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„Das Eiapopeia vom Himmel“ – der Christenheit harmlose Adventsbotschaft

November 30, 2013

Mit der anbrechenden Adventszeit begegnen sie einem quasi auf Schritt und Tritt: Die altbekannten Weihnachtslieder, in wahrstem Wortsinne „alle Jahre wieder“ in unzähligen Variationen gesungen oder instrumental dargeboten.
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Eines der bekanntesten dieser Lieder ist sicherlich „Tochter Zion, freue dich“, basierend auf mehreren von Friedrich Heinrich Ranke (1798 – 1876) umgetexteten Chorsätzen aus Georg Friedrich Händels Oratorien Judas Maccabäus sowie Joshua.
Der Liedtext ist dabei in Teilen dem Buch des Propheten Sacharja (Kapitel 9, Verse 9 und 10) entnommen:
Die Gute Nachricht Bibel (Stuttgart 1998) gibt die relevante Passage wie folgt wieder:
„Freu dich, du Zionsstadt! / Jubelt laut, ihr Bewohner Jerusalems! / Seht, euer König kommt zu euch! / […] Er stiftet Frieden unter den Völkern. […]“

Für die werte Leserschaft von Interesse sollte dabei insbesondere die daraus für besagtes Adventslied abgeleitete Textzeile „Sieh, dein König kommt zu dir, ja, er kommt, der Friedefürst“ sein, wobei nach altbewährter christlicher Lesart kein anderer als der „Gottessohn“ Jesus Christus selbst dieser Friedefürst sein muss.
Ein kurzer Blick in die Weltgeschichte der letzten 2000 Jahre, aber auch die aktuelle politische Weltlage (Bürgerkrieg in Syrien, Dauerkonfliktherde Afghanistan, Pakistan, Somalia etc.) sollte dabei doch jedem halbwegs wachen Christenmenschen vor Augen führen, dass jene verheißungsvolle Friedensankündigung sich als grandioser Irrtum erwiesen hat.

Nun wäre das Christentum lediglich eine unbedeutende Randnotiz der Weltgeschichte und vermutlich niemals über die Grenzen des Mittelmeerraumes hinausgekommen, hätten sich seine Verkündiger nicht von Beginn an auf eine clevere Strategie verstanden – einer Strategie der (teils recht gewaltsamen) Umdeutung alttestamentarischer Prophetenworte auf Jesus, um ihrer allzu leichtgläubigen Anhängerschaft immer wieder aufs Neue zu versichern, dass jener Jesus von zahlreichen „alten Gottesmännern“ vorhergesagt worden und der Glaube der Gemeinde somit alles andere als naiv sei.
Aus Platzgründen möchte ich an dieser Stelle nicht näher auf Einzelheiten eingehen; es sei mir lediglich der Verweis auf das entsprechende Kapitel „Jesus von Nazareth – ein entzauberter Gottessohn“ in H.-W. Kubitzas „Jesuswahn“ sowie auf folgende Website erlaubt: „Über die Prophezeiungen zu Jesus“.

Was taten nun die christlichen Apologeten, um besagte auf Jesus gemünzte Prophetenworte so darzustellen, dass es Otto Normalchrist nicht mitbekommt, dass diese der Konfrontation mit der Realität kein bisschen standhalten können? Richtig, sie bedienten und bedienen sich bis heute einer Trias von Interpretationskniffen. Der katholische Theologe Georg Betz bezeichnet sie in seinem – auch für Agnostiker wie mich – absolut lesenswerten, mittlerweile über zwanzig Jahre alten Büchlein
„Verehren wir den falschen Gott? Wider die Verharmlosung der Sache Jesu“
als Verjenseitigung, Vergeistigung und Verprivatisierung:

