Deutsche Debattenkultur von Stickoxid vernebelt: Empörialistisches Drehen an der Ökoschraube feiert Hochkonjunktur

Dezember 30, 2018

Ich gebe es unumwunden zu: Ja, ich gehöre zu denjenigen, die man mit Fug und Recht als passionierte Radler bezeichnen kann. Bis auf den heutigen Tag bin ich mit meinen mittlerweile auch schon 44 Jahren noch nie im Besitz eines automobilen fahrbaren Untersatzes gewesen.

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Abgesehen von einem leider verunglückten mehrmonatigen Versuch mit einer Uralt-Vespa vor mehr als 20 Jahren hatte ich eben kein Bedürfnis nach Erwerb eines motorisierten Fortbewegungsmittels. Mehr noch: Beim Anblick eines protzigen SUVs („Möchtegernpanzer“) oder eines anderen PS-starken Gefährts überkommt mich der schiere Brechreiz ob der vermuteten saturierten Lebensweise des jeweiligen Fahrers!

Mit anderen Worten: Ich bin ein fundamentalistischer Öko, Vollblut-Grünen-Wähler und womöglich auch noch Greenpeace-Spender… könnte man meinen. Doch nichts von alldem trifft wirklich zu! Bereits während meines Studiums vor über zehn Jahren wurde mir durch die aufklärerischen Bücher des Autorengespanns Dirk Maxeiner und Michael Miersch sowie durch Walter Krämers und Gerald Mackenthuns „Die Panik Macher“ klar, wie hochgradig ideologisiert die Weltanschauung zahlloser Umweltbewegter (nicht nur) in diesem Land aussieht.

Und so habe ich es mit großer Genugtuung zur Kenntnis genommen, als sich nach „anschwellendem Bocksgesang“ im Zuge des sogenannten Diesel-Skandals und diverser per Gerichtsbeschluss anberaumter Dieselfahrverbote in mehreren deutschen Städten mit dem Lungenfacharzt Dieter Köhler eine Stimme der Vernunft erhob: Zumindest scheint es mir als Laie plausibel, wenn Köhler die entsprechenden Studien zur Stickoxidbelastung für mindestens einseitig interpretiert erklärt, da zahlreiche maßgebliche Einflussfaktoren auf die Lebensdauer der Anwohner belasteter Stadtviertel wie Tabak- und Alkoholkonsum sowie Bewegungsmangel nicht hinreichend berücksichtigt worden seien. (Ein längeres SWR-Interview mit Köhler findet sich übrigens hier.)

Ein Thema, dem sich neben anderen Prachtexemplaren aus dem Jutebeutel berufsökologistischen Irrsinns übrigens auch der Großmeister des politischen Kabaretts, Dieter Nuhr, in seinem aktuellen Jahresrückblick annimmt.
Aufklärung kann ja so wunderbar zwerchfellerschütternd wirken – wenn einem nicht das Lachen ob der realen Idiotie in Gesellschaft und Politik oft im Halse stecken bleiben würde…

In einen größeren Zusammenhang stellt das Debattenmagazin „Cicero“ die Thematik, wenn Wolfgang Bok dort die Attacken gegen die deutsche Automobilindustrie, die Stromkonzerne, Banken etc. mit ihren ökonomisch desaströsen Auswirkungen für das bundesdeutsche Wohlstandsniveau konfrontiert.

Der Autor schreibt vermutlich wohl vergeblich gegen das hierzulande schon länger zu beobachtende „Überdrehen der Ökoschraube“ an – man denke an die jahrelangen Hetzkampagnen gegen die zivile Nutzung der Kernenergie oder die Pflanzengentechnik.

Und auch für emanzipatorische Kritiker eines politischen Islams sowie der real existierenden Migrationspolitk (die häufig völlig naiv auf zur religiösen Intoleranz indoktrinierte Muslime reagiert) lässt 2019 wohl keine wirkliche Hoffnung grünen. Spricht doch vieles dafür, dass das inflationäre, da völlig undifferenzierte In-die-rechte-Ecke-Stellen als neuer Volkssport seine unrühmliche Fortsetzung finden dürfte…

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Beglückende Lügen: Hessischer Rundfunk erfindet pazifistischen Islam!

November 24, 2018

Seit Anfang November läuft im wöchentlichen Rhythmus ein vom Hessischen Rundfunk (HR) verantwortetes, auf 24 Folgen angelegtes Funkkolleg unter dem Obertitel „Religion Macht Politik“. In der aktuellen Folge beschäftigt sich Redakteur Stefan Ehlert mit der Weltreligion Islam („Faszinierend und anders“).

Der Beitrag kann wie alle bisherigen hier nachgehört bzw. heruntergeladen werden. Wie leider so häufig in der Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Medien ist er gespickt von gravierenden Schönfärbereien. In meiner Antwortmail an den HR nehme ich Bezug auf die Darstellung der Koran-Sure 5,32 bzw. des tatsächlich pauschal behaupteten koranischen Tötungsverbots ab Minute 8:48. Hier die ungekürzte Wiedergabe meiner Mail:

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Sehr geehrter Herr Ehlert, liebe HR-Funkkolleg-Redaktion,

aufgrund gravierender Desinformation innerhalb Ihres aktuellen Funkkolleg-Beitrags zum Islam aus der Reihe „Religion Macht Politik“ schreibe ich Ihnen meine diesbezüglichen Gedanken:

Sie zitieren in Ihrem Beitrag die Koran-Sure 5,32, um sowohl eine islamistische Gewaltlegitimation als auch eine von Ihnen unterstellte islamkritische „pauschale Verunglimpfung einer ganzen Weltreligion“ zu kritisieren.
Selbstverständlich gibt es innerhalb der Islamkritiker-Szene selbst zu kritisierende Tendenzen, da bisweilen eine überkritische Haltung vertreten wird (im Extremfall müsste dann korrekt von Muslimfeindschaft gesprochen werden, wenn nämlich unterstellt wird, Muslime seien quasi von Natur aus gewaltaffin), jedoch suggerieren Sie mit Ihrem „Verunglimpfungs“-Vorwurf, sämtliche Islamkritiker seien unseriös.

Dabei lassen Sie den nicht ganz unwichtigen Hinweis außer acht, dass die Sure 5,32 an „die Kinder Israels“, also die Juden gerichtet ist. Auch thematisieren Sie leider nicht innerislamische Debatten um die Frage, was genau unter „auf der Erde Unheil stiften“ zu verstehen sei.
In islamistischen Kreisen wird bekanntlich bereits derjenige darunter subsummiert, der zum „Abfall vom Glauben“ anstiftet, welches nach unzweideutiger koranischer Aussage „schlimmer als Töten“ (Sure 2,191) aufzufassen sei.

Außerdem hält in diesem Kontext der Islamwissenschaftler Tilman Nagel fest, „dass das in Sure 5,32 ausgesprochene Tötungsverbot, wie der Kontext nahelegt, lediglich die Mitglieder der eigenen Solidargemeinschaft schützt, die durch Blutrache in ihren Reihen bedroht war“ und „bezeichnet daher die Behauptung, dass der Koran ein allgemeines Tötungsverbot enthalte, als ‚Propagandamärchen.'“
Quelle: http://www.transatlantic-forum.org/2014/koran-5-32

Womit wir dann bereits bei der eigentlichen Ungeheuerlichkeit Ihres Beitrag angelangt wären, der zufolge „Islamwissenschaftler […] immer wieder [betonen], dass der Koran das Töten nicht erlaube.“
Die in diesem Zusammenhang relevante Beschäftigung mit der Bedeutung des Dschihad“-Begriffs scheint hier eine klare Sprache zu sprechen, wird von Ihnen jedoch ebenfalls nicht einmal angerissen.
Dazu zitiere ich den aufgrund seiner differenzierten, aber dennoch klar religionskritischen Haltung von mir sehr geschätzten Politologen Armin Pfahl-Traughber:
„Insgesamt ist [im Koran] an 35 Stellen von ‚Dschihad‘ die Rede, lediglich in zwei Fällen in der eigentlichen Grundbedeutung von ’sich abmühen, sich anstrengen‘ und an vier weiteren Stellen in einem so möglicherweise deutbaren Sinne. ‚An allen anderen‘, so die Orientalistin Rotraud Wielandt, ‚d.h. an mehr als 80% der koranischen Fundstellen geht jedoch aus dem Kontext zweifelsfrei hervor, dass das Wort … tatsächlich nichts anderes als ein militärisches Vorgehen bezeichnet, also im Sinne von ‘Krieg führen’ zu verstehen ist. Bei dem heute insbesondere von Muslimen in den europäischen Ländern vertretenen ‚Dschihad‘-Verständnis, das auf die Bemühung um eine bessere Einhaltung der Glaubensmoral abstellt, handelt es sich somit um eine durchaus begrüßenswerte Neuinterpretation. Sie kann sich allerdings weder auf das eigentliche Konzept im Koran noch auf die historische Wirksamkeit stützen.“
Quelle: http://www.gkpn.de/PfahlTr_Islamismus_I.pdf

Mit freundlichen Grüßen
Michael Haß, Mühlheim (Main)

Die mit den Grauen Wölfen heulen? Reflexionen zum Verhältnis der #unteilbaren Linken zum Scharia-Islam

Oktober 26, 2018

„Solidarität statt Ausgrenzung“, „Für Toleranz“, „Bunt statt Braun“… alles hehre Parolen, die da am 13. Oktober von ca. 240.000 Menschen durch die Straßen Berlins schallten und unzählige Transparente zierten.

Unter dem Hashtag „unteilbar“ zogen so viele Demonstranten wie seit den Pro-Saddam-, äh Anti-Irakkriegs-Protesten 2003 nicht mehr durch die deutsche Hauptstadt. Und in der Tat: Die offenbar munter voranschreitende Radikalisierung großer Teile der „Merkel muss weg“-Bewegung, insbesondere der AfD gibt Anlass zu großer Sorge; deren Thüringer Fraktionschef Höcke fantasiert mittlerweile in der Migrationsdynamik der kommenden Jahre den größten Zivilisationsbruch in der Geschichte des deutschen Volkes herbei. Die Wählerklientel der „Alternative“ scheint´s nicht zu stören; im Gegenteil, erreichte die AfD mit 10,2 % jüngst in Bayern einen mehr als beachtlichen Erfolg, berücksichtigt man die übergroße Konkurrenz seitens des – häufig genug rechtspopulistisch agierenden – Platzhirsches CSU!
Das Problem ist nur komplexer: Die offene Gesellschaft befindet sich längst von zwei Seiten in die Zange genommen: Neben den Rechtspopulisten mit ihrer als Islamkritik getarnten Muslimfeindlichkeit etablieren sich seit 9/11 mehr und mehr Vertreter des politischen Scharia-Islam. Die Reaktion weiter Teile der politischen Linken darauf: ohrenbetäubendes Schweigen – wenn nicht gar eine saftige Diffamierung des Botschaftsüberbringers als „islamophob“ oder „rassistisch“! Es gilt noch immer das berühmte Tucholsky-Wort:
„Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht.“
Auf der anderen Seite haben wenigstens Teile linker Bewegungen wie die jüngst durch Berlin ziehende #unteilbar-Demo keinerlei Berührungsängste mit Repräsentanten des legalistischen Islamismus-Spektrums wie dem Zentralrat der Muslime (ZdM) und dessen mit den türkischen Ultranationalisten in Verbindung gebrachter Unterorganisation ATIP. Die komplette Liste der Erstunterzeichner des Demo-Aufrufs findet sich hier.

Das brillante, da immer wieder gegen den denkfaulen Zeitgeist gebürstete Debattenmagazin „Cicero“ kritisiert die #unteilbar-Initiatoren zudem dafür, als Globalisierungsgewinner die Sorgen und Nöte von deren Verlierern (die früher als „Arbeiterschaft“ bekannte untere bis mittlere Mittelschicht) zu vernachlässigen. Stattdessen verzettele man sich im Engagement für noch so kleine Minderheiten oder auch nur gefühlte Benachteiligungen.

Und so sehr mensch als originär Linksliberaler mit gehörigen rationalen Vorbehalten gegenüber dem politischen Islam dem allzu bunten Treiben eher vorsichtig distanziert zuschaut, so verblüffend reflektiert erscheint doch die Stellungnahme der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung (GBS), die sich nach einigem Hin und Her für die Teilnahem an der #unteilbar-Demo entschieden hat. In deren Stellungnahme heißt es u.a.:

„Hätten vor 70 Jahren nur jene Nationen die ‚Allgemeine Erklärung der Menschenrechte‘ unterzeichnen dürfen, welche die Menschenrechte wirklich achten (gesinnungsethische Position), so wäre es gar nicht erst zu der UN-Erklärung gekommen. Dadurch dass die UN-Charta aber ab dem 10. Dezember 1948 in der Welt war, kam es zu markanten Veränderungen in der internationalen Politik (selbstverständlich gingen diese Veränderungen nicht weit genug, aber das heißt keineswegs, dass wir sämtliche Fortschritte seit 1948 einfach ignorieren dürften). Worum es in diesem Zusammenhang geht, hat Ludwig Marcuse einmal sehr schön in Worte gefasst (und sein Satz weist, wie wir meinen, den Weg, wie man mit dem Bekenntnis des ZdM zur offenen Gesellschaft in verantwortungsethischer Weise umgehen sollte): ‚Es ist besser, das Gute steht nur auf dem Papier – als nicht einmal dort.'“

Man muss der GBS zugute halten, dass sie maßgeblich bei der Gründung des Zentralrats der Ex-Muslime, der Kritischen Islam-Konferenz und der Säkularen Flüchtlingshilfe beteiligt war – wovon sich große Teile der politischen Linken ein dickes Stück abschneiden sollten!
Bleibt abschließend zu hoffen, dass sich die Religionskritiker in Zukunft gerade auch innerhalb ihres eigenen politischen Herkunftsmilieus kräftig Gehör zu verschaffen wissen.
Um es mit dem langjährigen ARD-Algerienkorrespondent Samuel Schirmbeck zur linken Blanko-Toleranz sagen:

„Eine Projektionsfläche linker Ideologie ist auch der Islam insgesamt, den genauer zu betrachten die Linke für unnötig hält, hat er doch mit dem, was seit zwanzig Jahren in seinem Namen passiert [gemeint ist der Jihad-Terror, M.H.] ’nichts zu tun‘. Die internationalen Geheimdienste und die muslimischen Aufklärer wissen es besser.“
Samuel Schirmbeck: Gefährliche Toleranz. Der fatale Umgang der Linken mit dem Islam. Zürich 2018, S. 49.

Alle reden von Nazis auf (ost-)deutschen Straßen, keiner von denen im Schloss Bellevue!

September 19, 2018

Langsam klingt der mediale Empörialismus um die Vorgänge in Chemnitz und Köthen ab – Zeit, ein wenig Licht in die Nebelschwaden bundesdeutscher Diskurstabus zu bringen:

Anstatt sich in Detaildiskussionen darüber zu verlieren, ob in Chemnitz anlässlich einer AUCH von Rechtsradikalen besuchten Demo von einer „Hetzjagd“ auf Migranten gesprochen werden müsse, gilt es, das große Ganze nicht aus den Augen zu verlieren:
Ja, insbesondere der Osten Deutschlands hat ein gravierendes Problem mit Menschenverachtung / Rassismus. Ja, neben Thüringen gilt auch Sachsen als rechtsextreme Hochburg.
Diese offensichtliche Binsenweisheit darf, ja muss in aller Offenheit ausgesprochen und skandalisiert werden. Und natürlich handelt es sich deshalb bei der Mehrheit der dortigen Bewohner nicht um Rassisten! Dass diese Tatsache immer wieder extra betont werden muss, zeigt einmal mehr, auf welch erbärmliches Niveau sich der bundesdeutsche politische Diskurs stellenweise sofort begibt, wenn es um tatsächliche oder vermeintliche Nazis geht: Es wird hyperventiliert, was das Zeug hält, wenn genaue Differenzierung vonnöten wäre!
Umso wohltuender ist es da, einmal einen im wahrsten Wortsinn coolen Kommentar lesen zu können: René Zeyer schreibt in der Online-Ausgabe der Basler Zeitung:


„Der Spiegel weiss es mal wieder ganz genau: ‚Wer die AfD wählt, wählt Nazis.‘ Die ansonsten zurückhaltende Frankfurter Allgemeine Zeitung beobachtet einen ‚Lynchmob‘, die Süddeutsche Zeitung sieht die Lage in Chemnitz ‚ausser Kontrolle‘, hier gehe es um einen ‚Kampf um Herzen und Köpfe‘, und die Ereignisse im ­ehemaligen Karl-Marx-Stadt sind bereits im Abklingbecken der deutschen Talkshows unterwegs.
Wie immer liegt ein Hauch von Weimar in der Luft, herrscht Pogromstimmung, erinnern sich viele Kommentatoren an 1933, kurz vor der Machtergreifung Hitlers, als wären sie dabeigewesen.“

Und während sich gefühlt halb Deutschland darüber die Köpfe einschlägt, ob der Chef des Inlandsgeheimdienstes ob seiner umstrittenen Äußerungen zum Chemnitzer Geschehen zurücktreten solle, gerät eine deutlich wichtigere Frage beinahe völlig aus dem Blick:
Was ist eigentlich von einem Staatsoberhaupt zu halten, das hochrangige Vertreter einer schiitisch-islamistischen Organisation zu sich ins noble Schloss Bellevue einlädt und ihnen somit von Staatsseite höchste Weihen angedeihen lässt? So geschehen Ende April dieses Jahres. Kein geringerer als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) ließ es sich nicht neben, führende Köpfe des Dachverbands schiitischer Gemeinden Deutschlands (IGS) zum Gespräch zu bitten, was diese natürlich dankend annahmen.
Eines ihrer Vorstandsmitglieder ist der Wiesbadener Unternehmensberater und SPD-Politiker Dawood Nazirizadeh, über dessen Verbindungen zum schiitisch-iranischen Umfeld des klerikalfaschistischen Mullah-Regimes der iranische Oppositionelle Kazem Moussavi berichtet.
Auch das RBB-Politikmagazin „Kontraste“ nahm sich der Causa IGS im Zusammenhang mit dem antisemitischen Al Quds-Marsch im Juni in Berlin an.
Besonders pikant: Bundespräsident Steinmeier kam nicht nur auf die glorreiche Idee, als Gastgeber der IGS-Delegation zu fungieren, sondern rührte auch Anfang September kräftig die Werbetrommel für das medial ohnehin tausendfach beworbene „Wir sind mehr!“-Konzert von Chemnitz. Ein Konzert, bei dem auch die linksradikale Punkband „Feine Sahne Fischfilet“ auftrat – eine verbalradikale Idiotentruppe, die sich nicht entblödet, offen Gewalt gegen Polizeibeamte zu propagieren: „Die nächste Bullenwache ist nur ein (sic!) Steinwurf entfernt“ heißt es da z.B. in ihrem Song „Wut“.

Informationen zu Parteiausschluss-Diskussionen gegen die sauberen Herren Nazirizadeh oder gar Steinmeier liegen mir bis heute nicht vor!

Banker, bleib bei deinem Leisten! Warum Sarrazins zweiter Anlauf in Sachen Islamkritik die Moschee nicht im Dorf lassen kann

August 31, 2018

„Ups, he did it again!“ dürfte sich so mancher Zeitgenosse dieser Tage gedacht haben: Schließlich ist Thilo Sarrazin, Ex-Bundesbanker, Berliner Ex-Finanzsenator und noch immer SPD-Genosse, zurück auf dem Buchmarkt und legt nach acht Jahren in Punkto Islamkritik nach.

Wie damals ist er seinem Hang zur Provokation treu geblieben. Nach „Deutschland schafft sich ab“ raunt er nun von der „Feindliche[n] Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“.

Um es gleich klarzustellen: Wie schon 2010 so werde ich es mir auch dieses Mal ersparen, sein Buch käuflich zu erwerben und mich von daher auf die Meinungen Dritter verlassen. Ganz konkret beziehe ich mich auf den verbalen Rundumschlag aus der Feder von Sonja Zekri von der „Süddeutschen Zeitung“, die Sarrazin etliche handwerkliche Fehler – falsche Jahreszahlen, Namensschreibungen, vor allem aber pauschale Vermischung von (Kutur-)Muslimen und Islamisten – attestiert.
Das Ganze erinnert mich doch arg an „Deutschland schafft sich ab“, wo selbst Intellektuelle, die Sarrazins Islamkritik im Grunde genommen teilten, sich über seine Ausflüge in die Intelligenzforschung (Muslime seien quasi genetisch bedingt kognitiv zurückgeblieben) echauffierten. So schreibt Rafael Seligmann in dem lesenswerten Sammelband „Sarrazin. Eine deutsche Debatte“:

„Seine Provokationslust zieht Sarrazins Argumenten den Boden unter den Füßen weg. Er schildert korrekt Defizite der Immigration aus den islamischen Ländern. Er prangert die Weigerung von deren Vertretern an, die Integration in Deutschland zu unterstützen. Um diese unbestrittenen Fakten hervorzuheben, begibt sich Sarrazin jedoch ohne Not auf das Glatteis einer ungesicherten Intelligenzforschung und argumentiert in Teilen sozialdarwinistisch.“ (S. 112)

Leider werden gerade auch Menschen, denen das nötige Basiswissen zum Islam fehlt, ob seiner Prominenz auch dieses Mal wieder zu Sarrazins Buch greifen. Dabei existieren seriöse Alternativen, auf die man spielend leicht zurückgreifen könnte. Diese erfahren nur bei Weitem kein derartiges mediales Bohei wie das Machwerk des ehemaligen Bundesbankers. Ich denke hier insbesondere an den israelischstämmigen Psychologen Ahmad Mansour und sein vor einer Woche erschienenes Werk „Klartext zur Integration. Gegen falsche Toleranz und Panikmache“.
Zugegeben, ich habe es mir noch nicht besorgt, werde dies jedoch nachholen und zu gegebener Zeit meine Meinung dazu veröffentlichen! Gleiches gilt für den Soziologen Aladin El-Mafalaani und sein „Integrationsparadox. Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt.“

Weil ich also mit dem Lesen nicht nachkomme, bleibt mir vorerst an dieser Stelle nur der Hinweis auf ein Interview mit Ahmad Mansour, welches der Deutschlandfunk jüngst mit ihm geführt hat. Hier ein längerer Auszug daraus:

„Ich glaube, wir müssen erst mal verstehen, was Integration ist, weil ich sehr oft auch in Gesprächen mit Politikern den Eindruck bekomme, die Erwartungen an die Menschen, die zu uns kommen, lassen sich in einem Satz zusammenfassen: Integration bedeutet Arbeit plus Sprache minus Kriminalität. Nach dieser Definition war Mohammed Atta super integriert in Hamburg – der Attentäter vom 11. September.
Für mich ist Integration erst möglich, wenn ich als jemand, der dazugekommen bin, verstehe, dass das Grundgesetz dieses Landes ein persönlicher Gewinn für mich ist. Das heißt, Gleichberechtigung zu leben, die Meinungsfreiheit zu akzeptieren, die Religionsfreiheit und das bedeutet auch die Freiheit von Religion als einen Gewinn für die Gesellschaft und für mich selber zu verstehen, ist etwas absolut Wichtiges.
Und ich glaube, viele in dieser Gesellschaft haben nicht verstanden, dass man eine Integrationspolitik braucht, wo wir die Menschen gewinnen. Viele Menschen, die nach Deutschland gekommen sind, bringen Ängste mit. Sie bringen Traumata mit. Sie bringen andere Werte mit, andere Traditionen. Von denen zu erwarten, dass sie über Nacht anders werden, dass sie Grundgesetzpatrioten werden, ist nicht realistisch. Die Frage ist: Wie begleiten wir diese Menschen? Und vor allem, wer diese Menschen begleitet?
Und, wenn ich schaue, dass muslimische Verbände, die eigentlich verantwortlich sind für die Entstehung von Parallelgesellschaften in den letzten Jahrzehnten, dann halte ich das für einen Jahrhundertfehler, dass diese Menschen auf einmal die Aufgabe übernehmen, die Neuankommenden zu integrieren. Und das finde ich fatal. Und da machen die Kirchen mit – aus Angst natürlich auch, die Macht zu verlieren.“

Dass man gesellschaftskritischen Klartext reden kann, ohne dabei der Versuchung populistischer Vereinfachung auf den Leim zu gehen, führt Mansour hier exemplarisch vor: Es sind eben oft die – trotz ihrer prägnanten Rede – leiser daherkommenden Töne in der Integrationsdebatte, die es zu beachten lohnt.
Und so wünscht man sich, ein Sarrazin würde bei aller berechtigten Kritik an den zahlreichen Problemen, die ein reaktionäres Islamverständnis mit sich bringt, die Moschee im Dorf lassen. Religionskritik, ja Aufklärung an sich ist einfach zu kostbar, als dass mit ihr ungestraft reißerisches, von Halbwahrheiten gespicktes Schindluder getrieben werden könnte!

Armin und die Freiheitsfeinde: neue Runde im Islamismus-Appeasement-Karussell

Juli 24, 2018

Dass Politiker ihre Entscheidungen allzu häufig aus wahltaktischen Erwägungen, mitunter gar reichlich desinformiert oder aus einer Mischung aus beidem tätigen, dürfte ein offenes Geheimnis (nicht nur) innerhalb der politischen Landschaft der Bundesrepublik darstellen.

Karikatur-Ditib-Erdogan 

Gerade der Umgang mit den hierzulande lebenden Muslimen und ihen religiösen Organisationen scheint ein besonders beliebtes Betätigungsfeld für derlei faktenresistentes Appeasement abzugeben.
Und so verwundert es nicht, wenn der amtierende CDU-Ministerpräsident des bevölkerungsreichsten Bundeslands Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, sich zwar einerseits für ein Verbot des sogenannten „Kinder-Kopftuchs“ ausspricht, andererseits aber keine Probleme damit hat, offiziell in seiner Funktion als Landesvater die Eröffnung eines Moscheeneubaus des türkisch-islamischen DITIB-Verbands zu zelebrieren.

So geschehen im Mai dieses Jahres in der rheinischen Stadt Monheim.
Skandalös genug, dass per deutschem Vereinsrecht die Dominanz einer faschistoiden Auslands-Institution wie der türkischen Religionsbehörde Diyanet unter der Fuchtel des nationalislamistischen Freiheitsfeindes Recep Tayyip Erdogan (AKP)rechtlich kein Problem darstellt!

Nein, Laschet entblödet sich im Rahmen der Moschee-Eröffnung zudem auch noch zu der dümmlichen Aussage: „Hier spielt heute Politik keine Rolle, sondern hier geht es um Religionsausübung, um Weltoffenheit…“ (ab Min. 1:40 in obigem WDR-Video)

Welcherart „Weltoffenheit“ innerhalb der DITIB gefrönt wird, belegt neben zahlreichen Hinweisen auf Antisemitismus, Jihad- und Märtyrerverherrlichung von anderer Seite der Autor Sascha Adamek in seinem aufrüttelnden, wenngleich medial quasi völlig unbeachteten Werk „Scharia Kapitalismus. Den Kampf gegen die Freiheit finanzieren wir selbst“:

„Im Sommer 2016 nahm der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir die wachsende Macht der DITIB zum Anlss für eine umfassende Kritik. [So] bezeichnete er türkische Nationalisten als eine ‚Art türkische Pegida.‘

Der ‚lange Arm Erdogans‘ dürfe nicht nach Berlin, Stuttgart oder München ragen. Özdemir hält das im Bildungswesen für besonders gravierend: ‚Wenn wir unsere Schulen für muslimischen Religionsunterricht über DITIB öffnen, lassen wir zu, dass Erdogans Ideologie im Unterricht in unserem Land verbreitet wird‘, sagte Özdemir, ‚das finde ich unerträglich.'“ (S. 161f.)

Bleibt zu hoffen, dass wenigstens NRW-Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) mit seiner an die Adresse der DITIB gerichtetetn klaren Bedingung im Hinblick auf eine mögliche erneute Zusammenarbeit im Bereich des schulischen Islamunterrichts Ernst macht:

„Die Ditib muss sich entscheiden, ob sie eine politische Organisation sein möchte oder eine Religionsgemeinschaft. Wenn sie sich löst von Ankara und als Religionsgemeinschaft tätig ist, ist sie Partner.“

Von N-Wörtern und Zwangs-N-jungferten: die Schattenseiten der Political Correctness

Juni 29, 2018

Welche absurden Blüten die Political Correctness (PC), gerade auch im Hinblick auf Gender-Aspekte, mittlerweile bisweilen treibt, war ja bereits im Januar dieses Jahres Thema auf diesem Blog.

Von daher dürfte es die geneigte Leserin nicht weiter verwundern, davon zu erfahren, dass gerade viele Kulturschaffende anscheinend eine besondere PC-Affinität aufweisen dürften.
Das jedenfalls legt ein Blick auf das Berliner Theatertreffen 2017 nahe: In dem dort zur Aufführung anstehenden Stück von Claudia Bauer („89/90“) wurde seitens des Intendanten per Überrumpelungstaktik unmittelbar vor Beginn der Inszenierung durchgesetzt, dass der Neonazi-Darsteller seinem farbigen Kontrahenten das sog. N-Wort („Neger“) nicht ins Gesicht sagen durfte. Stattdessen musste besagtes „N-Wort“ durch ein gesprochenes „Beep“ ersetzt werden!

Man mag derlei Albernheiten getrost lächelnd beiseite schieben, hätte die Political Correctness nicht ab und an absolut traumatische Konsequenzen für ihre Opfer. Opfer, die es eigentlich gar nicht geben dürfte, ist die Grundhaltung der PC doch löblicherweise darauf ausgerichtet, Menschen für sprachliche Diskriminierungen zu sensibilisieren und damit die Zahl der Diskriminierten zu reduzieren – und „Neger“ stellt für Farbige (pardon: „Persons of Colour“) nun einmal seit geraumer Zeit eine heftige Beleidigung dar. Dass selbst der berühmte Martin Luther King in seiner legendären „I have a dream“-Rede von „Negroes“ spricht, sei einmal dahingestellt.

Aber zurück zu den Opfern der PC: Vor vier Jahren wurde in der englischen Kleinstadt Rotherham ein ungeheures Kartell des Schweigens aufgedeckt, ein Kartell aus Polizei, Stadt und weiteren Behörden, welches den massenhaften sexuellen Missbrauch junger Mädchen über viele Jahre unter den Teppich kehren konnte. Der Grund für die langjährige eiserne Verschwiegenheit: Man wollte sich nicht dem Rassismusvorwurf aussetzen, schließlich waren die Täter mehrheitlich Pakistanis! Auch die überregionale deutsche Medienlandschaft berichtete damals recht ausführlich über den Fall Rotherham, gut anderthalb Jahre, bevor auch Deutschland in Form der zunächst zögerlich-relativierenden Berichterstattung über die Kölner Silvesternacht 2015/16 im Fokus der Schattenseiten der PC-Bewegung stehen sollte.

