„Von der Wiege bis zum Grab: Ich zeig‘, dass ich ’ne (woke) Haltung hab‘!“

Mai 30, 2022

Jeder kennt ihn: den in sich versponnenen, meist älteren Sonderling, der – häufig auch noch nachlässig gekleidet – unverständliches Zeug vor sich hin brabbelt, auf jeden Fall aber für seine verschrobenen Ansichten berühmt, teils berüchtigt ist.





Aus der Binnenperspektive des Betreffenden verhält es sich freilich genau umgekehrt: Für ihn sind alle anderen kulturlose Banausen ohne Empathie, fern jedes tieferen Verständnisses für seine Erleuchtungen!

Seit dem Vormarsch identitätspolitischer (woker) Bekenntnisrituale in Politik und Gesellschaft drängt sich dem um Objektivität bemühten Betrachter mittlerweile der Eindruck auf, beim Gebaren einheimischer Polit-Eliten handele es sich um eben jenen sonderlichen Kauz, der seine Weltsicht zum Maß aller Dinge erklärt, ohne sich auch einmal mit einem gerüttelt‘ Maß Selbstdistanz kritisch von außen auf Realitätstauglichkeit abzuklopfen.

So kommentiert der Deutschland-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ), Alexander Kissler, das gesellschaftliche Umbauvorhaben der Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP wie folgt:

Bis Ende [des] Jahr[es] soll ein gemeinsam mit dem Familienministerium erarbeiteter Gesetzentwurf vorliegen. Initiativen und Vereine, die bisher auf kurzfristige Projektförderung angewiesen waren, dürfen sich dann auf regelmässige Zahlungen aus dem Staatshaushalt freuen.
Deutschland, heisst es im Diskussionspapier der beiden Ministerien [Familie und Inneres, M. Haß], brauche „demokratisches Engagement sowie überzeugte Demokratinnen und Demokraten“. Darum sollen „Projekte im Bereich der Demokratieförderung, Vielfaltgestaltung und Extremismusprävention verlässlich unterstützt werden“. Familienministerin Lisa Paus von den Grünen präzisiert: Die „engagierte Zivilgesellschaft“ verdiene jede staatliche Unterstützung.
Ist bereits die Zivilgesellschaft ein seltsamer begrifflicher Bastard von Staat und Gesellschaft, die sich in fruchtbarer Spannung gegenüberstehen sollten, so ist die „engagierte Zivilgesellschaft“ vollends ein hölzernes Eisen. Gemeint sind gesellschaftliche Akteure, die im Sinne der derzeit regierenden Parteien agieren und dafür vom Staat bezuschusst werden. Der Staat will sich eine Gesellschaft nach seinem Bilde formen. Letztlich wird der Bürger unter Vorbehalt gestellt. Dauerhaft förderungswürdig sind in erster Linie jene identitätspolitischen Player, die Kurse anbieten und Seminare zum „Kampf gegen rechts“, gegen den Klimawandel, für Integration und für „Vielfalt“. Eine Extremismusformel, mit der die Initiativen jeder extremistischen Versuchung abschwören müssten, lehnen Paus und Faeser ausdrücklich ab.

Antifeministen und andere Menschenfeinde
Die „engagierte Zivilgesellschaft“ soll sich gegen Rassisten und Extremisten jeglicher Couleur wenden, wenngleich deren rechtsextreme Ausprägung sehr oft erwähnt wird und die islamistische Form fast nie.
Befremdlich stimmt auch, dass Faeser „Antisemiten und Antifeministen“ in einem Atemzug nennt. Offenbar hält die SPD-Politikerin den Hass auf Juden und die Ablehnung des Feminismus unter „überzeugten Demokratinnen und Demokraten“ für gleichermassen verabscheuungswürdig.
Um beides gar nicht erst entstehen zu lassen, plädiert Faeser für frühkindliche Demokratieerziehung. Der Kindergarten soll zum politischen Raum werden, in dem die Jüngsten spielerisch den „Kampf gegen Rechtsextremismus“ erlernen. Nimmt man weitere Einlassungen Faesers, die auch Heimatministerin ist, für bare Münze, muss in der Kita ebenfalls der Kampf gegen den tradierten Heimatbegriff ausgefochten werden.
Heimat, sagt die Ministerin, „sind alle Menschen, egal, wo sie herkommen“. Deshalb „müssen wir den Begriff Heimat positiv umdeuten und so definieren, dass er offen und vielfältig ist. Und dass er ausdrückt, dass Menschen selbst entscheiden können, wie sie leben, glauben und lieben wollen.“ Wir lernen: Die Heimatministerin hält Heimat für einen negativen Begriff, der staatlicherseits umgedeutet werden muss. Sie verlangt dem Kollektiv eine Arbeit am Begriff ab, um anschliessend generös Individualität zuzuteilen.

Schon Vierjährige sollen die richtige Haltung zeigen
Der gesellschaftliche Umbau der „Ampel“ hat zwei Ziele: Das Leben soll erstens zerfallen in eine Abfolge richtiger Entscheidungen, vom Kindergarten bis zum Sterbebett; so entsteht ein langer Fluss der Bekenntnisse und damit der ideologischen Normenkontrolle.
Zweitens bestimmt nicht mehr das Sein das Bewusstsein, sondern das Tun das Dasein. Wer nicht permanent mitmacht und mitzieht, der hat keinen Anteil an der Gemeinschaft der Engagierten. „Unser Zusammenhalt“ (Paus) gilt den Unpolitischen nicht, ja nicht einmal denen, die Heimat bereits heute für einen positiven Begriff halten.
Schon Vierjährige sollen im Kindergarten die richtigen von den falschen Haltungen unterscheiden lernen. Dazu empfiehlt das vom Familienministerium betriebene „Regenbogenportal“ ein Lesebuch mit der Geschichte einer männlichen Meerjungfrau. „Individualität, Diversität und Vielfalt“ sollen die Kleinen so schätzen lernen. Die Kindheit darf keine Insel der Zweckfreiheit mehr sein und somit keine Kindheit in bisherigem Sinn. Politik überwölbt jede Lebensstufe.
Mit 14 Jahren, weiterhin also im minderjährigen Alter, soll dann jeder Jugendliche auf dem Standesamt frei entscheiden dürfen, welches Geschlecht er habe. So steht es in zwei im Sommer 2020 gescheiterten Gesetzentwürfen von Grünen und FDP, die nun in das von der „Ampel“-Mehrheit noch vor der parlamentarischen Sommerpause angestrebte „Selbstbestimmungsgesetz“ einfliessen. Abermals feiert der Wille zur Willkür Triumphe, selbst um den Preis, ins Absurde abzubiegen. Diese Meriten erwarb sich der Queer-Beauftragte der Bundesregierung, der Grünen-Politiker Sven Lehmann, als er kürzlich behauptete, die geschlechtliche Identität könne prinzipiell nicht von aussen begutachtet werden, auch nicht von Ärzten.

Was sich ganz konkret hinter dem zu fördernden Demokratieverständnis herrschender Polit-Eliten verbirgt, hat bereits vor gut einem Jahr die Tageszeitung „Die Welt“ aufgedeckt: Werden doch im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ auch gewaltaffine und offensichtlich dem islamistischen Milieu zugehörige Institutionen mit reichlich Fördermitteln bedacht.

Statt monstranzenartig vor sich her getragener „Vielfalt“ also wohl eher „heilige Einfalt“!

So erweist sich der regierungsamtlich verordnete „Kampf gegen Rechts“ und „für Toleranz und Vielfalt“ in Wahrheit immer mehr zum Religionsersatz linksgrüner Mittelschichtsmilieus, denen die penetrante Zur-Schau-Stellung der eigenen (woken) Haltung über alles zu gehen scheint.

Kritiker dieser „identitätslinken Läuterungsagenda“ (Sandra Kostner) werden im schroffen Kontrast zur reklamierten „Toleranz“ dafür häufig weggebissen („gecancelt“), ergo aus dem öffentlichen Diskurs gedrängt. Höchste Zeit, den Neopuritanern im Gewande der Bessermenschen in den selbstgerecht-drohend erhobenen Arm zu fallen!

Einsame Ruferin in der politisch-medialen Wüste: Über Ulrike Guérots Corona-Streitschrift „Wer schweigt, stimmt zu“

April 30, 2022

Und wieder hat es der Frankfurter Westend-Verlag geschafft, mich mit einer gegen den politischen Mainstream gebürsteten Streitschrift für sich einzunehmen:

Ulrike Guérot heißt diesmal deren Autorin, bekannt geworden durch ihr 2016 erschienenes Werk „Warum Europa eine Republik werden muss“. In diesem Titel klingt praktischerweise auch gleich ihr Forschungsschwerpunkt an: die Europapolitik. Dass sie sich auch in Sachen Corona und der politischen wie medialen Reaktion auf dieses Virus als überaus scharf denkende Analystin erweist, belegen zahlreiche Ausschnitte aus ihrem aktuellen Büchlein von gerade einmal 140 Seiten. Bereits der Titel verdeutlicht, dass feiges Mitläufertum ihre Sache nicht ist, auch wenn sie mit dem Gegenstand ihrer Ausführungen hier (warum eigentlich?) noch hinter dem Berg hält: „Wer schweigt, stimmt zu. Über den Zustand unserer Zeit und darüber, wie wir leben wollen“.

Vermutlich können insbesondere die wenigen Menschen, die sich bereits vor der Pandemie ausführlich mit den Mechanismen der Medienberichterstattung auseinandergesetzt haben, nachvollziehen, warum hier jemand so deutlich gegen vermeintlich festgefügte Fakten und daraus abzuleitende Schlussfolgerungen anagiert. Dass der Altersdurchschnitt der „an und mit“ dem Virus Verstorbenen bei deutlich über 80 Jahren liegt, dass in der Vergangenheit selbst in schweren Grippezeiten wie 2017/18 nicht annähernd ein derart medialer Dauer-Rummel mit anschließendem (häufig widersprüchlichem) politischem Aktionismus wie seit dem Frühjahr 2020 im Zusammenhang mit dem „C-Wort“ betrieben wurde, das Millionen von Menschen offenbar derart in Panik versetzt, ja regelrecht „verhext“ haben muss – dies und viele weitere Absonderlichkeiten können doch unmöglich derart vielen Zeitgenossen verborgen geblieben sein!

Einkassierte Grundrechte (Versammlungs-/Demonstrationsrecht, freie Berufsausübung statt endloser Lockdowns, Freizügigkeit statt Ausgangsbeschränkungen etc.) – war da was??? Mediale Verunglimpfung nahezu JEGLICHER abweichender Meinungen als „Schwurbler“, „Corona-Leugner“, „Querdenker“, „Covidioten“, „Rechte“ – who cares???

Oder um mit Ulrike Guérot zu sprechen:

Wie konnte ein gesamtes System, eine ganze Gesellschaft so kopflos, ja, mit dem Nimbus der Vernunft im Handumdrehen so irrational werden? Wie konnte es infolgedessen passieren, dass in der vorerst letzten Phase der politischen Auseinandersetzung in Sachen Corona die Impfpflicht offiziell noch um jeden Preis durchgesetzt werden soll, während hinter den politischen Kulissen die ersten offenbar schon daran arbeiten, den überdrehten Corona-Flieger zum Landen zu bringen? (S. 43)

Dann kam flugs eine Phase der massiven sprachlichen Umdeutungen. Eine perfekt gesellschaftliche Atomisierung und Vereinzelung wurde social distancing genannt, eigentlich eine contradictio in adjecto, denn sozial ist man in der Gemeinschaft, nicht in der Distanz, und mit Solidarität legitimiert. Mit dem Begriff der Solidarität wurde vor allem die politische Linke gekapert und in den Staatsgehorsam eines paternalistischen Staates geführt, den sie sonst immer gerne der Übergriffigkeit bezichtigt. (S. 48)

Aus Querdenken, Kraftquelle jeder Demokratie, wurde etwas Schlechtes. Wer die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen anmahnte, wurde gleich zum Corona-Leugner beziehungsweise „Covidioten“. Die Welt vereindeutigte sich in fast mittelalterlicher Weise in Gut und Böse. Sodann erfolgte die Einladung zum staatlich legitimierten und zum Wohle des Guten gerechtfertigten Denunziantentums: Hui, der Nachbar empfängt Gäste. Das, was man gemeinhin petzen nennt, wurde zur staatsbürgerlichen Pflicht. Die Polizei räumte private Feiern oder sogar Kindergeburtstage, die eigene Wohnung war nicht mehr tabu, alles vermeintlich zum Nutzen der offenen Gesellschaft, die aber genau durch diese Mechanismen zu einer geschlossenen Gemeinschaft umgeformt wurde. (S. 49)

Was musste man alles hören, bar jeder empirischen Grundlage, denn Geimpfte, das war zu diesem Zeitpunkt bekannt, waren genauso Infektionstreiber wie Nicht-Geimpfte. Die „Tyrannei der Ungeimpften“, so schallte es aus dem Munde des Präsidenten des Weltärzteverbandes Frank-Ulrich Montgomery, und das zu einem Zeitpunkt, als die Impfung als Fremdschutz, also zwecks Erlangung von steriler Immunität oder Herdenimmunität nicht mehr empirisch zu unterfüttern war.[…] Eine besondere Watsche verdient auch Jan Böhmermann für seine andauernde öffentliche Hetze und Mokiererei über Ungeimpfte, aus dessen Mund […] noch am 28. Januar 2022 zur Primetime im deutschen Fernsehen der Satz kam: „Was Ratten in der Zeit der Pest waren, sind Kinder zurzeit für Corona: Wirtstiere.“ (S. 55)

Ich will nicht verhehlen, dass mir Guérots Ausführungen an zwei Stellen sauer aufgestoßen sind. Zum einen, wenn sie schreibt, dass…

…eine längst in vielerlei Hinsicht abgedriftete FAZ [beklagen würde], dass die Esoterik in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei, und […] als Beispiel dafür an[führen würde], dass, je nach Altersgruppe, rund 60 Prozent der Erwachsenen an Horoskope glauben – wie entsetzlich! -, ohne irgendwie intelligent zumindest darüber zu sinnieren, warum die Astrologie eine der ältesten Wissenschaften war, bevor sie von der ach so rationalen Aufklärung als Humbug abgeräumt wurde. (S. 52)

Zum anderen, wenn Guérot ihre Vorstellungen von einer Post-Covid-Gesellschaft umreißt:

Hier muten ihre Visionen eines humanen Zusammenlebens mitunter doch etwas wenig durchdacht an, etwa hinsichtlich ihrer Vorstellung, die alten Menschen wieder aus den Pflegeheimen heraus und zurück in die Mitte der Gesellschaft zu holen (S. 118) – wie realisieren, wenn die Kinder oder anderweitige Angehörige in Vollzeit berufstätig sind oder in einem weit entfernten Teil des Landes leben?

Und wer kommt finanziell für den Unterhalt der Krankenhäuser auf, die Guérot „wieder zu Anstalten des öffentlichen Rechts [machen will], um das Gesundheitssystem dem Effizienz- und Kostendruck zu entziehen“ (S. 117)?

Trotz alledem bleibt Guérots Streitschrift ein luzider Stachel im Fleisch des medialen wie politischen Einheitsbreis aus Panikberichterstattung, fehlender Einordnung in übergeordnete Zusammenhänge, einseitiger „Expertokratie“ und einer Politik, die sich diesen Kakophonien längst als willfähriger Spießgeselle erwiesen hat (oder war es umgekehrt?).

Religiöses Revival oder Weimers Wundertüte?

März 30, 2022

Totgesagte leben länger scheint die These des ehemaligen CICERO-Chefredakteurs Wolfram Weimer hinsichtlich der Zukunft der Religiosität in unseren Breitengraden zu sein.

Im letzten Jahr hat er ein entsprechendes Büchlein von 125 Seiten dazu veröffentlicht („Sehnsucht nach Gott. Warum die Rückkehr der Religion gut für unsere Gesellschaft ist“). Allein: Die Überzeugungskraft seiner Argumentation fällt doch recht schwachbrüstig aus.

Bereits Weimers Prämisse, wir hätten es aktuell – jenseits des islamischen Kontextes – hierzulande mit einem religiösen (christlichen!) Revival zu tun, kann nur als äußerst gewagt bezeichnet werden. Stützt er sie doch verblüffenderweise auf keinerlei empirische Befunde. Und so wundert es nicht, wenn im Jahr 2017 der Religions- und Kirchensoziologe der Uni Leipzig, Gert Pickel, im Interview mit dem Kölner Domradio auf Basis einer ARD-Umfrage aus dem selben Jahr ganz selbstverständlich von einer nach wie vor manifesten „Diffusion des Glaubens“ ausgeht, was man daran erkenne, „dass man mit Glauben nicht mehr ganz so viel anfangen kann, wie noch vor 30 Jahren.“

An vielen Stellen seines Buches neigt Weimer zur Vereinfachung, indem er z.B. in seinem Sinne ausfallende kurze Zitate einstreut, diese sogleich wieder halb relativiert:

Von Rüdiger Safranski stammt die Formulierung: „Der moderne Mensch lebt, anthropologisch gesehen, auf Kredit.“

Nun hat diese Kreditnahme auch den Effekt, dass man ihr ganz bewusst religiöses Kapital zuführen kann. Die Tatsache, dass moderne Sekten, Evangelikale, islamische Fundamentalisten, Anthroposophen oder auch klassische christliche Kirchen von den Mechanismen des Medienzeitalters profitieren können, wenn sie sich ihrer gezielt bedienen, wird das Comeback der Religionen wohl bald massiv befördern. (S. 48f.)

Jean Paul brachte die ethische Magie aller Religion einmal auf die romantische Formel: „Wo Religion ist, da werden Menschen geliebt.“ Zumindest sollen sie geliebt werden. Das ethisch Normative gehört zur Religion wie das Gesetz zum Staat. (S. 71)

Ein Blick in die staatlichen Fernsehprogramme streng-religiöser Nationen oder auch nur auf diverse Youtube-Kanäle mitsamt ihrem teils himmelschreienden Blödsinn (fundamental-)religiöser Couleur gibt Weimer sicher recht. Doch was um alles in der Welt ziehen denn die „klassischen christlichen Kirchen“ momentan aus den digital-medialen Möglichkeiten für einen Profit? Von den kurzlebigen Nabelschau-Großereignissen à la Kirchen- und Katholikentag einmal abgesehen, hat doch der Umgang mit dem Missbrauchsskandal insbesondere dem deutschen Ableger der Papstkirche zuletzt hart zugesetzt und die Austrittszahlen entsprechend in die Höhe getrieben.

Und dass religiöse Theorie und Praxis mitunter eklatant auseinanderklaffen, ist nun wirklich derart banal, dass sich Weimer anstelle des religiophilen Romantikers Paul lieber die Frage hätte stellen sollen, ob nicht AUCH Großteile der religiösen Grundlagenwerke aus humanistischer Perspektive Anlass zu größter Skepsis liefern sollten. „Mich stören nicht die Stellen in der Bibel, die ich nicht verstehe, mich stören die Stellen, die ich verstehe.“ wusste schließlich schon Mark Twain.

Gänzlich peinlich gerät Weimers Pamphlet, wenn er den katholischen Philosophen Robert Spaemann zitiert:

„Angesichts der überwältigenden Allgemeinheit und Dauer des Gerüchts von Gott trägt derjenige die Begründungspflicht, der dieses Gerücht als irreführend abtut. Wenn wir Spuren Gottes suchen, dann ist immer derjenige wichtiger, der eine Spur gefunden hat, als der, der keine gefunden hat.“

Hier reibt sich der in skeptischem Rationalismus trainierte Leser verwundert die Augen: Kann ein hoch gebildeter Mann wie Spaemann so etwas wirklich gesagt haben? Kann er in der Tat von der quasi-anthropologischen Konstante des psychisch-emotionalen Bedürfnisses eines Großteils der Menschheit nach einem transzendentalen Wesen allen Ernstes auf die Validität der Argumente FÜR dieses Wesen schließen?

Dem zufolge müsste man auch so konsequent sein und das zutiefst menschliche Bedürfnis nach Sündenböcken als Beweis dafür nehmen, dass kleine, aber hinterhältige Minderheiten immer schon Zwietracht säten und mit mehr oder weniger allen Mitteln bekämpft gehörten. Die „Schlagkraft“ eines derartigen Pseudo-Arguments entlarvt sich offensichtlich selbst!

In seinen weiteren Ausführungen konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Weimer eine (unbewusste?) Gleichsetzung von (wert-)konservativen und religiösen Menschen betreibt. Sicher trifft es zu, dass Gläubige häufig am Bewährten und Althergebrachten hängen, teils sicher auch aus guten Gründen, wenn man sich bspw. die links-grünen Wokeness-Jünger unserer Tage so anschaut!

Allerdings suggeriert Weimer, dass das Verfechten einer selbstbewussten Werteordnung und die Anhängerschaft gegenüber einem gesunden kulturellen Gemeinschaftsempfinden nur religiös grundierten Zeitgenossen obliege.

In diesem Zusammenhang grenzt er sich zu recht ab von linkem Kulturpessimismus und postmodernem Werterelativismus, unterschlägt aber die Wurzeln des gerade auch christlich begründeten Eskapismus apokalyptischer Prägung, der sich ja auch heute noch offiziell im allgemeinen Credo der weltweiten Jesus-Anhängerschaft findet, wenn von der Hoffnung auf dessen Parusie (Wiederkunft zum Gericht (!)) die Rede ist.

Auch das Empfinden kollektiver Zusammengehörigkeit war über weite Strecken christlicher Religionsgeschichte nur als Allianz von Thron und Altar und somit als Manifestation reaktionärer Menschenfeindlichkeit denkbar – von freiheitlich-rechtsstaatlicher Demokratie-Orientierung keine Spur (Man denke nur an das unsägliche „Gott mit uns“ auf den Koppelschlössern der Mordmaschinerie Wehrmacht)!

Alles in Allem lässt sich Weimers Büchlein eher als Ausdruck eigenen Wunschdenkens auffassen, die christliche Religion möge zu alter gesellschaftlicher Relevanz zurückfinden. Doch selbst in ethischen Bereichen wie der Sterbehilfe-Debatte mussten die Kirchen bzw. ihnen nahestehende Positionen nicht zuletzt durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum § 217 vor zwei Jahren eine herbe Niederlage einstecken. Der Umgang mit dem Abgrund sexuellen Fehlverhaltens innerhalb kirchlicher Kreise wurde ja bereits oben angedeutet.

Ich verstehe das Buch als weiteren Mosaikstein in einer ganzen Reihe publizistischer Duftmarken eines lang anhaltenden Rückzugsgefechtes religiöser Protagonisten, die sich und ihre Normen zu unverzichtbaren Mauersteinen einer nun einmal bröckelnden Festung erklären – eine Festung, deren Risse jedoch täglich größer werden und wohl nicht wieder (so leicht) zu kitten sind. Doch dass die sich dahinter befindlichen Menschen sich keineswegs schutz- und wehrlos ohne diese Festung fühlen müssen, will diesen Apologeten des Glauben anscheinend nicht einleuchten.

Verwunderte Weichei-Westler oder Putins infame Propaganda zeigte lange Wirkung – zum Teil selbst bei mir!

Februar 28, 2022

Ich gehörte nie zu dem anscheinend erschreckend großen Teil der deutschen Bevölkerung, der mit Putins autoritärem Regierungsstil offenbar wenig Probleme hat(te?).

Im Umkehrschluss dürften recht viele dieser „Putin-Versteher“ latente bis ausgewachsene Aversionen gegen die Vereinigten Staaten von Amerika (USA) hegen, die sich vielfach nur als antiamerikanische Ressentiments bezeichnen lassen: Die Amerikaner seien kulturlos, oberflächlich, egozentrisch, depperte Waffennarren, daher auch auf internationaler Bühne Kriegstreiber par excellence etc. pp.

Auch ohne Psychologie-Studium liegt es für mich auf der Hand, in derlei Vorurteilen zumindest teilweise den Ausdruck eigener Projektionen von Menschen zu sehen, denen der links-grüne Zeitgeist seit Jahrzehnten sein vulgärpazifistisches Dogma um die Ohren haut: „Krieg ist nie die Lösung!“ und „Man kann doch über alles reden!“ Eigene unterdrückte Aggressionstriebe werden dann halt auf „die Amis“ übertragen…

Spätestens seit dem 24. Februar 2022 und Putins barbarischem Angriffskrieg gegen die souveräne Ukraine sollten solche pubertären Sprüche als Ausfluss reinen Wunschdenkens erkannt sein! Zwar hätte jeder mit Verstand gesegnete Mensch auch lange vorher darauf kommen können, dass mit eiskalten Machtmenschen eben NICHT bis zum Erbrechen Diplomatie zu treiben ist (Chamberlains Appeasement-Politik von 1938 lässt grüßen!). Aber Schwamm drüber, sind halt nicht alle so geschichtsinteressiert wie meinereiner…

Im Falle von Putins Russland hielt sich erschreckend lange die These vom westlicherseits angeblich zugesicherten Verzicht der NATO-Osterweiterung. Erst dieses gebrochene Versprechen habe Putin in seine Abwehrhaltung gedrängt und zu seinem Widerstand gegen die „Einkreisung“ seitens des westlichen Verteidigungsbündnisses getrieben.

Und ich muss gestehen: So ganz unrecht sah ich diese Position bis vor wenigen Tagen dann auch wieder nicht…

Um so dankbarer bin ich dem ZEIT-Redakteur Michael Thumann („Der Geschichtsvollzieher“; DIE ZEIT v. 24.02.22, S. 4), hier einiges gerade gerückt zu haben. Er erinnert die Leser an die politischen Vorgänge des Jahres 1990 unmittelbar vor der Wiedervereinigung, den sog. Zwei-plus-Vier-Vertrag zwischen den Alliierten des Zweiten Weltkriegs und den beiden deutschen Staaten:

Horst Teltschik, damals außenpolitischer Berater von Helmut Kohl, nahm an allen Gesprächen teil und versicherte, dass „zu keinem Zeitpunkt die Rede war über eine Erweiterung der Nato über Deutschland hinaus.“ Gorbatschow selbst hat sich mehrfach dazu geäußert, zuletzt 2014 und 2019 in unmissverständlicher Klarheit. Der Rossijskaja gaseta sagte er, damals hätten Baker, Kohl und Genscher nur über die Frage „der Ausdehnung der militärischen Strukturen der Nato und die Stationierung von Truppen der Allianz auf den Gebiet der ehemaligen DDR“ mit ihm gesprochen. Die Frage einer möglichen Nato-Erweiterung sei „gar nicht aufgetaucht.“

Zudem verweist Thumann auf zwei in der aktuellen Debatte häufig ausgeblendete völkerrechtliche Vertragswerke, die eindeutig belegten, dass Putin/Russland zu keinem Zeitpunkt ein Problem mit der Ausdehnung der NATO Richtung Osteuropa gesehen habe.

…vereinbarte die Nato mit Russland 1997 eine Grundakte, die das Sicherheitsverhältnis regelte und die Stationierung von Nuklearwaffen in künftigen Nato-Beitrittsstaaten ausschloss. Unter den Bedingungen dieser Grundakte stimmte Russland den folgenden Erweiterungen zu.

Diese Voraussetzung erwähnt Putin gar nicht in seiner langen Anklage des Westens. […] Gerade die Erweiterung von 2004 hätte wirklich ein Problem für ihn sein können, denn es waren drei ehemalige Sowjetrepubliken [Estland, Lettland, Litauen, Anmerkung M . Haß] dabei. Putin war damals Präsident – und Gerhard Schröder Bundeskanzler. Beide hatten gegen den Irakkrieg der USA 2003 laut protestiert. Aber nicht gegen die Nato-Osterweiterung. Der deutsche Kanzler trieb sie voran, und Putin ließ es geschehen.

Schließlich geht Thumann auch noch auf einen Vertrag von Mitte der 1990er-Jahre ein:

Auf dem Nato-Gipfel in Bukarest 2008 stritten Amerikaner und Deutsche über ein Beitrittsangebot an die Ukraine und Georgien. Die Ukraine hatte schon eine Sicherheitsgarantie, das Budapester Memorandum von 1994, nach dem Russland die Atomwaffen der Ukraine bekam und dafür die „territoriale Unversehrtheit“ der Ukraine garantierte. Diese wurde bekräftigt im russisch-ukrainischen Freundschaftsvertrag von 1997.

Es war nicht zuletzt die Naivität (besser: generelle Führungsschwäche) westlicher Regierungschefs, selbst nach dem Afghanistan-Desaster des letzten Sommers immer noch nicht von ihrer Verabsolutierung der Diplomatie um jeden Preis abgerückt zu sein, die dem rücksichtslosen Machtmenschen Wladimir Putin das Gefühl geben musste, von solcherlei „Weicheiern“ keinerlei Gegenwehr befürchten zu müssen.

Exzellente Einblicke in Putins Russland liefert(e) übrigens schon seit Jahren der Journalist Boris Reitschuster (u.a.2015 in „Putins Demokratur“), brandaktuell auch in diesem Podcast nachzuhören.

Gefangen im Bestätigungsfehler („Confirmation bias“) seiner Machtblase und der ihm hörigen Staatsmedien, verrennt sich der russische Präsident in seinen selbst konstruierten Verfolgungswahn.

Aber das kennen wir ja ganz ähnlich von hiesigen Machteliten; nur dass der Großteil der deutschen Medienlandschaft gar keiner staatlichen Repressionen bedarf, um (insbesondere in Krisenzeiten) mehr oder weniger offene Hofberichterstattung abzuliefern. Nur mit dem entscheidenden Unterschied, dass Merkel, Scholz & Co. zu keiner Zeit auf die hirnrissige Idee kommen würden, ihre Atomstreitkräfte in Alarmbereitschaft zu versetzen, so sie denn solche hätten…

Medizin ohne Schicksalsbegriff hat „nicht das menschliche Leben im Blick, sondern die perfekt eingestellte Maschine“ – kleine Zitatensammlung zur technokratischen Dehumanisierung des ärztlichen Ethos

Januar 31, 2022

Anmerkung vorweg: Die folgenden Zitate bringen nicht zum Ausdruck, dass es mir oder den zitierten Medizinern darum ginge, an Covid-19 erkrankten (insbesondere hochbetagten) Menschen die bestmögliche Behandlung abzusprechen, da es keinen Sinn habe, sich gegen sein Schicksal aufzulehnen.

Dennoch halte ich sie für überaus luzide, da die rein rational-technokratische Lebensverlängerung um jeden Preis in vielen Fällen bereits dazu geführt hat, dass invasiv beatmete Covid-19-Patienten mithilfe eines solch schwerwiegenden Eingriffs mehr Schaden als Nutzen zugefügt wurde.

In diesem Zusammenhang halte ich die u.a. aus einer weit verbreiteten Verdrängung der Tatsache unser aller Sterblichkeit heraus generierte Verabsolutierung des Wertes der menschlichen Gesundheit zu einem quasi-religiösen Gut für äußerst bedenklich, dem sich alles andere unterzuordnen habe, ohne Rücksicht auf soziale, ökonomische oder psychische Folgeschäden bei Dritten.

Doch lassen wir nun einen Bioethiker (Giovanni Maio), einen Doktor der Psychologie (Wilfried Nelles) sowie einen Psychiater (Manfred Lütz) zu Wort kommen:

„Aber gerade dieser erreichte Erfolg droht heute der Medizin zum Verhängnis zu werden, weil die moderne Medizin in ihrer auf Machbarkeit orientierte Grundhaltung dem Irrglauben verfallen ist, dass sie überhaupt kein Schicksal mehr zu akzeptieren brauche. Schicksal ist für die moderne Medizin in einer Denkatmosphäre der Totalität des Machens nichts, womit man sich anzufreunden, sondern nur noch das, was man komplett abzuschaffen hat. Zum Schicksal gehört das Ungeplante. Unvorhergesehene, und gerade diese Unplanbarkeit kann der moderne Mensch nicht zulassen, weil seine Lebenswelt durchdrungen ist von Planung, von Kontrolle, von Sicherheitsgarantien. […]

Die Medizin als Naturwissenschaft setzt voraus, dass das, was für das Leben gut ist, auch für den Menschen, für sein Selbstverständnis gut sein muss – und genau das ist der schwerwiegende Fehler und Trugschluss, dem die moderne Medizin aufsitzt. Sie verkennt nämlich grundlegend, dass das Nichtwissen, die Nichtvorhersagbarkeit des Lebensverlaufs für den Menschen kein Mangel, sondern ein Segen ist, weil der Mensch nur angesichts dieser inhärenten Ungewissheit seiner Zukunft tatsächlich Pläne schmieden und sich in seinen Plänen als freier Mensch fühlen kann. […] Eine Medizin, die kein Schicksal zulassen und alles planbar machen möchte, hat als Ideal nicht das menschliche Leben im Blick, sondern die perfekt eingestellte Maschine.“

Giovanni Maio, Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin (Universität Freiburg) Quelle: Standpunkte der Ethik – brisant. Hauptsache gesund? – Medizinethik. Braunschweig / Paderborn / Darmstadt 2016, S. 38.

„So ist es […] mit Corona. Wir müssen es anschauen als etwas, das zum Leben gehört. Dazu gehört auch das Sterben, das es mit sich bringt. Es wird ständig gestorben, aber das moderne Bewusstsein kann das nicht mehr aushalten und verdrängt es. Die Toten im Mittelmeer sind überall, nur dass überall, zum Beispiel in der libyschen Wüste, keine Kameras dabei sind. Sie sind auch nicht zu verhindern. Dafür, dass man die einen rettet, nimmt man den Tod anderer in Kauf, wenn man nicht sogar andere dafür töten muss. […] All unsere Eingriffe ins Leben und die Natur haben eine Kehrseite. Auch die Sterbenden in unseren Krankenhäusern sind überall, nur dass an jedem Corona-Bett ein Totenzähler steht, während über die neunundneunzig anderen, die zur selben Zeit sterben, niemand berichtet.“

Wilfried Nelles: Also sprach Corona. Die Psychologie einer geistigen Pandemie. München 2021, S.111

„Gesundheit ist heutzutage ein großer Wirtschaftsfaktor mit krisenfesten Zuwachsraten. Das hat mit einem revolutionären Wandel im Wertegefüge der westlichen Gesellschaften zu tun. Das religiöse Vakuum ist mehr und mehr von der ‚Gesundheit‘ ausgefüllt worden. Gesundheit gilt inzwischen unwidersprochen als ‚höchstes Gut‘. Unsere Gesundheitsgesellschaft toleriert jeden albernen Scherz über Jesus Christus, aber bei der Gesundheit hört der Spaß auf.

Es gibt Wallfahrten zum Spezialisten, asketische Diätbewegungen, Fitness-Studios als Stätten der Herstellung von Gesundheit durch fromme Übungen, Bonus-Malus-Systeme zur Herstellung der Volksgesundheit, staatlich geförderte Missionskampagnen – gegen Rauchen, gegen Trinken, gegen Essen – und eine pazifistische Ernährungsministerin, die für ‚Kampf‘, ‚Mobilmachung‘ et cetera ist, nicht gegen Saddam Hussein, sondern gegen die deutsche Fettzelle. Es gibt massenhafte Erweckungsbewegungen wie Städtemarathons, Hunderte von Geboten, Ernährungssünden und ein stets schlechtes Gewissen, salbungsvolle Reden und Schriften, Gesundheitspäpste, Irrlehren, die mit inbrünstiger Gläubigkeit geglaubt werden, und die Scholastik der ‚Schulmedizin‘.

Das ganze Treiben ist eine ins Gigantische gesteigerte Realsatire. Aber niemand lacht. Das Auswandern der Religiosität in den Gesundheitsbereich hat das Menschenbild unserer Gesellschaften zutiefst verändert, und das hat verheerende Folgen. Denn die Gesundheitsreligion hat inzwischen ihren eigenen Fundamentalismus entwickelt – die sogenannte ‚Ethik des Heilens‘. Die ‚Ethik des Heilens‘ ist das Ende der Ethik. Die Ethik war einmal der argumentative, kontroverse, philosophische Diskurs über Moral. Sobald aber heute jemand ‚Ethik des Heilens‘ sagt, ist Ende der Debatte, dann wird es sakral: Wollen Sie etwa einem mukoviszidosekranke Kind erklären, aus welchen absurden ethischen Gründen Sie ihm nicht helfen wollen, sagte sinngemäß der frühere Bundespräsident Roman Herzog. Wer als Grund nennt, daß man keinen Menschen am Beginn seiner Existenz opfern darf, um einen anderen Menschen zu heilen, der gilt als zynisch. […] ‚Wer heilt, hat recht‘, dieser gute ärztliche Grundsatz wird ethisch genommen zynisch.

[…] Wenn aber gemäß der Gesundheitsreligion der gesunde Mensch der eigentliche Mensch ist, dann ist der nicht mehr heilbar Kranke, der Behinderte, ein Mensch zweiter Klasse. Unsere Versorgungssysteme stellen sich darauf ein. Sterbenden Menschen kann man in Holland und Belgien inzwischen einen ‚guten Tod‘ geben. Euthanasie heißt das auf griechisch. Die Gesundheitssysteme aller Länder stehen vor dem finanziellen Kollaps. Die letzten Jahre eines Lebens sind bei weitem am kostspieligsten. Da senkt dann das Milieu gewisse Schranken. Die Gesundheitsreligion frißt ihre Kinder.

