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„Kultur ohne Worte“: Über verblüffende Ähnlichkeiten fundamentalistischer Parallelgesellschaften

April 30, 2019

Seit meinen ersten Zweifeln an der Richtigkeit der neuapostolischen Glaubenslehre, wobei ich Letztere zwangsläufig seit frühesten Kindertagen eingeflößt bekam, bildet die Beschäftigung mit dem Phänomen Religion mein Lebensthema.

Umso erstaunlicher finde ich es immer wieder, Parallelen zwischen der neuapostolischen (also einer unter vielen christlich-fudamentalistischen) und der (türkisch-)muslimischen Parallelgesellschaft zu entdecken.
Über erstere habe ich aus eigener Anschauung und Schriftmaterial einen tiefen Einblick gewinnen können, in letztere fallen immer wieder kurze Blicke, insbesondere durch Äußerungen meiner Schüler z.B. zur vermeintlichen Unsinnigkeit der Evolutionslehre oder dem Tabu, (als junge Frau) nach dem Abitur unverheiratet eine eigene Wohnung zu beziehen. Mittlerweile habe ich mir natürlich auch Einiges zur Parallelwelt islamisch-fundamentalistischer Prägung angelesen, die uns Erdogan und Saudi-Barbarien sei Dank seit einigen Jahren quasi vor der eigenen Haustür immer mehr scheinbar hirnlose Religionssklaven mit und ohne Kopftuch, mit und ohne langem Bart beschert.

Einen überaus anschaulichen Einblick in jenes düstere Biotop moralinsauren Spießertums vermittelt uns die mit etwas über 30 Jahren sicher zu den jüngeren Schriftsteller/innen auf diesem Gebiet zählende Germanistin und Medienwissenschaftlerin deutsch-türkischer Herkunft, Tuba Sarica. Ihr 2018 erschienenes Buch „Ihr Scheinheiligen! Doppelmoral und falsche Toleranz – die Parallelwelt der Deutschtürken und die Deutschen“ habe ich über die Osterferien studiert und gebe im Folgenden hier nun meine Eindrücke dazu wieder:

Zunächst einmal: Natürlich musste ich in jungen Jahren in einer Hinsicht weitaus weniger Kämpfe mit elterlicher und/oder kirchlicher Autorität ausfechten: Der erste Schritt in die eigenen vier Wände (bei mir mit immerhin knapp 26 Jahren mitten während meines Studiums) stellte absolut kein Problem für mich dar.
Sarica schreibt sehr deutlich: „Die muslimische Kultur ist eine Kultur ohne Worte. Das Schweigen, das die muslimische Gemeinde pflegt, ist ein Schutz vor der Welt. Indem man nicht über unangenehme Dinge spricht, weicht man unangenehmen Fragen und Antworten aus. Um der Frage nach dem Sinn des Lebens aus dem Weg zu gehen, wird ein riesiges Schauspiel veranstaltet. […] Unser Dasein liegt außerhalb unserer Kontrolle, und es würde weniger Geheul geben, wenn wir das akzeptieren und das Beste aus dem Hier und Jetzt machen würden, statt uns mit der Hoffnung auf ein ewiges Leben im Jenseits aufzuhalten.“ (S. 53f.)

Auch in meinem neuapostolischen Herkunftsmilieu (Arbeiterfamilie, allgemein: überwiegend Kleinbürgertum) habe ich eine ähnliche Erfahrung gemacht: Es wird in vielen Familien nicht bzw. kaum über Glaubensinhalte geredet, schon gar nicht kontrovers diskutiert. Und wenn, dann beschränken sich die Unterhaltungen zumeist darüber, die Predigt zu loben – zumeist ohne allzu konkret zu werden. Eine lebhafte Debattenkultur ist also das komplette Gegenteil. Selbstverständlich wird auch die unrühmliche Vergangenheit der NAK bspw. im Dritten Reich oder die sog. „Botschaft“ des Stammapostels J.G. Bischoff familiär nicht kritisch angesprochen, jenes Kirchenführers, der bis zu seinem Tod 1960 verkündete, Jesus werde noch zu seiner Lebzeit wiederkehren und „sein Werk vollenden.“

