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Betende Hände nutzlos am Ende?

August 26, 2012

Selbst über 25 Jahre nach seinen legendären Predigten hallen mir bisweilen noch die Donnerworte des ehemaligen Bremer Bezirksapostels Hermann Schumacher im Ohr, wenn er voller heiligem Zorn vom Altar polterte: „Beten hilft immer!“

Auch heute bekommt man im Gespräch mit gläubigen Menschen nicht selten das Argument zu hören, der positive Wert von Gebeten für die mit diesen Fürbitten Bedachten sei wissenschaftlich erwiesen. Was also ist dran an der behaupteten Wunderwirkung des Gebets?

Eine recht differenzierte Antwort auf diese Frage liefert der studierte Physiker und Publizist Ulrich Schnabel, bekannt als Wissenschaftsjournalist für die Wochenzeitung „Die Zeit“ sowie das Monatsmagazin „Geo“: In seinem hochspannenden und mit 532 Seiten zudem schwergewichtigen Werk „Die Vermessung des Glaubens. Forscher ergründen, wie der Glaube entsteht und warum er Berge versetzt“ geht er neben solch faszinierenden Experimenten wie der künstlichen Induzierung von Außerkörperlichen Erfahrungen u.a. auf mehrere Studien ein, welche die Wirkung des Gebetes näher unter die Lupe genommen haben:

So habe der US-amerikanische Herzspezialist Randolph Byrd 1988 mit seinem vermeintlichen Nachweis für einen positiven Einfluss von Fürbittegebeten große Öffentlichkeit erregt. Am San Francisco General Hospital habe er den Genesungsprozess von 393 Herzkranken untersucht. Für seine Studie sei eine Einteilung dieser Patienten in zwei Gruppen erfolgt, wobei für die erste Gruppe täglich von „wiedergeborenen Christen“ außerhalb des Krankenhauses gebetet wurde, während der Rest der Patienten als Kontrollgruppe diente, also keinerlei Gebetsunterstützung erhielt. Weder Kranke noch Ärzte hätten gewusst, wer zu welcher Gruppe gehörte, ein in der Wissenschaft als Doppelblindstudie übliches Standardverfahren.

Byrd habe in der Tat nach einer gewissen Zeit positive Effekte bei der „Gebetsgruppe“ im Vergleich zur Kontrollgruppe feststellen können und dies sogleich als Beleg gedeutet, dass Fürbittegebete zum jüdisch-christlichen Gott einen medizinischen Effekt gezeitigt hätten.

Der Haken bei der Sache: Byrd habe – wie sich nachträglich herausstellte – methodisch inkorrekt gearbeitet. Anstatt im Vorfeld der Studie eindeutige Kriterien zu definieren, welche Beschwerden durch die Gebete genau gelindert werden sollten, habe der Mediziner recht willkürlich 26 verschiedene Indikatoren überprüft – von der Anzahl der eingenommenen Medikamente über die notwendigen ärztlichen Interventionen bis zur Häufigkeit von Problemen etwa durch Lungenentzündung. Unter Statistikern sei diese fragwürdige Methodik auch als „Dilemma des texanischen Scharfschützen“ bekannt, da es vergleichbar mit einem Waffenliebhaber sei, der erst auf ein Scheunentor feuere und im Nachhinein erst die Zielscheibe darumherum zeichne.

Methodisch anscheinend sauberer seien dann zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Untersuchungen von Michael Krucoff sowie Herbert Benson verlaufen: Krucoff – Mitarbeiter des Medical Center der Duke University – habe den Heilungsprozess von 700 Herzpatienten nachvollzogen. Hier sei für die Hälfte der Erkrankten gebetet worden – und zwar außer von Christen auch von Muslimen, Juden und Buddhisten – und für die andere Hälfte nicht.

Etwa zeitgleich habe Benson von der Harvard Medical School eine Studie mit 1802 Bypass-Patienten in sechs Krankenhäusern in Angriff genommen. Dieser habe diesmal eine Einteilung in drei Gruppen vorgenommen: Die erste bekam mitgeteilt, dass Christen für sie jeweils 14 Tage lang ein Gebet für eine erfolgreiche Operation sowie zügige Genesung sprechen würden. Die zweite Gruppe erfuhr, dass für sie nur eventuell gebetet würde – tatsächlich war die dann auch der Fall -, während die dritte Gruppe wie üblich zur Kontrolle auf Gebete verzichten musste.

Das Ergebnis sei in beiden Untersuchungen eine herbe Enttäuschung gewesen: Weder Krucoff noch Benson gelang es, einen wie auch immer gearteten positiven Effekt der Gebete nachzuweisen. Und mehr als nur das: Bei Bensons Patienten seien die meisten Komplikationen sogar bei denjenigen aufgetreten, die wussten, dass für sie gebetet wurde (Schwierigkeiten bei 59% von ihnen im Vergleich zu 51% aus der Kontrollgruppe und 52% aus der Gruppe der „Unklaren“).

Es ist Schnabel ausdrücklich als Kriterium ausgewogener journalistischer Handwerksarbeit anzurechnen, dass er hier die Gläubigen aller Religionen nicht hämisch verspottet. So lässt er des Weiteren den Religionswissenschaftler und Psychologen Sebastian Murken von der Uni Trier zu Wort kommen. Dieser habe mit seinen Mitarbeitern in der Onkologischen Reha-Klinik Bad Kreuznach die Rolle der Religiosität bei der Bewältigung von Brustkrebs analysiert und dabei festgestellt, dass Religion durchaus helfen könne – wenn auch lediglich unter gewissen Bedingungen:

Murken zufolge fanden diejenigen Patientinnen in ihrem Glauben eine hilfreiche Stütze, die hochreligiös waren und zugleich ein positives Gottesbild besäßen. Dadurch, dass sie ihrer Krankheit einen Sinn abgewinnen konnten, sei es ihnen gelungen, diese anzunehmen und konstruktiv damit umzugehen. Sei jedoch das Bild eines strafenden Gottes bei den Betreffenden dominant gewesen, so hätten diese Patientinnen signifikant häufig unter Angst- und Depressionszuständen gelitten, da sie sich religiös begründete Vorwürfe gemacht hätten. Eine dritte Kategorie – die Vertreterinnen einer „mittleren Alltagsreligiosität“ – seien in der Klinik in erster Linie durch Verunsicherung und Zweifel aufgefallen. Schnabel lässt Murken von daher resümmieren: „Eine Religion hilft vor allem denen, die stark daran glauben, dass sie ihnen hilft.“

Quelle: Ulrich Schnabel: Die Vermessung des Glaubens. Forscher ergründen, wie der Glaube entsteht und warum er Berge versetzt. 2. Aufl. München 2008, S.39ff.

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