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Peinliche Konkurrenz

Oktober 25, 2013

Wer bis jetzt im Glauben war, nur Endzeitgruppierungen und andere, ihre „heiligen Schriften“ überwiegend wörtlich nehmende Religionsgemeinschaften hätten das Monopol auf peinliche Ansichten gepachtet, dem sei ein Artikel aus der Oktoberausgabe der von mir sehr geschätzten Zeitschrift „Aufklärung und Kritik“, herausgegeben von der Gesellschaft für Kritische Philosophie Nürnberg ans Herz gelegt:

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Prof. Dr. Thomas Rießinger nimmt darin die „Deutungskünste“ des ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Dr. Wolfgang Huber, entnommen dessen Buch
„Darauf vertraue ich“
, regelrecht auseinander. (Die Fettungen stellen Huber-Zitate dar, die Ziffern in Klammern weisen auf die jeweilige Seitenangabe hin.):

Er [Huber] beginnt mit dem 23. Psalm, dessen bekannte Eingangsworte „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ immer wieder gerne zitiert werden. Dass es in diesem Psalm um ein Vertrauen geht, „das an den Grenzen des Lebens Bestand behält,“ (12) will unser Autor verdeutlichen, indem er an die Ereignisse des 11. September 2001 erinnert. Nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center habe man bei einem Gottesdienst in Berlin „Zuflucht zur Sprache der Bibel“ genommen, „vor allem zum 23. Psalm, dem Vertrauenspsalm.“ (12)
In Anbetracht der Terroropfer erscheint das ein wenig seltsam. Wurde nicht gerade das „Urvertrauen“ Tausender Menschen grausam enttäuscht? Hat der Herr, der absolut vertrauenswürdige Hirte, den Opfern des Anschlags einen Tisch im Angesicht seiner Feinde bereitet, wie es der Psalm so poetisch formuliert? Hat er ihren Angehörigen Gutes und Barmherzigkeit geschenkt, worüber sich der Psalm so lobend äußert? Er hat nichts dergleichen getan – sondern – wenn man einmal seine Existenz voraussetzt – wieder einmal bewiesen, dass ihm das Schicksal der Menschen völlig gleichgültig ist. Daraus eine Aufforderung zum Gottvertrauen abzuleiten, ist doch etwas gewagt. […]

„Entscheidend freilich ist nicht das Vertrauen, das wir anderen Menschen entgegenbringen… Eine feste Grundlage für unser Leben erreichen wir erst dann, wenn wir ein letztes Vertrauen nicht in uns selbst und andere Menschen, sondern in Gott setzen.“ (17)
Das hätte er gern. Bedauerlicherweise zeigt die Geschichte der Menschheit und insbesondere die Geschichte des menschlichen Leidens, dass ein solches Gottvertrauen alles andere als angebracht ist, da der allmächtige Gott keinen sehr entgegenkommenden Umgang mit dem Vertrauensvorschuss der Menschen an den Tag legt und sie ungerührt dem Bösen in der Welt überlässt, das es ohne seinen Willen nicht geben könnte. […]

[…] unbeeindruckt erläutert unser Autor nun, das „Staunen über die Schöpfung“ gebe „unserem Gottvertrauen eine innere Gewissheit,“ der Schöpfungsglaube verhelfe „der Dankbarkeit zur Sprache“ , und „in dieser Dankbarkeit nimmt das Vertrauen, dass Gott es mit mir selbst und mit der Welt gut meint, konkret Gestalt an.“ (21)
Aus der puren Existenz des Universums und des Lebens kann man somit nicht nur schließen, dass der Schöpfer ausgesprochen vertrauenswürdig ist, man weiß sogar Bescheid über seine Intentionen: Er meint es gut mit der Welt und mit uns. Huber kommt nicht auf den Gedanken, dass man die Lage auch anders sehen könnte. Wer etwas erschafft, muss es noch lange nicht gut mit seiner Schöpfung meinen, es könnte sie auch zu Versuchszwecken aufgebaut haben und sich an den unbeholfenen Versuchen seiner Geschöpfe erfreuen, mit ihrer komplizierten Situation fertig zu werden. Oder er könnte sie bald nach dem Schöpfungsakt vergessen haben, weil sich ein interessanteres Spielzeug fand. Der Verlauf der Weltgeschichte gibt Anlass zu der Vermutung, dass solche Verhaltensweisen dem göttlichen Umgang mit der Schöpfung näher kommen als es Huber lieb sein kann.
Huber teilt uns nun mit, wir Menschen seien Beziehungswesen, aber „unter der Vorherrschaft einer egoistischen Lebensorientierung trat das in den Hintergrund. Doch das bloße Kreisen um sich selbst ist schöpfungswidrig.“ (22)
Seltsam nur, dass das große Ziel jedes Christen, der Eingang ins Paradies, ein äußerst egoistisches Ziel darstellt und die christliche Religion diesen Heilsegoismus ganz entschieden fördert. Dass die Menschen „zum Ebenbild Gottes geschaffen“ sind, (23) hilft Huber da auch nicht weiter, denn gerade Gott hat sich im Verlauf seiner biblischen Karriere nicht unbedingt als soziales, sondern eher als egozentrisches Wesen gezeigt, dem der eigene Wille über alles geht. Der menschliche Egoismus scheint daher nicht schöpfungswidrig, sondern eher schöpfungs- und sogar gotteskonform zu sein. […]

Ebenso unbegründet bleibt der Schluss, die Bibel sehe in den Menschen „nicht Diener der Götter, sondern Gottes Ebenbild.“ (24) […]
Die Würde des Menschen als eines der drei zentralen Elemente des biblischen Schöpfungsgedankens zu benennen […] erscheint daher etwas gewagt. Dass sie dort keine nennenswerte Rolle spielt, sieht man spätestens dann, wenn man die Erzählung über das Paradies weiter verfolgt. Bekanntlich stand dort im Garten Eden der Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen, und Gott verbot seinen mit Würde ausgestatteten Ebenbildern, von den Früchten dieses Baumes zu essen, „denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.“ Ich will einmal von der Frage absehen, wie in einer derartigen Drohung wohl die „Dankbarkeit für das Geschenk der Schöpfung“ veranschaulicht werden soll. Entscheidend ist, dass Gott hier den Menschen, den Ebenbildern Gottes, für eine eher harmlose Regelübertretung den Tod androht und sich dabei auch noch den Spaß erlaubt, sie in völliger Ahnungslosigkeit zu belassen: Sie konnten ja noch nicht wissen, dass ein Bruch der göttlichen Regeln eine böse Handlung sein muss, da ihnen das Essen vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen verwehrt blieb. Geht man so mit seinen Ebenbildern um? Vor allem dann, wenn man ihnen nach Hubers Auffassung eine eigene Würde zugestehen will? Gottes und Hubers Vorstellung von Menschenwürde laufen darauf hinaus, dass der Mensch Gottes Würde zu achten hat und umgekehrt Gott mit dem Menschen tun kann, was er will. Damit verdeutlicht man tatsächlich „die Überlegenheit des Schöpfers,“ (24) aber sicher nicht die Würde des Menschen, eher seine Herabwürdigung zu Gottes Spielzeug.