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Banker, bleib bei deinem Leisten! Warum Sarrazins zweiter Anlauf in Sachen Islamkritik die Moschee nicht im Dorf lassen kann

August 31, 2018

„Ups, he did it again!“ dürfte sich so mancher Zeitgenosse dieser Tage gedacht haben: Schließlich ist Thilo Sarrazin, Ex-Bundesbanker, Berliner Ex-Finanzsenator und noch immer SPD-Genosse, zurück auf dem Buchmarkt und legt nach acht Jahren in Punkto Islamkritik nach.

Wie damals ist er seinem Hang zur Provokation treu geblieben. Nach „Deutschland schafft sich ab“ raunt er nun von der „Feindliche[n] Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“.

Um es gleich klarzustellen: Wie schon 2010 so werde ich es mir auch dieses Mal ersparen, sein Buch käuflich zu erwerben und mich von daher auf die Meinungen Dritter verlassen. Ganz konkret beziehe ich mich auf den verbalen Rundumschlag aus der Feder von Sonja Zekri von der „Süddeutschen Zeitung“, die Sarrazin etliche handwerkliche Fehler – falsche Jahreszahlen, Namensschreibungen, vor allem aber pauschale Vermischung von (Kutur-)Muslimen und Islamisten – attestiert.
Das Ganze erinnert mich doch arg an „Deutschland schafft sich ab“, wo selbst Intellektuelle, die Sarrazins Islamkritik im Grunde genommen teilten, sich über seine Ausflüge in die Intelligenzforschung (Muslime seien quasi genetisch bedingt kognitiv zurückgeblieben) echauffierten. So schreibt Rafael Seligmann in dem lesenswerten Sammelband „Sarrazin. Eine deutsche Debatte“:

„Seine Provokationslust zieht Sarrazins Argumenten den Boden unter den Füßen weg. Er schildert korrekt Defizite der Immigration aus den islamischen Ländern. Er prangert die Weigerung von deren Vertretern an, die Integration in Deutschland zu unterstützen. Um diese unbestrittenen Fakten hervorzuheben, begibt sich Sarrazin jedoch ohne Not auf das Glatteis einer ungesicherten Intelligenzforschung und argumentiert in Teilen sozialdarwinistisch.“ (S. 112)

Leider werden gerade auch Menschen, denen das nötige Basiswissen zum Islam fehlt, ob seiner Prominenz auch dieses Mal wieder zu Sarrazins Buch greifen. Dabei existieren seriöse Alternativen, auf die man spielend leicht zurückgreifen könnte. Diese erfahren nur bei Weitem kein derartiges mediales Bohei wie das Machwerk des ehemaligen Bundesbankers. Ich denke hier insbesondere an den israelischstämmigen Psychologen Ahmad Mansour und sein vor einer Woche erschienenes Werk „Klartext zur Integration. Gegen falsche Toleranz und Panikmache“.
Zugegeben, ich habe es mir noch nicht besorgt, werde dies jedoch nachholen und zu gegebener Zeit meine Meinung dazu veröffentlichen! Gleiches gilt für den Soziologen Aladin El-Mafalaani und sein „Integrationsparadox. Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt.“

Weil ich also mit dem Lesen nicht nachkomme, bleibt mir vorerst an dieser Stelle nur der Hinweis auf ein Interview mit Ahmad Mansour, welches der Deutschlandfunk jüngst mit ihm geführt hat. Hier ein längerer Auszug daraus:

„Ich glaube, wir müssen erst mal verstehen, was Integration ist, weil ich sehr oft auch in Gesprächen mit Politikern den Eindruck bekomme, die Erwartungen an die Menschen, die zu uns kommen, lassen sich in einem Satz zusammenfassen: Integration bedeutet Arbeit plus Sprache minus Kriminalität. Nach dieser Definition war Mohammed Atta super integriert in Hamburg – der Attentäter vom 11. September.
Für mich ist Integration erst möglich, wenn ich als jemand, der dazugekommen bin, verstehe, dass das Grundgesetz dieses Landes ein persönlicher Gewinn für mich ist. Das heißt, Gleichberechtigung zu leben, die Meinungsfreiheit zu akzeptieren, die Religionsfreiheit und das bedeutet auch die Freiheit von Religion als einen Gewinn für die Gesellschaft und für mich selber zu verstehen, ist etwas absolut Wichtiges.
Und ich glaube, viele in dieser Gesellschaft haben nicht verstanden, dass man eine Integrationspolitik braucht, wo wir die Menschen gewinnen. Viele Menschen, die nach Deutschland gekommen sind, bringen Ängste mit. Sie bringen Traumata mit. Sie bringen andere Werte mit, andere Traditionen. Von denen zu erwarten, dass sie über Nacht anders werden, dass sie Grundgesetzpatrioten werden, ist nicht realistisch. Die Frage ist: Wie begleiten wir diese Menschen? Und vor allem, wer diese Menschen begleitet?
Und, wenn ich schaue, dass muslimische Verbände, die eigentlich verantwortlich sind für die Entstehung von Parallelgesellschaften in den letzten Jahrzehnten, dann halte ich das für einen Jahrhundertfehler, dass diese Menschen auf einmal die Aufgabe übernehmen, die Neuankommenden zu integrieren. Und das finde ich fatal. Und da machen die Kirchen mit – aus Angst natürlich auch, die Macht zu verlieren.“

Dass man gesellschaftskritischen Klartext reden kann, ohne dabei der Versuchung populistischer Vereinfachung auf den Leim zu gehen, führt Mansour hier exemplarisch vor: Es sind eben oft die – trotz ihrer prägnanten Rede – leiser daherkommenden Töne in der Integrationsdebatte, die es zu beachten lohnt.
Und so wünscht man sich, ein Sarrazin würde bei aller berechtigten Kritik an den zahlreichen Problemen, die ein reaktionäres Islamverständnis mit sich bringt, die Moschee im Dorf lassen. Religionskritik, ja Aufklärung an sich ist einfach zu kostbar, als dass mit ihr ungestraft reißerisches, von Halbwahrheiten gespicktes Schindluder getrieben werden könnte!

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