[…] Fortschritt, der über die Würde des Menschen hinwegschreitet, mag Evolution sein, ein menschlicher Fortschritt ist er nicht mehr.“

Manfred Lütz: Gesundheit als Religion. In: Die Welt, 19.06.2005

https://www.welt.de/print-wams/article129154/Gesundheit-als-Religion.htm



„BILD“ als Corona-Aufklärer oder die fatale Koorientierung vieler Journalisten

Dezember 31, 2021

Eine der irritierendsten Erfahrungen der letzten Wochen und Monate war für mich die Feststellung, dass ausgerechnet die vielfach (häufig zurecht) geschmähte „Bild“-Zeitung bzw. deren seit diesem Sommer verfügbares Fernsehformat „BILD TV“ in Sachen Corona-Maßnahmen der Regierung immer wieder den Finger auf die Wunde legt:

Karikatur Chappatte 49 2021

So wird dort im Gegensatz zu weiten Teilen der (linksliberalen) Leitmedien hartnäckig die Verhältnismäßigkeit und Evidenz diverser Gesetze und Verordnungen angemahnt, zuletzt auf das (nicht nur) durch die Weihnachtsfeiertage bedingte Datenchaos des Robert-Koch-Instituts (RKI) und anderer (Ärzte-)Organisationen wie der Intensivmediziner-Vereinigung DIVI hingewiesen. Z.B. blieb die Zahl der sich coronabedingt auf einer Intensivstation befindlichen Patienten offenbar mit ca. 4200 Menschen deutlich hinter diversen Horrorprognosen (bis zu 6000) zurück (Stand: 28.12.21):

Doch damit nicht genug: Das politische Monatsmagazin „CICERO“ widmet dem Thema mangelhafter Corona-Datenerhebung die Titelstory der aktuellen Januar-Ausgabe („Die Pandemie der Wissenslücken“):

Schon die heute geltenden Maßnahmen stehen wissenschaftlich und logisch auf tönernen Füßen. Warum zum Beispiel brauchen Ungeimpfte für Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder der Deutschen Bahn, in denen 3G gilt, einen Test – und Geimpfte nicht? Schließlich kann heute niemand wissen, ob ein ungetesteter Geimpfter ungefährlicher ist als ein getesteter Ungeimpfter. Und was rechtfertigt es, Ungeimpften durch die 2G-Pflicht für Restaurants, Fitnessstudios und Cafés den Zugang zu Sportangeboten und Gastronomie zu verwehren – nicht einmal das Robert-Koch-Institut weiß, wie hoch die Inzidenzen unter Geimpften auf der einen und unter Ungeimpften auf der anderen Seite sind.

„Eigentlich müsste man dem ehemaligen Bundesgesundheitsminister Spahn für seine Arbeit in der Corona-Krise ein Zeugnis ausstellen“, sagt Ulrike Haug, Professorin für Klinische Epidemiologie am Leibniz-Institut für Präventionsforschung BIPS in Bremen. Für sie ist klar, dass da keine guten Noten draufstünden. „Beim Thema Datenerfassung in Sachen Corona bekäme er von mir eine glatte Sechs.“

Bereits bei der Veröffentlichung eines ersten Impfstrategie-Konzepts durch das Bundesgesundheitsministerium im Oktober 2020 habe man versäumt, die entsprechenden Impfinformationen in die Abrechnungsdaten der Krankenkassen einfließen zu lassen. Dadurch sei eine spätere realistische Studienerstellung zur Sicherheit dieser Impfstoffe verhindert worden.

Auch die wochenlang durch viele Medien ungeprüft übernommene Zahl von den 90 % Ungeimpften auf den Intensivstationen habe sich im Rahmen einer öffentlichen Anhörung des Deutschen Bundestags Mitte November als wissenschaftlich unhaltbar erwiesen.

Auch an den heute wieder weitgehend in Vergessenheit geratenen Fauxpas des RKI vom Oktober diesen Jahres erinnert der „CICERO“-Artikel: Musste dessen Chef Lothar Wieler doch damals zugeben, die Quote der Geimpften über einen längeren Zeitraum zu gering angegeben zu haben.

Und worauf auch der „CICERO“ nicht eingeht: Um die Gefährlichkeit der Corona-Lage überhaupt valide einschätzen zu können, bedürfte es eigentlich aussagekräftiger Vergleichszahlen z.B. für den Zeitraum der letzten schweren Grippewelle vom Herbst/Winter 2017/18. Aber da damals mit wenigen Ausnahmen kein Vertreter der schreibenden Zunft sich bemüßigt fühlte, die anscheinend auch recht ernste Problematik überhaupt in den journalistischen Blick zu nehmen, fehlen derartige Daten natürlich völlig!

Ebenso erstaunt die Selbstsicherheit vieler deutscher Medienvertreter, mit der sie im Gleichklang mit den üblichen Verdächtigen aus der hohen Politik (Söder, Kretschmer, Kretschmann & Co.) und der (politisierten) Wissenschaft die angebliche Gefahr, die durch die neuartige Omikron-Virusvariante drohen solle, hinausposaunen. Dabei gibt eine Meldung des „Deutschen Ärzteblatts“ vom 23.12.21 möglicherweise Grund für eine verhalten optimistische Einschätzung. Der Autor schreibt dort, dass es bisher in England sowie Schottland zu weniger Hospitalisierungen durch Omikron im Vergleich zu Delta gekommen sei und führt weiter aus:

Die Infektionen mit der Delta-Variante („S-Gene positive Infection“) traten meist bei ungeimpften Perso­nen auf, vor allem bei Kindern, die in Schottland zu 80 % nicht geimpft sind. Mit Omikron infizieren sich dagegen eher geimpfte Personen.

Ebenso scheint es weiten Teilen der deutschen Medienlandschaft entgangen zu sein, dass die Entdeckerin der Omikron-Variante in Südafrika, Angelique Coetzee, von den ihrer Meinung nach überzogenen Reaktionen wie Flugstreichungen gerade seitens europäischer Regierungen, namentlich Großbritannien, irritiert war (Stand: Anfang Dezember 2021).

Nun stellt sich berechtigterweise die Frage, wieso es im Journalismus so häufig zu ähnlichen Einschätzungen das selbe Thema betreffend kommt: Zum einen liegt das sicher daran, dass ein Großteil der Journalisten hierzulande dem linksliberal/grünen Spektrum entsprießt, also von Hause aus zu einer ganz ähnlichen politischen Haltung tendiert. Auf einen anderen Aspekt macht der Kommunikationsforscher Hans Mathias Kepplinger in seinem augenöffnenden Buch „Die Mechanismen der Skandalisierung. Die Macht der Medien und die Möglichkeiten der Betroffenen“ aufmerksam:

Die generell starke Koorientierung im Journalismus wird bei Skandalen und anderen spektakulären Ereignissen noch intensiver, weil die Redaktionen die Meldungen anderer Medien verstärkt zur Justierung ihrer eigenen Beiträge heranziehen. Deshalb ist bei der Skandalberichterstattung die Normbildung in den Medien spätestens innerhalb von zwei bis drei Wochen abgeschlossen. […] Die starke Koorientierung im Journalismus ist die entscheidende Ursache des für Skandale typischen Verlaufs der wertenden Berichterstattung […]: Die am Beginn noch unterschiedlichen Urteile verschiedener Medien gleichen sich innerhalb weniger Tage einander an und treffen sich im negativen Bereich. (S. 48)

Nun denn: Inwiefern Omikron die Lage auf den heimischen Intensivstationen positiv oder negativ beeinflussen wird, lässt sich nicht zuletzt dank oben beschriebenem Datenchaos und angesichts des frühen Zeitraums momentan natürlich noch nicht sagen. Die Tendenz weiter Teile des Medien- und Politikbetriebs zur dauerhaften Fortsetzung ihres nun schon zur Gewohnheit gewordenen Panik-Narrativs und davon abgeleiteter weitgehender Grundrechtseinschränkungen kann nur als fatal bezeichnet werden!

Köln: Toleranzrausch fressen Hirn auf! Wenn es die DITIB nicht gäbe, müssten deutsche Behörden sie wohl erfinden…

November 29, 2021

Es ist einfach nur ein unsägliches Trauerspiel, das sich Jahr um Jahr (nicht nur) in deutschen Amtsstuben wiederholt und welches letztendlich den Kritikern einer emanzipations- und aufklärungsresistenten Variante des Islam Mal um Mal recht gibt mit ihrem Insistieren auf der Beendigung einer nicht hinnehmbaren Kooperation kommunaler Verwaltungen mit ethisch hochproblematischen Moscheeverbänden. Platzhirsch in dieser Hinsicht bildet nach wie vor der deutsche Ableger des türkischen Amtes für religiöse Angelegenheiten (Diyanet), die DITIB mit Sitz in Köln.

Die Millionenmetropole am Rhein, die sich zurecht für ihre Toleranz (besser: Akzeptanz) gerade gegenüber ihrer beträchtlichen Queer-Community rühmt, fällt neuerdings jedoch für eine bedenkliche Nähe zu ganz anders gearteten Zeitgenossen auf – kurzum, es geht um das Anliegen zweier Moscheegemeinden, den lautsprecherverstärkten Gebetsruf jeweils am Freitag für einige Minuten erschallen zu lassen.

Nun ist es dem aufklärungsaffinen Restbestand zivilgesellschaftlicher Aktivisten zu verdanken, diesen Akt falscher Toleranz gegenüber einem Verband anzuprangern, dessen Funktionäre trotz x-maliger Verstrickung in diverse Skandale sich nach wie vor erdreisten, in sozialen Medien (und womöglich auch in der moscheeinternen Öffentlichkeit) durch antisemitische, homophobe und religionschauvinistische Diffamierungen aufzufallen.

Doch das ficht ein toleranzbesoffenes Stadtoberhaupt wie Henriette Reker (parteilos), ihres Zeichens Kölner Oberbürgermeisterin, selbstverständlich nicht an. Wo kämen wir auch hin, wenn so etwas Altmodisches wie Verfassungstreue maßgebliches Kriterium für die Genehmigung des begehrten Gebetsrufs wäre! Da liegt sie ganz auf einer Linie mit Armin Laschet (CDU), der zuletzt bekanntlich nicht nur durch seinen fettnäpfchengesättigten Wahlkampf negativ aufgefallen ist, sondern bereits zuvor geradezu auf Kuschelkurs mit den Herren (und vereinzelt vorhandenen Damen) der oberen DITIB-Funktionärsränge ging.

Und als sei die in der Vergangenheit ad infinitum unter Beweis gestellte Toleranz gegenüber den Intoleranten noch nicht Skandal genug, signalisierte mit Bettina Baum als Sprecherin der Stadt Köln offenbar gerade eben erst wieder einmal eine Behördenvertreterin, dass sie nicht gedenke, zumindest im Gegenzug zum umstrittenen Gebetsruf der Moscheen die Interessen areligiöser Mitbürger zu berücksichtigen. So stellt Ingo Eitelbach als Beobachter vonseiten des Humanistischen Pressedienstes (hpd) im Rahmen einer Podiumsdiskussion zu eben jenem Thema in der katholischen Karl-Rahner-Akademie lapidar fest:

Überraschend war dann aber doch, dass Frau Bettina Baum als Vertreterin der Stadt Köln, sich nahtlos in die Phalanx der Religionsvertreter einreihte und erkennen ließ, dass Belange von konfessionsfreien Menschen seitens der öffentlichen Verwaltung nicht berücksichtigt werden.

Wenn es Verbände wie die DITIB nicht gäbe, toleranzbesoffene deutsche Behörden mit ihrem offenbar verqueren, aber umso tiefer sitzenden Wiedergutmachungsbedürfnis für die Mordtaten ihrer Groß- und Urgroßväter während der NS-Zeit müssten sie erfinden…

Black Lives Better? Der Fall Jasmina Kuhnke und die Verabsolutierung des woken Empörungsempfindens

Oktober 31, 2021

Hoch schlugen die Empörungswellen unlängst wieder einmal im ach so divers-toleranten Woke-Land. Hatte die schwarze Autorin und Aktivistin Jasmina Kuhnke doch ob ihrer gefühlten Unsicherheit von einem eigentlich vorgesehenen Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse abgesehen.

Jasmina Kuhnke – Quelle: https://feminismuss.de/tag/jasmina-kuhnke/

Mehr noch: Zum Aufruf eines allgemeinen Autoren-Boykotts fühlte sich die schreibende Dame, die ihr Verständnis von Antirassismus offenbar zum Geschäftsmodell geadelt hat, bemüßigt. Stein des Anstoßes bildete die Messe-Präsenz des rechtsradikalen Jungeuropa-Verlags, der ohne die Kuhnke´sche mediale Schaumschlägerei nach wie vor nur einem einschlägigen „Szene-Publikum“ bekannt wäre.

Der in der Wagenknecht´schen „Aufstehen!“-Bewegung aktive linke Theatermacher Bernd Stegemann analysiert die dahinter zum Vorschein kommenden Befindlichkeiten linker Identitätspolitik wie folgt:

Die erste Frage wäre, ob die Bedrohungslage von Jasmina Kuhnke so ist, wie sie es in ihrem Bedrohungsgefühl empfindet. Ist ihre Sicherheit tatsächlich gefährdet, weil ein rechter Verlag dort seine Bücher ausstellt? Diese Frage führt ins Zentrum des Problems. Denn hier sind nun zwei Antworten möglich. Die eine versucht, das Offensichtliche auch sichtbar zu machen. Folgt man diesem Weg, ist es ratsam, die Lage auf der Buchmesse realistisch zu beschreiben. Anschließend könnte man über praktische Maßnahmen nachdenken, um eine mögliche Gefährdung auszuschließen. So käme man zu dem Schluss, dass ein Personenschutz für die Messe oder den Verlag leicht zu engagieren gewesen wäre. Die Erkenntnis des Offensichtlichen ist also: Hätte sie kommen wollen, wäre für ihre Sicherheit gesorgt worden.
Die zweite Antwort will von diesen praktischen und realistischen Lösungen nichts wissen. Sie schlägt den Weg der Empörung ein. Die Klage über die bedrohte Sicherheit muss absolut gelten und darf durch keine Fakten oder sicherheitstechnischen Überlegungen relativiert werden. Denn nur wenn das Bedrohungsgefühl absolut gilt, kann mit ihm eine moralische Forderung verbunden werden: kein Raum für rechte Verlage auf der Buchmesse. Und um diese Verbindung aus persönlicher Betroffenheit und allgemeiner Forderung geht es der Empörungsmechanik.
Denn erst hier entsteht das, was seit Jahren unter dem sperrigen Namen der Identitätspolitik Zulauf erfährt. Dabei kommt ein Dreischritt zur Anwendung, der überaus wirkungsvoll ist. Im ersten Schritt wird ein persönliches Gefühl aus dem Bereich der Ängste geäußert, wie etwa Bedrohung, Traumatisierung und Retraumatisierung. Im zweiten Schritt wird verlangt, dass diesen Gefühlen absolut geglaubt werden muss. Wer seine Angst äußert, ist nicht etwa furchtsam, sondern erleidet eine objektiv gefährliche Situation. Die Ursachen der Angst liegen immer in der Gesellschaft und niemals im Subjekt selbst. Im dritten Schritt wird aus der Abhängigkeit der Gefühle von ihren gesellschaftlichen Ursachen eine allgemeine politische Forderung abgeleitet: Damit niemand mehr Angst haben muss, müssen alle Mikro- und Makroaggressionen unerbittlich geahndet werden.

Sogar der Literaturkritiker Volker Weidermann schlägt in der aktuellen Ausgabe der ZEIT („Ein neues Wir“, S. 59) moderat-kritische Töne in Richtung Kuhnke an, indem er auf den mutigen Buchmessse-Auftritt Salman Rushdies trotz gegen ihn ausgesprochener Todesfatwa Khomeinis 1989 hinweist und die Frage stellt:

Ist im Vergleich dazu Kuhnkes öffentlich erklärte Angst nicht ein fatales Signal? Ein Triumph für die Angstmacher? Vielleicht.

Jene Jasmina Kuhnke, die sich im Übrigen nicht entblödet, die moralische „Erlaubnis“ für das Tragen von Rastazöpfen von der „korrekten“ (ergo schwarzen) Hautfarbe mindestens eines Elternteils des Betreffenden abhängig zu machen (vgl. Judith Sevinc Basad: „Schäm dich! Wie Ideologinnen und Ideologen bestimmen, was gut und böse ist“, S. 82).

Es würde Frau Kuhnke wie der gesamten woken Community gut zu Gesicht stehen, selbstreflektierter zu agieren und anstelle ihrer dauerempörten Emotionstrompeterei mit rationalen Argumenten aufzuzeigen, wo tatsächlich rassistisches Gedankengut verbreitet wird. Denn dass dies in Teilen der Gesellschaft noch immer der Fall ist, steht außer Frage. Allerdings erweisen viele Aktivistinnen und Aktivisten der eigentlich guten Sache den berühmten Bärendienst. Auch noch Einteilungen in Redeberechtigte und -unberechtigte vorzunehmen, wie dies in diesen Kreisen durchaus nicht unüblich ist, sollte ohnehin gänzlich der Vergangenheit angehören. Allein die Erfahrung lässt erahnen, dass die Entwicklung eine ganz andere sein wird…

„Wir müssen reden…“ – Nachtrag zum Positionspapier „Corona ins Verhältnis setzen“

September 30, 2021

In meinem Beitrag vom Juli dieses Jahres hatte ich eine Passage daraus zustimmend zitiert, da diese die fehlende Verhältnismäßigkeit vieler staatlich angeordneter Corona-Maßnahmen betraf.

Nach wie vor stehe ich auch zu zentralen Punkten dieses Positionspapiers „Corona ins Verhältnis setzen“. Doch einige Podcast-Folgen des Youtube-Kanals „Verschwörung & Fakten“ lassen mich mittlerweile zu einer Relativierung meiner eigenen Haltung dazu vornehmen.

Zum einen wird in besagtem Youtube-Kanal die Mitautorschaft von Prof. Ulrike Guérot, auf Europapolitik spezialisierte Politologin, sowie von Dr. Martin Hirte, seines Zeichens praktizierender Homöopath und genereller Impfskeptiker, an diesem Positionspapier kritisch thematisiert.

In diesem Zusammenhang klärt ein Beitrag von „Verschwörung & Fakten“ über einen grundlegenden Fehler des Papiers „Corona ins Verhältnis setzen“ auf, wenn dort nämlich der Fall-Verstorbenen-Anteil (engl. case fatality rate, kurz CFR) irrtümlich mit der auch die nicht diagnostizierten Fälle modellrechnerisch berücksichtigenden IFR (infection fatality rate) in eins gesetzt wird (Näheres zur Unterscheidung beider Kennzahlen siehe hier).

Dennoch bleiben wie erwähnt wichtige Thesen des Papiers nach wie vor aktuell, in erster Linie die Kritik an der Aussetzung verfassungsgemäß garantierter Grundrechte. Mittlerweile gehen Gott sei Dank ja auch teils prominente Parteimitglieder quer durch das politische Spektrum von Sahra Wagenknecht (Die Linke) bis Wolfgang Kubicki (FDP) mit dieser schlampig agierenden, bisweilen willkürlichen, wenig bis gar nicht auf wissenschaftliche Evidenz abzielenden staatlichen Pandemiebekämpfung ins Gericht.

Und auch in der Impffrage geht die Entwicklung seit einigen Wochen in eine bedenklich autoritäre Richtung. Wobei mir, selbst seit Ende Juni doppelt gegen Covid-19 geimpft, das riskante Verhalten von (älteren und/oder vorerkrankten) Menschen mit einer Verweigerungshaltung gegenüber dem potentiell lebensrettenden Pieks eigentlich egal sein könnte, sofern diese von immer mehr Restaurants, Friseuren etc. mithilfe der sog. 2G-Regel (Zutritt ausschließlich für Geimpfte und Genesene) ausgeschlossen werden.

Und doch empfinde ich aufgrund meiner relativ liberalen Einstellung ein latentes Unbehagen gegenüber dieser autoritären Praxis: Wer eine schwere Infektion inklusive möglichem Krankenhausaufenthalt zu befürchten hat, hatte mittlerweile hinreichend Gelegenheit zur Impfung. Ansonsten sehe ich wenig Anlass, in diesen Menschen eine nicht zu vertretende Bedrohung für Menschen mit Impfung oder positiver Covid-19-Testung zu erkennen, die es rechtfertigen würde, sie von wesentlichen Teilen des öffentlichen Lebens auszuschließen.

Von Ortskräften und Mädchenschulen – ein anderer Blick auf das Afghanistan-Desaster des Westens

August 30, 2021

Es ist viel geschrieben worden in diesen gerade einmal gut zwei Wochen, seit die radikalislamischen Taliban für die meisten westlichen Staats- und Regierungschefs sowie viele ihrer Nachrichtendienste, aber auch Mitglieder der schreibenden Zunft, völlig überraschend zum Sprung an die Macht auch über die afghanische Hauptstadt Kabul ansetzten.

Wieder einmal steht „der Westen“ mit seinem langjährigen militärischen wie zivilen Engagement blamiert bis auf die Knochen da und reibt sich in abermaligem Realitätsverlust die Augen, als handele es sich um einen schlechten Traum.

Doch sollte man es sich nicht allzu leicht machen und einer verführerischen Dichotomie zwischen vermeintlich finsteren Gotteskriegern auf der einen und angeblich liberalen Menschen im Land auf der anderen Seite erliegen, die von nicht anderem als den Errungenschaften freiheitlich-demokratischer Werteordnung träumen.

Die Eindrücke langgedienter Afghanistankenner sprechen da eine deutlich andere Sprache, etwa von Ebrahim Afsah in der „Neuen Zürcher Zeitung“, mitverantwortlich für den Aufbau einer Rechts- und Verwaltungsstruktur im Land am Hindukusch:

Man neigt in der Berichterstattung über diesen Krieg dazu, die Taliban zu einem monolithischen Block atavistischer Gotteskrieger zu vereinfachen, die eine friedfertige, letztlich passive Bevölkerung zu Geiseln ihrer vorsintflutlichen Moralvorstellungen machen. Das Versagen des Aufbauprojektes gründet demnach auf der Korruption und Unfähigkeit der vom Westen gestützten Eliten mit Regierungsverantwortung sowie auf ungenügender strategischer Weitsicht der Geberländer und ihrer Militärs.

Wie alle Mythen beinhaltet auch diese Sicht einen Kern Wahrheit, doch verklärt sie mehr, als sie erklärt. Sie ignoriert das Vermögen der Menschen, eigenverantwortlich und selbstbestimmt zu handeln. Die Tatsache, dass der Vormarsch der Taliban in der vergangenen Woche weitestgehend widerstandslos vonstattenging, zeigt, dass das relativ liberale, an westlichen Werten und Organisationsprinzipien orientierte Staats- und Gesellschaftsmodell keine breite Unterstützung geniesst.

Es lässt sich vermuten, dass der Unterschied zwischen der Weltsicht der Taliban und jener der gewöhnlichen Bevölkerung allenfalls graduell, keineswegs kategorisch ist. Das politische Projekt der Taliban scheint mehrheitsfähiger als das der korrupten Kabuler Republik.

Ebenso sollte der Inhalt des Leserbriefes des Bundeswehr-Obersten a.D. Thomas Sarholz in der „Frankfurter Allgemeinen“ Beachtung finden, welcher seine persönlichen Eindrücke aus den Jahren 2005/06 wiedergibt und dabei ebenfalls zu der womöglich mehr als nur anekdotischen Evidenz gelangt, die universalen Freiheitswerte des Westens würden selbst von den Ortskräften der Bundeswehr und anderer Institutionen nicht wirklich geteilt [dritter Brief von oben]:

Dass gerade diese Ortskräfte jetzt sämtlich zu uns kommen wollen, überrascht mich nicht; hatten sie doch einen recht genauen Einblick über unseren Lebensstandard erlangt. Innerlich verachten uns diese Menschen, was sie aus nachzuvollziehenden Gründen natürlich nie zugeben werden. Sie wollen ja etwas erreichen: den Wohlstandsmagneten Deutschland. Ich will nicht verkennen, dass es Ausnahmen geben mag. Nur: mir sind sie nicht begegnet.

Und noch eine dritte Perspektive hat mich in den letzten Tagen stutzig werden lassen: Wie kann es sein, dass die in langjähriger Aufbauarbeit durch den ehemaligen Bundeswehr-Arzt Reinhard Erös und seiner „Kinderhilfe Afghanistan“ errichteten Mädchenschulen im Osten des Landes nach dessen Aussage schon immer, so auch jetzt von den Taliban unangetastet bleiben? Was hat Erös anders als Amerikaner, Deutsche und andere gemacht (außer sich der Landessprache Paschtu zu befleißigen)? Sicher, über die Qualität dieser Schulen äußert sich Erös nicht, und sicher muss davon ausgegangen werden, dass ein zu kritischer (Selbst-)Reflexion anregender Unterricht (auch und gerade in religiösen Dingen) dort alles andere als etabliert sein dürfte. Doch die Frage muss erlaubt sein, wie ein quasi auf Privatinitiative fußendes Bildungsprojekt von den hierzulande häufig als barbarische Steinzeitislamisten dargestellten Taliban offenbar in aller Stille seines Weges gehen kann. Eine von unzähligen unbeantworteten Fragen über dieses für uns so rätselhafte Land in der asiatischen Wildnis…

Verhältnismäßigkeit Fehlanzeige! Vom Versagen weiter Teile in Politik und Medien hinsichtlich eines verantwortbaren Umgangs mit der Pandemie

Juli 31, 2021

Es war eine kostenlose, vom Umfang her minimale „Ausstellung“ am Rande eines öffentlichen Parkplatzes in Bremen irgendwann in den 2000er-Jahren: Leider kann ich zu den konkreten Inhalten nichts mitteilen, da ich sie komplett verdrängt habe.

Mit Ausnahme dieses einen Satzes, der sich bei mir seitdem tief eingebrannt hat: Er besagt sinngemäß, dass in der asiatischen Art zu denken grundsätzlich und anders als bei der westlichen Denkungsart mit völliger Selbstverständlichkeit davon ausgegangen werde, dass es in den allermeisten weltanschaulichen Streitfragen mehr gebe als ein bloßes Entweder/Oder, Richtig/Falsch, Wahrheit/Irrtum.

Mittlerweile scheint diese Erkenntnis auch hierzulande angekommen zu sein (jedenfalls in akademischen Kreisen, Stichwort „Ambiguitätstoleranz“). Gleichwohl scheint sie, wenn es um Medienberichterstattung zu diversen Krisenphänomenen geht, wieder vollkommen in der Versenkung des öffentlichen Bewusstseins verschwunden zu sein: Und so stehen sich in der gefühlten Ewigkeit von anderthalb Corona-Jahren nach wie vor treue Anhänger jedweder Regierungsmaßnahmen und ihre in eigentlich allen Punkten vom Gegenteil überzeugten Antipoden unversöhnlich gegenüber, wie nicht zuletzt die Causa #allesdichtmachen im April/Mai dieses Jahres offenbarte.

Dass es jedoch argumentativ bestens bestückte Meinungen gibt, die sich genau zwischen diesen beiden Extremen bewegen, fällt dabei so gut wie unter den Tisch: Dank jenes antagonistischen Freund/Feind-Denkens scheinen viele Medienbeiträge diese Sichtweise auch noch zu befeuern und senden lieber die gefühlt 500. Grusel-Doku über die sog. „Querdenker“-Szene und ihre in der Tat oft bizarr-fanatischen Auswüchse, statt einmal einen Gang herunterzuschalten und die durchaus differenzierten Zwischentöne wahrzunehmen und einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Eine derartige „wohltemperierte“ Position scheint mir z.B. in Gestalt des Positionspapiers „Corona ins Verhältnis setzen“ vorzuliegen, weshalb ich im Folgenden hieraus unkommentiert zitieren möchte:

Sebastian Rushworth [schwedischer Arzt]: „Und während fast alle Menschen, die an Covid-19 starben, in reichen Ländern und in hohem Alter starben, war die große Mehrheit der Menschen, die am Lockdown starb, aus armen Ländern und jung. Das bedeutet, dass die Zahl der der verlorenen Lebensjahre infolge von Lock-downs jene der verlorenen Lebensjahre infolge von Covid-19 vielfach übersteigt. (…) Lockdowns sind inhärent rassistisch und elitär, mit unklarem Nutzen, aber sicherem Schaden.” Die Covid-19 Data Analysis Group an der Fakultät für Mathematik, Statistik und Informatik der LMU München schreibt in ihrem 16. Bericht vom 28. Mai 2021: „Bei den R-Werten, wie sie vom Robert-Koch- Institut täglich bestimmt werden, ergibt sich seit September kein unmittelbarer Zusammenhang mit den getroffenen Maßnahmen – weder mit dem Lockdown-Light am 2. November und der Verschärfung am 16. Dezember 2020, noch mit der „Bundesnotbremse“, die Ende April 2021 beschlossen wurde.“

Gegen die Grippe wird – im Vergleich zu Covid-19 – praktisch nichts getan. Gegen Covid-19 hingegen so viel, dass alle anderen Themen an Gewicht und Bedeutung verlieren und das öffentliche Leben und Teile der Wirtschaft lahmgelegt werden. Das ist sehr sonderbar und auffällig. Die Regierungen begründen ihre Zwangsmaßnahmen mit dem Schutz der Gesundheit der Bevölkerung. Das ist für sich betrachtet ein hehres Ziel. Doch das Erreichen dieses Zieles müsste, wenn es wirklich ernst gemeint wäre, systematisch angegangen werden. Zum Beispiel so: Auf den öffentlichen Gesundheits-Dashboards scheinen nach ihrer Letalität geordnet die zehn größten Gesundheitsgefahren auf. In Deutschland hätte Covid-19 im Jahr 2020 auf dem Ranking des Statistischen Bundesamtes Platz fünf oder sechs eingenommen, nach Thrombosen/Embolien, Demenz, Lungenkrebs, Herzinfarkt, gleichauf mit oder knapp hinter Herzversagen. Laut Statistik Austria rangieren Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit 38,5 % und Krebs mit 24,5 % unangefochten an der Spitze aller krankheitsbedingten Todesursachen. Weit abgeschlagen folgen mit 6,3 % Erkrankungen der Atmungsorgane. In Österreich sterben jährlich insgesamt rund 85.000 Menschen – davon 2020 rund 6.000 oder 7 % an oder mit Covid-19 (bzw. mit einem positiven PCR-Testergebnis). Auch die WHO reiht Covid-19 im Jahr 2020 mit 1,8 Millionen Toten an die sechste Stelle von Todesursachen, weit abgeschlagen hinter Thrombosen und Embolien, Herzinfarkt, Lungenkrankheiten, Infektionen der unteren Atemwege und Tod kurz nach der Geburt.75 Rechnet man eine 13- bis 17prozentige Überzählung ab, würde Covid-19 gerade noch unter den zehn häufigsten Todesursachen aufscheinen. In absoluten Zahlen war die Corona-Pandemie im Jahr 2020 für weniger als 5 % aller Todesfälle verantwortlich und für weniger als 20 % der Todesfälle infolge von Infektionskrankheiten.77Angesichts dieser Verhältniszahlen könnte man fragen: Müsste die Regierung nicht fünfmal mehr über Herz-Kreislauf-Erkrankungen reden und 3,5mal so viel über Krebs (oder in anderen Ländern den Tod nach der Geburt) sowie entsprechend mehr gegen diese Gesundheitsgefahren unter-nehmen als gegen Covid-19? Wenn der Grund, warum gegen Covid-19 mehr unternommen wird als gegen Grippe, der ist, dass Covid-19 zumindest 1,5mal tödlicher ist, müsste dann nicht entsprechend noch viel mehr gegen diese viel tödlicheren Gefahren unternommen werden?

Covid-19 betrifft vor allem Menschen, die bereits die durchschnittliche Lebenserwartung erreicht haben und – rein statistisch gesehen – täglich an Altersschwäche sterben könnten. Verkehrsunfälle treffen dagegen junge Menschen, die noch das ganze Leben vor sich haben, relativ am härtesten: Bei den 5- bis 29-Jährigen sind Verkehrsunfälle weltweit Todesursache Nummer eins! Insgesamt sterben jedes Jahr 1,35 Millionen Menschen bei Verkehrsunfällen (Covid-19 2020: 1,8 Millionen). Dazu kommen 50 Millionen Verletzte, oft mit dauerhaften Beeinträchtigungen für die Gesundheit wie Krücken, Prothesen oder Rollstuhl – „Langzeitfolgen“. Warum wird hier konsequent auf Eigenverantwortung gesetzt, statt die Gesundheit der Betroffenen mit Zwangsmaßnahmen zu schützen? Die Kosten für die Bergung, Behandlung und Genesung der Verkehrsunfallopfer würden frei werden für mehr Intensivbetten zur Behandlung weniger vermeidbarer Krankheiten. Warum liefern uns die Regierungen nicht täglich die Zahlen der Erkrankten, Verletzten, Hospitalisierten, Verstümmelten und Verstorbenen in diesen Bereichen? Warum machen die Regierungen uns hier im Verhältnis so gut wie keine Angst, wieso lösen sie weder „Urangst“ noch Schuldgefühle aus, wieso erlauben sie stattdessen massenhaft Autowerbung? Und vor allem: Wieso ergreifen sie keine vergleichbaren Maßnahmen? Und wieso ist diese radikale Unverhältnismäßigkeit nicht Gegenstand breiter medialer Diskussionen?

Die tägliche Medienrealität besteht dem gegenüber bekanntlich darin, uns nach wie vor mit 7-Tage-Inzidenzwerten zu malträtieren, die jedoch ohne zusätzlich herangezogene Hospitalisierungsrate, Angaben zum Umfang vorgenommener Testungen sowie der Impfquote (die immerhin dann doch hin und wieder Erwähnung findet) kaum aussagekräftig sind. Auch zur (Un-)Gefährlichkeit der aktuell viel diskutierten Delta-Variante existieren offenbar bislang wenig valide Fakten, was die Journaille natürlich nicht daran hindert, die ohnehin noch immer weitgehend im Panik-Modus verharrende Politik vor sich her zu treiben. Oder in den Worten von Marcus B. Klöckner in seinem Buch „Sabotierte Wirklichkeit. oder: Wenn Journalismus zur Glaubenslehre wird“ (bereits vor Covid-19 verfasst):

„Die Schäden an unserem demokratischen System, die durch Medien verursacht werden, die weitestgehend ihrer Wächterfunktion nicht mehr nachkommen, sind bereits gewaltig.“ (S. 16)

Back to Burka – Über das Versagen des Westens in Afghanistan

Juni 27, 2021

Es ist ein nahezu lautloser Rückzug: Erst wird im Juli dieses Jahres die Bundeswehr, dann im September auch die US-Armee ihre dann zwanzigjährige Afganistan-Mission beendet haben. Eine Mission, die unmittelbar nach der US-Intervention im Herbst 2001 im Land am Hindukusch einsetzte, nachdem sich herausgestellt hatte, dass ein gewisser Osama Bin Laden dort Unterschlupf gefunden hatte – der Mann, der maßgeblich zum Einsturz der Twin Towers von New York beigetragen hatte!

Umso begrüßenswerter, dass diese bittere Niederlage des Westens wenigstens hier und da gewürdigt wird, so wie im aktuellen Feuilleton der ZEIT. Jens Jessen schreibt dazu den Umständen entsprechend resigniert:

Ein paar Schulen und Krankenhäuser entstanden – und wurden größtenteils wieder zerstört. Ein paar Jahre mussten die Gotteskrieger Zuflucht in den Bergen suchen – und erobern jetzt Provinz für Provinz zurück. Ein paar Mädchen und Frauen gelangten zu BIldung und Bewegungsfreiheit – inzwischen droht ihnen wieder die Burka, wenn nicht jene Bedingungen, die man nur Hausarrest nennen kann.

Man sollte meinen, das wäre eine Trauerstunde wert, einen öffentlichen Moment der Verzweiflung und eingestandenen Hilflosigkeit. Wenn noch ein Hauch von moralischem Ernst des ursprünglichen Engagements empfunden würde, wäre sogar ein Eingeständnis von Schuld fällig – der Schuld gegenüber den Afghanen, die man für die demokratische Sache gewinnen konnte und jetzt im Stich lässt. […]

Dass die USA und ihre Verbündeten ein Land, das sie zur freiheitlichen Demokratie formen wollten, nun dem totalitären Islam in den Rachen werfen, gegen den sie so lange gekämpft haben, werden sich jedenfalls alle Feinde der Freiheit auf der Welt genau merken.

Die Feinde der Aufklärung im Westen haben es sich schon gemerkt. Es gibt eine gespenstische Kongruenz zwischen dem Afghanistan-Debakel und dem Wiederaufkommen eines zynischen Kulturrelativismus. Der Westen, so sagen die neuen Relativisten, dürfe seine Begriffe von Vernunft und Recht, auch Menschenrechten nicht für universal halten, sie schon gar nicht anderen Völkern und Kulturen aufzwingen; das sei Kolonialismus. […]

Interessanterweise sagen sie nicht: Was der weißen Frau unerträglich erscheint, ihre Entrechtung und Unterordnung unter den Mann, ist für die Frauen orientalischer oder anderer Kulturen keineswegs unerträglich. Sie sagen auch nicht: Stockhiebe und das Abhacken von Gliedmaßen sind vielleicht in europäischen Augen falsch, aber in arabischen oder iranischen richtig. Sie bleiben im Vagen des Respekts vor dem anderen, einer verstehenden Toleranz gegenüber „diversen“ Kulturen.

Jessen hat zweifelsohne recht: Mit „moralischem Ernst“ hatten es viele gerade hochrangige Politiker des Westens bekanntlich noch nie. Man denke an des ehemaligen US-Verteidigungsministers Rumsfeld „geflügelte Worte“: „Wir wussten, dass Saddam ein Schurke war, aber er war unser Schurke.“ Man denke an Gerhard Schröders Rangewanze an den „lupenreinen Demokraten“ Putin und und und…

Und bekanntlich hält diese Herr- und Damschaften auch die nicht von der Hand zu weisende Zunahme von (versuchten oder gelungenen) Attentaten wie jüngst mutmaßlich in Würzburg durch Brüder im Geiste von Taliban, „Islamischem Staat“ und Boko Haram nicht davon ab, außer den üblichen Betroffenheitsfloskeln und Warnungen vor „rechter Instrumentalisierung“ solcher Barbareien ein echtes Umdenken und -handeln einzuleiten. Ein Umdenken, das nicht erst bei gewaltbereiten Djihadisten ansetzt, sondern bereits den Nährboden (zu RAF-Zeiten auch „Sympathisantensumpf“ geheißen) solch freiheitsfeindlicher Umtriebe abzugraben – sprich: die reaktionären Islamverbände nicht länger mit Samthandschuhen anzufassen. Doch auch unter einem Kanzler Laschet und erst recht einer Kanzlerin Baerbock ist mit keiner Kursänderung auf der „Titanic Deutschland“ zu rechnen. Von Aufklärungsfeinden regiert zu werden, macht einfach nur sprachlos!

