch hervorbringt, sind für Saint-Exupéry von ihrem Wesen her fruchtbar und schenken höhere Genugtuung als der Glaube des Fanatikers.“ (S. 71f.)

Damit erübrigen sich wohl sämtliche Versuche, seitens fundamentalistischer Schwarz-Weiß-Denker und Feinde des rationalen Denkens („Der Zweifler empfängt nichts!“), diesen zu dialektischem Denken befähigten Literaten für ihre eigene Sache vor den Karren zu spannen!

Zu Lebers „Trost“ sei erwähnt, dass die Diffamierung selbstständig denkender und zum Agnostizismus / Atheismus tendierender Menschen – ich erwähnte es bereits – eine lange und unselige Tradition innerhalb des Christentums besitzt. Aus aktuellem Anlass sei daher auf die momentan in der säkular-humanistischen Szene Wellen schlagende Affäre um die Äußerungen des katholischen Militärbischofs Franz-Josef Overbeck verwiesen:

„Die Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) hat in einem Brief Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière aufgefordert, ‚öffentlich klarzustellen, dass ‚Menschsein‘ bzw. Menschenrechte und Menschenwürde selbstverständlich nicht von der Religiosität eines Menschen abhängen‘.

Damit reagierte die gbs auf eine Äußerung des katholischen Militärbischofs Franz-Josef Overbeck. Dieser hatte bei der diesjährigen Soldatenwallfahrt nach Lourdes in einer Ansprache an die deutsche Delegation erklärt:
‚Ohne Religion und ohne gelebte Praxis von Religion gibt es kein Menschsein.‘

Damit hatte er sich in die Tradition von NS-Feldbischof Franz Rarkowski gestellt, der in seinem Hirtenbrief vom 29. Juli 1941 geäußert hatte, die ‚Verneinung der göttlichen Weltordnung‘ habe zur Folge, dass ‚der Mensch in den Bereich des Tierhaften herabsinkt‘.“

(Quelle: Materialien und Informationen zur Zeit – Politisches Magazin für Konfessionslose und AtheistINNEN Nr. 2/2012)

Genfraß für die Dritte Welt!

Juli 2, 2009


Informationen gegen das Meinungsmonopol der Panikmacher!

Was Sie schon immer über Grüne Gentechnik wissen wollten, aber bei Greenpeace und den Grünen nie erfahren würden…