Archive for the ‘Esoterik’ Category

Corona, der Zufall und die Naturromantiker: eine (früh-)sommerliche Reise zu den psychologischen Mechanismen der Krise

Mai 31, 2020

Erinnern Sie sich noch daran, wie Sie als Kind (vielleicht an einem lauen Sommernachmittag) rücklings auf der Wiese, am Fluss o.Ä. lagen und Ihre Fantasie aus den vorüberziehenden Wolkenformationen grässliche Ungeheuer oder auch ganz banale Alltagsgegenstände formte?

Was Sie heute mit dem Abstand vieler Jahre möglicherweise als kindlich-naive Marotte belächeln mögen, stellt jedoch nichts anderes als ein basales Prinzip des menschlichen Geistes dar: Wir neigen als Spezies dazu, überall Muster zu erkennen, selbst da, wo sich objektiv keine befinden. Insbesondere auf menschliche Gesichter scheinen wir evolutionär in besonderer Weise gepolt zu sein, spielen sie doch in unserer Existenz als soziale Lebewesen auch eine tragende Rolle im Leben.
Von daher erscheint es auch wenig verwunderlich, wenn insbesondere religiöse Menschen das Antlitz ihres jeweiligen Religionsstifters oder eines wichtigen Heiligen in, an und auf allen möglichen Gegenständen zu erblicken meinen – das berühmte Jesus-Gesicht auf der Toastscheibe erfreut sich anscheinend vor allem in streng-christlichen Kreisen der USA extremer Beliebtheit!

Doch wozu diese Ausführungen im Zusammenhang mit den sog. Hygienedemos der letzten Wochen, bei denen immer wieder alle nur denkbaren Zusammenhänge vom neuen Mobilfunkstandard 5G über die „Neue Weltordnung“ jüdischer Geheimzirkel bis zum angeblichen Zwangsimpfer Bill Gates (wahlweise auch als Massenmörder in spe, der die Menschheit auf 500 Mio. Exemplare reduzieren möchte) im Kontext der aktuellen SARS-CoV-2-Pandemie behauptet wurden und werden?
Von Expertenseite ist immer wieder betont worden, dass nicht nur Krisenzeiten zum Aufblühen sog. Verschwörungserzählungen führen und diese sich bevorzugt in politisch-radikalen Strömungen beheimatet fühlen. Vielmehr scheint es auch ein extremes Bedürfnis zu sein, hinter allen wirkmächtigen Ereignissen der Weltgeschichte eine bewusst gesteuerte Entität auszumachen: das Erdbeben von Lissabon 1755 – Beleg des göttlichen Zorns ob des sündhaften Lebens der Bewohner; die Attentate auf die New Yorker Twintowers 2001 mit ihren Tausenden Opfern – Anzeichen der unmittelbar bevorstehenden, biblisch angekündigten „Endzeit“!
Dass der Zufall im Leben des Menschen eine maßgebliche Rolle spielt (angefangen bei Zeit und Ort unserer Geburt) scheinen viele Zeitgenossen nicht mitzudenken…
Doch noch ein weiterer Zusammenhang spielt hier mit rein: Gemäß dem Amerikanisten Prof. Michael Butter hat die Abnahme religiöser Bindungen im Zuge der europäischen Aufklärungsepoche des 18. Jahrhunderts unmittelbar zur Ausprägung eines solch mechanistischen Kausalitätsdenkens geführt, in dem die Bedeutung des besagten Zufalls einfach ausgeblendet wurde.
Auch gilt es zu beachten, dass Verschwörungsdenken mitnichten immer nur ein gesellschaftliches Randphänomen ausmacht: Schließlich basierte der NS-Rassenwahn der 1930er- und 1940er-Jahre auf dem Denken des Mainstreams; in stark religiös geprägten Gesellschaften wie den Staaten des islamischen Kulturraums erfreuen sich derartig abstruse Denkfiguren wie der Glaube an die jüdische Weltverschwörung schließlich bis heute enormer Popularität. Und natürlich haftet auch jeder milden Form religiösen Glaubens ein Touch verschwörungstheoretischen Inhalts an (etwa die hinterhältigen Ränkespiele Satans als behaupteter Gegenspieler Gottes im Christentum, wenn man einmal von dessen Weichspülvariante westlicher Prägung absieht).
Und was die Impfparanoia heutiger Aluhüte betrifft: Hier zeigt sich in seiner extremen Form, wohin ein auf die Spitze getriebener Glaube an das Gute in der Natur (ergo: Ökologismus) als Religionsersatz führen kann. Wenn es in den vergangenen Jahren zu lokalen Masernausbrüchen kam, entstanden diese häufig im Umfeld anthroposophischer Einrichtungen der Waldorfpädagogik (Gründer: der Oberguru deutscher Esoterikjünger, Rudolf Steiner). Hier scheint mir die Keimzelle der deutschen Impfgegner-Szene zu liegen. Doch wer wie das Autorenduo Dirk Maxeiner und Michel Miersch seit gut 20 Jahren auf diese fatale Entwicklung aufmerksam machen wollte, sah sich vonseiten des linksliberal-ökologischen Mainstreams als Outlaw behandelt. Nun erhält diese in erschreckend hohem Maße verblödungsanfällige Gesellschaft in Form der Corona-Verschwörungsanhänger die Quittung für ihren jahrzehntelangen geistigen Müßiggang…

