Archive for the ‘Humanität’ Category

Zwischen Corona-Panik und -Verharmlosung: Wie zurechtfinden im Informationsdschungel?

August 30, 2020

Die Bilder der neuesten Berliner Großdemonstration gegen die bestehenden Coronamaßnahmen irritieren mich – wie schon am 1. August – erneut:

Offensichtliche Rechtsextremisten in „trauter Eintracht“ mit QAnon-Verschwörungsanhängern, esoterischen Spinnern, die allen Ernstes „Liebe“ als Gegenmittel zur Virenbekämpfung empfehlen und ideologich verbohrte Impfgegner, teils aus dem anthroposophischen Weltanschauungsspektrum. Dazwischen aber auch jede Menge Personen, die sich weder durch Kleidung noch durch den Inhalte von Plakaten einer weltanschaulichen Strömung zuordnen lassen, vielleicht auch eher verunsichert bis genervt davon sind, wie die Politik mehr oder weniger mäandernd der uns nun bereits annähernd ein halbes Jahr begleitenden Pandemie versucht Herr zu werden (Stichwort: Maskendiskussion in Bezug auf Schulen).

Auch wenn seitens der Mainstream-Medien sicher nicht immer in wünschenswerter Objektivität über diese Querfront-Demonstrationen berichtet wurde und wird, so erweisen sich doch die in den ARD-Tagesthemen gesendeten O-Töne dreier Demonstrierender als inhaltlich eher schwach auf der Brust:

„Und jetzt sind plötzlich ´n paar Tote irgendwie halt, und da wird alles geschrottet, alles wird geschrottet, weil irgendwelche Machenchaften im Gange sind“ oder „Ich denk natürlich, dass es das gibt. Keiner von uns hier leugnet hier irgend ´nen Scheiß. Natürlich gibt es Viren. Unser Körper besteht aus Viren, aber auch mutierte Viren, die jedes Jahr anders mutieren. Auch das Coronavirus ist ein Virus, was mutiert. Ja, und damit kann unser Körper – mein Gott, wir haben ein Immunsystem – recht gut umgehen.“ (zweites Video von oben, Min. 0:44 – 0:55 sowie 1:04 – 1:22)

Selbstverständlich sollte zur Debatte stehen, ob die Lockdown-Maßnahmen des Frühjahrs nicht überzogen waren, da infolgedessen unverhältnismäßig hohe „Kollateralschäden“ in Form von Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, Insolvenzen, Depressionen, häuslicher Gewalt und letztendlich auch gehäuften Suiziden zu beklagen waren, sind und sein werden.
Dies rechtfertigt jedoch keineswegs die Verharmlosung der Todeszahlen, das Geraune über vermeintliche „Machenchaften“ (erste Frau) oder die pauschale Behauptung, das Immunsystem jedes (!) Menschen werde mit dem Virus schon fertig.
Zahlreiche Medienberichte über schwere Verläufe sprechen Bände: Befall nicht nur der Lunge, sondern auch der Nieren, von Gefäßen sowie eine so nicht bekannte Häufung von Spätfolgen wie Dauermüdigkeit, Gliederschmerzen oder Konzentrationsstörungen.
(In diesem Zusammenhang empfehle ich neben den bekannteren Drosten- und Kekulé-Podcasts im Übrigen denjenigen von Heinz-Wilhelm „Doc“ Esser im WDR sowie die Covid-FAQs von Spektrum der Wissenschaft.
Beide Quellen gehen selbstverständlich auch auf die höhere Gefährlichkeit von Covid-19 im Vergleich zur „herkömmlichen“ saisonalen Grippe ein.
Auf der anderen Seite rezipiere ich jedoch ebenso Quellen wie den „In dubio“-Podcast der „Achse des Guten“. Und hier scheint mir insbesondere die Folge 51 („Aus ärztlicher Sicht“) von Belang zu sein: Hier kritisieren die beiden Mediziner Gunter Frank und Jesko Matthes u.a. die mediale Fokussierung allein auf die Infiziertenzahlen (anstelle der Hospitalisierungsrate), die Gleichsetzung der Begriffe „positiv getestet“, „infiziert“ und „erkrankt“, die Simplifizierung von Studienergebnissen allein durch Überschrift und Zusammenfassung sowie die nach wie vor bestehende Möglichkeit falsch-positiver Covid-Testergebnisse.
„Das was wir gerade erleben ist ein absolutes Fiasko bezüglich medizinischer Seriösität und Kompetenz“ und „keine nationale Bedrohung“ (zu diesen Aspekten bis Min. 10:56).
Wohlgemerkt: Matthes und Frank verleugnen mitnichten, dass Covid-19 überaus gefährliche Verläufe annehmen KANN. Allerdings wehren sie sich dagegen, dem Infektionsschutz alles andere unterzuordnen. Oder um ein selbst gewähltes Beispiel von mir heranzuziehen: EINIGE der aktuellen Coronamaßnahmen wirken auf mich so – ginge es um die Skandalisierung der (ja durchaus vorhandenen) Gefahren des Autoverkehrs – als wolle man auf Autobahnen Tempo 30 einführen.
Und was die Rate der Covid-Erkrankten betrifft, die sich aufgrund der Schwere ihrer Infektion aktuell in einem Krankenhaus wiederfinden:

Laut ARD-Tagesthemen vom 20.08. beträgt sie gerade einmal 6 % (im Vergleich zu 22% am 13.04.). Grund dafür ist die momentan hohe Anzahl an jüngeren Neuinfizierten, die dementsprechend auch seltener stationärer Behandlung bedürfen.

