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„Glaubenserlebnisse“ – Magisches Denken auf dem Prüfstand

Juli 19, 2013

Was für ein GottAuf die Frage, was aktive Neuapostolische denn nach wie vor „aufrecht im Glauben“ halten würde – wenn schon die Qualität der Predigten selbst von vielen dieser als bisweilen phrasenhaft empfunden wird -, bekommt man nicht selten Beispiele sog. „Glaubenserlebnisse“ (oder auch in abgemilderter Form: „Gebetserhörungen“), welche als Zeichen göttlicher Zuwendung interpretiert werden.
Da Gläubige leider vielfach (häufig infolge frühkindlicher Indoktrination und/oder mangelnde wissenschaftliche Ausrichtung des Schulunterrichts) darauf geeicht wurden, in religiösen Fragen magisches statt wissenschaftliches Denken anzuwenden, möchte ich dem religiösen Denkansatz an dieser Stelle letztere als alternative Sichtweise gegenüberstellen.
Die Diskussion erfolgte Anfang/Mitte Juli dieses Jahres auf der NAK-kritischen Netzplattform Quo vadis NAK?. Leider ist es nicht möglich, den Beitrag direkt zu verlinken, von daher hier der Pfad, dem ihr folgen müsst, wenn ihr ihn aufrufen wollt:

„Auch das ist Neuapostolische Kirche“ – „Diskussion mit aktiven NAKlern“ – Beitrag Nr. 74.

Ich zitiere aus dem Posting eines aktiven neuapostolischen Vaters (Rechtschreibung folgt dem Original):

„Als Tauflied [der Tochter] wünschten wir uns ‚Wenn Friede mit Gott‘. […] Während meine Frau mit ihr im Krankenhaus war, ging ich in den Gottesdienst und bevor dieser begann, spielte die Organistin O.s Tauflied, ohne zu wissen dass das ihr Tauflied war und dass sie im Krankenhaus lag.
[…] Zwei Wochen später wurde der Husten wieder schlimmer und sie musste zurück in das Krankenhaus. Das ganze wiederholte sich noch mehrere Male über drei Monate. Immer mit dem gleichen Ergebnis: Keine Besserung.
Während dieser Zeit wurde ausnahmslos in jedem Gottesdienst, ‚Wenn Friede mit Gott‘ entweder gesungen oder gespielt. Selbst wenn Priester aus anderen Gemeinden den Gottesdienst hielten, ließen sie ‚ihr‘ Lied singen, ohne dass sie wissen konnten, welche Bedeutung diese Lied für uns hatte.
Als es mit unserer Kleinen wieder schlechter wurde, saß ich eines Sonntag vormittags im Gottesdienst und betete, dass Gott mir doch ein Zeichen geben möge, dass alles gut wird. Innig hoffte ich darauf, auch in diesem Gottesdienst wieder das Lied zu hören aber es geschah nichts. Dann trat der zweite Mitdienende an den Altar und sagte sinngemäß. ‚Liebe Geschwister, ich möchte einmal die zwei bedeutenden ‚F’s‘ in den Vordergund stellen, Freude und Friede. Es heißt in einem Lied: ‚Wenn Friede mit Gott meine Seele durchdringt, ob Stürme auch drohen von fern, / mein Herze im freudigen Glauben doch singt: /Mir ist wohl, mir ist wohl in dem Herrn‘.‘
Kurze Zeit später ging es unserer Kleinen zusehends besser und sie erholte sich von den monatelangen Strapazen. […]“

Persönliche Erlebnisse von Gläubigen wie das oben Geschilderte erinnern mich an die in der Parapsychologie-Szene vielfach geäußerten Todesahnungen/Todesträume. Dass scheinbar unwahrscheinliche Erlebnisse aber (zufällig) häufiger auftreten als uns oftmals bewusst ist, zeigt folgendes Rechenexempel, gefunden auf der Website der Skeptikerorganisation GWUP:

„Als Beispiel nennt der Dortmunder Statistik-Professor Walter Krämer (Mitglied im GWUP-Wissenschaftsrat) die viel zitierten ‚Todesahnungen‘: ‚Wenn wir einmal sehr vorsichtig schätzen, dass jeder Bundesbürger im Durchschnitt einmal im Leben vom Tod eines anderen, ihm bekannten Menschen träumt, kommen bei achtzig Millionen Menschen in Deutschland pro Nacht mehr als 2000 Todesträume vor – ungefähr so viele, wie tatsächlich Menschen sterben. Wenn wir weiter einmal unterstellen, die Opfer in den Todesträumen wären zufällig unter allen Bundesbürgern ausgewählt, so beträgt die Wahrscheinlichkeit rund acht Prozent, dass mindestens ein Todesfall eines bestimmten Tages in der Nacht zuvor von jemand anderem geträumt worden ist. Das führt pro Jahr an durchschnittlich 30 Tagen zu einer wahren Todesahnung.‘

Solche Todesträume seien also ein lupenreines Produkt des Zufalls, ’so häufig oder selten wie zweiköpfige Kälber, Tod durch Blitzschlag oder Schnee im Juni‘, erklärt Krämer: ‚In einem konkreten Einzelfall sehr unwahrscheinlich, aber irgendwann und irgendwo mit Sicherheit zu finden.'“

http://www.gwup.org/infos/nachrichten/396-psidiotie-in-der-ard

Zum anderen wäre natürlich zu fragen, warum – die Existenz des christlichen Gottes einmal vorausgesetzt – Er G.s Tochter zu Gesundheit und den gläubigen Eltern zu einem „Glaubenserlebnis“ verhelfen sollte, tausenden anderen jedoch nicht, die sicher mindestens ebenso um ein „göttliches Zeichen“ gebetet haben – und von denen die Öffentlichkeit zumeist nie erfährt, weil es in ihren Fällen halt nichts vermeintlich Spektakuläres zu berichten gibt!

Als weitere Lektüretipps (selbstverständlich von mir gelesen) empfehle ich folgende Werke:
Christoph Bördlein: Das sockenfressende Monster in der Waschmaschine. Eine Einführung ins skeptische Denken.


Ulrich Schnabel: Die Vermessung des Glaubens. Forscher ergründen, wie der Glaube entsteht und warum er Berge versetzt
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