Die Ereignisse in beiden Städten werden auch von Daniel Ullrich (Forscher für Medieninformatik) und Sarah Diefenbach (Wirtschaftspsychologin, beide an der LMU München) in ihrem erfrischend aufklärerischen Werk „Es war doch gut gemeint. Wie Political Correctness unsere freiheitliche Gesellschaft zerstört“ aus dem Jahr 2017 thematisiert.
Darin behandeln beide Wissenschaftler u.a. Strategien der Verweigerung eines rationalen Diskurses, die sog. Dirty Discussion Tactics: diskursive Vorgehensweisen z.B. im Umgang mit zum Outlaw erklärten politischen Gegnern wie der AfD – mit denen die Autoren allerdings nicht sympathisieren:

„Ablenken oder Derailing. Vom konkreten Thema ablenken und auf ein anderes überleiten für das man bessere Argumente hat (z.B. ‚Die meisten sexuellen Übergriffe passieren noch im privaten Umfeld!‘).

Whataboutism. Argumente mit dem Verweis auf andere schlimme Taten wegwischen (z.B. ‚Das Christentum hat auch unermessliches leid verursacht!‘).

Strohmann-Argument. Gegen eine Position argumentieren (den Strohmann), die niemand eingenommen hat (z.B. auf die Aussage ‚ Mit den Flüchtlingen im Land steigt auch die Gewalt‘ erwidern ‚Sie können nicht sagen, dass alle Moslems Terroristen sind!‘).

Nebelkerze oder Roter Hering. Taktik, um Zusammenhänge zu verschleiern und den Gegner auf eine falsche Fährte zu locken (z.B. ‚Die meisten Straftaten werden von Deutschen begangen!‘).
Ad-hominem-Argument. Nicht gegen den Inhalt, sondern gegen die Person argumentieren (z.B. ‚Frau XY stammt aus dem Umfeld von Björn Höcke, ihr kann man nicht vertrauen!‘).

[…] Keulen. Besonders diffamierende Äußerungen, die den Gegner in eine negativ assoziierte Schublade sortieren, um ihn mundtot zu machen. Besonders häufige Keulen sind die Nazi-Keule, die Rassismus-Keule, die Sexismus-Keule, die Homophobie-Keule, die Antisemitismus-Keule und die Populismus-Keule. Die Keulen müssen inhaltlich nicht zwangsläufig etwas mit dem Vorwurf zu tun haben (z.B. ‚Nach einem islamistischen Terroranschlag den Islam kritisieren zu wollen, ist Rassismus pur!‘).

Falsche Alternativen. Zwei Alternativen anbieten, von denen eine offenbar nicht erwünscht ist und damit die andere nahelegt, obwohl es eigentlich noch unzählige andere Alternativen gäbe (z.B. ‚Wir müssen die Inzucht Europas verhindern, sonst wird Europa untergehen. Deshalb brauchen wir Migranten aus Afrika.‘).“

Daniel Ullrich / Sarah Diefenbach: Es war doch gut gemeint. Wie Political Correctness unsere freiheitliche Gesellschaft zerstört. München 2017, S. 200.

Eine erste Gelegenheit, auch diese hochproblematischen Punkte der PC anzusprechen, bietet übrigens für Studienräte wie mich das überarbeitet Deutsch-Curriculum für die Gymnasiale Oberstufe (Jahrgang 12 – Halbjahr Q 2), wo das Thema „Sprache und Öffentlichkeit“ behandelt werden kann – mit ausdrücklicher Konkretisierung auf die Political Correctness. Eine Chance, die ich meinem aktuellen Deutsch-Grundkurs nicht vorenthalten habe.

Die „Angst für Deutschland“ (AfD) und das deutsche „Pathos des Absoluten“ (Adorno)

Mai 28, 2018

„Ganz Berlin hasst die AfD!“ schallt es aus tausenden Kehlen überwiegend junger, linksalternativ gekleideter Politaktivisten. „Ganz Berlin hasst die Antifa!“ erwidern ihre zahlenmäßig deutlich unterlegenen, reichlich deutschlandbeflaggten politischen Gegner.

So geschehen am Sonntag, den 27. Mai im Berliner Regierungsviertel und drumherum: Die sogenannte „Alternative für Deutschland“ (AfD) hatte unter dem Motto „Zukunft Deutschland“ zur „Großdemo“ gerufen; gekommen war gerade einmal 5000 Aufrechte, die sich dem Spießrutenlauf „linksalternativer“ Gegendemonstranten aussetzen mochten. Ein Szenario, das nun schon seit Jahren in regelmäßigen Abständen zu beobachten ist und jeden an einer halbwegs rational verlaufenden politischen Debattenkultur Interessierten nur noch an ein Stück aus dem Tollhaus gedenken lässt!

Zeit also, sich ein wenig zurückzunehmen und sich der kühlen Analyse zu widmen. Z.B. in Form eines 450-Seiten-Wälzers des syrischstämmigen Politik-Profs Bassam Tibi. Er trägt den Titel „Islamische Zuwanderung und ihre Folgen. Wer sind die neuen Deutschen?“ (bzw. in der neuesten Auflage „Der neue Antisemitismus, Sicherheit und die ’neuen Deutschen'“) und breitet – leider zum Teil recht redundant – jede Menge Argumente dafür aus, den Hunderttausenden Menschen, die im Zuge der „Flüchtlingskrise“ der Jahre 2015ff. nach Deutschland geströmt sind, nun ja, mit der gebotenen Vorsicht zu begegnen.

Tibi tut das, was jedem nur rudimentär mit dem Islam Befassten schon lange klar sein muss: Er warnt davor, allzu blauäugig den zahlreichen Syrern, Afghanen, Irakern etc. entgegenzutreten und ein naives „Refugees welcome!“ auch dann noch undifferenziert aufrechtzuerhalten, wenn nicht wenige der Betreffenden sich als einschlägige Antisemiten, Homophobe, Frauenverächter, kurzum als religiös indoktrinierte Chauvinisten erwiesen haben.
An Belegen mangelt es wahrlich nicht bei Tibi; als „Premium-Beispiel“ berichtet er von einem ZEIT-Artikel Giovanni di Lorenzos, in welchem dieser das niederschmetternde Ergebnis einer Umfrage unter syrischen Flüchtlingen in Deutschland zugibt: Ca. 50 % der Befragten hatten sich als Hitler-Bewunderer geoutet, was in der ZEIT-Redaktion eine hitzige Debatte über Sinn und Unsinn einer Veröffentlichung ausgelöst habe – schließlich sei man zur Erkenntnis gelangt, die unangenehmen Fakten zu publizieren (Tibi S. 83).
Siehe auch die Ausführungen eines Hamed Abdel-Samad zur seiner Ansicht nach krachend gescheiterten Integration muslimischer Migranten hierzulande!

Doch das ficht die Anhänger_Innen der reinen „Lehre vom heiligen Flüchtling“ offenbar nicht an, betreiben sie doch ebenso wie viele Jetzt-erst-recht-AfDler ihr infantiles „Hau-den-Gegner“ (in die Pfanne, je vulgärer, desto besser versteht sich) mit ihren albernen Parolen à la „Wir sind das Volk!“, pauschaler Flüchtlingshetze (AfD) oder „Liebe statt Hass“, „Bunt statt braun“ (Gegendemonstranten).
Sehr treffend schreibt Jasper von Altenbockum in der FAZ vom „Verbohrte[n] Kulturkampf“, wenn den etablierten Parteien auch fünf Jahre nach Gründung der AfD noch immer nichts Besseres einfalle, als deren Anhänger in Bausch und Bogen als Nazis und Rassisten zu brandmarken.
Selbstverständlich sind Forderungen eines Bernd Höcke nach einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“ oder eines Alexander Gauland nach einer positiven Rezeption der „Leistungen unserer Soldaten in zwei Weltkriegen“ erschütternd, widerlich, nicht hinnehmbar – völlig klar!
Aber statt sich einzugestehen, dass die AfD trotz dumpfem Nationalismus und häufig schrillem, bisweilen völlig überzogenem Islamhass im Kern den Finger genau darauf legt, wo er hingehört, nämlich auf die „Wunde“ des haarsträubend-naiven bis fahrlässigen Umgangs weiter Teile des politischen Establishments mit dem ultrakonservativen Verbandsislam, meint man, die Dosis Volksverdummung einfach erhöhen zu können und sich noch vehementer als antirassistischer Gutmensch gegen die „Inkarnation des Bösen“, ergo die AfD, stellen zu müssen.

Vielleicht wäre es nicht verkehrt, von linksalternativer Seite mal wieder auf einen der Vordenker der eigenen politbewegten Eltern – Theodor W. Adorno – zu hören. Tibi schreibt in Bezug auf ihn:

Eine bis heute anhaltende deutsche Krankheit ist das von Adorno diagnostizierte Pathos des Absoluten, sowohl im Schlechten als auch im Guten. Adorno will nicht ‚Hitler als Schicksal dem deutschen Nationalcharakter‘ zuschreiben, betont aber dennoch, dass es nicht zufällig war, dass Hitler in Deutschland hinaufgelangte:
‚Allein schon ohne den deutschen Ernst, der vom Pathos des Absoluten herrührt […], hätte Hitler nicht gedeihen können. […] Der heilige Ernst kann übergehen in den tierischen, der mit Hybris sich buchstäblich als Absolutes aufwirft und gegen alles wütet, was seinem Anspruch nicht sich fügt.‘ Das von Adorno beanstandete
Pathos des Absoluten lebt in Deutschland auch nach Hitler fort, auch bis heute noch, sowohl links als auch rechts; ich sehe diesen Ungeist auch gerade im Willkommensmantra der linken und grünen ‚Selbstgefälligen‘ (Heinrich August Winkler) als Gesinnung deutscher, global besorgter Gutmenschen, die heute mit Hybris einen moralischen Imperialismus in Europa betreiben.“ (Tibi S. 81)

Ansonsten verbleibt mir nur, mich den Hinweisen einer der profundesten AfD-Kennerinnen, der SPIEGEL-Journalistin Melanie Amann, anzuschließen: Diese fordert in ihrem Standardwerk „Angst für Deutschland“ neben mehr „Gelassenheit“ im Umgang (S. 279) die rationale, aber auch auf eigene Authentizität abzielende Auseinandersetzung mit dieser Partei. Keinesfalls empfehle es sich, à la CSU die AfD rechts überholen zu wollen und deren teils reaktionären Heimat- und Traditionsfetischismus nachzuahmen. Wenn „Kreuzritter“ Markus Söder nur auf sie hören würde…

Manfred Lütz: Weißer Riese des Christentums oder kirchengeschichtlicher Weichspüler?

April 30, 2018

Zugegeben, eigentlich widerstrebt es mir, über ein Buch zu schreiben, das ich nicht einmal in repräsentativen Auszügen gelesen habe. Doch die geneigte Leserin gestatte mir an dieser Stelle eine einmalige Ausnahme.

Und diese Ausnahme hört auf den Namen Manfred Lütz. Über den umtriebigen katholischen Psychiater, Psychotherapeut, Buchautor, Diplom-Theologe und Vatikanberater bin ich vor ca. acht Jahren das erste Mal gestolpert, genauer gesagt über sein damals aktuelles „Gott. Eine kleine Geschichte des Größten“.
Bereits damals musste ich bei der Lektüre ein ums andere Mal den Kopf schütteln ob der gleichermaßen frivolen wie argumentativ-grobschlächtigen Schreibweise des gläubigen Seelenkundlers. Erlaubt sich Lütz dort doch eine Vielzahl manipulativer Kunstgriffe (u.a. die Gleichsetzung des Atheismus mit dem Nihilismus), die allerdings von belesenen Religonskritikern relativ einfach zu durchschauen sind. Wer sich mit dieser apologetischen Schrift näher kritisch befassen möchte, sei auf diesen hpd-Beitrag verwiesen.
Der Autor ist mir also beileibe kein gänzlich Unbekannter, zumal mir auch vor Jahren ein kurzer Ausschnitt aus seinem Buch „Irre! Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen“ über den Weg gelaufen ist und ich seine dortige scharfe Polemik gegen den Oberschwachmaten vom Dienst, Dieter Bohlen, mit großem Genuss aufgenommen habe!

Umso hellhöriger wurde ich also vor zwei Monaten, als ich die Ankündigung des unter dem reißerischen Titel „Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums“ verfassten aktuellen Werks des Dr. Lütz zu lesen bekam. Instinktiv schien mir klar: Da betreibt (mal wieder) einer sicher ganz gehörige Geschichtsklitterung!
Nun, durch das, was ich seither an Rezensionen zum neuen „Lütz“ im Netz auftreiben konnte, wurde mein Unbehagen nur bestätigt. Von daher erlaube ich mir, aus der zuerst verlinkten, akribisch ausführlichen Besprechung von Christian Modehn eine längere Textpassage zu zitieren:

„Lütz will zeigen, wie in Öffentlichkeit schon seit längerer Zeit, also durch die Medien, d.h. durch die Journalisten, die globale, aber in seiner (Lütz) Sicht irrige These verbreitet wird: Die Geschichte des Christentums, vor allem der katholischen Kirche, sei hoch belastet, unangenehm kriegerisch, also unmenschlich. Kurz: Die Geschichte des Christentums sei eben ein Skandal. Gegen diesen Skandal will der Autor argumentieren, indem er die Argumente der von diesem Skandal Sprechenden selbst schon einen Skandal nennt. […]
Dass in der Geschichte des Christentums und der Kirchen, vor allem der katholischen Kirche, trotz einiger Lichtblicke und einiger Vorbilder und Heiliger weithin – in heutiger Sicht – skandalöse Verhältnisse und, vernünftig betrachtet, eben auch skandalöse Denkformen und Inhalte verfestigt wurden, ist ja bekanntlich ein Urteil, zu dem reflektierte Theologen, Religionswissenschaftler und Historiker ziemlich einmütig kommen. Dies ist der wissenschaftliche Gesamteindruck heutiger Wissenschaftler, die natürlich wissen: Das von ihnen in der Gegenwart frei gelegte Elend dieser Kirche(n) (der Skandal), wurde auch schon damals von vielen Beteiligten, den Verfolgten und Leidenden wegen dogmatischer Abweichungen, als solches erlebt. Der Skandal wurde als Skandal als solcher also damals schon von den Leidtragenden erlebt. […]
Lütz will also diese dunklen Seiten bzw. unangenehmen Strukturen der Kirche etwas reinwaschen. Dabei übersieht er die Liste der international geschätzten Wissenschaftler, die den Skandal dieser Kirche ohne apologetische Angst freilegten, etwa Prof. Jean Delumeau, übrigens ein überzeugter Katholik in Frankreich, lange Jahre Professor am Collège de France, Paris: Es steht im Zentrum seiner ausführlichen Studien die giftige Angst der Kirchenführung, diese machte die katholische Kirche zu einer ‚belagerten Festung‘. Dies ist heute allgemeine wissenschaftliche (!) Überzeugung, daran sollte man eigentlich um der Erkenntnis willen nicht „wackeln“. […]
Schon auf Seite 13 verschlägt es einem Theologen die Sprache: Da wird behauptet, Jesus aus Nazareth, hätte ’seiner Kirche‘ keine ungebrochene Heiligengeschichte ‚vorausgesagt‘ (sic). Hat Jesus von Nazareth nicht – laut NT – ganz was anderes vorausgesagt, nämlich das baldige Ende der Welt und seine, Jesu, Wiederkunft? Es ist naiv, gelinde gesagt, zu meinen: Dieser Jesus von Nazareth hätte diese römische Kirche förmlich schon vor Augen gesehen und als Papst-Kirche gegründet. […]“

Und Dr. Josef Breinbauer rückt im Humanistischen Pressedienst u.a. die von Lütz behauptete progressive Leistung des Christentums in Sachen Frauenemanzipation zurecht:

„Beim Thema ‚Frau‘ ist der Autor [Lütz] voll des Lobes für die emanzipatorischen Leistungen der kath. Kirche. Zunächst heißt es auf S. 29 ganz allgemein: ‚Noch ein anderer Keim ist im Monotheismus angelegt. In den kosmologischen Religionen der Vorzeit entspricht der Mann gewöhnlich der Sonne und die Frau dem Mond, womit Letztere immer nur ein Abglanz ist und nie Gleichberechtigung erhält.‘ […] Logischerweise übergeht Lütz bei seiner Zitation von Paulusstellen jene in 1Kor 11,7, wonach der Mann Abglanz Gottes ist, die Frau aber nur Abglanz des Mannes.“

Dementsprechend bleibt nur, sich dem Urteil Breinbauers anzuschließen und Lütz‘ peinliches apologetisches Machwerk als Versuch einer „weichgespülten Kirchengeschichte“ möglichst viel religionskritischen Gegenwind zu wünschen. Als „Weißer Riese des Christentums“ taugt es mitnichten!

Tellkamp, Abdel-Samad, Giordano: Und täglich grüßt das empörialistische Murmeltier!

März 18, 2018

Ich werde langsam alt. Sehr alt. Mit demnächst 44 Lebensjahren auf dem Buckel und einer ca. zwanzigjährigen Internet-Debattenerfahrung im Rücken komme ich mir manchmal vor wie mein eigener Opa: Mit der Zeit wiederholt sich einfach so vieles, insbesondere die medialen Reaktionen auf im weitesten Sinne migrationspolitik- und islamkritische Statements.

Die jüngste Empörialismus-Welle um die Äußerungen des Dresdner Schriftstellers Uwe Tellkamp belegt zum x-ten Mal das Fehlen einer reifen Debattenkultur in diesem Land: Statt zunächst einmal ihrer journalistischen Sorgfaltspflicht Genüge zu tun und einige seiner inkriminierten Argumente rein deskriptiv wiederzugeben, verfallen beinahe sämtliche von mir am 16.03.2018 (als ich Spätzünder überhaupt erst von der Kontroverse erfuhr) gesichteten Beiträge der hiesigen Mainstream-Medien reflexartig in Schubladendenken: Ob „AfD-nahe Ansichten“, „rechte Äußerungen“ (SPIEGEL online vom 09.03.18 oder „rechtspopulistische Äußerungen“ (ZDF-Sendung „Aspekte“ vom 16.03.18, vgl. ab Min. 6:08) – von sachlich-unaufgeregter Auseinandersetzung mit den Positionen des „Enfant terrible“ wenig zu spüren.
Immerhin ließ ein ausführlicher Artikel in der Print-Ausgabe des SPIEGEL vom 17.03.2018 („Der Riss“, S. 112ff.) ansatzweise erkennen, worum es Tellkamp u.a. ging:
1. 95 % aller Flüchtlinge fliehen demzufolge angeblich gar nicht vor Krieg und Verfolgung, sondern haben es lediglich auf unser Sozialsystem abgesehen und
2. Die AfD sei vor der Bundestagswahl 2017 die „einzige regierungskritische Alternative“ gewesen.

Aha, endlich also einmal „Butter bei die Fische“ statt sofortigem „Ab in die rechtspopulistische Schmuddelecke“.
Zeitgleich greift ein sog. „Faktencheck“ auf SPIEGEL online drei der wichtigsten Thesen Tellkamps auf und rückt sie zurecht – immerhin!

Und auch wenn es sicherlich Differenzen in der politischen Haltung der nachfolgend genannten Publizisten gibt, so ist ihnen doch eines gemein: Die schrille mediale Empörung nach erfolgter Islamkritik: Vor Uwe Tellkamp mussten nämlich (neben weiteren) der Politologe Hamed Abdel-Samad sowie der Holocaust-Überlebende Ralph Giordano diese unangenehme Erfahrung machen. Wagten sie sich doch an das Tabu der Tabus der bundesdeutschen Debatten(un-)kultur heran, nämlich den (politischen) Islam zu kritisieren, wie es ihm gebührt: als demokratiegefährdender, ja faschistischer Auswuchs wahnhafter Ideologie! Dass genannte Herren damit keineswegs alle Muslime hierzulande als „Faschisten“ verstanden wissen oder gar nach bewährtem AfD-Sprech „in Anatolien entsorgen“ (AfD-Vorsitzender Gauland über SPD-Integrationsstaatsministerin Özuguz) wollten, versteht sich von selbst – sollte man meinen.
Und dass sich Abdel-Samad gar in die „Höhle des Löwen“ (sprich: auf eine AfD-Veranstaltung in Dachau) traute, um dort seine islamkritischen Thesen zu referieren, brachte diverse bundesdeutsche Gesinnungswachhunde seinerzeit regelrecht zum Kochen. Die unbedeutende Petitesse, dass Abdel-Samad sich mehrfach von den politischen Positionen der selbsternannten „Alternative“ distanziert hat, sei an dieser Stelle nicht verschwiegen.

Dass es durchaus auch unaufgeregt anders geht, zeigt ein Blick in das Buch „Die Grenzen der Toleranz. Warum wir die offene Gesellschaft verteidigen müssen“ aus der Feder des Geschäftsführers der Giordano-Bruno-Stiftung, Michael Schmidt-Salomon:
„Welch absurde Form die Zwangsvorstellung angenommen hat, der AfD nie und nimmer recht geben zu können, selbst dort, wo sie recht hat, zeigte sich in markanter Weise, als Hamed Abdel-Samad am 18. April 2016 im ARD-Nachtmagazin zu den islamkritischen Positionen der AfD interviewt wurde. Hamed erklärte am Anfang des Gesprächs, dass die Behauptung, Islam und Demokratie seien miteinander nicht vereinbar, ‚grundsätzlich nicht falsch‘ sei. Zur Erläuterung wollte er hinzufügen, dass dies nur auf die politische Ideologie und die tradierte Rechtsordnung des Islam zutreffe, nicht aber auf die Religion an sich, als er mitten im Satz von der Moderatorin unterbrochen wurde: ‚Stopp, Entschuldigung, an diesem Punkt muss ich bleiben: Sie haben ja gerade eben das gesagt, was auch die AfD gesagt hat! Sie bestätigen das?!‘
Man merkte dem Tonfall der Frage an, dass es offenbar eine absolute Ungeheuerlichkeit darstellen muss, der AfD in einzelnen Punkten recht zu geben. […] Obwohl Hamed im ARD-Nachtmagazin deutlich machte, dass er die AfD nie wählen würde, wurde am nächsten Morgen die Nachricht verbreitet, er habe der AfD den Rücken gestärkt. Kurz darauf gingen bei mir Dutzende von Mails ein, die mich, teils unter wüsten Beschimpfungen, dazu aufforderten, den ‚Faschisten‘ Hamed Abdel-Samad mit sofortiger Wirkung aus dem Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung zu entlassen.“


Quelle: Michael Schmidt-Salomon: Die Grenzen der Toleranz. Warum wir die offene Gesellschaft verteidigen müssen. München/Berlin 2016, S. 58f.

Dem bleibt wenig hinzuzufügen: Auch ich denke nach wie vor nicht im Traum daran, mein Kreuz bei einer Partei zu setzen, die sich nicht entblödet, eine Delegation Landtags- und Bundestagsabgeordnete zum Schmusen mit dem Massenmörder Assad nach Damaskus zu entsenden. Derart blind und moralisch verquast wird mich die hiesige Entwicklung des politischen Islam niemals werden lassen, auch wenn es für die Zukunft wohl keinen allzu großen Grund für Optimismus gibt.

Gesinnungsjournalismus: abgehoben auf´s Abstellgleis?

Februar 26, 2018

Dass der Großteil der hiesigen Medienmacher – insbesondere diejenigen der „Meinungsflaggschiffe“ SPIEGEL, ZEIT, Süddeutsche, taz und wie sie alle heißen – politisch klar links-grün verortet ist, zählt zu den offenen Geheimnissen der Branche.

Dass also für diese Leute die zivile Nutzung der Atomkraft oder „der“ Kapitalismus an sich des Teufels sind, während man der „heiligen Kuh“ des Biolandbaus huldigt und diversen erneuerbaren Energien quasi messianische Wirkung auf den ökologischen Zustand des Planeten zuspricht, sollte also nicht wirklich verwundern.
Was mich selbst hingegen an der ganzen Sache verwundert ist die Tatsache, dass ich dies – als querdenkender Linksliberaler mit grüner Seele, aber schon lange nicht mehr mit ebensolcher Parteipräferenz – bereits seit Jahr und Tag als völlige Selbstverständlichkeit hingenommen habe: War ich doch durch diverse Bücher des Autorenduos Dirk Maxeiner und Michael Miersch sowie die Bekanntschaft mit dem unkonventionellen, radikal-liberalen Debattenmagazin „NovoArgumente“ das politische innere Exil gewohnt.

Und trotz meiner medialen „Abgebrühtheit“ war es für mich (und hoffentlich viele weitere Leser) zu Jahresbeginn doch Balsam für die Seele, eine derart präzise Analyse wie diejenige aus der Feder des ehemaligen Journalistik-Professors Michael Haller im CICERO zu lesen. Dieser attestiert zahlreichen politischen Redakteuren weitgehende Freiheit von Sachkenntnis im Umgang mit dem politischen Gegner und belegt dies u.a. anhand der Berichterstattung über die gescheiterten „Jamaika“-Sondierungen Mitte November 2017. Einer Berichterstattung, die zu weiten Teilen von Anfang an keinen Zweifel darüber zugelassen habe, dass FDP-Lindner der Alleinschuldige sei, anstatt sich die Mühe zu machen und die konkreten inhaltlichen Knackpunkte der Verhandlungen offenzulegen.
Als Ursachen für die von Haller ausgemachte übergroße Nähe vieler Journalisten zu den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Eliten des Landes benennt er einen seit den 1990er-Jahren verstärkt auftretenden Journalisten-Typus des Hedonisten ohne moralische Ziele (Kai Diekmann, BILD) sowie eine um sich greifende Entpolitisierung und Konfliktscheu innerhalb der Branche und (jedoch eher marginal) der Druck zur schnellen Nachricht dank schnell rotierender Internet-Medienhatz.

Doch damit nicht genug: Trifft doch der ob dieses Gesinnungsjournalismus vermehrt zu Tage tretende Unmut beileibe nicht nur aus dem AfD-/PEGIDA-Lager nun anscheinend endlich auch auf Widerhall in Teilen der kritisierten Medien selbst:
So ist es aktuell kein geringerer als das (ehemalige?) „Sturmgeschütz der Demokratie“, der SPIEGEL, der sich in Form seines Beitrags „Die Wut der klugen Köpfe“ dem Phänomen widmet, dass mittlerweile nicht gerade wenige Leser des „konservativ-liberalen Milieus“, ergo Professoren, Anwälte, Ärzte etc. von der medialen Bevormundung die Nase voll haben.
Ausdrücklich fordert die SPIEGEL-Autorin Isabell Hülsen dazu auf, die eigenen Medienerfahrungen speziell bezogen auf das eigene Blatt per Leserbrief mitzuteilen. Ist der jahrelange Höhenflug einer abgehobenen Kaste von Gesinnungsjournalisten also im Begriff, auf dem überfälligen Abstellgleis zu landen, um sich an die dringend erforderliche Rundum-Erneuerung zu begeben?

„Änder‘ Gegender!“ – Von GesinnungspolizistInnen, „sexistischen“ „Professix“ und einem harmlosen Gedicht

Januar 28, 2018

Der Duden definiert den Begriff „Gender“ auf seiner Website wie folgt: „Geschlechtsidentität des Menschen als soziale Kategorie (z. B. im Hinblick auf seine Selbstwahrnehmung, sein Selbstwertgefühl oder sein Rollenverhalten)“

Nun ist natürlich dahingehend kein Problem zu sehen, kleinen Jungen nicht die geliebte Puppe zu entreißen oder ein wenig ungestüm herumtobende Mädchen nicht zu maßregeln, sich gefälligst brav und gesittet zu verhalten.
Schließlich dürfte gerade hierzulande mittlerweile auch dem letzten halbwegs mit Verstande Gesegneten bewusst sein, welche Barbarei ein enthemmter Männlichkeitskult (insbesondere in den „zwölf dunklen Jahren deutscher Geschichte“ 1933 – 45) zu zeitigen vermag…

Problematisch wird die Gender-Thematik erst dann, wenn aus dem durchaus angebrachten Versuch, geschlechtergerechte Sprachsensibilität zu generieren („Liebe Kolleginnen und Kollegen, […]“) eine Ideologie erwächst, die tatsächlich mit vollster Inbrunst davon überzeugt zu sein scheint, selbst offensichtliche biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern negieren und Verhaltensdifferenzen rein auf soziale Konstruktionen zurückführen zu können.
Die Frage nach Sinn und Unsinn von Binnen-I und „Professix“-Anrede für Hochschullehrkräfte an der Leipziger Uni und anderswo einmal dahingestellt: Gänzlich lächerlich machen sich die Verfechter des Gendermainstreamings dann, wenn die Abbildung einer Hirschbrunft in einer Broschüre des Nationalparks Eifel mit dem Argument kritisiert wird, diese fördere „stereotype Geschlechterrollen“ und habe deshalb im Druck herausgenommen zu werden.

Welche fundamentalistische Intoleranz die Debatte bisweilen angenommen hat, zeigt ein aktueller Fall aus der deutschen Hauptstadt: So berichtet das ZDF-Kulturmagazin „Aspekte“ in seiner Ausgabe vom 26.01.2018 über den bizarren Fall eines Streits um ein großformatiges Gedicht Eugen Gomringers an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin: Der 2011 mit dem Poetik-Preis dieser Lehranstalt ausgezeichnete Dichter sinniert in seinem nur als harmlos zu beschreibenden lyrischen „Meisterwerk“ in deutscher Übersetzung über „Alleen und Blumen und Frauen / Und ein[en] Bewunderer“.

Die Studierendenvertretung der Hochschule meint allen Ernstes, Frauen erführen darin eine „Degradierung zu bewunderungswürdigen Objekten, zu schönen Musen“ und setzte die Leitung der Hochschule unter Druck – mit Erfolg, das Gedicht soll demnächst übermalt werden!
Eine ähnliche Argumentation übrigens wie die Sympathisanten einer möglichst umfassenden Verschleierung weiblicher Reize, wie ich finde!