Es scheint sich wieder einmal zu bestätigen: Widmen sich Massenmedien einem Thema, das von ihnen für überaus bedrohlich erklärt wird, ausführlich (und eine ausführlichere Dauerbeschallung als zum Thema „Corona“ dürfte in der Menschheitsgeschichte nicht existieren!), dann fühlen sich Entscheidungsträger aus Politik und Gesellschaft, aber auch die Mehrheit der betroffenen Bevölkerung von Aktionismus getrieben, ergo darin betätigt, dass mit äußerst scharfen Maßnahmen gegen diese Bedrohung vorgegangen werden müsse.
Andere potentielle Bedrohungen werden hingegen entweder völlig ausgeblendet oder deren Gefährlichkeit für vertretbar gehalten. Oder sie erfahren lediglich kurzfristige Aufmerksamkeit. Anders ist es wohl schwer zu erklären, dass in Jahren mit extrem schweren Influenza-Verläufen geschätzt 25.000 Tote in Kauf genommen werden oder die Anzahl der Opfer, die einem multiresistenten Krankenhauskeim anheimfallen (auch hier liegen die Schätzungen bei eigentlich unglaublichen mehr als 10.000 Toten pro Jahr!), mehr oder weniger achselzuckend hingenommen werden.
Eine eingehende Auseinandersetzung mit den Mechanismen medialer Skandalisierung erscheint hier dringend geboten…

„Die Regierung begreift die Lockdown-Maßnahmen als eine logische Folge der Aufklärung“

April 30, 2020

Im letzten Blogeintrag schrieb ich bekanntlich über meine Gedanken angesichts der anlaufenden Lockdown-Maßnahmen Mitte März (Schulschließungen), schnell gefolgt von weitergehenden Ausgangsbeschränkungen, meiner anfänglichen Panikmacher-Deutung der Corona-Berichterstatttung sowie der bald darauf einsetzenden Abkehr von diesem mir nur allzu vertrauten Erklärungsmuster.

Und auch von einem Roman war in meinem Märzbeitrag die Rede: „Corpus Delicti“ von Juli Zeh, einer Pflichtlektüre für das diesjährige hessische Abitur im Deutsch-Leistungskurs: Die dort dargestellte fiktive Gesundheitsdiktatur („die Methode“) in der Mitte des 21. Jhds. mit ihrem Chefideologen Heinrich Kramer an der Spitze wähnt sich, zum einzig wahren Wohl aller Bürger zu handeln, indem sie darauf besteht, ihre Untertanen zu regelmäßiger Fitness und gesunder Lebensführung zu verpflichten und die entsprechenden individuellen Gesundheitsdaten permanent an die Behörden zu übermitteln. Doch davon später mehr…
Bei aller gruseliger Fiktion, die dieses Szenario beinhaltet, so scheint mir mittlerweile jedoch in so mancher Anti-Corona-Regel ein Funken dieses „Methoden“-Staates aufzublitzen. Das wochenlange bayerische Parkbankverbot für Alleinsitzende ist da nur die Spitze des Eisbergs…
Man denke vor allem an die ausnahmslosen Verbote jeder gemeinschaftlichen politischen Meinungsbekundung in der Öffentlichkeit (sprich: Demonstration) oder die strikten Ausgangsauflagen mancher Bundesländer, die lediglich wenige „triftige Gründe“ zum Verlassen der eigenen Wohnung akzeptierten.
Mittlerweile scheint das Pendel Gott sei Dank nicht mehr ganz so stark in Richtung starke Exekutive auszuschlagen. Vielmehr erobert sich die Judikative Zug um Zug den für einen Rechtsstaat dringend benötigten Freiraum zurück.
Und auch die Begründung seitens vieler Virologen, die deutschlandweit glimpflich verlaufenden Infizierten- und Todesraten belegten die Wirkung des Lockdowns, gilt es mit Vorsicht zu genießen. Dazu der Politologe Michael Bröning:

„Soziologen etwa verteidigen den Lockdown – wie auch Virologe Christian Drosten – durch Verweis auf ein ‚Präventionsparadox‘. Demzufolge bestätigt gerade das Ausbleiben der Katastrophe den Erfolg der getroffenen Maßnahmen. Dieser Ansatz ist logisch nicht zu widerlegen und sicher auch gerechtfertigt. Das Problem ist nur: In dieser Sichtweise lässt sich noch jede staatliche Überreaktion als Erfolg verbuchen. In Deutschland ist die Demokratie sicher nicht in Gefahr. Doch diese Entwarnung ist nicht weltweit gültig.
Deshalb sticht eher der Umkehrschluss. Nur weil der schlimmste Fall der Eskalation bislang vielerorts erfreulicherweise ausgeblieben ist, bescheinigt das noch lange nicht die Angemessenheit jeder getroffenen Maßnahme.
Post hoc ergo propter hoc – diesem kausalen Zirkelschluss sollten wir gerade in Zeiten des gesundheitlichen Notstandes und angesichts einer weltweit einmaligen Machtverschiebung in Richtung Exekutive nicht erliegen. In Zeiten der Angst und der Unübersichtlichkeit bleibt Skepsis eine demokratische Tugend. Gegenüber scheinbaren Patentrezepten ebenso wie gegenüber staatlich verordnetem Gleichschritt und insbesondere gegenüber den Gefahren eines sich zunehmend selbst erfüllenden weltweiten Katastrophismus.“

Was wir brauchen, ist ein kühler Diskurs des umsichtigen Abwägens von Einschränkungen und (möglichen) Folgen, was natürlich durch die zahlreichen Wissenslücken über den Charakter von SARS-CoV-2 erheblich erschwert wird. Blockwarte, die auf öffentlichen Plätzen mit dem Zollstock die Abstandsregeln kontrollieren, sind ebenso fehl am Platz wie Pseudo-Rebellen, die eine minutiöse Schilderung ihres maskenlosen Einkaufs zum heroischen Widerstandsakt gegen das vermeintliche Coronazi-Regime aufblasen und ins Netz ejakulieren.

