Archive for the ‘Humanität’ Category

Holocaust-Gedenken: Weniger Überlebende, mehr Relativierer und offene Hetzer

Januar 27, 2019

Der 27. Januar markiert seit der Initiative des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog 1996 hierzulande den offiziellen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Waren es doch sowjetische Truppen, die an diesem denkwürdigen Tag im Jahre 1945 das KZ Auschwitz nach jahrelanger grausamer Terrorherrschaft der Nationalsozialisten befreiten. Mehr als Grund genug also, um dieses Datum Jahr für Jahr durch Gedenkakte bis hin zum Deutschen Bundestag zu würdigen.

Zum anderen lässt sich nicht leugnen: Die Zahl der noch lebenden Holocaust-Opfer nimmt kontinuierlich ab, allein in Israel sterben von den dortigen gut 200.000 Überlebenden im Schnitt 30 – wohlgemerkt pro Tag! Es ist also quasi eine Frage realistischer Berechnung, wann sich diese Zahl auf (nahezu) Null reduziert haben wird.
Wer wird also zukünftig die Erinnerung an die größte Perversion der Menschheitsgeschichte wach halten? Zumal diese Entwicklung einhergeht einerseits mit dem Wiedererstarken der Relativierer von Rechts (siehe Gaulands „Vogelschiss-Rede“ etc.) und andererseits mit einer besorgniserregenden Zunahme offen antisemitischer Vorfälle – von der Beleidigung im Internet bis zur Gewalttat. Die Täter sind häufig Angehörige strenggläubiger muslimischer Communitys – erzogen im Sinne eines antiquierten Weltbilds, in dem Patriarchat, Antisemitismus, Homophobie und Verteufelung kritischen Denkens und damit einhergehende Angstpädagogik (Höllendrohungen) sowie soziale Bespitzelung fröhliche Urstände feiern!

Daher wäre es fatal, es bei jährlichen Gedenkritualen bewenden zu lassen und ansonsten unbekümmert zum Alltagsgeschehen zurückzukehren.
Wie Arno Frank auf SPIEGEL online treffend anmerkt:
„Mag sein, dass die Erinnerung in Ritualen erstarrt ist. Dann macht das moderne Deutschland ein Selfie von sich selbst, mit der schlimmen, aber ‚bewältigten‘ Vergangenheit im Hintergrund.
Wieder werden in Parlamenten die Vertreter der Opfer, eloquente Überlebende oder kluge Professorinnen reden – den Nachgeborenen ins Gewissen. Im Anschluss gibt es eine traurige Sonate auf der Violine und Kränze für die Gräber. Mag sein, dass Scham über die Tat und Stolz auf ihre ‚Bewältigung‘ zusammenfallen […] Neu ist, dass Politiker ganz offen ihre Menschlichkeit und Vernunft zugunsten anderer Ziele zurückstellen.

Durch Gedenkstunden nicht zu erreichen

Für solche Leute ist der Holocaust einerseits eine weltweite Verschwörung mit dem Ziel, den Widerstand gegen einen als jüdisch halluzinierten Globalkapitalismus zu schwächen. Sie bezweifeln also, dass er stattgefunden hat.
Andererseits ist Auschwitz für sie genau das, was es ‚mal wieder‘ oder überhaupt einmal bräuchte, um den als jüdisch halluzinierten Globalkapitalismus zu brechen. Sie wollen, dass der Holocaust wieder stattfindet.
Wer so denkt, ist durch Gedenkstunden nicht zu erreichen, nicht durch wissenschaftliche Beweise oder Pädagogik. Wer so denkt, dem ist das Loch im Teppich so lästig, wie es die zwingenden Lehren daraus sind. Der will es nicht besser wissen. Der hätte gern die Hände frei. Der würde gern, wie der österreichische Innenminister Herbert Kickl (FPÖ), das Primat des Rechts über die Politik umkehren.“

Worauf Frank hier anspielt, ist die Forderung Kickls, „dass das Recht der Politik zu folgen hat und nicht die Politik dem Recht“.
Im Klartext: Niemand Geringeres als der österreichische Innenminister möchte sich über die Judikative mit ihrer korrektiven Funktion hinwegsetzen, sie gar für eigene (partei-)politische Zwecke instrumentalisieren…
Und wen zählen die „Freiheitlichen“ hierzulande bekanntlich zu ihren engsten Verbündeten? Richtig, die Möchtegern-Alternativen von der AfD! Honi soit qui mal y pense!