Wer das Ganze auch jetzt noch als alberne Posse bar jeden Erregungswerts betrachtet, dem sei außerdem eine zumindest kurze Beschäftigung mit dem „Fall Münkler“ angeraten:
Der seit 2015 von einer anonymen (!) Kritikergruppe (Weblog „Münkler Watch“) regelrecht gestalkte, renommierte Politologe der Berliner Humboldt-Uni, Herfried Münkler, muss sich seitdem vorhalten lassen, „Sexist“ zu sein. Eines seiner „Vergehen“? Er hatte in einer Vorlesung die Tatsache, dass Frauen hierzulande bis 1977 von ihren Ehemännern an der Ausübung eines Berufs gehindert werden konnten, lediglich als „eigentlich ungeheuerlich“ bezeichnet, wobei der Zusatz „eigentlich“ von besagten Kritikern als Verharmlosung sexistischen Verhaltens angekreidet wurde.

Nun maße ich mir nicht an, in dieser Angelegenheit ein finales Urteil sprechen zu können, zumal sich mein Wissen über den „Fall Münkler“ auf einige wenige Medienberichte wie diesen hier (und oben verlinkten „Aspekte“-Beitrag, der die Geschehnisse um Münkler jedoch nur streift) beschränkt.

Dennoch stehe ich voll und ganz zu meiner Forderung:
Wer sich als politische Gesinnungspolizei aufspielt und meint, Menschen mundtot machen zu müssen, die sich mit ihren Äußerungen im Rahmen der Meinungsfreiheit bewegen, bekämpft kein Problem, sondern stellt selber ein Problem dar!

Ich vermute, es sind häufig die selben Leute, die auch emanzipatorische Islamkritik als „Islamophobie“ oder potentiell segensreiche Entwicklungen wie den per gentechnischer Verfahren Vitamin-A-angereicherten „Golden Rice“ dämonisieren, während sie im Gegenzug nur ihre vermeintlich „reine (linksradikale) Lehre“ gelten lassen (vgl. auch meinen Blogeintrag vom Juli 2017 zu den weltanschaulichen Hintergründen einiger G20-Krawalleros!)

Advent, Advent, der Davidstern brennt! Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen

Dezember 23, 2017

Deutschland ist wirklich ein merkwürdiges Land: Politik und Medien reiben sich nach der Entscheidung Donald Trumps, mit der Anerkennung Jerusalems als israelische Hauptstadt Ernst zu machen, über den auch hierzulande losbrechenden antisemitischen Furor auf den Straßen Berlins, Frankfurts etc. verwundert die Augen, als hätte es Ähnliches bspw. im Sommer 2014 nach dem letzten Gaza-Krieg nicht bereits in breitem Ausmaß gegeben!

Zur Entscheidung Trumps (die sicher gerade deshalb, weil sie von IHM beschlossen wurde, derart heftige Gegenreaktionen zahlreicher politischer Funktionsträger erfahren hat) hier einige in der Mainstreamberichterstattung häufig zu kurz kommende Einwürfe eines der luzidesten politischen Magazine Deutschlands, dem CICERO.

Wirklich erschreckend jedoch fällt das Urteil des Frankfurter Landgerichts zur Frage der Rechtmäßigkeit des Beförderungsverbots für jüdische Passagiere seitens der Fluggesellschaft Kuwait Airways aus, wobei sich die „Erben der Firma Freisler“ (Henryk M. Broder) hinter der Begründung verstecken, es sei nicht Sache des Gerichts, darüber zu befinden, ob diese in Kuwait Gesetzesrang genießende Antisemiten-Klausel vor „den Bestimmungen der deutschen und europäischen Rechtsordnung Bestand haben könne“.

Das tatsächlich Pervide an der Normalität des hiesigen Judenhasses aber rührt nach wie vor von der jahrzehntelangen Blindheit weiter Teile des linksliberalen Milieus gegenüber der weltanschaulichen Verbohrtheit vieler ihrer für um jeden Preis als schützenswert erachteten muslimischen „Mündel“.

Oder wie Anabel Schunke treffend auf der
„Achse des Guten“
formuliert:

„Nazi ist nicht mehr länger derjenige, der israelische Flaggen anzündet, jüdische Kinder mit Böllern bewirft und an die große jüdische Weltverschwörung glaubt, sondern wer den Islam und die unkontrollierte Zuwanderung kritisiert.“

Doch de Maizière sei Dank ist Hilfe nicht fern: Schließlich hat sich der deutsche Innenminister gerade höchstselbst unmissverständlich der Causa Antisemita angenommen und dekretiert, dass das Problem zukünftig via Outsourcing an die Juden selbst delegiert wird – in Form eines „Bundesbeauftragten für Antisemitismus“.
Symptomatischer hätte diese typische regierungsamtliche Reaktion der Hilflosigkeit auf das in weiten Teilen selbst herangezüchtete Problem des islamischen Kreuzzugs im Westen nicht ausfallen können! In diesem Sinne „Allahu akbar“ und „Frohe Weihnachten“!

Glyphosat: Ökologisch-industrieller Weltrettungskomplex in Hochform

November 29, 2017

Dieser Tage fühle ich mich einmal mehr wie in der berühmten Filmkomödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“:

Oekokokken_Oekologismus_Ideologie
Da wagt es doch tatsächlich ein Minister (und auch noch von der CSU!), dem wissenschaftlichen Mainstream zu folgen und dem Pflanzenschutzmittel Glyphosat seinen EU-weiten Segen zu geben – ohne Absprache mit der Hohepriesterin der Öko-Apokalypse, der heiligen Barbara). Schon bricht ein empörialistischer Shitstorm erster Güte über ihn herein, der zu trotzigen Gegenreaktionen bar jeder Fachkenntnis à la Martin Schulz oder Toni Hofreiter führt – nach dem Motto: „Jetzt erst recht! Dann machen wir eben hierzulande den Landwirten das herbizidale Leben so schwer wie möglich!“ bzw. „Weg mit (Minister) Schmidt!“

Wer sich dagegen auch nur oberflächlich in die Glyphosat-Thematik eingelesen hat (OK, vielleicht nicht unbedingt auf den Websites der öko-fundamentalistischen GRÜNEN und anderen üblichen Verdächtigen des „ökologisch-industriellen Weltrettungskomplexes“ (Dirk Maxeiner)), der kann sich nur an den Kopf greifen, angesichts der massiven politischen Wellen, die die Debatte um dieses Pflanzenschutzmittel derzeit schlägt.

Meine Zeit ist mir wirklich zu schade, daher lasse ich einfach weitgehend unkommentiert nachfolgende Stimmen der Vernunft für sich sprechen – Stimmen von Menschen, die allem Anschein nach etwas davon verstehen, worüber sie schreiben und nicht ressentimentbehaftet irgendeinem Nullrisiko-Beißreflex folgen.
(Anmerkung: Ein Gutteil der emotionalen Energie, mit der die Ökologismus-Religioten über Glyphosat herfallen, dürfte darin bestehen, dass es im Zuge herbizidtoleranter Pflanzengentechnik-Anwendungen („Round Up“ aus dem Hause Monsanto) weltweite Berühmtheit erlangt hat.)

Wer meine Blogeinträge regelmäßig liest, wird sich möglicherweise auch erinnern, dass ich bereits vor über zwei Jahren ein wenig über meine Zeit bei den Öko-Fundamentalisten von Greenpeace und meiner Beschäftigung mit der von ihnen seit Anfang der 2000er Jahre sturmreif geschossenen Pflanzengentechnik berichtet habe.

Und hier ein unvollständiger Einblick in fachlich versierte Beiträge; wohlwissend, dass die Möchtegern-Ökomessiasse in Deutschland eine beinahe unangefochtene Deutungshoheit über Medien und Politik an sich gerissen haben, dass ich mir die Mühe eigentlich sparen könnte:

Uli Kulkes Blog „Donner und Doria“

Dirk Maxeiner in der „Achse der Guten“

Nils Wischmeyer in der „ZEIT“

Pressemitteilung der Skeptiker-Organisation GWUP

Susanne Günther für „NovoArgumente“

Abschließend ein Link zu einem älteren Beitrag aus dem Jahr 2004 über die hinsichtlich der Malaria-Bekämpfung fatalen Folgen des totalen DDT-Verbots – erschreckende Parallelen zum aktuellen Glyphosat-Bashing:

Dirk Maxeiner und Michael Miersch in der WELT

„AfD – oh je, oh je!“ – Wie die etablierten Parteien statt inhaltlicher Auseinandersetzung mit dem politischen Islam weiter die Rechtspopulisten stärken

Oktober 31, 2017

Es war so sicher wie das berühmte Amen in der Kirche: Wenn im politischen Deutschland sich jemand öffentlich dazu hinreißen lässt, dem Islam in Bausch und Bogen die Religionsfreiheit abzusprechen, ist dieser Jemand mindestens für die nächsten Jahre eine Persona non grata. Wenn dieser Jemand auch noch AfD-Mitglied ist, zudem noch ein recht prominentes, und sich erfrecht, den Posten des Bundestagsvizepräsidenten für sich zu beanspruchen, natürlich erst recht.

So geschehen bei der konstituierenden Sitzung des 19. Deutschen Bundestags am 24. Oktober: Auch nach dem dritten Wahlgang konnte als einziger Kandidat der AfDler Albrecht Glaser nicht die erforderliche Stimmenzahl auf sich vereinigen.
Nun kann man an der AfD selbstverständlich vieles kritisieren. Die unsäglichen rassistischen Ausfälle insbesondere der Herren Höcke und Gauland sind in der Tat nicht widerspruchslos hinnehmbar. Auch die von Glaser getätigte Forderung nach Aberkennung des verfassungsgemäß existierenden Grundrechts auf Religionsfreiheit (Art. 4 GG) fpür „den“ Islam kann man nur als „unterkomplex“ bezeichnen.
Und genau diese Wortwahl findet Jochen Bittner in seinem erfrischend aus den hierzu publizierten Medienbeiträgen der letzten Tage herausstechenden Beitrag auf ZEIT online („Das Islam-Paradox“):

„Der AfD-Bundestagsabgeordnete Albrecht Glaser hat eine interessante Frage gestellt: Kann für ein Glaubenssystem, das keine Religionsfreiheit gewährt, das Grundrecht der Religionsfreiheit aus Artikel 4 Grundgesetz gelten? Ist das nicht ein Paradox?
Leider hat er darauf eine unterkomplexe Antwort gegeben. ‚Der Islam ist eine Konstruktion, die selbst die Religionsfreiheit nicht kennt und die sie nicht respektiert. Und die da, wo sie das Sagen hat, jede Art von Religionsfreiheit im Keim erstickt. Und wer so mit einem Grundrecht umgeht, dem muss man das Grundrecht entziehen‘, sagte Glaser im April.
Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt schaffte es, diese intellektuelle Simplizität noch zu unterbieten, indem sie erwiderte, Glaser ‚erkennt das Grundgesetz nicht an‘. Weshalb die Grünen-Fraktion ihn nicht zum Bundestagsvizepräsidenten wählen könne. So sah es die Mehrheit des Parlaments. Glaser fiel am Dienstag dreimal durch, und die Botschaft war klar: Solche Diskussionen wollen wir hier nicht.
Wenn sie der AfD einen Märtyrerstatus verschaffen wollen, sollten die übrigen Parteien im neuen Bundestag nur so weitermachen. Kaum etwas freut und stärkt das Anti-Establishment mehr als angebliche Bannerträger der Freiheitlichkeit, die sich nicht anders zu helfen wissen, als unangenehme Fragesteller als Extremisten zu diffamieren. Nein, liebe Frau Göring-Eckardt: Wer das Vertrauen in die Weisheit der Verfassung aufrechterhalten will, muss sich schon ein Minimum an argumentativer Mühe machen.
Würde man zum Beispiel einer Partei, die ihren Mitgliedern verböte, jemals auszutreten, und ihnen androhte, sie im Falle eines Parteiwechsels zu töten, gestatten, sich auf die Parteienfreiheit des Artikels 21 Grundgesetz zu berufen? Ganz sicher nicht.
‚Parteien, die nach ihren Zielen oder nach dem Verhalten ihrer Anhänger darauf ausgehen, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeinträchtigen oder zu beseitigen (…), sind verfassungswidrig‘, heißt es in dessen Absatz 2. Warum gilt dies dann nicht analog für die Religionsfreiheit?

Glaser hat mit seiner empirischen Behauptung ja völlig recht; dort, wo der Islam Staatsreligion ist, gibt es keine Glaubensfreiheit. Und auf Apostasie, den Abfall vom Islam, steht laut Scharia die Todesstrafe.
Nur sollte man etwas genauer wissen, wie Grundrechte funktionieren, und das tut Glaser offenbar nicht.
Die Geltung eines Grundrechts hängt nicht davon ab, wie sein Träger mit diesem Grundrecht umgeht. Sehr wohl eingeschränkt werden kann allerdings die Ausübung eines Glaubens.“

Bittners Kommentar kann ich nur vollumfänglich zustimmen. Die etablierten Parteien und ihre politisch korrekten Scheuklappenträger werden sich von solchen geistreichen Artikeln selbstredend nicht beeinflussen lassen.
OK, Ausnahmen bestätigen möglicherweise die Regel, schließlich gibt es hier und da auch in CDU, SPD & Co. ausgesprochene Kritiker des Scharia-Islams, z.B. die ehemaligen FEMEN-Aktivistin und heutige Christdemokratin Zana Ramadani.
Aber solange dies nur einzelne Rufer in der Wüste des Islam-Appeasement sind und Vorkommnisse wie aktuell an der Uni Hamburg um sich greifen, sehe ich keine grundlegende Besserung. Die dortige Hochschulleitung sah sich genötigt, aufgrund islamistischer Umtriebe einen Verhaltenskodex zur Religionsausübung zu erarbeiten. Da fallen mir nur noch die weisen Worte des ehemaligen Ost-Berliner Großmufti Mohammed Walter Al-Ulbrichti ein: „Niemand hat die Absicht, die Gesellschaft zu islamisieren!“

Skandal im politisch korrekten Sperrbezirk? Zum rationalen Umgang mit der „Angst für Deutschland“ (AfD) im Bundestag

September 28, 2017

Nun ist der Alptraum eines jeden humanistisch Gesinnten tatsächlich Realität geworden: Die sogenannte Alternative für Deutschland (besser: Angst für Deutschland) hat mit 12,6 % aller abgegebenen gültigen Wählerstimmen den Einzug in den Deutschen Bundestag geschafft.

Auch wenn ich diese Tatsache für mehr als besorgniserregend halte, so stellt sie jedoch wahrhaftig keinen Weltuntergang dar. Vielmehr sollten sich die etablierten Parteien ins Stammbuch schreiben lassen, dass erst ihre Appeasement-Politik gegenüber dem Scharia-Islam des Zentralrats, Islamrats, von DITIB und VIKZ derart viele Wähler in die Arme der Rechtspopulisten treiben konnte. Wirklich ein Armutszeugnis für den hiesigen politischen Diskurs, dass Michael Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung noch immer einer der einsamen Rufer in der Wüste zu sein scheint, die derartige Klarsicht an den Tag legen.

Und natürlich haben auch große Teile der hiesigen Medienlandschaft nicht unmaßgeblich dazu beigetragen, die AfD erst wirklich hochzuschreiben, was mittlerweile sogar das Urgestein der Öko-Ideologen von Bündnis 90/Die Grünen, Hans-Christian Ströbele, erkannt hat, wenn er kritisiert, die Medien sollten nicht jeden „Furz eines AfDlers“ „wochenlang“ breittreten.
Aber vielleicht ist ja in Zukunft tatsächlich mehr mediale Selbstkritik zu erwarten, schließlich wird sich demnächst sogar der ZDF-Fernsehrat mit dem Umgang des eigenen Senders hinsichtlich der Rechtspopulisten beschäftigen.

Mich erinnert das hyperventilierende Verhalten linksliberaler Medien wie der Polit-Konkurrenz der AfD doch sehr an jene „Mechanismen der Skandalisierung“, über die der Mainzer Kommunikationswissenschaftler Hans Mathias Kepplinger sein gleichnamiges Werk verfasste:
Um ein klares Feindbild zu konstruieren muss der Gegner gnadenlos und ohne jeden Anflug von Differenzierung moralisch erledigt werden. In der Regel verläuft ein solcher Prozess derart subtil, dass die Rezipienten dies überhaupt nicht bemerken: Häufig wird nämlich ein wahrer Kern (z. B. das ethisch fragwürdige Verhalten, häufig eines Prominenten) erst durch eine Flut von moralisch synchronen Medienbeiträgen zu einem Skandal aufgebläht: Redakteur X schreibt womöglich auch noch von Redakteur Y von der Konkurrenz ab (auch dessen inhaltliche Fehler!), und schon rauscht der Blätterwald und brüllt der TV-Zirkus unisono dank des erzeugten Gruppendrucks einhellig: „Unfassbar, weg mit diesem Politiker!“ / „Zerrt diesen Konzern vor den Kadi!“ / „Alle AKWs sofort abschalten!“

Allerdings wird sich die AfD keineswegs so einfach „abschalten“, sprich verbieten lassen, wie das wohl so mancher linksliberale Kampfjournalist oder Antifa-Aktivist wünschen mag! Die Gründe dafür hat Michael Schmidt-Salomon wie oben beschrieben klar dargelegt.
Merkels gleich nach der Wahl verkündetes „Weiter so!“ (siehe 7.Absatz des Artikels) lässt hingegen nichts Gutes erahnen…

Flüchtlinge: Europas Verbrechen des „Aus den Augen, aus dem Sinn“

August 29, 2017

Nein, ich vertrete kein naives „Offene Grenzen für alle!“, bin mir der Gefahr zunehmender islamistischer Prägung muslimischer Communitys in Deutschland auch in Folge der enormen Zahl aufgenommener Geflüchteter hierzulande seit einigen Jahren sehr wohl bewusst. Und dennoch: Die Art von Flüchtlingspolitik, welche die Europäische Union, die Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 2012, derzeit betreibt, lässt selbst in mir an sich rational denkendem Menschen nichts als maßlose Wut hochkochen:

Völlig zurecht spricht Georg Restle vom Westdeutschen Rundfunk in seinem Kommentar zum Pariser „Flüchtlingsgipfel“ von einer „Schande für dieses Land“, fordert Hilfe für die betroffenen Menschen in den Ländern des Südens statt Unterstützung libyscher Terror-Milizen mit ihren KZ-artigen Flüchtlingslagern und den geplanten Waffenlieferungen an Despoten-Regime wie dem Tschad.

Und auch der Entwicklungsökonom Alexander Betts und der Migrationsforscher Paul Collier plädieren in ihrem gemeinsamen Werk „Gestrandet. Warum unsere Flüchtlingspolitik allen schadet – und was jetzt zu tun ist“ für eine 180-Grad-Wende:
Statt die Betroffenen in menschenunwürdigen „Silos“ ohne berufliche Tätigkeit vor sich hin vegetieren zu lassen, engagieren sich beide Autoren dafür, den Geflüchteten ein möglichst hohes Maß an Eigenständigkeit zu ermöglichen – und verweisen ausgerechnet auf das bettelarme Uganda als Positivbeispiel im Umgang mit dessen aufgenommenen somalischen, kongolesischen und anderen Flüchtlingen. Diese seien gezielt in strukturschwachen Regionen angesiedelt und zur beruflichen Autonomie (Gründung kleiner Geschäfte etc.) ermutigt worden.
Für Jordanien mit seinen über 600.000 aufgenommenen Syrern versprechen sich Betts und Collier Abhilfe durch die Errichtung von Sonderwirtschaftszonen, welche speziell den Geflüchteten ökonomisch auf die Beine helfen sollen.

Auch wenn ich das Buch bis jetzt noch nicht gelesen habe, so scheinen mir hier doch vielversprechende Ansätze aufgeworfen zu werden – allemal besser als die herzlose Vorverlagerung der europäischen Außengrenzen nach Nordafrika. Shame on you, Bundesregierung – shame on you, EU!

Apokalypse in Dunkelrot oder: Die religiöse Grundierung linksradikaler Denkweise

Juli 29, 2017

Ja, auch mich haben die Bilder der völlig enthemmten Gewalt einiger linksautonomer (und teils krawalltouristischer) krimineller Arschlöcher in Hamburg am G20-Wochenende fassungslos gemacht – bis hin zu eigenen Gewaltfantasien, das gebe ich zu!
Um so erstaunlicher, dass große Teile der Politik die linksradikale Szene derart unterschätzen konnten…

Wenn ich an meine (zugegebenermaßen an einer Hand abzuzählenden) Teilnahmen im Kontext linker Demonstrationen zurück denke, dann war mir schon vor mehr als zehn Jahren mehr als einmal zumindest hin und wieder sehr mulmig zumute: Im September 1998 in Rostock, als während einer Demo gegen die kurz vor der Abwahl stehende Kohl-Regierung in Rostock aus den hinteren Reihen Flaschen geworfen wurden – und zwar so, dass sie uns vorne Marschierenden beinahe am Kopf getroffen hätten. Zudem erfuhr ich hinterher, dass einige Typen aus dem Schwarzen Block auch eine Straßenbahn angegriffen hatten und dabei eine unbeteiligte Frau verletzt wurde.
Noch einen Zacken martialischer ging es im Januar 2004 in Hamburg im Rahmen einer Demo gegen einen NPD-Aufmarsch zu: Vermummte Autonome griffen nach Beendigung der Demo eine Polizeiwache mit Eisenstangen an – mein Freund und ich suchten sofort die nächstgelegene S-Bahn-Station auf und flohen regelrecht vor dem Mob…

Nach dem G20-Gipfel, den ich übrigens aufgrund der Beteiligung diverser Staatsterroristen aus Saudi-Arabien, der Türkei, Russland und China (Trump ist hier wirklich das kleinere Übel) ablehne, ist viel geschrieben worden zum Verhältnis der politischen Linken zur Gewalt. Daher möchte ich hier aus einigen Beiträgen die m.E. darin aufgezeigten inhaltlichen Highlights herausstellen:

So kritisiert Ijoma Mangold in der ZEIT völlig zurecht die idiotische Haltung (nicht nur) vieler Linker, alle Übel der Welt „dem Kapitalismus“ anzulasten:

„Interessanterweise […] pflegt unsere handelsübliche Kapitalismuskritik eine umfassende Dämonisierung. So gut wie alles, was irgendwie unschön ist, wird dem Kapitalismus in die Schuhe geschoben: nicht nur die Ungleichverteilung des Wohlstands (wobei sich die Menschen an der Einkommensschere mehr stören, als sie sich an den absoluten Zugewinnen erfreuen), sondern ebenso die Leere unserer Liebesbeziehungen, die seelische Einsamkeit, ganz besonders – in jedem zweiten Feuilletonartikel – der Zwang zur Selbstoptimierung, der Mangel an Glück und sogar die Langeweile und der Grad der Selbstsedierung, mit dem wir unser wohlabgehangenes, aber sinnentleertes Leben angeblich klaglos hinnehmen. Man könnte den Eindruck gewinnen, es läge nur am Kapitalismus, dass die Menschen statt großer Gefühle so schmählich prosaisch Geld und Waren austauschen.“

Und in diesem Zusammenhang darf auch die Tendenz der Medien zur Negativberichterstattung nicht unerwähnt bleiben. Natürlich erwartet niemand ernsthaft, in Presse, Funk und Fernsehen solle über alltägliche Banalitäten wie pünktlich und ohne Zwischenfälle eingelaufene Züge, gelandete Flugzeuge et. berichtet werden. Aber wenn ständig die Schattenseiten unserer Wirtschaftsweise (die es selbstverständlich nicht zu knapp gibt, was ebenso selbstverständlich dargestellt und kritisiert gehört!) herausgekehrt werden, verrutscht dem Rezipienten der moralische Maßstab, weil er nämlich gerade nicht (oder viel zu selten, und wenn, dann irgendwo als Randnotiz unter Ferner liefen) erfährt, wieviel Erfolge innerhalb der letzten gut zweieinhalb Jahrzehnte im globalen Kampf gegen die Armut gefeiert werden konnten: Trotz des ach so bösen Kapitalismus konnte die Anzahl der extrem Armen nämlich zwischen 1990 und 2015 von gut 1,9 Milliarden Menschen auf knapp 840 Millionen reduziert werden! Gerade in China sind hier massive Geländegewinne zu verzeichnen – oder was meint ihr, warum die dortige Kommunistische Partei schon seit Langem in ökonomischer Hinsicht „in Kapitalismus“ macht?

Einen mindestens ebenso interessanteren Aspekt zur Debatte um den Kapitalismus und seine ärgsten Gegner von Links steuert dann der Religionswissenschaftler Michael Blume bei, wenn er die Apokalypse-Affinität (Lust am herbeifantasierten Untergang des kapitalistischen „Schweinesystems“) vieler extremer Linker betont und dies vor allem anhand des Songtextes „Hurra, die Welt geht unter“ der Berliner Gruppe K.I.Z. belegt.
In die selbe Richtung weist der Artikel von Christian Stöcker auf SPIEGEL online, wenn er das apokalyptische Geraune insbesondere im Zusammenhang mit dem Hype um das Manifest „Der kommende Aufstand“ des sog. „Unsichtbaren Komitees“ (Pseudonym einer französischen Formation der politischen Linksautonomen um Serge Quadruppani) thematisiert.
Ein hochinteressanter Gesichtspunkt, verstehen sich doch schließlich nahezu alle radikalen Linken als säkular, ja im Grunde genommen sogar stramm atheistisch!

Und wieder einmal zeigt sich, wie wenig doch viele Menschen zum kritischen Reflektieren der eigenen politischen bzw. (quasi-)religiösen Überzeugung neigen – und wieviel versteckte Gemeinsamkeiten häufig zwischen fundamentalistischen Religioten und vermeintlich a- oder anti-religiösen Möchtegern-Revolutionären bestehen!
An meiner letzten „linken“ Demo (abgesehen vom „March for Science“ in diesem April) habe ich übrigens im Herbst 2006 in Bremen (gegen einen dortigen NPD-Aufmarsch) teilgenommen. Gestört habe ich mich dort vor allem an den vielen linksradikalen Splittergrüppchen mit ihren Hammer-und-Sichel-Flaggen, Che Guevara-Shirts und der Instrumentalisierung der Demo-Teilnehmer gegen die ach so furchtbare „Kriegstreiberei“ der Bundeswehr in Afghanistan. Es waren Typen wie diese linksradikalen Spinner mit ihrem Lautsprecherwagen, die seitdem zu meiner Demo-Abstinenz beigetragen haben – obwohl der friedliche und differenziert durchdachte Protest für eine bessere Welt ohne Zweifel auch heute noch das Gebot der Stunde ist…
Mit dieser Dialektik werde ich leben müssen; auf dass eines fernen Tages weite Teile der radikalen Linken zur Vernunft gekommen sein werden! Aber vermutlich kommt vorher Christus wieder und entschwebt mit den neuapostolischen Auserwählten in den „himmlischen Hochzeitssaal“…

Minenfeld muslimischer Antisemitismus

Juni 27, 2017

Am Ende glich es einem kleinen Wunder, wenngleich vieles am Vorgehen des Westdeutschen Rundfunks (WDR) zu beanstanden bleibt: Die Rede ist von der doch noch erfolgten Ausstrahlung der umstrittenen, für den deutsch-französischen Kulturkanal ARTE produzierten, Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt. Der Hass auf Juden in Europa“ am 21. Juni um 22:15 Uhr in der ARD.

Bitter aufstoßen musste vor allem die Art und Weise, mittels derer der WDR in seinem eigens zur kritischen Begleitung der Dokumentation erstellten „Faktencheck“ die Autoren des Films, Joachim Schroeder und Sophie Hafner, bloßzustellen verstand: 29 vermeintliche oder tatsächliche Kritikpunkte werden dort aufgelistet, die man sich 1. einmal im Kontext einer „israelkritischen“ Reportage über das vermeintliche „Freiluftgefängnis Gaza“ etc. wünschen würde und 2. selbst mittlerweile zum Gegenstand der Kritik geworden sind – der Vorwurf lautet auf tendenziöse Kommentierung, da unkritisch die Sache diverser Pro-Palästina-Lobbygruppen vertreten worden sei.

Und so verfestigt sich einmal mehr der Eindruck, dass gerade auch öffentlich-rechtliche Medien nicht zum ersten Mal davor zurückschrecken, ein heißes Eisen im Zusammenhang mit hochproblematischen Einstellungen und Verhaltensweisen in Europa heimischer Muslime mutig und mit klarer Haltung anzupacken.

„Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Kirchentags-Beilage oder fragen Sie Ihren Bundesaußenminister!“

Mai 28, 2017

Als ich neulich meine Schüler (Berufliches Gymnasium, 11. Jahrgang, Mehrheit muslimisch) in Ihrer Ethik-Klausur vor die Aufgabe stellte, den wünschenswerten Beitrag von Religion(en) für ein harmonisches Zusammenleben innerhalb der Gesellschaft zu skizzieren, war unisono von religiöser „Toleranz“ und „Akzeptanz“ zu lesen. So weit so gut, schließlich ist in diesen Eigenschaften durchaus einiges an aggressionshemmendem Potential enthalten und daher sind diese so schlecht schon einmal nicht!

Seltsam nur, dass kein einziger Schüler auf die Idee verfiel, auch einmal die Grenzen dieser Toleranz auszuloten, sprich: darauf einzugehen, wie Religionsgemeinschaften die fundamentalistischen Hitzköpfe in ihren Reihen zügeln sollten.

Doch: Wer will es diesen Schülern denn verdenken, bekommen sie doch Tag ein, Tag aus in die Ohren geblasen, wie immens wichtig religiöse „Toleranz“ doch sei, am besten noch mit dem Zusatz garniert, religiös auftretende Gewalttäter (wie kürzlich wieder einmal in Manchester) beriefen sich missbräuchlich auf ihre Religion (sprich: den Islam).
So geschehen aktuell von höchster politischer Warte, will heißen aus der Feder des Bundesreligionsverharmlosungsministers Sigmar Gabriel (SPD), der im Berliner Tagesspiegel verlauten ließ, Phänomene wie das Wüten des „Islamischen Staates“, von „Boko Haram“, aber auch Aggressionen seitens der buddhistischen Mehrheit in Myanmar gegen die muslimische Rohingya-Minderheit belegten, „wie politische und wirtschaftliche Konflikte pseudoreligiös aufgeladen werden und wie Religion als reines Feigenblatt benutzt wird“.
Als „pseudoreligiös“ sind nach dieser „Logik“ dann wohl auch die hasstriefenden Facebook-Kommentare überwiegend syrischer Flüchtlinge muslimischen Glaubens gegenüber einer sich als Atheistin outenden Mitschreiberin zu bezeichnen, von denen der libanesischstämmige Filmemacher Imad Karim berichtet – was prompt mit der Sperrung seiner Facebook-Seite quittiert wurde.