Zum Abschluss dieses Beitrags sei an dieser Stelle eine kleine Zitatensammlung aus oben erwähntem Roman eingestellt. Zitate, die hoffentlich verdeutlichen, mit welch perfider Begründung freiheitsfeindliche Maßnahmen schleichend Einzug in eine offene Gesellschaft halten können und die heute noch wortwörtliche Rede vom bedrohlichen Virus schnell zur Metapher für viel weiter gefasste Zusammenhänge umgedeutet werden kann. (Das Zitat aus der Überschrift dieses Eintrags stellt im Übrigen keinen tatsächlichen O-Ton, sondern eine Abwandlung einer Aussage aus „Corpus Delicti“ dar…)

„‚Was die Anti-Methodisten kennzeichnet‘ […] ‚ist ein reaktionärer Freiheitsglaube, der seine Wurzeln im zwanzigsten Jahrhundert hat. Sämtliche Ideen der R.A.K. beruhen auf einem Missverständnis der Aufklärung.‘ ‚Aber die METHODE begreift sich doch selbst als eine logische Folge der Aufklärung.'“ (S. 84)

R.A.K.: „Recht auf Krankheit“ – Anspielung auf die Rote Armee Fraktion (RAF); in Zehs Roman eine militante Untergrundgruppe, die gegen die Gesundheitsdiktatur ankämpft

„‚Wir dürfen nicht vergessen, welche Umstände den Anstoß zur Entwicklung der METHODE gaben.‘ […] ‚Nach den großen Kriegen des zwanzigsten Jahrhunderts hatte ein Aufklärungsschub zu weitgehenden Entideologisierung der Gesellschaft geführt. Begriffe wie Nation, Religion, Familie verloren rapide an Bedeutung. Eine große Epoche der Abschaffung begann. Zur Überraschung aller Beteiligten fühlten sich die Menschen zur Jahrtausendwende jedoch nicht auf einer höheren Zivilisationsstufe, sondern vereinzelt und orientierungslos, sprich: nah am Naturzustand. Man redete ununterbrochen vom Werteverfall. Man hatte jede Selbstsicherheit verloren und fing an, einander wieder zu fürchten. Angst regierte das Leben der Einzelnen, Angst regierte die große Politik. Es war übersehen worden, dass auf jede Abschaffung eine Neuschaffung folgen muss. Was waren die konkreten Folgen? Geburtenrückgang, die Zunahme stressbedingter Krankheiten, Amokläufe, Terrorismus. Dazu eine Überbetonung von privaten Egoismen, das Schwinden von Loyalität und schließlich der Zusammnebruch der sozialen Sicherungssysteme. Chaos. Krankheit. Verunsicherung.'“ (S. 88f.)

„Kramer spricht zwanzig Minuten und schaut dabei weiter reglos in die Kamera. […] Dass Unsauberkeit die Verunreinigung des Einzelnen und Unsicherheit die Verunreinigung der Gesellschaft sei. Dass Krankheit als das Ergebnis von fehlender Kontrolle betrachtet werden müsse. […] Kramer spricht von Viren, die Unsauberkeit und Unsicherheit für sich zu nutzen wissen und den Einzelnen wie die Gesellschaft befallen. Heutzutage, sagt er, bestünden die gefährlichsten Viren nicht mehr aus Nukleinsäuren, sondern aus infektiösen Gedanken. […] Die METHODE als Immunsystem des Landes, fährt er schließlich fort, habe das aktuell grassierende Virus bereits identifiziert. Es werde vernichtet. Niemand könne sich den Selbstheilungskräften eines starken Körpers entziehen.“ (S. 200f.)

Der Ausnahmefall als neue Regel? Zu Nutzen und Risiken des Infektionsschutzes

März 29, 2020

Vermutlich werde ich diesen Freitag, den 13. März 2020 immer in Erinnerung behalten: Der Tag, an dem fast alle deutschen Landesregierungen beschlossen, ihre Bildungseinrichtungen von der darauffolgenden Woche an bis zunächst zum Ende der Osterferien zu schließen, um der sich ausbreitenden Covid-19-Pandemie Einhalt zu gebieten.

Eine Maßnahme, über die ich exakt eine Woche zuvor – als Andeutung aus dem Mund einer Schülerin – noch innerlich milde lächelnd erhaben hinweggegangen bin: Zu unvorstellbar erschien damals diese Vorstellung, und sicher stehen wir wohl alle immer noch vor diesem Szenario wie hilflose Marionetten in einem Alptraum, auch wenn nach knapp zwei Wochen des sog. Shutdowns natürlich wenigstens ein klein wenig Gewöhnung eingetreten ist.