„Alternativen Fakten“ die rote Karte gezeigt! Reflexionen zum March for Science Frankfurt

April 22, 2017

Was bleibt vom heutigen March for Science, von dem ich soeben nach Hause zurückgekehrt bin? Da wäre zum einen das schöne Gefühl, mit ca. 1500 – 2000 gleichgesinnten Menschen durch Frankfurt gezogen zu sein – wie weltweit viele weitere Zigtausend andere auch.

Für die Freiheit der Wissenschaft und gegen die unsäglichen Versuche der Trumps, Orbáns, Erdogans & Co. aufzustehen, welche bloße Meinungen (bis hin zur puren Hetze) als Wissenschaft zu verkaufen versuchen (leider mit nicht gerade geringem Erfolg). Und ganz nebenbei habe ich dabei sogar einen supercoolen Reggae-Song kennengelernt, der mich die nächsten Tage begleiten wird…

Doch leider bleibt auch eine große Enttäuschung in mir zurück: Enttäuschung darüber, dass niemand (jedenfalls in nennenswertem Umfang) bereits in den letzten ca. 15 Jahren zu so einem beeindruckenden Event mobilisiert hat. 15 Jahre, in denen die Feinde der Wissenschaft nahezu ungehemmt ihren verquasten Dünnpfiff in die Welt posaunen und zum Gutteil in der Mitte der Gesellschaft verankern konnten – in einigen Fällen wohlgemerkt bis in die Vorlesungssäle deutscher Hochschulen: Angefangen von der Homöopathie über die sog. Quantenheilung, pseudo-alternative Impfgegner bis hin zur plumpesten Hetze gegen die komplette Pflanzengentechnik – mit katastrophalen Folgen für durch Vitamin-A-Mangel betroffene Kinder in der sog. „Dritten Welt“.

Wo wart ihr in all diesen Jahren, liebe Freunde der Wissenschaft, liebe DFG, Leopoldina, GWUP & Co., als es galt, esoterischen und anti-aufklärerischen Quacksalbern und Fundamentalisten à la Greenpeace und Rudolf-Steiner-Jüngern die rote Karte zu zeigen? Heute ist die Pflanzengentechnik in Deutschland de facto tot! Hinausgeekelt von eben jenen Idioten, die mit ihrer Desinformation maßgeblich dazu beigetragen haben, dass hierzulande aktive (und Freilandversuche tätigende) Forscher größtenteils in die USA vergrault wurden?