Aufschlussreich auch die Äußerung eines offensichtlich zur Berliner Sehitlik-Moscheegemeinde (DITIB) gehörenden Gläubigen, der dem bundesweit bekannten Islamkritiker Hamed Abdel-Samad und seinen Begleitern anlässlich deren Rundgangs über das Moscheegelände unverhohlen drohte: „Verpisst euch! Hier wird auch bald Frankreich sein!“
Im Übrigen genau die Moscheegemeinde, die in Kooperation mit dem gerade beendeten 36. Evangelischen Kirchentag in Berlin und Wittenberg zum gemeinsamen Fastenbrechen lud!

Da wundert es wohl nur noch die kritischsten Geister, wenn Aufforderungen diverser Politiker, Medienschaffender etc. nach dem bestialischen Massaker an Kindern und Jugendlichen in Manchester darauf abzielen, den Terror mit Liebe, gemeinsamer Trauer und gegenseitigem Zusammenhalt zu beantworten. Vielfach hohle Phrasen, mit denen uns die Toleranz als Allheilmittel verkaufende Politkaste ein weiteres Mal versucht, in den „tausendjährigen Schlaf“ zu wiegen, zu Recht aufkommende Wut und ein Bedürfnis nach Aufklärung der Motive und Hintergründe einer derart barbarischen Mordgesinnung zu unterdrücken, sprich: unsere Gehirne mit Nichtdenker-Floskeln zuzukleistern!
Dabei wusste schon Francisco der Goya, Zeitgenosse der Französischen Revolution und begnadeter spanischer Maler: „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer!“

Oder wie Brendan O’Neill so scharfzüngig wie treffend dazu schreibt: „Wenn das Blutbad an Kindern und deren Eltern an einem netten Abend einen nicht wütend macht, macht einen nichts mehr wütend. Dann hat Terrorist hat dich besiegt. Du bist bereits tot.“ (Fehler im Original)

Oder um es mit Henryk M. Broder, einem Mann, der seiner Zeit sehr häufig um Lichtjahre voraus geeilt ist, auszudrücken:
„Wir erleben, wie eine liberale Gesellschaft mit ihren eigenen Waffen geschlagen wird, an ihrer eigenen Toleranz zugrunde geht. […] Ich halte Toleranz für keine Tugend, sondern für eine Schwäche – und Intoleranz für ein Gebot der Stunde.“
Weise Einsichten, die Broder nicht etwa nach Manchester, den Charlie Hebdo- oder Bataclan-Attentaten geäußert hat, sondern vor beinahe zehn Jahren! Ein Gabriel, Maas oder eine Göring-Eckhardt werden auch in den nächsten zehn Jahren, vermutlich nicht bis an ihr Lebensende zu dieser luziden Einsicht gelangen!

„Alternativen Fakten“ die rote Karte gezeigt! Reflexionen zum March for Science Frankfurt

April 22, 2017

Was bleibt vom heutigen March for Science, von dem ich soeben nach Hause zurückgekehrt bin? Da wäre zum einen das schöne Gefühl, mit ca. 1500 – 2000 gleichgesinnten Menschen durch Frankfurt gezogen zu sein – wie weltweit viele weitere Zigtausend andere auch.

Für die Freiheit der Wissenschaft und gegen die unsäglichen Versuche der Trumps, Orbáns, Erdogans & Co. aufzustehen, welche bloße Meinungen (bis hin zur puren Hetze) als Wissenschaft zu verkaufen versuchen (leider mit nicht gerade geringem Erfolg). Und ganz nebenbei habe ich dabei sogar einen supercoolen Reggae-Song kennengelernt, der mich die nächsten Tage begleiten wird…

Doch leider bleibt auch eine große Enttäuschung in mir zurück: Enttäuschung darüber, dass niemand (jedenfalls in nennenswertem Umfang) bereits in den letzten ca. 15 Jahren zu so einem beeindruckenden Event mobilisiert hat. 15 Jahre, in denen die Feinde der Wissenschaft nahezu ungehemmt ihren verquasten Dünnpfiff in die Welt posaunen und zum Gutteil in der Mitte der Gesellschaft verankern konnten – in einigen Fällen wohlgemerkt bis in die Vorlesungssäle deutscher Hochschulen: Angefangen von der Homöopathie über die sog. Quantenheilung, pseudo-alternative Impfgegner bis hin zur plumpesten Hetze gegen die komplette Pflanzengentechnik – mit katastrophalen Folgen für durch Vitamin-A-Mangel betroffene Kinder in der sog. „Dritten Welt“.

Wo wart ihr in all diesen Jahren, liebe Freunde der Wissenschaft, liebe DFG, Leopoldina, GWUP & Co., als es galt, esoterischen und anti-aufklärerischen Quacksalbern und Fundamentalisten à la Greenpeace und Rudolf-Steiner-Jüngern die rote Karte zu zeigen? Heute ist die Pflanzengentechnik in Deutschland de facto tot! Hinausgeekelt von eben jenen Idioten, die mit ihrer Desinformation maßgeblich dazu beigetragen haben, dass hierzulande aktive (und Freilandversuche tätigende) Forscher größtenteils in die USA vergrault wurden?

Und wenn nur 10 % derjenigen, die heute gegen den AfD-Bundesparteitag in Köln (prinzipiell natürlich völlig zu Recht!) in einem Habitus auf die Straße gegangen sind, als gelte es, die unmittelbar bevorstehende Machtergreifung eines deutschnationalen Enddarmprodukts vom Schlage eines Bernd Höcke zu verhindern – wenn also nur jeder Zehnte von ihnen zumindest hin und wieder sein politisches Engagement in Richtung Wissenschaftsfeinde (oder auch kreidefressende Wolf-im-Schafspelz-Islamisten) lenken würde, wäre dies ein echter Dienst an Demokratie und Aufklärung! Aber von solchen Zuständen dürften wir in der Toleranz-für-alles-außer-für-politisch-Rechte-Republik Deutschland noch meilenweit entfernt sein!

Das schleichende Gift des linken Islam-Appeasement

März 31, 2017

Dass sich fundamentalistisches Schwarz-Weiß-Denken beileibe nicht nur in streng-religiösen (Endzeit-)Gruppierungen wie der Neuapostolischen Kirche (NAK), meiner „Heimat-Sekte“, findet, ist mir ja schon länger bewusst. Die Parallelen zwischen diesen Möchtegern-„Auserwählten“ und jenen überwiegend völlig weltlich denkenden Menschen, die sich blind einer Umweltorganisation oder säkularen Weltanschauung wie dem Veganismus etc. angeschlossen haben, liegen einfach deutlich auf der Hand.

Ganz schnell synchronisiert sich das Denken in Kategorien wie „Wahrheit vs. Lüge“, „gute eigene Denkweise vs. böser Staat/Konzern/politischer oder religiöser Kontrahent“ etc. Und wer einmal zum weltanschaulichen Feind erkoren wurde, muss zwanghaft immer und in wirklich 110 % aller seiner Aussagen und Ansichten Unrecht haben. Oder wie es der Geschäftsführer der Giordano-Bruno-Stiftung (GBS), Michael Schmidt-Salomon im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ ausdrückt:

„Demagogen feiern mit halben Wahrheiten ganze Erfolge. Wenn man sie stoppen will, dann muss man ihnen ihre halben Wahrheiten entziehen, indem man ihnen recht gibt, wo sie recht haben. Eben das ist aber nicht passiert. Das war nicht nur politisch fatal, sondern auch intellektuell unredlich. Schließlich wird eine Wahrheit nicht zur Lüge, bloß weil sie von Frauke Petry oder Beatrix von Storch geäußert wird.

Was wäre denn ein Beispiel für so eine Wahrheit?

Nehmen wir die bekannte Aussage von Beatrix von Storch, dass der politische Islam mit der deutschen Verfassung unvereinbar sei. Das ist zweifellos ein treffendes Argument, das leicht zu untermauern ist, wenn man die Prinzipien des politischen Islam – also einer bestimmten Lesart der muslimischen Religion – mit den Prinzipien der offenen Gesellschaft abgleicht. In der politischen und medialen Auseinandersetzung mit von Storch wurde jedoch behauptet, ein solcher Satz sei eine ‚Schande für Deutschland‘.“

Szenenwechsel: Einen anderen Beleg für die unsägliche (nicht nur) deutsche Debatten(un-)kultur im Zusammenhang mit der allgemein so entspannt daher kommenden Reaktion auf die jüngeren islamistischen Terroranschläge in Europa bringt die Publizistin Cora Stephan auf den Punkt:

„Was da so entspannt daherkommt, ist die reine Verlogenheit. Waren wir nicht einst das Land der ständigen Betroffenheit? Der Lichterketten? Wo sind sie jetzt? Schon drei Tage nach dem Terroranschlag in London ist das Thema in Deutschland aus den Schlagzeilen und man beschäftigt sich wieder mit den üblichen Aufregern – stets gern mit Donald Trump, zur Not auch mit den Wahlen in einem Land mit 800.000 Stimmberechtigten. […]
Wieder steht ein Elefant im Raum, den alle zu übersehen trachten. Er heißt, ein schlichter Zweisilber: Islam. […] Nein, es gibt keinen ‚Generalverdacht‘ gegen Muslime, wie einige jetzt wieder furchtsam wähnen. Es gibt allerdings den durch viele Untersuchungen begründeten Verdacht, dass der Islam eine Weltsicht befördert, derzufolge diejenigen, die nicht zu den Rechtgläubigen gehört, nicht verdienen, am Leben zu sein.“

…jene vermeintlich „Rechtgläubigen“, mit deren Hardcore-Variante (dem stinkkonservativen Islam der Verbände) so mancher verträumte linke/linksliberale Zeitgenosse seinen moralisch-ethischen Dornröschenschlaf zubringt.
Was bei dem einen oder der anderen durchaus zu der hirnamputierten Äußerung einer Judith Butler führen kann, die islamfaschistischen Terrorgruppen Hamas und Hisbollah als „fortschrittliche Kräfte“ anzusehen. Typen, deren anti-aufklärererische Frauen-, Juden-, Homo- und Atheistenverachtung diese „Liberalen“ bei Ihresgleichen niemals dulden würden!

Natürlich ist mir klar, dass sich Geschichte nicht wiederholt. Wohlgemerkt im Verhältnis 1:1 nicht…
Deutschland wird nicht über Nacht schwuppdiwupp von einer neuen Nazi-Diktatur heimgesucht werden, nur weil die AfD in Umfragen um die 10 % Wählerzustimmung einheimsen konnte. Ebenso wenig stehen wir unmittelbar vor der Ausrufung des islamischen Kalifats à la IS.
Aber wer als aufmerksamer Zeitgenosse die Entwicklungen innerhalb dieser Gesellschaft über die letzten zehn, fünfzehn Jahre verfolgt hat, der wird mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit den Verdacht nicht los, dass sich die weltanschaulichen Gräben mehr und mehr vertiefen: Völkisch angehauchte „Abendlandretter“ einerseits und koranversessene Glaubens-Heißblüter sammeln ihre „Truppen“, ihre Propaganda sickert als schleichendes Gift in die weltanschaulichen Ritzen mancher Community.

Wer irgend etwas aus der deutschen Geschichte gelernt hat, sollte hier extrem hellhörig werden: Die Lehre des unseligen „Münchner Abkommens“ von 1938 muss lauten: Nehmt die Extremisten ernst statt euch in Appeasement-Manier vor ihnen zu ducken oder gar mit ihnen zu paktieren! Sonst instrumentalisieren sie die Demokratie schneller für ihre Zwecke, als ihr „Fake News“ sagen könnt!

Luther-Hype: Peinliche Geschichtsvergessenheit on tour

Februar 28, 2017

Große Ereignisse werfen auch in diesem Fall ihre Schatten voraus: Der 500. Jahrestag des (mythischen?) Thesenanschlags durch Martin Luther an der Schlosskirche zu Wittenberg am 31.10.2017 bietet der weitgehend theologisch blutleeren Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) die willkommene Gelegenheit, mit großem Tammtamm an ihr protestantisches Aushängeschild zu erinnern.

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Die geneigte Leserin verschaffe sich gerne selbst einmal einen Überblick über die zahlreichen Luther-Events – von der Neubearbeitung der Luther-Bibel bis zum Luther-Pop-Oratorium bietet der organisierte deutsche Protestantismus vieles, was das Herz des (uninformierten?) Kirchenmitglieds höher schlagen lassen soll.

Welche Ausmaße dieser Hype bereits angenommen hat, und in welchem Verhältnis er zur theologischen „Substanz“ der EKD steht, bringt Alexander Grau im „Cicero“ treffend auf den Punkt und zieht ein vernichtendes Fazit:
„Seit Jahrzehnten übt sich der offizielle Gremienprotestantismus in penetranter Anbiederung an alle Formen des Zeitgeistes. Man ist friedensbewegt, sozial und nachhaltig. Und weil einem darüber hinaus inhaltlich kaum noch was einfällt, recycelt man diesen semipolitischen Brei aus weltanschaulichen Gemeinplätzen in der Endlosschleife.
Ergebnis: Man ergeht sich in Plattitüden, deren Bedeutungslosigkeit und Opportunismus die Bezeichnung ‚Protestantismus‘ geradezu konterkarieren. Eine stolze Denktradition, die einmal mehr als jede andere Konfession für Kultur, Bildung und Intellektualität stand, ist auf dem geistigen Nullpunkt angekommen“
.

Besonderes Highlight des Luther-Kults stellt eine per LKW durch die Republik (und das benachbarte Ausland) tourende Ausstellung zum Reformationsjubiläum dar – der sog. Europäische Stationenweg.
Doch anstatt dort tatsächliche Aufklärung über die Masse an hasstriefender Intoleranz zu betreiben, die der ehemalige Augustinermönch über Juden, aufständische Bauern, Frauen, die Vernunft an sich etc. in die Welt setzte, scheint man eher daran interessiert zu sein, wenig Konkretes über den historischen Luther zu verbreiten und kritische Zeitgenossen (die sich ohnehin äußerst selten einfinden dürften) freundlich, aber bestimmt hinauszukomplimentieren, wie ein Erfahrungsbericht aus Heidelberg nahelegt.
Ein Verhalten, welches man anno 2017 eher von diversen (Endzeit-)Sekten à la NAK gewohnt ist. Shame on you, EKD!

Donalds moralischer Dualismus düpiert Denker und Dummbeutel

Januar 29, 2017

Keine zwei Wochen im Amt, schon setzt die fleischgewordene präsidiale Hirnlosigkeit aus dem Weißen Haus bereits – wie im Wahlkampf angekündigt – alles daran, denjenigen Teil der Welt, der noch über einigermaßen Hirnschmalz verfügt, mittels zahlloser Regierungsdekrete zu düpieren. Aber auch die ewig beleidigten, da strenggläubigen „Empörialisten“ (der muslimischen Welt) sehen sich in ihrem Verfolgungswahn einmal mehr bestätigt.

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Die Rede ist natürlich von Donald Trumps jüngst verhängtem Einreisestopp für Menschen aus mehrheitlich muslimisch geprägten Staaten: Syrische Flüchtlinge trifft es dabei härter (nämlich auf unbestimmte Zeit) als Personen mit irakischem, iranischem, sudanesischem, libyschem, somalischem, jemenitischem Pass sowie alle Syrer ohne Flüchtlingsstatus (zunächst befristet auf drei Monate).
Man braucht wahrlich keinen Studienabschluss in Politik- oder Islamwissenschaften, um sich auszumalen, dass diese präsidiale Glanzleistung das Misstrauen, ja den Hass auf „den“ Westen in den entsprechend indoktrinierten islamischen Fundamentalistenkreisen weltweit anstacheln wird.
Wie aber sähe eine wohlüberlegte, im Sinne einer (säkular-)humanistischen Grundhaltung geprägte Migrationspolitik aus? Sicher ganz anders, als Menschen per Generalverdacht in Angehörige „böser“ Staaten (out-group) und ihnen entgegengesetzte Inhaber „guter“ Staatsbürgerschaften“ (in-group) einzuteilen!
Der Philosoph und Geschäftsführer der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs), Michael Schmidt-Salomon, schreibt dazu:

„Ein zentraler Unterschied zwischen dem alten Paradigma des moralischen Dualismus und dem neuen Paradigma des ethischen Monismus besteht darin, dass sie im Hinblick auf die Identitätsbildung unterschiedliche Ebenen fokussieren: Das Paradigma des moralischen Dualismus war seit jeher darauf ausgerichtet, die Gruppenebene zu stärken […]. So galt es als ‚anständig‘ und ’sittlich‘, ein ‚guter Deutscher‘, ein ‚guter Türke‘, ein ‚guter Christ‘, ein ‚guter Muslim‘ zu sein. Das Paradigma des ethischen Monismus hingegen schwächt die Bedeutung der Gruppenebene ab. Stattdessen tritt die Ebene der einen Menschheit in den Vordergrund, die vor der Herausforderung steht, bessere, freiere und gerechtere Verhältnisse für alle zu schaffen, sowie die Ebene des Individuums, das frei und selbstbestimmt über sein eigenes Leben verfügen kann.
Was bedeutet dies konkret? Nehmen wir als Beispiel die Integrationspolitik in Deutschland, die man aus der Perspektive des ethischen Monismus wohl eher als ‚Desintegrationspolitik‘ bezeichnen müsste. Der Grundfehler dieser Politik bestand darin, dass sie die Individuen auf vermeintlich stabile ethnische oder religiöse Gruppenidentitäten reduzierte (anfangs war es
der Türke, später dann der Muslim), was die Emanzipation des Einzelnen behinderte und die Entwicklung von Parallelgesellschaften förderte. Eine klügere Politik hätte einer solchen Stärkung von Gruppenideologien von Anfang an entschieden entgegengewirkt. Sie hätte aufgezeigt, dass ‚Integrationspolitik‘ heute vornehmlich als ‚Emanzipationspolitik‘ verstanden werden muss, da es eben nicht darum gehen kann, ‚fremde Kulturen‘ in eine wie auch immer geartete ‚deutsche Kultur‘ zu integrieren, sondern den einzelnen Individuen gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.“
Quelle: Michael Schmidt-Salomon: Die Grenzen der Toleranz. Warum wir die offene Gesellschaft verteidigen müssen. München/Berlin 2016, S. 142.

Donald, die Braut des Herrn und die Dämonen – Schlaglichter auf das konservative Christentum

Dezember 30, 2016

Wer als säkular-liberal gesinnter Zeitgenosse (wie meine Wenigkeit) zum Jahresende ein wenig den Blick schweifen lässt und sich Gedanken zur weltweiten Lage des konservativ-„bibeltreuen“ Christentums macht, wird unter Umständen ein gemischtes Fazit für das abgelaufene Jahr 2016 ziehen:

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Übel aufstoßen musste Anfang November auf jeden Fall die Erkenntnis, dass der rassistisch-sexistische zukünftige Mr. President of the United States Donald „Dumpfbacke“ Trump bei den evangelikalen (weißen) Amerikanern trotz hier und da vorhandener Vorbehalte auf breite Zustimmung stieß: Schließlich votierten 81% dieser für die Republikaner so wichtigen Zielgruppe für den New Yorker Immobilienmogul, lediglich 16% zeigten Sympathien für dessen demokratische Kontrahentin Hillary Clinton – ein weiteres Indiz für meine im letzten Beitrag vertretene These der potentiellen Kompatibilität konservativ-christlicher Einstellungen mit rechtspopulistischen Ansichten.

Anlass zu (leichter) Hoffnung geben dagegen diejenigen Berichte, denen zufolge der Anteil dieser endzeit-, dämonen- und höllengläubigen Protestanten sowohl in den USA als auch in Deutschland mittel- bis langfristig abnimmt. (Für die Situation hierzulande beziehe ich mich auf: Hansjörg Hemminger: Evangelikal. Von Gotteskindern und Rechthabern. Gießen 2016, S. 25f.
Die dort genannten Zahlen von 1 – 1,5 Mio. deutschen Evangelikalen werden dahingehend kommentiert, dass die Szene entgegen anderslautenden Vermutungen nicht zulasten der schrumpfenden liberalen Landeskirchen zunehme, sondern bestenfalls stagniere, wobei die Tendenz wie oben erwähnt on the long run rückläufig sei.)

Schließlich macht auch die Neuapostolische Kirche (NAK) keine Ausnahme von diesem allgemeinen Abwärtstrend: Laut dem ehemals neuapostolischen Kirchenkritiker Detlef Streich kommt die „Kirche Jesu Christi“ (oder derjenige Teil der weltweiten Christenheit, in dem die Kirche Jesu am deutlichsten offenbart wird, wie das aktuelle neuapostolische Selbstverständnis Stand 30.12.2016 verlautet) wohl nur auf ca. 8,8 Mio. Mitglieder (und nicht auf über 10 Mio., wie jahrelang behauptet), bei mutmaßlich mageren 2 Mio. tatsächlich regelmäßig aktiven Kirchgängern.

Bleibt mir zuguterletzt noch ein kurzer Blick auf die Römisch-katholische Kirche: Hier musste ich Anfang Dezember erschreckt zur Kenntnis nehmen, dass deren polnische Filiale nun wirklich als Fachbetrieb für weltanschaulichen Schwachsinn und Intoleranz bezeichnet werden muss, findet dort doch alldieweil eine kaum für möglich gehaltene Renaissance des Exorzismus, d.h. der sog. Teufelsaustreibung statt, wie der MDR in einer Dokumentation belegt.

Und so beschleicht mich auch jetzt nicht zum ersten (und sicher auch nicht letzten) Mal ein unheimliches Gefühl im Bewusstsein all des religiösen, aber auch politischen Ozeans an Bullshit, der um mich her in Nah und Fern munter vor sich hin- und her wogt! Eigentlich ein Riesenwunder, dass es (zumindest hier in Mittel-/Westeuropa) breiten Teilen der Bevölkerung innerhalb der letzten 250 Jahre, angestoßen durch die Epoche der weltanschaulichen Aufklärung, gelungen ist, diese infantile Stufe der Weltwahrnehmung wenn nicht gänzlich zu überwinden, so doch zumindest großteils einzuhegen und zu zähmen!
Wer heute Anders- oder Nichtgläubige als „ungläubige Gottlose“ diffamiert, muss sich i.d. Regel eines instinktiv anhebenden Protests religiöser wie nicht-religiöser Menschen erwehren. Dass die „Heiligen Schriften“ der Religionen durchaus (und sogar viel eher) Grundlage übelster Ausgrenzung bis hin zu regelrechter Hexenjagd sein können, sollte in diesem Blog in vielen Beiträgen deutlich geworden sein!
Bekämpfen wir gemeinsam auch 2017 mithilfe der besseren Argumente diesen Ozean aus weltanschaulicher Verblödung und Intoleranz – ob evangelischer, katholischer Christ, Jude, Muslim, Jeside, Bahai, Hindu, Buddhist, Sonstwas-Gläubiger, Agnostiker oder Atheist – es ist dringender denn je!

„Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich!“ – Zur Anfälligkeit religiösen Denkens für (rechts-)populistische Abwege

November 29, 2016

Sie poltern gegen kritische Stimmen zur Pegida-Bewegung, faseln hinsichtlich ihrer politischen Gegner über „Gesinnung von HJ-Pöbel“ oder gar vom „Recht auf Widerstand“ gemäß Art. 20, Abs. 4 Grundgesetz: mehr oder weniger prominente Christen mit einem gehörigen politischen Drall nach Rechtsaußen:

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Matthias Matussek, Wolfgang Ockenfels, Peter Winnemöller und wie sie alle heißen.

Auch auf einschlägigen rechtskonservativen Demonstrationen wie dem „Marsch für das Leben“ (alljährlich im September in Berlin stattfindende Anti-Abtreibungs-Kundgebung) oder der „Demo für alle“ (in unregelmäßigen Abständen insbesondere in Stuttgart beheimateter Protest gegen „Genderwahn und Frühsexualisierung“) trifft man ihre Anhänger.

Da verwundert es nicht, dass auch rechtspopulistische Strömungen wie Pegida sowie deren politischer Arm, die „Alternative für Deutschland“ (AfD) für viele von ihnen zur geistigen Heimat geworden sind.

Und auch wenn ihre Kirchenoberen anlässlich dieser unappetitlichen Märsche die Lichter des Kölner oder Erfurter Doms ausschalten lassen; die stramm-konservative Gesinnung der aufrechten Christen ficht das zumeist nicht an – im Gegenteil, fühlt man sich in seiner an Paranoia grenzenden Opferrolle anscheinend pudelwohl. So schreibt die selbst katholische, jedoch Pegida- und AfD-kritische Juristin und Journalistin Liane Bednarz (Mitautorin von „Gefährliche Bürger. Die neue Rechte greift nach der Mitte“) in der FAZ zu den Gründen dieser „unheiligen Allianz“ aus Rechtspopulisten und ultrakonservativen Christen:

„Der katholische Publizist Andreas Püttmann macht dafür ein lange verinnerlichtes Freund-Feind-Denken verantwortlich – und die Neigung, sich selbst als Opfer zu bemitleiden.“

Leider geht Frau Bednarz bei ihrer Suche nach den Ursachen für dieses radikale Gedankengut nicht weiter in die Tiefe. Vielleicht ist sie in dieser Hinsicht ein wenig unbedarft, vielleicht mag sie sich auch aufgrund ihres eigenen „religiösen blinden (Wahrnehmungs-)Flecks“ nicht weiter damit befassen, aber Tatsache ist nun einmal:

Dichotomes Gedankengut ist ein weit verbreiteter Bestandteil der Grundlage des christlichen Glaubens, der Bibel! Hier wird die Welt immer wieder munter in Freund und Feind, gläubig und ungläubig eingeteilt, dass es nur so eine „Freude“ ist.

Kostprobe gefällig? Ein Blick auf bspw. diese Website (dort unter dem Menüpunkt „Biblische Moral“) sollte genügen, damit sich auch dem friedensbewegten liberalen Protestanten oder Linkskatholiken die Nackenhaare kräuseln…

Schließlich habe ja auch der „Heiland“ Jesus Christus höchstselbst verkündet: „Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich.“ (Matthäus 12,30)

Und wieder einmal zeigt sich: Religiöse Fundamentalisten nehmen ihre „heilige Schrift“ i.d. Regel wörtlicher und damit (leider) auch ernster als ihre rosinenpickenden Mitbrüder und -schwestern aus der Wischiwaschi-Glaubensfraktion. Nicht gerade ein Grund zur Beruhigung…

Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich an dieser Stelle eine populismusfreie Advents- und Weihnachtszeit, egal ob Sie sich als gläubigen oder „religiös unmusiklaischen“ Menschen sehen!

Prädikat philosophisch wertvoll: Glauben auf Knopfdruck als Ding der Unmöglichkeit entlarvt

Oktober 28, 2016

Es ist immer wieder erfrischend, religiöse Glaubenssysteme aus einem philosophischen Blickwinkel in Augenschein zu nehmen. Ein zeitgenössisches Exemplar von Philosoph, genauer gesagt Privatdozent für dieses Fach an der Ludwig-Maximilians-Universität München, ist Andreas Edmüller, dessen aktuelles Buch „Die Legende von der christlichen Moral“ die (seiner Meinung nicht vorhandene) moralische Basis des christlichen Glaubens auseinandernimmt.

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Kurz gesagt, Edmüller weist vor allem nach, dass die Kriterien der Berechenbarkeit und Stimmigkeit als Grundlage eines stringenten Moralsystems im Christentum nicht gegeben sind, von daher viele Fragen der Ethik (z.B. nach Krieg und Frieden) von Christen auf Grundlage der Bibel, der Kirchenväter, diverser Päpste etc. so, aber auch komplett anders beantwortet werden können. Hier ein kurzer Ausschnitt daraus:

„Eine Minimalbedingung sinnvoller moralischer Forderungen wird im Englischen prägnant als Ought implies can ausgedrückt: Moralische Forderungen müssen im Prinzip erfüllbar sein. Wer z.B. fordert, man dürfe nicht lügen, der setzt voraus, dass es zumindest im Normalfall in unserer Macht steht, die Wahrheit zu sagen. Genau dagegen verstoßen aber die ersten Gebote [insbesondere das erste Gebot des Dekalogs: „Ich bin Jahwe, dein Gott […] Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.“, 2. Mose 20, 1]. Es stimmt einfach nicht, dass es in unserer Macht steht, sich bewusst für den Glauben an einen oder mehrere Götter und ihre jeweiligen Eigenschaften ‚zu entscheiden‘. Ich kann doch nicht einfach den Entschluss fassen, ab sofort Christ, Hindu oder Moslem zu sein! Ich kann mich zwar dazu entschließen, mich intensiv mit Fragen nach einem Gott und seinen Eigenschaften auseinanderzusetzen. Aber für sehr viele Menschen endet dies ’nach bestem Wissen und Gewissen‘ in verschiedenen Formen eines religiösen Skeptizismus. Die Aufforderung Glaube ab sofort an Jesus/Jahwe/Allah/Zeus – und zwar felsenfest! ist Unfug. Folglich scheitern die ersten Gebote am Realismus-Prinzip des Ought implies can.“
Quelle: Andreas Edmüller: Die Legende von der christlichen Moral. Warum das Christentum moralisch orientierungslos ist. Marburg 2015, S.86.

Beim Lesen dieser Zeilen fühlte ich mich an meine Zeit in der NAK erinnert, wo ja auch häufig solche ganz schlauen Ratschläge erteilt wurden, quasi auf Knopfdruck zu glauben bzw. die eigenen Emotionen in eine bestimmte Richtung zu lenken: „Geht´s auch wider die Natur – Jesus spricht ja: Glaube nur!“
Ganz abgesehen von der Tatsache, dass in Glaubensdingen fast immer das nachgeplappert wird, was die Leute eh bereits von Kindesbeinen an in ihrer Kirchen-, Moschee- oder Synagogengemeinde zu hören bekamen, ohne hier die rationale Messlatte anzulegen.

Wie heißt es so schön treffend bei Kant: „Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen […], dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben“.

Mehr Säkularismus wagen, Herr de Maizière!

