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Wer Bibel sät, wird Intoleranz ernten! Unmaßgebliche Einwürfe zur „Hasspredigt“ des Pastor Latzel

Februar 28, 2015

Von katholischem „Reliquiendreck“ war die Rede, das islamische Zuckerfest sei nichts als „Blödsinn“, Buddhafiguren und andere Talismane ein Ausdruck verwerflichen „Neuheidentums“: Seit Bekanntwerden der Predigt des evangelikalen Bremer Pastors Olaf Latzel an der St.-Martini-Gemeinde vom 18. Januar 2015 köchelt der Fall bis heute munter durch die Medien der Republik – der klassische „Shitstorm“, wie es auf Neudeutsch bekanntlich heißt.
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Der strenggläubige Hirte hatte an jenem denkwürdigen Datum seine Predigt unter die Überschrift „An Gideon die Reinigung von den fremden Göttern lernen“ gestellt und sich dabei auf die Bibelpassage Richter 6, 25 – 32 bezogen.
(Wer am Wortlaut der kompletten Predigt interessiert ist, kann sich diese hier anhören.)

Doch welcher historische Hintergrund liegt dieser Textstelle zu Grunde? In der Zeit zwischen der israelitischen Landnahme Kanaans (ca. 1230 v. Chr.) und dem Beginn der Königsherrschaft unter Saul und später David (ca. 1000 v. Chr.) wurden die Stämme Israels durch sog. Richter angeführt. Einer dieser Richter mit Namen Gideon (hebr. für „Hacker“, „Holzfäller“, „Zerstörer“) erhält angesichts der in der Bevölkerung nach wie vor virulenten Verehrung alternativer Gottheiten in obigem Textabschnitt den Befehl JHWHs: „Reiße den Altar des Baal, der deinem Vater gehört nieder und die Aschera, die dabei steht, haue um! […] Und baue dem Herrn, deinem Gott, einen Altar!“ (Ri. 6, 25-26; zit. n. dieser Übersetzung).

Diesen vermeintlich göttlichen Auftrag an Gideon überträgt Latzel nun in die Gegenwart, in welcher er einen nicht hinnehmbaren religiösen Synkretismus („So alles zusammenmanschen“) ausmacht. Eindringlich weist er dabei auf die Göttlichkeit des Befehls an Gideon und damit auch an die heutigen Gläubigen hin, jedwede Form von „Neuheidentum“ und Reliquienverehrung, ja auch die Teilnahme an überkonfessionellen bzw. -religiösen Veranstaltungen wie Schulgottesdiensten mit evangelischen Pastoren, katholischen Priestern und muslimischen Imamen ebenso abzulehnen wie etwa die Feier des islamischen Zuckerfestes („und all diese[m] Blödsinn“), wenn etwa die Tochter mit einem muslimischen Partner liiert sei.

Da in zahlreichen Medienberichten lediglich Splitter der Latzel-Predigt wiedergegeben werden, halte ich es für sinnvoll, hier ein wenig tiefer in die Ausführungen des Pastors einzusteigen, wie er sich einen angemessenen Umgang mit dem Islam vorstellt:
„Wir können keine Gemeinsamkeit mit dem Islam haben. Das heißt nicht – das sag ich auch in aller Klarheit, – dass wir nicht den Muslimen in Liebe und Nähe zu begegnen haben. Das ist ganz wichtig. Gott unterscheidet zwischen der Sünde und dem Sünder. […] Wir haben den Menschen muslimischen Glaubens in Liebe und Barmherzigkeit zu begegnen! Und wenn die verfolgt werden, dann haben wir uns vor sie zu stellen. Das ist unsere Aufgabe als Christen. […] Ich weiß, dass das manchmal schwer ist, das hinzukriegen, zu sagen: das Nein zum Islam und diese Vermischung mit dem Christentum, aber das Ja zu Menschen anderen Glaubens. […]
Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Die Muslime, die hier leben, ja. Absolut! Aber der Islam hat nichts zu tun mit dem Gott, von dem es in der Präambel unseres Grundgesetzes heißt: ‚Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, vom Willen beseelt als gleichberechtigtes Glied im vereinten Europa geben wir uns dieses Grundgesetz‘. Dieser Gott, der da gemeint ist, das ist jedem, der nur ein bisschen historische Ahnung hat (klar), ist der dreieinige Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Und ist nicht Allah. Der Islam gehört nicht zu Deutschland.“