„Mit sehenden Augen sehen sie nicht“ – vom zwanghaften Relativieren des muslimischen Antisemitismusproblems

Mai 29, 2021

Es hätte ein aufklärender Fernsehbeitrag werden können: ca. sechs Minuten Sendezeit am zurückliegenden Donnerstag (27.05.) gegen 22.20 Uhr in der ARD.

Die erschreckenden, wenngleich vorhersehbaren Bilder eskalierender Demonstrationen überwiegend junger Menschen, zahlreiche Palästina- und Türkeiflaggen schwenkend, anlässlich des erneuten Schlagabtauschs zwischen islamfaschistischer Hamas und ihren wahllos abgefeuerten Raketensalven auf israelische Siedlungsgebiete und den israelischen Gegenschlägen auf Gaza lagen erst wenige Tage zurück. Von daher hätte in eben jenen sechs Minuten Sendezeit, die das Politikmagazin „Monitor“ (WDR) dem Thema widmete, den Zuschauern einiges über die psychologische Motivation der „Scheiß Juden!“-skandierenden Menschen, die Anmelder ihrer Demonstration und deren mögliche Verwicklung ins Erdogan-/Muslimbrüder-Milieu mitgeteilt werden können. Doch all die suchte man an diesem Fernsehabend im Ersten Deutschen Fernsehen – wieder einmal – vergebens. Stattdessen vollzog Moderator Georg Restle in unnachahmlicher Manier bereits nach wenigen Sekunden Anmoderation einen argumentativen Schwenk zu seinem Leib- und Magenthema: der „Alternative für Deutschland“ (AfD) und ihrer „rechten Kampagne vom importierten Antisemitismus“.

Nun liegt es mir freilich fern, diese Partei in Schutz nehmen zu wollen. Eine Partei, die immerhin mit Alexander Gauland über einen Ehrenvorsitzenden verfügt, der „Stolz auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“ bekundete und die NS-Diktatur als „Vogelschiss der Geschichte“ meinte verharmlosen zu müssen. Von den Ausfällen des Rechtauslegers Björn Höcke über das Holocaust-Mahnmal in Berlin ganz zu schweigen. All das ist hinlänglich bekannt und in gefühlten 500 ARD- oder ZDF-Dokumentationen und einer wahren Flut an Medienartikeln aufgezeigt worden.

An diesem Abend wäre nun aber endlich einmal die passende Gelegenheit gewesen, sich des Antisemitismus von muslimischer Seite anzunehmen. Schließlich warnen Experten aus Islamwissenschaft, Politologie und Ethnologie wie die Frankfurter Professorin Susanne Schröter schon seit langen Jahren davor, das Problem kleinzureden: „Muslimischer Antisemitismus: die tabuisierte Gefahr“ ist nicht umsonst ein ganzes Kapitel ihres aktuellen Buches „Politischer Islam: Stresstest für Deutschland“ überschrieben. Um darin konkret zu werden:

Bereits die Studie „Muslime in Deutschland“, die im Bundesinnenministerium in Auftrag gegeben und 2007 veröffentlicht wurde, zeigte, dass Muslime in besonderem Maß durch antisemitische Einstellungen auffallen. Der Grad des Antisemitismus variierte dabei nach Stärke der Religiosität bzw. nach der Art des Islamverständnisses. 49,6 Prozent aller Fundamentalisten, 42,8 Prozent aller Konservativen und 29,5 Prozent aller Orthodox-Religiösen, aber nur 13,6 Prozent aller gering Religiösen fielen durch antisemitische Vorurteile auf. (S. 288)

Das Problem ist also mitnichten neu, auch nicht erst seit der Aufnahme von ca. einer Million überwiegend muslimischer Migranten 2015 virulent, sondern besteht in Form von „Altlasten“, d.h. Nachkommen migrantischer „Gastarbeiter“ früherer Jahrzehnte schon eine ganze Weile. Wenn man denn von politischer und medialer Seite den Willen aufgebracht hätte, genau hinzusehen.

Doch offensichtlich ist der Grad ideologischer Verblendung (nicht nur) der „Monitor“-Redaktion (und deren Vorgesetzten?) und die Angst vor dem berüchtigten „Beifall von der falschen Seite“ derart groß, dass man sich einmal mehr dem eigenen Lieblingsfeindbild widmen musste.

Im Übrigen ist auch die Polizeiliche Kriminalstatistik wenig aussagekräftig, sofern dort immer wieder von ca. 90 % antisemitischer Straftaten die Rede ist, die dem rechtsradikalen Spektrum zuzuschreiben seien. Fallen doch sämtliche taten ohne konkrete Ermittlung der Taturheberschaft automatisch in diese Kategorie – keine „rechte“ Verschwörungsfantasie, sondern z.B. belegt bei Ronen Steinke („Terror gegen Juden“, S. 95).

Apropos „rechte Verschwörung“: Es ist Alexander Kissler von der „Neuen Zürcher Zeitung“ absolut zuzustimmen, wenn er Restles scheuklappenbewehrtem Haltungsjournalismus entgegenhält:

Warum gelingt es einem Format, das «immer meinungsfreudig, nie ideologisch» sein will, nicht, sich dem muslimischen Antisemitismus zu widmen, ohne ihn aus ideologischen Gründen zu verharmlosen? Natürlich gibt es am «rechten Rand» jede Menge Antisemitismus, bis hin zu Attentaten und Attentatsplänen, natürlich gibt es antisemitische Äusserungen aus den Reihen der AfD. Niemand, der bei Sinnen ist, bestreitet dies.

Das Thema dieser Tage aber ist jener Antisemitismus, der sich unter palästinensischen und türkischen Flaggen versammelt. Die jüngsten Explosionen des Judenhasses in Deutschland tragen weder Schwarz-Rot-Gold noch Schwarz-Weiss-Rot. Das ist ein Faktum, keine «rechte Kampagne».

#allesdicht im Hirn der Hysterie-Weltmeisternden? Anmerkungen zu einer Künstleraktion und ihrem medialen Nachbeben

April 30, 2021

Man kann sich wirklich nur noch an den Kopf greifen: Zum einen, wie zuverlässig der Hysterie-Mob mit seiner – vorgeblich nicht existenten – Cancel Culture medial strammsteht, nachdem eine Handvoll Schauspieler/-innen ihrem Unmut über die regierungsamtlichen Dauer-Lockdown-Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie Luft gemacht hat.

Zum anderen aber auch über viele Beteiligte an dieser Aktion selbst, dass sie offenbar von der Heftigkeit des Mega-Shitstorms, der sofort über sie hereinbrach, erstaunt sein konnten und ihre Beiträge zurückgezogen haben.

Nun habe ich mir bei Weitem nicht alle Kurzvideos der Aktion #allesdichtmachen angesehen, wenn es hoch kommt waren es 15 an der Zahl. Und bei dem einen oder anderen Clip muss ich zugeben, dass in mir schon die Frage aufkam: Woran übt die da gerade Kritik? Etwa tatsächlich an der generellen Sinnhaftigkeit von Mund-Nasen-Masken?

Jedoch – und hier beziehe ich mich auf die Kritik am gewissermaßen als „Aushängeschild“ der Aktion wahrgenommenen Beitrag von „Tatort“-Akteur Jan Josef Liefers – kann ich wirklich nicht nachvollziehen, wie man die Vorwürfe erheben kann, a) die Corona-Opfer und/oder deren Angehörige, Ärztinnen und Pfleger zu verhöhnen sowie b) mental der „Querdenken“-Bewegung/AfD/Pegida und deren Umfeld nahezustehen.

Schließlich macht Liefers sich bei aller Ironie seines Statements in keiner Weise über die extrem belastende und gesellschaftlich hoch bedeutsame Arbeit der Intensivstations-Teams lustig – warum sollte er auch, muss er doch in seinem nicht mehr ganz so taufrischen Alter immerhin damit rechnen, bei unzureichendem Virenschutz schneller dort zu landen, als er „Professor Doktor Karl-Friedrich Boerne“ sagen kann!

Vor allem aber scheint in den Hirnen vieler Kritiker noch immer der unfassbar dumme gedankliche Kurzschluss herumzuspuken, dass jedwede Kritik am medialen Umgang mit dieser Pandemie gleichzusetzen sei mit den stumpfen „Lügenpresse“-Rufern von Dresden und anderswo. Als wenn es keine durchaus sachlich begründete Medienkritik gäbe (übrigens auffällig häufig in Form von Werken aus dem politisch nicht gerade für seine „rechten“ Umtriebe bekannten Frankfurter Westend-Verlag). Wer sich ein wenig in die Thematik der Skandalisierung durch Medien eingelesen hat, der erkennt diese Muster in der Corona-Berichterstattung schnell wieder: zügige Herausbildung eines dominanten Narrativs (undifferenzierte Suggestion genereller Gefährlichkeit des Virus), damit einhergehende Ausgrenzung abweichender Positionen (ob sachlich begründet oder eher nicht), die immer gleichen „Experten“-Meinungen (der obligatorische Prof. Leiserfluss!), Fokussierung auf extreme Einzelschicksale (Long Covid etc.) statt Einordnung in den Gesamtkontext (schwere Grippewelle von 2018) etc.

Den Vogel des zensurgeilen Autoritarismus schließlich schoss Ex-NRW-Minister Garrelt Duin (SPD) mit seiner Forderung nach Entfernung der querulatorischen Subjekte von ihren filmischen Engagements ab – auch wenn er diese unfassbare Entgleisung später wieder zurücknehmen sollte, erinnert dies Henryk M. Broder sicher nicht ganz zu Unrecht an die „Reichsschrifttumskammer“).

Und als wenn die hässliche Fratze freiheitsfeindlicher Maskerade noch nicht genug vom scheindemokratischen Konterfei gerissen worden wäre, erdreistet sich die Videoplattform Youtube auch noch mit der digitalen Ausblendung der #allesdichtmachen-Clips – immerhin wird dies laut Anwalt Joachim Steinhöfel ein juristisches Nachspiel zeitigen!

Wer nun immer noch nicht genug haben sollte von all der autoritätshörigen Bagage im Gewand von „Toleranz, Buntheit und Diversität“ und weiß der Kuckuck sonstiger sprachlicher Plattheiten, dem sei das aktuelle Buch von Kolja Zydatiss ans Herz gelegt: „Cancel Culture. Demokratie in Gefahr“.

Die Leserin kommt hier aus dem Staunen – oder besser: Schaudern! – nicht mehr heraus, für welch unfassbar (sorry, schon zum dritten Mal!) banale Meinungskundgaben Menschen im englischsprachigen Raum (aber auch zunehmend hierzulande) mundtot gemacht, ins soziale Abseits gedrängt wurden oder ihres Arbeitplatzes verlustig gingen.

Sollte diese wirklich Gänsehaut erzeugende Stimmungsmache einer kleinen, aber umso lautstärkeren aktivistischen Mehrheit weiter Fahrt auf nehmen, dann – um es mit einer der Protagonisten dies Entwicklung zu sagen – „ist dies nicht mehr mein Land“…

„Nur an Muttis strenger Hand auf ins virenfreie Land!“ Wie die Kanzlerin mithilfe einfacher Rhetorik ihren Teil zur Infantilisierung der Gesellschaft beiträgt

März 30, 2021

Aktuell analysiere ich mit den Schülern meines Deutsch-Leistungskurses (Jahrgangsstufe 12) gerade eine politische Rede. Begriffe wie Fahnen- und Stigmawörter, Argumenttypen, Dramatisierung und diverse sprachliche Mittel schwirren durch den Klassenraum.

Doch wenn ich mir nur den Schluss von Merkels Regierungserklärung vom 25. März zu Gemüte führe, denke ich: Da fehlt doch was! Dazu gleich mehr. Hier erst einmal die relevante Redepassage der Kanzlerin:

„Es gibt Millionen Menschen, die sich jeden Tag gegen diese Pandemie stemmen und ihre Arbeit leisten. Und zwar mit großem Einsatz: Das sind die Pflegerinnen, das sind die Ärzte, das sind die Lehrer, das sind die Eltern. Das sind die Ehrenamtlichen und das sind die Menschen in den Test- und Impfzentren. Viele sind beruflich neue Wege gegangen, mit schweren Veränderungen in ihrem Leben. Ich weiß, wie schwer es viele haben. Aber […] man kann auch nichts erreichen, wenn man immer nur das Negative sieht. Nicht umsonst hat Ludwig Erhard schon gesagt: ‚Es ist entscheidend, ob das Glas halb voll oder halb leer ist.‘ Und wenn es immer nur halb leer ist, dann werden wir auch keine kreative Kraft als Land entwickeln, um aus dieser Krise herauszukommen. Und ich sagen Ihnen, mit dem Impfen haben wir Möglichkeiten in der Hand und es wir noch einige Monate dauern. Aber das Licht am Ende des Tunnels ist sichtbar. (Und) Wir werden dieses Virus besiegen, und deshalb bin ich ganz sicher, dass wir das schaffen werden. Und deshalb geht es jetzt darum, die Kraft zu bündeln und positiv nach vorne zu schauen, auch wenn die Situation im Augenblick schwierig ist. Das ist das, was ich mir wünsche, von jedem und jeder in diesem Land.“

Merken Sie es auch? Angefangen bei der Wahl der Verben: „sind… sind… sind… sind“ etc., ein wiederholt vereinnahmendes „Wir“ (zwecks Erzeugung eines Gemeinschaftsgefühls), Floskeln („Licht am Ende des Tunnels“, ihr berühmtes „Wir schaffen das“ (Durchhalteparole) reloaded, der Appell (das sprichwörtliche Glas gefälligst als halb voll anzusehen, „positiv nach vorne [zu] schauen“).

Einmal ganz abgesehen davon, dass Merkel (zumindest im zitierten Ausschnitt) mit keiner Silbe das Kind klar beim Namen nennt, geschweige denn eigene eklatante Versäumnisse zugibt (autoritäres An-sich-Ziehen der Pandemiebewältigung per Bund-Länder-Konferenzen, desaströses Test- und Impfmanagement, ungeschickte Medienkommunikation).

Stattdessen erfolgt der Rückgriff auf „Opa Erhard“ (der mit dem Wirtschaftswunder), während sie durch permanenten Dauerlockdown eher Henry Morgenthau nachzueifern scheint (der mit der Vision von (Nachkriegs-)Deutschland als Agrarstaat ohne jede Industrie und höhere Technik) und die unverhohlene Drohung, die bösen Meckerheinis im Land – und nicht etwa maßgebliche Fehlentscheidungen diverser Kabinettsmitglieder – seien für die Abwesenheit kreativer Maßnahmen der Pandemiebekämpfung verantwortlich.

Kurzum: eine Grusel-Rhetorik, die jedoch im Gewande bemutternder Kindersprache daher kommt.

Oder wie es der politische Redakteur und langjährige CICERO-Autor Alexander Kissler in seinem Werk „Die infantile Gesellschaft. Wege aus der selbstverschuldeten Unreife“ ausdrückt (Es geht um eine Merkel-Rede vom 09.11.2019):

„Zählen wir kurz nach. Ist, ist, sind, ist, ist, haben: Kaum möglich dürfte es sein, mit weniger Verben ganz Abschnitte zu gestalten. Hier soll niemand überfordert werden. Hier wird niemand gefordert. Hier werden alle an die begriffliche Kandare genommen. Der Zweifel ist der Feind solch eindimensionaler Rede. […]

Die Sprache der Kanzlerin ist gekennzeichnet durch Armut im Ausdruck, durch wenige Verben, die ständig wiederholt werden, und durch eine große Vorliebe für Hilfsverben. Der Verzicht auf Differenzierung im Ausdruck wird erkauft durch undifferenzierte Argumentation. Wird die Sprache derart leichtgenommen, dass nur noch „ist“ und „haben“ und „Dinge“-Sätze aneinandergereiht werden, ist jeder Sachverhalt gleich wichtig und also relativ unwichtig. Es gibt dann ein logisches Nebeneinander, kein Davor, kein Danach, kein Zuerst und kein Zunächst. Kein Sinngefälle. Alles ist. Die einzelnen Behauptungen markieren Banalitäten, die ungewichtet aneinandergefügt werden. Die Welt: ein Schaufenster für Kinder.“ (S. 145f.)

Ein Phänomen, das sich nahtlos einfügt in zahlreiche weitere Aspekte der Infantilisierung der Gesellschaft. Kissler liefert reichlich Anschauungmaterial: Studenten (pardon: Studierende), die sich an ihren Unis durch „Trigger warnings“ vor unbequemen Gedankengängen in Sicherheit gebracht wissen möchten; Politiker, die ihre Wähler/-innen ungefragt duzen und sich im Verein mit Kirchenvertretern und Medienschaffenden von jugendlichen Aktivisten wie Schulknaben vorführen lassen („Fridays for future“ / Klimawandel als Religionsersatz) und einem schwedischen Teenager (Greta Thunberg) nach dem Munde reden, der offenbar eine stark eingeengte Weltsicht besitzt, die nur schwarz und weiß kennt. Und so weiter und so fort…

Und generell das Schwarz-Weiß-Denken: ein Blick auf das aktuelle Demonstrationsgeschehen („Querdenker“ in Kassel und anderswo) zeigt zu Genüge: Wenn irgendwo eine pointierte Meinung vertreten wird, bildet sich augenblicklich eine Gegenbewegung, die das genaue Gegenteil vertritt und alle Andersdenkenden (oder große Teile davon) pauschal als „rechts“ (was auch immer das sein soll) diffamiert – egal, ob tatsächliche völkisch-nationale Positionen vertreten werden oder nicht.

Berechtigte Kritikpunkte EINIGER „Querdenker“ hinsichtlich des Pandemiemanagements geraten so gar nicht erst in den Blick; die eindimensionale Weltsicht (des erwachsenen Kindes) ist gerettet!

Das Kritik-Paradoxon oder: Die Selbstzerfleischung der Demokratie im Geist von ’68

Februar 28, 2021

Wenn ich als mittlerweile etablierter Lehrer in der Rückschau auf diejenigen „Pauker“ zurückblicke, die mich in meiner eigenen Schulzeit am meisten geprägt haben, so muss ich feststellen:

Es waren tatsächlich vor allem diejenigen, die uns Halbwüchsigen einen kritischen Blick auf die Gesellschaft der Gegenwart vermitteln wollten. Und in einigen Fällen muss ich heute sagen: einen überkritischen. Da war der Deutsch-, Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer in der Mittelstufe (Ende der 1980er-Jahre) mit Birkenstocklatschen und üppigem Gesichtsgestrüpp (daher von vielen Mitschülern liebevoll „Bartman“ genannt), auch dessen Texte mich zu einem Menschen haben werden lassen, der Autoritäten skeptisch begegnet (was mir bei meinem späteren Sektenausstieg sehr geholfen hat). Da war der Französischlehrer, der mit uns über die damaligen Abrüstungsverhandlungen zwischen Amerikanern und Sowjets gesprochen hat und – angeblich – in seiner Freizeit kommunistisches Progagandamaterial verteilte. Später dann zu Beginn meiner Oberstufenzeit der Mathelehrer mit Rauschebart und „Kein Blut für Öl“-Button am Hemd, der uns sensibel machte für die „wahren Interessen“ der US-Politik im Irak. Diese drei – und noch weitere – Beispiele seien stellvertretend genannt für eine Lehrergeneration, die selbst aktiv oder passiv die Studentenproteste von ’68 fortfolgende erlebt hat und ihre eigene Politisierung in vielen Fällen bewusst an die eigenen Schüler weitergegeben hat. Nun spricht selbstverständlich zunächst einmal nichts dagegen, Schüler im Geiste eines mündig-kritischen Denkens zu erziehen. Ganz im Gegenteil: Stellen kritisch denkende Bürger doch gewissermaßen den Humus dar, auf dem das zarte Pflänzchen der Demokratie im Idealfall wächst und gedeiht. Was aber, wenn diese Art der Kritik dazu führt, zukünftige Generationen nicht nur auf die Schwächen des demokratischen Systems aufmerksam zu machen, sondern dieses System selbst als DIE Schwäche schlechthin zu brandmarken? Oder mit den Worten des damaligen AStA-Vorsitzenden der Uni Bremen während der Frühphase meiner Studentenzeit Ende der 1990er-Jahre: „Der Kapitalismus hat kein Problem, er IST das Problem!“

Könnte es nicht sein, dass dieses unaufhörliche Bombardement aus Antikapitalismus, Ökologismus und Politikerschelte Menschen in großem Umfang dazu getrieben hat, irgendwann NIEMANDEM mehr zu vertrauen? Nicht nur eine gesunde Skepsis gegenüber Politiker X, Wissenschaftler Y oder Wirtschaftskapitän Z, sondern gleich SÄMTLICHEN Institutionen, die auch nur in Verdacht stehen, unsere freiheitlich-demokratische Marktwirtschaft zu repräsentieren?

Auf diesen Gedanken bin ich bei der kürzlich erfolgten Lektüre des Buches „Zerfall der Demokratie. Wie der Populismus den Rechtsstaat bedroht“ aus der Feder des Politologen Yascha Mounk gestoßen. Dieser schreibt dazu:

„In ihren Klassenzimmern ging es vielen Lehrern nicht nur darum, Mathematik zu unterrichten oder germanistisches Grundwissen zu vermitteln. Vielmehr war ihr Ziel letztlich die Erziehung mündiger Bürger, die jeglichen faschistischen Tendenzen mutigen Widerstand leisten würden. Um diese hehre Aufgabe zu erfüllen, verfolgten sie dabei eine Pädagogik, die stets auf die vermeintlichen Lektionen der Geschichte schielte. War der Nationalsozialismus nur möglich gewesen, weil ein autoritäres Bildungswesen Kinder zum gedankenlosen Gehorsam gegenüber Eltern, Politikern, Institutionen und Vorgesetzten erzogen hatte, so musste nun der Umkehrschluss gelten: Die Demokratie können nur gedeihen, wenn ein antiautoritäres Bildungswesen Kinder dazu erziehe, Eltern, Politiker, Institutionen und Vorgesetzte ständig kritisch zu hinterfragen.

Der politische Imperativ des steten Hinterfragens hielt alsbald auch Einzug an den Universitäten. Auch in Deutschland gilt es in vielen geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern mittlerweile als suspekt, die Welt ‚positivistisch‘ – also so, wie sie zu sein scheint – aufzufassen. Stattdessen müssten Fakten hinterfragt, Begriffe dekonstruiert und Grundwerte problematisiert werden. Denn wer in der Oberstufe gelernt hat, unsere Gesellschaft als heuchlerisch zu entlarven, der wird irgendwann groß und stark genug sein, unsere gesamte westliche Demokratie als inhärent kolonialistisch zu entblößen.

In gewisser Hinsicht war die antiautoritäre Erziehung – und die postmoderne Lehre – außerordentlich erfolgreich: In Deutschland gibt es heutzutage kaum mehr eine Idee oder Institution, die nicht ununterbrochen hinterfragt werden würde. Eltern und Lehrer, Zeitungen und Parlamente, Schriftsteller und Wissenschaftler – sie alle treffen auf eine tiefe Skepsis, die recht häufig in lautstarker Ablehnung aufgeht. Der Wutbürger speist einen großen Teil seiner Wut aus der steten Überzeugung, von Machthabern und Medienmachern belogen und betrogen zu werden.

Nur das eigentliche Ziel, die Stärkung freiheitlicher Institutionen, hat die antiautoritäre Erziehung nie erreicht. Denn eine gut funktionierende Demokratie braucht überzeugte Demokraten, die das System zwar kritisch begleiten, ihm aber auch ein gewisses Maß an Grundvertrauen entgegenbringen. Wenn eine Großzahl an Bürgern alles hinterfragt und schließlich nichts und niemandem mehr traut, haben die Extremisten freie Bahn.“ (S. 295ff.)

Erklären sich so also sowohl antiliberale Tendenzen innerhalb des politisch eher linken Spektrums wie überzogene Umweltauflagen, als auch Haltungen, die teilweise auf beiden Seiten der politischen Skala anschlussfähig erscheinen wie radikale Impfgegnerschaft und Widerstand gegen „Big Pharma“?

Die ehemalige Homöopathin Natalie Grams schreibt hierzu:

„Nun leben Mythen allerdings eben nicht von Fakten und realistischen Vorstellungen. Und Menschen, die Mythen oder gar Lügen verbreiten, interessieren sich selten für Aufklärung. Was bleibt, ist die finstere Idee, dass ‚die da oben‘ oder ‚Big Pharma‘ uns vergiften, manipulieren, fremdsteuern, schädliche Dinge einpflanzen, krank machen – kurz, uns schaden wollen. Woher kommen solche Gerüchte? Wie so oft spielen Unsicherheiten in einer überfordernden komplexen Situation eine große Rolle – wie sie die Pandemie selbst oder der durchaus komplizierte Prozess der Impfstoffentwicklung eben liefern. Sie docken bei einigen an übertrieben große Ängste vor Nebenwirkungen und Impfschäden an – und führen bei manchen dazu, die Existenz von Viren gleich ganz zu leugnen. Wieder andere verstehen schlicht den Sinn von Impfungen nicht. Das macht es leichter, sich beim Thema mRNA-Impfstoffe der allgemeinen Vorbehalte ‚gegen Gentechnik‘ zu bedienen, die auf eine vorhandene Impfskepsis einfach draufgesattelt werden. Sachliche Hintergründe? Fehlanzeige. Wer keinen Zugang mehr zu fundierten Argumenten findet, der wird eher – durchaus aus einer übermächtigen persönlichen Not und Sorge heraus – nach Sündenböcken suchen und überall dunkle Machenschaften wittern. Natürlich auch bei der Pharmaindustrie. Pharmaunternehmen verdienen Geld mit Impfstoffen, sie verfolgen unbestritten wirtschaftliche Interessen. Allein darin liegt grundsätzlich aber nichts Verwerfliches. Schließlich ist die Erforschung und Herstellung von Impfstoffen – wie wir gerade alle live sehen können – ein aufwändiger, arbeitsintensiver, langwieriger und von vielen Auflagen und einem strengen Zulassungsverfahren begleiteter Prozess, der enorm viel Geld kostet und gerade jetzt ein großes Betriebsrisiko ist. Es gibt übrigens andere Felder, die für Medikamentenhersteller finanziell wesentlich lukrativer sind als die Impfstoffforschung: die Entwicklung von Cholesterinsenkern zum Beispiel oder von Medikamenten gegen Arthritis. Krass gesagt eben von den Mitteln, die ‚Big Pharma‘ an eine zahlungskräftige Käuferschicht loswerden könnte, würde man auf Impfungen verzichten und ließe Infektionskrankheiten einfach ihren Lauf.“

Ja, es gibt unbestreitbar schwarze Schafe innerhalb der Industrie. In den USA haben skrupellose Firmen erheblich dazu beigetragen, viele Amerikaner in die Schmerzmittel-Abhängigkeit zu treiben. Im Bereich der Pflanzengentechnik hat der Saatgutgigant Monsanto nicht gerade dazu beigetragen, der Branche zu einem seriösen Image zu verhelfen. Dass diese Vorkommnisse allerdings bei nicht wenigen Menschen den Eindruck hinterlassen haben: „Alles Verbrecher! Enteignet sie!“ kann nur als fataler Fehlschluss einer überzogen-kritischen Haltung im Geist von ’68 begriffen werden. Die Revolution frisst gewissermaßen das System, das sie durch den freiheitlichen Charakter ihrer selbst erst ermöglicht hat. „Criticismo o muerte“ sollte ausgedient haben, ehe es dem demokratischen Rechtsstaat wirklich an die Substanz geht…

Dominanz der Dämonenjäger oder die Entzauberung des friedlichen Christentums-Siegs in der Antike

Januar 30, 2021

In einer Zeit, da maßgebliche Vertreter der (in der westlichen Welt) immer weiter zusammenschrumpfenden christlichen Religion gerne den Eindruck vermitteln, der eigene Glaubensrennstall sei doch eigentlich von Natur aus auf „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ aus gewesen, ist ein Buch wie „Heiliger Zorn. Wie die frühen Christen die Antike zerstörten“ der britischen Historikerin Catherine Nixey sicher geeignet, diesen lange gehegten Mythos gründlich zu erschüttern.

Da mag die katholische „Tagespost“ noch 2018 in typisch-apologetischer Manier in ihrer Rezension zu Claudia Kocks „Die Kaiser und das Christentum“ über die mannigfaltigen Attacken antiker christlicher Eiferer gegen das als „heidnisch“ gebrandmarkte Erbe der griechisch-römischen Zivilisation mit ihren großartigen Tempeln, Statuen und hochgebildeten Philosophen mit ihren Schriften hinwegsehen, wenn der Rezensent etwa schreibt, nach den Zeiten wiederkehrender Christenverfolgungen u.a. unter Decius und Diokletian „folgte dann freilich der unter Kaiser Konstantin einsetzende Triumph des Christentums, der 380 in seiner Erhebung zur Staatsreligion mündete“: kein Wort von der Intoleranz, der Gewalt und aggressiven Zerstörungswut, mit der zahlreiche eifernde Jesus-Nachfolger ab dem frühen 4. Jahrhundert meinten, die in den Zeugnissen paganer Kultur vermeintlich innewohnenden Dämonen vertreiben zu müssen.

Man kommt nach der Lektüre von Nixeys Werk freilich dazu, Analogien zum barbarischen Wüten der Taliban oder des „Islamischen Staats“ zu ziehen, die ja freilich auch wenig zimperlich etwa mit den buddhistischen Statuen von Bamiyan (Afghanistan) oder der antiken Baukunst Palmyras (Syrien) umzuspringen pflegten. Ganz abgesehen natürlich von den ungezählten Leichen, die ihren Weg säumten. Nixey nimmt auch in dieser Hinsicht kein Blatt vor den Mund, schildert in fesselnder Weise etwa die pogromartige Stimmung im Alexandria um das Jahr 400, welche in der Zerstörung des im gesamten Mittelmeerraums bewunderten Serapion-Tempels und der grausamen Ermordung der „heidnischen“ Mathematikerin Hypathia mündete – der der spanische Filmproduzent Alejandro Amenábar 2009 in „Agora – Die Säulen des Himmels“ ein gelungenes Denkmal gesetzt hat.

Ein Mord, der symptomatisch für die Verachtung alles Nichtchristlichen, allen freien Denkens vonseiten der ganz in schwarz gewandeten „Kampfmönche“ und anderer christlich-fundamentalistischer Spießgesellen gelten muss. Wie überhaupt das antike Mönchtum im glühendheißen ägyptischen Wüstensand wenig Gemeinsamkeiten mit dem Klischee vom weinkelternden oder bierbrauenden, wohlbeleibten und gutmütigen Pater des europäischen Mittelalters zu haben scheint. Auch hier gelingt es Nixey, die breite Palette asketischen Fanatismusses abzubilden: von Simeon Stylites, der jahrzehntelang auf einer Säule sitzend zugebracht haben soll, bis ihm die Füße platzten (!), über den vor Hunger und Erschöpfung ausgemergelten Schenute, der sich trotz körperlicher Schwäche mit einigen Mitbrüdern zu regelrechten Überfällen auf nichtchristliche Honoratioren im Stande sah.

Auch die biblische Grundlage all dieser Hassorgien wird von Nixey nicht verschwiegen, zitiert sie doch etwa aus dem 5. Buch Mose: „Ihr sollt ihre Altäre niederreißen, ihre Steinmale zerschlagen, ihre Kultpfähle verbrennen, die Bilder ihrer Götter umhauen, ihre Namen tilgen.“ Eine „göttliche“ Forderung, die zum Verlust von sage und schreibe ca. 99 % aller „heidnischen“ Literatur der Spätantike geführt hat! Und die spärlichen Überreste, die bis heute überliefert sind, finden sich zudem auch noch ganz überwiegend in den Schriften der Kirchenväter (Augustinus, Tertullian & Co.), also höchstwahrscheinlich vielfach nur in apologetisch verzerrter Form.

Eine eindrückliche Rezension mit ausgewählten Zitaten aus „Heiliger Zorn“ bietet Gerfried Pongratz mit seinem Beitrag für den Humanistischen Pressedienst.

Bleibt zu hoffen, dass Nixeys viel beachtetes Werk nicht nur von Religionsskeptikern, sondern auch von christlichen Gläubigen rezipiert wird und bei Letzteren zu einem realistischen Verhältnis zu den Wurzeln der eigenen Religion führen möge.

„Der Expert‘, der Expert‘, der hat immer recht…“?

Dezember 31, 2020

Es ist gar nicht einmal so lange her, dass ich mir – ich glaube, es war im Zusammenhang mit der grünen Dauerkampagne gegen die Pflanzengentechnik und ihre Erfolge bei den Regierenden – wieder einmal die Haare raufte und mir sehnlichst die Herrschaft von wirklichen Experten herbeisehnte, wie der gute alte Platon („Der Staat“) sie schon gefordert hatte und die dem Spuk der Ideologen ein Ende bereiten würde!

Nun, in diesen Zeiten, da wir mittlerweile seit ca. einem Dreivierteljahr mal mehr, mal weniger im Ausnahmezustand (sprich: einer der verschiedenen Abstufungen des sog. Corona-Lockdowns) leben, komme ich mehr und mehr zu der Erkenntnis, dass eine Expertenherrschaft keineswegs der Königsweg wäre…

Bereits vor drei Jahren veröffentlichte das Magazin „NovoArgumente“ auf seiner Website anlässlich des überraschenden Brexit-Votums der Briten den Artikel „Demokratie statt Expertenherrschaft“ von Mick Hume, in dem es heißt:

„In der Debatte um die Rolle von Experten wird ständig technisches Fachwissen mit politischem Urteilsvermögen verwechselt. […] Normalerweise gehen wir mit unserem kaputten Auto zu einem qualifizierten technischen Experten, dasselbe gilt, wie schon Platon wusste, für Schiffsbau oder bautechnische Projekte. Daraus folgt jedoch nicht, dass ein Automechaniker oder Maschinenbauingenieur vor einer politischen Wahl Experten für Wirtschaft oder Politikwissenschaften aufsuchen muss. Deren Fachwissen ist ohnehin viel fragwürdiger als jenes von technischen Experten. Selbst der Vater der Verhaltensökonomie Daniel Kahneman, dessen Forschung oft als Legitimation für antidemokratische Ideen dient, gibt zu, ‚dass Experten bei langfristigen politischen Vorhersagen keine höhere Trefferquote haben als ein würfelnder Affe‘.“

Und hinsichtlich der Entscheidung der Bundesregierung und aller Ministerpräsidenten zum zweiten harten Lockdown ab Mitte Dezember, der maßgeblich durch die Leopoldina („Deutsche Akademie der Naturforscher“) wissenschaftlich flankiert wurde, schreibt deren kritisches Mitglied Prof. Michael Esfeld:

„Wissenschaft dient der Aufklärung. Aber es kann auch sein, dass Aufklärung gegen Erkenntnisansprüche in der Wissenschaft und deren politischen Gebrauch geboten ist. Die Aufklärung hat seit dem 18. Jahrhundert zwei Gesichter. Das eine Gesicht ist die Befreiung des Menschen, ausgedrückt zum Beispiel in Immanuel Kants Definition der Aufklärung als ‚Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit‘. Das andere Gesicht ist der Szientismus mit der Idee, dass es ein naturwissenschaftliches Wissen gibt, das auch den Menschen und alle Aspekte unserer Existenz umfasst, und dass sich die Gesellschaft gemäß diesem Wissen planen und gestalten lässt.

Die Spannung zwischen diesen beiden Polen ist offensichtlich: Das Anliegen der von Kant vertretenen Richtung ist es, dass Personen ihre Freiheit gebrauchen, um ihre eigenen, überlegten Entscheidungen zu treffen. Das setzt voraus, dass es keine uns verfügbaren Erkenntnisse gibt – weder aus Naturwissenschaft noch aus Philosophie, Religion oder anderen Quellen –, welche die richtige Entscheidung so vorgeben oder gar erzwingen können, dass sie alternativlos erscheint. Der Szientismus zielt hingegen darauf ab, dass naturwissenschaftliches Wissen die angemessenen Entscheidungen sowohl auf der individuellen als auch auf der gesellschaftlichen Ebene vorgeben kann.

Letzteres ist das, was wir in der Corona-Krise erleben: Eine Allianz aus Wissenschaft und Politik erhebt den Anspruch, über Erkenntnisse zu verfügen, wie man die Gesellschaft und ihre Entwicklung in dieser Situation planen soll – Erkenntnisse, die es rechtfertigen, sich über die Freiheit der einzelnen Menschen hinwegzusetzen, in diesem Fall allerdings nicht, um ein angebliches gemeinschaftliches Gut zu erreichen, sondern um ein angeblich drohendes Übel abzuwenden.“

Dass die Bundes- und Landesregierung(en) und die ihnen nachgeordneten Institutionen bis hinunter zu den Mitarbeitern der einzelnen Gesundheitsämter immer genau die richtige Entscheidung treffen, gerade jetzt, wo wir doch täglich neue Horrorzahlen über „Neuinfektionen“ (korrekt: positiv auf Covid-19 Getestete) und im Zusammenhang mit dem Virus Verstorbene (freilich ohne den immens hohen Anteil von Alten- und Pflegeheimbewohnern daran zu erwähnen, deren Schutz anscheinend noch immer bisweilen recht stiefmütterlich betrieben wird) erfahren, kann wohl mit Fug und Recht zu den großen Mythen gezählt werden, die im obrigkeitstreuen Deutschland nur allzu gerne geglaubt werden. Oder in den Worten des Bildungsphilosophen Matthias Burchardt:

„Wir sind Insassen von Lebensmodellen und Vollzugsmodellen, die sich in den Jahren sedimentiert haben in unserem Denken, die wir erstmal einer Prüfung aussetzen müssen, damit das, wozu wir uns politisch bemüßigt fühlen, auch zu einem Ziel führt.“

Kay Ray gecancelt oder Muslimische Leberwürste in Endlosschleife

November 30, 2020

Wer nach der bestialischen Ermordung des französischen Politiklehrers Samuel Paty am 16. Oktober und den kurz darauf nicht minder pervers ermordeten Kirchenbesuchern in Nizza sowie Nachtschwärmern in Wien

gedacht haben sollte, nun werde es eeeeeeeeeeeeeeeeeendlich zu einem öffentlichen Umdenken im Umgang mit dem fundamentalistischen Islam auch und vor allem in links-grün orientierten Kreisen kommen, sieht sich mit dem jüngsten Fall politisch motivierter Cancel Culture jäh auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt:

Auch wenn die inkriminierten Gags des bisexuellen Comedians Kay Ray an Harmlosigkeit kaum zu übertreffen sind, sah sich das Schmidt Theater im ach so toleranzbesoffenen Hamburger Szeneviertel St. Pauli mit seinem Chef, der Kiezikone Corny Littmann, offenbar angesichts massiver Beschwerden muslimischer Mitarbeiter/innen nicht in der Lage, den Künstler zukünftig in den heiligen Hallen des schariakonformen Humors auftreten zu lassen. Laut Gerd Buurmann, Betreiber des Blogs Tapfer im Nirgendwo, äußerte sich Kay Ray wie folgt:

„Wir leben in einem Land, in dem Böhmermann beinahe in den Knast sollte und Helene Fischer mit Preisen überhäuft wird. Das gehört doch umgekehrt. Nein, eigentlich gehören beide in den Knast.

