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„Aber ich, wär ich allmächtig, […] ich würde retten, retten“

März 24, 2013

In diesem Jahr feiert einer der sozial engagiertesten deutschen Dichter seinen 200. Geburtstag: Georg Büchner (1813 – 37), jener bereits im Alter von 23 Jahren verstorbene geniale Mediziner, Schriftsteller und radikale Gesellschaftskritiker, dem wir – und unzählige Schülergenerationen – Werke wie „Woyzeck“, „Dantons Tod“ oder „Lenz“ zu verdanken haben.
Von Letzterem soll folgender Beitrag handeln:

Georg_Büchner
Büchner hält sich in seiner „Lenz“-Erzählung weitgehend an den Bericht des elsässischen Pfarrers Johann Friedrich Oberlin, den der historische Sturm-und-Drang-Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz (1741 – 92) ebenso wie die gleichnamige Büchner-Figur im Winter 1778 in seiner Pfarre Wald(ers)bach aufsucht.
Der bereits von Schizophrenie-Symptomen geplagte Lenz findet dort zeitweise innere Ruhe und AUsgeglichenheit, welche jedoch nicht wirklich tiefgründiger Natur ist. Zu seinen Symptomen zählt u.a. eine Art religiöser Wahn, der ihn dazu treibt, mittels Jesus-Worten („Stehe auf und wandle!“) ein gestorbenes Mädchen aus dem Nachbarort Fouday zum Leben erwecken zu wollen – vergeblich!
Daraufhin flieht Büchners Lenz in einem Anfall von Größenwahn, wenn es heißt „es war ihm, als könne er eine ungeheure Faust hinauf in den Himmel ballen und Gott herbeireißen und zwischen seinen Wolken schleifen; als könnte er die Welt mit den Zähnen zermalmen und sie dem Schöpfer ins Gesicht speien“.

Und kurz darauf: „Lenz musste laut lachen, und mit dem Lachen griff der Atheismus in ihn und fasste ihn ganz sicher und ruhig und fest.“
Gegen Ende der Erzählung, als sich Lenz´ Zustand zusehends verschlechtert, versucht Pfarrer Oberlin ein letztes Mal, ihn zu Gott zu bekehren, woraufhin dieser erwidert: „Aber ich, wär ich allmächtig, sehen Sie, wenn ich so wäre, und ich könnte das Leiden nicht ertragen, ich würde retten, retten“.
Wie Martin Walser in seiner Dankrede zur Verleihung des Büchner-Preises 1981 zu dieser Sequenz in Bezug auf Büchners Lenz anmerkt: „Daran stirbt ihm sein Gott, dass er den Menschen nicht helfen kann. Büchner kann Menschen nicht leiden sehen, das ist alles. Ein Gott, der nicht hilft, ist keiner.“

Alles Weitere will ich dem Marburger Philosophen Joachim Kahl überlassen – seine Gedanken bringen genau das auf den Punkt, was mir angesichts des nicht enden wollenden Bürgerkriegs in Syrien, angesichts von Auschwitz, Ruanda, Srebrenica und Darfur auf der Seele liegt:
„Der Atheismus findet seine eigentliche Begründung in der Wirklichkeit selbst, in der blut- und tränengetränkten Geschichte des Tier- und Menschenreiches. Wie kann ein angeblich liebender Gott, bei dem kein Ding unmöglich ist, die Lebewesen, die er doch geschaffen hat, so unsäglich leiden lassen? Entweder er ist nicht allmächtig und kann die Leiden nicht verhindern, oder er ist nicht allgütig und will die Leiden nicht verhindern. Auf diese Zwickmühle innerhalb des Gottesglaubens hat erstmals der griechische Philosoph Epikur um 300 vor unserer Zeitrechnung in aller begrifflichen Klarheit aufmerksam gemacht. An Epikurs Religionskritik anknüpfend hat viel später der deutsche Dichter Georg Büchner das Leiden eindrucksvoll als den „Fels des Atheismus“ bezeichnet, In dem berühmten „Philosophengespräch“ seines Dramas „Dantons Tod“ heißt es: „Schafft das Unvollkommene weg, dann allein könnt ihr Gott demonstrieren … Man kann das Böse leugnen, aber nicht den Schmerz … Warum leide ich? Das ist der Fels des Atheismus.

Das leiseste Zucken des Schmerzes, und rege es sich in einem Atom, macht einen Riß in der Schöpfung von oben bis unten.“ Aber auch angenommen, es gäbe dermaleinst tatsächlich einen seligen Zustand, wie ihn die Offenbarung des Johannes im Neuen Testament (21,4) verheißt, daß Gott abwischen wird alle Tränen und es keinen Tod und kein Leid und keinen Schmerz und kein Geschrei mehr geben wird: Wäre damit der schnöde Atheismus eines Besseren belehrt und stünde Gott gerechtfertigt da? Nein, denn die Erlösung im Jenseits kommt immer zu spät. Sie kann nicht im geringsten ungeschehen machen, was zuvor geschehen ist. Die Unumkehrbarkeit der Zeit ist die unüberschreitbare Grenze jeder Allmachtsidee.

Kein Erdbeben-, Kriegs-, Folter-, Mord-, Krebs- oder Verkehrs-Opfer wird verhütet durch religiöse Erlösungsversprechen.

In welchem annehmbaren Sinn sollte erfahrenes Leid je wieder gutgemacht werden können? Das liebenswerte Sehnsuchtsbild einer vollendeten Gerechtigkeit, einer universalen Versöhnung bleibt unerfüllbar, weil selbst bei einer jenseitigen Kompensation das zuvor Geschehene nie ungeschehen gemacht werden kann.

Hinzu kommt, daß im Neuen Testament (um im christlichen Bereich zu bleiben) der Erlösung ohnehin nur eine Minderheit der Menschen teilhaftig wird: „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt“, heißt es im Matthäus-Evangelium (22,14). Unmittelbar nach dem zitierten Wort aus der Offenbarung des Johannes wird den „Ungläubigen“, „Abgöttischen“ und „Hurern“ die ewige Qual in „Feuer und Schwefel“ angedroht (21,8).

Und: Wenn Gott überhaupt einen Zustand ohne Schmerz und Leid schaffen kann, warum dann erst so spät und nicht von Anfang an? Warum zuvor die eigenen Geschöpfe durch ein Meer von Blut und Tränen waten lassen? Die nüchterne Antwort kann nur lauten: Statt die Wirklichkeit zu verrätseln und sich in „Gottes unerforschliche Ratschlüsse“ zu flüchten, ist redlich einzuräumen: Es gibt keinen Gott. Ohne Gottglauben ist die Wirklichkeit bitter, aber mit Gottglauben ist sie bitter und absurd.“

Quelle:
http://www.kahl-marburg.privat.t-online.de/kahl_keingott.htm
Lenz-Zitate aus: Georg Büchner: Lenz. Der Hessische Landbote. Stuttgart: Reclam 2002, S. 23, 31.
Walser-Zitat aus: Georg Büchner: Lenz. Der Hessische Landbote. Braunschweig / Paderborn / Darmstadt 2010, S. 117.