Und wenn nur 10 % derjenigen, die heute gegen den AfD-Bundesparteitag in Köln (prinzipiell natürlich völlig zu Recht!) in einem Habitus auf die Straße gegangen sind, als gelte es, die unmittelbar bevorstehende Machtergreifung eines deutschnationalen Enddarmprodukts vom Schlage eines Bernd Höcke zu verhindern – wenn also nur jeder Zehnte von ihnen zumindest hin und wieder sein politisches Engagement in Richtung Wissenschaftsfeinde (oder auch kreidefressende Wolf-im-Schafspelz-Islamisten) lenken würde, wäre dies ein echter Dienst an Demokratie und Aufklärung! Aber von solchen Zuständen dürften wir in der Toleranz-für-alles-außer-für-politisch-Rechte-Republik Deutschland noch meilenweit entfernt sein!

Schwachsinn auf Kassenkosten – der unheilvolle Aufstieg der Pseudo-Medizin

August 29, 2016

Der englische Publizist Keith Gilbert Chesterton (1874 – 1936) brachte es treffend wie kein Zweiter bereits vor etlichen Jahrzehnten auf den Punkt: „Wenn Menschen aufhören, an Gott zu glauben, dann glauben sie nicht an nichts, sondern an alles Mögliche.“
1023_ohne_FD

Und während in der Tat hierzulande die Mitgliederzahlen der großen Volkskirchen wie der „größten deutschen Sekte“ (sprich: der NAK) seit Jahren klar zurückgehen, bedeutet dies im Umkehrschluss leider längst nicht automatisch, dass die Betreffenden eine von Rationalismus und Wissenschaftsorientierung geprägte Weltanschauung verfechten. Im Gegenteil: Finanziell bestens ausgestattete Institutionen wie Greenpeace und Bündnis 90/Die Grünen propagieren seit Langem schon die Mär von der grundsätzlichen Gefährlichkeit der Pflanzengentechnik, Menschen sorgen sich vor absurden „Gefahren“ wie Chemtrails, glauben allen Ernstes, ihr Schicksal stehe in den Sternen oder hängen quacksalbernden Heilslehren anderer Art an: eine davon ist die Homöopathie, mit der ich mich in den letzten Wochen etwas eingehender beschäftigt habe:

Das Überraschendste an der Homöopathie ist für mich eigentlich die Tatsache, dass unsere „aufgeklärte“ Gesellschaft des 21. Jahrhunderts in anderen Bereichen wie der Chemie oder der Astronomie längst reinen Tisch gemacht und pseudowissenschaftliche Denkansätze (in diesen Fällen: die Astrologie und die Alchemie, also den Versuch, aus anderen Elementen Gold herzustellen oder mithilfe eines „Steins der Weisen“ das ewige Leben zu erlangen) in die esoterische Schmuddelecke verbannt hat.
Warum bildet aber gerade der medizinische Bereich die große Ausnahme?

