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Höchste Zeit: Evolution an der Grundschule

Juni 29, 2013

Australopithecus afarensis – seelenloses Affenwesen oder von neuapostolischen Christen im Gebet einzuschließen?Australopithecus_afarensis_kl

Gott schuf die Welt in sechs Tagen und chillte nach dieser kolossalen Anstrengung am siebten. Tag 5 und 6 waren dabei der Erschaffung der Tiere und Menschen vorbehalten (vgl. 1. Mose 1, 20 – 31).

…tja, liebe Grundschüler: Möglicherweise sind die Tage gezählt, an denen ihr dieses biblische Märchen von euren Religionslehrerinnen in der Grundschule erzählt bekommen habt – selbstverständlich absolut unkritisch, um euch nicht zu verschrecken!
Mitte Juni dieses Jahres startete die Giordano-Bruno-Stiftung (GBS) zum Thema „Evolution und Grundschule“ ihr aktuelles Projekt Evokids. Die Projektverantwortlichen schreiben dazu:
„Evolution ist das wichtigste Thema der gesamten Biologie. Wer die Mechanismen der Evolution nicht versteht, dem bleibt nicht nur das Wesen der Biologie grundsätzlich verschlossen, er kann auch nicht begreifen, wer oder was der Mensch ist. Dennoch kommt der Evolution im deutschen Schulsystem keineswegs die gebotene Aufmerksamkeit zu. Das Thema wird in der Regel erst in der zehnten Klasse unterrichtet, in der Grundschule wird es üblicherweise überhaupt nicht aufgegriffen […] Das ist nicht nur didaktisch problematisch, sondern auch deshalb unverständlich, weil gerade das Thema „Evolution” der Interessenslage der Altersgruppe in besonderer Weise entspricht. So gibt es deutliche empirische Hinweise darauf, dass sich Schülerinnen und Schüler im Grundschulalter neben dem Klassiker „Dinosaurier” vor allem auch für die Fossilienentstehung, die Abstammung des Menschen, die Entstehung und Entwicklung des Lebens sowie den Landgang der Tiere interessieren.“
(www.evokids.de/projekt.html)

Man kann es gar nicht oft genug betonen, aber die Beschäftigung mit der Tatsache der Evolution regt einfach zum kritischen Denken über die Rolle des Menschen im Universum an, ob man sie nun vereinbar mit dem schöpferischen Wirken eines allmächtigen Gottes hält oder – wohl sehr viel wahrscheinlicher – eher nicht. Schließlich taucht der moderne Homo sapiens sapiens – betrachtet man die Geschichte der Erde als Tag von 24 Stunden – erst wenige Sekunden vor Mitternacht auf.
Interessant in diesem Zusammenhang ist übrigens auch die ambivalente Haltung der katholischen Kirche. Ich zitiere dazu aus Michael Schmidt-Salomon / Lea Salomon: Leibniz war kein Butterkeks Den großen und kleinen Fragen der Philosophie auf der Spur. München 2011, S. 51f.:

M. Schmidt-Salomon: […] die katholische Kirche erkennt heute offiziell an, dass es eine Jahrmillionen dauernde Evolution gab, die die heute lebenden Arten hervorbrachte. Außerdem akzeptiert die Kirche, dass Mensch und Schimpanse einen gemeinsamen Vorfahren haben, der vor etwa 6 Millionen Jahren lebte.

L. Salomon: Na, dann ist doch alles bestens!

Eben nicht! Denn die Kirche lehrt zudem, dass der Mensch nur „körperlich“ aus der Evolution hervorgegangen sei. Seine „Seele“ habe Gott jedoch separat dazu erschaffen. Und deshalb könne man die „höheren geistigen Fähigkeiten“ des Menschen, unser psychisches Erleben, unsere Art zu denken, evolutionär auch gar nicht erklären.

Wie bitte? Das menschliche Gehirn ist aus der Evolution entstanden, aber nicht in der Weise, wie wir denken und empfinden? Wie passt denn das zusammen?

Das müsstest du den Papst fragen! Nach allem, was wir wissen, ist es gar nicht möglich, Körper und Geist getrennt voneinander zu betrachten. Eine interessante Frage ist in diesem Zusammenhang übrigens, wann und wo der „liebe Gott“ damit begann, Menschen eine separate Seele hinzuzufügen. Machte er das schon bei unserem frühen Vorfahren Australopithecus afarensis vor 4 Millionen Jahren oder erst bei Homo erectus vor 2 Millionen Jahren? Besaßen die Neandertaler schon „Seelen“? Und falls nicht: Was war mit den Kindern, die aus sexuellen Verbindungen von Homo neanderthalensis und Homo sapiens hervorgingen? Hatten die bloß „halbe Seelen“?