Gut, wie kann Herr Böhmermann auch schreiben, dass Erdogan eine Ziege fickt. Das geht natürlich nicht, vor allem nicht, wo wir genau wissen, dass alle Türken meine Mutter ficken. Was denn? Machen sie mal einen Türken wütend, dann sagt der: „Ich ficke Deine Mutter!“ Die große Frage lautet: Warum wollen die eigentlich alle meine Mutter ficken? Die ist noch gut in Schuss. Sie ist aber 84.

Nun ist meine Mutter ja meine Mutter. Ich bin wie sie. Deshalb hätte sie große Lust, sich von einer Horde Türken durchraspeln zu lassen. Sie hat aber keine Zeit. Sie sitzt auf dem Fernseher und guckt Sofa.

Ich hoffe, wir haben Muslime hier im Publikum. Das beweist: Ihr habt Humor und das ist mir eine große Freude. Bedenkt bitte: Wir dürfen in diesem Land über Euch, Euren Gott und Eure Religion lachen. Dafür bekommt Ihr auch unser Weihnachtsgeld.

Ich mache Witze über alle Religionen. Wie nennt man die Vagina eine Nonne? Christstollen!“

Ließen die von linker Seite zuletzt publizierten Stimmen eines Kevin Kühnert und Sascha Lobo noch einen zarten Silberstreif am Horizont erblicken und die politische Linke zurück auf den vor langer Zeit verlassenen Pfad der emanzipatorischen Religionskritik (hinsichtlich der Minderheitenreligion Islam) wähnen, so sehen sich diese Hoffnungen mit dem Littmann´schen Bückling vor den angeblich oder tatsächlich dauerbeleidigten Ultras des 1.FC Allah zerstäubt wie ein Kamelfurz in der Sahara…

Und noch etwas: Da die Unkultur der sog. Cancel Culture natürlich auch nicht durch den Appell der Herren Matuschek und Kaiser aus der Welt geschafft wurde, ist ein gelegentlicher Blick auf diese Website überaus erhellend. Der Opfer des miesepetrigen PC-Spießertums sind also offenbar noch lange nicht genug. In diesem Sinne ein dreifaches „Seid bereit – allzeit bereit!“ allen Gesinnungsblockwarten und -wartinnen dieser Republik!

Zitate gegen den Irrsinn in Politik und Medien

Oktober 30, 2020

Für diesen Blogeintrag habe ich mich entschieden, eine kleine Sammlung von Zitaten zusammenzustellen, die dem offenbar immer ungehemmteren Panikmodus in Politik und Medien etwas entgegensetzen.

Zur weiteren Vertiefung empfehle ich wärmstens das bereits im September-Beitrag erwähnte Buch „Die Panik-Macher“ von Walter Krämer und Gerald Mackenthun aus dem Jahr 2003. Auch wenn der Umgang mit einer Pandemie dort nicht behandelt wird, lassen sich auch an anderen Themenbereichen (insbesondere die zivile Nutzung der Atomenergie) frappierende Ähnlichkeiten zur aktuellen Corona-Panik erkennen.

Los geht es mit Karl-Heinz Paqué auf der Website des CICERO:

„Seit die Theater und Kinos wieder offen sind, wurde meines Wissens kein einziger Fall bekannt, in dem eine Infektion im Kino- oder Theaterraum stattfand. Kein Wunder, denn überall gab es Maskenpflicht und Mindestabstände, strikte Regeln für Ein- und Ausgang, um Frontalbegegnungen zu verhindern, die Pausen wurden gestrichen und die Bar blieb geschlossen. Die Zuschauer strömten vor Beginn der Vorstellung wie Schiffe auf See in die nur locker besetzten Kinos und Theater, und am Schluss glitten sie lautlos und isoliert hinaus. Die Schauspieler im Theater befolgten peinlich genau die Regeln, und die Zuschauer wohl auch. Die Vorstellung, dass in diesem Klima die menschliche Disziplinlosigkeit grassiert, ist absurd. Von einer leutseligen Atmosphäre, wie sie bei einer privaten Großfeier herrscht, wo Sekt, Wein und Bier in Strömen fließen und die menschliche Nähe und Wärme überbordet, waren die deutschen Kinos und Theater meilenweit entfernt. Und trotzdem sagt nun der von Frau Merkel angeführte Staat: Ihr müsst zumachen. Und zwar nicht, weil Ihr ein typischer Hotspot des ‚Superspreading‘ seid – dafür gibt es nicht die geringste Evidenz; sondern einfach, weil Ihr in die Schublade ‚Freizeit‘ fallt, völlig egal, wie professionell Ihr die Menschen vor der Infektion schützt. […]

Tatsächlich hat die Vorgehensweise, die Frau Merkel angestoßen hat, einen überaus schalen Beigeschmack. Sie zeugt von einem geradezu primitiven Weltbild, in dem die Kultur nicht mehr darstellt als ein jederzeit verzichtbares Vergnügen: wenn nötig, weg damit! Und sie zeugt von dem völligen Unverständnis der Motivation des Kulturbetriebs, der sich vor allem auf Leidenschaft gründet. Reich wird man da in der Regel ohnehin nicht, und der Job ist hart – man lebt von magerer Gage, schönem Applaus und guten Kritiken. Und wenn das alles weg ist, steht man vor dem nichts – selbst wenn wie jetzt Vater Staat gönnerhaft verspricht, eine auskömmliche ‚finanzielle Kompensation‘ zu zahlen.“

Das von mir mittlerweile ebenfalls sehr geschätzte „Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin“ schreibt am 08.09.:

„Besonders zu kritisieren ist, dass die öffentliche Berichterstattung im deutschsprachigen Raum nicht konsequent zwischen Test-positiven und Erkrankten unterscheidet. Zu bemerken ist, dass die steigende Anzahl der Test-positiven nicht von einem parallelen Anstieg der Hospitalisierungen und Intensivbehandlungen oder Todesfälle begleitet ist. Dies weckt doch erhebliche Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Tests und der täglichen Berichte der neuen Test-positiven.

Auch fragt man sich, warum nicht täglich gemessen und berichtet wird, wie viele Patienten wegen einer Pneumonie durch andere Erreger in ein Krankenhaus oder auf eine Intensivstation aufgenommen werden. In Deutschland erkranken jedes Jahr 660.000 Menschen an einer ambulant erworbenen Pneumonie (ca. 800/100.000 Einwohner), ca. 300.000 von diesen werden stationär behandelt, 40.000 versterben an der Erkrankung (49/100.000 Einwohner) [32]. Zum Vergleich: Bisher im Rahmen der Pandemie positiv auf SARS-CoV-2 Getestete (die Anzahl der wirklich Erkrankten ist nicht bekannt): 242.381 (entsprechend 296/100.000 Einwohner, Stand 31.8.2020, RKI). Todesfälle: 9.298 (entsprechend 11/100.000 Einwohner, Stand 31.8.2020, RKI). Die ambulant erworbene Pneumonie wird durch verschiedenste Erreger verursacht, vor allem Pneumokokken und Influenza, und ist als hochkontagiös zu betrachten. Ähnlich wie bei COVID sind vor allem ältere Menschen betroffen und gefährdet.

Überhaupt muss mit Vehemenz kritisiert werden, dass die SARS-CoV-2 Inzidenzen fast ausschließlich als Absolutzahlen ohne Bezugsgröße berichtet werden. Die Bekanntgabe der Gesamtzahl der Test-positiven und der Todesfälle erfolgt zudem kumulativ, was den Grundprinzipien der Darstellung epidemiologischer Daten widerspricht. Kumulativ sind beispielsweise in diesem Jahr bereits deutlich mehr als 500.000 Menschen in Deutschland gestorben, täglich etwa 2.500 insgesamt (davon etwa 20 Menschen jünger als 30 Jahre). Man stelle sich vor, Pneumokokkenpneumonien und Influenza-Fälle und -Todesfälle würden ebenfalls kumulativ berichtet. Wir lägen bei Beginn der Zählung zum Jahresbeginn in diesem Jahr bereits deutlich über den kumulativen COVID-Zahlen.“

Last but not least äußert sich Adorján Kovács unter dem Titel „Sterben verboten!“ auf der Website der „Achse des Guten“:

Der Psychologe und Theologe Manfred Lütz hat 2011 in der WELT ein Interview gegeben, das die neue Religion des Gesundheitswahns in all ihrer Verlogenheit angeprangert hat. Dass aufgrund des ‚religiösen Vakuums‘ die Menschen für ‚Ersatzreligionen‘ empfänglich seien, ist ja eine bekannte und auch richtige These;  […] ‚Wenn es keinen lieben Gott gibt und mit dem Tod alles aus ist, dann wird es hektisch im Leben. Mit allen Mitteln versucht man, den Tod zu bekämpfen, denn der Tod ist der Todfeind der Gesundheitsreligion. Man versucht quasi, das ewige Leben im Diesseits zu produzieren, was natürlich ein völlig aussichtsloses Projekt ist.‘ Denn ‚auch wer gesund stirbt, ist definitiv tot.‘

Seit einem Dreivierteljahr leben die Menschen in Deutschland wegen der Corona-Krise nur noch ‚vorbeugend‘. Sie begreifen nicht, dass ‚Gesundheit nur eine Rahmenbedingung für das Leben ist, aber nicht das Leben selbst. Um den Tod zu vermeiden, nehmen sie sich das Leben. Und sterben dann doch.‘ Dieses Bild, in dem man aus Angst vor dem Tod Selbstmord begeht, ist schon oft gebraucht worden in dieser Zeit, in der der Lockdown, eine so genannte ’nichtpharmakologische Intervention‘ gegen eine, von der WHO zur ‚Seuche‘ erklärte, virusbedingte akute Atemwegserkrankung zu unerhörten Nebenwirkungen verschiedenster Art, sehr wahrscheinlich auch zusätzlichen Toten, geführt hat.

Ohne auf die große Zahl an Inkonsistenzen und Fehlern einzugehen, die von der Politik gemacht wurden und immer noch werden (wenn es denn Fehler sind und nicht Absicht), und auf die viele Andere schon hingewiesen haben, sei stellvertretend auf die vom RKI genannte, irreführende Zahl von bisher offiziell 10.000 an und mit Covid-19 Verstorbenen hingewiesen. Üblicherweise wird saisonal gezählt, also von etwa Oktober bis April. Auch die Grippe ist im Herbst (wenn auch leicht mutiert) immer wiedergekommen, wurde aber nie als ‚zweite Welle‘ bezeichnet und auch die an ihr Verstorbenen wurden nicht über das ganze Jahr hinweg addiert. Korrekterweise hätte das RKI im Oktober erneut zu zählen anfangen müssen. Aber dann würde sich die Zahl der Verstorbenen nicht so dramatisch lesen. Es ist paradox: Um sich vor dem Tod an Covid-19 zu schützen, werden die Todeszahlen künstlich hochgejazzt. […]

Die Maximierung, das Alles-tun-müssen, ist die große Gefahr der Gesundheitsreligion. Politik war früher einmal die Kunst des Machbaren. Wenn aber alles gemacht werden muss und tatsächlich auch gemacht werden kann, ist es aus mit dem Abwägen: weil mit der Angst der Menschen gespielt wird und man mit ihrem Gesundheitswahn, der den Tod nicht nur aus dem Alltag, sondern aus dem ganzen Denken verbannt hat, rechnen kann. Dabei ist die Politik (einmal mehr) inkonsistent. Beim Terror heißt es immer: Es gibt keine absolute Sicherheit. Das Bombenattentat, der Messermord, das Massaker: All dies darf stattfinden, weil die Freiheit nicht eingeschränkt werden dürfe. Man müsse dem Terror mit ‚mürrischer Indifferenz‘ begegnen. Warum nicht auch Covid-19? Bei der Gesundheit soll es offenbar absolute Sicherheit durch maximale Freiheitseinschränkung geben, koste es, was es wolle, auch wenn die allermeisten der leider an Covid-19 Verstorbenen die durchschnittliche Lebenserwartung überschritten haben. 

Man könnte sagen, das Neue Corona-Virus sei schließlich gefährlicher als Terror, weil es mehr Menschen tötet. Richtig, aber es ist immer noch eine natürliche Todesursache, der Terror nicht. Täglich sterben in Deutschland etwa 2.500 Menschen, davon jetzt etwa 50 an und mit Covid-19, also zwei Prozent. Warum geht die Politik nicht gegen Erkrankungen, die wesentlich häufiger Todesursachen sind, mit der gleichen Vehemenz vor? Warum hat sie die viel mehr Toten der vergangenen Grippeepidemien so vergleichsweise schäbig behandelt?“

Und täglich grüßt die Desinformation – die Rolle der Medien bei der Übertreibung von Risiken

September 30, 2020

Ein Blick nach draußen verdeutlicht dieser Tage ganz klar: Der Herbst ist da! Der Herbst – und damit die Jahreszeit der Jahrmärkte mit ihren Geisterbahnen und Gruselkabinetten.

Doch angesichts der nach wie vor medial omnipräsenten Covid-19-Pandemie scheinen sich führende Staatslenker und ihnen gewogene Medien in der Rolle derjenigen zu gefallen, die der Bevölkerung weiterhin das Gruseln vor diesem vermaledeiten Virus lehren müssten.
Was wirkt da als das beste Gegengift, wenn nicht ein Blick in seriöse medienkritische Lektüre? So beschäftigt sich das aktuelle Buch der Neurowissenschaftlerin und Medienpsychologin Maren Urner („Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“) mit den fatalen Folgen der täglichen Negativberichterstattung im Allgemeinen. (Das Werk erschien 2019, ergo vor der Viruspandemie.) Nicht nur würde das Dauerbombardement medialer Horrormeldungen zu Krieg, Naturkatastrophen und anderen menschlichen Tragödien zu einer latent depressiven Haltung vieler Medienrezipienten führen. Es stelle sich vielfach zudem ein Phänomen ein, welches in der Verhaltenspsychologie als „erlernte Hilflosigkeit“ bekannt sei: Mit der Zeit gäben die Betreffenden nämlich einfach auf, Strategien gegen den vermeintlich heillosen Zustand der Welt zu entwickeln und arrangierten sich mit der ihnen suggerierten Apokalypse. Urner macht deutlich, wie viele Menschen sich hinsichtlich weltweiter Alphabetisierungsraten, Opferzahlen bezüglich Naturkatastrophen, Kindersterblichkeit sowie Kinderimpfquoten irrten – die empirischen Belege sprechen in diesen Bereichen dafür, den Entwicklungsstand der Menschheit positiver zu bewerten, als dies gemeinhin der Fall ist!
Andererseits würden reale Gefahren wie bspw. des Individualverkehrs (Autofahren) im Vergleich mit der Nutzung des Flugzeugs i.d. Regel unterschätzt- die intuitive Risikoeinschätzung schlägt unserer Gattung also häufig das berühmte Schnippchen…
Ihre Forschungen brachten Urner dazu, den sog. Konstruktiven Journalismus voranzutreiben, eine gerade in Deutschland ein Mauerblümchendasein fristende Art der Berichterstattung, der sie mittels ihres Projekts „Perspective Daily“ zu größerer Aufmerksamkeit verhelfen möchte: ein Journalismus, der zusätzlich zu den berühmten W-Fragen auch noch fragt: „Was hat das nun für Konsequenzen?“
Einordnung von Fakten in größere Zusammenhänge sei das A und O eines derartigen Journalismus, der sich an der Funktionsweise unseres Gehirns mit seiner Tendenz zur Überwachsamkeit orientiere.

Mein persönlicher Eindruck hinsichtlich Corona geht mittlerweile in eine ähnliche Richtung – wohlgemerkt im vollen Bewusstsein dessen, dass Covid-19 unter bestimmten Voraussetzungen schwere und schwerste Krankheitsverläufe nehmen und sehr wohl Langzeitfolgen nach sich ziehen sowie im schlimmsten Fall letal sein kann, um dies einmal mehr zu betonen!
Natürlich heißt es angesichts steigender Zahlen täglicher Neuinfektionen und der langsam mit kälteren Temperaturen einhergehenden Jahreszeit wachsam zu sein und Angehörige von Risikogruppen wirksam zu schützen – aber dies darf nicht um jeden Preis geschehen. Die Medienpräsenz einer Bedrohung scheint mir eher in den wenigsten Fällen mit deren realer Gefahr kongruent zu sein… Es sollte aufhorchen lassen, wenn eine Vereinigung wie das Deutsche Netzwerk Evidenz-basierte Medizin e.V. in seiner Stellungnahme vom 08.09. verlautbaren lässt:

„Die Zeiten des exponentiellen Anstiegs der Anzahl der Erkrankten und der Todesfälle sind im deutschsprachigen Raum seit fünf Monaten vorbei. Der momentan zu verzeichnende Anstieg an Test-positiven ohne gleichzeitige Zunahme von Hospitalisierungen, Intensivbehandlungen und Todesfällen rechtfertigt derzeit keine einschneidenden Maßnahmen, sofern diese nicht durch hochwertige Forschung vorab geprüft oder parallel begleitet sind.
Die mediale Berichterstattung sollte unbedingt die von uns geforderten Kriterien einer evidenzbasierten Risikokommunikation beherzigen und die irreführenden Meldungen von Absolutzahlen ohne Bezugsgröße beenden.“

Dazu verweise ich auf meinen Blogeintrag vom August und der dort u.a. thematisierten Relevanz der Hospitalisierungsrate, die (noch?) jedenfalls hierzulande recht niedrig zu sein scheint und von den Medien viel stärker in den Fokus gerückt werden sollte.
Ein weiteres Beispiel für übertriebene Emotionalisierung der Corona-Berichterstattung erwähnt Hans Hofmann-Reinecke in seinem Artikel „Vergiftete Zahlen“ auf der „Achse des Guten“:

„Das Magazin 20-8 der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein informiert seine Leser unter dem Titel ‚Mit Abstrichen gegen die zweite Welle‘ über folgende Zahlen:
‚Rund 2,5 Prozent der Urlauber positiv
Im Auftrag des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS) hatte die KV Nordrhein eine Teststelle am Flughafen Düsseldorf eingerichtet. Mit großem Erfolg: In der ersten Woche wurden bereits 9.700 Abstriche durchgeführt. 163 Tests fielen positiv aus, das entspricht rund 2,5 Prozent.‘
Lassen Sie uns der KV Nordrhein zunächst zu ihrem ‚großen Erfolg‘ gratulieren. Was jedem Mathematical Correctness Warrior (MCW) allerdings ins Auge springt, sind die ‚rund 2,5 Prozent‘. Schließlich sind 9.700 ja sowas Ähnliches wie 10.000, und wenn man 163 durch zehntausend teilt und mit 100 multipliziert, können keine 2,5 Prozent rauskommen.
Der Taschenrechner verrät uns 1,68 Prozent. Jetzt respektieren wir das ‚rund‘ vor der Angabe der KVN; wir runden also auf eine Kommastelle und bekommen 1,7 Prozent. […]
Sie sagen, wir sollten nicht so pingelig sein? 2,5 Prozent oder 1,7 Prozent – was soll’s. Ich sage Ihnen, was es soll: es soll uns den Blick vernebeln. Bekanntlich haben besagte Tests eine ‚falsch positive‘ Rate von circa 1,5 Prozent. Mit diesem Prozentsatz schlägt der Test auch bei Gesunden an. Ziehen wir diese 1,5 Prozent von den erwähnten 1,7 Prozent ab, dann bleiben nur 0,2 Prozent übrig.
Anders ausgedrückt: unter den durchgeführten 9.700 Tests ergaben aller Wahrscheinlichkeit nach 1,5 Prozent, also 145 ein ‚falsch positives‘ Ergebnis. Diese Fehlbestimmungen machen den Großteil der angegebenen 165 aus; zieht man das voneinander ab, dann bleiben nur 20 übrig. Nimmt man jetzt noch die statistischen Ungenauigkeiten in Kauf, dann kann man vernünftigerweise nur aussagen, dass vermutlich zwischen 0 und 40 Personen echt positiv waren. Dann hätte die Überschrift lauten müssen: ‚Gute Nachricht: Weniger als ein halbes Prozent der Urlauber positiv.'“

Es wird noch unzählige Urners, Hofmann-Reineckes und ihrer wackeren Mitstreiter bedürfen, um der täglichen corona- und nicht-coronabedingten Desinformationsflut Paroli bieten zu können. Packen wir´s an, wir medialen Don Quichottes des Mediazäns…

Zwischen Corona-Panik und -Verharmlosung: Wie zurechtfinden im Informationsdschungel?

August 30, 2020

Die Bilder der neuesten Berliner Großdemonstration gegen die bestehenden Coronamaßnahmen irritieren mich – wie schon am 1. August – erneut:

Offensichtliche Rechtsextremisten in „trauter Eintracht“ mit QAnon-Verschwörungsanhängern, esoterischen Spinnern, die allen Ernstes „Liebe“ als Gegenmittel zur Virenbekämpfung empfehlen und ideologich verbohrte Impfgegner, teils aus dem anthroposophischen Weltanschauungsspektrum. Dazwischen aber auch jede Menge Personen, die sich weder durch Kleidung noch durch den Inhalte von Plakaten einer weltanschaulichen Strömung zuordnen lassen, vielleicht auch eher verunsichert bis genervt davon sind, wie die Politik mehr oder weniger mäandernd der uns nun bereits annähernd ein halbes Jahr begleitenden Pandemie versucht Herr zu werden (Stichwort: Maskendiskussion in Bezug auf Schulen).

Auch wenn seitens der Mainstream-Medien sicher nicht immer in wünschenswerter Objektivität über diese Querfront-Demonstrationen berichtet wurde und wird, so erweisen sich doch die in den ARD-Tagesthemen gesendeten O-Töne dreier Demonstrierender als inhaltlich eher schwach auf der Brust:

„Und jetzt sind plötzlich ´n paar Tote irgendwie halt, und da wird alles geschrottet, alles wird geschrottet, weil irgendwelche Machenchaften im Gange sind“ oder „Ich denk natürlich, dass es das gibt. Keiner von uns hier leugnet hier irgend ´nen Scheiß. Natürlich gibt es Viren. Unser Körper besteht aus Viren, aber auch mutierte Viren, die jedes Jahr anders mutieren. Auch das Coronavirus ist ein Virus, was mutiert. Ja, und damit kann unser Körper – mein Gott, wir haben ein Immunsystem – recht gut umgehen.“ (zweites Video von oben, Min. 0:44 – 0:55 sowie 1:04 – 1:22)

Selbstverständlich sollte zur Debatte stehen, ob die Lockdown-Maßnahmen des Frühjahrs nicht überzogen waren, da infolgedessen unverhältnismäßig hohe „Kollateralschäden“ in Form von Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, Insolvenzen, Depressionen, häuslicher Gewalt und letztendlich auch gehäuften Suiziden zu beklagen waren, sind und sein werden.
Dies rechtfertigt jedoch keineswegs die Verharmlosung der Todeszahlen, das Geraune über vermeintliche „Machenchaften“ (erste Frau) oder die pauschale Behauptung, das Immunsystem jedes (!) Menschen werde mit dem Virus schon fertig.
Zahlreiche Medienberichte über schwere Verläufe sprechen Bände: Befall nicht nur der Lunge, sondern auch der Nieren, von Gefäßen sowie eine so nicht bekannte Häufung von Spätfolgen wie Dauermüdigkeit, Gliederschmerzen oder Konzentrationsstörungen.
(In diesem Zusammenhang empfehle ich neben den bekannteren Drosten- und Kekulé-Podcasts im Übrigen denjenigen von Heinz-Wilhelm „Doc“ Esser im WDR sowie die Covid-FAQs von Spektrum der Wissenschaft.
Beide Quellen gehen selbstverständlich auch auf die höhere Gefährlichkeit von Covid-19 im Vergleich zur „herkömmlichen“ saisonalen Grippe ein.
Auf der anderen Seite rezipiere ich jedoch ebenso Quellen wie den „In dubio“-Podcast der „Achse des Guten“. Und hier scheint mir insbesondere die Folge 51 („Aus ärztlicher Sicht“) von Belang zu sein: Hier kritisieren die beiden Mediziner Gunter Frank und Jesko Matthes u.a. die mediale Fokussierung allein auf die Infiziertenzahlen (anstelle der Hospitalisierungsrate), die Gleichsetzung der Begriffe „positiv getestet“, „infiziert“ und „erkrankt“, die Simplifizierung von Studienergebnissen allein durch Überschrift und Zusammenfassung sowie die nach wie vor bestehende Möglichkeit falsch-positiver Covid-Testergebnisse.
„Das was wir gerade erleben ist ein absolutes Fiasko bezüglich medizinischer Seriösität und Kompetenz“ und „keine nationale Bedrohung“ (zu diesen Aspekten bis Min. 10:56).
Wohlgemerkt: Matthes und Frank verleugnen mitnichten, dass Covid-19 überaus gefährliche Verläufe annehmen KANN. Allerdings wehren sie sich dagegen, dem Infektionsschutz alles andere unterzuordnen. Oder um ein selbst gewähltes Beispiel von mir heranzuziehen: EINIGE der aktuellen Coronamaßnahmen wirken auf mich so – ginge es um die Skandalisierung der (ja durchaus vorhandenen) Gefahren des Autoverkehrs – als wolle man auf Autobahnen Tempo 30 einführen.
Und was die Rate der Covid-Erkrankten betrifft, die sich aufgrund der Schwere ihrer Infektion aktuell in einem Krankenhaus wiederfinden:

Laut ARD-Tagesthemen vom 20.08. beträgt sie gerade einmal 6 % (im Vergleich zu 22% am 13.04.). Grund dafür ist die momentan hohe Anzahl an jüngeren Neuinfizierten, die dementsprechend auch seltener stationärer Behandlung bedürfen.

Es scheint sich wieder einmal zu bestätigen: Widmen sich Massenmedien einem Thema, das von ihnen für überaus bedrohlich erklärt wird, ausführlich (und eine ausführlichere Dauerbeschallung als zum Thema „Corona“ dürfte in der Menschheitsgeschichte nicht existieren!), dann fühlen sich Entscheidungsträger aus Politik und Gesellschaft, aber auch die Mehrheit der betroffenen Bevölkerung von Aktionismus getrieben, ergo darin betätigt, dass mit äußerst scharfen Maßnahmen gegen diese Bedrohung vorgegangen werden müsse.
Andere potentielle Bedrohungen werden hingegen entweder völlig ausgeblendet oder deren Gefährlichkeit für vertretbar gehalten. Oder sie erfahren lediglich kurzfristige Aufmerksamkeit. Anders ist es wohl schwer zu erklären, dass in Jahren mit extrem schweren Influenza-Verläufen geschätzt 25.000 Tote in Kauf genommen werden oder die Anzahl der Opfer, die einem multiresistenten Krankenhauskeim anheimfallen (auch hier liegen die Schätzungen bei eigentlich unglaublichen mehr als 10.000 Toten pro Jahr!), mehr oder weniger achselzuckend hingenommen werden.
Eine eingehende Auseinandersetzung mit den Mechanismen medialer Skandalisierung erscheint hier dringend geboten…

Jetzt langt´s! Linke Gesinnungspolizei bekommt Rüffel aus dem eigenen Lager

Juli 28, 2020

Ich habe Glück gehabt. Seit meinem Weggang von der Bremer Greenpeace-Ortsgruppe im Herbst 2005, also noch während meines Studiums, habe ich mich mit keiner Ansammlung linker Dogmatiker mehr herumschlagen müssen – Ausnahmen in diversen Facebookgruppen nicht mitgerechnet.

Und auch in meiner Zeit an der Bremer Uni (1998 – 2006) kam es höchst selten einmal zu einer Begegnung mit einem Angehörigen der linken Diskurspolizei: In einer Zeit, als es noch keine internetfähigen Smartphones gab, standen universitäre Computerräume mit Netzzugang dementsprechend unter Dauerbelagerung. Als ich es nach langer Wartezeit wieder einmal geschafft hatte, mir einen Rechnerplatz zu ergattern, wurde ich von einem mir unbekannten Kommilitonen auf recht merkwürdige Weise angemacht: Ich weiß nicht mehr, auf welcher Website ich gerade surfte. Vielleicht war es das damals schon existente Blog „Politically Incorrect“ (PI), dem ich jedoch ob seiner Grobschlächtigkeit in Sachen Islamkritik nie wirklich nahe stand, oder eine andere Homepage, die in welcher Weise auch immer vermutlich Aspekte der islamischen Glaubenspraxis kritisch unter die Lupe nahm; jedenfalls bedeutete mir besagter Mitstudent mehr gestisch als verbal, dies sei eine unerwünschte Tätigkeit meinerseits. Einigermaßen verwirrt, aber nicht eingeschüchtert setzte ich meine Online-Recherchen fort, wurde von meinem Sitznachbarn auf die Intervention angesprochen, konnte mir aber selbst nicht wirklich einen Reim darauf machen, woran konkret sich das Missfallen des offenbar sehr linkslastig eingestellten Kommilitonen entzündet hatte.
Einige Jahre später, ich war bereits Studienrat in meiner jetzigen Wirkungsstätte im Rhein-Main-Gebiet, kam es mit einer Kollegin zu einer kurzen Unterhaltung über „Migration, Integration und den ganzen Rest“. Auch hier kann ich leider aus heutiger Sicht wenig zum Kontext der Situation beisteuern. Vermutlich spielte sich das Gespräch 2015, also im Jahr der „großen Flüchtlingskrise“, ab. Meine Hand ins Feuer legen kann ich allerdings nicht dafür. Jedenfalls kam das Gespräch u.a. auf ein Buch, dessen Lektüre ich damals gerade abgeschlossen haben muss: Heinz Buschkowsky, damaliger Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, berichtete in „Die andere Gesellschaft“ über seine Erfahrungen mit Migranten und ihren Nachkommen bis zur vierten Generation in seinem Kiez und den Auswirkungen ihrer häufig muslimisch-patriarchalen Prägung auf das Zusammenleben im Viertel.
Jedenfalls ist mir der Reflex dieser Kollegin – so wie ich sie kennengelernt habe keine ausgesprochen links denkende Frau – in Erinnerung geblieben, da sie sich sofort vergewissern wollte, ob es sich denn um ein seriöses Buch handeln würde. Ich merkte: Die „Schere in ihrem Kopf“ war vorhanden und wartete auf rege Schnittbetätigung!
Nun, im Jahr 2020, erscheinen diese beiden Anekdoten als dermaßen harmlos, wenn man bedenkt, was sich seitdem alles zugetragen hat: In regelmäßiger Weise werden Kritiker der herrschenden (Des-)Integrationspolitik als „Nazis“ und „Rassisten“ oder zumindest Zuarbeiter von AfD & Co. diffamiert. Sicher stehen einige dieser Leute auch entsprechenden politischen Strömungen nahe, aber ich bezweifle, dass die Mehrheit der Bevölkerung wirklich nicht in der Lage sein soll, zwischen zu verurteilender Muslimfeindlichkeit und sehr wohl benötigter emanzipatorischer Islamkritik zu unterscheiden.
Eines der prominentesten Beispiele ist sicherlich der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, der nicht davor zurückschreckt, unbequeme Aspekte in Bezug auf den patriarchalen Mainstream-Islam und Zuwanderung in aller Öffentlichkeit zu thematisieren und von einigen – selbst hochrangigen – Partei“freunden“ dafür mit Parteiausschlussforderungen überzogen wird – übrigens bereits vor dessen in der Tat zumindest missverständlichen Corona-Äußerungen Ende April dieses Jahres.
Ganz zu schweigen von den jüngsten Entwicklungen auf der anderen Seite des „großen Teichs“: Dort hat die immer mehr ausufernde linke Intoleranz der „Political Correctness“ im Zuge der „Black Lives Matter“-Proteste bekanntlich dazu geführt, dass ein Redakteur der „New York Times“ gefeuert wurde, weil er es ermöglicht hatte, dass ein republikanischer Senator im Blatt einen Artikel mit Forderungen nach dem Einsatz der Armee in von Krawallen betroffenen Städten lancieren konnte.
Doch möglicherweise hat das Blatt bereits begonnen, sich zu wenden: 153 US-Intellektuelle veröffentlichten in mehreren angesehenen Zeitungen der USA und (West-)Europas einen Offenen Brief, in dem sie die um sich greifende Unsitte der „Cancel Culture“ anprangerten.

Und auch im deutschen Linksliberalismus sind vereinzelt Stimmen zu hören, die das Ende der Fahnenstange postulieren und von einem „digitalen linken Spießer[tum]“ sprechen, das sich seiner eigenen dogmatischen Haltung nicht bewusst sei. In der „ZEIT“ schreibt Jan Freyn:

„Eine erstarrte und ins Pädagogische abgedriftete Linke, die sich durch ihre Weigerung bestimmt, ‚ihr eigenes Machtstreben zu reflektieren, ihren Aufstieg in den akademischen und kulturellen Institutionen‘ (Michael Hampe), ein dergestalt zur Karikatur verkommener Linksliberalismus, der vergessen hat, dass er nicht mehr unter allen Umständen subversiver Underdog ist, sondern sich an Universitäten oder in Social-Media-Kontexten explizite Machtzentren geschaffen hat, bringt einen epochalen Menschenschlag hervor: den digitalen linken Spießer.“

Doch wie heißt es so treffend: „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer!“ Es bedarf noch eines immensen Debattenfortschritts innerhalb linker und linksliberaler Kreise, um das Gespür für den eigenen Anteil am Aufstieg der „Rechtspopulisten“ zu reflektieren. Dass dies möglich ist, beweist neben Freyn der Mitgründer der Wagenknecht´schen „Aufstehen!“-Bewegung, Bernd Stegemann, in seinem Buch „Die Moralfalle“. Jedoch lässt das Schicksal dieser linken „Bewegung“ nicht unbedingt auf Besseres hoffen: Lange schon ist es nämlich um Wagenknecht und ihren Versuch, den Rechtslastig-Völkischen etwas entgegenzusetzen, still geworden – sehr still…

Die unheilige Allianz der vier antikalyptischen Reiter: Antirassismus, Antipolizismus, Antifada, Antirealismus

Juni 29, 2020

Wie das Chaos im Kopf ordnen? Wie die Eskalation auf der nach oben offenen Skala des politisch-medialen Irrsinns hierzulande griffig beschreiben? Diese Fragen stellen sich mir immer häufiger, aktuell natürlich im Kontext der – gelinde gesagt – überbordenden Rassismusdebatte, der Anti-Polizei-Hetze (nicht nur) linker Aktivisten und dem Affentanz um die politisch exakte Einordnung der Straßenschlacht von Stuttgart.

