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„The number of the beast“ – Wem verdanken wir die Johannesapokalypse als biblischem Bestandteil?

Januar 31, 2014

„Der erste Engel blies seine Posaune. Hagel und Feuer, mit Blut gemischt, fiel auf die Erde. Ein Drittel der Erde und ein Drittel aller Bäume verbrannten, auch alles Gras verbrannte.
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Dann blies der zweite Engel seine Posaune. Etwas, das wie ein großer brennender Berg aussah, wurde ins Meer geworfen. Ein Drittel des Meeres wurde zu Blut. Ein Drittel aller Meerestiere starb, und ein Drittel aller Schiffe wurde vernichtet.

Dann blies der dritte Engel seine Posaune. Ein großer Stern, der wie eine Fackel brannte, stürzte vom Himmel. Er fiel auf ein Drittel der Flüsse und auf die Quellen. Der Stern heißt ‚Wermut‘. Ein Drittel des Wassers wurde bitter. Viele Menschen starben an diesem Wasser, weil es vergiftet war.“
(Offb 8, 6 – 11, Übersetzung, auch aller nachfolgenden Bibelstellen: Gute Nachricht Bibel, Stuttgart 1998)

Auch heute, nach über zwanzig Jahren, erinnere ich mich hin und wieder daran, wie mich als blutjunger Konfirmand ein heiliger Schauer beim Lesen dieser und ähnlicher Bibelstellen überkam – das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes, hatte mich in ihren Bann geschlagen. Voll verinnerlichtem neuapostolischem Auserwähltheitsdünkel ( „Freuen dürfen sich die Auserwählten, die an der ersten Auferstehung teilhaben.“, Offb 20,6) und beinahe enthusiastischer Endzeitstimmung träumte ich mich in die letzten Tage der alten Erde hinein, las vom furchterregenden Tier, dessen Zahl 666 „die eines Menschen“ ist und vom kosmischen Krieg, den dieses Ungeheuer gegen Gottes Heilige führt, letztlich aber vernichtende geschlagen wird.

Bis heute stellt die Johannesapokalypse eines der faszinierendsten, aber auch dank seiner bombastisch-sadistischen Bilderwucht eines der rätselhaftesten Bücher der Christenheit, wenn nicht gar der Menschheitsgeschichte dar. Höchste Zeit also, der werten Leserin und dem verehrten Leser kurz anzureißen, wie dieses so blutrünstige, aber auch trostspendende Buch („Er [Gott] wird alle ihre Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben und keine Traurigkeit, keine Klage und keine Quälerei mehr“, Offb 21,4) Eingang in den biblischen Kanon finden konnte:

So schreibt die US-amerikanische Religionswissenschaftlerin Elaine Pagels über die Johannesapokalypse:

„Es sind Visionen, die fast auf jeden Konflikt übertragbar sind. Denn Johannes charakterisiert die ‚Bösen‘ zwar als ‚die Feigen […] und Ungläubigen und Frevler und Mörder und Unzüchtigen und Zauberer und Lügner und […] Götzendiener‘ (Offb 21,8), nicht jedoch anhand bestimmter Taten, weshalb fast jeder für sich in Anspruch nehmen kann, auf der Seite Gottes zu stehen und die ‚Bösen‘ zu bekämpfen. Im Lauf der Jahrhunderte haben seine Visionen religiöse Wut bestärkt, wie er selbst sie empfand: die Wut derer, die unterdrückt werden und auf Rache sinnen gegen jene, die ihr Volk foltern und töten. Doch jene, die im Namen Gottes foltern und töten, betrachten sich oft gleichfalls als die Gerechten, als Diener Gottes, die eine göttliche Strafe vollstrecken. […]

Christen haben diese Visionen seither immer wieder dem Wandel der Zeit angepasst und die sozialen, politischen, und religiösen Konflikte ihrer eigenen Epoche in diesen kosmischen Krieg hineingelesen, den Johannes so wortgewaltig beschwört. Höchst erstaunlich ist, in welcher Weise Konstantin die Visionen der Johannesoffenbarung von Christi Sieg über Rom zur Untermauerung seines eigenen imperialen Herrschaftsanspruchs zu nutzen verstand.“


(Elaine Pagels: Apokalypse. Das letzte Buch der Bibel wird entschlüsselt.
München 2013, S. 168f.)