Zunächst aber zur Frage, was eigentlich die Grundannahmen der Homöopathie ausmacht:
Begründet wurde diese Heilslehre in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts durch den deutschen Mediziner Samuel Hahnemann (1755 – 1843). Angesichts der katastrophalen Situation der Medizin seiner Zeit engagierte sich Hahnemann für eine scharfe Abkehr vom heute gern als „Schulmedizin“ abfällig titulierten ärztlichen Mainstream, der sog, Allopathie. Nun muss man jedoch wissen, dass die moderne Medizin von heute zur damaligen Zeit nicht einmal in Ansätzen existierte: Bakterien und Viren als Krankheitserreger waren eh unbekannt, man „kurierte“ die Patienten häufig mittels Quecksilbergaben oder Aderlass, wobei die Betreffenden nicht selten dabei verbluteten. Wunden wurden gern mit siedendem Öl ausgebrannt statt sie zu kühlen, der Gang zum Zahnarzt glich einer wahren Folterung etc. pp.
Kurzum: Hahnemann war der Ansicht, die Medizin müsse sich grundsätzlich neu aufstellen, sich zum Einen durch lange Gespräche den Patienten zuwenden und zum Anderen auch auf andere „Wirkstoffe“ setzen: Globuli (lat. für „Kügelchen“), d.h. kleine zuckerhaltige Präparate. Das Besondere daran: Seine Globuli enthielten i.d. Regel so gut wie nichts oder auch überhaupt kein einziges Molekül des sog. „Wirkstoffs“ (max. eine Verdünnung von einem Milliliter auf 50 Mio. Liter), der auch schon einmal aus getrockneten Bienen oder Tierkot bestehen konnte. Hahnemann ging nämlich davon aus, dass Krankheit gleichbedeutend mit dem aus der Balance geratenen „Lebensgeist“, also einer Kraft, die ein Lebewesen erst lebendig werden lässt.
Nun existiert bis zum heutigen Tag kein einziges Indiz, welches auf das Vorhandensein dieser ominösen Kraft verweisen würde; doch so sehr sich die Physiker von der Vorstellung eines das Weltall durchziehenden „Äthers“ verabschiedet haben, so versteiften sich Hahnemann und mit ihm Generationen seiner Jünger auf eben diese weltanschauliche Grundlage.
Des Weiteren geht Hahnemann davon aus, dass „Ähnliches mit Ähnlichem“ (lat. similia similibus curentur) geheilt werden müsse – in der Konsequenz wirkt also dasjenige Mittel, welches bei einem gesunden Menschen eine Krankheit auslöst, bei einem kranken Menschen genau umgekehrt heilend (!).
Und um diese Heilung in Gang zu bekommen bedarf es jener Zuckerkügelchen, wobei das Präparat mit steigender Verdünnung zu höherer Wirksamkeit gelangt (!).
Dass es sich bei dieser homöopathischen Grundannahme um ausgemachten Bullshit handelt, bewies spätestens vor einigen Jahren die Aktion 10:23 der „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“ (GWUP): Ab dem Verdünnung (Homöopathen nennen es „Potenzierung“) von 10 hoch 23 ist kein einziges Ausgangsmolekül der Substanz mehr enthalten, und in dieser „Dosis“ nahmen weltweit viele Teilnehmer homöopathische Mittel ein, ohne dass ihnen (wie laut Hahnemann-Jüngern eigentlich zu erwarten wäre) auch nur ein Haar gekrümmt wurde.

Zu allem Überfluss kommt es laut Hahnemann-Anhängern auch noch nach der ersten Einnahme ihrer Globuli zu einer sog. Erstverschlimmerung, was jedoch als positives Zeichen der Wirksamkeit der jeweiligen Substanz gedeutet wird – bis es in akuten Fällen zu spät sein kann, einen Arzt aufzusuchen, der tatsächlich evidenzbasiert (also wissenschaftlich) arbeitet!
Nun werdet ihr, liebe Leserinnen und Leser sicher ad hoc den einen oder anderen aus eurem Freundes- und Bekanntenkreis benennen können, bei dem/der die Einnahme homöopathischer Mittel vorgeblich geholfen hat. Dessen ist sich die Medizin mittlerweile jedoch bewusst: Der sog. Placebo-Effekt scheint hier wahre Wunder zu wirken. D.h. allein die Tatsache, dass mir jemand mit medizinischer (Schein-)Kompetenz aufmerksam zuhört, meine individuelle Situation ausgiebig in die Behandlung einbezieht und ein Mittel dagegen verordnet, kann (wie viele weitere Faktoren) schon zur Besserung meiner Lage führen! Ganz abgesehen von vielen sog. Spontanheilungen, da nicht wenige Krankheitssymptome auch gänzlich ohne Behandlung von alleine verschwinden.
Soviel also dazu, wenn Oma demnächst wieder ihre Globuli als ach so segensreiches Hausmittel anpreist… wofür leider auch seit 2005 eine zunehmende Anzahl an Krankenkassen die Kosten übernimmt.
Es versteht sich von selbst, dass methodisch einwandfrei arbeitende (doppelblinde) Studie bis heute keinen Nachweis irgendeines wirkstoffbasierten Heilerfolgs durch homöopathische Präparate erbringen konnten – wogegen die entsprechenden Esoterikmittelchen von den strengen gesetzlichen Auflagen der Wirkstoffprüfung herkömmlicher Medikamente befreit sind – ein handfester Skandal, wie ich meine!

Zur näheren Info empfehle ich diesen kritischen SPIEGEL-Artikel sowie das Buch „Die Homöopathie-Lüge“ von Christian Weymayr und Nicole Heißmann.