Was bisher geschah: Einmal mehr wird am 25. Mai der Schwarze George Floyd in Minneapolis/USA aus geringfügigem Anlass durch brutale Polizeigewalt getötet. Daraufhin entlädt sich explosionsartige – und zu Recht -Wut in der Stadt und greift auf viele weitere US-Innenstädte, wenig später auch auf Metropolen anderer westlicher Staaten über („Black Lives Matter“, kurz BLM). Die dabei als „Kollateralschäden“ abgefackelten und anderweitig zerstörten Geschäfte, Fahrzeuge etc. Unbeteiligter scheinen dabei vielen Medienschaffenden das weitaus geringere Problem als ein wie gewohnt verbal entgleisender US-Präsident.
Im Zuge der rasanten Heiligsprechung des Kleinkriminellen Floyd durch die weltweit agierende BLM-Bewegung gerät die Polizei generell sehr schnell zum Feindbild schlechthin. Berichte bspw. der „Tagesschau“ anlässlich einer BLM-Demo rund um den Berliner Alexanderplatz („weitgehend friedlich“) erweisen sich – nicht zum ersten Mal – dank weniger verbliebener Journalisten, die sich nicht als linke Volkserzieher verstehen, als das übliche Appeasement gegenüber linksradikalen und/oder migrantischen Gewalttätern.
Welch ekelhafte Ausmaße auch linke „Hate Speech“ annehmen kann, beweist am 15. Juni die taz-Kolumnistin Hengameh Yaghoobifarah in ihrem an menschenverachtender Hetze gegen die Polizei in toto nicht zu überbietendem Beitrag („All cops are berufsunfähig“), in welchem sie eine ganze Berufsgruppe zu „Müllmenschen“ erklärt.
Nur fünf Tage später zerlegt ein „bunter Mix über den Globus“, ergo: Mitglieder der „Party- und Eventszene“ (Neusprech der örtlichen Polizeiführung) Stuttgarts Teile der Innenstadt der Schwabenmetropole und verletzt an die 20 Polizeibeamte. Anlass bildete ein routinemäßiger Ermittlungsvorgang der Polizei aufgrund eines Drogendelikts.
Ähnlich wie nach der berüchtigten Kölner Silvesternacht 2015/16 übernehmen viele Medien das Framing der Polizei trotz (oder gerade wegen) der offensichtlichen Hinweise auf eine Vielzahl von Tätern mit Migrationshintergrund. Dazu bemerkt Horst Kläuser auf der Website des CICERO:

„Migrationshintergrund, sagen diesmal die auf der richtigen Seite stehenden Besorgten, sei vielmehr zum rassistischen Stereotyp verkommen und beschreibe vorwiegend Menschen dunklerer Hautfarbe, die man früher mal ‚Farbige‘ nannte, die aber heute PoC heißen (Person/ People of Color). Falsch. Fake News können auch feige News sein. […] Es gibt ‚Biodeutsche‘, um einmal dieses affige Wort zu benutzen, die sind fremder in Deutschland als die meisten Schwarzen, die hier geboren wurden. Warum sollte es ein Makel sein, nicht weiß zu sein? Aber wenn es das nicht ist, darf es auch erwähnt werden, nicht zur Stigmatisierung, sondern zur Beschreibung. Die wunderbare Vielfalt der Menschen, auch und gerade in unserem Land, ist eine Bereicherung. Gewiss. Sie zu erwähnen eine schlichte Beobachtung. Wie sie letztlich genannt werden, ist nicht unwichtig, aber nicht die Hauptsache. Ethnien zu benennen, ist nicht automatisch Rassismus. Es kann auch einfach Recherche sein.“

Die von Kläuser zu Recht kritisierte inflationäre Verwendung des Rassismusbegriffs geht leider vielfach einher mit einer aufwändigen Pflege des Opfernarrativs in Hinblick auf Menschen mit Migrationshintergrund. Diese – häufig muslimischen Glaubens – werden ähnlich wie Menschen mit dunkler Hautfarbe („People/Person of Colour“ im akademisch-korrekten Neusprech) per se zu Opfern der als strukturell rassistisch imaginierten Gesellschaft hingestellt.
Judith Besinc Basad dazu:

„[…] eine Aussage ist nicht wahrer, nur weil sie von einem Schwarzen, Muslimen oder Homosexuellen geäußert wird. Auch Menschen mit Migrationshintergrund, die sich selbst als ’nicht-binär‘ bezeichnen, können sich menschenverachtend äußern. Das wurde erst vor kurzem deutlich, als eine Taz-Kolumnistin Polizisten als Müll bezeichnete.
Wenn man sich derart dogmatisch an Theorien klammert, dass nur noch die reden dürfen, die ‚betroffen‘ sind, dann kann man das auch anders nennen: Sprechverbote.“

Das alles sind leidliche Binsenweisheiten. Umso ärgerlicher, dass der deutsche Diskurs seit den 4 1/2 Jahren, die die Kölner Silvesternacht nun schon zurückliegt, offenbar keinen Schritt nach vorn gemacht hat. Und dass viele der für diese Situation Verantwortlichen in Politik und Medien studierte, man sollte also annehmen können, überdurchschnittlich reflektierte Menschen sein sollten, macht die Lage noch viel peinlicher – für sie!
Es hat sich ein für den Fortbestand von Rechtsstaat und Demokratie überaus gefährlicher Mix aus über das Ziel hinausschießendem Antirassismus, Polizistenhass (bis hin zur offenen Verachtung des Rechtsstaats durch Links- wie Rechtsradikale), offener Herausforderung staatlicher Institutionen vonseiten (zu) vieler Migranten aus dem islamischen Kulturkreis („Antifada“) sowie diesbezüglicher Realitätsverleugnung breitgemacht. Wohin diese explosive Mischung noch so alles führen kann, ist nachzulesen im aktuellen Buch des Islamwissenschaftlers Ralph Ghadban („Arabische Clans“). Zustände, die mit „spätrömischer Dekadenz“ à la Westerwelle noch sehr milde beschrieben sind…

Corona, der Zufall und die Naturromantiker: eine (früh-)sommerliche Reise zu den psychologischen Mechanismen der Krise

Mai 31, 2020

Erinnern Sie sich noch daran, wie Sie als Kind (vielleicht an einem lauen Sommernachmittag) rücklings auf der Wiese, am Fluss o.Ä. lagen und Ihre Fantasie aus den vorüberziehenden Wolkenformationen grässliche Ungeheuer oder auch ganz banale Alltagsgegenstände formte?

Was Sie heute mit dem Abstand vieler Jahre möglicherweise als kindlich-naive Marotte belächeln mögen, stellt jedoch nichts anderes als ein basales Prinzip des menschlichen Geistes dar: Wir neigen als Spezies dazu, überall Muster zu erkennen, selbst da, wo sich objektiv keine befinden. Insbesondere auf menschliche Gesichter scheinen wir evolutionär in besonderer Weise gepolt zu sein, spielen sie doch in unserer Existenz als soziale Lebewesen auch eine tragende Rolle im Leben.
Von daher erscheint es auch wenig verwunderlich, wenn insbesondere religiöse Menschen das Antlitz ihres jeweiligen Religionsstifters oder eines wichtigen Heiligen in, an und auf allen möglichen Gegenständen zu erblicken meinen – das berühmte Jesus-Gesicht auf der Toastscheibe erfreut sich anscheinend vor allem in streng-christlichen Kreisen der USA extremer Beliebtheit!

Doch wozu diese Ausführungen im Zusammenhang mit den sog. Hygienedemos der letzten Wochen, bei denen immer wieder alle nur denkbaren Zusammenhänge vom neuen Mobilfunkstandard 5G über die „Neue Weltordnung“ jüdischer Geheimzirkel bis zum angeblichen Zwangsimpfer Bill Gates (wahlweise auch als Massenmörder in spe, der die Menschheit auf 500 Mio. Exemplare reduzieren möchte) im Kontext der aktuellen SARS-CoV-2-Pandemie behauptet wurden und werden?
Von Expertenseite ist immer wieder betont worden, dass nicht nur Krisenzeiten zum Aufblühen sog. Verschwörungserzählungen führen und diese sich bevorzugt in politisch-radikalen Strömungen beheimatet fühlen. Vielmehr scheint es auch ein extremes Bedürfnis zu sein, hinter allen wirkmächtigen Ereignissen der Weltgeschichte eine bewusst gesteuerte Entität auszumachen: das Erdbeben von Lissabon 1755 – Beleg des göttlichen Zorns ob des sündhaften Lebens der Bewohner; die Attentate auf die New Yorker Twintowers 2001 mit ihren Tausenden Opfern – Anzeichen der unmittelbar bevorstehenden, biblisch angekündigten „Endzeit“!
Dass der Zufall im Leben des Menschen eine maßgebliche Rolle spielt (angefangen bei Zeit und Ort unserer Geburt) scheinen viele Zeitgenossen nicht mitzudenken…
Doch noch ein weiterer Zusammenhang spielt hier mit rein: Gemäß dem Amerikanisten Prof. Michael Butter hat die Abnahme religiöser Bindungen im Zuge der europäischen Aufklärungsepoche des 18. Jahrhunderts unmittelbar zur Ausprägung eines solch mechanistischen Kausalitätsdenkens geführt, in dem die Bedeutung des besagten Zufalls einfach ausgeblendet wurde.
Auch gilt es zu beachten, dass Verschwörungsdenken mitnichten immer nur ein gesellschaftliches Randphänomen ausmacht: Schließlich basierte der NS-Rassenwahn der 1930er- und 1940er-Jahre auf dem Denken des Mainstreams; in stark religiös geprägten Gesellschaften wie den Staaten des islamischen Kulturraums erfreuen sich derartig abstruse Denkfiguren wie der Glaube an die jüdische Weltverschwörung schließlich bis heute enormer Popularität. Und natürlich haftet auch jeder milden Form religiösen Glaubens ein Touch verschwörungstheoretischen Inhalts an (etwa die hinterhältigen Ränkespiele Satans als behaupteter Gegenspieler Gottes im Christentum, wenn man einmal von dessen Weichspülvariante westlicher Prägung absieht).
Und was die Impfparanoia heutiger Aluhüte betrifft: Hier zeigt sich in seiner extremen Form, wohin ein auf die Spitze getriebener Glaube an das Gute in der Natur (ergo: Ökologismus) als Religionsersatz führen kann. Wenn es in den vergangenen Jahren zu lokalen Masernausbrüchen kam, entstanden diese häufig im Umfeld anthroposophischer Einrichtungen der Waldorfpädagogik (Gründer: der Oberguru deutscher Esoterikjünger, Rudolf Steiner). Hier scheint mir die Keimzelle der deutschen Impfgegner-Szene zu liegen. Doch wer wie das Autorenduo Dirk Maxeiner und Michel Miersch seit gut 20 Jahren auf diese fatale Entwicklung aufmerksam machen wollte, sah sich vonseiten des linksliberal-ökologischen Mainstreams als Outlaw behandelt. Nun erhält diese in erschreckend hohem Maße verblödungsanfällige Gesellschaft in Form der Corona-Verschwörungsanhänger die Quittung für ihren jahrzehntelangen geistigen Müßiggang…

„Die Regierung begreift die Lockdown-Maßnahmen als eine logische Folge der Aufklärung“

April 30, 2020

Im letzten Blogeintrag schrieb ich bekanntlich über meine Gedanken angesichts der anlaufenden Lockdown-Maßnahmen Mitte März (Schulschließungen), schnell gefolgt von weitergehenden Ausgangsbeschränkungen, meiner anfänglichen Panikmacher-Deutung der Corona-Berichterstatttung sowie der bald darauf einsetzenden Abkehr von diesem mir nur allzu vertrauten Erklärungsmuster.

Und auch von einem Roman war in meinem Märzbeitrag die Rede: „Corpus Delicti“ von Juli Zeh, einer Pflichtlektüre für das diesjährige hessische Abitur im Deutsch-Leistungskurs: Die dort dargestellte fiktive Gesundheitsdiktatur („die Methode“) in der Mitte des 21. Jhds. mit ihrem Chefideologen Heinrich Kramer an der Spitze wähnt sich, zum einzig wahren Wohl aller Bürger zu handeln, indem sie darauf besteht, ihre Untertanen zu regelmäßiger Fitness und gesunder Lebensführung zu verpflichten und die entsprechenden individuellen Gesundheitsdaten permanent an die Behörden zu übermitteln. Doch davon später mehr…
Bei aller gruseliger Fiktion, die dieses Szenario beinhaltet, so scheint mir mittlerweile jedoch in so mancher Anti-Corona-Regel ein Funken dieses „Methoden“-Staates aufzublitzen. Das wochenlange bayerische Parkbankverbot für Alleinsitzende ist da nur die Spitze des Eisbergs…
Man denke vor allem an die ausnahmslosen Verbote jeder gemeinschaftlichen politischen Meinungsbekundung in der Öffentlichkeit (sprich: Demonstration) oder die strikten Ausgangsauflagen mancher Bundesländer, die lediglich wenige „triftige Gründe“ zum Verlassen der eigenen Wohnung akzeptierten.
Mittlerweile scheint das Pendel Gott sei Dank nicht mehr ganz so stark in Richtung starke Exekutive auszuschlagen. Vielmehr erobert sich die Judikative Zug um Zug den für einen Rechtsstaat dringend benötigten Freiraum zurück.
Und auch die Begründung seitens vieler Virologen, die deutschlandweit glimpflich verlaufenden Infizierten- und Todesraten belegten die Wirkung des Lockdowns, gilt es mit Vorsicht zu genießen. Dazu der Politologe Michael Bröning:

„Soziologen etwa verteidigen den Lockdown – wie auch Virologe Christian Drosten – durch Verweis auf ein ‚Präventionsparadox‘. Demzufolge bestätigt gerade das Ausbleiben der Katastrophe den Erfolg der getroffenen Maßnahmen. Dieser Ansatz ist logisch nicht zu widerlegen und sicher auch gerechtfertigt. Das Problem ist nur: In dieser Sichtweise lässt sich noch jede staatliche Überreaktion als Erfolg verbuchen. In Deutschland ist die Demokratie sicher nicht in Gefahr. Doch diese Entwarnung ist nicht weltweit gültig.
Deshalb sticht eher der Umkehrschluss. Nur weil der schlimmste Fall der Eskalation bislang vielerorts erfreulicherweise ausgeblieben ist, bescheinigt das noch lange nicht die Angemessenheit jeder getroffenen Maßnahme.
Post hoc ergo propter hoc – diesem kausalen Zirkelschluss sollten wir gerade in Zeiten des gesundheitlichen Notstandes und angesichts einer weltweit einmaligen Machtverschiebung in Richtung Exekutive nicht erliegen. In Zeiten der Angst und der Unübersichtlichkeit bleibt Skepsis eine demokratische Tugend. Gegenüber scheinbaren Patentrezepten ebenso wie gegenüber staatlich verordnetem Gleichschritt und insbesondere gegenüber den Gefahren eines sich zunehmend selbst erfüllenden weltweiten Katastrophismus.“

Was wir brauchen, ist ein kühler Diskurs des umsichtigen Abwägens von Einschränkungen und (möglichen) Folgen, was natürlich durch die zahlreichen Wissenslücken über den Charakter von SARS-CoV-2 erheblich erschwert wird. Blockwarte, die auf öffentlichen Plätzen mit dem Zollstock die Abstandsregeln kontrollieren, sind ebenso fehl am Platz wie Pseudo-Rebellen, die eine minutiöse Schilderung ihres maskenlosen Einkaufs zum heroischen Widerstandsakt gegen das vermeintliche Coronazi-Regime aufblasen und ins Netz ejakulieren.

Zum Abschluss dieses Beitrags sei an dieser Stelle eine kleine Zitatensammlung aus oben erwähntem Roman eingestellt. Zitate, die hoffentlich verdeutlichen, mit welch perfider Begründung freiheitsfeindliche Maßnahmen schleichend Einzug in eine offene Gesellschaft halten können und die heute noch wortwörtliche Rede vom bedrohlichen Virus schnell zur Metapher für viel weiter gefasste Zusammenhänge umgedeutet werden kann. (Das Zitat aus der Überschrift dieses Eintrags stellt im Übrigen keinen tatsächlichen O-Ton, sondern eine Abwandlung einer Aussage aus „Corpus Delicti“ dar…)

„‚Was die Anti-Methodisten kennzeichnet‘ […] ‚ist ein reaktionärer Freiheitsglaube, der seine Wurzeln im zwanzigsten Jahrhundert hat. Sämtliche Ideen der R.A.K. beruhen auf einem Missverständnis der Aufklärung.‘ ‚Aber die METHODE begreift sich doch selbst als eine logische Folge der Aufklärung.'“ (S. 84)

R.A.K.: „Recht auf Krankheit“ – Anspielung auf die Rote Armee Fraktion (RAF); in Zehs Roman eine militante Untergrundgruppe, die gegen die Gesundheitsdiktatur ankämpft

„‚Wir dürfen nicht vergessen, welche Umstände den Anstoß zur Entwicklung der METHODE gaben.‘ […] ‚Nach den großen Kriegen des zwanzigsten Jahrhunderts hatte ein Aufklärungsschub zu weitgehenden Entideologisierung der Gesellschaft geführt. Begriffe wie Nation, Religion, Familie verloren rapide an Bedeutung. Eine große Epoche der Abschaffung begann. Zur Überraschung aller Beteiligten fühlten sich die Menschen zur Jahrtausendwende jedoch nicht auf einer höheren Zivilisationsstufe, sondern vereinzelt und orientierungslos, sprich: nah am Naturzustand. Man redete ununterbrochen vom Werteverfall. Man hatte jede Selbstsicherheit verloren und fing an, einander wieder zu fürchten. Angst regierte das Leben der Einzelnen, Angst regierte die große Politik. Es war übersehen worden, dass auf jede Abschaffung eine Neuschaffung folgen muss. Was waren die konkreten Folgen? Geburtenrückgang, die Zunahme stressbedingter Krankheiten, Amokläufe, Terrorismus. Dazu eine Überbetonung von privaten Egoismen, das Schwinden von Loyalität und schließlich der Zusammnebruch der sozialen Sicherungssysteme. Chaos. Krankheit. Verunsicherung.'“ (S. 88f.)

„Kramer spricht zwanzig Minuten und schaut dabei weiter reglos in die Kamera. […] Dass Unsauberkeit die Verunreinigung des Einzelnen und Unsicherheit die Verunreinigung der Gesellschaft sei. Dass Krankheit als das Ergebnis von fehlender Kontrolle betrachtet werden müsse. […] Kramer spricht von Viren, die Unsauberkeit und Unsicherheit für sich zu nutzen wissen und den Einzelnen wie die Gesellschaft befallen. Heutzutage, sagt er, bestünden die gefährlichsten Viren nicht mehr aus Nukleinsäuren, sondern aus infektiösen Gedanken. […] Die METHODE als Immunsystem des Landes, fährt er schließlich fort, habe das aktuell grassierende Virus bereits identifiziert. Es werde vernichtet. Niemand könne sich den Selbstheilungskräften eines starken Körpers entziehen.“ (S. 200f.)

Der Ausnahmefall als neue Regel? Zu Nutzen und Risiken des Infektionsschutzes

März 29, 2020

Vermutlich werde ich diesen Freitag, den 13. März 2020 immer in Erinnerung behalten: Der Tag, an dem fast alle deutschen Landesregierungen beschlossen, ihre Bildungseinrichtungen von der darauffolgenden Woche an bis zunächst zum Ende der Osterferien zu schließen, um der sich ausbreitenden Covid-19-Pandemie Einhalt zu gebieten.

Eine Maßnahme, über die ich exakt eine Woche zuvor – als Andeutung aus dem Mund einer Schülerin – noch innerlich milde lächelnd erhaben hinweggegangen bin: Zu unvorstellbar erschien damals diese Vorstellung, und sicher stehen wir wohl alle immer noch vor diesem Szenario wie hilflose Marionetten in einem Alptraum, auch wenn nach knapp zwei Wochen des sog. Shutdowns natürlich wenigstens ein klein wenig Gewöhnung eingetreten ist.

Ich will hier auch gar nicht verhehlen, dass ich die eingeleiteten großflächigen Schließungen gastronomischer und kultureller Betriebe anfangs für Ausgeburten dieser typisch deutschen Hysterie gehalten habe. Eine Hysterie, die ja in der Vergangenheit allenthalben durch diverse schrille Medienberichte immer wieder befeuert wurde: Dioxin im Ei, Havarie des Reaktors Fukushima Daichi 2011, der weltweite Seuchenzug der Schweinegrippe zwei Jahre zuvor etc. pp.
Schließlich schien auch dieses Mal die „German Angst“ gegenüber der nüchternen Ratio zu dominieren, ein sich wechselseitiges Aufschaukeln aus medialer und politischer Panikmache vor unser aller Augen abzulaufen. Als „alter Hase“ in der Beschäftigung mit derartig medial gesteuerten Phänomenen wähnte ich mich in meiner Coolness bestätigt.
Dazu gesellte sich die Tatsache, dass ich mit meinem Deutsch-Leistungskurs erst wenige Tage zuvor den dystopischen Roman „Corpus Delicti“ von Juli Zeh beendet hatte: In dieser fiktiven Gesundheitsdiktatur („Die Methode“) haben sich Mitte des 21. Jhds. alle Einwohner dazu zu verpflichten, sich sportlich zu betätigen und gesund zu ernähren, ihre entsprechenden Daten an die Behörden weiterzuleiten – dies alles gemäß des „gesunden Menschenverstands“ (so der Titel des wichtigsten Propaganda-Organs) und in der vermeintlichen Tradition der Aufklärung.
Erst meine gierige Rezeption diverser Virologen-Podcasts und die Einsicht in die mathematischen Gesetzmäßigkeiten exponentieller Funktionsverläufe (Stichwort: Opferzahlen in Italien, Spanien und mittlerweile auch den USA) machten mir meinen diesmaligen Irrglauben klar.
Um so dringlicher, dass die Medien in der Post-Corona-Zeit ein gerüttelt Maß Sachlichkeit walten lassen sollten, um nicht noch einmal eine solch fatale „Alles-halb-so-wild“-Haltung bei mir und zahlreichen anderen Zeitgenossen zu generieren!

Jedoch denke ich, dass die derzeitigen rigiden, mit dem Infektionsschutz begründeten Anordnungen des Bundes, der Länder und Kommunen absolut eine Frage des Augenmaßes sind und keinesfalls einen Freibrief darstellen, alles kritiklos und zeitlich unbefristet hinzunehmen oder gar nach Corona schon bei deutlich geringeren Anlässen damit zu drohen. Die wachsame Zivilgesellschaft im Dienste einer nach wie vor funktionierenden Demokratie ist daher ebenso oberstes Gebot der Stunde wie die momentanen Versammlungsverbote und Abstandsregelungen.
Oder, um die beiden Juristen Pauline Weller und Bijan Moini zu zitieren:

„Die Maßnahmen müssen etwas bringen, sonst sind sie rechtswidrig. Vor dieser Schranke musste ein Vorschlag des Bundesgesundheitsministeriums Halt machen: Die Behörden sollten die über Funkzellen ermittelten Standortdaten der Handys von Infizierten anfordern können, um Kontaktpersonen zu ermitteln. Weil genau das aber technisch unmöglich war, musste Minister Jens Spahn den Passus aus dem neuen Infektionsschutzgesetz wieder streichen.

Die Beschränkungen der Freiheit müssen auch in sich schlüssig sein. Es darf zum Beispiel nicht zur Rückkehr in seine Heimat gezwungen werden, wer sich seit Monaten an seinem Zweitwohnsitz aufhält, wenn gerade das die Infektionsgefahr erhöht. Deshalb müssen alle Verbote Ausnahmen zulassen, um dem Einzelfall gerecht zu werden. Die nun in der Ausnahmesituation geschaffenen Beschränkungen der Freiheitsrechte dürfen zudem nicht zur Regel werden. Alle Einschränkungen müssen ebenso schnell zurückgebaut werden, wie sie errichtet wurden, sobald die Lage es erlaubt.

Die Legislative muss mehr Entscheidungen treffen
Und dann müssen wir rasch in die Zukunft blicken. Wir dürfen gegenüber einer vorhersehbaren Bedrohung wie einem Virus nie wieder so hilflos sein, nie wieder dürfen Freiheitsbeschränkungen wie derzeit nötig werden. Und nie wieder dürfen Regierungen in Bund und Ländern in einem solchen regulativen Vakuum agieren. Statt Gemeinden und einzelne Behörden bei wichtigen Entscheidungen allein zu lassen, muss der Gesetzgeber im Infektionsschutzgesetz deutlich mehr Wertentscheidungen selbst treffen, von Ausgangsbeschränkungen bis zur Ressourcenverteilung im überforderten Krankenhaus. Dafür ist ein Parlament schließlich da.“

Seien wir froh, dass die politischen Ränder momentan (noch?) nicht von der Ausnahemesituation zu profitieren scheinen. Nicht auszudenken jedoch, was (neben den rasant steigenden Opferzahlen) im Falle einer Entwicklung wie in Italien diesbezüglich geschehen könnte – schließlich erleben wir ja bereits jetzt die gnadenlose Offenlegung der Schwächen unseres auf Kostensenkung getrimmten Gesundheitssystems. Denjenigen, die hier maßgeblichen Anteil daran haben, dass Krankenhäuser und Arztpraxen zumindest weitgehend noch die Lage im Griff zu haben scheinen, gebührt weit mehr als ein ritualisierter abendlicher Applaus „einkasernierter“ Bürgerinnen und Bürger. Ansonsten sähe ich mich gezwungen, in die Merkel-Worte einzustimmen, die sie im Zusammenhang mit der Flchtlingssituation vor Jahren einmal äußerte: „Dann ist das nicht mein Land!“

Exorzismus-Festspiele „gegen rechts“: Wie Thüringen und Hanau die neue Volksfront befeuern

Februar 28, 2020

Auch wenn ich es mittlerweile leid bin, in dieser „Freiluftklapse“ Deutschland an den letzten Funken Verstand zu appellieren, aber die Vorfälle um die Thüringer Wahl des Ministerpräsidenten sowie die Hanauer Morde lassen mir einfach keine andere Wahl. Halten wir also fest:

Da lässt sich ein FDP-Mann im dritten Wahlgang und mit den Stimmen der (gerade in diesem Bundesland) zurecht als völkisch-rechtsaußen verschrienen AfD ins höchste Staatsamt auf Länderebene wählen. Wohl perplex ob des zu seinen Gunsten ausgegangenen Votums erdreistet er sich auch noch, die Wahl anzunehmen. Die Folge: Ein Shitstorm ohnegleichen fegt nicht nur über ihn und die Landes-FDP hinweg, sondern reißt auch noch die Thüringer CDU, ja sogar deren Bundesvorsitzende in den Strudel des Abgrunds!
Man könnte meinen, Deutschland stehe unmittelbar vor der Wahl Björn Höckes zum neuen Reichskanzler oder gleich vor dem Einmarsch in Polen…

Und nein, ich bin mir sehr wohl bewusst, dass die AfD (oder zumindest deren völkisch-nationaler „Flügel“) durchaus eine Gefahr für die Demokratie darstellt (Stichworte: „Selbstverharmlosung“, Betonung der vermeintlichen eigenen „Bürgerlichkeit“). Es wird den etablierten Parteien nur herzlich wenig nutzen, auf Biegen und Brechen an der Dämonisierung dieser Partei festzuhalten. Gerade dadurch, dass man auf Teufel komm raus verhindern möchte, sich von AfD-Gnaden zu einem politischen Amt küren zu lassen, eröffnet man der Möchtegern-Alternative ungeahnte Möglichkeiten der Einflussnahme: So kann die AfD erst recht die verhassten „Altparteien“ vor sich her treiben und sich bei Gegenwind in die gewohnte Opferrolle einigeln. The same procedure as every year! Gääääääääähn!
Jene „Altparteien“, deren verkrustete Denk- und Organisationsstrukturen gehörig zur Erosion der politischen Mitte beigetragen haben dürften. Dazu Matthias Heitmann im CICERO:

„Die Stärke der Partei Die Linke in Ostdeutschland ist, wie auch das Wachstum der AfD, ein Symptom des Scheiterns der alten, vor 30 Jahren importierten westdeutschen Parteisystematik. Beide sind gewissermaßen miteinander konkurrierende Auffanglager für politische Inlandsflüchtlinge. Will man deren Zulauf verhindern, muss man die an Fluchtursachen ran, und diese liegen u.a. in dem immer penetranter werdenden Verwesungsgeruch, der aus der ‚politischen Mitte‘ aufsteigt. Die derzeit so viel zitierte wie inhaltsleere ‚Hufeisentheorie‘ macht den Bock zum Gärtner: Ihr zufolge wird die blühende deutsche Mittelerde völlig ohne jeden Grund von extremistischen Eindringlingen umgepflügt. Tatsächlich ist die Dynamik eine ganz andere: Die alte Mitte, in der sich sieche Angstparteien auf den Jesuslatschen herumtrampeln, lässt immer mehr Menschen die Flucht ergreifen.“

Die durch das „Thüringer Erdbeben“ (ein Hoch auf die politische Weltuntergangs-Metaphorik!) um eine weitere Umdrehung vorangetriebene Exorzismus-Eskalationsspirale wurde wenige Wochen später infolge der Morde eines verschwörungsidiotischen Hanauer Rechtsextremisten erst recht zum Glühen gebracht. Spätestens jetzt fielen bei einigen Akteuren des linksautoritären Spektrums die letzten Hemmungen, um zur medialen Treibjagd auf unbequeme Stimmen zu blasen, darunter der durch seine pointiert gegen den linksgrünen Zeitgeist gebürsteten Beiträge bekannte „Querulant“ Henryk M. Broder. Wurde dem Kabarettisten Dieter Nuhr bereits Ende 2019 durch Politkasper Jan Böhmermann „was auf die Fresse“ angedroht (ach, wie satirisch!), so erdreistete sich der Bremer Ex-Moderator des „Neo Magazin Royale“ (ZDF) gemeinsam mit Jakob Augstein („Der Freitag“) nun dazu, Broder zusammen mit Thilo Sarrazin („Feindliche Übernahme“) und Roland Tichy („Tichys Einblick“) quasi als Helfershelfer des mörderischen Treibens rechtsextremer Provenienz hinzustellen. Ein ungeheurer Vorgang, der in der Tat Parallelen zur Rufmordkampagne der 1970er-Jahre erkennen lässt, in welcher u.a. die BILD-Zeitung gegen den linken Schriftsteller Heinrich Böll ob dessen vermeintlicher Nähe zur linksextremistischen RAF-Terrorbande zu Felde gezogen war.

Im Kielwasser dieser Geschehnisse, aber angestoßen bereits Jahre zuvor, offenbarte sich wieder einmal ein Phänomen einer ohnehin schon viel zu sehr eingeschliffenen denkfaulen Sprachpanscherei hiesiger Gesinnungsmedien. Oder mit den Worten von Judith Sevinc Basad in der „Neuen Zürcher Zeitung“:

„Während stets zwischen linken und linksextremen Ansichten unterschieden wird, wird auf der rechten Seite alles in einen Topf geworfen. Gleichsetzungsdelirien beherrschen den Diskurs der veröffentlichten Meinung: ‚liberal‘ gleich ‚konservativ‘ gleich ‚rechts‘ gleich ‚rechtsradikal‘ gleich ‚rechtsextrem‘ gleich nicht mehr diskussionswürdig, also: nicht mehr Teil der demokratischen Gesellschaft.“
NZZ – Rechts, konservativ, liberal_ Das ist alles dasselbe_ Mais non!

Und als wäre all das nicht schon traurig genug, erleben wir nach der unfassbaren Bluttat von Hanau (übrigens der Stadt, in der ich arbeite und knapp sieben Jahre gewohnt habe) eine unverfrorene Instrumentalisierung der Morde durch Kräfte divergenter politischer Couleur: Dem willkommenen Sündenbock AfD eine Mitschuld anzulasten lenkt immerhin vom eklatanten eigenen Versagen ab (Stichworte: Blüte des politischen Islam und arabischer Clankriminalität, um nur einige Problemfelder zu nennen). Dessen beinahe unbemerkt nutzen derweil Erdogans nationalislamistische Gesinnungsfreunde die ihnen günstig wie nie erscheinende Lage und springen auf den Opfer-Zug auf, wohlwissend, in altbekannter Manier nun wieder die Rassismuskarte ausspielen zu können (gerne auch mit dem Zusatz „antimuslimisch“, wobei einige der Hanauer Opfer definitiv nicht islamischen Glaubens waren).

So schreitet die vielzitierte Spaltung der Gesellschaft munter voran, und nicht nur „rechte“ Kräfte tragen dafür die Verantwortung. Erst wenn die etablierten Parteien die eigene Mitverantwortung für den Aufstieg der AfD erkennen und diese endlich souverän INHALTLICH zu stellen versuchen, wird dieses Land möglicherweise wieder ein wenig zur Ruhe kommen. Verschwinden werden die „Schmuddelkinder der bundesdeutschen Parteienlandschaft“ hingegen vermutlich nicht, aber seien wir ehrlich: Einem Politestablishment, das sich vielfach derart visions- und wertelos präsentiert, würde ohne die AfD die bitter benötigte Negativfolie fehlen, um die letzten eigenen Zuckungen als heldenmütigen „Kampf gegen rechts“ verklären zu können. Lotta continua!

Schluss mit den hohlen Phrasen! Warum pro-jüdische Solidarität keine Tätergruppe totschweigen sollte

Januar 31, 2020

Der Fall der Berliner Mauer Ende 1989 ist von heute betrachtet mittlerweile länger zurück als es das Ende der brutalen Nazi-Terrorherrschaft war, zum Zeitpunkt, als ich ins Leben trat – im Mai 1974!

Das Ergebnis eines über viele Jahrhunderte gezüchteten Wahns, des Wahns von der Verderbtheit alles Jüdischen, kulminierte in den 1930er und 1940er-Jahren zu einem bis dahin nicht für möglich gehaltenen Menschheitsverbrechen – wohlgemerkt in der für ach so humanistisch-aufgeklärt geltenden Moderne, nicht etwa im sprichwörtlich „finsteren“ Mittelalter!
Auschwitz – dieser Name steht seit Gründung der Bundesrepublik für DAS Symbol dieses Grauens schlechthin, eines menschengemachten Grauens mit seiner millionenfachen, schier unfassbaren Barbarei. Die Befreiung dieses sogenannten Konzentrationslagers durch sowjetische Truppen vor 75 Jahren am 27. Januar 1945 wurde bis vor wenigen Tagen mit einer wahren Flut medialer Berichterstattung begleitet.
Und so selbstverständlich es jedem und jeder Deutschen sein sollte, die Erinnerung an dieses dunkle Kapitel der eigenen Geschichte wachzuhalten, so sollte ebenso klar sein: Nein, die heutigen Generationen tragen keine moralische oder gar justitiable Schuld an all diesen Taten; ihre – unsere – Verantwortung liegt wie gesagt darin, all dies späteren Generationen weiterzutragen und alle Anzeichen eines wie auch immer gearteten Rollbacks der Geschichte genau im Auge zu behalten:
Ja, es gibt leider gar nicht so wenige völkisch-national gesinnte Menschen (ob im Umkreis der AfD oder darüber hinaus), es gibt linke „Antizionisten“, die selten Probleme haben, in Israel „den Juden unter den Völkern“ zu erblicken und als Apartheidsstaat zu diffamieren. Es gibt einen erschütternden Antisemitismus muslimischer Provenienz, der auch vor Gewalttaten z.B. gegen Kippaträger nicht zurückschreckt und es gibt einen „gutbürgerlichen“ Antisemitismus aus der Mitte der Gesellschaft. Ein Antisemitismus à la Möllemann, Hohmann, Walser (falls diese Namen noch geläufig sind!) und all der zahlreichen anderen. Und dies hat nichts mit der vermeintlichen Immunität der israelischen Regierungspolitik gegenüber Kritik von außen – auch von deutscher Seite – zu tun. Kritik an Israel ist solange unproblematisch, solange nicht mit zweierlei Maß gemessen wird. Wer also Netanyahu & Co. anklagt, aber von Hamas & Hisbollah schweigt, ist ein zynischer Heuchler!

Doch zurück zum Auschwitz-Gedenken unserer Tage:
Die aus diesem Anlass von Bundespräsident Steinmeier in der Gedenkstätte Yad Vashem gehaltene Rede ist zurecht kritisiert worden. So äußerte sich der Historiker Michael Wolffsohn wie folgt dazu:

„Es sind zudem die immergleichen Worte, also deren Inflationierung. Damit werden sie wertlos. Kein Wunder, dass kaum noch jemand zuhört. […] Rund ein Viertel der Deutschen hat Migrationshintergrund. Viele sind Muslime. Die bisherige Gedenkkultur Deutschlands richtet sich nur an die Nachfahren der Deutschen, die das NS-Regime miterlebt, getragen und ertragen haben. Als ob etwa die muslimische Welt beim Judenmorden und im Zweiten Weltkrieg nicht mit den Hitler-Banden zusammengearbeitet hätte.“

Wer sich die Rede Steinmeiers im Wortlaut anschaut, der stellt in der Tat die auffällige Häufung der hervorgehobenen Nationalität der NS-Täter fest: Steinmeier geht wieder und wieder darauf ein, dass es *deutsche* Verantwortliche waren, die Auschwitz geplant und umgesetzt haben. Soweit, so korrekt – jedoch ist Wolffsohn in seiner Kritik dahingehend beizupflichten, dass die heutige Dimension des muslimischen Antisemitismus vielfach verharmlost, wenn nicht gleich ganz verschwiegen wird. Es gilt daher das Diktum des „Tagesspiegel“-Kommentators Christoph David Piorkowski:

„Den Islam als antisemitisch zu bezeichnen, ist falsch. Dass Islam und Judenfeindschaft nichts miteinander zu tun haben, ebenfalls.“

In diesem äußerst lesenswerten Artikel geht Piorkowski u.a. auf die anscheinend noch immer weitgehend unbekannte Verquickung zwischen Naziherrschaft und muslimischen Autoritäten insbesondere in Gestalt des damaligen Muftis von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, ein, der die antisemitischen Hasstiraden eines Hitler oder Goebbels mit offiziellem Segen der NS-Staatsführung per Radiosendung in die arabische Welt exportieren konnte. (Näheres dazu z.B. bei Matthias Küntzel: Djihad und Judenhaß).

Wohlgemerkt: Es kann niemals um Schuldabwehr oder dergleichen psychische Abwehrreflexe gehen. All denjenigen, die einen „Schlussstrich“ unter Auschwitz und der Nazi-Zeit wünschen, sie gar zum „Vogelschiss“ innerhalb der deutschen Geschichte herunterpolemisieren, gilt es, klare Kante zu zeigen! Mit einem mantraartigen „Nie wieder Auschwitz!“, „Wehret den Anfängen!“ etc. mit ständigen, undifferenzierten Seitenhieben allein gegen die AfD ist niemandem geholfen; im Gegenteil, eine derartig ausgehöhlte Form der Erinnerungskultur nähert sich mit Siebenmeilenstiefeln dem staatlich verordneten Antifaschismus à la „Arbeiter-und-Bauernstaat“ – die deutschen Juden beobachten es mit zunehmender Besorgnis. Und das zurecht, etwa auch mit Blick auf die zwar als solidarische Geste gedachten, jedoch weitgehend hilflosen Mahnwachen nach dem antisemitischen Terroranschlag von Halle im letzten Oktober. Zudem werden diese freundlichen Gesten mehr als kompensiert durch die alltäglichen Erfahrungen zahlreicher jüdischer Mitbürger (ja, auch so eine Floskel!), die der ARD-Journalist Richard C. Schneider hier resigniert auflistet. Vielleicht ist eine 1:1-Wiederkehr der 1930er-Jahre nicht zu befürchten – schließlich wiederholt sich Geschichte nie im Verhältnis 1:1 – aber die Zeichen stehen auf Sturm. Höchste Zeit also, sich diesem entgegenzustemmen!

Jenseits des Ingroup-Tellerrands geht´s weiter oder: Das Rätsel der Filterblasierten

Dezember 29, 2019

Bis heute und vermutlich noch bis an mein Lebensende ist es mir unerklärlich, warum Menschen sich so häufig mit den vermeintlichen Wahrheiten abzufinden scheinen, die sie in ihren sozialen Bezügen vorfinden – Familien, Freundeskreise, Sportvereine, Skat- und Spielerunden, Parteien, Religionsgemeinschaften etc. pp.

