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„Unser täglich Bio gib uns heute!“ – Ökologismus als Religionsersatz

Juli 23, 2015

Endlich komme ich dazu, mich einem Thema zu widmen, das mir schon lange am Herzen liegt und seit meinem Engagement bei der Bremer Ortsgruppe der Umweltorganisation Greenpeace (2001 – 2005) darauf drängt, nach außen getragen zu werden.
Ich widmete mich also als (nicht mehr ganz so junger) Student von Ende zwanzig mit dem Schutz unserer Umwelt einer Aufgabe, die für mich – seitdem ich nicht mehr aktiv in der Neuapostolischen Kirche tätig war – zunehmend an persönlicher Relevanz gewonnen hatte:

karikatur Ausgelöst durch meine Abscheu gegenüber den französischen Atombombentests vor dem Pazifikatoll Moruroa 1995 war ich zunächst Fördermitglied, sechs Jahre später dann aktives Mitglied geworden. Nein, ich habe nicht Kopf und Kragen in waghalsigen Schlauchboot- oder Kletteraktionen riskiert, dafür hätte es selbstverständlich eines eingehenden Trainings bedurft, auf das ich nicht sehr erpicht war. Dennoch war mir sehr daran gelegen, als „stinknormaler“ kleiner Greenpeacer die Belange der „Regenbogenkrieger“ anlässlich von Infoständen, Messen und ähnlichen Aktionen zu vertreten.
Ein für mich damals neues Thema stellte die sog. Grüne Gentechnik dar, also der Einsatz von gentechnisch veränderten Pflanzen zum Zwecke der Herbizidtoleranz („RoundupReady“-Soja) oder der Abwehr von Fraßfeinden per gentechnisch eingeschleustem pflanzeneigenem Insektizid (hauptsächlich in Mais als sog. Bt-Mais).
Wie zu allen weiteren Umweltthemen hatte Greenpeace auch hier eine klare Position: Nein, nein und nochmals nein! Die Grüne Gentechnik führe nur zur Ausbildung von Superunkräutern, Antibiotika-Resistenzen und möglicherweise noch viel schlimmeren Folgen, wer wusste das schon so genau? An einen Beitrag im Kampf gegen den Welthunger durfte nicht einmal im Traum gedacht werden! Der gentechnisch veränderte sog. Goldene Reis (bis heute von fanatischen „Umwelt“-Organisationen immer wieder im Anbau verzögert!) hatte als Trojanisches Pferd der bösen Agrarindustrie verteufelt zu werden! War doch die Technik eine sog. „Risikotechnologie“ und von daher viel zu unerforscht, ergo zum Einsatz im Rahmen menschlicher Lebensmittelerzeugung rundum abzulehnen!

Doch neugierig wie ich nun einmal war (und heute noch bin), waren mir die Greenpeace-Verlautbarungen zum Thema nicht genug, so dass ich mich im Internet und vor allem mittels der Zeitschrift „NOVO“ (heute: „NovoArgumente“), die ich damals gerade kennengelernt hatte, eingehender mit dem Thema zu beschäftigen begann.
Und oh Wunder: Es offenbarte sich mir eine gänzlich andere Sichtweise auf die Grüne Gentechnik! So erfuhr ich z.B., dass gentechnisch veränderter Mais sehr viel seltener Schimmelpilzgifte ausbildete als herkömmlicher oder dass der Goldene Reis durch weitere Forschung deutlich mehr Beta Carotin enthalten würde als der Prototyp und zudem Kleinbauern in den Entwicklungsländern kostenlos zur Verfügung gestellt werden sollte.

Vor allem aber lernte ich, mir ein differenziertes Urteil zu bilden, anstatt kritiklos die von Greenpeace vorgegebenen Parolen nachzuplappern. Mochte es durchaus bedenkliche Praktiken z.B. durch den Gentechnik-Multi Monsanto geben, so war dies doch lange kein Grund dafür, die komplette Technik in Bausch und Bogen zu bekämpfen – zumal in einigen Entwicklungsländern staatliche Forschungsprogramme z.B. an Vitamin-A-angereicherte Kochbananen (Uganda) durchgeführt wurden.
Von wiederholten Pro-Gentechnik-Stellungnahmen seitens namhafter wissenschaftlicher Organisation ganz zu schweigen!

Je länger ich mich mit der Thematik auseinandersetzte, umso deutlicher wurde mir, dass es Greenpeace (und leider auch zahllosen weiteren vermeintlich im Dienste der Umwelt agierenden Gruppen) nicht um wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern um reine Angsterzeugung ging! Dass letzten Endes Teile der Öko-Szene munter dabei waren, einer Art Religionsersatz zu huldigen, in dem es nur Gut und Böse, Schwarz und Weiß, „heilige“ Biolandwirtschaft und „teuflische“ Gentechnik geben durfte – als Fundamentalismusgeschädigter hatte ich wohl einen siebten Sinn für so etwas!

Heute, zehn Jahre nach meinem dementsprechend nur konsequenten Abschied von Greenpeace bin ich mir noch mehr bewusst, welche Ausmaße diese selbstgefällige und gegenüber den Menschen in der Dritten Welt paternalistische Abwehrhaltung angenommen hat, betrifft sie doch bei Weitem nicht allein die Grüne Gentechnik, sondern bspw. auch die Total-Opposition gegenüber der Chemikalie DDT (die früher in der Landwirtschaft massenhaft versprüht wurde, jedoch maßvoll eingesetzt ein Segen gegen die Anophelesmücke, Überträgerin der Malaria, sein kann) oder die simplifizierende Unterteilung in „gute“ regenerative (Sonne, Wind, Wasser, Biogas etc.) und „böse“ fossile Energien (Kohle, Atom).
Wer sich einen ersten Überblick über Ökologismus (im Unterschied zur wissenschaftlichen Disziplin Ökologie) verschaffen möchte, dem seien folgende Lektüren empfohlen:
Alexander Neubacher: Ökofimmel – Wie wir versuchen die Welt zu retten – und was wir damit anrichten

Dirk Maxeiner / Michael Miersch: Alles grün und gut? Eine Bilanz des ökologischen Denkens

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