September 29, 2016

Deutschen Spitzenpolitikern lässt sich bekanntlich in den seltensten Fällen eine allzu distanzierte Haltung gegenüber der organisierten Religion nachsagen. Und so verwundert es nicht, wenn der deutsche Innenminister Thomas de Maizière (CDU) allen Ernstes den konservativen Islamverbänden hierzulande die Mitverantwortung für eine gelingende Integration muslimischer Flüchtlinge zuschieben will.
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Wohlwissend, dass zu diesem illustren Kreis auch die Islamisch-türkische Union der Anstalt für Religion (DITIB) zählt, dem maßgeblich von der türkischen Religionsbehörde Diyanet beeinflussten „Wolf im islamistischen Schafspelz“.
Dem NRW-Innenministerium fiel dieser obskure Verein (bzw. dessen Kölner Ableger) unlängst in Ungnade, nachdem ein den Märtyrertod verherrlichender Comic aufgetaucht war (siehe obigen Link). Die Folge: NRW beendet die Zusammenarbeit mit der DITIB in Bezug auf das Deradikalisierungsprogramm „Wegweiser“, welches Jugendliche von den salafistischen Rattenfängern fernhalten möchte.
Hört man sich nun auch noch beim in Deutschland lebenden „Ali-Normal-Muslim“ auf der Straße um, kommt man aus dem Stirnrunzeln (oder mehr) gar nicht mehr heraus: Laut einer Studie des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Uni Münster wurden vor wenigen Monaten u.a. folgende Daten erhoben:

„47 Prozent [der Befragten] halten die Befolgung der Islam-Gebote für wichtiger als die deutschen Gesetze. Ein Drittel meint, Muslime sollten zur Gesellschaftsordnung aus Mohammeds Zeiten zurückkehren. 36 Prozent sind überzeugt, nur der Islam könne die Probleme der Zeit lösen. Prof. Pollack betonte, der Anteil derer mit verfestigtem fundamentalistischem Weltbild liege immerhin bei 13 Prozent.“

Natürlich bin ich mir im Klaren, dass aus diesen Daten so direkt kein Zusammenhang zum Einfluss von Islamverbänden wie der DITIB abgeleitet werden kann; gleichwohl bleibt ein nicht ganz unbegründetes inneres Unbehagen zurück!
Und so kann ich mich nur den Worten des Philosophen Michael Schmidt-Salomon anschließen, der in einem Essay für den Schweizer Tagesanzeiger allen (muslimischen wie nicht-muslimischen) Flüchtlingen / Fluchtwilligen Folgendes zuruft:

„Dies ist das Land, in dem Ihre Kinder nicht automatisch Juden, Christen, Muslime sind, bloss weil Sie einer dieser Religionen angehören! Dies ist das Land, in dem Sie nicht das Recht haben, an den ­Genitalien Ihrer Kinder herumzuschneiden, weil Sie sich einem archaischen Initiationsritual verpflichtet fühlen! Dies ist das Land, in dem Sie glauben dürfen, was immer Sie wollen, in dem wir Ihren Kindern aber von der Pike auf beibringen werden, dass nur solche Weltanschauungen akzeptabel sind, die die Menschenrechte in vollem Umfang ­anerkennen! Dies ist das Land, in dem Sie behaupten dürfen, die Erde sei erst vor 6000 Jahren erschaffen worden, in dem Ihre Kinder aber schon in der Grundschule die Tatsache der Evolution erfahren! Dies ist das Land, in dem auch Kinder Rechte haben, die Sie nicht übergehen dürfen, in dem Sie es hinnehmen müssen, dass Männer und Frauen, Religiöse und Nichtreligiöse, Hetero-, Homo- und Transsexuelle gleichberechtigt sind, auch wenn Sie in Ihrer emotionalen und kognitiven Entwicklung womöglich so sehr geschädigt wurden, dass Sie diesen einfachen ethischen Gleichheitsgrundsatz nicht nachvollziehen können! Dies ist nicht zuletzt auch das Land, in dem Sie Ihre eigenen Sexualneurosen pflegen dürfen, solange Sie damit niemanden ­schädigen, in dem Ihre Kinder aber rechtzeitig aufgeklärt werden, damit sie die Chance haben, ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen!“

Schwachsinn auf Kassenkosten – der unheilvolle Aufstieg der Pseudo-Medizin

August 29, 2016

Der englische Publizist Keith Gilbert Chesterton (1874 – 1936) brachte es treffend wie kein Zweiter bereits vor etlichen Jahrzehnten auf den Punkt: „Wenn Menschen aufhören, an Gott zu glauben, dann glauben sie nicht an nichts, sondern an alles Mögliche.“
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Und während in der Tat hierzulande die Mitgliederzahlen der großen Volkskirchen wie der „größten deutschen Sekte“ (sprich: der NAK) seit Jahren klar zurückgehen, bedeutet dies im Umkehrschluss leider längst nicht automatisch, dass die Betreffenden eine von Rationalismus und Wissenschaftsorientierung geprägte Weltanschauung verfechten. Im Gegenteil: Finanziell bestens ausgestattete Institutionen wie Greenpeace und Bündnis 90/Die Grünen propagieren seit Langem schon die Mär von der grundsätzlichen Gefährlichkeit der Pflanzengentechnik, Menschen sorgen sich vor absurden „Gefahren“ wie Chemtrails, glauben allen Ernstes, ihr Schicksal stehe in den Sternen oder hängen quacksalbernden Heilslehren anderer Art an: eine davon ist die Homöopathie, mit der ich mich in den letzten Wochen etwas eingehender beschäftigt habe:

Das Überraschendste an der Homöopathie ist für mich eigentlich die Tatsache, dass unsere „aufgeklärte“ Gesellschaft des 21. Jahrhunderts in anderen Bereichen wie der Chemie oder der Astronomie längst reinen Tisch gemacht und pseudowissenschaftliche Denkansätze (in diesen Fällen: die Astrologie und die Alchemie, also den Versuch, aus anderen Elementen Gold herzustellen oder mithilfe eines „Steins der Weisen“ das ewige Leben zu erlangen) in die esoterische Schmuddelecke verbannt hat.
Warum bildet aber gerade der medizinische Bereich die große Ausnahme?

Zunächst aber zur Frage, was eigentlich die Grundannahmen der Homöopathie ausmacht:
Begründet wurde diese Heilslehre in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts durch den deutschen Mediziner Samuel Hahnemann (1755 – 1843). Angesichts der katastrophalen Situation der Medizin seiner Zeit engagierte sich Hahnemann für eine scharfe Abkehr vom heute gern als „Schulmedizin“ abfällig titulierten ärztlichen Mainstream, der sog, Allopathie. Nun muss man jedoch wissen, dass die moderne Medizin von heute zur damaligen Zeit nicht einmal in Ansätzen existierte: Bakterien und Viren als Krankheitserreger waren eh unbekannt, man „kurierte“ die Patienten häufig mittels Quecksilbergaben oder Aderlass, wobei die Betreffenden nicht selten dabei verbluteten. Wunden wurden gern mit siedendem Öl ausgebrannt statt sie zu kühlen, der Gang zum Zahnarzt glich einer wahren Folterung etc. pp.
Kurzum: Hahnemann war der Ansicht, die Medizin müsse sich grundsätzlich neu aufstellen, sich zum Einen durch lange Gespräche den Patienten zuwenden und zum Anderen auch auf andere „Wirkstoffe“ setzen: Globuli (lat. für „Kügelchen“), d.h. kleine zuckerhaltige Präparate. Das Besondere daran: Seine Globuli enthielten i.d. Regel so gut wie nichts oder auch überhaupt kein einziges Molekül des sog. „Wirkstoffs“ (max. eine Verdünnung von einem Milliliter auf 50 Mio. Liter), der auch schon einmal aus getrockneten Bienen oder Tierkot bestehen konnte. Hahnemann ging nämlich davon aus, dass Krankheit gleichbedeutend mit dem aus der Balance geratenen „Lebensgeist“, also einer Kraft, die ein Lebewesen erst lebendig werden lässt.
Nun existiert bis zum heutigen Tag kein einziges Indiz, welches auf das Vorhandensein dieser ominösen Kraft verweisen würde; doch so sehr sich die Physiker von der Vorstellung eines das Weltall durchziehenden „Äthers“ verabschiedet haben, so versteiften sich Hahnemann und mit ihm Generationen seiner Jünger auf eben diese weltanschauliche Grundlage.
Des Weiteren geht Hahnemann davon aus, dass „Ähnliches mit Ähnlichem“ (lat. similia similibus curentur) geheilt werden müsse – in der Konsequenz wirkt also dasjenige Mittel, welches bei einem gesunden Menschen eine Krankheit auslöst, bei einem kranken Menschen genau umgekehrt heilend (!).
Und um diese Heilung in Gang zu bekommen bedarf es jener Zuckerkügelchen, wobei das Präparat mit steigender Verdünnung zu höherer Wirksamkeit gelangt (!).
Dass es sich bei dieser homöopathischen Grundannahme um ausgemachten Bullshit handelt, bewies spätestens vor einigen Jahren die Aktion 10:23 der „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“ (GWUP): Ab dem Verdünnung (Homöopathen nennen es „Potenzierung“) von 10 hoch 23 ist kein einziges Ausgangsmolekül der Substanz mehr enthalten, und in dieser „Dosis“ nahmen weltweit viele Teilnehmer homöopathische Mittel ein, ohne dass ihnen (wie laut Hahnemann-Jüngern eigentlich zu erwarten wäre) auch nur ein Haar gekrümmt wurde.

Zu allem Überfluss kommt es laut Hahnemann-Anhängern auch noch nach der ersten Einnahme ihrer Globuli zu einer sog. Erstverschlimmerung, was jedoch als positives Zeichen der Wirksamkeit der jeweiligen Substanz gedeutet wird – bis es in akuten Fällen zu spät sein kann, einen Arzt aufzusuchen, der tatsächlich evidenzbasiert (also wissenschaftlich) arbeitet!
Nun werdet ihr, liebe Leserinnen und Leser sicher ad hoc den einen oder anderen aus eurem Freundes- und Bekanntenkreis benennen können, bei dem/der die Einnahme homöopathischer Mittel vorgeblich geholfen hat. Dessen ist sich die Medizin mittlerweile jedoch bewusst: Der sog. Placebo-Effekt scheint hier wahre Wunder zu wirken. D.h. allein die Tatsache, dass mir jemand mit medizinischer (Schein-)Kompetenz aufmerksam zuhört, meine individuelle Situation ausgiebig in die Behandlung einbezieht und ein Mittel dagegen verordnet, kann (wie viele weitere Faktoren) schon zur Besserung meiner Lage führen! Ganz abgesehen von vielen sog. Spontanheilungen, da nicht wenige Krankheitssymptome auch gänzlich ohne Behandlung von alleine verschwinden.
Soviel also dazu, wenn Oma demnächst wieder ihre Globuli als ach so segensreiches Hausmittel anpreist… wofür leider auch seit 2005 eine zunehmende Anzahl an Krankenkassen die Kosten übernimmt.
Es versteht sich von selbst, dass methodisch einwandfrei arbeitende (doppelblinde) Studie bis heute keinen Nachweis irgendeines wirkstoffbasierten Heilerfolgs durch homöopathische Präparate erbringen konnten – wogegen die entsprechenden Esoterikmittelchen von den strengen gesetzlichen Auflagen der Wirkstoffprüfung herkömmlicher Medikamente befreit sind – ein handfester Skandal, wie ich meine!

Zur näheren Info empfehle ich diesen kritischen SPIEGEL-Artikel sowie das Buch „Die Homöopathie-Lüge“ von Christian Weymayr und Nicole Heißmann.

„Was tröstet, hat recht?“ – Das Phänomen des Glaubens an den Glauben

Juli 14, 2016

„Dass Religion die Fähigkeit hat zu trösten, macht sie nicht wahrer. Selbst wenn wir ein gewaltiges Zugeständnis machen; wenn wir schlüssig nachweisen, dass der Glaube an die Existenz Gottes für das psychische und emotionale Wohlbefinden der Menschen völlig unentbehrlich ist; selbst wenn alle Atheisten verzweifelte Neurotiker wären, die von einer erbarmungslosen kosmischen Angst in den Selbstmord getrieben würden – selbst dann wäre das alles nicht der Hauch eines Belegs dafür, dass religiöser Glaube der Wahrheit entspricht. […]
Es ist wohl kaum eine Übertreibung, wenn ich behaupte, dass die Mehrheit der Atheisten in meinem Bekanntenkreis ihre Überzeugung hinter einer frommen Fassade verbirgt. Sie glauben selbst nicht an irgendetwas Übernatürliches, haben aber nach wie vor eine unbestimmte Schwäche für irrationale Überzeugungen. Sie glauben an den Glauben. Es ist verblüffend, wie viele Menschen anscheinend den Unterschied zwischen ‚X ist wahr‘ und ‚Es ist wünschenswert, dass die Menschen X für wahr halten‘ nicht kennen.“

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Soweit Richard Dawkins in „Der Gotteswahn“ in einem Textauszug, der in der letzten Unterrichtsstunde meines 11er-Ethikkurses vor den hessischen Sommerferien diskutiert wurde.
Die Einstellungen der Schülerinnen und Schüler fielen dabei erstaunlich unterschiedlich aus: von Unverständnis darüber, wie jemand nun überhaupt nicht an etwas Göttliches glauben könne bis zu 100%-iger Zustimmung war alles dabei. Und ich muss sagen, bei der Vorbereitung der Stunde kam mir unwillkürlich ein ähnlicher Ausspruch einer Kollegin in den Sinn, die damals (es muss wohl mittlerweile auch schon fünf bis sechs Jahre her sein) im Rahmen einer Schultheaterprobe zu Büchners „Woyzeck“ auf ihre Religiosität angesprochen wurde und sinngemäß ihr Bedauern ausdrückte, nicht glauben zu können. Ich habe mich damals aus dem Gespräch herausgehalten, mir aber bereits an Ort und Stelle mir im Sinne Dawkins‘ meine Gedanken dazu gemacht.
Denn nur allein die Tatsache, dass ein religiöser Glaube dazu taugt, Kontingenzbewältigung zu leisten, also in Lebenskrisen Orientierung und Halt zu bieten, sagt doch nun weiß Gott (!) keinen Deut über dessen Realitätsgehalt aus! Einmal abgesehen davon, dass mit Sicherheit jede Menge Anhänger dieses Glaubens existier(t)en, denen eben kein Trost aus ihrer Religiosität erwächst, weil sie nämlich diversen Perversitäten ihres ach so liebevollen Gottes zum Opfer gefallen sind: Man denke nur an unheilbare Krankheiten (ein Schüler unserer Schule verstarb 2014 an Leukämie!) und andere Naturkatastrophen; das von Menschen verursachte Leid (Hunger, Krieg, Terror) braucht hier nicht einmal ins Spiel zu kommen.
Gläubige Menschen werden sich vielfach mithilfe des Argumentes zu retten versuchen, dass derart unschuldig Leidende bei Gott sicher eine Art „Premiumplatz“ hätten. Doch diese Sichtweise verkennt, dass hiermit der Grundstein einer ausgesprochenen Leidenstheologie gelegt würde, welche über Jahrhunderte Gläubige zu masochistischen Zwangsgedanken und -handlungen angetrieben hat (man denke nur an Martin Luthers Selbstkasteiungen).
Und selbst eine biblizistische Endzeitgruppierung wie die NAK will diesen Zug nach eigener Aussage überwunden haben, während in früheren Zeiten der Begriff „Welt“ dort bekanntermaßen mit „Wehe, Elend, Leid und Tod“ gleichgesetzt wurde.
Und noch etwas scheint den Religiösen und ihren säkularen Bewunderern hinsichtlich ihres „Trost“-Argumentes nicht aufzufallen, nämlich die Nähe zur Motivation von Drogenkonsumenten, welche ja häufig gerade deshalb zum Betäubungsmittel ihrer Wahl greifen, um aus der als frustrierend und beengend empfundenen Realität zumindest für einen kurzen Moment zu flüchten. „Wer Hirnes hat, der denke…“

Religion – zur Entstehung eines irrationalen Denksystems (Teil I)

Juni 30, 2016

In den kommenden Monaten werde ich mich – wahrscheinlich in unregelmäßiger Folge – dem Phänomen „Entstehung der Religion als irrationalem Denksystem“ widmen.
Den ersten Teil dieser kleinen Reihe eröffnet Jesse Bering, Evolutionspsychologe und Direktor des Institute of Cognition and Culture an der Queen´s University Belfast (Nordirland). Der nachfolgende Text entstammt aus dessen Buch „Die Erfindung Gottes. Wie die Evolution den Glauben schuf“:

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Als direkte Folge der Evolution des sozialen menschlichen Gehirns und wegen der schwerwiegenden selektiven Bedeutung unserer Fähigkeiten zur Mentalisierung können wir manchmal gar nicht anders, als Absichten, Wünsche und Überzeugungen in Dingen zu sehen, bei denen auch nicht das kleinste Fitzelchen eines neuronalen Systems vorhanden ist. Folglich können sie die psychischen Zustände, die wir wahrnehmen […], gar nicht hervorbringen. Vor allem dann, wenn unbelebte Gegenstände unerwartete Dinge tun, denken wir gelegentlich so über sie, wie wir das bei Menschen machen, die sich abseitig oder schlecht benehmen.
Wie viele mögen ihr defektes, „unzuverlässiges“ Vehikel in die Seite getreten oder ihren „unfähigen“ Computer verbal beleidigt haben? Die meisten gehen nicht so weit, diesen Gegenständen mentale Zustände zuzuschreiben […]. Doch unsere Emotionen und unser Verhalten gegenüber solchen Objekten scheinen unser primitives, unbewusstes Denken zu verraten: Wir handeln, als wären sie für ihre Aktionen moralisch verantwortlich. […]
Was wäre, wenn ich sagte, dass auch die mentalen Zustände Gottes allein im Denken jedes Einzelnen vorhanden sind? Dass Gott – wie ein winziger, am Rand der Hornhaut des Auges schwebender Fleck, der das Bild eines verschwommenen, unerreichbaren Sternchens erzeugt, das jede Bewegung mitmacht – in Wahrheit eine psychische Illusion ist, eine Art evolutionär entstandener Fehler, der sich ins Zentrum der kognitiven Hirnsubstanz eingeätzt hat? Vielleicht fühlt es sich ja an, als sei da draußen etwas, das größer ist… etwas, das beobachtet, weiß, sich kümmert. Möglicherweise sogar Urteile fällt. In Wahrheit aber ist es nur unsere überaktive Mentalisierung. Eigentlich ist da nichts als die Luft, die wir atmen. […]
Man sollte sich kurz vor Augen führen, was es heißt, wenn man sich Gott so vorstellt […]. Subjektiv wäre Gott in unserem Leben weiterhin präsent (manche wären davon eher unangenehm berührt). Aus dieser Sicht würde er unsere Erfahrungen immer noch mit einer schwer fassbaren Bedeutung durchdringen und das Gefühl vermitteln, das Universum kommuniziere auf vielfältige Weise mit uns. Doch diese Vorstellung von Gott als Illusion ist eine radikale und für manche wohl gefährliche Idee, weil sie entscheidende Fragen darüber aufwirft, ob Gott ein autonom und unabhängig Handelnder ist, der außerhalb menschlicher Gehirnzellen lebt, oder eher ein Phantom, das von unserer durch eine spezielle Evolution entstandenen Mentalisierung hinaus in die Welt gestoßen ist. […]
Bei allen Wendungen scheinen wir zu glauben, in jedes Schnitzwerk der Natur seien subtile Botschaften eingeritzt: fein gearbeitete Zeichen oder Hinweise darauf, dass Gott oder eine andere übernatürliche Wesenheit versucht, uns eine Lektion oder einen Gedanken zu übermitteln – und häufig uns allein. Gewöhnlich geht es uns darum, wie wir uns verhalten sollten. […] Die besten Beispiele dafür, dass in der Natur der Geist Gottes am Werk gesehen wird, sind tendenziell auch die lachhaftesten. Doch gerade an ihnen können wir erkennen, wie die religiösen und spirituellen Ansichten mit der von unserer Spezies durch Evolution erworbenen Fähigkeit zur Mentalisierung zusammenhängen. Der freimütige afroamerikanische Bürgermeister von New Orleans, Ray Nagin, meinte Reportern 2005 gegenüber, der Hurrikan Katrina – einer der wildesten und zerstörerischsten Stürme, die Nordamerikas Küsten je heimgesucht haben – sei in Wahrheit ein klimatisches Zeichen für Gottes heftigen Zorn gegen die von Drogen benebelte Stadt, den militärischen Einfall des Landes in den Irak und das „schwarze Amerika“ […].


Quelle: Jesse Bering: Die Erfindung Gottes. Wie die Evolution den Glauben schuf. München 2011, S. 56, 58, 111f.

Die „geistige Augensalbe“ des Bischof Koch

Mai 26, 2016

Jedes Mal, wenn ich mal wieder mit dem Rad am Frankfurter Mainufer entlangradele, fällt mein Blick auf dieses Wandbild:

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Es zeigt auf 120 Quadratmetern Fläche an der Osthafenmole unweit des Glitzerpalastes der Europäischen Zentralbank den leblosen Körper des toten dreijährigen Flüchtlingskindes Aylan Kurdi, ertrunken im September 2015 in den Fluten des Mittelmeeres – dank einer EU-Flüchtlingspolitik, die Hunderttausende verzweifelte Menschen auf die lebensgefährliche Reise per Schlauchboot oder seeuntauglichem Kutter zwingt.

Unter anderem mit dieser Politik befassen sich aktuell auch zahlreiche Veranstaltungen auf dem 100. Katholikentag in Leipzig. Wer einmal einen Blick auf die Homepage dieser Großveranstaltung wirft, entdeckt mit ziemlicher Sicherheit auch die Statements diverser Prominenter aus den Bereichen Politik und Kirche. Besonders hängengeblieben bin ich dabei bei dem Beitrag des Berliner Erzbischofs Heiner Koch (etwas nach unten scrollen):
„Der Katholikentag ist eine Schule des Sehenlernens. Und je mehr wir lernen, desto reicher werden wir. Gott sieht jeden und lässt niemanden allein: Gläubige und Nichtgläubige, Junge und Alte, Kranke und Gesunde, leistungsstarke und Schwache, Obdachlose und Flüchtlinge, Linke und Rechte.“

Sicherlich für manchen zu Herzen gehende Worte, vermag es doch sicher zu trösten, wenn man sich einem Gott gegenüber „weiß“, der keinen Menschen von seiner Gnade ausnimmt. Doch ein jeder Leser und jede Leserin möge sich diese bischöflichen Sätze einmal auf der Zunge zergehen lassen und mir dann bitte angesichts des (Flüchtlings-)Elends in der Welt erklären, wie Bischof Koch sich zu dieser Bemerkung versteigen kann. Die Angehörigen des kleinen Aylan sind sicher brennend an einer Antwort interessiert!

„Ich entsage dem eigenständigen Denken…“ – evolutionsbiologisches Sparprogramm und der Glaube an den „Leibhaftigen“

April 29, 2016

Frühlingszeit ist Konfirmationszeit – nicht nur in neuapostolischen Landen. Junge Christen übernehmen Eigenverantwortung für ihren zukünftigen Glaubensweg und bestätigen (lat. confirmare) den göttlichen Bund der Taufe – so jedenfalls die Theorie.
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Die Besonderheit einer neuapostolischen Konfirmation besteht nun darin, dass die Konfirmanden ein an die altkirchliche Traditio Apostolica, einer Kirchenordnung aus dem frühen 3. Jhd., angelehntes Gelübde sprechen. Im Wortlaut heißt es dort: „Ich entsage dem Teufel und all seinem Werk und Wesen und übergebe mich dir, oh dreieiniger Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, im Glauben, Gehorsam und ernstlichem Vorsatz: Dir treu zu sein bis an mein Ende. Amen.“
Einmal abgesehen von der Tatsache, dass in klassisch-neuapostolischer Sektenmanier viele aktive NAK-Anhänger sicher auch heute noch das Wort „Gott“ innerhalb des Gelübdes automatisch mit „Neuapostolische Kirche“ gleichsetzen und zu den ach so teuflischen Werken wohl in erster Linie die „Verführung“ zum regelmäßigen Versäumen neuapostolischer Gottesdienste zählen.
Und dieser himmelschreiende Ausdruck tief verankerter religiöser Indoktrination soll hier im Folgenden etwas näher beleuchtet werden: Wie kann es angehen, dass Menschen einer ihrem Wesen nach säkularen und hochtechnisierten Gesellschaft im 21. Jhd. noch immer allen Ernstes an die Existenz und Wirkmächtigkeit des „Leibhaftigen“ glauben?
(Die entsprechende Passage „Das Böse als Person“ (Abschnitt 4.1.2 des NAK-Katechismus von 2012) kann hier eingesehen werden.)

Dieses und weitere damit zusammenhängende Phänomene beschäftigt auch zahlreiche Denker inner- wie außerhalb religiöser Gemeinschaften. Und so wurde ich bei einem meiner letzten Besuche in der hiesigen Groß-Buchhandlung auf das engagierte Werk eines liberal-protestantischen Physikers aufmerksam. Der Autor, Martin Urban, beklagt darin die seiner Meinung nach in der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) vorhandene Weltfremdheit in Glaubensfragen, allerdings auch den zunehmenden Einfluss fundamentalistischer, also die Bibel weitgehend wörtlich nehmender Kräfte (Evangelikale, Charismatiker, Pfingstler).

Ebenso thematisiert er die neuronalen Hintergründe kognitiver Prozesse, sprich: das Warum menschlichen Denkens.
Und hier knüpft Urban an das Bekennen des eigenen Glaubens an, wie es ja auch in der Handlung der Konfirmation vollzogen wird:

„Da gibt es zum Beispiel den Glaubenszeugen. Er bezeugt seinen Glauben. Was heißt das? Zeugnis geben gemeinhin Augen- oder Ohrenzeugen eines Sachverhalts, den sie damit bekunden oder bestätigen. Den Begriff ‚Zeugnis‘ mit dem Begriff ‚Glauben‘ zu verbinden, soll der Glaubens-Aussage Gewicht geben. Der Glaubenszeuge kann jedoch auch beliebigen Unsinn glauben und bezeugen. So ist zum Beispiel Martin Luther Zeuge des Wirkens von allerlei Teufeln in der Welt gewesen; etwa des Satans, der, so glaubte der Reformator tatsächlich, Ursache seiner chronischen Darm-Verstopfung gewesen sei. […]
Um die Zusammenhänge zu verstehen und zu reflektieren, sind weitere Erkenntnisse der Neurowissenschaftler wichtig. Wir wissen heute nämlich nicht nur, dass die Bilder, die wir uns von der Welt machen, nicht die Welt abbilden, sondern auch, warum das so ist: Wahrnehmung bildet die Welt nicht ab, sondern stellt sich, so der Gehirnforscher Wolf Singer, als ‚hypothesengesteuerter Interpretationsprozess dar, der das Wirrwarr der Sinnessignale nach ganz bestimmten Gesetzen ordnet und auf diese Weise die Objekte der Wahrnehmung definiert.'[…]
Denken, die Voraussetzung auch für das Zweifeln, ist anders als Glauben eine anstrengende Angelegenheit.Pro Gewichtseinheit setzt die Hirnmasse 16-mal so viel Energie um wie das Muskelgewebe. Natürlicherweise beschränkt sich unser Denken deshalb auf das Allernotwendigste. […] Das, was immer schon so war, genauer: so angesehen wurde, anzuzweifeln, ist unüblich. Auch deshalb schleppen wir die Weltbilder unserer Ahnen von Generation zu Generation. […]
Diese Neigung, sich auf Althergebrachtes zu verlassen, wird ergänzt um eine weitere problematische Eigenschaft unseres Gehirns: ‚Wenn wir nach langem Suchen und peinlicher Ungewissheit uns endlich einen bestimmten Sachverhalt erklären zu können glauben, kann unser darin investierter emotionaler Einsatz so groß sein, daß wir es vorziehen, unleugbare Tatsachen, die unserer Erklärung widersprechen, für unwahr oder unwirklich zu halten, statt unsere Erklärung diesen Tatsachen anzupassen.‘ So beschrieb es 1976 Paul Watzlawick.“

Quelle: Martin Urban: Ach Gott, die Kirche! Protestantischer Fundamentalismus und 500 Jahre Reformation. München 2016, S. 25ff.

Ach so, noch etwas, liebe „Gotteskinder“: Das so häufig auch im Rahmen von Konfirmationsgottesdiensten angestimmte Lied Chormappe 86 („Eins bitte ich vom Herrn“) entreißt ihr einfach seinem biblischen Kontext, also dem Psalm 27, 4. Und dort ist mit dem „Haus des Herrn“, in dem der Psalmist „immerdar bleiben möge“ klipp und klar der jüdische Tempel gemeint, da die meisten von ihnen in punkto Entstehungszeit auf die Zeit nach dem Babylonischen Exil, also ab 538 v.u.Z., datiert werden. (Die Einweihung des Zweiten Tempels unter Nehemia und Esra nimmt man i.d. Regel für das Jahr 515 v.u.Z. an.)

„Spieglein, Spieglein hat´s nicht erkannt!“ – Das Märchen vom missbrauchten Glauben

März 31, 2016

Die älteren Leser/innen werden sich vielleicht noch daran erinnern: In früheren Zeiten eines Rudolf Augstein (fast hätte ich geschrieben: „Gott hab´ ihn selig!“), da verpasste sich Deutschlands führendes Print-Nachrichtenmagazin selbstbewusst den Beinamen „Sturmgeschütz der Demokratie“. In den letzten Jahren kommt mir hingegen das eine und andere Mal der Verdacht, dass der SPIEGEL in mancherlei Hinsicht dem „Volk zu sehr auf´s Maul schaut“, um Luther zu zitieren, und dies dann zu Lasten einer akribischen Recherche geht. Und man daher dem leidigen Auflagen-Diktat hinterherhechelt!

In seiner aktuellen Ausgabe tuten die Hamburger jedenfalls kräftig ins Horn des bestenfalls halbreflektierten Mainstream-Journalismus und titeln unter Einsatz fetziger Bilder religiotischer Knallchargen (Salafisten, Trump, Putin samt orthodoxem Patriarchen Kyrill) „Der missbrauchte Glaube“. Hier deutet sich die Message bereits glasklar an: Religion an und für sich ist gut (oder zumindest nicht per se schlecht), allein der Missbrauch durch irgendwelche Fanatiker stellt das Problem dar. Allein der Schlusssatz bringt die Haltung der Redakteure auf den Punkt: Hier beschreiben sie die Flucht der Bewohner des syrischen Dorfes Dabiq vor den Terrorgangstern des „Islamischen Staates“:

„Ein verwüstetes Geisterdorf in Erwartung der Apokalypse – so kann das Ende aussehen, wenn Mächtige oder Extremisten den Glauben missbrauchen.“

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Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ja, ich bin mir dessen selbstverständlich bewusst, dass Religion etwas zutiefst Friedliches, Trost- und Hoffnungsvolles sein kann, dass religiöse Musik das Herz durch und durch berühren kann (ich selbst empfinde jedes Mal einen religiösen Schauer beim Hören von Händels Largo!). Aber bitte, bitte, liebe Gläubige, tut euch selbst den Gefallen und lest eure „heiligen Texte“ im Original samt zugehörigem Kontext!
Möglicherweise werdet ihr an der einen oder anderen Stelle vor Intoleranz und apokalyptischem Furor aus dem Schlucken nicht mehr herauskommen (für Anfänger eignet sich z.B. diese Website „hervorragend“ dazu, den christlichen Glauben betreffend).