Außerdem zitiert Sarica ausführlich Immanuel Kant aus dessen berühmter „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ aus der Berlinischen Monatsschrift von 1784. Der deutsche Philosoph definiert darin Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“, welche wiederum Resultat des „Unvermögen[s], sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“ sei.
Leider habe ich keine Erinnerung mehr daran, wann mir dieses Kant´sche Diktum zum ersten Mal begegnet ist – im schulischen Religions-, Ethik- oder Philosophieunterricht jedenfalls nicht, denn weder das eine noch die beiden anderen besuchte ich in meiner Bremer Schulzeit (von Unterricht in „Biblischer Geschichte“ bis Klasse 6 mal abgesehen, im NAK-Reli- und Konfirmandenunterricht war Kant natürlich absolut undenkbar!).
Jedenfalls haben sich mir die mahnenden Philosophen-Worte nachhaltig eingebrannt, wie ein Stachel mit Widerhaken, der sich nicht mehr aus meinem wissbegierigen und freiheitsliebenden Geist entfernen ließ – zum Glück bis heute!
Auch der stark überhöhte Familienbegriff der deutschtürkischen Parallelgesellschaft, wie von Sarica beschrieben, ist mir aus NAK-Zeiten kein unbekannter: Symptomatisch dafür lautet der Titel des neuapostolischen Hofberichterstattungsblattes, welches alle 14 Tage erscheint, „Unsere Familie“, womit natürlich die weltweite NAK-Community gemeint ist. In dem Zusammenhang erinnere ich mich ebenso an die zahlreichen Zusammenkünfte mit der neuapostolischen Verwandtschaft, vor allem mütterlicherseits (meine Mutter hat drei Brüder, alle mitsamten ihren Familien bis zum heutigen Tag eifrige NAK-Kirchgänger).
Und hier haben wir ein Markenzeichen sämtlicher autoritärer Gemeinschaften weltweit vor uns: Die Betonung des Kollektivs bei gleichzeitiger Abwertung des Individuums („Du bist nichts, das Volk ist alles!“ hieß es zum Extrem gesteigert während der NS-Diktatur bekanntlich).
Schließlich noch die Frage nach der Freiwilligkeit in derartigen Institutionen: Im Zuge der bis heute immer wieder aufflackernden Kopftuchdebatte heißt es ja immer wieder aus dem Munde zahlreicher bekennender Muslimas, sie trügen das Tuch absolut freiwillig und würden nicht unterdrückt. Letzteres bestätigt Sarica sogar, spricht aber von der Selbstunterwerfung der Frauen unter das ultrakonservative Patriarchat, wenn sie – noch so ein Zitat, das sich auf ewig in meinen Geist gebrannt hat – mit Marie von Ebner-Eschenbach konstatiert:
„Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit!“ (S.50)

In nahezu verräterischer Offenheit klingt im Vergleich dazu auch der Sprecher der Neuapostolischen Kirche, Peter Johanning, wenn er sich in der entsprechenden Folge über seine Glaubensgemeinschaft im Podcast secta.fm äußert: „Wir müssen uns ganz schön abstrampeln!“

Übrigens: Der dort in Interviewausschnitten zitierte Aussteiger „Martin“ – das bin ich.