Ich will hier auch gar nicht verhehlen, dass ich die eingeleiteten großflächigen Schließungen gastronomischer und kultureller Betriebe anfangs für Ausgeburten dieser typisch deutschen Hysterie gehalten habe. Eine Hysterie, die ja in der Vergangenheit allenthalben durch diverse schrille Medienberichte immer wieder befeuert wurde: Dioxin im Ei, Havarie des Reaktors Fukushima Daichi 2011, der weltweite Seuchenzug der Schweinegrippe zwei Jahre zuvor etc. pp.
Schließlich schien auch dieses Mal die „German Angst“ gegenüber der nüchternen Ratio zu dominieren, ein sich wechselseitiges Aufschaukeln aus medialer und politischer Panikmache vor unser aller Augen abzulaufen. Als „alter Hase“ in der Beschäftigung mit derartig medial gesteuerten Phänomenen wähnte ich mich in meiner Coolness bestätigt.
Dazu gesellte sich die Tatsache, dass ich mit meinem Deutsch-Leistungskurs erst wenige Tage zuvor den dystopischen Roman „Corpus Delicti“ von Juli Zeh beendet hatte: In dieser fiktiven Gesundheitsdiktatur („Die Methode“) haben sich Mitte des 21. Jhds. alle Einwohner dazu zu verpflichten, sich sportlich zu betätigen und gesund zu ernähren, ihre entsprechenden Daten an die Behörden weiterzuleiten – dies alles gemäß des „gesunden Menschenverstands“ (so der Titel des wichtigsten Propaganda-Organs) und in der vermeintlichen Tradition der Aufklärung.
Erst meine gierige Rezeption diverser Virologen-Podcasts und die Einsicht in die mathematischen Gesetzmäßigkeiten exponentieller Funktionsverläufe (Stichwort: Opferzahlen in Italien, Spanien und mittlerweile auch den USA) machten mir meinen diesmaligen Irrglauben klar.
Um so dringlicher, dass die Medien in der Post-Corona-Zeit ein gerüttelt Maß Sachlichkeit walten lassen sollten, um nicht noch einmal eine solch fatale „Alles-halb-so-wild“-Haltung bei mir und zahlreichen anderen Zeitgenossen zu generieren!

Jedoch denke ich, dass die derzeitigen rigiden, mit dem Infektionsschutz begründeten Anordnungen des Bundes, der Länder und Kommunen absolut eine Frage des Augenmaßes sind und keinesfalls einen Freibrief darstellen, alles kritiklos und zeitlich unbefristet hinzunehmen oder gar nach Corona schon bei deutlich geringeren Anlässen damit zu drohen. Die wachsame Zivilgesellschaft im Dienste einer nach wie vor funktionierenden Demokratie ist daher ebenso oberstes Gebot der Stunde wie die momentanen Versammlungsverbote und Abstandsregelungen.
Oder, um die beiden Juristen Pauline Weller und Bijan Moini zu zitieren:

„Die Maßnahmen müssen etwas bringen, sonst sind sie rechtswidrig. Vor dieser Schranke musste ein Vorschlag des Bundesgesundheitsministeriums Halt machen: Die Behörden sollten die über Funkzellen ermittelten Standortdaten der Handys von Infizierten anfordern können, um Kontaktpersonen zu ermitteln. Weil genau das aber technisch unmöglich war, musste Minister Jens Spahn den Passus aus dem neuen Infektionsschutzgesetz wieder streichen.

Die Beschränkungen der Freiheit müssen auch in sich schlüssig sein. Es darf zum Beispiel nicht zur Rückkehr in seine Heimat gezwungen werden, wer sich seit Monaten an seinem Zweitwohnsitz aufhält, wenn gerade das die Infektionsgefahr erhöht. Deshalb müssen alle Verbote Ausnahmen zulassen, um dem Einzelfall gerecht zu werden. Die nun in der Ausnahmesituation geschaffenen Beschränkungen der Freiheitsrechte dürfen zudem nicht zur Regel werden. Alle Einschränkungen müssen ebenso schnell zurückgebaut werden, wie sie errichtet wurden, sobald die Lage es erlaubt.

Die Legislative muss mehr Entscheidungen treffen
Und dann müssen wir rasch in die Zukunft blicken. Wir dürfen gegenüber einer vorhersehbaren Bedrohung wie einem Virus nie wieder so hilflos sein, nie wieder dürfen Freiheitsbeschränkungen wie derzeit nötig werden. Und nie wieder dürfen Regierungen in Bund und Ländern in einem solchen regulativen Vakuum agieren. Statt Gemeinden und einzelne Behörden bei wichtigen Entscheidungen allein zu lassen, muss der Gesetzgeber im Infektionsschutzgesetz deutlich mehr Wertentscheidungen selbst treffen, von Ausgangsbeschränkungen bis zur Ressourcenverteilung im überforderten Krankenhaus. Dafür ist ein Parlament schließlich da.“

Seien wir froh, dass die politischen Ränder momentan (noch?) nicht von der Ausnahemesituation zu profitieren scheinen. Nicht auszudenken jedoch, was (neben den rasant steigenden Opferzahlen) im Falle einer Entwicklung wie in Italien diesbezüglich geschehen könnte – schließlich erleben wir ja bereits jetzt die gnadenlose Offenlegung der Schwächen unseres auf Kostensenkung getrimmten Gesundheitssystems. Denjenigen, die hier maßgeblichen Anteil daran haben, dass Krankenhäuser und Arztpraxen zumindest weitgehend noch die Lage im Griff zu haben scheinen, gebührt weit mehr als ein ritualisierter abendlicher Applaus „einkasernierter“ Bürgerinnen und Bürger. Ansonsten sähe ich mich gezwungen, in die Merkel-Worte einzustimmen, die sie im Zusammenhang mit der Flchtlingssituation vor Jahren einmal äußerte: „Dann ist das nicht mein Land!“

Schluss mit den hohlen Phrasen! Warum pro-jüdische Solidarität keine Tätergruppe totschweigen sollte

Januar 31, 2020

Der Fall der Berliner Mauer Ende 1989 ist von heute betrachtet mittlerweile länger zurück als es das Ende der brutalen Nazi-Terrorherrschaft war, zum Zeitpunkt, als ich ins Leben trat – im Mai 1974!