„Von der Geburt des ‚Retters‘ ist da die Rede, von der Ankunft des ‚Friedensbringers‘, des ‚Erlösers‘, des ‚Führers aus dem Jammertal‘. […] Bald zweitausend Jahre wird dies nun schon verkündet. Aber ist da nicht immer noch die mächtige Sehnsucht nach dem besseren Leben und der menschlicheren Gesellschaft? Weil die Realitäten außerhalb des Gottesdienstes so ganz anders, beängstigend unheilvoll sind. Irgendwie paßt das alles nicht recht zusammen. Auch wenn man sich die Wende zum umfassenden Glück und Frieden als einen Prozeß vorstellt, der mit Jesu Kommen angefangen hat, und nicht als schlagartig eingetretenen totalen Umbruch der Verhältnisse: Was heute, zweitausend Jahre nach dem Anfang so läuft in dieser Welt, paßt wirklich nicht zu dieser Verkündigung. Eigentlich müßte die Diskrepanz irritieren. Viel schärfer kann sie kaum sein. Aber merkwürdigerweise irritiert sie die vielen Millionen, die hierzulande diese Verkündigung mitbekommen, scheint´s nicht. […]
Wie werden die biblischen Texte nun konkret eingefärbt, so daß sie sich reibungslos mit dem ganz anderen Augenschein vertragen? Eine erste Variante dieser Färbung ist die Verjenseitigung: Was die Propheten verheißen haben und im Bekenntnis der Christen mit Jesus Wirklichkeit geworden ist – […] das alles wird einfach ins Jenseits gerückt. […] Die Bibel, so dieses Deutungsmuster, spreche von dem, was nach dem Diesseits komme, vom Dermaleinst im Himmel, von der Ewigkeit nach dem kurzen Gastspiel hier auf Erden. Und weil deren Verfasser Menschen gewesen seien und nur ihren menschlichen Wortschatz zur Verfügung gehabt hätten, um von der ganz anderen Wirklichkeit zu schreiben, die ‚kein Auge je gesehen, kein Ohr je gehört‘ (1. Korinther 2,9) habe, hätten sie eben die Begriffe gebraucht, in die Menschen ihre großen Sehnsüchte kleiden: Frieden, Gerechtigkeit, Gemeinschaft, erfülltes Leben, Liebe. […]

Im Unterschied zur Verjenseitigung bezieht ein zweites Deutungsmuster, das der Vergeistigung oder Verinnerlichung , die Rede von der neuen Welt, der großen Freude und vom umfassenden Frieden durchaus auf das Jetzt, das Diesseits, die Jahre zwischen Geburt und Tod, die menschliche Geschichte. Aber es bezieht diese Worte nicht auf das menschliche Zusammenleben, auf die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse. Es versteht sie als Wort an die Seele des einzelnen, über den Zustand in seinem Herzen, den er aus der rechten Beziehung zu Gott jetzt schon gewinnt.
Die Rede vom Sieg über alle Not, vom Ende des Hungers, vom Aufblühen der Steppe – all das wird symbolisch verstanden, übertragen auf das menschliche Innere, das als chaotisches Durcheinander, als Nacht, als Wüste erlebt wird, als tot, solange es sich dem Glanz Gottes entzieht. Was die Propheten zu sagen hatten, war demnach Poesie. Der Frieden der Bibel meine den Seelenfrieden, die tiefe Ruhe, zu der das unruhige, verzagte Herz finde, die stille innere Freude und Zufriedenheit, die das Ich umfange. […]

Einen Schritt weiter ins Diesseits als die Vergeistigung und Verinnerlichung geht ein drittes Muster der Deutung und Färbung biblischer Verheißungs- und Erfüllungsaussagen und der auf sie gebauten liturgischen Texte und Gesänge: die Verprivatisierung . Sie bezieht sie durchaus auf den sozialen Raum. Aber eben nur auf den sogenannten privaten Bezirk, und der umfaßt hauptsächlich Ehe, Familie, Verwandtschaft, allenfalls noch die Nachbarschaft und den Kollegenkreis am Arbeitsplatz. Dazu kommen noch die Kirchenräume. […]

Vor allem die Schriften des Alten Testaments sind über weite Strecken hin der großen Mehrheit hierzulande völlig unbekannt. Und was an Erzählungen und Worten ins gängige Bibelbewußtsein eingegangen ist, das fristet dort ein ziemlich beziehungsloses, vereinzeltes Dasein. Solche punktuelle Bibelkenntnis ist natürlich geeignet, jede Menge ungewollter und unbemerkter Verdrehungen, Verkürzungen und Fehldeutungen zu fördern. Mir scheinen davon besonders die Propheten betroffen zu sein. […] nehmen wir Amos, den ersten Propheten, von dem Schriftliches vorliegt. Er prangert die ungerechte Verteilung der Früchte des wirtschaftlichen Aufschwungs an, der in seiner Zeit dem Nordreich beschieden ist […]:
Prophet Amos
„Hört dieses Wort, die ihr die Schwachen verfolgt und die Armen im Land unterdrückt. Ihr sagt: Wann ist das Neumondfest vorbei? Wir wollen Getreide verkaufen. Und wann ist der Sabbat vorbei? Wir wollen den Kornspeicher öffnen, das Maß kleiner und den Preis größer machen und die Gewichte fälschen. Wir wollen mit Geld die Hilflosen kaufen, für ein paar Sandalen die Armen. Sogar den Abfall des Getreides machen wir zu Geld.
Beim Stolz Jakobs hat der Herr geschworen: Keine dieser Taten werde ich jemals vergessen.“