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„Ich entsage dem eigenständigen Denken…“ – evolutionsbiologisches Sparprogramm und der Glaube an den „Leibhaftigen“

April 29, 2016

Frühlingszeit ist Konfirmationszeit – nicht nur in neuapostolischen Landen. Junge Christen übernehmen Eigenverantwortung für ihren zukünftigen Glaubensweg und bestätigen (lat. confirmare) den göttlichen Bund der Taufe – so jedenfalls die Theorie.
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Die Besonderheit einer neuapostolischen Konfirmation besteht nun darin, dass die Konfirmanden ein an die altkirchliche Traditio Apostolica, einer Kirchenordnung aus dem frühen 3. Jhd., angelehntes Gelübde sprechen. Im Wortlaut heißt es dort: „Ich entsage dem Teufel und all seinem Werk und Wesen und übergebe mich dir, oh dreieiniger Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, im Glauben, Gehorsam und ernstlichem Vorsatz: Dir treu zu sein bis an mein Ende. Amen.“
Einmal abgesehen von der Tatsache, dass in klassisch-neuapostolischer Sektenmanier viele aktive NAK-Anhänger sicher auch heute noch das Wort „Gott“ innerhalb des Gelübdes automatisch mit „Neuapostolische Kirche“ gleichsetzen und zu den ach so teuflischen Werken wohl in erster Linie die „Verführung“ zum regelmäßigen Versäumen neuapostolischer Gottesdienste zählen.
Und dieser himmelschreiende Ausdruck tief verankerter religiöser Indoktrination soll hier im Folgenden etwas näher beleuchtet werden: Wie kann es angehen, dass Menschen einer ihrem Wesen nach säkularen und hochtechnisierten Gesellschaft im 21. Jhd. noch immer allen Ernstes an die Existenz und Wirkmächtigkeit des „Leibhaftigen“ glauben?
(Die entsprechende Passage „Das Böse als Person“ (Abschnitt 4.1.2 des NAK-Katechismus von 2012) kann hier eingesehen werden.)

Dieses und weitere damit zusammenhängende Phänomene beschäftigt auch zahlreiche Denker inner- wie außerhalb religiöser Gemeinschaften. Und so wurde ich bei einem meiner letzten Besuche in der hiesigen Groß-Buchhandlung auf das engagierte Werk eines liberal-protestantischen Physikers aufmerksam. Der Autor, Martin Urban, beklagt darin die seiner Meinung nach in der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) vorhandene Weltfremdheit in Glaubensfragen, allerdings auch den zunehmenden Einfluss fundamentalistischer, also die Bibel weitgehend wörtlich nehmender Kräfte (Evangelikale, Charismatiker, Pfingstler).

Ebenso thematisiert er die neuronalen Hintergründe kognitiver Prozesse, sprich: das Warum menschlichen Denkens.
Und hier knüpft Urban an das Bekennen des eigenen Glaubens an, wie es ja auch in der Handlung der Konfirmation vollzogen wird:

„Da gibt es zum Beispiel den Glaubenszeugen. Er bezeugt seinen Glauben. Was heißt das? Zeugnis geben gemeinhin Augen- oder Ohrenzeugen eines Sachverhalts, den sie damit bekunden oder bestätigen. Den Begriff ‚Zeugnis‘ mit dem Begriff ‚Glauben‘ zu verbinden, soll der Glaubens-Aussage Gewicht geben. Der Glaubenszeuge kann jedoch auch beliebigen Unsinn glauben und bezeugen. So ist zum Beispiel Martin Luther Zeuge des Wirkens von allerlei Teufeln in der Welt gewesen; etwa des Satans, der, so glaubte der Reformator tatsächlich, Ursache seiner chronischen Darm-Verstopfung gewesen sei. […]
Um die Zusammenhänge zu verstehen und zu reflektieren, sind weitere Erkenntnisse der Neurowissenschaftler wichtig. Wir wissen heute nämlich nicht nur, dass die Bilder, die wir uns von der Welt machen, nicht die Welt abbilden, sondern auch, warum das so ist: Wahrnehmung bildet die Welt nicht ab, sondern stellt sich, so der Gehirnforscher Wolf Singer, als ‚hypothesengesteuerter Interpretationsprozess dar, der das Wirrwarr der Sinnessignale nach ganz bestimmten Gesetzen ordnet und auf diese Weise die Objekte der Wahrnehmung definiert.'[…]
Denken, die Voraussetzung auch für das Zweifeln, ist anders als Glauben eine anstrengende Angelegenheit.Pro Gewichtseinheit setzt die Hirnmasse 16-mal so viel Energie um wie das Muskelgewebe. Natürlicherweise beschränkt sich unser Denken deshalb auf das Allernotwendigste. […] Das, was immer schon so war, genauer: so angesehen wurde, anzuzweifeln, ist unüblich. Auch deshalb schleppen wir die Weltbilder unserer Ahnen von Generation zu Generation. […]
Diese Neigung, sich auf Althergebrachtes zu verlassen, wird ergänzt um eine weitere problematische Eigenschaft unseres Gehirns: ‚Wenn wir nach langem Suchen und peinlicher Ungewissheit uns endlich einen bestimmten Sachverhalt erklären zu können glauben, kann unser darin investierter emotionaler Einsatz so groß sein, daß wir es vorziehen, unleugbare Tatsachen, die unserer Erklärung widersprechen, für unwahr oder unwirklich zu halten, statt unsere Erklärung diesen Tatsachen anzupassen.‘ So beschrieb es 1976 Paul Watzlawick.“