Der Verfasser der Apokalypse, der häufig als identisch mit seinem Namensvetter, dem Jesus-Jünger Johannes Zebedäus und vermeintlichen Evangelisten angesehen wird (was die Bibelwissenschaft jedoch mit großer Mehrheit ablehnt), brachte seine düsteren Vorspiegelungen nach divergenter Meinung der Forschung entweder in der Regierungszeit Kaiser Neros (68/69 n. Chr.) oder unter Kaiser Domitian (81 – 96 n. Chr.) zu Papyrus.

Von Interesse ist in diesem Zusammenhang, dass bereits kurz nach der Abfassung dieses Werkes der Streit innerhalb der jungen christlichen Religion um sich griff, ob die Johannesoffenbarung als maßgebliche Glaubensgrundlage betrachtet werden solle.

Knapp 300 Jahre nach seiner Niederschrift ist es dann Bischof Athanasius von Alexandria, der 367 n. Chr. in seinem 39. Osterfestbrief den Kanon aus 27 neutestamentlichen Büchern, wie wir sie heute noch kennen, als verbindlich festlegt (also einschließlich der Johannesapokalypse) – auch wenn dies noch lange nicht das Schlusswort im Jahrhunderte währenden Gezänk um die Frage des biblischen Kanons sein sollte. Im Übrigen jener Athanasius, der als Sieger aus dem Arianischen Streit hervorgegangen war und maßgeblich dafür verantwortlich zeichnet, dass Jesus auf dem Konzil von Nizäa 325 n.Chr. als „wesensgleich (griech. homoousios) mit dem Vater“ erklärt wurde.
By the way: Athanasius war es auch, der den Sohn Kaiser Konstantins, Konstantius, als „das Tier“ der Apokalypse betrachtete.
Laut Pagels kam die Offenbarung des Johannes von Patmos Bischof Athanasius deshalb so gelegen, weil diese sich nicht nur – wie in der Zeit der Christenverfolgung vor der „Konstantinischen Wende“ 311 n. Chr. – gegen das Imperium Romanum wenden, sondern auch innerhalb der jungen christlichen Religion all diejenigen als Anhänger des „Drachens“ verleumden ließ, die dem Kirchenmann aus Alexandria als „Häretiker“ (also „Ketzer“) ein Dorn im Auge waren.

An dieser Stelle sei außerdem darauf hingewiesen, wie widersprüchlich der uns heute vertraute Kanon des Neuen Testaments Jesus darstellt: Der allseits bekannten Forderung nach Feindesliebe (Mt 5,44) steht in der Johannesoffenbarung ein überaus brutaler Weltenherrscher entgegen: „Aus seinem Mund kam ein scharfes Schwert, mit dem er die Völker besiegen wird. Er wird sie mit eisernem Zepter regieren und sie zertreten, wie man die Trauben in der Weinpresse zertritt.“ (Offb 19,15)

Wie ernst kann man einen „Gott“ nehmen, der seinen Sohn im wahrsten Wortsinn derart zweischneidig agieren lässt? Und wie ernst kann man Kirchenfunktionäre nehmen, deren krude Ansichten sie nicht an der Durchsetzung ihrer Vorstellungen zum biblischen Kanon hinderten? Ein weiteres und noch sehr viel anschaulicheres Beispiel mag die Begründung liefern, die über 150 Jahre vor Athanasius der Bischof und „Kirchenvater“ Irenäus von Lyon (ca. 135 – 202 n. Chr.) dafür abgab, um die Anzahl der biblisch kanonisierten Evangelien zu rechtfertigen:
„‚es ist nicht möglich, dass die Evangelien in ihrer Anzahl entweder mehr oder weniger sein können, als sie es sind. Denn da es vier Zonen der Welt, in der wir leben, gibt und vier Hauptwinde, während die Kirche über die ganze Erde zerstreut ist und die Säule und der Grund der Gemeinde das Evangelium ist… ist es passend, dass sie vier Säulen haben sollte…‘ Mit anderen Worten: vier Enden der Erde, vier Winde, vier Säulen – das heißt notwendigerweise auch vier Evangelien.“
(Bart D. Ehrman: Abgeschrieben, falsch zitiert und missverstanden. Wie die Bibel wurde, was sie ist.
Gütersloh 2008, S. 49f.)