Archive for Februar 2014

„Leben wir in einem aufgeklärten Zeitalter?“

Februar 28, 2014

… mit dieser Frage Immanuel Kants beschäftigen sich nicht nur routinemäßig meine Schülerinnen und Schüler der 11. Jahrgangsstufe, wenn wir in meinem Deutschunterricht über die Literaturepoche der Aufklärung sprechen. Ich finde es in diesem Zusammenhang immer ganz reizvoll, die Jugendlichen Collagen zum Aspekt „Selbstverschuldete Unmündigkeit heute“ anfertigen zu lassen.

fagrbw

Für Kant besteht Aufklärung in Bezug auf den Menschen bekanntlich darin, „Ausgang […] aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit [zu finden]. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen.“

Die letzten Wochen waren aufgrund der medialen Berichterstattung insbesondere zu zwei Themen sehr dazu angetan, die Frage nach dem Aufklärungsgrad unserer Gesellschaft einmal mehr aufzuwerfen:
Da ging es zum einen um den Entwurf zum neuen Baden-Württembergischen Bildungsplan für 2015, der fächerübergreifend die Vermittlung von „sexueller Vielfalt“ als grundlegendem Leitprinzip vorsieht. Insbesondere die sexuellen Minderheiten lesbischer, schwuler, bisexueller, transsexueller, transgender, intersexueller und queer lebender Menschen (kurz: LSBTTIQ) sollen dadurch eine weiterreichende Akzeptanz von Seiten der Mehrheitsgesellschaft erfahren.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich dann Mitte Januar die Nachricht, dass eine Online-Petition „Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan unter der Ideologie des Regenbogens“ – initiiert seitens des evangelikalen Realschullehrers Gabriel Stängle – um Unterstützung warb – und bis zum Ende der Zeichnungsfrist den beachtlichen Zuspruch von gut 192.000 Petenten fand.

Die mittlerweile ein wenig entschärfte Fassung kommt auch auf den ersten Blick gar nicht so aggressiv-homophob daher, wie man es vielleicht erwarten würde. Erst beim näheren Hinsehen sollte man stutzig werden.
So wie Peter F., seines Zeichens homosexueller Gymnasiallehrer in einer Kleinstadt des um Stuttgart gelegenen „Speckgürtels“, einer Gegend mit hohem Anteil extrem konservativer Protestanten, den sogenannten evangelikalen Christen.
Peter F. hat gegenüber seinen Schülerinnen und Schülern sowie den meisten Kollegen sein Coming Out noch vor sich. Über die näheren Umstände – F.s Ängste und Sorgen – berichtet die „tageszeitung“ (taz) in einem bewegenden Artikel.
Dort findet sich u.a. ein Zitat aus eben jener Petition und wie F. darüber denkt: „‚Verhalten‘ steht da, der ganze Satz: ‚Aus der gleichen Würde jedes Menschen folgt noch nicht, dass jedes Verhalten als gleich gut und sinnvoll anzusehen ist‘, schreibt der Petent Gabriel Stängle. Peter F. schüttelt den Kopf. Ein bestimmtes Verhalten ist für ihn etwas Situatives, etwas, was man ändern kann. ‚Homosexualität ist ja kein Verhalten. Wer das behauptet, der hat gar nichts verstanden.'“

Und auch die Behauptung der „Anti-Regenbogenkrieger“ „Es gibt aber keinen empirisch nachweisbaren Zusammenhang zwischen Suizidgefährdung und Diskriminierung, der dies aufgrund nicht akzeptierender Einstellung im Bereich jugendlicher Homosexualität erklären kann.“ lässt sich mittlerweile aufgrund wissenschaftlicher Faktenlage nicht länger halten:
So kommt das Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich in Kooperation mit dem Verein „Dialogai“ für die Schweiz in seiner neuesten Studie zu dem Ergebnis:

„20% aller Schwulen haben einen Selbstmordversuch unternommen, d.h. eine von fünf homo- oder bisexuellen Personen. Die Hälfte dieser Suizidversuche werden noch vor dem zwanzigsten Lebensjahr verübt, öfters in Zusammenhang mit dem Coming Out (wenn jemand seine sexuelle Orientierung oder eine Gender-Identität öffentlich macht). Damit ist die Suizidgefahr bei jungen Homosexuellen im Alter von 16-20 Jahren zwei- bis fünfmal so hoch wie bei ihrer heterosexuellen Altersgenossen. Einer von drei jungen Schwulen, die sich mit Suizidgedanken tragen, geht den Schritt bis zum Selbsttötungsversuch. Eine erhöhte Suizidtendenz besteht weiter auch im erwachsenem Alter. […]

Erstmals wird für die Schweiz bestätigt, dass Homosexuelle, und ganz besonders junge Homosexuelle, eine Gruppe mit erhöhtem Selbstmordrisiko sind. Die Schlussfolgerungen des Forschungsprojekts bestätigen damit Ergebnisse aus anderen Ländern zu diesem Thema. Sexuelle Vielfalt muss bereits in der Schule thematisiert werden. Dabei sind homo- und bisexuelle Beziehungen als gleichwertige Lebensformen
wie heterosexuelle Beziehungen darzustellen.“

Eine schallende Ohrfeige also für die konservativen Petenten um Stängle, die in ihrer diffusen Homo-Abwehrhaltung nicht merken, dass eher sie und weniger der von ihnen kritisierte Bildungsplan eine ideologisch verbohrte Einstellung ausdrückt.

Doch was beim Thema Homophobie noch relativ klar ein massives aufklärerisches Echo fand, stellt sich komplett anders dar, wenn es um das Thema Pflanzengentechnik geht:
Der Anfang Februar im EU-Ministerrat zur Abstimmung bezüglich des geplanten EU-weiten Anbaus stehende mit einer Insektenresistenz ausgestattete „Gen-Mais“ 1507 (hat unveränderter Mais etwa keine Gene?) „erfreute“ sich hierzulande einmal mehr sämtlicher Propagandaregister, die die Anti-Gentechnik-Lobby von Greenpeace & Co. sowie mit ihnen verbündeter Verdummungsmedien aufzubieten hatte. Es sei an dieser Stelle aus Platzgründen lediglich auf einen erfreulich differenzierten FAZ-Artikel aus der Feder von Joachim Müller-Jung verwiesen, welcher Forschungsergebnisse referiert, die der antiaufklärerischen Gentech-Hysterie-Front nicht in den Kram passen dürften: „Wie sicher ist der Genmais?“ fragt der Autor, um dem werten Leser sogleich das Ergebnis der Studien Anthony Sheltons (Insektenkundler, Cornell University) zu präsentieren, wonach der 1507-Mais „harmloser jedenfalls als viele der herkömmlich auf den Feldern versprühten Insektiziden“ sei.

Kant hätte sicher seine Freude an diesem Beispiel ausgewogener (sprich: wahrhaft aufklärerischer) Berichterstattung, auch wenn diese – zumindest im Segment des Wissenschaftsjournalismus – auf dem absteigenden Ast begriffen zu sein scheint.
Und so bleibt ein ach so kaltherziger Rationalist wie ich („Rationale Armee-Fraktion“) am Ende mit gemischten Gefühlen zurück, wenn es um die Frage nach dem Stand der Aufklärung der bundesdeutschen Gesellschaft Anno 2014 geht…

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