Quelle: Martin Urban: Ach Gott, die Kirche! Protestantischer Fundamentalismus und 500 Jahre Reformation. München 2016, S. 25ff.

Ach so, noch etwas, liebe „Gotteskinder“: Das so häufig auch im Rahmen von Konfirmationsgottesdiensten angestimmte Lied Chormappe 86 („Eins bitte ich vom Herrn“) entreißt ihr einfach seinem biblischen Kontext, also dem Psalm 27, 4. Und dort ist mit dem „Haus des Herrn“, in dem der Psalmist „immerdar bleiben möge“ klipp und klar der jüdische Tempel gemeint, da die meisten von ihnen in punkto Entstehungszeit auf die Zeit nach dem Babylonischen Exil, also ab 538 v.u.Z., datiert werden. (Die Einweihung des Zweiten Tempels unter Nehemia und Esra nimmt man i.d. Regel für das Jahr 515 v.u.Z. an.)

Endzeitglaube als Verschwörungstheorie

August 31, 2015

Manchmal kann es ganz aufschlussreich sein, die eigene (ehemalige) apokalyptisch ausgerichtete Religionsgemeinschaft mit ähnlich orientierten Denominationen zu vergleichen. Passiert ohnehin viel zu selten, dass Mitglieder von Endzeit-Club X sich mit Lehre und Organisation von Endzeit-Club Y oder Z beschäftigen, was ich einfach nicht verstehen kann, aber wohl in erster Linie am Hamsterrad liegt, in welches die jeweilige Gruppierung ihre Mitglieder einspannt (und zudem am theologischen Desinteresse der meisten Gläubigen, die offensichtlich froh sind, wenn sie das rituelle Bepredigtwerden ohne größeren Schaden abgesessen haben).

Apokalypse-Fragezeichen 003

Schade eigentlich, ansonsten würde vielleicht dem einen oder anderen auffallen, wie wenig einheitlich die unterschiedlichen christlichen Endzeitgruppierungen (hier: Zeugen Jehovas und NAK) die Abfolge der konkreten apokalyptischen Ereignisse anordnen.

(Zur willkürlichen In-eins-Setzung des „Ersten-Auferstehungs“-Terminus aus Offb 20,6 mit der „Entrückungs“-Passage aus 1. Kor 15, 20 und 22-24 seitens der NAK siehe den online leider auf der Autoren-Website nicht mehr verfügbaren Auszug aus Rudi Stiegelmeyrs „Die Neuapostolische Kirche – Anspruch und Wirklichkeit einer Glaubenselite – Aus Gnaden erwählt…? Band 3“, S. 555f. Weitere Artikel des theologisch brillanten Stiegelmeyr zur NAK, zur christlichen Kirche allgemein sowie zur Gesellschaftsreform siehe hier.)