Was den Islam betrifft, so ist zugegeben die Auswahl potenter Quellen erheblich kleiner. Aber es tut sich etwas auf dem deutschen Büchermarkt. Und an dieser Stelle kann man dem ägyptischstämmigen Politologen Hamed Abdel-Samed wohl nicht genug danken für sein ungeheures Verdienst im Sinne einer innerislamischen Aufklärung! Mag sein, dass er das eine oder andere Mal etwas dick aufträgt (insbesondere was die leichtfertige Anwendung des Faschismusbegriffs auf den Islam betrifft).
Aber nachdem ich soeben sein aktuelles Werk Mohamed. Eine Abrechnung gelesen habe, ziehe ich wirklich den Hut vor diesem Mann!

Der Autor belegt darin anhand gängiger islamischer Quellen, dass Mohammed entgegen der Verleugnungs-Propaganda diverser Islamophiler (Muslime wie Nicht-Muslime) insbesondere in seiner Zeit als Religionsführer und Kriegsherr in Medina (also ab spätestens 624 n.u.Z.) ein intolerantes Regime mafiaähnlicher Struktur aufgezogen hat, an dem sich die Mörderbanden des „Islamischen Staates“ nicht zu Unrecht orientieren! So müssen wir wohl davon ausgehen, dass er mindestens eine weibliche Kriegsgefangene vergewaltigte, nachdem er zuvor ihren Ehemann sowie ihren Bruder ermordet hatte, um sie erst nach dem sexuellen Schändung zu heiraten (die Rede ist von Mohammeds jüdischer Frau Safiyya). Oder die Enthauptung aller männlicher Mitglieder des jüdischen Stammes der Banu Quraiza – wohlgemerkt als reaktion auf die vermeintlichen Verschwörungspläne von maximal einigen wenigen Mitgliedern dieses Clans! (Die Beispiele ließen sich noch eine geräumige Weile fortsetzen…)

Mit anderen Worten: Hier wird Religion von den Islamisten nicht missbraucht, sondern (als eine von mehreren Lesarten) in zwangsneurotischer Weise ausgelebt! Abdel-Samad schreibt:

„Fundamentalismus und Intoleranz sind nicht eine Folge der Fehlinterpretation der Texte, sondern eine Folge ihrer Überhöhung. Die Reform des Denkens beginnt, wenn Muslime es wagen, Mohamed aus dem Käfig der Unantastbarkeit zu entlassen und ihn Mensch werden zu lassen.“
(Abdel-Samad: Mohamed. Eine Abrechnung. München 2015, S. 218f.)

Von alldem lassen die sauberen „Investigativ“-Journalisten des SPIEGEL natürlich nichts verlauten. Aber daran hat man sich ja leider fast schon gewöhnt im Appeasement-Deutschland des Jahres 2016! (Eine kleine Auswahl weiterer Medien, die durch ihre verzerrte Berichterstattung die Sache der Islamisten betreiben, findet sich hier.

Und da die Bluttaten von Brüssel beileibe nicht die letzten Anschläge der ach so missbrauchten „Religion des Friedens“ in diesem Jahr gewesen sein werden, dürfte die nächste Gelegenheit zur Beschäftigung mit diesem leidigen Thema nicht lange auf sich warten lassen. In diesem Sinn: „Hasta la vista, Salafaschista!“

Flüchtlingssterben und kein Ende – gegen die Ignoranz unserer Zeit

Februar 29, 2016

Wäre das „Zentrum für politische Schönheit“ eine Partei – meine Stimme bei der nächsten Wahl wäre ihr gewiss! Und wenn Sie sich an dieser Stelle verwundert fragen: „Wovon ist jetzt schon wieder die Rede?“, dann sei an dieser Stelle auf eine der letzten medienwirksamen Aktionen dieser Politaktivisten, die Beerdigung von im Mittelmeer dank der tödlichen EU-Außengrenzen zu Tode gekommener Flüchtlinge im Juni 2015 vor dem Reichstag in Berlin, verwiesen. Von Kritikern als selbstbezogene Inszenierung geschmäht, von Befürwortern als überfälliges Rühren in der Wunde europäischer Kaltherzigkeit gefeiert.
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Jedenfalls gelingt es dem Kopf dieses Künstlerensembles, Philipp Ruch, in seinem als „politisches Manifest“ titulierten Werk „Wenn nicht wir, wer dann?“, in eigenwillig pathetisch-aufrüttelnder Weise, uns die Monstrosität des Status Quo in der Ägäis vor Augen zu führen, auch wenn die kalten Apologeten der Macht im Berliner Kanzleramt darüber nicht mit der Wimper zucken dürften.
Somit sei der Beitrag des Monats Februar 2016 all den Opfern des Friedensnobelpreisträgers Europäische Union (welch eine groteske Realsatire!) gewidmet, für deren Würde Philipp Ruch mit seinem mit viel Herzblut abgefassten Weckruf schonungslos und kampfeslustig streitet:

„Der Mann, der vielleicht eine Art Seismograph des humanistischen Gewissens und Handelns in Deutschland ist, Rupert Neudeck, beobachtete und erkannte die dramatische Lage auf dem Mittelmeer bereits 2004. Mit seiner korrekten Einschätzung der politischen Lage kam er aber nicht an gegen das Dehydrieren, das Ertrinken, das Überfahrenwerden Hunderttausender Menschen, die sich eigentlich voller Hoffnung in ein neues Leben aufmachen. Inzwischen hält das Massensterben auf dem Mittelmeer schon über ein Jahrzehnt an. […]
Aber wo bleiben die Menschenrechtler, die gegen die militärische Grenzabschottung protestieren? Humanität heißt, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um Menschen nicht sterben zu lassen, alle politisch verfügbaren Ressourcen zu mobilisieren, um Menschenleben zu retten. Denn dafür sind sie letztlich da, die deutsche Marine, die Außenpolitik, der Menschenrechtsausschuss des Bundestages, die großen Menschenrechtsorganisationen. […]
Das Blumenmeer nach dem Tod von Lady Di oder Michael Jackson, die Massenaufläufe bei königlichen Hochzeiten, mit Liveübertragungen auf allen Kanälen, der mediale Crash vor einer Klinik, in der Michael Schumacher liegt – diese medialen Ikonen unserer modernen Anteilnahme sind die passenden Kontrastfolien zur Teilnahmslosigkeit gegenüber den Mittelmeertoten. Die Bilder der Särge passen so gar nicht zu dem Bild, das wir von uns selbst haben. Sie verkörpern das Kollabieren unseres Anspruchs auf moralischen Fortschritt. […]
Wurden wir schon einmal in Gruppen zusammengetrieben? Hatten wir schon einmal Angst, an Ort und Stelle vergewaltigt zu werden? Haben wir schon einmal unsere eigene Vernichtung gefürchtet?
Das größte Infrastrukturprojekt unserer Zeit ist eine gigantische Schallmauer um Europa herum. Dieser Schallschutz ist mentaler Art und schützt uns davor, die Hilfeschreie weiter hören zu müssen.
Wir wollen nicht zum Ort der Schreie und Leiden dieser Welt werden. Wir wollen selbst noch etwas zum Schreien und Leiden haben. Waren wir schon einmal vollkommen rechtlos? Hat schon einmal
jemand auf uns geschossen? Ist unsere Mutter schon einmal beinahe verhungert, weil sie uns durchfüttern wollte? Glaubten wir schon einmal, der Tod wäre die Erlösung? Dass Millionen Menschen auf ihren Sofas dahinschlummern, in Gedanken vielleicht bei nichts anderem als ihrer Reisekrankenversicherung, während die Fernsehnachrichten ihnen in drastischen Bildern zeigen, welches Inferno5 sich in Syrien abspielt, macht uns zu einer Zivilisation mit hässlichen Zügen. Ich will in so einem Land eigentlich nicht leben. […]“

Quelle: Philipp Ruch: Wenn nicht wir, wer dann? Ein politisches Manifest. München 2015, S. 7 -10.

„Im Koran steht: ‚Wer einen Menschen tötet, tötet die ganze Menschheit!'“ – Religion als positives Vorurteil

Januar 30, 2016

Vor Kurzem zeigte ich einem meiner Ethikkurse, diesmal einer Klasse Industriekaufleute, die ARD-Dokumentation Im Netz der Salafisten. In der anschließenden Diskussion herrschte schnell Einigkeit, dass der Islam von diesen Verklärern der „Altvorderen“ (arab. as salaf-as salih), d.h. der ersten drei Generationen der Prophetennachfolger, missbraucht werde, schließlich verbiete der Koran das Töten von Menschen. Eine Meinung, die man hierzulande anscheinend mit der Muttermilch aufzunehmen scheint, geht es doch vielfach darum, Religion generell (oder zumindest den Islam speziell) als Hort des Friedens darzustellen, den es vor Missbrauch aus den eigenen Reihen zu schützen gelte.

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Ich allerdings halte diese Einstellung für hochgradig gefährlich!

Wer sich nur ein wenig mit den Inhalten des Korans beschäftigt, merkt i.d. Regel schnell, dass es sich um einen Steinbruch für Freiheitsfeinde und religiöse Fanatiker handelt! (Ja, für die Bibel gilt dies in ähnlicher Weise, wenngleich das jesuanische Gebot der Feindesliebe (Matthäus 5, 44) es ein wenig verkompliziert.)

Die Basis derartigen Appeasements besteht in Sure 5,32, in der es heißt: „Wer ein menschliches Wesen tötet, ohne (dass es) einen Mord (begangen) oder auf der Erde Unheil gestiftet (hat), so ist es, als ob er alle Menschen getötet hätte.“
Der islamkritische Politikwissenschaftler und Ex-Muslimbruder
Hamed Abdel-Samad
schreibt dazu anlässlich des „Charlie-Hebdo“-Attentats vom 7. Januar 2015 in Paris:

„Kaum ein anderer Vers wird aber aus seinem Zusammenhang gerissen wie dieser eigentlich halbe Vers, denn:
1. handelt es sich hier nicht um ein islamisches Gebot sondern um die Wiedergabe eines jüdischen Gebots, und wird gerne von liberalen Muslimen bewusst am Anfang ausgeschnitten.
Der Vers beginnt nämlich mit den Worten: ‚Aus diesem Grunde haben Wir den Kindern Israels vorgeschrieben: Wer einen Menschen tötet….‘
2. Kommt der darauffolgende Vers mit der tatsächlichen islamischen Botschaft und Regelung des Tötens:
‚Der Lohn derer, die sich Allah und Seinem Gesandten wiedersetzen und Unheil im Lande zu erregen trachten, soll sein, dass sie getötet oder gekreuzigt werden oder dass ihnen Hände und Füße wechselweise abgeschlagen werden oder dass sie aus dem Lande vertrieben werden. Das wird für sie eine Schmach in dieser Welt sein, und im Jenseits wird ihnen eine schwere Strafe zuteil‘. Fast alle islamischen Kommentatoren sind sich einig, Apostaten, Blasphemiker und Beleidiger des Islam und diejenigen, die Muslime daran hindern, die Botschaft Allahs in die Welt zu tragen seien in diesem Vers gemeint. Auch alle Rechtsschulen verwenden den Vers als Beleg für die Tötung von Abtrünnigen.“

Der religionskritische Philosoph Michael Schmidt-Salomon betont, die „Ungläubigen“ erwarte „laut Koran nicht bloß das ‚ewige Feuer‘, sie werden in der ‚Hölle‘ mit ‚Eiterfluss‘ und ‚Jauche‘ getränkt (Suren 14,16 und 78,25), erhalten einen ‚Trunk aus siedendem Wasser‘ (Sure 6,70), der ihnen die ‚Eingeweide zerreißt‘ (Sure 47,15), werden mit ‚eisernen Keulen‘ geschlagen (Sure 22,21), müssen Kleidungsstücke aus flüssigem Kupfer und Teer tragen (Sure 22,19) und vieles andere mehr. Immer wieder wird im Koran betont, wie sehr Allah ‚die Ungläubigen‘ hasst – sie gelten ihm gar als die ’schlimmsten Tiere‘ (Sure 8,55) – und dass es für den gläubigen Muslim eine heilige Pflicht sei, den Zorn Gottes an ihnen zu vollstrecken (Suren 8,15-16). Eine gute Grundlage für den respektvollen Umgang mit Andersdenkenden ist dies sicherlich nicht.“

Auch hinsichtlich einer seit der Silvesternacht sehr emotional geführten Debatte werden in den letzten Wochen (sogar aus Kreisen der Islamwissenschaft) Stimmen laut, die keine oder höchstens marginale Zusammenhänge zwischen den sexuellen Belästigern von Köln und deren religiöser Sozialisation erkennen wollen. Beispielhaft genannt sei hier das Interview mit der Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus für das ARD-Politikmagazin „Kontraste“.
Darin behauptet diese u.a., weil viele der Täter von Köln im alkoholisierten Zustand fremde Frauen belästigt hätten, könne man die Taten nicht auf deren religiösen Hintergrund zurückführen, was man z.B. bei serbischen Vergewaltigern während des Bosnienkriegs in Bezug auf deren christlichen Hintergrund zu Recht auch nicht getan habe.
Mich erinnert diese Argumentation ein wenig daran, als würde jemand, der ansonsten die Kerndogmen des Christentums vertritt, automatisch kein Christ mehr sein können, wenn er auch nur ein einziges Mal gegen eines der Zehn Gebote (z.B. „Du sollst kein falsch Zeugnis reden“, sprich: nicht lügen: achtes Gebot) verstoßen hat.
Natürlich wäre es falsch, ausschließlich die Religion des Islam als ursächlich für die sexuellen Übergriffe heranzuziehen! Jedoch eine Mitschuld ebendieser Religion gänzlich zu leugnen, erscheint mir in hohem Maße als zumindest naiv. Wer sich mit den sozialen Gegebenheiten in weiten Teilen der muslimischen Welt auseinandergesetzt hat, kommt doch über die Tatsache nicht hinweg, dass der dort kultivierte Jungfrauenwahn, in unheilvoller Kombination mit archaischen „Ehr“-Vorstellungen (welche oft genug auf die sexuelle Keuschheit der Frau vor der Ehe abzielen) und der praktizierten Geschlechterapartheid zu Millionen persönlicher Tragödien nicht gelebter bzw. schadhaft gelebter Sexualität führen!

Aus diesem Grund halte ich wenig von Spielhaus & Co., erinnern sie mich doch an die Überschrift des zweiten Kapitels aus Alexander Kisslers sehr empfehlenswertem Buch „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“. Sie lautet „‚Das hat nichts mit dem Islam zu tun‘: Die Brigade mit den Beruhigungspillen rückt aus“.

Alternativ zu den vielfachen Islam-Appeasement-Versuchen stehen bezüglich der Kölner Sex-Übergriffe folgende Kommentare:

Ahmad Mansour: „Übrig bleibt das Macho-Gehabe“
sowie

Hamed Abdel-Samad: „Das hat auch mit dem Islam zu tun“
.

Und weil man es hierzulande anscheinend auch immer wieder betonen muss: Nein, trotz meiner islamkritischen Haltung bin ich keineswegs PEGIDA- oder AfD-Sympathisant! Dies hieße, den Teufel mit dem Beelzebub austreiben zu wollen…

„Kein Alkohol ist auch keine Lösung!“ – Religionsverzicht als Allheilmittel?

Dezember 21, 2015

Neulich diskutierte mein 13er-Ethik-Kurs über „Wege zum Frieden“: Die Schüler hatten die Aufgabe, mithilfe eines Schreibgesprächs sich der Frage zu widmen, auf welchem Wege eine friedliche Welt zu erreichen sei. Dabei kristallisierte sich eine nicht ganz kleine Gruppe an Diskutanten heraus, die die Meinung vertraten, alle Religionen der Erde sollten zu diesem Zweck abgeschafft werden. Ein Kursmitglied wollte den Menschen gar eine staatliche Einheitsreligion verordnen…

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Nun, so weit würde ich trotz meiner religionskritischen Grundhaltung sicher auf keinen Fall gehen! Allerdings bin ich schon der Meinung, dass besagte Schüler mit ihrer Aussage eine Hauptquelle des Unfriedens unserer Zeit ausgemacht hatten – ohne dass explizit die Sprache auf den Islam bzw. Islamismus gelenkt wurde. (Den innerislamischen Intoleranz- und Gewaltfaktoren werde ich sicher im kommenden Jahr einen ausführlichen Blogeintrag widmen.)
An dieser Stelle nur so viel: Was wir anno 2016ff. brauchen, ist neben einem beherzten (aber im Gegensatz zum aktuellen Vorgehen der Bundesregierung in Syrien langfristig durchdachten) militärischen Vorgehen gegen die dschihadistischen Halsabschneiderbanden (als symptombekämpfende Notfallmaßnahme) vor allem die „geistige Schlacht“ aller Kräfte der Aufklärung gegen die barbarischen Mächte (nicht nur) des islamischen Mittelalters mit ihrem
Jungfrauenwahn
, Machogehabe und ihrer kritikverteufelnden Herrenmenschenreligiosität.
Erst wenn die Strenggläubigen (zu denen beileibe nicht nur gewaltbereite Dschihadisten, sondern i.d. Regel die gewöhnlichen orthodoxen Mainstream-Muslime zählen) ihr wahnhaftes Stockholm-Syndrom als solches erkennen und ablegen, indem sie das verhängnisvolle, im Laufe der Evolutionsgeschichte perfektionierte Ingroup-Outgroup-Denken (die religiöse Version des alten Sandkasten-Mantras „Mein Papa ist der stärkste!“) überwinden, haben wir auf absehbare Zeit den Hauch einer Chance auf eine friedliche Gesellschaft, die diesen Namen wirklich verdient!
Jegliches Appeasement gegenüber den Feinden der Toleranz ist genau der falsche Weg – der Weg in den Abgrund der Barbarei!

In diesem Sinne wünsche ich allen Blogleserinnen und -lesern erholsame Feiertage und einen guten Start für 2016!

„Unser täglich Apokalypse gib uns heute!“

November 29, 2015

Zum Thema „Apokalypse-Erwartung aufgrund aktueller Nachrichten-Wahrnehmung“ habe ich mich ja bereits im Oktober letzten Jahres kurz zu Wort gemeldet („Streik der apokalyptischen Reiter“).
Die momentane Terrorberichterstattung und -wahrnehmung veranlasst mich, erneut einen Beitrag hierzu zu posten:

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Vorab: Ich weiß, dass nach den Anschlägen von Paris (wie bereits nach 9/11 oder dem Super-GAU von Fukushima) wieder einige Menschen aus fundamentalistisch-apokalyptischen Glaubensgemeinschaften an dem eigentlich bereits gefassten Entschluss des Austritts (oder zumindest der inneren Abnabelung) gegenüber ihrem Endzeitverein zweifeln werden. Könnten die brutalen Taten des „Islamischen Staates“ und anderer Terrormilizen nicht doch Vorboten des „Antichristen“, des „Tieres“ aus der Johannes-Apokalypse sein?
Dann stellt sich mir jedoch die Frage, warum man das vermeintlich nahende Endzeit-Finale nicht viel eher im Zusammenhang mit einem der hier aufgelisteten Ereignisse der Vergangenheit hätte proklamieren können:
1. die Zweite Marcellusflut (1362), die sog. „Grote Mandrenke“, in deren Folge sich Teile der Nordfriesischen Inseln vom Festland abspalteten (was noch kein noch so großer Mega-Orkan der letzten Jahre weltweit irgendwo bewerkstelligt hat),
2. der Dreißigjährige Krieg (1618 – 48), der Europa (wie zuvor bereits die Pest) zu ca. einem Drittel entvölkerte,
3. der Erste und Zweite Weltkrieg, beide Ursache von zig Millionen Opfern an Soldaten und Zivilisten.

Natürlich liegt es mir fern, die Gefahr des islamistischen Terrors herunterzuspielen. Die Toten von Paris werden nicht die letzten innerhalb Europas gewesen sein, irgendwann wird es auch hierzulande richtig knallen, sei es in oder vor einem Fußballstadion, auf einem Weihnachtsmarkt oder „einfach nur “ auf einer belebten Einkaufsmeile.
Ich sehe allerdings keinen Grund, hier ins apokalyptische Geraune einzustimmen – weder in dasjenige der Endzeitgläubigen à la NAK, Zeugen Jehovas, Adventisten etc., noch in dasjenige der Medien, die seit Jahren mit der Angst vieler Menschen und der Jagd nach Auflage bzw. Quote ihr perverses Spielchen spielen (Stichworte: „Klimakatastrophe“, Umweltängste vor Grüner Gentechnik, Pestiziden etc., Terrorangst und und und).

Allen Kulturpessimisten sei daher an dieser Stelle wärmstens das Buch Anleitung zum Zukunftsoptimismus des deutschen Zukunftsforschers Matthias Horx empfohlen, aus dem ich hier zitieren möchte:

„Der britische Systemmathematiker und ‚Katastrophist‘ Gordon Woo hat […] ein mathematisches Modell erarbeitet, mit dem sich die Wahrscheinlichkeit von Terrorattentaten berechnen lässt. So entsteht eine ‚Wahrscheinlichkeitskurve der Terrorevents‘. Und in dieser Kurve sieht es nicht unbedingt nach einem eins zu null für den Terrorismus aus. Zwar werden kleine und mittlere Attentate immer wahrscheinlicher. Aber gleichzeitig sind sie für die terroristische Bewegung zunehmend uninteressanter. Die Chance für spektakuläre Großattentate sinkt tendenziell, auch wenn sich die Zahl der Attentäter derzeit noch erhöht. Sogar eine Fußballweltmeisterschaft [gemeint ist das „Sommermärchen“ 2006] mit ihren gewaltigen ‚Weichteilen‘ war für den Terror nicht zu knacken.“ (2. Auflage 2009, S. 187)

Ich weiß, ich weiß: Diese Zeilen wurden vor der Entstehung der „Bestie Islamischer Staat“ zu Papier gebracht. Aber allein die Tatsache, dass die Medienberichterstattung seit dem 13. November in Endlosschleife mit Beiträgen über den islamistischen Terrorkomplex aufwartete, verzerrt unsere Wahrnehmung des Phänomens. Ganz nüchtern überlegt: Im Jahr 2014 wurden 3368 Menschen in Deutschland Opfer des Straßenverkehrs. Welch einen Bruchteil ihrer Artikel bzw. Sendezeit widmeten unsere Medien dieser traurigen Tatsache, verglichen mit dem Hype um die 130 Ermordeten von Paris?
In diesem Sinne: Stehen Sie, liebe Leserinnen und Leser weiter mutig ein für unsere freiheitlichen Werte, und genießen Sie auch weiterhin den Bummel über den Weihnachtsmarkt in Ihrer Nähe… Ich wünsche Ihnen eine frohe Advents- und Vorweihnachtszeit!

Paris, 13.11.2015

November 15, 2015

Don´t Pray For Paris

Evolutionsbiologie – die Königsdisziplin der Religionskritik

Oktober 30, 2015

Je länger ich mich als Ethiklehrer mit der Evolutionsbiologie (Pflichtthema in Jahrgang 12 der Gymnasialen Oberstufe in Hessen) und ihren weltanschaulichen Implikationen beschäftige, desto klarer wird mir, dass gerade darin der „Fels des Atheismus“ (Georg Büchner) besteht.
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Doch leider scheint sich das evolutionsbezogene Halbwissen vieler Mitmenschen im Glauben zu erschöpfen, der Mensch „stamme vom Affen ab“ (wobei es korrekt heißen müsste, dass der Mensch und andere Primaten gemeinsame Vorfahren haben) und dies stehe irgendwie im Zusammenhang mit dem Prinzip des „Survival of the fittest“ (oft missverstanden als „Überleben der Stärksten“).

In Kurzform geht die Evolutionsbiologie (die den wissenschaftlichen Stand eines Charles Darwin (1809 – 1882) längst hinter sich gelassen hat, diesen jedoch mehr und mehr in wesentlichen Punkten bestätigen konnte) von folgenden, empirisch sehr gut untermauerten Annahmen aus:
1. Alle Lebewesen haben gemeinsame Vorfahren, sind also untereinander verwandt.

2. Lebewesen tendieren dazu, mehr Nachwuchs in die Welt zu setzen, als dieser langfristig überlebensfähig wäre. Innerhalb einer Art verfügt jedes Lebewesen zudem über etwas anders ausgestattete genetische Eigenschaften (zum Teil ausgedrückt in unterschiedlichem Aussehen, dem Phänotyp). Bei der Fortpflanzung gehen jeweils mütterliche und väterliche Gen-Anteile in neuer „Mischung“ auf den Nachwuchs über (Rekombination). Bei diesem Vorgang kann es durch Ablesefehler der DNA/RNA zu zufälligen Änderungen des Erbgutes der Keimbahn (= der Geschlechtschromosomen) (oder auch durch radioaktive Strahlenbelastung, Kontakt mit bestimmten chemischen Substanzen etc.), den sog. Mutationen kommen. Diese wirken sich zumeist neutral auf die Überlebensbedingungen des Individuum aus. In wenigen Fällen kann eine solche Mutation jedoch auch zufällig zu einem Überlebensvorteil führen – hier wird klassischerweise häufig die weiße Farbe des Fells angeführt, welche einem Hasen in verschneiter Umgebung viel größere Überlebenschancen vor seinen Fressfeinden bietet als dies bei einem Hasen mit braunem Fell der Fall wäre. Daher wird der Hase mit weißem Fell mit höherer Wahrscheinlichkeit auch mehr Nachkommen zeugen als der braune und seine genetischen Eigenschaften somit weitergeben (natürliche Selektion).
Dieser Mechanismus kann in Extremfällen (und i.d. Regel mithilfe räumlicher Isolation) sogar im Laufe vieler Hunderttausender oder Millionen von Jahren dazu führen, dass aus einer Art mehrere Arten werden, also Populationen, die nicht mehr in der Lage sind, untereinander Nachkommen zu zeugen.

3. Allein diese Mechanismen erklären die Artenvielfalt im Reich der Organismen, so dass hierfür kein Schöpfungsakt eines Gottes angenommen werden muss, wie ihn zahlreiche Religionen postulieren. Im Gegenteil, die wirkmächtige Rolle des Zufalls erscheint offensichtlich als derart dominant, dass ein planvolles göttliches Eingreifen quasi ad absurdum geführt wird.
Somit wird der Mensch seiner Herkunft nach als Mitglied des Tierreichs „geerdet“ und verliert seinen zuvor selbstherrlich durch die Religionen angenommenen Status als „Krone der Schöpfung“.

In diesem Zusammenhang sei der Evolutionsbiologe Thomas Junker zitiert:
„Zum anderen machte Darwin darauf aufmerksam, dass die Natur nicht so aussieht, als sei sie von einem allmächtigen und gütigen Gott erschaffen worden: ‚Es scheint mir zuviel Elend in der Welt zu geben. Ich kann mich nicht überzeugen, dass ein wohlwollender und allmächtiger Gott absichtlich die Schlupfwespen erschaffen haben würde, mit der ausdrücklichen Absicht ihrer Fütterung in den lebenden Körpern von Raupen‘ […].
Für das Christentum sind Tod und Leiden Folge des Sündenfalls. Dieses Argument lässt sich aber nur einigermaßen glaubhaft vertreten, wenn Menschen und andere Organismen mehr oder weniger gleichzeitig entstanden sind. Die Evolutionsbiologie behauptet hingegen, dass es den Tod schon bei den ersten Lebewesen vor vier Milliarden Jahren, Schmerzen und Leiden schon bei den frühen vielzelligen Tieren vor mehr als 600 Millionen Jahren gab. Da Menschen aber erst seit zwei Millionen Jahren existieren, können sie schlecht für den Tod und das Leiden in den unermesslichen Zeiten vor ihrer Entstehung verantwortlich gemacht werden. Und so hat die Evolutionsbiologie das Theodizee-Problem (die Rechtfertigung Gottes in Anbetracht der Übel und Unvollkommenheiten der Welt) verschärft, indem sie der traditionellen religiösen Antwort die Grundlage entzog.“

Thomas Junker: Die 101 wichtigsten Fragen – Evolution. München 2011, S. 122f.

Gerne führe ich an dieser Stelle auch erneut Michael Schmidt-Salomons geniale Widerlegung der religiösen Seelenlehre an:
„Stellen Sie sich vor, Sie reichen Ihrer Mutter die linke Hand, die wiederum ihrer eigenen Mutter die linke Hand gibt, die das Gleiche bei ihrer Mutter macht und so weiter und so fort. […] Gehen wir nun davon aus, dass jedes Individuum in dieser Kette genau einen Meter Platz für sich beansprucht und der durchschnittliche Abstand zwischen den Generationen 20 Jahre beträgt: Wie lange müssten Sie wohl die Reihe Ihrer Ur-Ur…-Großmütter entlanggehen, um auf jene bemerkenswerte Dame zu stoßen (nennen wir sie ‘Oma Chimpman’), die zugleich auch die Ur-Ur…-Großmutter der heutigen Schimpansen ist? Die Antwort ist verblüffend: Es sind bloß rund 300 Kilometer – etwa die Entfernung von München nach Würzburg oder von Hamburg nach Berlin. […]
Irgendwer oder irgendwas soll irgendwann (man weiß nicht wie, man weiß nicht, warum) eine ‘unsterbliche Seele’, einen ‘autonomen Geist’, einen ‘freien Willen’ in eine dieser affenartigen Lebensformen eingehaucht haben. […] [S]osehr Sie sich auch bemühen, Sie werden in Ihrer Abstammungsreihe keine plötzlichen Veränderungen finden, keinen Moment, in dem aus einem unbeseelten Wesen ein beseeltes würde. […] Kurzum: Sie werden auf Ihrem langen Marsch entlang Ihrer Abstammungslinie exakt das feststellen, was Evolutionsbiologen seit Langem darlegen, nämlich: dass die Natur keine Sprünge macht. (Diese Erfahrung würden Sie selbstverständlich auch machen, wenn Sie die Kette Ihrer Ahnen noch ein gutes Stück weiter gehen würden, um schließlich auch noch auf Mama Reptil, Großmama Lurch und Urgroßmutter Fisch zu treffen, aber wir wollen das Gedankenspiel hier nicht überstrapazieren.)“


Michael Schmidt-Salomon: Hoffnung Mensch. Eine bessere Welt ist möglich. München 2014, S. 56f. [der gebundenen Ausgabe]

Refugees welcome! Religious fundamentalism not welcome!