Klar: Jeder bevorzugt es, seelische Streicheleinheiten, ergo: Bestätigung durch mehr oder weniger sympathische Gleichgesinnte, Blutsverwandte etc. abzubekommen – soweit bin ich in meiner diesbezüglichen Daueranalyse auch schon gelangt! Aber weshalb so oft die Frage nach dem Wahrheitsgehalt einer Behauptung, geschweige denn einer kompletten politischen oder religiösen Weltanschauung nicht einmal gestellt wird – so jedenfalls meine Wahrnehmung – das entzieht sich einfach meiner Kenntnis!
Auch wieder klar: Ein konsequentes und intensives Forschen würde jede Menge zeitliche und energetische Ressourcen verschlingen; Ressourcen, die zulasten der Pflege sozialer Beziehungen, Hobbys, eventueller Kindererziehung etc. gehen würden. Also glaubt man i.d. Regel lieber unbesehen den „Alpha-Männchen und -Weibchen“ der eigenen sozialen Bezugsgruppe, seien es in meiner Biografie die neuapostolischen Amtsträger, später die Leitung der Bremer Greenpeace-Ortsgruppe oder ganz allgemein die persönlich bekannten oder medial vermittelten Vertreter des eigenen politischen Lagers.
Warum aber scheine ich einer der wenigen zu sein, denen relativ frühzeitig klar geworden ist, dass es nicht damit getan sein kann, den neuapostolischen Erwählungsglauben, die ökokalyptischen Schauermärchen über zivile Atomkraft und Pflanzengentechnik oder die „Alles-ist-gut-Philosophie“, ergo die Eigensuggestion liberaler Selbstzufriedenheitsmythen unhinterfragt aufzusaugen? Hier bleibt ein großes Fragezeichen, das sich vermutlich nie restlos wird verflüchtigen können…
In Zeiten wie den heutigen, in denen immer offensichtlicher zu Tage tritt, wie massiv fortgeschritten die Einigelung in die diversen Filterblasen-Kuschelgruppen zu sein scheint, kann also nur ein beherzter Blick über den Tellerrand des eigenen weltanschaulichen Schützengrabens angezeigt sein.
Im politisch linken Spektrum zählt neben Boris Palmer (Tübinger Oberbürgermeister, Die Grünen) auch Nils Heisterhagen (Politologe, SPD) zu der raren Spezies aufrechter Verweigerer eines vermaledeiten Lagerdenkens, die hier Duftmarken in punkto Klartext setzen. Aus diesem Grund folgt nun an dieser Stelle ein Auszug aus seinem Buch „Die liberale Illusion“:

Laut der polizeilichen Kriminalstatistik sind 14.059 Taschendiebstähle im Jahr 2014 allein in Köln begangen worden. 7002 Taschendiebstähle waren es 2010. Das ist eine Verdopplung in vier Jahren. Ohne mir den Zorn der liberalen Moralisten aufhalsen zu wollen – gut, mit diesem Buch mache ich ihnen ohnehin keine Freude – und ohne dafür einen statistischen Beleg zu haben, darf und will ich sagen: Mit großer Sicherheit haben wir es hier mit organisierter Kriminalität zu tun. Wahrscheinlich sind hier Banden aktiv – und die kommen meist aus Osteuropa. Der durchschnittliche deutsche Hartz-IV-Empfänger wird sich nicht morgens überlegen: ‚Oh, heute beklaue ich mal Touristen am Kölner Dom.‘ Ausländer, aber natürlich nicht nur sie, begehen in Deutschland Verbrechen – und nicht gerade wenige. Das darf und das muss man sagen dürfen, ohne in die Ecke derer gestellt zu werden, die durch ihr ‚Das darf man ja wohl noch sagen dürfen‘ eigentlich gleich in die rechte Ecke gestellt werden.
Die
liberalen Moralisten aber wollen es anders. Sie wollen ausgrenzen und Kritiker mit Kategorien versehen. Sie wollen nicht hören, dass es unangenehme Probleme gibt. Das passt nicht in ihr Weltbild. Das stört sie in ihrem Glauben an den Multikulturalismus und in ihrer Vielfaltseuphorie. Wolfgang Streek sprach in der ZEIT in einem Essay zuletzt von einer ‚überschwänglichen Buntheitsrhetorik‘. Er hat recht. Aber wie sieht es bei den Flüchtlingen aus, dem Lieblingsthema der neuen Liberalen? Ist da alles auf einem guten Weg? Journalisten von ZEIT ONLINE haben sich die Mühe gemacht, die polizeiliche Kriminalstatistik für 2016 in Hinblick auf die Kriminalität von Zuwanderern zu prüfen, und konnten sechs Trends ausmachen:

1. Die Gewaltkriminalität nimmt wieder zu. Und das liegt vor allem an den Taten von Zuwanderern.

2. Die tatverdächtigen Gewalttäter sind hauptsächlich junge Männer.

3. Einige wenige junge Intensivtäter treiben die Statistik nach oben.

4. Syrer, Iraker und Afghanen werden im Vergleich zu anderen Nationalitäten seltener straffällig.

5. Die Mehrzahl der Körperverletzungen ereignet sich in Flüchtlingsunterkünften.

6. Die meisten Gewaltopfer von Zuwanderern sind selbst Zuwanderer.

Nils Heisterhagen: Die liberale Illusion. Warum wir einen linken Realismus brauchen. 2. Aufl. Bonn 2018, S. 117f.

„Family structures“ ohne Klartext – die Flüchtlingsthematik im Englischunterricht der hessischen Fachoberschule

November 30, 2019

Dass es sich bei der Flüchtlingsthematik um kein vorübergehendes Phänomen handeln würde, dürfte den meisten Menschen innerhalb der Bundesrepublik schon seit einiger Zeit, spätestens seit dem berüchtigten „Flüchtlingssommer“ 2015 mit all seinen Folgewirkungen wie der Kölner Silvesternacht und diversen Anschlägen/ Anschlagsversuchen Schutzsuchender aus islamisch dominierten Ländern klar geworden sein.

Selbstverständlich hat sich auch die Schulpolitik bereits seit geraumer Zeit des Themas angenommen und bspw. im Bereich der Fachoberschulbildung des Landes Hessen bis einschließlich des Abschlussjahrgangs 2019 im Fach Deutsch u.a. die Behandlung des Themenkomplexes Migration/Integration vorgesehen. Während hier jedoch keine weitergehenden inhaltlichen Spezifizierungen vorgenommen wurden, findet sich im Fach Englisch schon ein klein wenig mehr dazu:
So findet sich unter dem Schlagwort „Society and migration“ („Gesellschaft und Migration“) der Hinweis auf zu behandelnde „intercultural encounters / causes for migration and its effect on society“ („interkulturelle Begegnungen / Migrationsursachen und ihre Einflüsse auf die Gesellschaft“).

Die Umsetzungsempfehlungen (siehe S. 16/17) hierzu legen den Lehrkräften die Thematisierung folgender Aspekte sowie die Anwendung dieser Methoden nahe:

„Schriftliches Verfassen von Dialogen und mündliches Rollenspiel, Diskussionsforen (panel discussion) zum Stichwort: ‚family structures‘, mit Sicht auf ‚relationships, disintegration of families‘.
– Schriftliche Übungen zur Arbeitsform Gelenkte Interpretation (‚guided interpretation‘) unter besonderer Berücksichtigung der Aspekte Personencharakterisierung, Beschreibung der Wechselbeziehung zwischen Atmosphäre, Schauplatz und den Charakteren (‚characterization‘, ’setting‘, ‚atmosphere‘), Wortschatzübungen, Bildbeschreibungen (Kunst, Fotos, akustisches Material), zur Vorbereitung der gelenkten Interpretation.
– Vergleiche von fiktionalen Texten (z.B. short stories, poetry, songs) und Sachtexten aus Printmedien oder populärwissenschaftlichen Darstellungen zum Thema: ‚ageing‘.
– Kreatives Schreiben von Texten, z.B. Leserbriefen an ‚agony aunt‘ (Kummerkasten, ‚asking for advice‘) zum Stichwort: ‚family structures‘, oder Gestalten eines Werbetextes für ein Produkt für sog. ‚best agers‘, zum Stichwort: ‚demographic development‘.
– Mündliche Berichte, Präsentationen zu Traditionen, kulturellen Besonderheiten, Feiertagen, ‚do’s‘ und ‚don’ts‘ durch Schüler verschiedener ethnischer Herkunft zum Stichwort: ‚intercultural encounters‘.
– Übungen zum Erwerb interkultureller Kompetenzen (Interpretation von ‚critical incidents‘; Simulationen und Rollenspiele zu interkulturellen Begegnungssituationen; Übungen zu Selbst- und Fremdwahrnehmung und zum Umgang mit Vorurteilen und Stereotypen).“

Theoretisch ermöglichen diese Vorgaben also durchaus, sich u.a. kritisch mit patriarchalen Geschlechterbildern und freiheitsfeindlichen „family structures“, „do’s“ und „dont’s“ streng-religiöser muslimischer Communitys auseinanderzusetzen. Die wenigen auf Deutsch publizierenden Islamkritiker/innen wie Necla Kelek schreiben sich schließlich seit beinahe zwei Jahrzehnten die Finger darüber wund!

Und wache Beobachter wie Imad Karim machen ebenfalls keinen Hehl daraus, ihre Besorgnis erregenden Erfahrungen – hier mit Teilen der syrischen (Flüchtlings-) Gemeinde in Deutschland – in die Öffentlichkeit zu tragen. Über die drei größten Facebook-Portale syrischer Zugewanderter mit jeweils über 100.000 Nutzern schreibt er:

„Dort traf ich unter denen, die posteten und kommentierten, nahezu ausschließlich auf Leute, die im politischen Islam das Allheilmittel für die Lösung ihrer Probleme sehen. Diese Gruppen werden dominiert von Menschen, die das westliche Lebensmodell regelrecht verachten. Es gab nur selten Kommentare von Syrern, bei denen man sich vorstellen mag, dass sie künftig ein Teil unserer offenen Gesellschaft sein könnten.“

Wie in schroffem Kontrast dazu die Schüler-Erarbeitungen einer hessischen Fachoberschulklasse im Fach Englisch aussehen (entstanden im Oktober 2019), habe ich einmal – verteilt über diesen Beitrag – fotografisch festgehalten (da ich als Deutsch- und Ethiklehrer an dieser Schule arbeite). An keiner einzigen Stelle wird die Islamismus-Problematik auch nur angedeutet, ständig ist von „no racism“, „no prejudices“ (keine Vorurteile) seitens der deutschen Aufnahmegesellschaft die Rede! Offensichtlich ist sich die/der Kollege/-in selbst nicht im Klaren darüber oder traut sich nicht, hier mit den Schülern Tacheles zu reden.

Aber sicher sind meine Erwartungen wieder einmal deutlich überzogen, wenn selbst „Law-and-Order“-Innenminister Seehofer (CSU) trotz seines berühmten „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ nun hiesigen stockkonservativen Moscheegemeinden (denn liberale gibt es spätestens seit der Säuberungsaktion durch Erdogans Religionsbehörde DIYANET mit Ausnahme der Ibn-Ruschd-Goethe-Moschee in Berlin wohl keine mehr) 7 Mio. Euro für die „Stärkung des Zusammenhalts“ spendieren will – von Evaluationsbestrebungen ist mir hingegen nichts zu Ohren gekommen!

Von Hörsaalsprengern und Tabuverhängern – zum Toleranzverständnis vorgeblicher Toleranz-Fetischisten

Oktober 31, 2019

Wenn der Bundespräsident höchstselbst zu mahnenden und warnenden Worten anhebt, dann ist meist irgendwo in diesem Land ein Kind in den Brunnen gefallen – im übertragenen Sinne, versteht sich!

Es dürfte zudem ein Novum gewesen sein, als Frank-Walter Steinmeier vor einer knappen Woche das „offene Ohr“, das „beherzte Wort“, die „schonungslos ehrliche, aber auch respektvolle Auseinandersetzung“ als Tugenden pries, die auch und gerade im Diskurs mit dem Andersdenkenden zu gelten hätten – und damit auf die von linksextremistischen „Aktivisten“ verhinderten Lesungen von Ex-AfD-Chef Bernd Lucke (wohlgemerkt über „Makroökonomie“, Uni Hamburg) und Ex-CDU-Innenminister Thomas de Maizière (Buchvorstellung in eigener Sache, Göttinger Literaturherbst) anspielte.
Derlei „aggressive Gesprächsverweigerung, Einschüchterung und Angriffe“ seien demgegenüber völlig fehl am Platz.

Und in der Tat: Ist doch für den politisch interessierten Beobachter längst offenkundig, dass ausgerechnet aus den Kreisen, die gewöhnlich für „Offenheit“, „Toleranz“, „Diversität“ sowie „Bunt statt braun“ lautstark auf die Straße und sämtliche Social-Media-Kanäle ziehen, eine mitunter schroff-aggressive Diskursverhinderung betrieben wird, steht der oder die politische Gegner/in auch nur entfernt im Verdacht, dem mehr als schwammigen politischen Prädikat „rechts“ anzuhängen.

By the way: Bei der Aktion in Göttingen beteiligten sich u.a. Mitglieder der dortigen „Fridays-For-Future“ (FFF)-Gruppe; einer Bewegung, die in Teilen mittlerweile fundamental-religiöse Züge angenommen hat und selbst Kritiker aus dem eigenen politischen Lager mit Shitstorms überzieht, falls diese nur ein Jota vom allein seligmachenden Kurs abweichen sollten, wie dies der atheistische Autor Philipp Möller nach seiner dementsprechenden Facebook-Kritik an FFF (Scrollen bis Beitrag vom 26. September) am eigenen Leib zu spüren bekam.
Doch es mehren sich die Hinweise, die auf eine auch von linksliberalen Kräften gestützte Front gegen derlei „empörialistische“ Exzesse hoffen lassen: Gab doch jüngst sogar das „Zentralorgan von Bündnis 90/Die Grünen“, ergo die altehrwürdige Wochenzeitung „Die Zeit“, zu, die Meinungsfreiheit in Deutschland sei gefährdet – und zwar von rechts UND LINKS (!). 63 % der befragten Bürger/innen vertraten die Meinung, man müsse dieser Tage mit der öffentlichen Äußerung bestimmter Ansichten Vorsicht walten lassen – etwa bei einer kritischen Haltung gegenüber „Ausländern“. Und auch der streitbare bündnisgrüne Tübinger OB Boris Palmer zeigte sich prompt erleichtert über dieses mediale Zugeständnis, sei er selbst doch wiederholt als Rassist verleumdet worden, wenn er auf teils signifikant über dem Bevölkerungsdurchschnitt liegende Kriminalitätsraten Geflüchteter hingewiesen habe.
Versteht sich von selbst, dass derlei Hörsaalsprengungen und durchgesetzte Diskurstabus wie an der Hamburger Alma Mater sowie im Alten Göttinger Rathaus mit Sicherheit denjenigen Kräften in die Hände spielen, gegen deren Versammlungen ansonsten linkshysterische Aufmärsche anbranden, als rüsteten sich Björn Höcke oder Opa Gauland zum sofortigen Einzug in die einstige Reichskanzlei.
Über die Rolle Luckes für die Wegbereitung völkischer Kräfte in der AfD muss selbstverständlich geredet werden können – ebenso wie über de Maizières mögliche Verantwortung für Waffenlieferungen an nahöstliche Despotenregime à la Erdogan. Auch vor einem mitunter scharfen Tonfall sollte dabei niemand mimosenhaft zurückzucken – eine Blockade von Veranstaltungsräumen jedoch signalisiert: „Seht her, wir sind die moralisch Guten und werden mit einem heldenhaften Akt an Zivilcourage XY als moralisch böse anprangern, ihn/sie an der Verbreitung von reaktionärem Gedankengut hindern!“
Was jene politischen Moralisten auf vulgärpazifistisch-bellizistischer Mission dabei jedoch vergessen, ist, dass auch ihre Blockadeabsicht einen Akt reaktionären Handelns ausmacht. Anstatt (möglichst sachlich) zu streiten, lautet deren Parole: Fresse halten!
In diesem Zusammenhang sei an ein treffendes Bonmot aus dem Munde von Altkanzler Helmut Schmidt erinnert, welches „Die Zeit“ seit Einführung ihres neuen Ressorts „Streit“ regelmäßig diesem voranstellt:

„Eine Demokratie, in der nicht gestritten wird, ist keine.“

Dem ist nichts hinzuzufügen!

Von Gröhlemeyer über Geifer-Greta bis zur „Grünen Armee-Fraktion“? Warum Klima- und „Antirassismus“-Exorzisten wirklich zum Fürchten sind

September 24, 2019

Es gab nur zwei kurze Phasen in meinem Leben, in denen ich mich annähernd für Autos interessiert habe: als vielleicht Acht- bis Elfjähriger für mein Kettcar und später mit 14 Jahren für mein Formel-1-Quartett. Ansonsten gingen mir die „Blechkisten“ immer schon gepflegt sonstwo vorbei. Zwar habe ich mit 20 Jahren und einigem Ach und Krach den PKW-Führerschein erworben, aber gefahren bin ich selten, ein eigenes PS-Vehikel habe ich nie besessen – bis heute mit 45 nicht!

Stattdessen entdeckte ich mit Beginn meiner Ausbildung zum Industriekaufmann das Fahrrad als für mich ideales Fortbewegungsmittel – so ist es bis heute geblieben.
Als Student setzte ich dann noch einen drauf und engagierte mich in der Bremer Ortsgruppe von Greenpeace vier Jahre lang für eine lebenswerte Umwelt, bis ich mich mit dem fundamentalistischen Schwarz-Weiß-Denken dieser Organisation insbesondere bezüglich deren schroff ablehnenden Position zur Pflanzengentechnik 2005 aus der Ökobewegung zurückzog.

Mein Interesse an Umweltthemen allerdings blieb erhalten. Und so verfolge ich die aktuelle Klimadebatte weiterhin aufmerksam, finde es auch prinzipiell begrüßenswert, dass so viele junge Leute als Teil der „Fridays For Future“-Bewegung ihr Herz für die Umwelt entdeckt zu haben scheinen und regelmäßig dafür auf die Straße gehen. Doch die Sache hat mehr als nur einen ganz gewaltigen Haken:

Nach mittlerweile jahrzehntelanger medialer Berichterstattung haben sich lange schon genau diejenigen Mechanismen der Skandalisierung etabliert, die Medienwissenschaftler wie Prof. Hans Mathias Kepplinger bereits vor etlichen Jahren z.B. hier analysiert haben:
Ist erst einmal im Zuge medialer Berichterstattung ein plausibles, am besten auch noch weitestgehend eindimensional-dichotomes Narrativ (moralisch „gut“ vs. „böse“, „schuldig“ vs. „unschuldig“ etc.) installiert, verselbständigt sich dieses immer mehr und führt dazu, dass immer weniger Menschen überhaupt noch auf den Gedanken kommen, die Sache könne sich zumindest in Teilen auch anders verhalten – will der Einzelne doch die Anerkennung der Gesellschaft und nicht von ihr als Außenseiter ins moralische Abseits gestellt werden!

Genau so verhält es sich beim Thema „Klimawandel“: Der (technisch-industrielle Annehmlichkeiten wie motorisierte Fahr- und Flugzeuge nutzende) Mensch gilt als allein oder ganz überwiegend „Schuldiger“ am Ausstoß von Treibhausgasen und damit der – natürlich katastrophalen oder in naher Zukunft völlig fatalen – Erderwärmung. Differenzierende Stimmen werden gar nicht erst gefragt, da die meisten Medien ohnehin nur eine Handvoll ewig gleicher „Experten“ zu Rate ziehen – in diesem Fall die Herren Latif, Rahmstorf, Edenhofer etc.
Wer sich „todesmutig“ dennoch mit nonkonformistischen Ansichten vorwagt, wird zumeist als wissenschaftlicher Outcast, wenn nicht gar als „rechter Klimaleugner“ weggebissen – auch wenn dieses Etikett in vielen Fällen völlig fahrlässig, da willkürlich vergeben wird. Dass Albert Einstein (Relativitätstheorie) und Alfred Wegener (Theorie der Plattentektonik, siehe hier) ebenfalls durch das wissenschaftliche Establishment ihrer Zeit zunächst belächelt wurden – who cares!

Apropos „rechts“: Zu welchen emotionalen Ausfällen es führen kann, bewies unlängst der Sänger Herbert Grönemeyer bei seinem Auftritt in Wien: Meinte er doch klarstellen zu müssen, „wir“ (gemeint sind wohl alle, die permanent ihre Anti-AfD-Gesinnung wie eine Monstranz vor sich her tragen) müssten „diktieren, wie eine Gesellschaft auszusehen hat. […] Keinen Millimeter nach rechts!“. Die Tonalität seiner offensichtlich spontanen politischen Brandrede erinnert vielleicht nicht unbedingt an Joseph Goebbels, wie Kritiker ihm daraufhin vorhielten, aber eine sachliche und scharfe Analyse der derzeitigen Spaltung des Landes und ihrer Ursachen sieht wahrlich anders aus!

Wenige Tage später dann ein emotional ähnlich aufgeheiztes Klima… und zwar anlässlich des sog. weltweiten „Klimastreiks“ am 20. September, ausgerufen von besagter „Fridays For Future“-Bewegung:
In Hanau, wo sich meine Dienststelle (Schule) befindet, wurde dabei auf dem Transparent am Beginn des Demozuges mit der Aufforderung „Burn the SUVs, not the trees“ auf selten dämliche Art zu einer Straftat aufgefordert.

Generell muss leider festgestellt werden: Die von Greta Thunberg vor gut einem Jahr initiierten Klimaproteste sind mittlerweile durch linksextreme Antikapitalisten („System change not climate change“) und Öko-Apokalyptiker gekapert worden. Als derzeit wohl umtriebigste Sekte von „Klima-Exorzisten“ tut sich dabei die aus Großbritannien stammende Gruppe „Extinction Rebellion“ hervor, die bereits in der Wahl ihres Namens offenbart, dass es für sie nur die Alternative zwischen radikaler CO2-Reduktion und massenhaftem Artensterben gibt. Um den herbeifantasierten Untergang zu verhindern, soll am 7. Oktober auch noch ganz Berlin „blockiert“ werden.
Derweil haben andere das Stadium des aktivistischen Bußpredigertums bereits hinter sich gelassen und den Weg zur offenen Öko-Diktatur beschritten: Wenige Tage vor Eröffnung der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt am Main bekannte sich eine Gruppe namens „Steine ins Getriebe“ zur Zerstörung von mehr als 40 Luxuskarossen eines Autohändlers im Frankfurter Umland.
Und erst vor wenigen Tagen wurden in Berlin Kabelschächte der dortigen S-Bahn „pyrotechnisch behandelt“ – verursacht durch eine linksradikale Gruppierung („Vulkangruppe Ok“) unter Berufung auf die derzeitigen Klimaproteste.
Wer dann auch noch am 23. September per TV-Nachrichtensendung ins wutverzerrte Antlitz der „Klimaprophetin“ Greta Thunberg während ihrer geifernden Rede („How dare you!“) vor der UN-Klimakonferenz geblickt hat, der ahnt vielleicht, womit wir es hier zu tun haben: mit der völligen Enthemmung eines durch Massenpsychologie und politisch-ideologisch aufgeladener „Wissenschaft“ bestimmten gesellschaftlichen Diskurses.
Glaubt irgendein „Klimaaktivist“ allen Ernstes, ohne menschliche Kohlendioxid-Emissionen würde das Klima für immer und alle Zeiten statisch bleiben? Nicht nur Dirk Maxeiner, seit über 1 1/2 Jahrzehnten gestandener Ökologismus-Kritiker, mag da schier verzweifeln.
Doch die Gesetze der medialen Skandalisierung erscheinen auch hier gnadenlos: Ist ein bestimmter „Kipppunkt“ des gesellschaftlichen Diskurses erst einmal überschritten, werden auch relativierende Stimmen nicht oder kaum noch gehört – sie gehen schlicht unter im medialen Orkan freiwilliger Selbstgleichschaltung!
Und so wird kaum einer der zumeist jungen „Klima-Krieger“ die nüchternen Worte des Meteorologen Hans von Storch über sich „ergehen“ lassen müssen, wenn dieser mahnt:

„Selbst, wenn wir Europäer unsere Lebensgewohnheiten völlig umstellen würden, hätte das keinen wesentlichen Einfluss auf den Klimawandel.“
(Hans von Storch: Das Reizklima. In: CICERO Nr. 7/2019, S. 15ff.)

Wahrscheinlicher ist es da, dass sich Teile der Ökobewegung weiter radikalisieren werden und eines Tages eine ausgewachsene „Grüne Armee-Fraktion“ (GAF) aus dem Untergrund heraus für die angebliche Befreiung der Menschheit von den ach so teuflischen Treibhausemissionen zur Waffe greifen wird! So waren sie bekanntlich schon immer, die (romantischen) Deutschen: Was sie tun, tun sie absolut gründlich!

Sommerliche Freibad-„Jugendstreiche“: der WDDR und die „edlen Wilden“

August 11, 2019

Ich verabscheue das unselige Wort von der „Lügenpresse“, unterstellt es doch eine dauerhafte und womöglich „von oben“ vorgegebene Berichterstattung, die an den Realitäten nicht nur vorbeigeht, sondern diese bewusst ins Gegenteil verkehrt.

Aber nach dem neuesten Beitrag des WDR-Politikmagazins „Monitor“ vom 8. August unter dem Titel „Aufruhr im Freibad: Vom Jugendstreich zum Terrorakt“ beginne ich langsam zu verstehen, wie politische Agitation à la DDR („Schwarzer Kanal“ mit Karl-Eduard von Schnitzler) funktioniert.
Der Beitrag fokussiert sich stark auf die Vorfälle im Düsseldorfer Rheinbad, welches aufgrund jugendlichen Fehlverhaltens innerhalb dieses Sommers bereits dreimal vorzeitig schließen musste. Tenor des Berichts: alles halb so wild, Politik (die AfD spricht von Migranten, die andere Badegäste „terrorisieren“ würden) und Medien übertreiben heillos!
Als „Monitor“-Hauptaugenzeuge kommt dabei der Polizist Tim Fliegel zu Wort. Während sich der Düsseldorfer OB Thomas Geisel (SPD) in einer Pressekonferenz zu den Vorgängen gar dahingehend äußerte, es habe lediglich „lebendiger Badebetrieb“ geherrscht und einige Jugendliche hätten halt ein wenig „Quatsch“ gemacht!

Es soll hier gar nicht weiter um die Vorfälle in Düsseldorf gehen: Möglicherweise wurde hier tatsächlich von verschiedener Seite aufgebauscht, was jedoch sehr verwunderlich wäre, zumal das Rheinbad in diesem Sommer wie gesagt ganze dreimal geräumt wurde.
Was aber viel wichtiger ist: Die gehäuften Berichte von Übergriffen durch Jugendliche, häufig mit Migrationshintergrund, welche aus anderen Bädern quer durch die Republik gemeldet wurden, spielen im „Monitor“-Bericht so gut wie keine Rolle. Man habe Badbetreiber in den zwanzig größten deutschen Städten angeschrieben, ob es dort zu „Randale“ oder Badräumungen gekommen sei. Später ist dann nur noch von Letzteren die Rede (Warum?). Ergebnis: Außer in Düsseldorf habe es in den letzten Jahren nur in Berlin einen vorzeitigen Abbruch des Badebetriebs gegeben. Dabei muss es doch gar nicht erst zum Äußersten kommen, um von einer Besorgnis erregenden Entwicklung hinsichtlich gehäuften jugendlichen Fehlverhaltens auszugehen. Zudem: Mit welcher Begründung beschränkt sich „Monitor“ auf Freibäder in lediglich zwanzig Städten? Und warum kommen anderweitig dokumentierte Fälle von „Randale“ wie in Kehl (bei Straßburg), Nürnberg und München im Bericht mit keinem Wort vor?
Anders als der offenbar rot-grün ideologisierte WDR zeigen Berichte anderer ARD-Mitgliedsanstalten (z.B. SWR und BR) sehr wohl, dass es ernsthafte Probleme mit überwiegend migrantischen Jugendlichen gibt. Auch wenn die Rolle der Herkunft der Täter im BR-Beitrag durch Prof. Wolfgang Kaschuba relativiert wird, so erkennt man doch, dass die im Beitrag behandelten Verursacher der „Jugendstreiche“ durchweg nicht-deutsche Wurzeln haben dürften.

Abschließend resümiert Georg Restle, Programmleiter bei „Monitor“ wortwörtlich:

„Wann endlich lernen auch wir Journalisten abzuwarten, bis die Fakten auf dem Tisch liegen? Nicht alles zu glauben, was einem die Polizei erzählt? Und mal darüber nachzudenken, welche Auswirkungen eine solche Berichterstattung auf eine Gesellschaft hat, deren Debatten zum Thema Flüchtlinge sowieso schon völlig überhitzt sind.“

Erstens unterstellt er hier der Polizei pauschal, die Unwahrheit zu sagen (wobei wie erwähnt im Bericht nur ein einziger Polizist als Augenzeuge herangezogen wurde). Und zweitens beklagt Restle eine „Überhitzung“ der Debatte, die AUCH sein ideologisierter Scheuklappen-Gesinnungsjournalismus erst so richtig (und berechtigt!) zum Kochen bringt!
Man muss sich nicht gleich auf die Seite der AfD schlagen, die ja bekannt dafür ist, Fehlverhalten auf migrantischer Seite genüsslich hochzustilisieren (während rechtsextreme Morde wie an Walter Lübcke höchstens pflichtschuldig bedauert und tendenziell eher kleingeredet werden), aber auch im linksliberalen Spektrum existieren zahlreiche Anhänger einer undifferenzierten Pro-Migrationssicht, die erst einmal ihre Hausaufgaben erledigen sollten, bevor sie sich über „Populismus“ (natürlich nur den der anderen!) aufregen…

No-go nackte Männerbrüste und Kant-Seminare: über stammhirniges Stammesdenken diverser Anti-Bewegter

Juli 25, 2019

Zu welchem bizarren Auswüchsen ein Übermaß an politisch korrektem Antirassismus/-sexismus führen kann, habe ich bereits in meinem Blogbeitrag vom Januar 2018 aufgezeigt – damals ging es um das ach so sexistische „Avenidas“-Gedicht Eugen Gomringers an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule Berlin.

Eineinhalb Jahre und mehrere Umdrehungen der nach oben offenen Empörialismusskala diverser Anti-Bewegter später lässt sich konstatieren: Da ist immer noch Luft nach oben! Mariam Lau berichtet in ihrem Artikel „Dein Glück ist mein Unglück“ im aktuellen Feuilleton der ZEIT über ein „plumpes Stammesdenken“, welches bisweilen mit einem entsprechenden Szene-Engagement einhergehe.
Eingangs gibt Lau einen kurzen Einblick in den Ablauf eines „Antirassismustrainings“. Diese Workshops seien momentan derart von zahlreichen Unternehmen, Verwaltungen und NGOs nachgefragt, dass die meisten „ausgebucht“ meldeten:

Eine Standardübung läuft so: Alle Teilnehmer stellen sich an die Wand. Die Leiterin liest ihnen Sätze über Privilegien vor. Wer glaubt, dass ein Satz auf ihn selbst zutrifft, tritt einen Schritt nach vorn. Wer am Ende ganz vorn steht (und alle anderen hinter sich gelassen hat), ist mit Sicherheit weiß – und schämt sich. Die Sätze, die aus einem Leitfaden der amerikanischen Autorin Peggy McIntosh stammen, lauten etwa: „Ich kann mit vollem Mund reden, ohne dass Menschen das auf meine Hautfarbe zurückführen.“ Oder: „Ich muss meine Kinder nicht dazu erziehen, sich zu ihrem eigenen Schutz über Rassismus bewusst zu sein.“

Nun will ich den Sinn solcher Trainings nicht gänzlich in Abrede stellen, frage mich aber schon, was derartige Sätze wie der oben zuerst zitierte sollen… Ganz abgesehen von der Tatsache, dass hier soziale Hierarchisierung ausschließlich anhand äußerer (Haut-)Merkmale thematisiert wird, während monetäre gänzlich außen vor bleiben. Wäre es nicht mindestens ebenso relevant, das auch hierzulande pervers große Gefälle zwischen Arm und Reich viel mehr in den Mittelpunkt politischen Aktivismus zu stellen? Doch sei´s drum…
Nach einem kurzen Abriss wichtiger Erfolge linker „Identitätspolitik“ (Eintrag „divers“ im Geburtenregister, Homo-Ehe) geht die Autorin des besagten ZEIT-Artikels auch auf neuerliche Auswüchse des Ganzen ein:

„Oft schlägt aber das befreiende Anliegen des Antirassismus oder Antisexismus um in ein beängstigendes Fuchteln mit Maßregelungen, Kränkungen, Schuldzuweisungen und Strafen. […] An der Berliner Humboldt-Uni musste die Polizei anrücken, weil Studenten den Seminarbetrieb lahmlegten, um zu verhindern, dass Schriften von Kant oder Rousseau diskutiert werden, die sie für Rassisten hielten. […] Man könnte von einem neuen Stammesdenken sprechen. Es kommt nicht mehr darauf an, was gesagt wird. Sondern wer etwas sagt. Spricht ein Weißer oder eine Person of Color? Spricht ein heterosexueller Mann – die Rede ist von ‚toxischer Männlichkeit‘ – oder eine Muslimin?“

Selbstverständlich war der „große Aufklärer“ Kant nach heutigen Maßstäben Rassist – so what? Gerade im Rahmen einer universitären Veranstaltung dürfte, ja müsste dies auch hinreichend problematisiert werden – der Artikel lässt jedenfalls nichts Gegenteiliges annehmen. Im Übrigen ebenso, wie dies im schulischen Standard-Geschichts- und Politikunterricht in Bezug auf autoritäre Regime à la NS oder SED der Fall ist.
Doch weiter im Kindergarten des überbordenden Anti-Zirkusses: Lau schreibt weiter:

„Der Einteilung der Menschheit in Weiße und People of Color, in heterosexuelle Männer und LGBTQI (lesbisch, schwul, bi, trans, queer, intersexuell) entspricht die Einteilung in Täter und Opfer. Der Sexualpädagoge Marco Kemmholz warnt. ‚Eigenschaften, die gesellschaftlich von Vorteil sein könnten, wie etwa heterosexuell, männlich, nicht behindert oder weiß zu sein, werden schon an sich als Bedrohung oder Übergriff für als verletzbar geltende Gruppen wahrgenommen. ‚ Die taz berichtete über ein Antirassismuscamp, auf dem ein Bezirk mit Flatterband abgezäunt war, den nur betreten durfte, wer sich als Person of Color identifizierte. Ein Auftritt der Band Feine Sahne Fischfilet im ArbeiterInnen- und Jugendzentrum Bielefeld musste unterbrochen werden, weil der Drummer im Eifer des Gefechts sein T-Shirt ausgezogen hatte. Arglos gab er zu seiner Verteidigung an, er habe halt geschwitzt – aber damit kam er nicht durch. Sexuell Traumatisierte hätten durch seine nackte Brust erneut traumatisiert werden können, lautete der Vorwurf.“

Bleibt zu hoffen, dass Mariam Lau und ihrer nüchtern-rationalen Betrachtung des Themas kein Shitstorm so wie vor einem Jahr im Zusammenhang mit ihrer Kommentierung der Flüchtlingskrise im Mittelmeer folgt. Unter der irreführenden Überschrift „Oder soll man es lassen?“ suggerierte ihr Beitrag damals, sie plädiere für das Ertrinkenlassen von Hilfsbedürftigen, was Lau aber nie vertrat, was man auch problemlos hätte bemerken können, wenn man denn ihren Artikel tatsächlich komplett gelesen hätte…

Selektive Satirophobie schariakonformer Salonlinker – zur Kritik an der Vergabe des Hedwig-Dohm-Preises an die religionskritische Karikaturistin Franziska Becker

Juni 29, 2019

Eingenässte Päpste, gottlose Ferkel, bombenbewährte Religionsstifter – politische, zumal religionskritische Satire hat hierzulande schon für jede Menge Schlagzeilen und Sendezeit gesorgt – und das nicht nur, wenn dabei der Islam Thema war.

Doch kam im ersteren Fall das Satiremagazin „Titanic“ dank einer zurückgezogenen Anzeige des seinerzeitigen Papstes noch gut weg, und konnten sich auch die Macher des atheistischen „Ferkel“-Buchs gerade noch gegen eine drohende Indizierung aufgrund von Antisemitismusvorwürfen zur Wehr setzen, so waren die Konsequenzen für den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard im Zusammenhang mit dem von ihm gezeichneten „Bombenturban“-Mohammed wesentlich verheerender: Polizeischutz inkl. versuchter Tötung durch einen axtschwingenden somalischen Islamisten zum Jahreswechsel 2010/2011!

Und da es in nicht unbedeutenden Teilen des linksliberalen Hypertoleranz-Milieus seit eh und je zum guten Ton zu gehören scheint, in Muslimen per se die „Verdammten dieser Erde“ (Frantz Fanon), ja eigentlich mehr „Kuscheltiere“ (Ahmad Mansour) als menschliche Individuen zu erblicken, war es tatsächlich nur eine Frage der Zeit, wann die Nachricht von der Vergabe des an die deutsche Feministin Hedwig Dohm (1831 – 1919) erinnernden gleichnamigen Preises an die langjährige EMMA-Karikaturistin Franziska Becker einen Aufschrei bei taz und Konsorten verursachen würde: Hatte sich die zu Ehrende doch erfrecht, in ihren häufig religionskritischen Zeichnungen verschleierte muslimische Frauen in den Fokus zu rücken:
So wirft ihr in der taz-Ausgabe vom 26. Juni Hilal Sezgin etwa vor, es sei falsch, „zu verharmlosen, wie stark nicht nur die Emma, sondern eben auch Becker an der Konstruktion, Verbreitung und Verhärtung eines Klischees mitgearbeitet haben, bei dem so viele ‚linke‘ Feministinnen mit ultrarechten Durchschnittssexisten übereinstimmen: dem Klischee von der scheinbar zwangsläufig unterdrückten, verblödeten, jeder Individualität beraubten kopftuchtragenden Frau.
Immer wieder hat Becker die plattesten Figuren gezeichnet: muslimische Polizistinnen, die mit einer Axt herumlaufen; Richterinnen, die fürs Gebet ständig den Prozess unterbrechen; verhüllte Frauen, die sklavisch ihren Männern folgen.“

Und Jakob Augstein, Herausgeber des FREITAG, erteilt Becker dahingehend eine Lektion in schariakonformer Salonlinkenmanier, ein gelungener Polit-Cartoon habe gefälligst die „Großen klein [zu] machen“ und dürfe nicht „auf die treten, die ohnehin unten sind“.