Flüchtlinge: Europas Verbrechen des „Aus den Augen, aus dem Sinn“

August 29, 2017

Nein, ich vertrete kein naives „Offene Grenzen für alle!“, bin mir der Gefahr zunehmender islamistischer Prägung muslimischer Communitys in Deutschland auch in Folge der enormen Zahl aufgenommener Geflüchteter hierzulande seit einigen Jahren sehr wohl bewusst. Und dennoch: Die Art von Flüchtlingspolitik, welche die Europäische Union, die Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 2012, derzeit betreibt, lässt selbst in mir an sich rational denkendem Menschen nichts als maßlose Wut hochkochen:

Völlig zurecht spricht Georg Restle vom Westdeutschen Rundfunk in seinem Kommentar zum Pariser „Flüchtlingsgipfel“ von einer „Schande für dieses Land“, fordert Hilfe für die betroffenen Menschen in den Ländern des Südens statt Unterstützung libyscher Terror-Milizen mit ihren KZ-artigen Flüchtlingslagern und den geplanten Waffenlieferungen an Despoten-Regime wie dem Tschad.

Und auch der Entwicklungsökonom Alexander Betts und der Migrationsforscher Paul Collier plädieren in ihrem gemeinsamen Werk „Gestrandet. Warum unsere Flüchtlingspolitik allen schadet – und was jetzt zu tun ist“ für eine 180-Grad-Wende:
Statt die Betroffenen in menschenunwürdigen „Silos“ ohne berufliche Tätigkeit vor sich hin vegetieren zu lassen, engagieren sich beide Autoren dafür, den Geflüchteten ein möglichst hohes Maß an Eigenständigkeit zu ermöglichen – und verweisen ausgerechnet auf das bettelarme Uganda als Positivbeispiel im Umgang mit dessen aufgenommenen somalischen, kongolesischen und anderen Flüchtlingen. Diese seien gezielt in strukturschwachen Regionen angesiedelt und zur beruflichen Autonomie (Gründung kleiner Geschäfte etc.) ermutigt worden.
Für Jordanien mit seinen über 600.000 aufgenommenen Syrern versprechen sich Betts und Collier Abhilfe durch die Errichtung von Sonderwirtschaftszonen, welche speziell den Geflüchteten ökonomisch auf die Beine helfen sollen.

Auch wenn ich das Buch bis jetzt noch nicht gelesen habe, so scheinen mir hier doch vielversprechende Ansätze aufgeworfen zu werden – allemal besser als die herzlose Vorverlagerung der europäischen Außengrenzen nach Nordafrika. Shame on you, Bundesregierung – shame on you, EU!

Donalds moralischer Dualismus düpiert Denker und Dummbeutel

Januar 29, 2017

Keine zwei Wochen im Amt, schon setzt die fleischgewordene präsidiale Hirnlosigkeit aus dem Weißen Haus bereits – wie im Wahlkampf angekündigt – alles daran, denjenigen Teil der Welt, der noch über einigermaßen Hirnschmalz verfügt, mittels zahlloser Regierungsdekrete zu düpieren. Aber auch die ewig beleidigten, da strenggläubigen „Empörialisten“ (der muslimischen Welt) sehen sich in ihrem Verfolgungswahn einmal mehr bestätigt.

