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Flüchtlingssterben und kein Ende – gegen die Ignoranz unserer Zeit

Februar 29, 2016

Wäre das „Zentrum für politische Schönheit“ eine Partei – meine Stimme bei der nächsten Wahl wäre ihr gewiss! Und wenn Sie sich an dieser Stelle verwundert fragen: „Wovon ist jetzt schon wieder die Rede?“, dann sei an dieser Stelle auf eine der letzten medienwirksamen Aktionen dieser Politaktivisten, die Beerdigung von im Mittelmeer dank der tödlichen EU-Außengrenzen zu Tode gekommener Flüchtlinge im Juni 2015 vor dem Reichstag in Berlin, verwiesen. Von Kritikern als selbstbezogene Inszenierung geschmäht, von Befürwortern als überfälliges Rühren in der Wunde europäischer Kaltherzigkeit gefeiert.
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Jedenfalls gelingt es dem Kopf dieses Künstlerensembles, Philipp Ruch, in seinem als „politisches Manifest“ titulierten Werk „Wenn nicht wir, wer dann?“, in eigenwillig pathetisch-aufrüttelnder Weise, uns die Monstrosität des Status Quo in der Ägäis vor Augen zu führen, auch wenn die kalten Apologeten der Macht im Berliner Kanzleramt darüber nicht mit der Wimper zucken dürften.
Somit sei der Beitrag des Monats Februar 2016 all den Opfern des Friedensnobelpreisträgers Europäische Union (welch eine groteske Realsatire!) gewidmet, für deren Würde Philipp Ruch mit seinem mit viel Herzblut abgefassten Weckruf schonungslos und kampfeslustig streitet:

„Der Mann, der vielleicht eine Art Seismograph des humanistischen Gewissens und Handelns in Deutschland ist, Rupert Neudeck, beobachtete und erkannte die dramatische Lage auf dem Mittelmeer bereits 2004. Mit seiner korrekten Einschätzung der politischen Lage kam er aber nicht an gegen das Dehydrieren, das Ertrinken, das Überfahrenwerden Hunderttausender Menschen, die sich eigentlich voller Hoffnung in ein neues Leben aufmachen. Inzwischen hält das Massensterben auf dem Mittelmeer schon über ein Jahrzehnt an. […]
Aber wo bleiben die Menschenrechtler, die gegen die militärische Grenzabschottung protestieren? Humanität heißt, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um Menschen nicht sterben zu lassen, alle politisch verfügbaren Ressourcen zu mobilisieren, um Menschenleben zu retten. Denn dafür sind sie letztlich da, die deutsche Marine, die Außenpolitik, der Menschenrechtsausschuss des Bundestages, die großen Menschenrechtsorganisationen. […]
Das Blumenmeer nach dem Tod von Lady Di oder Michael Jackson, die Massenaufläufe bei königlichen Hochzeiten, mit Liveübertragungen auf allen Kanälen, der mediale Crash vor einer Klinik, in der Michael Schumacher liegt – diese medialen Ikonen unserer modernen Anteilnahme sind die passenden Kontrastfolien zur Teilnahmslosigkeit gegenüber den Mittelmeertoten. Die Bilder der Särge passen so gar nicht zu dem Bild, das wir von uns selbst haben. Sie verkörpern das Kollabieren unseres Anspruchs auf moralischen Fortschritt. […]
Wurden wir schon einmal in Gruppen zusammengetrieben? Hatten wir schon einmal Angst, an Ort und Stelle vergewaltigt zu werden? Haben wir schon einmal unsere eigene Vernichtung gefürchtet?
Das größte Infrastrukturprojekt unserer Zeit ist eine gigantische Schallmauer um Europa herum. Dieser Schallschutz ist mentaler Art und schützt uns davor, die Hilfeschreie weiter hören zu müssen.
Wir wollen nicht zum Ort der Schreie und Leiden dieser Welt werden. Wir wollen selbst noch etwas zum Schreien und Leiden haben. Waren wir schon einmal vollkommen rechtlos? Hat schon einmal
jemand auf uns geschossen? Ist unsere Mutter schon einmal beinahe verhungert, weil sie uns durchfüttern wollte? Glaubten wir schon einmal, der Tod wäre die Erlösung? Dass Millionen Menschen auf ihren Sofas dahinschlummern, in Gedanken vielleicht bei nichts anderem als ihrer Reisekrankenversicherung, während die Fernsehnachrichten ihnen in drastischen Bildern zeigen, welches Inferno5 sich in Syrien abspielt, macht uns zu einer Zivilisation mit hässlichen Zügen. Ich will in so einem Land eigentlich nicht leben. […]“

Quelle: Philipp Ruch: Wenn nicht wir, wer dann? Ein politisches Manifest. München 2015, S. 7 -10.