Wie gesagt: Muslime sind für Augstein automatisch die „Opfer“ einer latent rassistischen Gesellschaft, und laut Sezgins Logik dürfte es übrigens keinerlei Blondinen- oder Ostfriesenwitze oder dergleichen geben, funktionieren diese doch nur aufgrund des unterstellten Klischeecharakters der jeweils Verspotteten. Niemand Ernstzunehmendes käme doch auf den Gedanken, alle blonden Frauen für exakt so dämlich zu halten, wie sie in diesen Witzen dargestellt werden. Und ebenso dürfte wohl auch niemand alle verhüllten muslimischen Frauen für Axt schwingende Killerinnen oder auf das Gebet zwangsfixierte Glaubensmarionetten halten – wobei einem Klischee bekanntlich immer ein Kern Wahrheit zugrunde liegt!

Aber in Bezug auf den Islam bzw. seine politischen Auswüchse haben viele linke Kulturrelativisten diese(n) eben schon seit Längerem quasi unter Artenschutz gestellt. Doch statt die Anzahl der Islamisten in Deutschland dadurch abzuschmelzen, verzeichnet der jüngste Verfassungsschutzbericht für das zurückliegende Jahr 2018 sogar einen Anstieg um knapp 800 auf 26.560.
Und auch, wenn aktuell der mutmaßliche Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und damit die Frage nach den Organisationsstrukturen des Rechtsterrorismus die Debatte beherrscht, so gilt es, gerade dieses Spektrum des Extremismus scharf im Blick der Sicherheitsbehörden, aber auch der Sozialarbeit zu behalten.

Für die Politsatire/das politische Kabarett hierzulande gilt wohl auf unabsehbare Zeit folgende Äußerung eines der wenigen Querdenker dieser Szene, Bruno Jonas:

„Wer den linken Laufstall überschreitet, wird als Abtrünniger behandelt. Logische Argumente spielen dabei keine Rolle. Humor, Selbstironie und Querdenken sind im linksgrünen Bereich nicht erwünscht. […] Ja, ja, ich weiß, wer den Islam kritisiert, ist islamophob. Ich bin vor über 43 Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten, hab nie aufgehört, sie zu kritisieren, aber noch nie hat mich deswegen einer katholophob genannt.“
Quelle: Wolf Reiser: Witzischkeit und ihre Grenzen. In: CICERO 3/2019, S. 23

70 Jahren Grundgesetz und das massenhaft missachtete Selbstbestimmungsrecht muslimischer junger Frauen

Mai 30, 2019

Mit großem Tamtam feierte die staatstragende Funktionärselite in Berlin und Karlsruhe den 23. Mai und mit ihm den 70. Jahrestag des Bestehens des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland.

Eine vortreffliche Gelegenheit also für legalistisch-islamistische Wölfe im Schafspelz, eine der ihren wieder einmal als Repräsentantin eines ach so fried- und toleranzvernarrten Islam in Stellung zu bringen:

So geschehen an besagtem 23.05., als auf Einladung der Gesellschaft für Freiheitsrechte, der Bundeszentrale für politische Bildung sowie der Allianz Kulturstiftung die dem Dunstkreis der Muslimbrüder zugerechnete Aktivistin Kübra Gümüsay ihre Aufwartung machen durfte. Oder wie die – Achtung, Rechtspopulismus – Achse des Guten dazu schreibt:

„Es bleibt mehr als fraglich, was eine Person, die islampolitische, queer-, frauen- und minderheiten-feindliche Strukturen der Milli Görüş durch aktive, interne Teilnahme unterstützt, auf den Feierlichkeiten zum Grundgesetz zu suchen hat.“

Die gute alte Tante Grundgesetz übrigens, welche in Art. 2 klipp und klar festhält:
(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.

Für mich als Studienrat an einer Kaufmännischen Schule mit hohem Migrantenanteil wird dagegen immer mal wieder ersichtlich, dass sogar ein Kratzen an der Oberfläche genügt, um zu erkennen, in welch eklatantem Ausmaß viele muslimische Eltern eben jenes Selbstbestimmungsrecht hauptsächlich ihrer Töchter zu beschneiden trachten – wie ich fürchte, fast immer erfolgreich:
Auch wenn es nicht sehr häufig vorkommt, aber gelegentlich bekomme ich – sei es durch entsprechende Schülerinnen oder andere Kolleg*innen – zugetragen, dass es für diese jungen Frauen absolut unvorstellbar ist, nach dem Abitur zum Zwecke des Studiums oder einer Ausbildung eine eigene Wohnung oder ein WG-Zimmer zu beziehen. Das betrifft beileibe nicht nur Kopftuchträgerinnen! Die Frauen haben gefälligst so lange in der elterlichen Wohnung zu verbleiben, bis ein geeigneter Ehemann gefunden ist – wer in der „genetischen Lotterie“ oder aus anderweitigen zufallsbedingten Gründen eben weniger Glück hat, guckt in die Röhre, sprich: ist zur sexuellen Abstinenz verdammt. In einigen Fällen finden sich auch während der gemeinsamen Schulzeit Pärchen – wohlgemerkt: beide Muslime, jedenfalls soweit mir bekannt -, deren Verbindung allerdings von Seiten der Eltern unerwünscht ist. Die Folge: ein elendes Versteckspiel vor der eigenen Verwandtschaft, dem viele Beziehungen sicher auf Dauer nicht gewachsen sein dürften!

Eigentlich müsste jedem muslimischen Mädchen bei Aufnahme in unsere Schule – oder besser noch: bereits in der Mittelstufe nach Erreichen der Religionsmündigkeit mit 14 Jahren – das Buch „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“ der Rechtsanwältin und feministischen Imamin Seyran Ates als Willkommensgeschenk überreicht werden.
Aber das ist und bleibt in einem Land, in dem weder die Trennung von Religion und Staat noch die erforderliche scharfe Zurückweisung des politischen Islams seitens maßgeblicher Regierungsstellen vollzogen ist, eine völlige Utopie!

„Kultur ohne Worte“: Über verblüffende Ähnlichkeiten fundamentalistischer Parallelgesellschaften

April 30, 2019

Seit meinen ersten Zweifeln an der Richtigkeit der neuapostolischen Glaubenslehre, wobei ich Letztere zwangsläufig seit frühesten Kindertagen eingeflößt bekam, bildet die Beschäftigung mit dem Phänomen Religion mein Lebensthema.

Umso erstaunlicher finde ich es immer wieder, Parallelen zwischen der neuapostolischen (also einer unter vielen christlich-fudamentalistischen) und der (türkisch-)muslimischen Parallelgesellschaft zu entdecken.
Über erstere habe ich aus eigener Anschauung und Schriftmaterial einen tiefen Einblick gewinnen können, in letztere fallen immer wieder kurze Blicke, insbesondere durch Äußerungen meiner Schüler z.B. zur vermeintlichen Unsinnigkeit der Evolutionslehre oder dem Tabu, (als junge Frau) nach dem Abitur unverheiratet eine eigene Wohnung zu beziehen. Mittlerweile habe ich mir natürlich auch Einiges zur Parallelwelt islamisch-fundamentalistischer Prägung angelesen, die uns Erdogan und Saudi-Barbarien sei Dank seit einigen Jahren quasi vor der eigenen Haustür immer mehr scheinbar hirnlose Religionssklaven mit und ohne Kopftuch, mit und ohne langem Bart beschert.

Einen überaus anschaulichen Einblick in jenes düstere Biotop moralinsauren Spießertums vermittelt uns die mit etwas über 30 Jahren sicher zu den jüngeren Schriftsteller/innen auf diesem Gebiet zählende Germanistin und Medienwissenschaftlerin deutsch-türkischer Herkunft, Tuba Sarica. Ihr 2018 erschienenes Buch „Ihr Scheinheiligen! Doppelmoral und falsche Toleranz – die Parallelwelt der Deutschtürken und die Deutschen“ habe ich über die Osterferien studiert und gebe im Folgenden hier nun meine Eindrücke dazu wieder:

Zunächst einmal: Natürlich musste ich in jungen Jahren in einer Hinsicht weitaus weniger Kämpfe mit elterlicher und/oder kirchlicher Autorität ausfechten: Der erste Schritt in die eigenen vier Wände (bei mir mit immerhin knapp 26 Jahren mitten während meines Studiums) stellte absolut kein Problem für mich dar.
Sarica schreibt sehr deutlich: „Die muslimische Kultur ist eine Kultur ohne Worte. Das Schweigen, das die muslimische Gemeinde pflegt, ist ein Schutz vor der Welt. Indem man nicht über unangenehme Dinge spricht, weicht man unangenehmen Fragen und Antworten aus. Um der Frage nach dem Sinn des Lebens aus dem Weg zu gehen, wird ein riesiges Schauspiel veranstaltet. […] Unser Dasein liegt außerhalb unserer Kontrolle, und es würde weniger Geheul geben, wenn wir das akzeptieren und das Beste aus dem Hier und Jetzt machen würden, statt uns mit der Hoffnung auf ein ewiges Leben im Jenseits aufzuhalten.“ (S. 53f.)

Auch in meinem neuapostolischen Herkunftsmilieu (Arbeiterfamilie, allgemein: überwiegend Kleinbürgertum) habe ich eine ähnliche Erfahrung gemacht: Es wird in vielen Familien nicht bzw. kaum über Glaubensinhalte geredet, schon gar nicht kontrovers diskutiert. Und wenn, dann beschränken sich die Unterhaltungen zumeist darüber, die Predigt zu loben – zumeist ohne allzu konkret zu werden. Eine lebhafte Debattenkultur ist also das komplette Gegenteil. Selbstverständlich wird auch die unrühmliche Vergangenheit der NAK bspw. im Dritten Reich oder die sog. „Botschaft“ des Stammapostels J.G. Bischoff familiär nicht kritisch angesprochen, jenes Kirchenführers, der bis zu seinem Tod 1960 verkündete, Jesus werde noch zu seiner Lebzeit wiederkehren und „sein Werk vollenden.“

Außerdem zitiert Sarica ausführlich Immanuel Kant aus dessen berühmter „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ aus der Berlinischen Monatsschrift von 1784. Der deutsche Philosoph definiert darin Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“, welche wiederum Resultat des „Unvermögen[s], sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“ sei.
Leider habe ich keine Erinnerung mehr daran, wann mir dieses Kant´sche Diktum zum ersten Mal begegnet ist – im schulischen Religions-, Ethik- oder Philosophieunterricht jedenfalls nicht, denn weder das eine noch die beiden anderen besuchte ich in meiner Bremer Schulzeit (von Unterricht in „Biblischer Geschichte“ bis Klasse 6 mal abgesehen, im NAK-Reli- und Konfirmandenunterricht war Kant natürlich absolut undenkbar!).
Jedenfalls haben sich mir die mahnenden Philosophen-Worte nachhaltig eingebrannt, wie ein Stachel mit Widerhaken, der sich nicht mehr aus meinem wissbegierigen und freiheitsliebenden Geist entfernen ließ – zum Glück bis heute!
Auch der stark überhöhte Familienbegriff der deutschtürkischen Parallelgesellschaft, wie von Sarica beschrieben, ist mir aus NAK-Zeiten kein unbekannter: Symptomatisch dafür lautet der Titel des neuapostolischen Hofberichterstattungsblattes, welches alle 14 Tage erscheint, „Unsere Familie“, womit natürlich die weltweite NAK-Community gemeint ist. In dem Zusammenhang erinnere ich mich ebenso an die zahlreichen Zusammenkünfte mit der neuapostolischen Verwandtschaft, vor allem mütterlicherseits (meine Mutter hat drei Brüder, alle mitsamten ihren Familien bis zum heutigen Tag eifrige NAK-Kirchgänger).
Und hier haben wir ein Markenzeichen sämtlicher autoritärer Gemeinschaften weltweit vor uns: Die Betonung des Kollektivs bei gleichzeitiger Abwertung des Individuums („Du bist nichts, das Volk ist alles!“ hieß es zum Extrem gesteigert während der NS-Diktatur bekanntlich).
Schließlich noch die Frage nach der Freiwilligkeit in derartigen Institutionen: Im Zuge der bis heute immer wieder aufflackernden Kopftuchdebatte heißt es ja immer wieder aus dem Munde zahlreicher bekennender Muslimas, sie trügen das Tuch absolut freiwillig und würden nicht unterdrückt. Letzteres bestätigt Sarica sogar, spricht aber von der Selbstunterwerfung der Frauen unter das ultrakonservative Patriarchat, wenn sie – noch so ein Zitat, das sich auf ewig in meinen Geist gebrannt hat – mit Marie von Ebner-Eschenbach konstatiert:
„Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit!“ (S.50)

In nahezu verräterischer Offenheit klingt im Vergleich dazu auch der Sprecher der Neuapostolischen Kirche, Peter Johanning, wenn er sich in der entsprechenden Folge über seine Glaubensgemeinschaft im Podcast secta.fm äußert: „Wir müssen uns ganz schön abstrampeln!“

Übrigens: Der dort in Interviewausschnitten zitierte Aussteiger „Martin“ – das bin ich.

Die Leiden der jungen Greta. Über die bizarren Auswüchse des Klimaaktivismus

März 30, 2019

An die 20.000 Gläubige sollen es gewesen sein, die gestern anlässlich des Besuchs ihrer Prophetin nach Berlin gepilgert sind. Moment mal, werden Sie jetzt vielleicht einwenden: Ist denn schon wieder Kirchentag? Oder feiert Uriella putzmunter ihre leibhaftige Wiederauferstehung? Natürlich weder das eine noch das andere!

Denn bei der neuen „Uriella“ – wenn man so will – handelt es sich selbstverständlich um die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg, die seit nun schon über einem halben Jahr mit ihrem „Schulstreik für das Klima“ die weltweiten Fridays-For-Future-Proteste ins Rollen gebracht hat, um die Generation der Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft an deren Pflicht zur klimatischen „Weltrettung“ zu erinnern. `Ne Nummer kleiner geht halt nicht im Denken der frommen Öko-Empörialisten…
Und dass das so kindlich wirkende Mädchen in der Tat von vielen Anhängern eines öko-alternativen Lifestyles mit so etwas wie religiöser Inbrunst verehrt wird, hat nicht zuletzt Jan Fleischhauer in seiner Kolumne auf SPIEGEL online („Das erste Buch Greta“) eindrucksvoll belegt.
Was bei dem medialen Hype um die Klima-Ikone Greta dabei etwas ins Hintertreffen gelangte, war die Tatsache, dass sich die Prophetin zu einer zumindest zarten Öffnung gegenüber der zivilen Nutzung der Atomkraft als Waffe gegen die Erderwärmung ausgesprochen haben soll – was von Fleischhauer als einem der prominentesten Ketzer der Ökologismus-Religion natürlich der Bionade-Schickeria in obiger Kolumne genüsslich unter die Nase gerieben wird!
Einer Schickeria, die durch ihren häufig immer schrilleren Moralismus auffällt, jedoch nicht selten das Fahrrad predigt, selbst aber auf große Kreuzfahrt geht, wie jüngst über Ex-Umweltministerin Barbara Hendricks bekannt wurde.
Es ist schon eine bizarre Welt, die sich viele Klimaaktivisten mittlerweile da zusammengebastelt haben. Als Mittvierziger fühle ich mich unwillkürlich an die schrillen Töne im Zusammenhang mit dem Waldsterben und der Atomkatastrophe von Tschernobyl in den 1980er-Jahren erinnert. Wie oft hätte die Welt spätestens bis zum Jahr 2000 nicht untergehen sollen?
Jüngster Auswuchs dieser an Bizarrem wie gesagt nicht armen Bewegung stellt die Forderung der Gymnasiallehrerin Verena Brunschweiger dar: Fordert diese doch in ihrer kürzlich erschienenen Streitschrift „Kinderfrei statt kinderlos“ den Verzicht auf jedweden Nachwuchs zum Schutz des Weltklimas! Ganze 58,6 Tonnen Kohlendioxid spare demnach jeder Mensch pro Jahr an Emissionen ein, sofern er/sie alle Zeugungsplanungen für immer fahren lasse…
Ein derartig idiotischer, da menschenverachtender Blödsinn, dass selbst die linksliberale ZEIT – ansonsten selbstverständlich ganz vorne dabei beim Klimahype – es sich nicht verkneifen konnte, um die von Brunschweiger in die Welt gesetzte Mengenangabe in einem ganzseitigen Artikel als Legende zu entlarven. Denn die von Brunschweiger herangezogene Studie „The Climate Mitigation Gap“ verfahre laut ZEIT-Autor Gregor Walter-Drop unseriös, übernehme sie doch einfach die Klimwawirkung einzelner Verzichtsentscheidungen wie Flugreisen, Fleischkonsum etc. aus diversen Quellen mit voneinander abweichender Berechnungsmethodik und lege die Gesamtemissionen der untersuchten Länder auf jeden einzelnen Bewohner um. Wer also nach Belegen für ideologisierte Wissenschaft sucht, dürfte hier fündig geworden sein!
Und auch wenn es im allzeit hysterischen deutschen Diskursklima des „verkrampftesten Volks der Erde“ (Kramp-Karrenbauer über die Deutschen) kaum durchdringen dürfte: Wir sollten schleunigst zu einer von Rationalität geprägten Debatte zurückkehren (falls es die hier jemals gab):
Nüchterne Aktivisten wie der dänische Politologe und Statistiker Björn Lomborg haben bereits vor zwölf Jahren darauf hingewiesen, dass eine kühle Abwägung von Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels vonnöten sind, und selbstverständlich auch die Vorteile einer auf breite Bevölkerungsschichten der Länder des Südens ausgeweiteten Verbrennung fossiler Brennstoffe kein Tabu darstellen darf:

„In der Dritten Welt ist der Zugang zu fossilen Brennstoffen sogar von entscheidender Bedeutung. Rund 1,6 Milliarden Menschen haben keinen Anschluss an ein Stromnetz, was die Entwicklung der betroffenen Regionen erheblich behindert. Zweieinhalb Milliarden Menschen benutzen Biomasse in Form von Holz, Abfall und Dung als Energiequelle für das Kochen und Heizen. […] Diese Lebensweise ist auch eine Ursache für die massive Entwaldung […]. Rund 1,3 Millionen Menschen – zumeist Frauen und Kinder – sterben jährlich infolge der enormen Schadstoffbelastung in Wohnräumen. Eine Umstellung von Biomasse auf fossile Brennstoffe würde die Lebensqualität von 2,5 Milliarden Menschen erheblich verbessern; die jährlichen Kosten in Höhe von 1,5 Milliarden Dollar würden von Nutzeffekten in der Größenordnung von rund 90 Milliarden Dollar bei Weitem übertreffen. Eine Welt ohne fossile Brennstoffe dagegen würde in den Insustrie- wie auch in den Entwicklungsländern zumindest kurz- oder mittelfristig mittelalterliche Zustände wiederherstellen.“
Quelle: Björn Lomborg: Cool it! Warum wir trotz Klimawandels einen kühlen Kopf bewahren sollten. München 2008, S. 186f.

Zurück zu den enthusiastischen Pilgern (pardon: „Followern“) der eingangs erwähnten Prophetin: Mit wie unterschiedlichen Wertmaßstäben im deutschen Erregungsjournalismus unserer Tage häufig operiert wird, macht ein kleines Gedankenexperiment deutlich: Angenommen, ein Redakteur würde einem jugendlichen „Fridays-For-Future“-Demonstranten vorhalten: „Wieso geht ihr eigentlich für das Klima auf die Straße? Man kommt doch trockenen Fußes durch die Innenstadt!“ Das allgemeine Kopfschütteln, ja der obligatorische mediale Shitstorm wäre vorprogrammiert. Nach dem selben Muster agierten jedoch viele Medienvertreter anlässlich der Ende 2014 aufkommenden PEGIDA-Proteste: „In Dresden gibt es doch kaum Ausländer/Muslime. Wozu also demonstrieren Sie hier?“
Es bleibt mit dem von jedweder Sympathie für rechtspopulistische Positionen abholden Medienwissenscftler Michsel Haller zu konstatieren:

„Die tagesaktuellen Medien sind dazu da, uns über das Geschehen ins Bild zu setzen. Nicht über die Vorurteile der Journalisten, sondern über das, was sich in der Welt ereignet hat, soweit es für uns, die Bürger dieser Gesellschaft, wissenswert ist. Das ist so trivial, dass ich mir blöd vorkomme, dies zu erwähnen.“
Quelle: Michael Haller: Fehler im System. In: CICERO 1/2018, S. 17

In der Hoffnung, dass sich die Erregungsschraube um den Klimawandel nicht noch bis zum letzten Denkbaren weiterdreht: dem Suizid einzelner Aktivisten aus Angst vor der „Klimapokalypse“. Ein bekannter Briefroman Goethes aus dem Jahr 1774 legt beredtes Zeugnis davon ab, wohin einen ein Übermaß an Gefühlsaufwallung in Kombination mit dem Zugang zu Waffen tragen kann…

Antiwestlich, autoritär, menschenverachtend: „DIE LINKE“ und der Mythos des unbefleckten Sozialismus Venezuelas

Februar 25, 2019

Sie können es partout nicht lassen: Maßgebliche Mitglieder der Partei „DIE LINKE“ waren sich am Wochenende beim Bundesparteitag in Bonn nicht zu dämlich dafür, mit einer Solidaritätsaktion zugunsten des diktatorisch regierenden venezolanischen Staatschefs Nicolás Maduro unter Beweis zu stellen, wes Geistes Kind diese moralisch verpeilten Jammergestalten tatsächlich sind!

Treibende Kräfte sind hier allem Anschein nach Heike Hänsel, Vize-Vorsitzende der Linksfraktion, Dieter Dehm und Sevim Dagdelen (der es hinsichtlich Erdogans faschistoider Repressionspolitik dagegen nicht kritisch genug sein kann!).

Dabei pfeifen es längst alle Spatzen von den Dächern, mit welch brutaler Menschenverachtung Maduros Schergen gegen die Aufständischen im eigenen Land vorgehen: Nicht etwa die US-Regierung, sondern keine geringere Organisation als Amnesty International äußert sich unmissverständlich zum Vorgehen der realsozialistischen Maduro-Clique:

„Unter dem Befehl des venezolanischen Präsidenten Maduro haben Sicherheitskräfte außergerichtliche Hinrichtungen durchgeführt und exzessive Gewalt angewendet. Sie haben Hunderte Menschen willkürlich inhaftiert, darunter auch Jugendliche. Mit dieser Eskalation repressiver Politik soll die venezolanische Bevölkerung kontrolliert werden. Insbesondere Bewohner der verarmten Stadtteile sollen bestraft werden, die zwischen dem 21. und 25. Januar gegen die Regierung protestiert hatten.“

Laut Politikwissenschaftler Tom Mannewitz handelt es sich noch immer um die alten antiwestlichen und antiimperialistischen Reflexe des kommunistischen Erbes der Partei, da bekanntlich US-Präsident Donald Trump als einer der globalen Protagonisten für den angeblichen „Putschversuch“ von Maduros Heraudforderer Juan Guaidó in Erscheinung tritt.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich ist es legitim, an der (vorschnellen?) Anerkennung Guaidós u.a. durch die Bundesregierung Kritik zu üben. Dies geschieht ja auch durch ein wissenschaftliches Gutachten des Bundestags.
Dennoch macht es einen Unterschied ums Ganze, sich wie besagte Trottel der „LINKEN“ eindeutig für Maduro zu positionieren!
Aber derlei moralische Entgleisungen reihen sich in dieser Partei ein in eine unsägliche Tradition, wie 2011 das Gratulationsschreiben Klaus Ernsts und Gesine Lötzschs anlässlich des 85. Geburtgas der „Maximo Lidér“ Fidel Castro belegt. Alles, was sich auch heute noch, annähernd 30 Jahre nach Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus, auf diese antikapitalistische Staatsform beruft, erfährt in nicht geringen Kreisen dieses politischen Milieus eine gewisse Sympathie (Nordkorea vielleicht ausgenommen).
Die kaum vorhandene mediale Empörung ob dieser Tatsache generiert einen weiteren, dahinter liegenden Skandal. Man stelle sich einfach nur einmal vor, einflussreiche Politiker der AfD solidarisierten sich mit dem Massenschlächter Baschar Al-Assad… uuups, da war doch tatsächlich mal was!

Holocaust-Gedenken: Weniger Überlebende, mehr Relativierer und offene Hetzer

Januar 27, 2019

Der 27. Januar markiert seit der Initiative des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog 1996 hierzulande den offiziellen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Waren es doch sowjetische Truppen, die an diesem denkwürdigen Tag im Jahre 1945 das KZ Auschwitz nach jahrelanger grausamer Terrorherrschaft der Nationalsozialisten befreiten. Mehr als Grund genug also, um dieses Datum Jahr für Jahr durch Gedenkakte bis hin zum Deutschen Bundestag zu würdigen.

Zum anderen lässt sich nicht leugnen: Die Zahl der noch lebenden Holocaust-Opfer nimmt kontinuierlich ab, allein in Israel sterben von den dortigen gut 200.000 Überlebenden im Schnitt 30 – wohlgemerkt pro Tag! Es ist also quasi eine Frage realistischer Berechnung, wann sich diese Zahl auf (nahezu) Null reduziert haben wird.
Wer wird also zukünftig die Erinnerung an die größte Perversion der Menschheitsgeschichte wach halten? Zumal diese Entwicklung einhergeht einerseits mit dem Wiedererstarken der Relativierer von Rechts (siehe Gaulands „Vogelschiss-Rede“ etc.) und andererseits mit einer besorgniserregenden Zunahme offen antisemitischer Vorfälle – von der Beleidigung im Internet bis zur Gewalttat. Die Täter sind häufig Angehörige strenggläubiger muslimischer Communitys – erzogen im Sinne eines antiquierten Weltbilds, in dem Patriarchat, Antisemitismus, Homophobie und Verteufelung kritischen Denkens und damit einhergehende Angstpädagogik (Höllendrohungen) sowie soziale Bespitzelung fröhliche Urstände feiern!

Daher wäre es fatal, es bei jährlichen Gedenkritualen bewenden zu lassen und ansonsten unbekümmert zum Alltagsgeschehen zurückzukehren.
Wie Arno Frank auf SPIEGEL online treffend anmerkt:
„Mag sein, dass die Erinnerung in Ritualen erstarrt ist. Dann macht das moderne Deutschland ein Selfie von sich selbst, mit der schlimmen, aber ‚bewältigten‘ Vergangenheit im Hintergrund.
Wieder werden in Parlamenten die Vertreter der Opfer, eloquente Überlebende oder kluge Professorinnen reden – den Nachgeborenen ins Gewissen. Im Anschluss gibt es eine traurige Sonate auf der Violine und Kränze für die Gräber. Mag sein, dass Scham über die Tat und Stolz auf ihre ‚Bewältigung‘ zusammenfallen […] Neu ist, dass Politiker ganz offen ihre Menschlichkeit und Vernunft zugunsten anderer Ziele zurückstellen.

Durch Gedenkstunden nicht zu erreichen

Für solche Leute ist der Holocaust einerseits eine weltweite Verschwörung mit dem Ziel, den Widerstand gegen einen als jüdisch halluzinierten Globalkapitalismus zu schwächen. Sie bezweifeln also, dass er stattgefunden hat.
Andererseits ist Auschwitz für sie genau das, was es ‚mal wieder‘ oder überhaupt einmal bräuchte, um den als jüdisch halluzinierten Globalkapitalismus zu brechen. Sie wollen, dass der Holocaust wieder stattfindet.
Wer so denkt, ist durch Gedenkstunden nicht zu erreichen, nicht durch wissenschaftliche Beweise oder Pädagogik. Wer so denkt, dem ist das Loch im Teppich so lästig, wie es die zwingenden Lehren daraus sind. Der will es nicht besser wissen. Der hätte gern die Hände frei. Der würde gern, wie der österreichische Innenminister Herbert Kickl (FPÖ), das Primat des Rechts über die Politik umkehren.“

Worauf Frank hier anspielt, ist die Forderung Kickls, „dass das Recht der Politik zu folgen hat und nicht die Politik dem Recht“.
Im Klartext: Niemand Geringeres als der österreichische Innenminister möchte sich über die Judikative mit ihrer korrektiven Funktion hinwegsetzen, sie gar für eigene (partei-)politische Zwecke instrumentalisieren…
Und wen zählen die „Freiheitlichen“ hierzulande bekanntlich zu ihren engsten Verbündeten? Richtig, die Möchtegern-Alternativen von der AfD! Honi soit qui mal y pense!

Deutsche Debattenkultur von Stickoxid vernebelt: Empörialistisches Drehen an der Ökoschraube feiert Hochkonjunktur

Dezember 30, 2018

Ich gebe es unumwunden zu: Ja, ich gehöre zu denjenigen, die man mit Fug und Recht als passionierte Radler bezeichnen kann. Bis auf den heutigen Tag bin ich mit meinen mittlerweile auch schon 44 Jahren noch nie im Besitz eines automobilen fahrbaren Untersatzes gewesen.

Diesel-Fahrverbote-18-03-10-rgb

Abgesehen von einem leider verunglückten mehrmonatigen Versuch mit einer Uralt-Vespa vor mehr als 20 Jahren hatte ich eben kein Bedürfnis nach Erwerb eines motorisierten Fortbewegungsmittels. Mehr noch: Beim Anblick eines protzigen SUVs („Möchtegernpanzer“) oder eines anderen PS-starken Gefährts überkommt mich der schiere Brechreiz ob der vermuteten saturierten Lebensweise des jeweiligen Fahrers!

Mit anderen Worten: Ich bin ein fundamentalistischer Öko, Vollblut-Grünen-Wähler und womöglich auch noch Greenpeace-Spender… könnte man meinen. Doch nichts von alldem trifft wirklich zu! Bereits während meines Studiums vor über zehn Jahren wurde mir durch die aufklärerischen Bücher des Autorengespanns Dirk Maxeiner und Michael Miersch sowie durch Walter Krämers und Gerald Mackenthuns „Die Panik Macher“ klar, wie hochgradig ideologisiert die Weltanschauung zahlloser Umweltbewegter (nicht nur) in diesem Land aussieht.

Und so habe ich es mit großer Genugtuung zur Kenntnis genommen, als sich nach „anschwellendem Bocksgesang“ im Zuge des sogenannten Diesel-Skandals und diverser per Gerichtsbeschluss anberaumter Dieselfahrverbote in mehreren deutschen Städten mit dem Lungenfacharzt Dieter Köhler eine Stimme der Vernunft erhob: Zumindest scheint es mir als Laie plausibel, wenn Köhler die entsprechenden Studien zur Stickoxidbelastung für mindestens einseitig interpretiert erklärt, da zahlreiche maßgebliche Einflussfaktoren auf die Lebensdauer der Anwohner belasteter Stadtviertel wie Tabak- und Alkoholkonsum sowie Bewegungsmangel nicht hinreichend berücksichtigt worden seien. (Ein längeres SWR-Interview mit Köhler findet sich übrigens hier.)

Ein Thema, dem sich neben anderen Prachtexemplaren aus dem Jutebeutel berufsökologistischen Irrsinns übrigens auch der Großmeister des politischen Kabaretts, Dieter Nuhr, in seinem aktuellen Jahresrückblick annimmt.
Aufklärung kann ja so wunderbar zwerchfellerschütternd wirken – wenn einem nicht das Lachen ob der realen Idiotie in Gesellschaft und Politik oft im Halse stecken bleiben würde…

In einen größeren Zusammenhang stellt das Debattenmagazin „Cicero“ die Thematik, wenn Wolfgang Bok dort die Attacken gegen die deutsche Automobilindustrie, die Stromkonzerne, Banken etc. mit ihren ökonomisch desaströsen Auswirkungen für das bundesdeutsche Wohlstandsniveau konfrontiert.

Der Autor schreibt vermutlich wohl vergeblich gegen das hierzulande schon länger zu beobachtende „Überdrehen der Ökoschraube“ an – man denke an die jahrelangen Hetzkampagnen gegen die zivile Nutzung der Kernenergie oder die Pflanzengentechnik.

Und auch für emanzipatorische Kritiker eines politischen Islams sowie der real existierenden Migrationspolitk (die häufig völlig naiv auf zur religiösen Intoleranz indoktrinierte Muslime reagiert) lässt 2019 wohl keine wirkliche Hoffnung grünen. Spricht doch vieles dafür, dass das inflationäre, da völlig undifferenzierte In-die-rechte-Ecke-Stellen als neuer Volkssport seine unrühmliche Fortsetzung finden dürfte…

Beglückende Lügen: Hessischer Rundfunk erfindet pazifistischen Islam!

November 24, 2018

Seit Anfang November läuft im wöchentlichen Rhythmus ein vom Hessischen Rundfunk (HR) verantwortetes, auf 24 Folgen angelegtes Funkkolleg unter dem Obertitel „Religion Macht Politik“. In der aktuellen Folge beschäftigt sich Redakteur Stefan Ehlert mit der Weltreligion Islam („Faszinierend und anders“).

Der Beitrag kann wie alle bisherigen hier nachgehört bzw. heruntergeladen werden. Wie leider so häufig in der Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Medien ist er gespickt von gravierenden Schönfärbereien. In meiner Antwortmail an den HR nehme ich Bezug auf die Darstellung der Koran-Sure 5,32 bzw. des tatsächlich pauschal behaupteten koranischen Tötungsverbots ab Minute 8:48. Hier die ungekürzte Wiedergabe meiner Mail:

——————————————————————————————————————-

Sehr geehrter Herr Ehlert, liebe HR-Funkkolleg-Redaktion,

aufgrund gravierender Desinformation innerhalb Ihres aktuellen Funkkolleg-Beitrags zum Islam aus der Reihe „Religion Macht Politik“ schreibe ich Ihnen meine diesbezüglichen Gedanken:

Sie zitieren in Ihrem Beitrag die Koran-Sure 5,32, um sowohl eine islamistische Gewaltlegitimation als auch eine von Ihnen unterstellte islamkritische „pauschale Verunglimpfung einer ganzen Weltreligion“ zu kritisieren.
Selbstverständlich gibt es innerhalb der Islamkritiker-Szene selbst zu kritisierende Tendenzen, da bisweilen eine überkritische Haltung vertreten wird (im Extremfall müsste dann korrekt von Muslimfeindschaft gesprochen werden, wenn nämlich unterstellt wird, Muslime seien quasi von Natur aus gewaltaffin), jedoch suggerieren Sie mit Ihrem „Verunglimpfungs“-Vorwurf, sämtliche Islamkritiker seien unseriös.

Dabei lassen Sie den nicht ganz unwichtigen Hinweis außer acht, dass die Sure 5,32 an „die Kinder Israels“, also die Juden gerichtet ist. Auch thematisieren Sie leider nicht innerislamische Debatten um die Frage, was genau unter „auf der Erde Unheil stiften“ zu verstehen sei.
In islamistischen Kreisen wird bekanntlich bereits derjenige darunter subsummiert, der zum „Abfall vom Glauben“ anstiftet, welches nach unzweideutiger koranischer Aussage „schlimmer als Töten“ (Sure 2,191) aufzufassen sei.

Außerdem hält in diesem Kontext der Islamwissenschaftler Tilman Nagel fest, „dass das in Sure 5,32 ausgesprochene Tötungsverbot, wie der Kontext nahelegt, lediglich die Mitglieder der eigenen Solidargemeinschaft schützt, die durch Blutrache in ihren Reihen bedroht war“ und „bezeichnet daher die Behauptung, dass der Koran ein allgemeines Tötungsverbot enthalte, als ‚Propagandamärchen.'“
Quelle: http://www.transatlantic-forum.org/2014/koran-5-32

Womit wir dann bereits bei der eigentlichen Ungeheuerlichkeit Ihres Beitrag angelangt wären, der zufolge „Islamwissenschaftler […] immer wieder [betonen], dass der Koran das Töten nicht erlaube.“
Die in diesem Zusammenhang relevante Beschäftigung mit der Bedeutung des Dschihad“-Begriffs scheint hier eine klare Sprache zu sprechen, wird von Ihnen jedoch ebenfalls nicht einmal angerissen.
Dazu zitiere ich den aufgrund seiner differenzierten, aber dennoch klar religionskritischen Haltung von mir sehr geschätzten Politologen Armin Pfahl-Traughber:
„Insgesamt ist [im Koran] an 35 Stellen von ‚Dschihad‘ die Rede, lediglich in zwei Fällen in der eigentlichen Grundbedeutung von ’sich abmühen, sich anstrengen‘ und an vier weiteren Stellen in einem so möglicherweise deutbaren Sinne. ‚An allen anderen‘, so die Orientalistin Rotraud Wielandt, ‚d.h. an mehr als 80% der koranischen Fundstellen geht jedoch aus dem Kontext zweifelsfrei hervor, dass das Wort … tatsächlich nichts anderes als ein militärisches Vorgehen bezeichnet, also im Sinne von ‘Krieg führen’ zu verstehen ist. Bei dem heute insbesondere von Muslimen in den europäischen Ländern vertretenen ‚Dschihad‘-Verständnis, das auf die Bemühung um eine bessere Einhaltung der Glaubensmoral abstellt, handelt es sich somit um eine durchaus begrüßenswerte Neuinterpretation. Sie kann sich allerdings weder auf das eigentliche Konzept im Koran noch auf die historische Wirksamkeit stützen.“
Quelle: http://www.gkpn.de/PfahlTr_Islamismus_I.pdf

Mit freundlichen Grüßen
Michael Haß, Mühlheim (Main)

Die mit den Grauen Wölfen heulen? Reflexionen zum Verhältnis der #unteilbaren Linken zum Scharia-Islam

Oktober 26, 2018

„Solidarität statt Ausgrenzung“, „Für Toleranz“, „Bunt statt Braun“… alles hehre Parolen, die da am 13. Oktober von ca. 240.000 Menschen durch die Straßen Berlins schallten und unzählige Transparente zierten.