Im Übrigen bestand ein Teil meiner Urlaubslektüre darin, dass ich mich den Schilderungen des ehemaligen Zeugen Jehovas Misha Anouk widmete:
„Dass Zeugen Jehovas glauben, die wahre Religion zu sein, liegt unter anderem an dir. Wenn du sie an der Haustür abweist, ist das ein Zeichen. ‚Wenn wir um der Gerechtigkeit willen Gegnerschaft und Verfolgung erdulden müssen, ist das ein Beweis, dass wir als wahre Christen in Gottergebenheit leben‘, heißt es einmal im Wachtturm. Wenn du sie hereinbittest und Interesse zeigst oder gar Zeuge Jehovas wirst: auch. Egal, was du tust, du bleibst nichts anderes als ein kleines, aber feines Glied in ihrer Indizienkette.“ (Misha Anouk: Goodbye, Jehova!, S. 53)

(Übrigens ein typisches Kennzeichen jeder Verschwörungstheorie: Jede Ablehnung/Kritik ihr gegenüber „beweist“ die vermeintliche „Wahrheit“, dass Juden, Amis, Großkonzerne etc. schon immer nur Böses im Schilde führten.)

Und die Neuapostolische Kirche? Im „Wort zum Monat“ August 2015 heißt es (ungekürztes Zitat):
„Wie kann das sein? Da geht ein Werk seiner Vollendung entgegen, das Gott selbst ins Leben gerufen hat, das er führt und leitet, in dem sein Geist die Impulse und die Richtung vorgibt, und dann stellt man allenthalben Erschwernisse und ernüchternde Entwicklungen fest: weniger Gottesdienstbesucher, kleiner werdende Gemeinden, ein schwieriger werdendes Umfeld, in dem das Evangelium und die Botschaft von der nahen Wiederkunft Christi immer weniger Resonanz finden.

Dabei, so sollte man meinen, muss die Braut Christi doch im Triumphzug ihrem Bräutigam, Jesus Christus, entgegengehen, in einem glorreichen Siegeslauf, an dessen Ende die Krone winkt?

Nimmt man die Worte von Paulus und Barnabas ernst, dann sieht die Sache ganz anders aus: „Wir müssen durch viele Bedrängnisse in das Reich Gottes eingehen.“ Kein Triumphmarsch, sondern Mühsal und Bedrängnis: Es wird schwieriger, Glauben zu behalten, es kostet mehr Kraft, treu zu bleiben. Enttäuschungen häufen sich. Man versteht vieles nicht. Man findet keine Antwort und keine Erklärung dafür, warum die Verhältnisse so sind, wie sie sind. Man sieht es im persönlichen Bereich, man sieht es in der Gemeinde und man sieht es in der Kirche insgesamt.

Warum? Weil die Kirche denselben Weg geht wie ihr Herr. Vor der Auferstehung stand das Kreuz. Aber nach der Passion, nach der Todesnacht, kam der Triumph, folgten die siegreiche Auferstehung und die Himmelfahrt. Lassen wir uns deshalb von Bedrängnissen, gleich welcher Art, nicht irritieren.“

Interessanterweise klang das vor einigen Jahren (um die Jahrtausendwende) noch ganz anders. Von Gemeindeschließungen war noch nicht (oder kaum) die Rede, mit stolz geschwellter Brust meinten die Herren NAK-Prediger, das weltweite Wachstum als sicheres Zeichen baldiger Vollendung verkaufen zu können. In einem Gottesdienst bezog der damalige Stammapostel Fehr sogar das Wort aus Jesaja 2, 2 („Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen […]“; zit. n. Luther Bibel 1984) auf die seinerzeitige Situation seiner Endzeitgemeinschaft.

(Leider war es mir trotz mehr als einstündiger Suche nicht möglich, Datum, Ort und Predigtinhalte Fehrs zu diesem Textwort online ausfindig zu machen. Dass dieser Gottesdienst aber kein Hirngespinst ist, dafür verbürge ich mich!)