Die Reaktionen der breiten Öffentlichkeit dürften allgemein bekannt sein: Latzel wurde zum „Hassprediger“ abgestempelt, die Staatsanwaltschaft forderte gar eine Abschrift des Predigttextes an. Zudem bezogen Dutzende seiner Bremer Amtskollegen öffentlichkeitswirksam Stellung gegen Latzels geistige Grundhaltung und für ein „buntes“ und „vielfältiges“ Bremen. Biblische Texte seien in der inkriminierten Predigt aus ihrem historischen Zusammenhang gerissen worden.

Und spätestens hier kann ich nicht nur über den fundamentalistischen Pastor den Kopf schütteln, sondern mich vor allem nur über die offenbare Unkenntnis der versammelten Geistlichkeit echauffieren, die ihre eigene Glaubensgrundlage, die sog. „Heilige Schrift“ eher flüchtig zu kennen scheint!
Es sei an dieser Stelle nur angedeutet, dass das Alte Testament an einer Vielzahl von Stellen vermeintlich göttliche Vernichtungsbefehle gegenüber den von den Israeliten als Konkurrenz wahrgenommenen Stämmen (Midianiter, Amalekiter etc.) enthält (ausdrücklich auch gegenüber Frauen und Kindern!), im Einzelnen nachzulesen in jeder handelsüblichen Bibel oder etwa bei Franz Buggle: Denn sie wissen nicht, was sie glauben. Und auch der biblische Jesus war alles andere als ein kuscheliger Prediger unbedingter Nächstenliebe – man kann es nicht oft genug betonen!
Ganz zu schweigen von einem Paulus, welcher seinem Herrn und Meister hier in nichts nachsteht, wenn er pauschal alle Nicht-/Andersgläubigen verdammt:
„Sie sind voll Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habgier, Bosheit, voll Neid, Mord, Streit, List und Tücke; sie verleumden und treiben üble Nachrede, sie hassen Gott, sind überheblich, hochmütig und prahlerisch, erfinderisch im Bösen und ungehorsam gegen die Eltern, sie sind unverständig und haltlos, ohne Liebe und Erbarmen. Sie erkennen, daß Gottes Rechtsordnung bestimmt: Wer so handelt, verdient den Tod(Rom. 1; 29-32; zit. n. Buggle, S. 84f.).

Dass die breite Öffentlichkeit, in erster Linie aber auch theologisch studierte Geistliche anstelle der Quelle der Intoleranz, also der Bibel, auf denjenigen eindreschen, der in seiner glaubensbezogenen Naivität diese Schrift für das unverfälschte und daher wörtlich zu nehmende „Wort Gottes“ hält, stellt einmal mehr den geistigen Zustand weiter Teile des liberalen Christentums zur Schau – eines Christentums, das sich in der Tat derart weit von den Grundlagen des eigenen Glaubens entfernt hat, dass die Bezeichnung „Christ“ für diese Menschen eigentlich der reinste Hohn ist: Wischiwaschi-Piep-piep-piep-Gott-hat-doch-alle-lieb-wir-kommen-alle-alle-alle-in-den-Himmel-Gläubige träfe es wesentlich präziser!
Wobei mir diese spirituelle Rosinenpickerei selbstverständlich immer noch lieber ist als ein verabsolutierter Dämonen- und Höllenglaube inklusive blutrünstiger Sühnetod-Theologie, wie sie die Hardcore-Christen ja meinen, bis in alle Ewigkeit (da Jesus nun mal nicht wiederkommt) aufrechterhalten zu müssen… unredlich bleibt dieser „Pippi-Langstrumpf-Glaube“ jedoch alle mal… („Ich mach mir die Welt, wiediewiediewie sie mir gefällt!“)

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