Archive for August 2013

Psychodynamik à la „Werk des Herrn“

August 24, 2013

Sie können schon richtig nervig sein, diverse Kritiker des „Volkes Gottes“, des „Werk des Herrn“, besonders wenn sie sich weigern, sich die süße Droge von der „NAK 2.0“ einträufeln zu lassen, dem Märchen von einer vermeintlich modernen Kirche mit rundum zufriedenen und mündigen Mitgliedern.
Indoktrination
Mit Fug und Recht kann man Detlef Streich zu diesen „Wadenbeißern“ unter den NAK-Kritikern zählen, legt er doch in mehreren quasi-wissenschaftlichen Ausarbeitungen auf seiner Homepage immer wieder den Finger in die Wunde dieser Endzeitgemeinschaft, deren Führungspersonal seit einiger Zeit viele Hebel in Bewegung setzt, um seine Religionsgemeinschaft aus der ungeliebten „Sektenecke“ herauszukatapultieren.
Aber nicht nur dort schreibt der rührige Detlef Streich mit spitzer Feder gegen das Apostelimperium der Endzeit an, seine Beiträge finden sich u.a. auch im SeeMoZ – Online Magazin am Bodensee, wo er den Konstanzer Oberbürgermeister Horst Frank aufgrund dessen Aufwartung bei der örtlichen Filiale der „Erstlinge und Überwinder“ seiner Kritik unterzog. Auf die Einzelheiten dieser Auseinandersetzung soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden, vielmehr möchte ich die aufschlussreiche Reaktion des Vorstehers einer nicht näher genannten NAK-Gemeinde offenbar aus dem deutschsprachigen Raum auf den Streich-Artikel in den Mittelpunkt meiner Ausführungen stellen:
Herr Streich führt zunächst handwerklich einwandfrei Zitate aus dem „Wort zum Monat November 2010“ (Verantwortlicher Urheber: der seinerzeitige Stammapostel Wilhelm Leber) an, die einmal mehr glasklar die subtil-manipulativen Wirkmechanismen zahlreicher neuapostolischer Predigten belegen und als das benennt, worauf sie abzielen, nämlich nicht zuletzt auf „Denkverbote“ für die Gläubigen.
Wie anders soll man es in Worte kleiden, wenn Leber in typisch-metaphorischer NAK-Sektenmanier ausführt:
„Da ist das Boot des Unglaubens und des Zweifels: Viele Menschen glauben nicht an Jesus Christus, sie glauben schon gar nicht, dass sich der Herr Jesus heute in seinen Knechten offenbart. Wenn sie aufgefordert werden, Jesu nachzufolgen, müssen sie dieses Boot des Unglaubens verlassen.“
und kurz darauf
„Viele Menschen haben ihre eigene, feststehende Meinung und sagen: Ich lasse nichts anderes gelten als das, was ich denke. Besonders was die Zukunft und die geistigen Dinge betrifft: da beharren solche Menschen auf ihren eigenen Theorien und Ideen und sind nicht zur Nachfolge bereit. Wir können aber nicht auf unsere eigene Meinung pochen, sondern wir wollen bereit sein, dem Herrn Jesus nachzufolgen.“

Die Botschaft ist klar: Eigenes Denken, welches dem Wort aus „Apostelmund“ entgegensteht oder gar zum ach so schrecklichen „Unglauben“ führt, hat bei uns nichts verloren und muss ausgemerzt werden!
(Übrigens kein allein der NAK anzulastender Verstoß gegen die grundgesetzlich garantierte Meinungsfreiheit, sondern klipp und klar im Neuen Testament belegt: „Wer zum Glauben kommt und sich taufen lässt, wird gerettet. Wer nicht glaubt, den wird Gott verurteilen.“ (Markus 16, 16) (Quelle: Gute Nachricht Bibel; George Orwell wäre angesichts dieses phänomenalen Neusprechs vonseiten des „Wahrheitsministeriums“ Deutsche Bibelgesellschaft entzückt!)

Was fällt nun unserem besagten NAK-Vorsteher (Nickname: Daniel Müller) ein, munter die Kommentar-Funktion bei „SeeMoZ“ nutzend? Nicht etwa ein Eingeständnis, dass Streich wahrheitsgemäß den obersten neuapostolischen Glaubenswächter und dessen freiheitsfeindliche Denkweise wiedergegeben habe; nein:
Ich bin sehr erschrocken über Ihre pauschale, beleidigende Stellungnahme über die Kirche, der ich angehöre. Ohne dass ich im Einzelnen zu den Vorwürfen Stellung nehme, empfehle ich Ihnen einmal wieder einen Gottesdienst zu besuchen. Sie werden überrascht sein, wie wenig von dem stimmt, was Sie vorgeben wissen zu wollen.“

Statt sich also die Mühe zu machen, um die einzelnen Kritikpunkte zu widerlegen, haben wir hier die Trotzreaktion eines kleinen Kindes vor uns, das sich – radikale Muslime lassen grüßen – auf seine verletzten religiösen Gefühle zurückzieht und alle vorgebrachten Kritiken in Bausch und Bogen als „beleidigend“ diffamiert! Zu allem Überfluss dann auch noch die unvermeidliche Forderung, einen Gottesdienst in der NAK zu besuchen. Als wenn Herr Streich dies nicht abertausendmal in seinem Leben getan hätte und auch nach seinem Ausstieg immer wieder aktuelle Predigtpassagen höchster neuapostolischer Führungspersönlichkeiten in seine kritischen Ausarbeitungen einbezogen hätte!
Dazu passend möchte ich mit einem Zitat aus einem
esoterikkritischen Werk
enden, welches ich momentan gerade zu meiner Lektüre zähle:
Psychodynamisch gesehen können sie [die Esoterikanhänger, M. H.] nun ihre eigene inwendige Unruhe auf den Kritiker projizieren. Je verzweifelter dieser nun argumentiert, desto weniger nimmt der Gutgläubige seinen eigenen Zweifel wahr, umso unzweifelhafter wirkt auf ihn seine eigene innere Überzeugung. Derart bestärkt, generieren esoterisch [lies: neuapostolisch, M. H.] Indoktrinierte eine beinahe unheimliche Courage gegenüber externen Angriffen“ .

Quelle: Johannes Fischler: New Cage: Esoterik 2.0. Wie sie die Köpfe leert und die Kassen füllt. Wien / Graz / Klagenfurt 2013, S. 170.

Werbeanzeigen