Vor allem fällt am zitierten „Wort zum Monat“ (wie generell häufig an Publikationen/Predigten apokalyptisch orientierter Gemeinschaften) auf: Es wird keinerlei (und wenn, dann höchstens absolut oberflächliche) Ursachenforschung betrieben, warum denn „Evangelium und die Botschaft von der nahen Wiederkunft Christi immer weniger Resonanz finden“. In vielen Fällen mag es ja wirklich zutreffen, dass sich ein relativ unreflektierter „Gewohnheits-Atheismus“ bei den (Gott sei Dank nur schwach) indoktrinierten Endzeitgläubigen im Laufe der Zeit Bahn bricht und man mit Glaubensfragen (verständlicherweise!) erst einmal nicht weiter behelligt werden möchte. Aber vielfach betrifft es auch (Ex-)Mitglieder, die sich gerade intensiv mit ihrem (zumeist übergestülpten, da von Kindheit ansozialisierten) Glauben auseinandersetzen und aufgrund einer tragfähigen Argumentationsgrundlage zu abweichenden Ergebnissen als von der Kirchenleitung vorgegeben kommen.
Für Endzeitgläubige natürlich ein GAU, rechnen sie doch (idealerweise) täglich mit dem Anbrechen von „Harmageddon“ (Zeugen Jehovas) bzw. der Wiederkunft Christi und der unmittelbar darauffolgenden „großen Drangsal“ (NAK, Siebenten-Tags-Adventisten, zahlreiche Evangelikale und Pfingstler). Aber die Psychodynamik apokalpytischer Gläubiger ist dann doch ein ganz eigenes, separat abzuhandelndes Thema, dem ich mich sicher auch noch annehmen werde, „so der Herr bis dahin nicht gekommen ist“ 😉

Aufklärung meets NAK

Juni 30, 2015

Anlässlich der beiden diesjährigen Jugendtage der Neuapostolischen Kirche Süddeutschland am 28.06. in Nürnberg sowie 12.07. in Offenburg hat die Kirchenleitung eine spezielle Website eingerichtet, auf der jedes (vornehmlich natürlich jugendliche) Kirchenmitglied besondere Grüße, Wünsche und Botschaften im Zusammenhang mit diesen beiden Kirchenevents hinterlassen kann – anonym und ohne dass das Datum der Eingabe angezeigt würde.

Neugierig wie ich bin habe ich mich in der letzten Woche dort umgesehen und bin an folgendem Statement hängengeblieben:
„Ich komme gerade aus der Uni, aus einer Stunde, wo es um Aufklärung und Atheismus ging. Was war ich froh, als ich mittendrin denken konnte ‚(m)ein Gott sei Dank‘ darf ich Glauben haben!'“

Nun bin ich ja als Deutsch- und Ethiklehrer quasi prädestiniert, zu diesem für religiös-überhebliche Auserwähltheitsdünkel typischen Eintrag meinen Kommentar an irgendeiner Stelle im Netz zu hinterlassen. Und da der neuapostolische Zensor selbstverständlich meinen dezenten Hinweis auf den mutmaßlichen Stand der „Ketzer“-Verfolgung im 21. Jahrhundert für den Fall nicht erfolgter Aufklärung seit Kant, Lessing & Co. nicht meinte auf 2nak.de veröffentlichen zu müssen, hole ich dies etwas ausführlicher an dieser Stelle nach:

Zunächst einmal sei für den weniger themenkundigen Leser festgehalten, wie Immanuel Kant (1724 – 1804), DER Aufklärer schlechthin, seine berühmte Frage „Was ist Aufklärung?“ beantwortet:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.
Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. […]“

