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Was ist christlicher Fundamentalismus?

Dezember 21, 2012

In der Broschüre „Evangelikale Bewegungen“ (2009) der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) äußert sich deren Vorsitzender Dr. Reinhard Hempelmann zur seiner Ansicht nach wichtigen Differenzierung zwischen Evangelikalismus und christlichem Fundamentalismus:
„Fundamentalismus ist ein Bewertungsbegriff, der auf die Fehlentwicklungen protestantischer Erweckungsfrömmigkeit hinweist. Er ist eine Strömung innerhalb des Evangelikalismus, seine Gefährdung. Zwar gibt es Überschneidungen zwischen Fundamentalismus und Evangelikalismus. Eine Gleichsetzung ist jedoch weder historisch noch phänomenologisch gerechtfertigt.
In historischer Perspektive war die fundamentalistische Bewegung nicht Fortsetzung des Evangelikalismus, sondern ein neues, modernes Phänomen, das ‚aus einer Verengung des evangelikalen Erbes des 18. Jahrhunderts hervorgegangen ist.’1
Auch die Gründung (1942) der ‚National Association of Evangelicals‘ (NAE) ist nicht als Weiterführung des Fundamentalismus unter anderem Namen zu verstehen. Insofern lässt sich eine Identifikation von Evangelikalismus und Fundamentalismus auch im Blick auf die USA nicht rechtfertigen. Während fundamentalistische Bewegungen die Frage nach christlicher Identität hauptsächlich und primär durch Abgrenzung beantworten, will der Evangelikalismus stärker positiv arbeiten und nicht nur negativ auf die moderne Gesellschaft und die kirchliche Situation reagieren.“
(S. 40)

Hempelmann belegt seine These von der vermeintlich ungerechtfertigten Gleichsetzung zwischen Evangelikalismus und Fundamentalismus mit der öffentlichen Kontroverse um das Christival 2008 in Bremen sowie diversen Dokumentationsfilmen wie „Jesus‘ junge Garde“ (2005) oder „Jesus Camp“ (2006). Dabei sei das Markenzeichen der Evangelikalen in der Sichtweise der kritischen Filmemacher ihr Kampf „gegen Homosexualität, Feminismus und Abtreibung, gegen die Evolutionslehre an öffentlichen Schulen, gegen die historisch-kritische Bibelforschung“ sowie die Anwendung „exorzistischer Praktiken gegen Dämonen und den Teufel“ (S. 39).

Schaut man sich Hempelmanns Betätigungsfeld außerhalb der EZW an, stößt man u.a. auf seine Funktion als Dozent des CVJM-Missio-Centers Berlin. Der CVJM-Gesamtverband Deutschland e.V. wiederum wird geleitet von Dr. Roland Werner. Dieser tritt u.a. immer wieder bei evangelikalen Missionierungsshows der Initiative ProChrist auf. In einem Grundsatzartikel schreibt er unter der Überschrift: Was ist eigentlich evangelikal? Folgendes:
„Evangelikale Christen sehen sich gerufen, für den ‚Glauben zu kämpfen, der ein für alle Mal den Heiligen gegeben ist‘ (Judasbrief 3).“ „Evangelikale Christen stehen gegen Unfreiheit, Ungerechtigkeit, Gewalt, Hunger, Krieg, Korruption auf, verkündigen die Herrschaft Jesu Christi und arbeiten in der Kraft des Heiligen Geistes an der Erneuerung der Welt als ein Zeugnis für das kommende Reich Gottes.“ 2

Nun, was ist das für ein Glaube, für den zu „kämpfen“ Roland Werner und damit auch indirekt Reinhard Hempelmann eintritt: Dazu finden Sie, werte Leserin und werter Leser, jede Menge Bibelstellen auf meiner überblicksartigen Zusammenstellung Zur Fragwürdigkeit des christlichen Glaubens. An dieser Stelle sei der Kürze halber nur ein weiteres Bibelwort erwähnt:
„Wenn jemand den Herrn nicht lieb hat, der sei verflucht.“ (1. Kor 16,22)
Des Weiteren verweise ich auf die phänomenale Website
http://www.bibelkritik.ch buch2 und die von mir verlinkten christentumskritischen Bücher, damit Sie sich selbst ein Bild machen können, welch Ungeist der Unfreiheit und Ungerechtigkeit zum Kernbestand christlichen Glaubens gehört, gegen den evangelikale Prediger wie Werner sich einzusetzen vorgeben – natürlich nur in einem völlig anderen Kontext, nämlich demjenigen der politischen Verfolgung von bekennenden (und damit zumindest implizit intoleranten) Christen.

Sie sehen: Geht man den Dingen auf den Grund, so hat Herr Hempelmann vordergründig Recht mit seiner These, Evangelikale würden sich durch „stärker positiv[es] [A]rbeiten“ als ihre fundamentalistischen Pendants auszeichnen. Fühlt man dem Kerngehalt der christlichen Botschaft jedoch ein wenig mehr auf den Zahn, gerät man aus dem Staunen ob einer derartigen Intoleranz – bisweilen verquickt mit humanistischen Einsprengseln à la „Liebet eure Feinde“ – und Verdummung nicht so leicht heraus.
Und das ist es, was solche Scheindifferenzierungen, wie Hempelmann sie betreibt, so gefährlich macht: Sie verschleiern, dass nicht die Radikalität bestimmter christlicher Gruppen das Problem darstellt, sondern die biblische Botschaft an sich! Denn hier ergibt sich für eine Vielzahl an Bibelzitaten eine Intoleranzaffinität, die sich nur selten überzeugend durch weite Auslegung oder situationsspezifische Kontextuierung entschärfen lässt.

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1 Erich Geldbach: Protestantischer Fundamentalismus in den USA und Deutschland. Münster u.a. 2001, S. 89.
2 http://www.ojc.de/salzkorn/evangelikale-wer-was-christen-sk1-2006.html

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