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„Hoffnung Mensch“ – aber nicht mit schulischer Bibelverdummung!

April 30, 2014

Den zweiten Osterfeiertag verbrachte ich in diesem Jahr bei meinem Bruder, meiner Schwägerin und meinem Neffen (11) in NRW. Stolz präsentierten mir die drei den DVD-Mitschnitt der Aufführung eines Kindermusicals „Noah und die coole Arche“ , an der der Junge im Rahmen einer Schulprojektwoche mitgewirkt hatte. Eines von zahlreichen, die landauf, landab von einer Vielzahl engagierter Primarstufenpädagoginnen und -pädagogen mit ihren Zöglingen geprobt und aufgeführt werden. Nur leider betreiben die meisten Lehrkräfte damit der Ausbildung des Nachwuchses zu kritischen, selber denkenden Geistern einen Bärendienst, wie ich fürchte.

Dieser Eindruck drängte sich mir jedenfalls nach dem Anschauen besagten Mitschnittes auf: Die Kinder beweihräucherten Noah immer wieder als „coolen Typen“, und wenn auch nur eines von ihnen so clever sein sollte und die implizite Logik dieses Mythos begreifen und auf heutige Naturkatastrophen übertragen sollte, wird mir schlecht:
Schließlich besagt diese nichts anderes, als dass ein Mangel an menschlichem Moralverhalten, sprich: der permanente Verstoß gegen vermeintlich göttliche Gebote, die Ursache für verheerende Fluten, wenn nicht auch Erdbeben oder Vulkanausbrüche ausmacht! Denn laut 1. Mose 6, 5 sah „der Herr […], daß die Menschen auf der Erde völlig verdorben waren“ (Gute-Nachricht-Bibel, Stuttgart 1998).

Dass dies im Grunde das Armutszeugnis für einen angeblich „allwissenden“ Gott abgibt, der offenbar zu beschränkt ist, diese Entwicklung von Anfang an zu bedenken, sei´s drum!
Doch es geht noch weiter: In 1. Mose 9, 11 gibt Gott sogar folgende Zusage: „Ich will das Leben nicht ein zweites Mal vernichten. Die Flut soll nicht noch einmal über die ganze Erde hereinbrechen.“
Liebe Grundschulpädagogen: Dann erklärt doch bitte euren anvertrauten ABC-Schützen, wie „Gott“ solche Naturereignisse wie den Tsunami im Indischen Ozean Weihnachten 2004 zulassen konnte!
Ein weiterer Grund, endlich endlich darauf zu dringen, die Evolutionslehre kindgerecht in die Grundschulen zu bringen – nicht in indoktrinärer Absicht, versteht sich, aber dass dies überhaupt geschieht, dazu wird es allerhöchste Zeit!

Zum Glück hielt Ostern nicht nur derartige Auswüchse menschlicher Denkfaulheit für mich bereit: Mittlerweile habe ich Schmidt-Salomons „Hoffnung Mensch. Eine bessere Welt ist möglich“ (ich berichtete bereits Ende März) durchgelesen und muss sagen, dem Mann ist ein verdammt großer Wurf gelungen! Allein wie konsequent er in evolutionären Dimensionen denkt (sowohl räumlich – bezogen auf die Ausdehnung des Universums – als auch zeitlich – bezogen auf den Wimpernschlag innerhalb der Erdgeschichte, seit der die Gattung Mensch diesen Planeten betreten hat) und die religiöse Seelenlehre aus den Angeln hebt, ist ein intellektuelles Glanzstück, daher präsentiere ich sie euch, werte Leserinnen und Leser, an dieser Stelle (OK, die ursprüngliche Idee zu diesem Gedankenexperiment stammt, das gibt der Autor auch zu, von Richard Dawkins):
schaedeleinspa-DW-Wissenschaft-Hamburg
„Stellen Sie sich vor, Sie reichen Ihrer Mutter die linke Hand, die wiederum ihrer eigenen Mutter die linke Hand gibt, die das Gleiche bei ihrer Mutter macht und so weiter und so fort. […] Gehen wir nun davon aus, dass jedes Individuum in dieser Kette genau einen Meter Platz für sich beansprucht und der durchschnittliche Abstand zwischen den Generationen 20 Jahre beträgt: Wie lange müssten Sie wohl die Reihe Ihrer Ur-Ur…-Großmütter entlanggehen, um auf jene bemerkenswerte Dame zu stoßen (nennen wir sie ‚Oma Chimpman‘), die zugleich auch die Ur-Ur…-Großmutter der heutigen Schimpansen ist? Die Antwort ist verblüffend: Es sind bloß rund 300 Kilometer – etwa die Entfernung von München nach Würzburg oder von Hamburg nach Berlin. […]
Irgendwer oder irgendwas soll irgendwann (man weiß nicht wie, man weiß nicht, warum) eine ‚unsterbliche Seele‘, einen ‚autonomen Geist‘, einen ‚freien Willen‘ in eine dieser affenartigen Lebensformen eingehaucht haben. […] [S]osehr Sie sich auch bemühen, Sie werden in Ihrer Abstammungsreihe keine plötzlichen Veränderungen finden, keinen Moment, in dem aus einem unbeseelten Wesen ein beseeltes würde. […] Kurzum: Sie werden auf Ihrem langen Marsch entlang Ihrer Abstammungslinie exakt das feststellen, was Evolutionsbiologen seit Langem darlegen, nämlich:
dass die Natur keine Sprünge macht. (Diese Erfahrung würden Sie selbstverständlich auch machen, wenn Sie die Kette Ihrer Ahnen noch ein gutes Stück weiter gehen würden, um schließlich auch noch auf Mama Reptil, Großmama Lurch und Urgroßmutter Fisch zu treffen, aber wir wollen das Gedankenspiel hier nicht überstrapazieren.)“

M. Schmidt-Salomon: Hoffnung Mensch. Eine bessere Welt ist möglich (S. 56f.)

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