Das Ergebnis eines über viele Jahrhunderte gezüchteten Wahns, des Wahns von der Verderbtheit alles Jüdischen, kulminierte in den 1930er und 1940er-Jahren zu einem bis dahin nicht für möglich gehaltenen Menschheitsverbrechen – wohlgemerkt in der für ach so humanistisch-aufgeklärt geltenden Moderne, nicht etwa im sprichwörtlich „finsteren“ Mittelalter!
Auschwitz – dieser Name steht seit Gründung der Bundesrepublik für DAS Symbol dieses Grauens schlechthin, eines menschengemachten Grauens mit seiner millionenfachen, schier unfassbaren Barbarei. Die Befreiung dieses sogenannten Konzentrationslagers durch sowjetische Truppen vor 75 Jahren am 27. Januar 1945 wurde bis vor wenigen Tagen mit einer wahren Flut medialer Berichterstattung begleitet.
Und so selbstverständlich es jedem und jeder Deutschen sein sollte, die Erinnerung an dieses dunkle Kapitel der eigenen Geschichte wachzuhalten, so sollte ebenso klar sein: Nein, die heutigen Generationen tragen keine moralische oder gar justitiable Schuld an all diesen Taten; ihre – unsere – Verantwortung liegt wie gesagt darin, all dies späteren Generationen weiterzutragen und alle Anzeichen eines wie auch immer gearteten Rollbacks der Geschichte genau im Auge zu behalten:
Ja, es gibt leider gar nicht so wenige völkisch-national gesinnte Menschen (ob im Umkreis der AfD oder darüber hinaus), es gibt linke „Antizionisten“, die selten Probleme haben, in Israel „den Juden unter den Völkern“ zu erblicken und als Apartheidsstaat zu diffamieren. Es gibt einen erschütternden Antisemitismus muslimischer Provenienz, der auch vor Gewalttaten z.B. gegen Kippaträger nicht zurückschreckt und es gibt einen „gutbürgerlichen“ Antisemitismus aus der Mitte der Gesellschaft. Ein Antisemitismus à la Möllemann, Hohmann, Walser (falls diese Namen noch geläufig sind!) und all der zahlreichen anderen. Und dies hat nichts mit der vermeintlichen Immunität der israelischen Regierungspolitik gegenüber Kritik von außen – auch von deutscher Seite – zu tun. Kritik an Israel ist solange unproblematisch, solange nicht mit zweierlei Maß gemessen wird. Wer also Netanyahu & Co. anklagt, aber von Hamas & Hisbollah schweigt, ist ein zynischer Heuchler!

Doch zurück zum Auschwitz-Gedenken unserer Tage:
Die aus diesem Anlass von Bundespräsident Steinmeier in der Gedenkstätte Yad Vashem gehaltene Rede ist zurecht kritisiert worden. So äußerte sich der Historiker Michael Wolffsohn wie folgt dazu:

„Es sind zudem die immergleichen Worte, also deren Inflationierung. Damit werden sie wertlos. Kein Wunder, dass kaum noch jemand zuhört. […] Rund ein Viertel der Deutschen hat Migrationshintergrund. Viele sind Muslime. Die bisherige Gedenkkultur Deutschlands richtet sich nur an die Nachfahren der Deutschen, die das NS-Regime miterlebt, getragen und ertragen haben. Als ob etwa die muslimische Welt beim Judenmorden und im Zweiten Weltkrieg nicht mit den Hitler-Banden zusammengearbeitet hätte.“

Wer sich die Rede Steinmeiers im Wortlaut anschaut, der stellt in der Tat die auffällige Häufung der hervorgehobenen Nationalität der NS-Täter fest: Steinmeier geht wieder und wieder darauf ein, dass es *deutsche* Verantwortliche waren, die Auschwitz geplant und umgesetzt haben. Soweit, so korrekt – jedoch ist Wolffsohn in seiner Kritik dahingehend beizupflichten, dass die heutige Dimension des muslimischen Antisemitismus vielfach verharmlost, wenn nicht gleich ganz verschwiegen wird. Es gilt daher das Diktum des „Tagesspiegel“-Kommentators Christoph David Piorkowski:

„Den Islam als antisemitisch zu bezeichnen, ist falsch. Dass Islam und Judenfeindschaft nichts miteinander zu tun haben, ebenfalls.“

In diesem äußerst lesenswerten Artikel geht Piorkowski u.a. auf die anscheinend noch immer weitgehend unbekannte Verquickung zwischen Naziherrschaft und muslimischen Autoritäten insbesondere in Gestalt des damaligen Muftis von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, ein, der die antisemitischen Hasstiraden eines Hitler oder Goebbels mit offiziellem Segen der NS-Staatsführung per Radiosendung in die arabische Welt exportieren konnte. (Näheres dazu z.B. bei Matthias Küntzel: Djihad und Judenhaß).