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Die Rede ist natürlich von Donald Trumps jüngst verhängtem Einreisestopp für Menschen aus mehrheitlich muslimisch geprägten Staaten: Syrische Flüchtlinge trifft es dabei härter (nämlich auf unbestimmte Zeit) als Personen mit irakischem, iranischem, sudanesischem, libyschem, somalischem, jemenitischem Pass sowie alle Syrer ohne Flüchtlingsstatus (zunächst befristet auf drei Monate).
Man braucht wahrlich keinen Studienabschluss in Politik- oder Islamwissenschaften, um sich auszumalen, dass diese präsidiale Glanzleistung das Misstrauen, ja den Hass auf „den“ Westen in den entsprechend indoktrinierten islamischen Fundamentalistenkreisen weltweit anstacheln wird.
Wie aber sähe eine wohlüberlegte, im Sinne einer (säkular-)humanistischen Grundhaltung geprägte Migrationspolitik aus? Sicher ganz anders, als Menschen per Generalverdacht in Angehörige „böser“ Staaten (out-group) und ihnen entgegengesetzte Inhaber „guter“ Staatsbürgerschaften“ (in-group) einzuteilen!
Der Philosoph und Geschäftsführer der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs), Michael Schmidt-Salomon, schreibt dazu:

„Ein zentraler Unterschied zwischen dem alten Paradigma des moralischen Dualismus und dem neuen Paradigma des ethischen Monismus besteht darin, dass sie im Hinblick auf die Identitätsbildung unterschiedliche Ebenen fokussieren: Das Paradigma des moralischen Dualismus war seit jeher darauf ausgerichtet, die Gruppenebene zu stärken […]. So galt es als ‚anständig‘ und ’sittlich‘, ein ‚guter Deutscher‘, ein ‚guter Türke‘, ein ‚guter Christ‘, ein ‚guter Muslim‘ zu sein. Das Paradigma des ethischen Monismus hingegen schwächt die Bedeutung der Gruppenebene ab. Stattdessen tritt die Ebene der einen Menschheit in den Vordergrund, die vor der Herausforderung steht, bessere, freiere und gerechtere Verhältnisse für alle zu schaffen, sowie die Ebene des Individuums, das frei und selbstbestimmt über sein eigenes Leben verfügen kann.
Was bedeutet dies konkret? Nehmen wir als Beispiel die Integrationspolitik in Deutschland, die man aus der Perspektive des ethischen Monismus wohl eher als ‚Desintegrationspolitik‘ bezeichnen müsste. Der Grundfehler dieser Politik bestand darin, dass sie die Individuen auf vermeintlich stabile ethnische oder religiöse Gruppenidentitäten reduzierte (anfangs war es
der Türke, später dann der Muslim), was die Emanzipation des Einzelnen behinderte und die Entwicklung von Parallelgesellschaften förderte. Eine klügere Politik hätte einer solchen Stärkung von Gruppenideologien von Anfang an entschieden entgegengewirkt. Sie hätte aufgezeigt, dass ‚Integrationspolitik‘ heute vornehmlich als ‚Emanzipationspolitik‘ verstanden werden muss, da es eben nicht darum gehen kann, ‚fremde Kulturen‘ in eine wie auch immer geartete ‚deutsche Kultur‘ zu integrieren, sondern den einzelnen Individuen gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.“
Quelle: Michael Schmidt-Salomon: Die Grenzen der Toleranz. Warum wir die offene Gesellschaft verteidigen müssen. München/Berlin 2016, S. 142.

