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Die „Angst für Deutschland“ (AfD) und das deutsche „Pathos des Absoluten“ (Adorno)

Mai 28, 2018

„Ganz Berlin hasst die AfD!“ schallt es aus tausenden Kehlen überwiegend junger, linksalternativ gekleideter Politaktivisten. „Ganz Berlin hasst die Antifa!“ erwidern ihre zahlenmäßig deutlich unterlegenen, reichlich deutschlandbeflaggten politischen Gegner.

So geschehen am Sonntag, den 27. Mai im Berliner Regierungsviertel und drumherum: Die sogenannte „Alternative für Deutschland“ (AfD) hatte unter dem Motto „Zukunft Deutschland“ zur „Großdemo“ gerufen; gekommen war gerade einmal 5000 Aufrechte, die sich dem Spießrutenlauf „linksalternativer“ Gegendemonstranten aussetzen mochten. Ein Szenario, das nun schon seit Jahren in regelmäßigen Abständen zu beobachten ist und jeden an einer halbwegs rational verlaufenden politischen Debattenkultur Interessierten nur noch an ein Stück aus dem Tollhaus gedenken lässt!

Zeit also, sich ein wenig zurückzunehmen und sich der kühlen Analyse zu widmen. Z.B. in Form eines 450-Seiten-Wälzers des syrischstämmigen Politik-Profs Bassam Tibi. Er trägt den Titel „Islamische Zuwanderung und ihre Folgen. Wer sind die neuen Deutschen?“ (bzw. in der neuesten Auflage „Der neue Antisemitismus, Sicherheit und die ’neuen Deutschen'“) und breitet – leider zum Teil recht redundant – jede Menge Argumente dafür aus, den Hunderttausenden Menschen, die im Zuge der „Flüchtlingskrise“ der Jahre 2015ff. nach Deutschland geströmt sind, nun ja, mit der gebotenen Vorsicht zu begegnen.

Tibi tut das, was jedem nur rudimentär mit dem Islam Befassten schon lange klar sein muss: Er warnt davor, allzu blauäugig den zahlreichen Syrern, Afghanen, Irakern etc. entgegenzutreten und ein naives „Refugees welcome!“ auch dann noch undifferenziert aufrechtzuerhalten, wenn nicht wenige der Betreffenden sich als einschlägige Antisemiten, Homophobe, Frauenverächter, kurzum als religiös indoktrinierte Chauvinisten erwiesen haben.
An Belegen mangelt es wahrlich nicht bei Tibi; als „Premium-Beispiel“ berichtet er von einem ZEIT-Artikel Giovanni di Lorenzos, in welchem dieser das niederschmetternde Ergebnis einer Umfrage unter syrischen Flüchtlingen in Deutschland zugibt: Ca. 50 % der Befragten hatten sich als Hitler-Bewunderer geoutet, was in der ZEIT-Redaktion eine hitzige Debatte über Sinn und Unsinn einer Veröffentlichung ausgelöst habe – schließlich sei man zur Erkenntnis gelangt, die unangenehmen Fakten zu publizieren (Tibi S. 83).
Siehe auch die Ausführungen eines Hamed Abdel-Samad zur seiner Ansicht nach krachend gescheiterten Integration muslimischer Migranten hierzulande!

Doch das ficht die Anhänger_Innen der reinen „Lehre vom heiligen Flüchtling“ offenbar nicht an, betreiben sie doch ebenso wie viele Jetzt-erst-recht-AfDler ihr infantiles „Hau-den-Gegner“ (in die Pfanne, je vulgärer, desto besser versteht sich) mit ihren albernen Parolen à la „Wir sind das Volk!“, pauschaler Flüchtlingshetze (AfD) oder „Liebe statt Hass“, „Bunt statt braun“ (Gegendemonstranten).
Sehr treffend schreibt Jasper von Altenbockum in der FAZ vom „Verbohrte[n] Kulturkampf“, wenn den etablierten Parteien auch fünf Jahre nach Gründung der AfD noch immer nichts Besseres einfalle, als deren Anhänger in Bausch und Bogen als Nazis und Rassisten zu brandmarken.
Selbstverständlich sind Forderungen eines Bernd Höcke nach einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“ oder eines Alexander Gauland nach einer positiven Rezeption der „Leistungen unserer Soldaten in zwei Weltkriegen“ erschütternd, widerlich, nicht hinnehmbar – völlig klar!
Aber statt sich einzugestehen, dass die AfD trotz dumpfem Nationalismus und häufig schrillem, bisweilen völlig überzogenem Islamhass im Kern den Finger genau darauf legt, wo er hingehört, nämlich auf die „Wunde“ des haarsträubend-naiven bis fahrlässigen Umgangs weiter Teile des politischen Establishments mit dem ultrakonservativen Verbandsislam, meint man, die Dosis Volksverdummung einfach erhöhen zu können und sich noch vehementer als antirassistischer Gutmensch gegen die „Inkarnation des Bösen“, ergo die AfD, stellen zu müssen.

Vielleicht wäre es nicht verkehrt, von linksalternativer Seite mal wieder auf einen der Vordenker der eigenen politbewegten Eltern – Theodor W. Adorno – zu hören. Tibi schreibt in Bezug auf ihn:

Eine bis heute anhaltende deutsche Krankheit ist das von Adorno diagnostizierte Pathos des Absoluten, sowohl im Schlechten als auch im Guten. Adorno will nicht ‚Hitler als Schicksal dem deutschen Nationalcharakter‘ zuschreiben, betont aber dennoch, dass es nicht zufällig war, dass Hitler in Deutschland hinaufgelangte:
‚Allein schon ohne den deutschen Ernst, der vom Pathos des Absoluten herrührt […], hätte Hitler nicht gedeihen können. […] Der heilige Ernst kann übergehen in den tierischen, der mit Hybris sich buchstäblich als Absolutes aufwirft und gegen alles wütet, was seinem Anspruch nicht sich fügt.‘ Das von Adorno beanstandete
Pathos des Absoluten lebt in Deutschland auch nach Hitler fort, auch bis heute noch, sowohl links als auch rechts; ich sehe diesen Ungeist auch gerade im Willkommensmantra der linken und grünen ‚Selbstgefälligen‘ (Heinrich August Winkler) als Gesinnung deutscher, global besorgter Gutmenschen, die heute mit Hybris einen moralischen Imperialismus in Europa betreiben.“ (Tibi S. 81)

Ansonsten verbleibt mir nur, mich den Hinweisen einer der profundesten AfD-Kennerinnen, der SPIEGEL-Journalistin Melanie Amann, anzuschließen: Diese fordert in ihrem Standardwerk „Angst für Deutschland“ neben mehr „Gelassenheit“ im Umgang (S. 279) die rationale, aber auch auf eigene Authentizität abzielende Auseinandersetzung mit dieser Partei. Keinesfalls empfehle es sich, à la CSU die AfD rechts überholen zu wollen und deren teils reaktionären Heimat- und Traditionsfetischismus nachzuahmen. Wenn „Kreuzritter“ Markus Söder nur auf sie hören würde…

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