September 30, 2015

Eigentlich bin ich es leid, immer wieder auf Selbstverständlichkeiten hinzuweisen, die in eine niveauvolle gesellschaftliche Debatte längst als solche eingeflossen sein sollten: Ja, natürlich sind Flüchtlinge hier willkommen, die daheim alles aufgeben mussten, um den Bomben Assads oder den Gewehrläufen der Islamfaschisten des IS zu entkommen! Das ist doch derart trivial, dass es eigentlich eine reine Zeitverschwendung darstellt, extra noch darauf hinzuweisen!
Aber vor allem ist es endlich an der Zeit, über den platten Aktionismus der Politik (Merkels „Wir schaffen das!“) hinaus weiterzudenken: Die meisten der Hunderttausenden, die in den letzten Wochen und Monaten in unserem Land eine vermutlich dauerhafte Bleibe gefunden haben, sind nun einmal muslimischen Glaubens. Und je nachdem, wie streng oder weniger streng dieser Glaube durch den einzelnen Flüchtling gelebt wird, bleibt es sicher nicht aus, dass sich Probleme im gesellschaftlichen Zusammenleben ergeben (werden).
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Von daher sollten kritische Stimmen wie die eines Wolfgang Kubicki sehr sehr ernst genommen werden, wenn er von Fällen der Zwangsprostitution und Vergewaltigung in einer Gießener Flüchtlingsunterkunft berichtet.

Natürlich müsste hier wie auch sonst erst einmal der Zusammenhang zwischen dem muslimischen Glauben der Täter und der jeweiligen Tat erwiesen werden (so vorhanden). Diese Verbindung war zweifelsohne beim Fall versuchter Lynchjustiz von Suhl gegeben, welche durch aufgebrachte Hardcore-Muslime in einer Flüchtlingsunterkunft ausgelöst wurde, nachdem ein zum Christentum konvertierter Ex-Muslim Seiten eines Korans in der Toilette hinuntergespült hatte.

Aus diesem Grund sei auf einen weiteren Artikel verwiesen, diesmal aus der Feder des ex-muslimischen Islamkritikers Hamad Abdel-Samad:
„Den neu Zugewanderten muss schon bei ihrer Ankunft klargemacht werden, wie eine offene, demokratische Gesellschaft funktioniert. Ihnen muss erklärt werden, dass Religionsfreiheit Teil des großen Konzepts der Freiheit ist, das jedem das Recht gibt, einer Religion anzugehören oder eine zu verlassen; das Recht, zu sagen und zu schreiben, was man will, solange man nicht zu Gewalt oder anderen Straftaten aufruft. […]
Freiheit bedeutet, Männer und Frauen sind gleichberechtigt, die Frau darf schwimmen, darf lieben und heiraten, wen sie will. Zur Freiheit gehört auch die Tatsache, dass niemand gegen Kritik oder Satire immun ist, ob Jesus oder Mohamed, ob Papst oder Kanzlerin. Das sind die Prinzipien, die Europa zu dem machten, was es ist, ein Europa, in das Millionen von Muslimen jetzt fliehen, um ein besseres Leben zu führen, statt nach Saudi-Arabien zu flüchten, wo die Prinzipien des Islam geboren wurden und per Gesetz implementiert werden.“

(Zu gegebener Zeit werde ich hier über Abdel-Samads neu erschienenes Buch „Mohamed. Eine Abrechnung“ schreiben.)

Endzeitglaube als Verschwörungstheorie

August 31, 2015

Manchmal kann es ganz aufschlussreich sein, die eigene (ehemalige) apokalyptisch ausgerichtete Religionsgemeinschaft mit ähnlich orientierten Denominationen zu vergleichen. Passiert ohnehin viel zu selten, dass Mitglieder von Endzeit-Club X sich mit Lehre und Organisation von Endzeit-Club Y oder Z beschäftigen, was ich einfach nicht verstehen kann, aber wohl in erster Linie am Hamsterrad liegt, in welches die jeweilige Gruppierung ihre Mitglieder einspannt (und zudem am theologischen Desinteresse der meisten Gläubigen, die offensichtlich froh sind, wenn sie das rituelle Bepredigtwerden ohne größeren Schaden abgesessen haben).

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Schade eigentlich, ansonsten würde vielleicht dem einen oder anderen auffallen, wie wenig einheitlich die unterschiedlichen christlichen Endzeitgruppierungen (hier: Zeugen Jehovas und NAK) die Abfolge der konkreten apokalyptischen Ereignisse anordnen.

(Zur willkürlichen In-eins-Setzung des „Ersten-Auferstehungs“-Terminus aus Offb 20,6 mit der „Entrückungs“-Passage aus 1. Kor 15, 20 und 22-24 seitens der NAK siehe den online leider auf der Autoren-Website nicht mehr verfügbaren Auszug aus Rudi Stiegelmeyrs „Die Neuapostolische Kirche – Anspruch und Wirklichkeit einer Glaubenselite – Aus Gnaden erwählt…? Band 3“, S. 555f. Weitere Artikel des theologisch brillanten Stiegelmeyr zur NAK, zur christlichen Kirche allgemein sowie zur Gesellschaftsreform siehe hier.)

Im Übrigen bestand ein Teil meiner Urlaubslektüre darin, dass ich mich den Schilderungen des ehemaligen Zeugen Jehovas Misha Anouk widmete:
„Dass Zeugen Jehovas glauben, die wahre Religion zu sein, liegt unter anderem an dir. Wenn du sie an der Haustür abweist, ist das ein Zeichen. ‚Wenn wir um der Gerechtigkeit willen Gegnerschaft und Verfolgung erdulden müssen, ist das ein Beweis, dass wir als wahre Christen in Gottergebenheit leben‘, heißt es einmal im Wachtturm. Wenn du sie hereinbittest und Interesse zeigst oder gar Zeuge Jehovas wirst: auch. Egal, was du tust, du bleibst nichts anderes als ein kleines, aber feines Glied in ihrer Indizienkette.“ (Misha Anouk: Goodbye, Jehova!, S. 53)

(Übrigens ein typisches Kennzeichen jeder Verschwörungstheorie: Jede Ablehnung/Kritik ihr gegenüber „beweist“ die vermeintliche „Wahrheit“, dass Juden, Amis, Großkonzerne etc. schon immer nur Böses im Schilde führten.)

Und die Neuapostolische Kirche? Im „Wort zum Monat“ August 2015 heißt es (ungekürztes Zitat):
„Wie kann das sein? Da geht ein Werk seiner Vollendung entgegen, das Gott selbst ins Leben gerufen hat, das er führt und leitet, in dem sein Geist die Impulse und die Richtung vorgibt, und dann stellt man allenthalben Erschwernisse und ernüchternde Entwicklungen fest: weniger Gottesdienstbesucher, kleiner werdende Gemeinden, ein schwieriger werdendes Umfeld, in dem das Evangelium und die Botschaft von der nahen Wiederkunft Christi immer weniger Resonanz finden.

Dabei, so sollte man meinen, muss die Braut Christi doch im Triumphzug ihrem Bräutigam, Jesus Christus, entgegengehen, in einem glorreichen Siegeslauf, an dessen Ende die Krone winkt?

Nimmt man die Worte von Paulus und Barnabas ernst, dann sieht die Sache ganz anders aus: „Wir müssen durch viele Bedrängnisse in das Reich Gottes eingehen.“ Kein Triumphmarsch, sondern Mühsal und Bedrängnis: Es wird schwieriger, Glauben zu behalten, es kostet mehr Kraft, treu zu bleiben. Enttäuschungen häufen sich. Man versteht vieles nicht. Man findet keine Antwort und keine Erklärung dafür, warum die Verhältnisse so sind, wie sie sind. Man sieht es im persönlichen Bereich, man sieht es in der Gemeinde und man sieht es in der Kirche insgesamt.

Warum? Weil die Kirche denselben Weg geht wie ihr Herr. Vor der Auferstehung stand das Kreuz. Aber nach der Passion, nach der Todesnacht, kam der Triumph, folgten die siegreiche Auferstehung und die Himmelfahrt. Lassen wir uns deshalb von Bedrängnissen, gleich welcher Art, nicht irritieren.“

Interessanterweise klang das vor einigen Jahren (um die Jahrtausendwende) noch ganz anders. Von Gemeindeschließungen war noch nicht (oder kaum) die Rede, mit stolz geschwellter Brust meinten die Herren NAK-Prediger, das weltweite Wachstum als sicheres Zeichen baldiger Vollendung verkaufen zu können. In einem Gottesdienst bezog der damalige Stammapostel Fehr sogar das Wort aus Jesaja 2, 2 („Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen […]“; zit. n. Luther Bibel 1984) auf die seinerzeitige Situation seiner Endzeitgemeinschaft.

(Leider war es mir trotz mehr als einstündiger Suche nicht möglich, Datum, Ort und Predigtinhalte Fehrs zu diesem Textwort online ausfindig zu machen. Dass dieser Gottesdienst aber kein Hirngespinst ist, dafür verbürge ich mich!)

Vor allem fällt am zitierten „Wort zum Monat“ (wie generell häufig an Publikationen/Predigten apokalyptisch orientierter Gemeinschaften) auf: Es wird keinerlei (und wenn, dann höchstens absolut oberflächliche) Ursachenforschung betrieben, warum denn „Evangelium und die Botschaft von der nahen Wiederkunft Christi immer weniger Resonanz finden“. In vielen Fällen mag es ja wirklich zutreffen, dass sich ein relativ unreflektierter „Gewohnheits-Atheismus“ bei den (Gott sei Dank nur schwach) indoktrinierten Endzeitgläubigen im Laufe der Zeit Bahn bricht und man mit Glaubensfragen (verständlicherweise!) erst einmal nicht weiter behelligt werden möchte. Aber vielfach betrifft es auch (Ex-)Mitglieder, die sich gerade intensiv mit ihrem (zumeist übergestülpten, da von Kindheit ansozialisierten) Glauben auseinandersetzen und aufgrund einer tragfähigen Argumentationsgrundlage zu abweichenden Ergebnissen als von der Kirchenleitung vorgegeben kommen.
Für Endzeitgläubige natürlich ein GAU, rechnen sie doch (idealerweise) täglich mit dem Anbrechen von „Harmageddon“ (Zeugen Jehovas) bzw. der Wiederkunft Christi und der unmittelbar darauffolgenden „großen Drangsal“ (NAK, Siebenten-Tags-Adventisten, zahlreiche Evangelikale und Pfingstler). Aber die Psychodynamik apokalpytischer Gläubiger ist dann doch ein ganz eigenes, separat abzuhandelndes Thema, dem ich mich sicher auch noch annehmen werde, „so der Herr bis dahin nicht gekommen ist“ 😉

„Unser täglich Bio gib uns heute!“ – Ökologismus als Religionsersatz

Juli 23, 2015

Endlich komme ich dazu, mich einem Thema zu widmen, das mir schon lange am Herzen liegt und seit meinem Engagement bei der Bremer Ortsgruppe der Umweltorganisation Greenpeace (2001 – 2005) darauf drängt, nach außen getragen zu werden.
Ich widmete mich also als (nicht mehr ganz so junger) Student von Ende zwanzig mit dem Schutz unserer Umwelt einer Aufgabe, die für mich – seitdem ich nicht mehr aktiv in der Neuapostolischen Kirche tätig war – zunehmend an persönlicher Relevanz gewonnen hatte:

karikatur Ausgelöst durch meine Abscheu gegenüber den französischen Atombombentests vor dem Pazifikatoll Moruroa 1995 war ich zunächst Fördermitglied, sechs Jahre später dann aktives Mitglied geworden. Nein, ich habe nicht Kopf und Kragen in waghalsigen Schlauchboot- oder Kletteraktionen riskiert, dafür hätte es selbstverständlich eines eingehenden Trainings bedurft, auf das ich nicht sehr erpicht war. Dennoch war mir sehr daran gelegen, als „stinknormaler“ kleiner Greenpeacer die Belange der „Regenbogenkrieger“ anlässlich von Infoständen, Messen und ähnlichen Aktionen zu vertreten.
Ein für mich damals neues Thema stellte die sog. Grüne Gentechnik dar, also der Einsatz von gentechnisch veränderten Pflanzen zum Zwecke der Herbizidtoleranz („RoundupReady“-Soja) oder der Abwehr von Fraßfeinden per gentechnisch eingeschleustem pflanzeneigenem Insektizid (hauptsächlich in Mais als sog. Bt-Mais).
Wie zu allen weiteren Umweltthemen hatte Greenpeace auch hier eine klare Position: Nein, nein und nochmals nein! Die Grüne Gentechnik führe nur zur Ausbildung von Superunkräutern, Antibiotika-Resistenzen und möglicherweise noch viel schlimmeren Folgen, wer wusste das schon so genau? An einen Beitrag im Kampf gegen den Welthunger durfte nicht einmal im Traum gedacht werden! Der gentechnisch veränderte sog. Goldene Reis (bis heute von fanatischen „Umwelt“-Organisationen immer wieder im Anbau verzögert!) hatte als Trojanisches Pferd der bösen Agrarindustrie verteufelt zu werden! War doch die Technik eine sog. „Risikotechnologie“ und von daher viel zu unerforscht, ergo zum Einsatz im Rahmen menschlicher Lebensmittelerzeugung rundum abzulehnen!

Doch neugierig wie ich nun einmal war (und heute noch bin), waren mir die Greenpeace-Verlautbarungen zum Thema nicht genug, so dass ich mich im Internet und vor allem mittels der Zeitschrift „NOVO“ (heute: „NovoArgumente“), die ich damals gerade kennengelernt hatte, eingehender mit dem Thema zu beschäftigen begann.
Und oh Wunder: Es offenbarte sich mir eine gänzlich andere Sichtweise auf die Grüne Gentechnik! So erfuhr ich z.B., dass gentechnisch veränderter Mais sehr viel seltener Schimmelpilzgifte ausbildete als herkömmlicher oder dass der Goldene Reis durch weitere Forschung deutlich mehr Beta Carotin enthalten würde als der Prototyp und zudem Kleinbauern in den Entwicklungsländern kostenlos zur Verfügung gestellt werden sollte.

Vor allem aber lernte ich, mir ein differenziertes Urteil zu bilden, anstatt kritiklos die von Greenpeace vorgegebenen Parolen nachzuplappern. Mochte es durchaus bedenkliche Praktiken z.B. durch den Gentechnik-Multi Monsanto geben, so war dies doch lange kein Grund dafür, die komplette Technik in Bausch und Bogen zu bekämpfen – zumal in einigen Entwicklungsländern staatliche Forschungsprogramme z.B. an Vitamin-A-angereicherte Kochbananen (Uganda) durchgeführt wurden.
Von wiederholten Pro-Gentechnik-Stellungnahmen seitens namhafter wissenschaftlicher Organisation ganz zu schweigen!

Je länger ich mich mit der Thematik auseinandersetzte, umso deutlicher wurde mir, dass es Greenpeace (und leider auch zahllosen weiteren vermeintlich im Dienste der Umwelt agierenden Gruppen) nicht um wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern um reine Angsterzeugung ging! Dass letzten Endes Teile der Öko-Szene munter dabei waren, einer Art Religionsersatz zu huldigen, in dem es nur Gut und Böse, Schwarz und Weiß, „heilige“ Biolandwirtschaft und „teuflische“ Gentechnik geben durfte – als Fundamentalismusgeschädigter hatte ich wohl einen siebten Sinn für so etwas!

Heute, zehn Jahre nach meinem dementsprechend nur konsequenten Abschied von Greenpeace bin ich mir noch mehr bewusst, welche Ausmaße diese selbstgefällige und gegenüber den Menschen in der Dritten Welt paternalistische Abwehrhaltung angenommen hat, betrifft sie doch bei Weitem nicht allein die Grüne Gentechnik, sondern bspw. auch die Total-Opposition gegenüber der Chemikalie DDT (die früher in der Landwirtschaft massenhaft versprüht wurde, jedoch maßvoll eingesetzt ein Segen gegen die Anophelesmücke, Überträgerin der Malaria, sein kann) oder die simplifizierende Unterteilung in „gute“ regenerative (Sonne, Wind, Wasser, Biogas etc.) und „böse“ fossile Energien (Kohle, Atom).
Wer sich einen ersten Überblick über Ökologismus (im Unterschied zur wissenschaftlichen Disziplin Ökologie) verschaffen möchte, dem seien folgende Lektüren empfohlen:
Alexander Neubacher: Ökofimmel – Wie wir versuchen die Welt zu retten – und was wir damit anrichten

Dirk Maxeiner / Michael Miersch: Alles grün und gut? Eine Bilanz des ökologischen Denkens

Aufklärung meets NAK

Juni 30, 2015

Anlässlich der beiden diesjährigen Jugendtage der Neuapostolischen Kirche Süddeutschland am 28.06. in Nürnberg sowie 12.07. in Offenburg hat die Kirchenleitung eine spezielle Website eingerichtet, auf der jedes (vornehmlich natürlich jugendliche) Kirchenmitglied besondere Grüße, Wünsche und Botschaften im Zusammenhang mit diesen beiden Kirchenevents hinterlassen kann – anonym und ohne dass das Datum der Eingabe angezeigt würde.

Neugierig wie ich bin habe ich mich in der letzten Woche dort umgesehen und bin an folgendem Statement hängengeblieben:
„Ich komme gerade aus der Uni, aus einer Stunde, wo es um Aufklärung und Atheismus ging. Was war ich froh, als ich mittendrin denken konnte ‚(m)ein Gott sei Dank‘ darf ich Glauben haben!'“

Nun bin ich ja als Deutsch- und Ethiklehrer quasi prädestiniert, zu diesem für religiös-überhebliche Auserwähltheitsdünkel typischen Eintrag meinen Kommentar an irgendeiner Stelle im Netz zu hinterlassen. Und da der neuapostolische Zensor selbstverständlich meinen dezenten Hinweis auf den mutmaßlichen Stand der „Ketzer“-Verfolgung im 21. Jahrhundert für den Fall nicht erfolgter Aufklärung seit Kant, Lessing & Co. nicht meinte auf 2nak.de veröffentlichen zu müssen, hole ich dies etwas ausführlicher an dieser Stelle nach:

Zunächst einmal sei für den weniger themenkundigen Leser festgehalten, wie Immanuel Kant (1724 – 1804), DER Aufklärer schlechthin, seine berühmte Frage „Was ist Aufklärung?“ beantwortet:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.
Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. […]“

Ich bezweifle sehr, dass der Student / die Studentin, der / die für obigen Eintrag verantwortlich zeichnet, a) sich umfassend mit der Epoche der europäischen Aufklärung befasst hat oder vor hat dies zu tun und b) sich Kants obiges Diktum zu Herzen nehmen und auf die eigene religiöse Sozialisation in der neuapostolischen Endzeitgemeinschaft anwenden würde. (Die Fähigkeit zum Transfer erarbeiteter Inhalte auf neue Situationen, insbesondere wenn sie ganz unmittelbar die eigene Lebensgestaltung angehen, scheint ohnehin ein Problem vieler heutiger Schüler zu sein, soweit mein subjektiver Eindruck aus ca. acht Jahren Lehrererfahrung.)
kant
Insbesondere kann ich nur jedem, der sich für diese so immens wichtige Epoche unseres europäischen Geisteslebens, der Aufklärung, interessiert, empfehlen, sich ein wenig mit Lessing (1729 – 1781) und dem sog. Fragmentenstreit zu beschäftigen:
Dabei handelt es sich um eine weitreichende Auseinandersetzung Lessings mit dem protestantisch-orthodoxen Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze (1717 – 1786) im Anschluss an Lessings posthume (Teil-)Veröffentlichung bibelkritischer Analyse-Ergebnisse des Hamburger Gymnasialprofessors Hermann Samuel Reimarus (1694 – 1768) unter dem Titel „Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes“.
Mag Reimarus sicher recht radikale Thesen (u.a. die Apostel und Jesus als Betrüger) aufgestellt haben, so sollte uns der Versuch Goezes eine Mahnung sein, die Errungenschaften der damals noch sehr fragilen Aufklärung, in erster Linie Meinungsfreiheit auch und gerade in religiösen Fragen, zu blockieren und damit der dringenden gesellschaftlichen Liberalisierung den Riegel vorzuschieben!
Medial wenig beachtet mobilisieren überwiegend homophobe evangelikale Christen in der Region um Stuttgart aktuell gegen die sog. „Ehe für alle“, ganz abgesehen von den freiheitsfeindlichen Auswüchsen in Teilen der muslimischen Community hierzulande.
(Ich lese momentan das zweite Buch des ehemaligen Berlin-Neuköllner Bezirksbürgermeisters Heinz Buschkowsky: „Die andere Gesellschaft“ ).
Aber „leider Gottes“ wird all dies den kleingeistigen Horizont unseres neuapostolischen Studierenden mit besagtem Eingangsstatement nicht tangieren, wird er / sie mit hoher Wahrscheinlichkeit die Auserwähltheits-Predigten seiner / ihrer „Vorangänger“ einer grundlegenden geistigen Auseinandersetzung mit der Epoche der Aufklärung einschließlich Reflexion zur Relevanz für den eigenen Lebensentwurf vorziehen. Dies ist immer wieder ein kleiner, in der Summe jedoch herber Schlag für das niemals endende Projekt der Aufklärung!

Jenseits der „Sekten“-Hysterie

Mai 31, 2015

Als ehemaliges Mitglied einer christlich-fundamentalistischen Endzeitgemeinschaft gehört die Beschäftigung mit Religion(en), speziell der radikaleren Sorte, sicher zu meinem Lebensthema. Von daher war es nur eine Frage der Zeit, bis mir das Buch
„Die wunderbare Welt der Sekten. Von Paulus bis Scientology“
von Gerald Willms in die Hände fallen würde.

Wunderwelt Sekten
Der Autor, seines Zeichens Religionssoziologe und ehemaliger Lehrbeauftragter für Religionswissenschaften der Uni Göttingen, zeichnet sich durch das komplette Werk hindurch durch einen unaufgeregt-nüchternen, bisweilen plauderhaften Tonfall aus. Eine Tatsache, die so manchem typischem „Aussteiger“-Bericht ebenfalls zu wünschen wäre!
Dabei begibt sich Willms auf einen wahren Parforce-Ritt durch die schillernde Welt „abseitiger“ Religiosität; ein Fakt, der zugleich Vor- und Nachteile mit sich bringt: Einerseits kann sich der Leser aufgrund der schier erschlagenden Fülle behandelter Religionsgemeinschaften einen recht guten Überblick über die wahre Vielgestaltigkeit dieser „Szene“ (nicht nur im Hinblick auf christliche, sondern bspw. auch esoterische oder hinduistische Gruppierungen) bilden, was angereichert um fundierte historische Ausführungen z.B. zur Entwicklung des kirchlichen Mönchswesens oder des Umgangs mit Häresie seitens der alten sowie der mittelalterlichen (katholischen) Kirche sicherlich eine große Stärke des Buches darstellt.

Andererseits geht dieser auf 323 Buchseiten ausgebreitete Facettenreichtum fast zwangsläufig zu Lasten der Detailliertheit in der Analyse der jeweiligen Einzelgemeinschaft: Hier fällt dem neuapostolisch sozialisierten Leser natürlich sofort die fehlende Erwähnung der Bischoff-Botschaft im Zusammenhang mit der Darstellung der „katholischen Protestanten“ (Willms über die NAK, vgl. S. 66 – 68) ins Auge.
Hervorzuheben ist jedoch noch etwas Anderes, was dem Werk eine zurecht exponierte Stellung innerhalb der Fülle an „Sekten“-Literatur verleiht: Und zwar besteht Willms konsequent auf einer nicht-apologetischen Position, d.h. auf dem Verzicht der Differenzierung nach „guter“ und „schlechter“ Religiosität (sprich: unproblematischer („Groß-) Kirche“ einerseits und konfliktärer „Sekte“ andererseits).
Hier macht der Autor mehr als nur einmal deutlich, dass es immer die gesellschaftlichen Mehrheits- und Normativitätsverhältnisse der „Normopathen“ (vgl. S. 268) sind, die der durch dieses Werteraster fallenden einzelnen Gemeinschaft das „Sekten“-Label verpassen.

Ein großes Anliegen des Religionssoziologen ist es zudem, mit einer ganzen Reihe gängiger „Sekten“-Klischees aufzuräumen und wissenschaftliche Nüchternheit einziehen zu lassen.
So weist er darauf hin, dass die Theorie der „Gehirnwäsche“ in den 1970er-Jahren aus ihrem ursprünglich militärischen Entstehungskontext entlehnt und auf die Debatte um die damals sog. „Jugendreligionen“ übertragen wurde. Originär besagte jene These, dass während des Korea-Kriegs gefangen genommene US-Soldaten durch ihre kommunistischen Gegner mithilfe diverser Psychotechniken, Drogen etc. gewaltsam zum Seitenwechsel animiert worden seien.
Anhänger neuer Religionsgemeinschaften hätten sich – so Willms – jedoch einer sehr bewussten Entscheidung folgend zu ihrer jeweiligen Konversion entschlossen.
Zudem nimmt der Autor möglicher aufkeimender Kritik an seinem Ansatz den Wind aus den Segeln, indem er betont: „Das Wichtigste aber ist, dass es ein Buch ist, in dem es um das ‚Verstehen‘ geht. Dieses Verstehen darf freilich nicht verwechselt werden. Es geht dabei nicht darum, etwas gutzuheißen oder schönzureden, sondern um das Aufzeigen von Sichtweisen, die den ‚Normalen‘ vielleicht helfen, das vorgeblich ‚Unnormale‘ nachvollziehen zu können. Und zwar ohne dass damit der Zwang einhergeht, das Verstandene „richtig“ oder „gut“ finden zu müssen.“ (S. 17)
Selbstverständlich gehe es nicht darum, „Aussteigern“ aus diversen Gruppierungen die Realität ihrer zumeist negativen Erfahrungen in Abrede zu stellen, jedoch sei ihre Sichtweise eben nur eine mögliche und nicht repräsentativ für alle mit der speziellen Gemeinschaft in Zusammenhang Stehenden (aktiven wie ehemaligen Mitgliedern, Angehörigen etc.).
Nicht gut wegkommen in diesem Werk die von Willms so getauften „Sektenmacher“, also diejenigen (zumeist kirchlichen) „Weltanschauungsexperten“ sowie (Boulevard-) Journalisten, denen es selten um faire Darstellung, sondern um Schwarz-Weiß-Zeichnung von „gesunder“ (evangelischer oder römisch-katholischer Mainstream) und „krankmachender“ Religiosität bzw. um die möglichst reißerische „Aussteiger“-Story gehe.
Dieser Sichtweise ist sicherlich zuzustimmen, jedoch fällt auf, dass Willms in diesem eigens für diese „Sektenmacher“ reservierten Kapitel 12 selten Ross und Reiter nennt und deren problematische Sichtweisen als O-Töne erst gar nicht zitiert.

Des Weiteren – und hiermit möchte ich meine kurzen Anmerkungen zu diesem insgesamt empfehlenswerten Buch beenden – wäre es wünschenswert gewesen, wäre Willms auch dem Phänomen der „Bewusstseinsmanipulation“ nachgegangen (vgl. Detlef Streichs Ausarbeitungen „Konstitutive Merkmale der Neuapostolischen Kirche“ und der darin verwendete Deutungsansatz nach Robert Jay Lifton, vgl. S. 36ff. dieser Arbeit sowie „Sprachliche Mittel zur mentalen Zwangsüberzeugung in der Neuapostolischen Kirche“: Runterscrollen bis „Verschiedene Themenbereiche“, dort als Word-Datei abrufbar).
Der geneigten Leserin von Streichs Studie sollte demnach die Problematik des „betreuten Denkens“ in diversen zumeist kleineren Religionsgemeinschaften sehr wohl als ethisch verwerflich einleuchten. Auch nach meiner eigenen Erfahrung als Hineingeborener in eine christliche Endzeitgruppierung lässt sie sich nicht so einfach argumentativ aushebeln wie Willms dies tut und was leider ein Manko seines ansonsten überaus lesenswerten Buches ausmacht.
In diesem Zusammenhang muss ganz klar auch zur Sprache kommen (was Willms auch versäumt), dass zumindest in einigen der traditionsreichsten (sprich ältesten) der behandelten Gemeinschaften (z.B. der Neuapostolischen Kirche) die Rekrutierung des Großteils der Mitglieder nur zu einem kleineren Teil über die Mission Erwachsener, i.d. Regel aber über die Sozialisation des eigenen Nachwuchses erfolgt, wodurch es den „Sektenkindern“ (zumindest in den Fällen einer sehr rigiden Erziehung) an Außenkontakten und somit der Möglichkeit zu einer alternativen Sichtweise mangeln kann.

Mit Bibel, Barth und Blablabla: Theo(un-) logische Eiertänze an der Dogmenfront

April 30, 2015

Anno 2015 haben es die Herren (und gelegentlich auch Damen!) Theologen hierzulande nicht so einfach: So Otto-Normal-Christ sich denn überhaupt noch kirchlichem Bepredigtwerden aussetzt – sei es anlässlich von Taufe, Hochzeit, Beerdigung oder auch dem Standard-Sonntagsgottesdienst – allüberall hat er (oder sie) mit theologischem Wortgeklingel zu rechnen. Versuchen es die wackeren Verkündiger des Wortes Gottes doch immer wieder, den Spagat zwischen biblischem Fundament ihrer Glaubenslehre und fortschreitenden Erkenntnissen der Wissenschaft hinzubekommen.
theologie suende schuld angst
Allein die Tatsache, dass die an hiesigen Universitäten gelehrte Theologie katholischer wie evangelischer Ausrichtung es bis heute nicht vermag, den Gegenstand ihrer Analysen stichhaltig nachzuweisen, spricht ja bereits Bände. Die häufige Antwort: theologische Nebelkerzen, oder was sonst soll man ohne kirchlich-dogmatisches Voreingenommensein davon halten, wenn etwa der protestantische Dogmatiker Wilfried Härle schreibt: „‚Gottes Wirklichkeit ist in sich selbst Bewegung, sein Sein ist durch sich selbst bewegte[s] Sein.'“
Ein Mann, der viele Jahre seines Lebens mit dem Studium derartigen Geschwurbels zugebracht hat, ist der Theologe Heinz-Werner Kubitza. Nur statt wie wohl die übergroße Mehrheit seiner Kolleginnen und Kollegen den Weg auf die Kanzel oder ans Universitätstkatheder anzutreten und Generationen nachwachsender Gläubiger (was Theologiestudenten sicher i.d. Regel sind) mit Phrasen obigem Kalibers vollzusalbadern, ging Kubitza einen völlig anderen Weg: denjenigen an die kritische Öffentlichkeit!
Nach „Der Jesuswahn. Wie die Christen sich ihren Gott erschufen. Die Entzauberung einer Weltreligion durch die wissenschaftliche Forschung“ (Marburg 2011) sowie „Verführte Jugend. Eine Kritik am Jugendkatechismus Youcat. Vernünftige Antworten auf katholische Fragen“ (Marburg 2011) ist nun das dritte religionskritische Werk Kubitzas im Tectum-Verlag (dessen Inhaber er zugleich ist) unter dem Titel „Der Dogmenwahn. Scheinprobleme der Theologie. Holzwege einer angemaßten Wissenschaft“ erschienen.