Flüchtlingssterben und kein Ende – gegen die Ignoranz unserer Zeit

Februar 29, 2016

Wäre das „Zentrum für politische Schönheit“ eine Partei – meine Stimme bei der nächsten Wahl wäre ihr gewiss! Und wenn Sie sich an dieser Stelle verwundert fragen: „Wovon ist jetzt schon wieder die Rede?“, dann sei an dieser Stelle auf eine der letzten medienwirksamen Aktionen dieser Politaktivisten, die Beerdigung von im Mittelmeer dank der tödlichen EU-Außengrenzen zu Tode gekommener Flüchtlinge im Juni 2015 vor dem Reichstag in Berlin, verwiesen. Von Kritikern als selbstbezogene Inszenierung geschmäht, von Befürwortern als überfälliges Rühren in der Wunde europäischer Kaltherzigkeit gefeiert.
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Jedenfalls gelingt es dem Kopf dieses Künstlerensembles, Philipp Ruch, in seinem als „politisches Manifest“ titulierten Werk „Wenn nicht wir, wer dann?“, in eigenwillig pathetisch-aufrüttelnder Weise, uns die Monstrosität des Status Quo in der Ägäis vor Augen zu führen, auch wenn die kalten Apologeten der Macht im Berliner Kanzleramt darüber nicht mit der Wimper zucken dürften.
Somit sei der Beitrag des Monats Februar 2016 all den Opfern des Friedensnobelpreisträgers Europäische Union (welch eine groteske Realsatire!) gewidmet, für deren Würde Philipp Ruch mit seinem mit viel Herzblut abgefassten Weckruf schonungslos und kampfeslustig streitet:

„Der Mann, der vielleicht eine Art Seismograph des humanistischen Gewissens und Handelns in Deutschland ist, Rupert Neudeck, beobachtete und erkannte die dramatische Lage auf dem Mittelmeer bereits 2004. Mit seiner korrekten Einschätzung der politischen Lage kam er aber nicht an gegen das Dehydrieren, das Ertrinken, das Überfahrenwerden Hunderttausender Menschen, die sich eigentlich voller Hoffnung in ein neues Leben aufmachen. Inzwischen hält das Massensterben auf dem Mittelmeer schon über ein Jahrzehnt an. […]
Aber wo bleiben die Menschenrechtler, die gegen die militärische Grenzabschottung protestieren? Humanität heißt, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um Menschen nicht sterben zu lassen, alle politisch verfügbaren Ressourcen zu mobilisieren, um Menschenleben zu retten. Denn dafür sind sie letztlich da, die deutsche Marine, die Außenpolitik, der Menschenrechtsausschuss des Bundestages, die großen Menschenrechtsorganisationen. […]
Das Blumenmeer nach dem Tod von Lady Di oder Michael Jackson, die Massenaufläufe bei königlichen Hochzeiten, mit Liveübertragungen auf allen Kanälen, der mediale Crash vor einer Klinik, in der Michael Schumacher liegt – diese medialen Ikonen unserer modernen Anteilnahme sind die passenden Kontrastfolien zur Teilnahmslosigkeit gegenüber den Mittelmeertoten. Die Bilder der Särge passen so gar nicht zu dem Bild, das wir von uns selbst haben. Sie verkörpern das Kollabieren unseres Anspruchs auf moralischen Fortschritt. […]
Wurden wir schon einmal in Gruppen zusammengetrieben? Hatten wir schon einmal Angst, an Ort und Stelle vergewaltigt zu werden? Haben wir schon einmal unsere eigene Vernichtung gefürchtet?
Das größte Infrastrukturprojekt unserer Zeit ist eine gigantische Schallmauer um Europa herum. Dieser Schallschutz ist mentaler Art und schützt uns davor, die Hilfeschreie weiter hören zu müssen.
Wir wollen nicht zum Ort der Schreie und Leiden dieser Welt werden. Wir wollen selbst noch etwas zum Schreien und Leiden haben. Waren wir schon einmal vollkommen rechtlos? Hat schon einmal
jemand auf uns geschossen? Ist unsere Mutter schon einmal beinahe verhungert, weil sie uns durchfüttern wollte? Glaubten wir schon einmal, der Tod wäre die Erlösung? Dass Millionen Menschen auf ihren Sofas dahinschlummern, in Gedanken vielleicht bei nichts anderem als ihrer Reisekrankenversicherung, während die Fernsehnachrichten ihnen in drastischen Bildern zeigen, welches Inferno5 sich in Syrien abspielt, macht uns zu einer Zivilisation mit hässlichen Zügen. Ich will in so einem Land eigentlich nicht leben. […]“

Quelle: Philipp Ruch: Wenn nicht wir, wer dann? Ein politisches Manifest. München 2015, S. 7 -10.