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„Ich entsage dem eigenständigen Denken…“ – evolutionsbiologisches Sparprogramm und der Glaube an den „Leibhaftigen“

April 29, 2016

Frühlingszeit ist Konfirmationszeit – nicht nur in neuapostolischen Landen. Junge Christen übernehmen Eigenverantwortung für ihren zukünftigen Glaubensweg und bestätigen (lat. confirmare) den göttlichen Bund der Taufe – so jedenfalls die Theorie.
konfis
Die Besonderheit einer neuapostolischen Konfirmation besteht nun darin, dass die Konfirmanden ein an die altkirchliche Traditio Apostolica, einer Kirchenordnung aus dem frühen 3. Jhd., angelehntes Gelübde sprechen. Im Wortlaut heißt es dort: „Ich entsage dem Teufel und all seinem Werk und Wesen und übergebe mich dir, oh dreieiniger Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, im Glauben, Gehorsam und ernstlichem Vorsatz: Dir treu zu sein bis an mein Ende. Amen.“
Einmal abgesehen von der Tatsache, dass in klassisch-neuapostolischer Sektenmanier viele aktive NAK-Anhänger sicher auch heute noch das Wort „Gott“ innerhalb des Gelübdes automatisch mit „Neuapostolische Kirche“ gleichsetzen und zu den ach so teuflischen Werken wohl in erster Linie die „Verführung“ zum regelmäßigen Versäumen neuapostolischer Gottesdienste zählen.
Und dieser himmelschreiende Ausdruck tief verankerter religiöser Indoktrination soll hier im Folgenden etwas näher beleuchtet werden: Wie kann es angehen, dass Menschen einer ihrem Wesen nach säkularen und hochtechnisierten Gesellschaft im 21. Jhd. noch immer allen Ernstes an die Existenz und Wirkmächtigkeit des „Leibhaftigen“ glauben?
(Die entsprechende Passage „Das Böse als Person“ (Abschnitt 4.1.2 des NAK-Katechismus von 2012) kann hier eingesehen werden.)

Dieses und weitere damit zusammenhängende Phänomene beschäftigt auch zahlreiche Denker inner- wie außerhalb religiöser Gemeinschaften. Und so wurde ich bei einem meiner letzten Besuche in der hiesigen Groß-Buchhandlung auf das engagierte Werk eines liberal-protestantischen Physikers aufmerksam. Der Autor, Martin Urban, beklagt darin die seiner Meinung nach in der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) vorhandene Weltfremdheit in Glaubensfragen, allerdings auch den zunehmenden Einfluss fundamentalistischer, also die Bibel weitgehend wörtlich nehmender Kräfte (Evangelikale, Charismatiker, Pfingstler).

Ebenso thematisiert er die neuronalen Hintergründe kognitiver Prozesse, sprich: das Warum menschlichen Denkens.
Und hier knüpft Urban an das Bekennen des eigenen Glaubens an, wie es ja auch in der Handlung der Konfirmation vollzogen wird:

„Da gibt es zum Beispiel den Glaubenszeugen. Er bezeugt seinen Glauben. Was heißt das? Zeugnis geben gemeinhin Augen- oder Ohrenzeugen eines Sachverhalts, den sie damit bekunden oder bestätigen. Den Begriff ‚Zeugnis‘ mit dem Begriff ‚Glauben‘ zu verbinden, soll der Glaubens-Aussage Gewicht geben. Der Glaubenszeuge kann jedoch auch beliebigen Unsinn glauben und bezeugen. So ist zum Beispiel Martin Luther Zeuge des Wirkens von allerlei Teufeln in der Welt gewesen; etwa des Satans, der, so glaubte der Reformator tatsächlich, Ursache seiner chronischen Darm-Verstopfung gewesen sei. […]
Um die Zusammenhänge zu verstehen und zu reflektieren, sind weitere Erkenntnisse der Neurowissenschaftler wichtig. Wir wissen heute nämlich nicht nur, dass die Bilder, die wir uns von der Welt machen, nicht die Welt abbilden, sondern auch, warum das so ist: Wahrnehmung bildet die Welt nicht ab, sondern stellt sich, so der Gehirnforscher Wolf Singer, als ‚hypothesengesteuerter Interpretationsprozess dar, der das Wirrwarr der Sinnessignale nach ganz bestimmten Gesetzen ordnet und auf diese Weise die Objekte der Wahrnehmung definiert.'[…]
Denken, die Voraussetzung auch für das Zweifeln, ist anders als Glauben eine anstrengende Angelegenheit.Pro Gewichtseinheit setzt die Hirnmasse 16-mal so viel Energie um wie das Muskelgewebe. Natürlicherweise beschränkt sich unser Denken deshalb auf das Allernotwendigste. […] Das, was immer schon so war, genauer: so angesehen wurde, anzuzweifeln, ist unüblich. Auch deshalb schleppen wir die Weltbilder unserer Ahnen von Generation zu Generation. […]
Diese Neigung, sich auf Althergebrachtes zu verlassen, wird ergänzt um eine weitere problematische Eigenschaft unseres Gehirns: ‚Wenn wir nach langem Suchen und peinlicher Ungewissheit uns endlich einen bestimmten Sachverhalt erklären zu können glauben, kann unser darin investierter emotionaler Einsatz so groß sein, daß wir es vorziehen, unleugbare Tatsachen, die unserer Erklärung widersprechen, für unwahr oder unwirklich zu halten, statt unsere Erklärung diesen Tatsachen anzupassen.‘ So beschrieb es 1976 Paul Watzlawick.“

Quelle: Martin Urban: Ach Gott, die Kirche! Protestantischer Fundamentalismus und 500 Jahre Reformation. München 2016, S. 25ff.

Ach so, noch etwas, liebe „Gotteskinder“: Das so häufig auch im Rahmen von Konfirmationsgottesdiensten angestimmte Lied Chormappe 86 („Eins bitte ich vom Herrn“) entreißt ihr einfach seinem biblischen Kontext, also dem Psalm 27, 4. Und dort ist mit dem „Haus des Herrn“, in dem der Psalmist „immerdar bleiben möge“ klipp und klar der jüdische Tempel gemeint, da die meisten von ihnen in punkto Entstehungszeit auf die Zeit nach dem Babylonischen Exil, also ab 538 v.u.Z., datiert werden. (Die Einweihung des Zweiten Tempels unter Nehemia und Esra nimmt man i.d. Regel für das Jahr 515 v.u.Z. an.)

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