Wohlgemerkt: Es kann niemals um Schuldabwehr oder dergleichen psychische Abwehrreflexe gehen. All denjenigen, die einen „Schlussstrich“ unter Auschwitz und der Nazi-Zeit wünschen, sie gar zum „Vogelschiss“ innerhalb der deutschen Geschichte herunterpolemisieren, gilt es, klare Kante zu zeigen! Mit einem mantraartigen „Nie wieder Auschwitz!“, „Wehret den Anfängen!“ etc. mit ständigen, undifferenzierten Seitenhieben allein gegen die AfD ist niemandem geholfen; im Gegenteil, eine derartig ausgehöhlte Form der Erinnerungskultur nähert sich mit Siebenmeilenstiefeln dem staatlich verordneten Antifaschismus à la „Arbeiter-und-Bauernstaat“ – die deutschen Juden beobachten es mit zunehmender Besorgnis. Und das zurecht, etwa auch mit Blick auf die zwar als solidarische Geste gedachten, jedoch weitgehend hilflosen Mahnwachen nach dem antisemitischen Terroranschlag von Halle im letzten Oktober. Zudem werden diese freundlichen Gesten mehr als kompensiert durch die alltäglichen Erfahrungen zahlreicher jüdischer Mitbürger (ja, auch so eine Floskel!), die der ARD-Journalist Richard C. Schneider hier resigniert auflistet. Vielleicht ist eine 1:1-Wiederkehr der 1930er-Jahre nicht zu befürchten – schließlich wiederholt sich Geschichte nie im Verhältnis 1:1 – aber die Zeichen stehen auf Sturm. Höchste Zeit also, sich diesem entgegenzustemmen!

Holocaust-Gedenken: Weniger Überlebende, mehr Relativierer und offene Hetzer

Januar 27, 2019

Der 27. Januar markiert seit der Initiative des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog 1996 hierzulande den offiziellen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Waren es doch sowjetische Truppen, die an diesem denkwürdigen Tag im Jahre 1945 das KZ Auschwitz nach jahrelanger grausamer Terrorherrschaft der Nationalsozialisten befreiten. Mehr als Grund genug also, um dieses Datum Jahr für Jahr durch Gedenkakte bis hin zum Deutschen Bundestag zu würdigen.

Zum anderen lässt sich nicht leugnen: Die Zahl der noch lebenden Holocaust-Opfer nimmt kontinuierlich ab, allein in Israel sterben von den dortigen gut 200.000 Überlebenden im Schnitt 30 – wohlgemerkt pro Tag! Es ist also quasi eine Frage realistischer Berechnung, wann sich diese Zahl auf (nahezu) Null reduziert haben wird.
Wer wird also zukünftig die Erinnerung an die größte Perversion der Menschheitsgeschichte wach halten? Zumal diese Entwicklung einhergeht einerseits mit dem Wiedererstarken der Relativierer von Rechts (siehe Gaulands „Vogelschiss-Rede“ etc.) und andererseits mit einer besorgniserregenden Zunahme offen antisemitischer Vorfälle – von der Beleidigung im Internet bis zur Gewalttat. Die Täter sind häufig Angehörige strenggläubiger muslimischer Communitys – erzogen im Sinne eines antiquierten Weltbilds, in dem Patriarchat, Antisemitismus, Homophobie und Verteufelung kritischen Denkens und damit einhergehende Angstpädagogik (Höllendrohungen) sowie soziale Bespitzelung fröhliche Urstände feiern!

Daher wäre es fatal, es bei jährlichen Gedenkritualen bewenden zu lassen und ansonsten unbekümmert zum Alltagsgeschehen zurückzukehren.
Wie Arno Frank auf SPIEGEL online treffend anmerkt:
„Mag sein, dass die Erinnerung in Ritualen erstarrt ist. Dann macht das moderne Deutschland ein Selfie von sich selbst, mit der schlimmen, aber ‚bewältigten‘ Vergangenheit im Hintergrund.
Wieder werden in Parlamenten die Vertreter der Opfer, eloquente Überlebende oder kluge Professorinnen reden – den Nachgeborenen ins Gewissen. Im Anschluss gibt es eine traurige Sonate auf der Violine und Kränze für die Gräber. Mag sein, dass Scham über die Tat und Stolz auf ihre ‚Bewältigung‘ zusammenfallen […] Neu ist, dass Politiker ganz offen ihre Menschlichkeit und Vernunft zugunsten anderer Ziele zurückstellen.

Durch Gedenkstunden nicht zu erreichen

Für solche Leute ist der Holocaust einerseits eine weltweite Verschwörung mit dem Ziel, den Widerstand gegen einen als jüdisch halluzinierten Globalkapitalismus zu schwächen. Sie bezweifeln also, dass er stattgefunden hat.
Andererseits ist Auschwitz für sie genau das, was es ‚mal wieder‘ oder überhaupt einmal bräuchte, um den als jüdisch halluzinierten Globalkapitalismus zu brechen. Sie wollen, dass der Holocaust wieder stattfindet.
Wer so denkt, ist durch Gedenkstunden nicht zu erreichen, nicht durch wissenschaftliche Beweise oder Pädagogik. Wer so denkt, dem ist das Loch im Teppich so lästig, wie es die zwingenden Lehren daraus sind. Der will es nicht besser wissen. Der hätte gern die Hände frei. Der würde gern, wie der österreichische Innenminister Herbert Kickl (FPÖ), das Primat des Rechts über die Politik umkehren.“

Worauf Frank hier anspielt, ist die Forderung Kickls, „dass das Recht der Politik zu folgen hat und nicht die Politik dem Recht“.
Im Klartext: Niemand Geringeres als der österreichische Innenminister möchte sich über die Judikative mit ihrer korrektiven Funktion hinwegsetzen, sie gar für eigene (partei-)politische Zwecke instrumentalisieren…
Und wen zählen die „Freiheitlichen“ hierzulande bekanntlich zu ihren engsten Verbündeten? Richtig, die Möchtegern-Alternativen von der AfD! Honi soit qui mal y pense!