In einem schonungslosen Rundumschlag zitiert der Autor darin aus aktuellen Dogmatiken evangelischer Gottesgelehrter, die auch als maßgeblich für die Ausbildung heutiger Nachwuchs-Theologen herangezogen werden. In erster Linie sind hier besagter Wilfried Härle, Hans-Martin Barth, Wilfried Joest und Wolfgang Trillhaas, bisweilen auch Christopher Frey, Rochus Leonhardt, Heinrich Ott, Horst Georg Pöhlmann und Gunda Schneider-Flume zu nennen.

Der Tenor des Werkes liegt darauf, permanent die hilflosen theologischen Versuche der Quadratur des Kreises vor Augen zu führen, wenn jahrhundertealte Glaubenslehrsätze (Gottessohnschaft Jesu, Sühnetodtheologie, Erbsündenlehre etc.) gleichzeitig als Zugeständnis an den aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstand bzw. ethischen Entwicklungsstand der Mehrheitsgesellschaft relativiert und dennoch mit der Tradition des eigenen Bekenntnisses versöhnt werden sollen.
Kenntnisreich zeigt Kubitza – wie bereits im „Jesuswahn“ – auf, wie der zutiefst jüdische Apokalyptiker und Exorzist Jesus von Nazareth, der seine Jünger dazu anhielt „Geht nicht der Heiden Straßen […] Geht vielmehr zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“ (Matthäus 10, 5 – 7) (Dogmenwahn, S. 317) und den unmittelbar bevorstehenden Anbruch der Gottesherrschaft (Markus 1, 15) verkündigte, nach seinem Tod erst zum sündlosen idealen Menschen und mit zeitlichem Abstand zu seinem Tod am Kreuz mehr und mehr zum Gottmenschen (vgl. vor allem Johannesevangelium) umgeglaubt wurde, den es nun seinerseits von Seiten seiner Anhänger zu verkündigen galt.

Ein Verkündigter, dessen Geburts- und Wundergeschichten samt und sonders als kitschige Hagiographie (Heiligenlegenden) statt als historisch stichhaltige Augenzeugenberichte gelesen werden müssen, wie der Forschung schon lange bekannt ist. Wovon selbstverständlich auch die universitäre Theologie, aber die eigenen Gemeinden weitgehend im Unklaren darüber lässt und stattdessen unverdrossen weiter Lobeshymnen auf einen glorifizierten Jesus singt, den es historisch betrachtet nie gegeben hat.
Überaus erhellend auch die Anmerkungen zur „Karriere“ des biblischen Schöpfergottes vom relativ unbedeutenden bronzezeitlichen Wetter- und Berggott JAHWE (siehe auch hier), der zeitweilig als Ehemann seines weiblichen Götterpendants Aschera geglaubt wurde (bevor nach und nach in Juda und Israel der Monotheismus durchgesetzt wurde), bis hin zum neutestamentlichen Herrn des Universums, der am „Jüngsten Tage“ die „Schalen“ seines grimmigen Zorn über allen Anders- und Nichtgläubigen ausgießen werde…

Sehr aufschlussreich auch die Ausführungen zu den Versuchen „moderner“ Bibelexegeten, ihre linksliberal-ökologische Kirchentagstheologie („Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung“) aus den biblischen Texten abzuleiten, die allesamt als unlauter anzusehen sind, bedenkt man etwa die Vernichtungsforderungen Jahwes gegenüber den unterworfenen Völkern Kanaans im Anschluss an die Wüstenwanderung der Israeliten (die es im Übrigen wohl nie gegeben haben dürfte!) oder auch die zutiefst auf Ungleichheit ausgerichtete Ideologie eines Paulus (die Frau als „Abglanz des Mannes“, vgl. 1. Korinther 11, 7) etc.

In immer neuen Anläufen weist Kubitza nach, wie viel einfacher, ja logisch zwingender es wäre, würde man statt diverser theologischer Scheinlösungen für eben solche Scheinprobleme (vor allem wäre hier das Theodizee-Problem, also die Rechtfertigung Gottes in einer Welt des Leids, hervorzuheben) den Mut haben und den naheliegenden Ausweg wählen – die Annahme der Nichtexistenz (des biblischen) Gottes!

(Interessierten sei an dieser Stelle auch die ausführlichere Rezension des „Dogmenwahns“ von Siegfried R. Krebs im Humanistischen Pressedienst (hpd) vom 16.02.2015 ans Herz gelegt.)

Das Fähnchen stramm im Wind – zum Opportunismus der NAK im „Arbeiter- und Bauernstaat“

März 28, 2015

Dass sozialistische Regime und christliche Gemeinschaften i.d. Regel kein besonders herzliches Verhältnis zueinander pfleg(t)en, gehört heute sicher zum Allgemeinwissensbestand der meisten Bürger. Man denke etwa an die Evangelische Kirche der untergegangenen DDR, welche zu einer Hochburg zivilgesellschaftlicher Gegenkultur gegen den autoritären sozialistischen Ein(heits-)parteienbrei gezählt werden kann.
opportunismus_Nein_Danke
Die Tatsache, dass es jedoch gravierende Ausnahmen innerhalb des religiösen Spektrums gab, dürfte vielen – selbst am religiösen Geschehen innerhalb des deutschen Sprachraums Interessierten – unbekannt sein.
Nun, allem Anschein nach haben wir es mit der Neuapostolischen Kirche (NAK) in der DDR mit eben jener Ausnahme-Erscheinung zu tun:

Diese Erkenntnis zu verdanken haben wir insbesondere Olaf Wieland, Mitglied der NAK-Gemeinde Berlin-Weißensee und aktiv im Verein für Freikirchenforschung e.V. Münster sowie der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur Berlin.
Was dieser in seiner in der Religions-Zeitschrift „Berliner Dialog“ im Herbst 2014 veröffentlichten Ausarbeitung unter dem Titel „Vom Segen gemeinsamer Arbeit“ – Neuapostolische Kirche (NAK) und das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der damaligen DDR veröffentlichte, verschlägt selbst Kennern der Neuapostolischen Kirche mitunter den Atem. So soll Bezirksapostel Wilhelm Pusch als „‚im Auftrag des MfS [Ministerium für Staatssicherheit der DDR] reisender Begünstigter'“ Kontakte bis hin zu deren oberster Leitungsebene in Gestalt von „Stasi-Minister“ Erich Mielke unterhalten haben und der Repräsentativ-Bau des NAK-Gotteshauses Berlin-Lichtenberg 1978/79 (mit 2500 Sitzplätzen) durch ein DDR-Wachregiment erfolgt sein.

Ich will an dieser Stelle die Inhalte von Wielands Beitrag gar nicht groß kommentieren. Nur sei mir bei aller berechtigten Kritik, die nun in der NAK-Kritikerszene ob des an den Tag kommenden opportunistischen Gebahrens der NAK im Verhältnis zur sozialistischen Staatsführung sicher berechtigterweise geäußert wird, der Hinweis gestattet:
Ganz so unchristlich, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag, hat sich die Leitung der DDR-NAK nun auch wieder nicht verhalten. Natürlich werden viele nun mit dem biblischen Jesus argumentieren, der schließlich auch gegenüber „den“ heuchlerischen Pharisäern und geldgeilen Geldwechslern im Tempel „klare Kante“ gezeigt habe und daher als politischer Aufrührer mit dem Leben bezahlen musste.
Aber genau hier, an der Schilderung der Todesumstände Jesu „versündigte“ sich die christliche Überlieferung in einer Weise, wie sie fataler nicht hätte ausfallen können: Statt die für die Kreuzigung verantwortlichen römischen Besatzer für die Ermordung des „Gottessohnes“ anzuprangern, schoben die Autoren der Evangelien pauschal „den“ Juden die Schuld in die Schuhe – nicht etwa nur einem kleinen Kreis innerhalb der Tempelpriesterelite (Sadduzäer). Und dies nur, soweit ist sich die Bibelforscherzunft einig, um der eigenen aufstrebenden christlichen Gemeinschaft im Imperium Romanum günstige Startbedingungen zu verschaffen und einer knallharten Verfolgung vorzubeugen (was bekanntlich nur partiell gelang). Die Folgen dessen sind bekannt, ansonsten in jeder Ausarbeitung zur Geschichte des jüdischen Volkes nachzulesen. „Wer Ohren hat, der höre…“

Wer Bibel sät, wird Intoleranz ernten! Unmaßgebliche Einwürfe zur „Hasspredigt“ des Pastor Latzel

Februar 28, 2015

Von katholischem „Reliquiendreck“ war die Rede, das islamische Zuckerfest sei nichts als „Blödsinn“, Buddhafiguren und andere Talismane ein Ausdruck verwerflichen „Neuheidentums“: Seit Bekanntwerden der Predigt des evangelikalen Bremer Pastors Olaf Latzel an der St.-Martini-Gemeinde vom 18. Januar 2015 köchelt der Fall bis heute munter durch die Medien der Republik – der klassische „Shitstorm“, wie es auf Neudeutsch bekanntlich heißt.
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Der strenggläubige Hirte hatte an jenem denkwürdigen Datum seine Predigt unter die Überschrift „An Gideon die Reinigung von den fremden Göttern lernen“ gestellt und sich dabei auf die Bibelpassage Richter 6, 25 – 32 bezogen.
(Wer am Wortlaut der kompletten Predigt interessiert ist, kann sich diese hier anhören.)

Doch welcher historische Hintergrund liegt dieser Textstelle zu Grunde? In der Zeit zwischen der israelitischen Landnahme Kanaans (ca. 1230 v. Chr.) und dem Beginn der Königsherrschaft unter Saul und später David (ca. 1000 v. Chr.) wurden die Stämme Israels durch sog. Richter angeführt. Einer dieser Richter mit Namen Gideon (hebr. für „Hacker“, „Holzfäller“, „Zerstörer“) erhält angesichts der in der Bevölkerung nach wie vor virulenten Verehrung alternativer Gottheiten in obigem Textabschnitt den Befehl JHWHs: „Reiße den Altar des Baal, der deinem Vater gehört nieder und die Aschera, die dabei steht, haue um! […] Und baue dem Herrn, deinem Gott, einen Altar!“ (Ri. 6, 25-26; zit. n. dieser Übersetzung).

Diesen vermeintlich göttlichen Auftrag an Gideon überträgt Latzel nun in die Gegenwart, in welcher er einen nicht hinnehmbaren religiösen Synkretismus („So alles zusammenmanschen“) ausmacht. Eindringlich weist er dabei auf die Göttlichkeit des Befehls an Gideon und damit auch an die heutigen Gläubigen hin, jedwede Form von „Neuheidentum“ und Reliquienverehrung, ja auch die Teilnahme an überkonfessionellen bzw. -religiösen Veranstaltungen wie Schulgottesdiensten mit evangelischen Pastoren, katholischen Priestern und muslimischen Imamen ebenso abzulehnen wie etwa die Feier des islamischen Zuckerfestes („und all diese[m] Blödsinn“), wenn etwa die Tochter mit einem muslimischen Partner liiert sei.

Da in zahlreichen Medienberichten lediglich Splitter der Latzel-Predigt wiedergegeben werden, halte ich es für sinnvoll, hier ein wenig tiefer in die Ausführungen des Pastors einzusteigen, wie er sich einen angemessenen Umgang mit dem Islam vorstellt:
„Wir können keine Gemeinsamkeit mit dem Islam haben. Das heißt nicht – das sag ich auch in aller Klarheit, – dass wir nicht den Muslimen in Liebe und Nähe zu begegnen haben. Das ist ganz wichtig. Gott unterscheidet zwischen der Sünde und dem Sünder. […] Wir haben den Menschen muslimischen Glaubens in Liebe und Barmherzigkeit zu begegnen! Und wenn die verfolgt werden, dann haben wir uns vor sie zu stellen. Das ist unsere Aufgabe als Christen. […] Ich weiß, dass das manchmal schwer ist, das hinzukriegen, zu sagen: das Nein zum Islam und diese Vermischung mit dem Christentum, aber das Ja zu Menschen anderen Glaubens. […]
Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Die Muslime, die hier leben, ja. Absolut! Aber der Islam hat nichts zu tun mit dem Gott, von dem es in der Präambel unseres Grundgesetzes heißt: ‚Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, vom Willen beseelt als gleichberechtigtes Glied im vereinten Europa geben wir uns dieses Grundgesetz‘. Dieser Gott, der da gemeint ist, das ist jedem, der nur ein bisschen historische Ahnung hat (klar), ist der dreieinige Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Und ist nicht Allah. Der Islam gehört nicht zu Deutschland.“

Die Reaktionen der breiten Öffentlichkeit dürften allgemein bekannt sein: Latzel wurde zum „Hassprediger“ abgestempelt, die Staatsanwaltschaft forderte gar eine Abschrift des Predigttextes an. Zudem bezogen Dutzende seiner Bremer Amtskollegen öffentlichkeitswirksam Stellung gegen Latzels geistige Grundhaltung und für ein „buntes“ und „vielfältiges“ Bremen. Biblische Texte seien in der inkriminierten Predigt aus ihrem historischen Zusammenhang gerissen worden.

Und spätestens hier kann ich nicht nur über den fundamentalistischen Pastor den Kopf schütteln, sondern mich vor allem nur über die offenbare Unkenntnis der versammelten Geistlichkeit echauffieren, die ihre eigene Glaubensgrundlage, die sog. „Heilige Schrift“ eher flüchtig zu kennen scheint!
Es sei an dieser Stelle nur angedeutet, dass das Alte Testament an einer Vielzahl von Stellen vermeintlich göttliche Vernichtungsbefehle gegenüber den von den Israeliten als Konkurrenz wahrgenommenen Stämmen (Midianiter, Amalekiter etc.) enthält (ausdrücklich auch gegenüber Frauen und Kindern!), im Einzelnen nachzulesen in jeder handelsüblichen Bibel oder etwa bei Franz Buggle: Denn sie wissen nicht, was sie glauben. Und auch der biblische Jesus war alles andere als ein kuscheliger Prediger unbedingter Nächstenliebe – man kann es nicht oft genug betonen!
Ganz zu schweigen von einem Paulus, welcher seinem Herrn und Meister hier in nichts nachsteht, wenn er pauschal alle Nicht-/Andersgläubigen verdammt:
„Sie sind voll Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habgier, Bosheit, voll Neid, Mord, Streit, List und Tücke; sie verleumden und treiben üble Nachrede, sie hassen Gott, sind überheblich, hochmütig und prahlerisch, erfinderisch im Bösen und ungehorsam gegen die Eltern, sie sind unverständig und haltlos, ohne Liebe und Erbarmen. Sie erkennen, daß Gottes Rechtsordnung bestimmt: Wer so handelt, verdient den Tod(Rom. 1; 29-32; zit. n. Buggle, S. 84f.).

Dass die breite Öffentlichkeit, in erster Linie aber auch theologisch studierte Geistliche anstelle der Quelle der Intoleranz, also der Bibel, auf denjenigen eindreschen, der in seiner glaubensbezogenen Naivität diese Schrift für das unverfälschte und daher wörtlich zu nehmende „Wort Gottes“ hält, stellt einmal mehr den geistigen Zustand weiter Teile des liberalen Christentums zur Schau – eines Christentums, das sich in der Tat derart weit von den Grundlagen des eigenen Glaubens entfernt hat, dass die Bezeichnung „Christ“ für diese Menschen eigentlich der reinste Hohn ist: Wischiwaschi-Piep-piep-piep-Gott-hat-doch-alle-lieb-wir-kommen-alle-alle-alle-in-den-Himmel-Gläubige träfe es wesentlich präziser!
Wobei mir diese spirituelle Rosinenpickerei selbstverständlich immer noch lieber ist als ein verabsolutierter Dämonen- und Höllenglaube inklusive blutrünstiger Sühnetod-Theologie, wie sie die Hardcore-Christen ja meinen, bis in alle Ewigkeit (da Jesus nun mal nicht wiederkommt) aufrechterhalten zu müssen… unredlich bleibt dieser „Pippi-Langstrumpf-Glaube“ jedoch alle mal… („Ich mach mir die Welt, wiediewiediewie sie mir gefällt!“)

Wie zu erwarten: mediale Unterwerfung gegenüber „religiösen Gefühlen“

Januar 31, 2015

Es war nur eine Frage der Zeit, eigentlich überhaupt ein Wunder, dass die übergroße Anzahl der Medien hierzulande nach den bestialischen Terroranschlägen von Paris in den allgemeinen „Je suis Charlie“-Chor einstimmten. War man doch aus dem Jahr 2006 – dem Jahr des Hochkochens des berüchtigten „Karikaturen-Streits“ um ein paar harmlose Zeichnungen über den Propheten Muhammad – ganz andere Töne der Selbstkasteiung und vorauseilender Rücksichtnahme gegenüber jedweder Form religiöser (muslimischer) Gefühle gewohnt.

Abbildung Muhammad*

Nun scheint es also in der Tat an der Zeit zu sein, wo die allgegenwärtigen Mahner und Warner wieder langsam diskursives Oberwasser erhalten und die Unbedingtheit der Verteidigung der Meinungsfreiheit auch gerade entgegen den dauerbeleidigten Ultrareligiösen hinterfragen:

Bestes Beispiel: Die aktuelle Sendung des NDR-Politikmagazins „Panorama“ vom 29. Januar. Unter der Überschrift „Wenn Meinungsfreiheit zur Waffe wird“ schlägt sich die Redaktion eindeutig auf die Seite derjenigen, die beständig Toleranz für ihre (religiöse) Ideologie einfordern, auch wenn diese oftmals eine jahrhundertelange Blutspur zu verantworten hat. So heißt es im „Panorama-Beitrag“:

„Bisweilen konnte man den Eindruck gewinnen, dass die Mohammed-Karikaturen als eine Art Waffe im Kampf für die Meinungsfreiheit genutzt werden. So sahen sich alle die, die die Zeichnungen nicht brachten, massiver Kritik ausgesetzt. Von mangelnder Solidarität, einer Einschränkung der Meinungsfreiheit oder schlicht Feigheit war da die Rede, nach dem Motto: Ihr habt nicht verstanden, worum es geht! Der Eindruck entstand: Grenzen für die Meinungsfreiheit scheint es offenbar in Deutschland nicht zu geben. Muslime, die die Anschläge von Paris fast ausnahmslos verurteilen, wiesen gegenüber Panorama darauf hin, dass es für sie an dieser Stelle allerdings eine klare Grenze für Satire gibt, die durch einige veröffentlichte Mohammed-Karikaturen der letzten Wochen überschritten wurde. Sie fühlen sich verletzt, wenn ihr Prophet, ihr Religionsstifter, in dieser Form dargestellt wird.

Bekenntnis zur Meinungsfreiheit

Von den Muslimen in Deutschland erwartet man nun, diesen Zwiespalt zwischen einem Bekenntnis zur Meinungsfreiheit und der tiefverwurzelten Ehrfurcht gegenüber ihrer Religion stets zugunsten einer uneingeschränkten Meinungsfreiheit zu entscheiden. Dabei diskutieren und akzeptieren wir in Deutschland seit Jahren durchaus immer wieder gewisse Grenzen: Darf eine Tierschutzorganisation auf einem Domplatz eine Kreuzigungsszene nachspielen? Muss sich der Papst (und die katholische Kirche) ein deftiges Titelbild mit einer urinbefleckten Soutane in der Satirezeitschrift „Titanic“ gefallen lassen? Sind auch die zotigsten Karikaturen mit Jesus am Kreuz in jedem Fall gerechtfertigt, auch wenn sie viele Christen als Missachtung und Herabwürdigung ihrer Religion begreifen? Und wird hier nicht mit zweierlei Maß gemessen, wenn der einen Religion jeder Tabubruch zugemutet wird, während andere Religionen in ihrem Protest ernstgenommen werden?“

Liebe „Panorama“-Redaktion, werte Religions-Appeaser aller Couleur: Nein, man sollte sich nicht unter Druck setzen lassen und um irgendwelcher wie auch immer gearteter Konformitätserwartungen eine bestimmte Sorte an Karikaturen abdrucken. Es ist selbstverständlich auch völlig legitim, die entsprechenden Zeichnungen vulgär, geschmacklos, ja zutiefst abstoßend zu finden. Aber findet ihr es nicht merkwürdig, dass ausgerechnet viele derjenigen, die am ehesten zu Dauerbeleidigtsein und einer mantraartigen Beschwörung der Quasi-Heiligkeit ihrer „verletzten religiösen Gefühle“ tendieren, Anhänger einer Glaubenslehre sind, die alles andere als eine blütenweiße Weste vorzuweisen hat? Oder wie es Gunnar Schedel in einem Beitrag des Humanistischen Pressedienstes (hpd) zum Phänomen PEGIDA auf den Punkt bringt:
„Es lässt sich schwer bestreiten, dass der Prophet Mohammed (sofern seine Taten im Koran und in den Überlieferungen historisch halbwegs korrekt beschrieben werden) nach heutigen Maßstäben ein Kriegsverbrecher war.“

Des Weiteren geht Schedel auf die Einlassungen des muslimischen Gefängnisseelsorgers Husamuddin Meyer ein, der sich am 22.01. anlässlich der Talksendung „Maybrit Illner“ wie folgt geäußert habe:
„Auf die Frage nach einer Koranstelle, die Ungläubige niedriger als Tiere einstufe, antwortete er, dass hier ein Missverständnis vorliege. Der Mensch habe eigentlich eine höhere Bestimmung als die Tiere, weil er dazu berufen sei, die göttliche Schönheit zu erkennen. Wer diese Schönheit jedoch nicht erkenne, der irre umher, folge sozusagen seinen Instinkten: ‚Wenn aber sich ein Mensch, der eigentlich eine hohe Bestimmung hat von Gott, nachher benimmt wie ein Tier, dann ist er deswegen noch unter dem Level der Tiere.‘ Da blitzt sie auf, die Vorstellung, dass die Religion die einzige Quelle der Ethik ist und Ungläubige folglich keine Ethik haben (und sich deshalb ‚instinktgesteuert‘ wie Tiere verhalten).“

Und genau da liegt der Hase im Pfeffer: Wer sich aus überzogener religiöser Toleranz auf die Seite der (Hardcore-) Religiösen stellt, erweist damit dem Projekt der Aufklärung im Sinne Kants („Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“) einen Bärendienst. Anstatt darauf zu bestehen, ein reflektiertes und damit auch zumindest in Teilen distanzierendes Verhältnis zum jeweils verehrten Religionsstifter bzw. dem auf diesen zurückgeführten religiösen Überbau einzunehmen, erfolgt ein Einknicken vor der Macht der Irrationalität, die so etwas emotional Besetztes wie das Phänomen Religion nun einmal i.d. Regel mit sich bringt.
Aber genau dadurch begibt man sich in eine gefährliche Abhängigkeit: Wer religiösen Menschen damit letzten Endes die Deutungshoheit darüber einräumt, wer wann ihre „religiösen Gefühle“ verletzt hat bzw. zukünftig dies tun könnte, der führt damit durch die Hintertür eben jene (Selbst-) Zensur wieder ein, von der sich viele Journalisten im Zuge der Charlie-Hebdo-Debatte erfreulicherweise bereits zu verabschieden begonnen hatten.

Dann wundert es auch nicht mehr groß, wenn sich ein namhafter deutscher Jurist für die rigorose Anwendung des „Gotteslästerungs-Paragraphen“ § 166 StGB stark macht und die Organisatoren des Kölner Rosenmontagszuges den geplanten Motivwagen „Charlie Hebdo“ flugs aus ihrer Planung gestrichen haben. Oder wie es Michael-Schmidt-Salomon bereits 2012 anlässlich des Anti-Islam-Machwerks „Die Unschuld der Muslime“ so treffend ausdrückte:

„Die Absurdität der gegenwärtigen Debatte zeigt sich nicht zuletzt darin, dass Respekt ausgerechnet jenen gegenüber eingefordert wird, die hinlänglich bewiesen haben, dass ihnen jeder Respekt gegenüber Andersdenkenden fehlt. Verwunderlich ist dieses Defizit nicht, wenn man die Heiligen Schriften kennt.“

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* Die Darstellung des muslimischen Universalgelehrten Abū Rayḥān al-Bīrūnī (973 – 1048) zeigt Mohammed (rechts) in seiner letzten Predigt zu seinen ersten Konvertiten auf dem Berg Ararat in der Nähe von Mekka.

„Überall wird enttarnt, entzerrt, zurechtgerückt“ – der wankende Mythos Bibel

Dezember 28, 2014

Insider wissen es bereits spätestens aus dem Werk der beiden Archäologen Israel Finkelstein und Neil A. Silberman
„Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel“
: Viele religiös sozialisierten Menschen zutiefst vertraute biblische Begebenheiten wie der Auszug der Israeliten aus Ägypten, die Einnahme Kanaans oder das vermeintliche Großreich König Davids – sie alle basieren auf nichts als menschlicher Hybris i.d. Regel ohne jedwede archäologischen Belege oder stellen bestenfalls maßlose Übertreibungen wie im Fall des „Räuberhauptmanns“ David mit seinem Provinzfürstentum dar, welcher im Nachhinein zum mythenumrankten Glanz-und-Gloria-Ur-König Israels aus bescheidensten Hirtenanfängen umgelogen wurden.

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Nun hat sich der SPIEGEL in seinem traditionell dem Thema Religion vorbehaltenen Aufmacher der Weihnachtsausgabe 52/2014 vom 20.12. dieses Falls angenommen und kommt unter dem Titel
„Am Anfang war das Feuer“
zu aus religiöser Warte niederschmetternden Ergebnissen, von denen ich hier einige wenige referieren möchte.

Zunächst vertritt der SPIEGEL-Autor Matthias Schulz die originelle These, der Gott der Bibel (JHWH) sei mit dem saudi-arabischen Vulkan Hala al-Badr gleichzusetzen, der in der Gegend des alttestamentarischen Midian gelegen sei. Vermeintlich metaphorisch aufzufassende Bibelverse seien dementsprechend wörtlich zu nehmen und auf eben jenen Feuerberg zu beziehen, wenn es etwa über den landläufig als Berg Sinai identifizierten Gipfel heiße, „denn der Herr war im Feuer auf ihn herabgestiegen. Der Rauch stieg vom Berg auf wie Rauch aus einem Schmelzofen. Der ganze Berg bebte gewaltig“ (Exodus 19).

Auch an der netten Story vom kleinen Hirtenjungen David, der den riesenhaften Philister-Krieger Goliat per Steinschleuder ausschaltete, existierten laut Leipziger Assyrologin Angelika Berlejung erhebliche Zweifel: „Die Nachbarn [Philister, M.H.] waren den Israeliten haushoch überlegen, sie hatten Kampfwagen und besaßen ein Monopol auf Metalle“.

Den Grabungsbefunden Berlejungs zufolge war im Übrigen die Philister-Hauptstadt Aschdod um 900 v. Chr. fünfmal so groß wie die vermeintliche Metropole und David-Hauptstadt Jerusalem: „Wenn ein Hebräer einen Pflug oder auch nur einen Nagel kaufen wollte, musste er ihn beim Feind erbetteln.
Schwerter bekamen sie anfangs überhaupt nicht. Der Archäologe Hermann Michael Niemann aus Rostock spricht von einem ‚Waffenembargo‘. Die Bibel überspielt diese Pleite. Stattdessen […] bietet sie ‚emotionale Tiraden voller Abneigung gegen die reichen Küstenbewohner'“.

„Zwar enthält das Werk [die Bibel, M.H.] echte Annalen, Königslisten und Chroniken. Zugleich aber tischt es Legenden, Gerüchte und ideologisch verbrämte Geschichtsdeutungen auf. Diese wurden im Laufe der Zeit mehrfach redigiert, neu verzahnt und mit manipulierenden Einschüben versehen. […] Dabei schlichen sich Widersprüche ein. Der Erzvater Abraham soll vor über 4000 Jahren gelebt haben. Nur wieso reitet er dann auf einem Kamel? Das Tier war damals noch gar nicht gezähmt.“

Die Goliat-Geschichte zeigt das Gestoppel am besten: Die älteste Schicht der Sage stammt wohl aus dem elften Jahrhundert vor Christus. Da hieß der Held noch ‚Elhanan‘. Erst später münzte man die Story auf König David um. Goliat erhielt nun einen ‚Helm aus Bronze‘ samt Eisenpanzer und Beinschienen. Er sah plötzlich aus wie ein griechischer Soldat. Den letzten erzählerischen Schliff bekam der Bericht erst um Christi Geburt.

All das besagt: Eine Offenbarung aus einem Guss hat es nie gegeben. Die Bibel ist Menschenwerk, teils von grandioser Qualität, teils mit trügerischer Absicht verfasst.

Zwar berichtet die Bibel (1. Könige 5), dass Salomo einem glanzvollen Staat vorstand, der bis zum Euphrat reichte. Der König speiste Perlhühner und ließ sich Affen bringen. Seine Schiffe fuhren bis nach Spanien. In seinem Harem lebten 700 fürstliche und 300 weitere Nebenfrauen. Leider bezeugt nicht ein Stein dieses Mythenreich.
So geht es fort und fort. Überall wir enttarnt, entzerrt, zurechtgerückt. Die moderne theologische Forschung gleicht einer einzigen Desillusion.“

Dass der vermeintlich in der NAK wirkende „Heilige Geist“ diese Erkenntnisse bisher nicht wirkte, sondern nach wie vor an der dortigen althergebrachten Kindergarten-Theologie festhält, spricht dagegen Bände. Und wer meint, diese Desillusion betreffe ja „nur“ das Alte Testament, der irrt, wie z.B. bei Heinz-Werner Kubitza („Der Jesuswahn“, siehe Linkliste am rechten Rand meines Blogs unterhalb der Monatsbeiträge) nachzulesen ist.