Amos 8, 4 – 7

[…] Wir könnten weitermachen: Bodenspekulation, die Sozialgesetzgebung, der Alkoholkonsum, Gewalttätigkeit und innere Sicherheit, der politische Stil, der Modus der Wahl des nationalen Führers, das Anspruchsdenken in der Gesellschaft, die Unterdrückung und Demütigung der Armen und Schwachen, fehlende Verantwortung und Sorge um das eigene Land bei der Führungsschicht, die Pfandpraxis, bei der schon aufgrund minimaler Schulden Häuser und Grundstücke verpfändet und beschlagnahmt werden – all das ist Thema und Zielscheibe der im Auftrag Gottes ausgeübten prophetischen Kritik. Solche ganz erdverhafteten Männer sollen bei ihren Verheißungen einer besseren Zukunft aufs Jenseits vertröstet, hauptsächlich an eine innerseelische Wirklichkeit oder nur an den privaten Bezirk als Geltungsbereich gedacht haben? […]

Analog zu seinen Ausführungen über die Propheten proklamiert Betz diese absolut „bodenständige“ Theologie auch für den historischen Jesus:

Der Mann aus Nazaret, der damals durch die Dörfer und Städte zieht, in Synagogen auftritt und Kranke heilt, ist – und schon das nehmen ganz viele in seiner Tragweite nicht mehr ernst genug – Jude. Er ist im jüdischen Milieu vor bald zweitausend Jahren groß geworden. Die Menschen um ihn herum allesamt auch. Zum Jude-sein gehört damals ganz wesentlich, die Schrift zu kennen: das Alte Testament und darin nicht zuletzt die Texte der Propheten. Gerade sie sind besondes hochgeschätzt. […]
Ihm und vielen seiner Landsleute sind die Erwartungen des glückhaften Neubeginns in Israel ständig gegenwärtig. Es kann aber damals niemandem verborgen bleiben, daß das auserwählte Volk alles andere als das Modell ist, zu dem alle Völker pilgern, um zu lernen, wie man friedlich zusammenlebt und wie alle ‚Leben in Fülle‘ (Johannes 10,10) finden. […]
Besatzer beherrschen das Land, Heiden. Freiheit und Eigenständigkeit sind dahin, und das in einem Volk, das die Befreiung von der Herrschaft Ägyptens seit Jahrhunderten als das große Ereignis seiner Geschichte begeht. […]
Wer sich diesen nach Gemeinschaft, Auskommen, Freiheit, Gesundheit, nach ‚Leben‘, wirklichem, erfülltem, anerkanntem, sattem Leben schreienden Resonanzboden Jesu vergegenwärtigt, kann die Auffassung eigentlich nur absurd finden, daß Jesus die Propheten umgedeutet, hauptsächlich aufs Jenseits vertröstet oder lediglich auf die Ausbreitung des inneren Seelenfriedens hingearbeitet haben soll, nicht aber auf die Erneuerung der gesellschaftlichen Zustände, weil das nicht in sein Ressort gefallen sei. […]
Der Glaube, die Gebräuche und Träume, die Bedrückungen und Nöte der Landsleute Jesu gehen, weil meist auch gar nicht bekannt, in die heutige Wahrnehmung der Evangelien nicht mit ein. Der erhöhte Christus hat im allgemeinen Glaubensbewußtsein den historischen Jesus so verdrängt, daß kaum jemanden mehr irritiert, was die Jenseits- und Innerlichkeits(um)deutung der Evangelienaussagen oder deren Geltungsbegrenzung auf den privaten Bereich irritieren müßte.“
(S. 15, 17, 20f., 23, 25f., 31f., 33, 35, 39f., 41f.)

Soweit also der Katholik Betz in seiner messerscharfen Beobachtung der auch heute hierzulande weit verbreiteten „Kuscheltheologie“, wie sie uns gerade in der Vorweihnachtszeit mannigfaltig begegnet.
Dass Betz aus seiner Analyse nicht die letzte Konsequenz zieht und die Sache Jesu als offensichtlich gescheitert betrachtet, sei einmal dahingestellt.
Mich erinnern diese weichgespülten Theologieübungen eines innerlich weitgehend ausgehöhlten Christentums an den großen deutschen Querdenker-Dichter Heinrich Heine (1797 – 1856). Und um mit den ebenso hochpoetischen wie treffenden Worten aus seinem Gedicht „Deutschland. Ein Wintermärchen“ zu enden, in dem er ein „kleines Harfenmädchen“ auftreten lässt:


Sie sang vom irdischen Jammertal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ew’gen Wonnen.

Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.
[…]

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

In disem Sinne wünsche ich allen Lesern meines Blogs eine im wahrsten Wortsinn be-sinnliche Advents- und Weihnachtszeit!

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