Flüchtlinge: Europas Verbrechen des „Aus den Augen, aus dem Sinn“

August 29, 2017

Nein, ich vertrete kein naives „Offene Grenzen für alle!“, bin mir der Gefahr zunehmender islamistischer Prägung muslimischer Communitys in Deutschland auch in Folge der enormen Zahl aufgenommener Geflüchteter hierzulande seit einigen Jahren sehr wohl bewusst. Und dennoch: Die Art von Flüchtlingspolitik, welche die Europäische Union, die Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 2012, derzeit betreibt, lässt selbst in mir an sich rational denkendem Menschen nichts als maßlose Wut hochkochen:

Völlig zurecht spricht Georg Restle vom Westdeutschen Rundfunk in seinem Kommentar zum Pariser „Flüchtlingsgipfel“ von einer „Schande für dieses Land“, fordert Hilfe für die betroffenen Menschen in den Ländern des Südens statt Unterstützung libyscher Terror-Milizen mit ihren KZ-artigen Flüchtlingslagern und den geplanten Waffenlieferungen an Despoten-Regime wie dem Tschad.

Und auch der Entwicklungsökonom Alexander Betts und der Migrationsforscher Paul Collier plädieren in ihrem gemeinsamen Werk „Gestrandet. Warum unsere Flüchtlingspolitik allen schadet – und was jetzt zu tun ist“ für eine 180-Grad-Wende:
Statt die Betroffenen in menschenunwürdigen „Silos“ ohne berufliche Tätigkeit vor sich hin vegetieren zu lassen, engagieren sich beide Autoren dafür, den Geflüchteten ein möglichst hohes Maß an Eigenständigkeit zu ermöglichen – und verweisen ausgerechnet auf das bettelarme Uganda als Positivbeispiel im Umgang mit dessen aufgenommenen somalischen, kongolesischen und anderen Flüchtlingen. Diese seien gezielt in strukturschwachen Regionen angesiedelt und zur beruflichen Autonomie (Gründung kleiner Geschäfte etc.) ermutigt worden.
Für Jordanien mit seinen über 600.000 aufgenommenen Syrern versprechen sich Betts und Collier Abhilfe durch die Errichtung von Sonderwirtschaftszonen, welche speziell den Geflüchteten ökonomisch auf die Beine helfen sollen.

Auch wenn ich das Buch bis jetzt noch nicht gelesen habe, so scheinen mir hier doch vielversprechende Ansätze aufgeworfen zu werden – allemal besser als die herzlose Vorverlagerung der europäischen Außengrenzen nach Nordafrika. Shame on you, Bundesregierung – shame on you, EU!

Donalds moralischer Dualismus düpiert Denker und Dummbeutel

Januar 29, 2017

Keine zwei Wochen im Amt, schon setzt die fleischgewordene präsidiale Hirnlosigkeit aus dem Weißen Haus bereits – wie im Wahlkampf angekündigt – alles daran, denjenigen Teil der Welt, der noch über einigermaßen Hirnschmalz verfügt, mittels zahlloser Regierungsdekrete zu düpieren. Aber auch die ewig beleidigten, da strenggläubigen „Empörialisten“ (der muslimischen Welt) sehen sich in ihrem Verfolgungswahn einmal mehr bestätigt.

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Die Rede ist natürlich von Donald Trumps jüngst verhängtem Einreisestopp für Menschen aus mehrheitlich muslimisch geprägten Staaten: Syrische Flüchtlinge trifft es dabei härter (nämlich auf unbestimmte Zeit) als Personen mit irakischem, iranischem, sudanesischem, libyschem, somalischem, jemenitischem Pass sowie alle Syrer ohne Flüchtlingsstatus (zunächst befristet auf drei Monate).
Man braucht wahrlich keinen Studienabschluss in Politik- oder Islamwissenschaften, um sich auszumalen, dass diese präsidiale Glanzleistung das Misstrauen, ja den Hass auf „den“ Westen in den entsprechend indoktrinierten islamischen Fundamentalistenkreisen weltweit anstacheln wird.
Wie aber sähe eine wohlüberlegte, im Sinne einer (säkular-)humanistischen Grundhaltung geprägte Migrationspolitik aus? Sicher ganz anders, als Menschen per Generalverdacht in Angehörige „böser“ Staaten (out-group) und ihnen entgegengesetzte Inhaber „guter“ Staatsbürgerschaften“ (in-group) einzuteilen!
Der Philosoph und Geschäftsführer der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs), Michael Schmidt-Salomon, schreibt dazu:

„Ein zentraler Unterschied zwischen dem alten Paradigma des moralischen Dualismus und dem neuen Paradigma des ethischen Monismus besteht darin, dass sie im Hinblick auf die Identitätsbildung unterschiedliche Ebenen fokussieren: Das Paradigma des moralischen Dualismus war seit jeher darauf ausgerichtet, die Gruppenebene zu stärken […]. So galt es als ‚anständig‘ und ’sittlich‘, ein ‚guter Deutscher‘, ein ‚guter Türke‘, ein ‚guter Christ‘, ein ‚guter Muslim‘ zu sein. Das Paradigma des ethischen Monismus hingegen schwächt die Bedeutung der Gruppenebene ab. Stattdessen tritt die Ebene der einen Menschheit in den Vordergrund, die vor der Herausforderung steht, bessere, freiere und gerechtere Verhältnisse für alle zu schaffen, sowie die Ebene des Individuums, das frei und selbstbestimmt über sein eigenes Leben verfügen kann.
Was bedeutet dies konkret? Nehmen wir als Beispiel die Integrationspolitik in Deutschland, die man aus der Perspektive des ethischen Monismus wohl eher als ‚Desintegrationspolitik‘ bezeichnen müsste. Der Grundfehler dieser Politik bestand darin, dass sie die Individuen auf vermeintlich stabile ethnische oder religiöse Gruppenidentitäten reduzierte (anfangs war es
der Türke, später dann der Muslim), was die Emanzipation des Einzelnen behinderte und die Entwicklung von Parallelgesellschaften förderte. Eine klügere Politik hätte einer solchen Stärkung von Gruppenideologien von Anfang an entschieden entgegengewirkt. Sie hätte aufgezeigt, dass ‚Integrationspolitik‘ heute vornehmlich als ‚Emanzipationspolitik‘ verstanden werden muss, da es eben nicht darum gehen kann, ‚fremde Kulturen‘ in eine wie auch immer geartete ‚deutsche Kultur‘ zu integrieren, sondern den einzelnen Individuen gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.“
Quelle: Michael Schmidt-Salomon: Die Grenzen der Toleranz. Warum wir die offene Gesellschaft verteidigen müssen. München/Berlin 2016, S. 142.