Unter dem Hashtag „unteilbar“ zogen so viele Demonstranten wie seit den Pro-Saddam-, äh Anti-Irakkriegs-Protesten 2003 nicht mehr durch die deutsche Hauptstadt. Und in der Tat: Die offenbar munter voranschreitende Radikalisierung großer Teile der „Merkel muss weg“-Bewegung, insbesondere der AfD gibt Anlass zu großer Sorge; deren Thüringer Fraktionschef Höcke fantasiert mittlerweile in der Migrationsdynamik der kommenden Jahre den größten Zivilisationsbruch in der Geschichte des deutschen Volkes herbei. Die Wählerklientel der „Alternative“ scheint´s nicht zu stören; im Gegenteil, erreichte die AfD mit 10,2 % jüngst in Bayern einen mehr als beachtlichen Erfolg, berücksichtigt man die übergroße Konkurrenz seitens des – häufig genug rechtspopulistisch agierenden – Platzhirsches CSU!
Das Problem ist nur komplexer: Die offene Gesellschaft befindet sich längst von zwei Seiten in die Zange genommen: Neben den Rechtspopulisten mit ihrer als Islamkritik getarnten Muslimfeindlichkeit etablieren sich seit 9/11 mehr und mehr Vertreter des politischen Scharia-Islam. Die Reaktion weiter Teile der politischen Linken darauf: ohrenbetäubendes Schweigen – wenn nicht gar eine saftige Diffamierung des Botschaftsüberbringers als „islamophob“ oder „rassistisch“! Es gilt noch immer das berühmte Tucholsky-Wort:
„Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht.“
Auf der anderen Seite haben wenigstens Teile linker Bewegungen wie die jüngst durch Berlin ziehende #unteilbar-Demo keinerlei Berührungsängste mit Repräsentanten des legalistischen Islamismus-Spektrums wie dem Zentralrat der Muslime (ZdM) und dessen mit den türkischen Ultranationalisten in Verbindung gebrachter Unterorganisation ATIP. Die komplette Liste der Erstunterzeichner des Demo-Aufrufs findet sich hier.

Das brillante, da immer wieder gegen den denkfaulen Zeitgeist gebürstete Debattenmagazin „Cicero“ kritisiert die #unteilbar-Initiatoren zudem dafür, als Globalisierungsgewinner die Sorgen und Nöte von deren Verlierern (die früher als „Arbeiterschaft“ bekannte untere bis mittlere Mittelschicht) zu vernachlässigen. Stattdessen verzettele man sich im Engagement für noch so kleine Minderheiten oder auch nur gefühlte Benachteiligungen.

Und so sehr mensch als originär Linksliberaler mit gehörigen rationalen Vorbehalten gegenüber dem politischen Islam dem allzu bunten Treiben eher vorsichtig distanziert zuschaut, so verblüffend reflektiert erscheint doch die Stellungnahme der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung (GBS), die sich nach einigem Hin und Her für die Teilnahem an der #unteilbar-Demo entschieden hat. In deren Stellungnahme heißt es u.a.:

„Hätten vor 70 Jahren nur jene Nationen die ‚Allgemeine Erklärung der Menschenrechte‘ unterzeichnen dürfen, welche die Menschenrechte wirklich achten (gesinnungsethische Position), so wäre es gar nicht erst zu der UN-Erklärung gekommen. Dadurch dass die UN-Charta aber ab dem 10. Dezember 1948 in der Welt war, kam es zu markanten Veränderungen in der internationalen Politik (selbstverständlich gingen diese Veränderungen nicht weit genug, aber das heißt keineswegs, dass wir sämtliche Fortschritte seit 1948 einfach ignorieren dürften). Worum es in diesem Zusammenhang geht, hat Ludwig Marcuse einmal sehr schön in Worte gefasst (und sein Satz weist, wie wir meinen, den Weg, wie man mit dem Bekenntnis des ZdM zur offenen Gesellschaft in verantwortungsethischer Weise umgehen sollte): ‚Es ist besser, das Gute steht nur auf dem Papier – als nicht einmal dort.'“

Man muss der GBS zugute halten, dass sie maßgeblich bei der Gründung des Zentralrats der Ex-Muslime, der Kritischen Islam-Konferenz und der Säkularen Flüchtlingshilfe beteiligt war – wovon sich große Teile der politischen Linken ein dickes Stück abschneiden sollten!
Bleibt abschließend zu hoffen, dass sich die Religionskritiker in Zukunft gerade auch innerhalb ihres eigenen politischen Herkunftsmilieus kräftig Gehör zu verschaffen wissen.
Um es mit dem langjährigen ARD-Algerienkorrespondent Samuel Schirmbeck zur linken Blanko-Toleranz sagen:

„Eine Projektionsfläche linker Ideologie ist auch der Islam insgesamt, den genauer zu betrachten die Linke für unnötig hält, hat er doch mit dem, was seit zwanzig Jahren in seinem Namen passiert [gemeint ist der Jihad-Terror, M.H.] ’nichts zu tun‘. Die internationalen Geheimdienste und die muslimischen Aufklärer wissen es besser.“
Samuel Schirmbeck: Gefährliche Toleranz. Der fatale Umgang der Linken mit dem Islam. Zürich 2018, S. 49.

Alle reden von Nazis auf (ost-)deutschen Straßen, keiner von denen im Schloss Bellevue!

September 19, 2018

Langsam klingt der mediale Empörialismus um die Vorgänge in Chemnitz und Köthen ab – Zeit, ein wenig Licht in die Nebelschwaden bundesdeutscher Diskurstabus zu bringen:

Anstatt sich in Detaildiskussionen darüber zu verlieren, ob in Chemnitz anlässlich einer AUCH von Rechtsradikalen besuchten Demo von einer „Hetzjagd“ auf Migranten gesprochen werden müsse, gilt es, das große Ganze nicht aus den Augen zu verlieren:
Ja, insbesondere der Osten Deutschlands hat ein gravierendes Problem mit Menschenverachtung / Rassismus. Ja, neben Thüringen gilt auch Sachsen als rechtsextreme Hochburg.
Diese offensichtliche Binsenweisheit darf, ja muss in aller Offenheit ausgesprochen und skandalisiert werden. Und natürlich handelt es sich deshalb bei der Mehrheit der dortigen Bewohner nicht um Rassisten! Dass diese Tatsache immer wieder extra betont werden muss, zeigt einmal mehr, auf welch erbärmliches Niveau sich der bundesdeutsche politische Diskurs stellenweise sofort begibt, wenn es um tatsächliche oder vermeintliche Nazis geht: Es wird hyperventiliert, was das Zeug hält, wenn genaue Differenzierung vonnöten wäre!
Umso wohltuender ist es da, einmal einen im wahrsten Wortsinn coolen Kommentar lesen zu können: René Zeyer schreibt in der Online-Ausgabe der Basler Zeitung:


„Der Spiegel weiss es mal wieder ganz genau: ‚Wer die AfD wählt, wählt Nazis.‘ Die ansonsten zurückhaltende Frankfurter Allgemeine Zeitung beobachtet einen ‚Lynchmob‘, die Süddeutsche Zeitung sieht die Lage in Chemnitz ‚ausser Kontrolle‘, hier gehe es um einen ‚Kampf um Herzen und Köpfe‘, und die Ereignisse im ­ehemaligen Karl-Marx-Stadt sind bereits im Abklingbecken der deutschen Talkshows unterwegs.
Wie immer liegt ein Hauch von Weimar in der Luft, herrscht Pogromstimmung, erinnern sich viele Kommentatoren an 1933, kurz vor der Machtergreifung Hitlers, als wären sie dabeigewesen.“

Und während sich gefühlt halb Deutschland darüber die Köpfe einschlägt, ob der Chef des Inlandsgeheimdienstes ob seiner umstrittenen Äußerungen zum Chemnitzer Geschehen zurücktreten solle, gerät eine deutlich wichtigere Frage beinahe völlig aus dem Blick:
Was ist eigentlich von einem Staatsoberhaupt zu halten, das hochrangige Vertreter einer schiitisch-islamistischen Organisation zu sich ins noble Schloss Bellevue einlädt und ihnen somit von Staatsseite höchste Weihen angedeihen lässt? So geschehen Ende April dieses Jahres. Kein geringerer als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) ließ es sich nicht neben, führende Köpfe des Dachverbands schiitischer Gemeinden Deutschlands (IGS) zum Gespräch zu bitten, was diese natürlich dankend annahmen.
Eines ihrer Vorstandsmitglieder ist der Wiesbadener Unternehmensberater und SPD-Politiker Dawood Nazirizadeh, über dessen Verbindungen zum schiitisch-iranischen Umfeld des klerikalfaschistischen Mullah-Regimes der iranische Oppositionelle Kazem Moussavi berichtet.
Auch das RBB-Politikmagazin „Kontraste“ nahm sich der Causa IGS im Zusammenhang mit dem antisemitischen Al Quds-Marsch im Juni in Berlin an.
Besonders pikant: Bundespräsident Steinmeier kam nicht nur auf die glorreiche Idee, als Gastgeber der IGS-Delegation zu fungieren, sondern rührte auch Anfang September kräftig die Werbetrommel für das medial ohnehin tausendfach beworbene „Wir sind mehr!“-Konzert von Chemnitz. Ein Konzert, bei dem auch die linksradikale Punkband „Feine Sahne Fischfilet“ auftrat – eine verbalradikale Idiotentruppe, die sich nicht entblödet, offen Gewalt gegen Polizeibeamte zu propagieren: „Die nächste Bullenwache ist nur ein (sic!) Steinwurf entfernt“ heißt es da z.B. in ihrem Song „Wut“.

Informationen zu Parteiausschluss-Diskussionen gegen die sauberen Herren Nazirizadeh oder gar Steinmeier liegen mir bis heute nicht vor!

Banker, bleib bei deinem Leisten! Warum Sarrazins zweiter Anlauf in Sachen Islamkritik die Moschee nicht im Dorf lassen kann

August 31, 2018

„Ups, he did it again!“ dürfte sich so mancher Zeitgenosse dieser Tage gedacht haben: Schließlich ist Thilo Sarrazin, Ex-Bundesbanker, Berliner Ex-Finanzsenator und noch immer SPD-Genosse, zurück auf dem Buchmarkt und legt nach acht Jahren in Punkto Islamkritik nach.

Wie damals ist er seinem Hang zur Provokation treu geblieben. Nach „Deutschland schafft sich ab“ raunt er nun von der „Feindliche[n] Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“.

Um es gleich klarzustellen: Wie schon 2010 so werde ich es mir auch dieses Mal ersparen, sein Buch käuflich zu erwerben und mich von daher auf die Meinungen Dritter verlassen. Ganz konkret beziehe ich mich auf den verbalen Rundumschlag aus der Feder von Sonja Zekri von der „Süddeutschen Zeitung“, die Sarrazin etliche handwerkliche Fehler – falsche Jahreszahlen, Namensschreibungen, vor allem aber pauschale Vermischung von (Kutur-)Muslimen und Islamisten – attestiert.
Das Ganze erinnert mich doch arg an „Deutschland schafft sich ab“, wo selbst Intellektuelle, die Sarrazins Islamkritik im Grunde genommen teilten, sich über seine Ausflüge in die Intelligenzforschung (Muslime seien quasi genetisch bedingt kognitiv zurückgeblieben) echauffierten. So schreibt Rafael Seligmann in dem lesenswerten Sammelband „Sarrazin. Eine deutsche Debatte“:

„Seine Provokationslust zieht Sarrazins Argumenten den Boden unter den Füßen weg. Er schildert korrekt Defizite der Immigration aus den islamischen Ländern. Er prangert die Weigerung von deren Vertretern an, die Integration in Deutschland zu unterstützen. Um diese unbestrittenen Fakten hervorzuheben, begibt sich Sarrazin jedoch ohne Not auf das Glatteis einer ungesicherten Intelligenzforschung und argumentiert in Teilen sozialdarwinistisch.“ (S. 112)

Leider werden gerade auch Menschen, denen das nötige Basiswissen zum Islam fehlt, ob seiner Prominenz auch dieses Mal wieder zu Sarrazins Buch greifen. Dabei existieren seriöse Alternativen, auf die man spielend leicht zurückgreifen könnte. Diese erfahren nur bei Weitem kein derartiges mediales Bohei wie das Machwerk des ehemaligen Bundesbankers. Ich denke hier insbesondere an den israelischstämmigen Psychologen Ahmad Mansour und sein vor einer Woche erschienenes Werk „Klartext zur Integration. Gegen falsche Toleranz und Panikmache“.
Zugegeben, ich habe es mir noch nicht besorgt, werde dies jedoch nachholen und zu gegebener Zeit meine Meinung dazu veröffentlichen! Gleiches gilt für den Soziologen Aladin El-Mafalaani und sein „Integrationsparadox. Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt.“

Weil ich also mit dem Lesen nicht nachkomme, bleibt mir vorerst an dieser Stelle nur der Hinweis auf ein Interview mit Ahmad Mansour, welches der Deutschlandfunk jüngst mit ihm geführt hat. Hier ein längerer Auszug daraus:

„Ich glaube, wir müssen erst mal verstehen, was Integration ist, weil ich sehr oft auch in Gesprächen mit Politikern den Eindruck bekomme, die Erwartungen an die Menschen, die zu uns kommen, lassen sich in einem Satz zusammenfassen: Integration bedeutet Arbeit plus Sprache minus Kriminalität. Nach dieser Definition war Mohammed Atta super integriert in Hamburg – der Attentäter vom 11. September.
Für mich ist Integration erst möglich, wenn ich als jemand, der dazugekommen bin, verstehe, dass das Grundgesetz dieses Landes ein persönlicher Gewinn für mich ist. Das heißt, Gleichberechtigung zu leben, die Meinungsfreiheit zu akzeptieren, die Religionsfreiheit und das bedeutet auch die Freiheit von Religion als einen Gewinn für die Gesellschaft und für mich selber zu verstehen, ist etwas absolut Wichtiges.
Und ich glaube, viele in dieser Gesellschaft haben nicht verstanden, dass man eine Integrationspolitik braucht, wo wir die Menschen gewinnen. Viele Menschen, die nach Deutschland gekommen sind, bringen Ängste mit. Sie bringen Traumata mit. Sie bringen andere Werte mit, andere Traditionen. Von denen zu erwarten, dass sie über Nacht anders werden, dass sie Grundgesetzpatrioten werden, ist nicht realistisch. Die Frage ist: Wie begleiten wir diese Menschen? Und vor allem, wer diese Menschen begleitet?
Und, wenn ich schaue, dass muslimische Verbände, die eigentlich verantwortlich sind für die Entstehung von Parallelgesellschaften in den letzten Jahrzehnten, dann halte ich das für einen Jahrhundertfehler, dass diese Menschen auf einmal die Aufgabe übernehmen, die Neuankommenden zu integrieren. Und das finde ich fatal. Und da machen die Kirchen mit – aus Angst natürlich auch, die Macht zu verlieren.“

Dass man gesellschaftskritischen Klartext reden kann, ohne dabei der Versuchung populistischer Vereinfachung auf den Leim zu gehen, führt Mansour hier exemplarisch vor: Es sind eben oft die – trotz ihrer prägnanten Rede – leiser daherkommenden Töne in der Integrationsdebatte, die es zu beachten lohnt.
Und so wünscht man sich, ein Sarrazin würde bei aller berechtigten Kritik an den zahlreichen Problemen, die ein reaktionäres Islamverständnis mit sich bringt, die Moschee im Dorf lassen. Religionskritik, ja Aufklärung an sich ist einfach zu kostbar, als dass mit ihr ungestraft reißerisches, von Halbwahrheiten gespicktes Schindluder getrieben werden könnte!

Armin und die Freiheitsfeinde: neue Runde im Islamismus-Appeasement-Karussell

Juli 24, 2018

Dass Politiker ihre Entscheidungen allzu häufig aus wahltaktischen Erwägungen, mitunter gar reichlich desinformiert oder aus einer Mischung aus beidem tätigen, dürfte ein offenes Geheimnis (nicht nur) innerhalb der politischen Landschaft der Bundesrepublik darstellen.

Karikatur-Ditib-Erdogan 

Gerade der Umgang mit den hierzulande lebenden Muslimen und ihen religiösen Organisationen scheint ein besonders beliebtes Betätigungsfeld für derlei faktenresistentes Appeasement abzugeben.
Und so verwundert es nicht, wenn der amtierende CDU-Ministerpräsident des bevölkerungsreichsten Bundeslands Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, sich zwar einerseits für ein Verbot des sogenannten „Kinder-Kopftuchs“ ausspricht, andererseits aber keine Probleme damit hat, offiziell in seiner Funktion als Landesvater die Eröffnung eines Moscheeneubaus des türkisch-islamischen DITIB-Verbands zu zelebrieren.

So geschehen im Mai dieses Jahres in der rheinischen Stadt Monheim.
Skandalös genug, dass per deutschem Vereinsrecht die Dominanz einer faschistoiden Auslands-Institution wie der türkischen Religionsbehörde Diyanet unter der Fuchtel des nationalislamistischen Freiheitsfeindes Recep Tayyip Erdogan (AKP)rechtlich kein Problem darstellt!

Nein, Laschet entblödet sich im Rahmen der Moschee-Eröffnung zudem auch noch zu der dümmlichen Aussage: „Hier spielt heute Politik keine Rolle, sondern hier geht es um Religionsausübung, um Weltoffenheit…“ (ab Min. 1:40 in obigem WDR-Video)

Welcherart „Weltoffenheit“ innerhalb der DITIB gefrönt wird, belegt neben zahlreichen Hinweisen auf Antisemitismus, Jihad- und Märtyrerverherrlichung von anderer Seite der Autor Sascha Adamek in seinem aufrüttelnden, wenngleich medial quasi völlig unbeachteten Werk „Scharia Kapitalismus. Den Kampf gegen die Freiheit finanzieren wir selbst“:

„Im Sommer 2016 nahm der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir die wachsende Macht der DITIB zum Anlss für eine umfassende Kritik. [So] bezeichnete er türkische Nationalisten als eine ‚Art türkische Pegida.‘

Der ‚lange Arm Erdogans‘ dürfe nicht nach Berlin, Stuttgart oder München ragen. Özdemir hält das im Bildungswesen für besonders gravierend: ‚Wenn wir unsere Schulen für muslimischen Religionsunterricht über DITIB öffnen, lassen wir zu, dass Erdogans Ideologie im Unterricht in unserem Land verbreitet wird‘, sagte Özdemir, ‚das finde ich unerträglich.'“ (S. 161f.)

Bleibt zu hoffen, dass wenigstens NRW-Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) mit seiner an die Adresse der DITIB gerichtetetn klaren Bedingung im Hinblick auf eine mögliche erneute Zusammenarbeit im Bereich des schulischen Islamunterrichts Ernst macht:

„Die Ditib muss sich entscheiden, ob sie eine politische Organisation sein möchte oder eine Religionsgemeinschaft. Wenn sie sich löst von Ankara und als Religionsgemeinschaft tätig ist, ist sie Partner.“

Von N-Wörtern und Zwangs-N-jungferten: die Schattenseiten der Political Correctness

Juni 29, 2018

Welche absurden Blüten die Political Correctness (PC), gerade auch im Hinblick auf Gender-Aspekte, mittlerweile bisweilen treibt, war ja bereits im Januar dieses Jahres Thema auf diesem Blog.

Von daher dürfte es die geneigte Leserin nicht weiter verwundern, davon zu erfahren, dass gerade viele Kulturschaffende anscheinend eine besondere PC-Affinität aufweisen dürften.
Das jedenfalls legt ein Blick auf das Berliner Theatertreffen 2017 nahe: In dem dort zur Aufführung anstehenden Stück von Claudia Bauer („89/90“) wurde seitens des Intendanten per Überrumpelungstaktik unmittelbar vor Beginn der Inszenierung durchgesetzt, dass der Neonazi-Darsteller seinem farbigen Kontrahenten das sog. N-Wort („Neger“) nicht ins Gesicht sagen durfte. Stattdessen musste besagtes „N-Wort“ durch ein gesprochenes „Beep“ ersetzt werden!

Man mag derlei Albernheiten getrost lächelnd beiseite schieben, hätte die Political Correctness nicht ab und an absolut traumatische Konsequenzen für ihre Opfer. Opfer, die es eigentlich gar nicht geben dürfte, ist die Grundhaltung der PC doch löblicherweise darauf ausgerichtet, Menschen für sprachliche Diskriminierungen zu sensibilisieren und damit die Zahl der Diskriminierten zu reduzieren – und „Neger“ stellt für Farbige (pardon: „Persons of Colour“) nun einmal seit geraumer Zeit eine heftige Beleidigung dar. Dass selbst der berühmte Martin Luther King in seiner legendären „I have a dream“-Rede von „Negroes“ spricht, sei einmal dahingestellt.

Aber zurück zu den Opfern der PC: Vor vier Jahren wurde in der englischen Kleinstadt Rotherham ein ungeheures Kartell des Schweigens aufgedeckt, ein Kartell aus Polizei, Stadt und weiteren Behörden, welches den massenhaften sexuellen Missbrauch junger Mädchen über viele Jahre unter den Teppich kehren konnte. Der Grund für die langjährige eiserne Verschwiegenheit: Man wollte sich nicht dem Rassismusvorwurf aussetzen, schließlich waren die Täter mehrheitlich Pakistanis! Auch die überregionale deutsche Medienlandschaft berichtete damals recht ausführlich über den Fall Rotherham, gut anderthalb Jahre, bevor auch Deutschland in Form der zunächst zögerlich-relativierenden Berichterstattung über die Kölner Silvesternacht 2015/16 im Fokus der Schattenseiten der PC-Bewegung stehen sollte.

Die Ereignisse in beiden Städten werden auch von Daniel Ullrich (Forscher für Medieninformatik) und Sarah Diefenbach (Wirtschaftspsychologin, beide an der LMU München) in ihrem erfrischend aufklärerischen Werk „Es war doch gut gemeint. Wie Political Correctness unsere freiheitliche Gesellschaft zerstört“ aus dem Jahr 2017 thematisiert.
Darin behandeln beide Wissenschaftler u.a. Strategien der Verweigerung eines rationalen Diskurses, die sog. Dirty Discussion Tactics: diskursive Vorgehensweisen z.B. im Umgang mit zum Outlaw erklärten politischen Gegnern wie der AfD – mit denen die Autoren allerdings nicht sympathisieren:

„Ablenken oder Derailing. Vom konkreten Thema ablenken und auf ein anderes überleiten für das man bessere Argumente hat (z.B. ‚Die meisten sexuellen Übergriffe passieren noch im privaten Umfeld!‘).

Whataboutism. Argumente mit dem Verweis auf andere schlimme Taten wegwischen (z.B. ‚Das Christentum hat auch unermessliches leid verursacht!‘).

Strohmann-Argument. Gegen eine Position argumentieren (den Strohmann), die niemand eingenommen hat (z.B. auf die Aussage ‚ Mit den Flüchtlingen im Land steigt auch die Gewalt‘ erwidern ‚Sie können nicht sagen, dass alle Moslems Terroristen sind!‘).

Nebelkerze oder Roter Hering. Taktik, um Zusammenhänge zu verschleiern und den Gegner auf eine falsche Fährte zu locken (z.B. ‚Die meisten Straftaten werden von Deutschen begangen!‘).
Ad-hominem-Argument. Nicht gegen den Inhalt, sondern gegen die Person argumentieren (z.B. ‚Frau XY stammt aus dem Umfeld von Björn Höcke, ihr kann man nicht vertrauen!‘).

[…] Keulen. Besonders diffamierende Äußerungen, die den Gegner in eine negativ assoziierte Schublade sortieren, um ihn mundtot zu machen. Besonders häufige Keulen sind die Nazi-Keule, die Rassismus-Keule, die Sexismus-Keule, die Homophobie-Keule, die Antisemitismus-Keule und die Populismus-Keule. Die Keulen müssen inhaltlich nicht zwangsläufig etwas mit dem Vorwurf zu tun haben (z.B. ‚Nach einem islamistischen Terroranschlag den Islam kritisieren zu wollen, ist Rassismus pur!‘).

Falsche Alternativen. Zwei Alternativen anbieten, von denen eine offenbar nicht erwünscht ist und damit die andere nahelegt, obwohl es eigentlich noch unzählige andere Alternativen gäbe (z.B. ‚Wir müssen die Inzucht Europas verhindern, sonst wird Europa untergehen. Deshalb brauchen wir Migranten aus Afrika.‘).“

Daniel Ullrich / Sarah Diefenbach: Es war doch gut gemeint. Wie Political Correctness unsere freiheitliche Gesellschaft zerstört. München 2017, S. 200.

Eine erste Gelegenheit, auch diese hochproblematischen Punkte der PC anzusprechen, bietet übrigens für Studienräte wie mich das überarbeitet Deutsch-Curriculum für die Gymnasiale Oberstufe (Jahrgang 12 – Halbjahr Q 2), wo das Thema „Sprache und Öffentlichkeit“ behandelt werden kann – mit ausdrücklicher Konkretisierung auf die Political Correctness. Eine Chance, die ich meinem aktuellen Deutsch-Grundkurs nicht vorenthalten habe.

Die „Angst für Deutschland“ (AfD) und das deutsche „Pathos des Absoluten“ (Adorno)

Mai 28, 2018

„Ganz Berlin hasst die AfD!“ schallt es aus tausenden Kehlen überwiegend junger, linksalternativ gekleideter Politaktivisten. „Ganz Berlin hasst die Antifa!“ erwidern ihre zahlenmäßig deutlich unterlegenen, reichlich deutschlandbeflaggten politischen Gegner.

So geschehen am Sonntag, den 27. Mai im Berliner Regierungsviertel und drumherum: Die sogenannte „Alternative für Deutschland“ (AfD) hatte unter dem Motto „Zukunft Deutschland“ zur „Großdemo“ gerufen; gekommen war gerade einmal 5000 Aufrechte, die sich dem Spießrutenlauf „linksalternativer“ Gegendemonstranten aussetzen mochten. Ein Szenario, das nun schon seit Jahren in regelmäßigen Abständen zu beobachten ist und jeden an einer halbwegs rational verlaufenden politischen Debattenkultur Interessierten nur noch an ein Stück aus dem Tollhaus gedenken lässt!

Zeit also, sich ein wenig zurückzunehmen und sich der kühlen Analyse zu widmen. Z.B. in Form eines 450-Seiten-Wälzers des syrischstämmigen Politik-Profs Bassam Tibi. Er trägt den Titel „Islamische Zuwanderung und ihre Folgen. Wer sind die neuen Deutschen?“ (bzw. in der neuesten Auflage „Der neue Antisemitismus, Sicherheit und die ’neuen Deutschen'“) und breitet – leider zum Teil recht redundant – jede Menge Argumente dafür aus, den Hunderttausenden Menschen, die im Zuge der „Flüchtlingskrise“ der Jahre 2015ff. nach Deutschland geströmt sind, nun ja, mit der gebotenen Vorsicht zu begegnen.

Tibi tut das, was jedem nur rudimentär mit dem Islam Befassten schon lange klar sein muss: Er warnt davor, allzu blauäugig den zahlreichen Syrern, Afghanen, Irakern etc. entgegenzutreten und ein naives „Refugees welcome!“ auch dann noch undifferenziert aufrechtzuerhalten, wenn nicht wenige der Betreffenden sich als einschlägige Antisemiten, Homophobe, Frauenverächter, kurzum als religiös indoktrinierte Chauvinisten erwiesen haben.
An Belegen mangelt es wahrlich nicht bei Tibi; als „Premium-Beispiel“ berichtet er von einem ZEIT-Artikel Giovanni di Lorenzos, in welchem dieser das niederschmetternde Ergebnis einer Umfrage unter syrischen Flüchtlingen in Deutschland zugibt: Ca. 50 % der Befragten hatten sich als Hitler-Bewunderer geoutet, was in der ZEIT-Redaktion eine hitzige Debatte über Sinn und Unsinn einer Veröffentlichung ausgelöst habe – schließlich sei man zur Erkenntnis gelangt, die unangenehmen Fakten zu publizieren (Tibi S. 83).
Siehe auch die Ausführungen eines Hamed Abdel-Samad zur seiner Ansicht nach krachend gescheiterten Integration muslimischer Migranten hierzulande!

Doch das ficht die Anhänger_Innen der reinen „Lehre vom heiligen Flüchtling“ offenbar nicht an, betreiben sie doch ebenso wie viele Jetzt-erst-recht-AfDler ihr infantiles „Hau-den-Gegner“ (in die Pfanne, je vulgärer, desto besser versteht sich) mit ihren albernen Parolen à la „Wir sind das Volk!“, pauschaler Flüchtlingshetze (AfD) oder „Liebe statt Hass“, „Bunt statt braun“ (Gegendemonstranten).
Sehr treffend schreibt Jasper von Altenbockum in der FAZ vom „Verbohrte[n] Kulturkampf“, wenn den etablierten Parteien auch fünf Jahre nach Gründung der AfD noch immer nichts Besseres einfalle, als deren Anhänger in Bausch und Bogen als Nazis und Rassisten zu brandmarken.
Selbstverständlich sind Forderungen eines Bernd Höcke nach einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“ oder eines Alexander Gauland nach einer positiven Rezeption der „Leistungen unserer Soldaten in zwei Weltkriegen“ erschütternd, widerlich, nicht hinnehmbar – völlig klar!
Aber statt sich einzugestehen, dass die AfD trotz dumpfem Nationalismus und häufig schrillem, bisweilen völlig überzogenem Islamhass im Kern den Finger genau darauf legt, wo er hingehört, nämlich auf die „Wunde“ des haarsträubend-naiven bis fahrlässigen Umgangs weiter Teile des politischen Establishments mit dem ultrakonservativen Verbandsislam, meint man, die Dosis Volksverdummung einfach erhöhen zu können und sich noch vehementer als antirassistischer Gutmensch gegen die „Inkarnation des Bösen“, ergo die AfD, stellen zu müssen.

Vielleicht wäre es nicht verkehrt, von linksalternativer Seite mal wieder auf einen der Vordenker der eigenen politbewegten Eltern – Theodor W. Adorno – zu hören. Tibi schreibt in Bezug auf ihn:

Eine bis heute anhaltende deutsche Krankheit ist das von Adorno diagnostizierte Pathos des Absoluten, sowohl im Schlechten als auch im Guten. Adorno will nicht ‚Hitler als Schicksal dem deutschen Nationalcharakter‘ zuschreiben, betont aber dennoch, dass es nicht zufällig war, dass Hitler in Deutschland hinaufgelangte:
‚Allein schon ohne den deutschen Ernst, der vom Pathos des Absoluten herrührt […], hätte Hitler nicht gedeihen können. […] Der heilige Ernst kann übergehen in den tierischen, der mit Hybris sich buchstäblich als Absolutes aufwirft und gegen alles wütet, was seinem Anspruch nicht sich fügt.‘ Das von Adorno beanstandete
Pathos des Absoluten lebt in Deutschland auch nach Hitler fort, auch bis heute noch, sowohl links als auch rechts; ich sehe diesen Ungeist auch gerade im Willkommensmantra der linken und grünen ‚Selbstgefälligen‘ (Heinrich August Winkler) als Gesinnung deutscher, global besorgter Gutmenschen, die heute mit Hybris einen moralischen Imperialismus in Europa betreiben.“ (Tibi S. 81)

Ansonsten verbleibt mir nur, mich den Hinweisen einer der profundesten AfD-Kennerinnen, der SPIEGEL-Journalistin Melanie Amann, anzuschließen: Diese fordert in ihrem Standardwerk „Angst für Deutschland“ neben mehr „Gelassenheit“ im Umgang (S. 279) die rationale, aber auch auf eigene Authentizität abzielende Auseinandersetzung mit dieser Partei. Keinesfalls empfehle es sich, à la CSU die AfD rechts überholen zu wollen und deren teils reaktionären Heimat- und Traditionsfetischismus nachzuahmen. Wenn „Kreuzritter“ Markus Söder nur auf sie hören würde…

Manfred Lütz: Weißer Riese des Christentums oder kirchengeschichtlicher Weichspüler?

April 30, 2018

Zugegeben, eigentlich widerstrebt es mir, über ein Buch zu schreiben, das ich nicht einmal in repräsentativen Auszügen gelesen habe. Doch die geneigte Leserin gestatte mir an dieser Stelle eine einmalige Ausnahme.

Und diese Ausnahme hört auf den Namen Manfred Lütz. Über den umtriebigen katholischen Psychiater, Psychotherapeut, Buchautor, Diplom-Theologe und Vatikanberater bin ich vor ca. acht Jahren das erste Mal gestolpert, genauer gesagt über sein damals aktuelles „Gott. Eine kleine Geschichte des Größten“.
Bereits damals musste ich bei der Lektüre ein ums andere Mal den Kopf schütteln ob der gleichermaßen frivolen wie argumentativ-grobschlächtigen Schreibweise des gläubigen Seelenkundlers. Erlaubt sich Lütz dort doch eine Vielzahl manipulativer Kunstgriffe (u.a. die Gleichsetzung des Atheismus mit dem Nihilismus), die allerdings von belesenen Religonskritikern relativ einfach zu durchschauen sind. Wer sich mit dieser apologetischen Schrift näher kritisch befassen möchte, sei auf diesen hpd-Beitrag verwiesen.
Der Autor ist mir also beileibe kein gänzlich Unbekannter, zumal mir auch vor Jahren ein kurzer Ausschnitt aus seinem Buch „Irre! Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen“ über den Weg gelaufen ist und ich seine dortige scharfe Polemik gegen den Oberschwachmaten vom Dienst, Dieter Bohlen, mit großem Genuss aufgenommen habe!

Umso hellhöriger wurde ich also vor zwei Monaten, als ich die Ankündigung des unter dem reißerischen Titel „Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums“ verfassten aktuellen Werks des Dr. Lütz zu lesen bekam. Instinktiv schien mir klar: Da betreibt (mal wieder) einer sicher ganz gehörige Geschichtsklitterung!
Nun, durch das, was ich seither an Rezensionen zum neuen „Lütz“ im Netz auftreiben konnte, wurde mein Unbehagen nur bestätigt. Von daher erlaube ich mir, aus der zuerst verlinkten, akribisch ausführlichen Besprechung von Christian Modehn eine längere Textpassage zu zitieren:

„Lütz will zeigen, wie in Öffentlichkeit schon seit längerer Zeit, also durch die Medien, d.h. durch die Journalisten, die globale, aber in seiner (Lütz) Sicht irrige These verbreitet wird: Die Geschichte des Christentums, vor allem der katholischen Kirche, sei hoch belastet, unangenehm kriegerisch, also unmenschlich. Kurz: Die Geschichte des Christentums sei eben ein Skandal. Gegen diesen Skandal will der Autor argumentieren, indem er die Argumente der von diesem Skandal Sprechenden selbst schon einen Skandal nennt. […]
Dass in der Geschichte des Christentums und der Kirchen, vor allem der katholischen Kirche, trotz einiger Lichtblicke und einiger Vorbilder und Heiliger weithin – in heutiger Sicht – skandalöse Verhältnisse und, vernünftig betrachtet, eben auch skandalöse Denkformen und Inhalte verfestigt wurden, ist ja bekanntlich ein Urteil, zu dem reflektierte Theologen, Religionswissenschaftler und Historiker ziemlich einmütig kommen. Dies ist der wissenschaftliche Gesamteindruck heutiger Wissenschaftler, die natürlich wissen: Das von ihnen in der Gegenwart frei gelegte Elend dieser Kirche(n) (der Skandal), wurde auch schon damals von vielen Beteiligten, den Verfolgten und Leidenden wegen dogmatischer Abweichungen, als solches erlebt. Der Skandal wurde als Skandal als solcher also damals schon von den Leidtragenden erlebt. […]
Lütz will also diese dunklen Seiten bzw. unangenehmen Strukturen der Kirche etwas reinwaschen. Dabei übersieht er die Liste der international geschätzten Wissenschaftler, die den Skandal dieser Kirche ohne apologetische Angst freilegten, etwa Prof. Jean Delumeau, übrigens ein überzeugter Katholik in Frankreich, lange Jahre Professor am Collège de France, Paris: Es steht im Zentrum seiner ausführlichen Studien die giftige Angst der Kirchenführung, diese machte die katholische Kirche zu einer ‚belagerten Festung‘. Dies ist heute allgemeine wissenschaftliche (!) Überzeugung, daran sollte man eigentlich um der Erkenntnis willen nicht „wackeln“. […]
Schon auf Seite 13 verschlägt es einem Theologen die Sprache: Da wird behauptet, Jesus aus Nazareth, hätte ’seiner Kirche‘ keine ungebrochene Heiligengeschichte ‚vorausgesagt‘ (sic). Hat Jesus von Nazareth nicht – laut NT – ganz was anderes vorausgesagt, nämlich das baldige Ende der Welt und seine, Jesu, Wiederkunft? Es ist naiv, gelinde gesagt, zu meinen: Dieser Jesus von Nazareth hätte diese römische Kirche förmlich schon vor Augen gesehen und als Papst-Kirche gegründet. […]“

Und Dr. Josef Breinbauer rückt im Humanistischen Pressedienst u.a. die von Lütz behauptete progressive Leistung des Christentums in Sachen Frauenemanzipation zurecht:

„Beim Thema ‚Frau‘ ist der Autor [Lütz] voll des Lobes für die emanzipatorischen Leistungen der kath. Kirche. Zunächst heißt es auf S. 29 ganz allgemein: ‚Noch ein anderer Keim ist im Monotheismus angelegt. In den kosmologischen Religionen der Vorzeit entspricht der Mann gewöhnlich der Sonne und die Frau dem Mond, womit Letztere immer nur ein Abglanz ist und nie Gleichberechtigung erhält.‘ […] Logischerweise übergeht Lütz bei seiner Zitation von Paulusstellen jene in 1Kor 11,7, wonach der Mann Abglanz Gottes ist, die Frau aber nur Abglanz des Mannes.“

Dementsprechend bleibt nur, sich dem Urteil Breinbauers anzuschließen und Lütz‘ peinliches apologetisches Machwerk als Versuch einer „weichgespülten Kirchengeschichte“ möglichst viel religionskritischen Gegenwind zu wünschen. Als „Weißer Riese des Christentums“ taugt es mitnichten!