Flüchtlingssterben und kein Ende – gegen die Ignoranz unserer Zeit

Februar 29, 2016

Wäre das „Zentrum für politische Schönheit“ eine Partei – meine Stimme bei der nächsten Wahl wäre ihr gewiss! Und wenn Sie sich an dieser Stelle verwundert fragen: „Wovon ist jetzt schon wieder die Rede?“, dann sei an dieser Stelle auf eine der letzten medienwirksamen Aktionen dieser Politaktivisten, die Beerdigung von im Mittelmeer dank der tödlichen EU-Außengrenzen zu Tode gekommener Flüchtlinge im Juni 2015 vor dem Reichstag in Berlin, verwiesen. Von Kritikern als selbstbezogene Inszenierung geschmäht, von Befürwortern als überfälliges Rühren in der Wunde europäischer Kaltherzigkeit gefeiert.
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Jedenfalls gelingt es dem Kopf dieses Künstlerensembles, Philipp Ruch, in seinem als „politisches Manifest“ titulierten Werk „Wenn nicht wir, wer dann?“, in eigenwillig pathetisch-aufrüttelnder Weise, uns die Monstrosität des Status Quo in der Ägäis vor Augen zu führen, auch wenn die kalten Apologeten der Macht im Berliner Kanzleramt darüber nicht mit der Wimper zucken dürften.
Somit sei der Beitrag des Monats Februar 2016 all den Opfern des Friedensnobelpreisträgers Europäische Union (welch eine groteske Realsatire!) gewidmet, für deren Würde Philipp Ruch mit seinem mit viel Herzblut abgefassten Weckruf schonungslos und kampfeslustig streitet:

„Der Mann, der vielleicht eine Art Seismograph des humanistischen Gewissens und Handelns in Deutschland ist, Rupert Neudeck, beobachtete und erkannte die dramatische Lage auf dem Mittelmeer bereits 2004. Mit seiner korrekten Einschätzung der politischen Lage kam er aber nicht an gegen das Dehydrieren, das Ertrinken, das Überfahrenwerden Hunderttausender Menschen, die sich eigentlich voller Hoffnung in ein neues Leben aufmachen. Inzwischen hält das Massensterben auf dem Mittelmeer schon über ein Jahrzehnt an. […]
Aber wo bleiben die Menschenrechtler, die gegen die militärische Grenzabschottung protestieren? Humanität heißt, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um Menschen nicht sterben zu lassen, alle politisch verfügbaren Ressourcen zu mobilisieren, um Menschenleben zu retten. Denn dafür sind sie letztlich da, die deutsche Marine, die Außenpolitik, der Menschenrechtsausschuss des Bundestages, die großen Menschenrechtsorganisationen. […]
Das Blumenmeer nach dem Tod von Lady Di oder Michael Jackson, die Massenaufläufe bei königlichen Hochzeiten, mit Liveübertragungen auf allen Kanälen, der mediale Crash vor einer Klinik, in der Michael Schumacher liegt – diese medialen Ikonen unserer modernen Anteilnahme sind die passenden Kontrastfolien zur Teilnahmslosigkeit gegenüber den Mittelmeertoten. Die Bilder der Särge passen so gar nicht zu dem Bild, das wir von uns selbst haben. Sie verkörpern das Kollabieren unseres Anspruchs auf moralischen Fortschritt. […]
Wurden wir schon einmal in Gruppen zusammengetrieben? Hatten wir schon einmal Angst, an Ort und Stelle vergewaltigt zu werden? Haben wir schon einmal unsere eigene Vernichtung gefürchtet?
Das größte Infrastrukturprojekt unserer Zeit ist eine gigantische Schallmauer um Europa herum. Dieser Schallschutz ist mentaler Art und schützt uns davor, die Hilfeschreie weiter hören zu müssen.
Wir wollen nicht zum Ort der Schreie und Leiden dieser Welt werden. Wir wollen selbst noch etwas zum Schreien und Leiden haben. Waren wir schon einmal vollkommen rechtlos? Hat schon einmal
jemand auf uns geschossen? Ist unsere Mutter schon einmal beinahe verhungert, weil sie uns durchfüttern wollte? Glaubten wir schon einmal, der Tod wäre die Erlösung? Dass Millionen Menschen auf ihren Sofas dahinschlummern, in Gedanken vielleicht bei nichts anderem als ihrer Reisekrankenversicherung, während die Fernsehnachrichten ihnen in drastischen Bildern zeigen, welches Inferno5 sich in Syrien abspielt, macht uns zu einer Zivilisation mit hässlichen Zügen. Ich will in so einem Land eigentlich nicht leben. […]“

Quelle: Philipp Ruch: Wenn nicht wir, wer dann? Ein politisches Manifest. München 2015, S. 7 -10.