Ich bezweifle sehr, dass der Student / die Studentin, der / die für obigen Eintrag verantwortlich zeichnet, a) sich umfassend mit der Epoche der europäischen Aufklärung befasst hat oder vor hat dies zu tun und b) sich Kants obiges Diktum zu Herzen nehmen und auf die eigene religiöse Sozialisation in der neuapostolischen Endzeitgemeinschaft anwenden würde. (Die Fähigkeit zum Transfer erarbeiteter Inhalte auf neue Situationen, insbesondere wenn sie ganz unmittelbar die eigene Lebensgestaltung angehen, scheint ohnehin ein Problem vieler heutiger Schüler zu sein, soweit mein subjektiver Eindruck aus ca. acht Jahren Lehrererfahrung.)
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Insbesondere kann ich nur jedem, der sich für diese so immens wichtige Epoche unseres europäischen Geisteslebens, der Aufklärung, interessiert, empfehlen, sich ein wenig mit Lessing (1729 – 1781) und dem sog. Fragmentenstreit zu beschäftigen:
Dabei handelt es sich um eine weitreichende Auseinandersetzung Lessings mit dem protestantisch-orthodoxen Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze (1717 – 1786) im Anschluss an Lessings posthume (Teil-)Veröffentlichung bibelkritischer Analyse-Ergebnisse des Hamburger Gymnasialprofessors Hermann Samuel Reimarus (1694 – 1768) unter dem Titel „Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes“.
Mag Reimarus sicher recht radikale Thesen (u.a. die Apostel und Jesus als Betrüger) aufgestellt haben, so sollte uns der Versuch Goezes eine Mahnung sein, die Errungenschaften der damals noch sehr fragilen Aufklärung, in erster Linie Meinungsfreiheit auch und gerade in religiösen Fragen, zu blockieren und damit der dringenden gesellschaftlichen Liberalisierung den Riegel vorzuschieben!
Medial wenig beachtet mobilisieren überwiegend homophobe evangelikale Christen in der Region um Stuttgart aktuell gegen die sog. „Ehe für alle“, ganz abgesehen von den freiheitsfeindlichen Auswüchsen in Teilen der muslimischen Community hierzulande.
(Ich lese momentan das zweite Buch des ehemaligen Berlin-Neuköllner Bezirksbürgermeisters Heinz Buschkowsky: „Die andere Gesellschaft“ ).
Aber „leider Gottes“ wird all dies den kleingeistigen Horizont unseres neuapostolischen Studierenden mit besagtem Eingangsstatement nicht tangieren, wird er / sie mit hoher Wahrscheinlichkeit die Auserwähltheits-Predigten seiner / ihrer „Vorangänger“ einer grundlegenden geistigen Auseinandersetzung mit der Epoche der Aufklärung einschließlich Reflexion zur Relevanz für den eigenen Lebensentwurf vorziehen. Dies ist immer wieder ein kleiner, in der Summe jedoch herber Schlag für das niemals endende Projekt der Aufklärung!

Das Fähnchen stramm im Wind – zum Opportunismus der NAK im „Arbeiter- und Bauernstaat“

März 28, 2015

Dass sozialistische Regime und christliche Gemeinschaften i.d. Regel kein besonders herzliches Verhältnis zueinander pfleg(t)en, gehört heute sicher zum Allgemeinwissensbestand der meisten Bürger. Man denke etwa an die Evangelische Kirche der untergegangenen DDR, welche zu einer Hochburg zivilgesellschaftlicher Gegenkultur gegen den autoritären sozialistischen Ein(heits-)parteienbrei gezählt werden kann.
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Die Tatsache, dass es jedoch gravierende Ausnahmen innerhalb des religiösen Spektrums gab, dürfte vielen – selbst am religiösen Geschehen innerhalb des deutschen Sprachraums Interessierten – unbekannt sein.
Nun, allem Anschein nach haben wir es mit der Neuapostolischen Kirche (NAK) in der DDR mit eben jener Ausnahme-Erscheinung zu tun:

Diese Erkenntnis zu verdanken haben wir insbesondere Olaf Wieland, Mitglied der NAK-Gemeinde Berlin-Weißensee und aktiv im Verein für Freikirchenforschung e.V. Münster sowie der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur Berlin.
Was dieser in seiner in der Religions-Zeitschrift „Berliner Dialog“ im Herbst 2014 veröffentlichten Ausarbeitung unter dem Titel „Vom Segen gemeinsamer Arbeit“ – Neuapostolische Kirche (NAK) und das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der damaligen DDR veröffentlichte, verschlägt selbst Kennern der Neuapostolischen Kirche mitunter den Atem. So soll Bezirksapostel Wilhelm Pusch als „‚im Auftrag des MfS [Ministerium für Staatssicherheit der DDR] reisender Begünstigter'“ Kontakte bis hin zu deren oberster Leitungsebene in Gestalt von „Stasi-Minister“ Erich Mielke unterhalten haben und der Repräsentativ-Bau des NAK-Gotteshauses Berlin-Lichtenberg 1978/79 (mit 2500 Sitzplätzen) durch ein DDR-Wachregiment erfolgt sein.

Ich will an dieser Stelle die Inhalte von Wielands Beitrag gar nicht groß kommentieren. Nur sei mir bei aller berechtigten Kritik, die nun in der NAK-Kritikerszene ob des an den Tag kommenden opportunistischen Gebahrens der NAK im Verhältnis zur sozialistischen Staatsführung sicher berechtigterweise geäußert wird, der Hinweis gestattet:
Ganz so unchristlich, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag, hat sich die Leitung der DDR-NAK nun auch wieder nicht verhalten. Natürlich werden viele nun mit dem biblischen Jesus argumentieren, der schließlich auch gegenüber „den“ heuchlerischen Pharisäern und geldgeilen Geldwechslern im Tempel „klare Kante“ gezeigt habe und daher als politischer Aufrührer mit dem Leben bezahlen musste.
Aber genau hier, an der Schilderung der Todesumstände Jesu „versündigte“ sich die christliche Überlieferung in einer Weise, wie sie fataler nicht hätte ausfallen können: Statt die für die Kreuzigung verantwortlichen römischen Besatzer für die Ermordung des „Gottessohnes“ anzuprangern, schoben die Autoren der Evangelien pauschal „den“ Juden die Schuld in die Schuhe – nicht etwa nur einem kleinen Kreis innerhalb der Tempelpriesterelite (Sadduzäer). Und dies nur, soweit ist sich die Bibelforscherzunft einig, um der eigenen aufstrebenden christlichen Gemeinschaft im Imperium Romanum günstige Startbedingungen zu verschaffen und einer knallharten Verfolgung vorzubeugen (was bekanntlich nur partiell gelang). Die Folgen dessen sind bekannt, ansonsten in jeder Ausarbeitung zur Geschichte des jüdischen Volkes nachzulesen. „Wer Ohren hat, der höre…“

Schneider, der religiöse Individualismus und das Demokratiedefizit religiöser Gesellschaften

Juli 24, 2014

Dass streng-religiöse Menschen häufig Probleme mit allzu individualistischen (Un-)Glaubensansichten haben, dürfte eine triviale Erkenntnis sein. Auch in der Neuapostolischen Kirche hätte bspw. ein Immanuel Kant (1724 – 1804) mit seinem „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ deshalb heute noch einen schweren Stand.
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Von daher dürfte folgender Auszug aus der
Predigt des Stammapostels Jean-Luc Schneider
vom 15.06.2014 in Berlin-Wilmersdorf beim NAK-erfahrenen Leser (erst recht beim NAK-Predigt-Geschädigten) keine große Aufregung auslösen:

Als Grundlage dienten folgende beiden Verse aus dem 2. Korintherbrief:
„Denn ich eifere um euch mit göttlichem Eifer; denn ich habe euch verlobt mit einem einzigen Mann, damit ich Christus eine reine Jungfrau zuführte. Ich fürchte aber, dass wie die Schlange Eva verführte mit ihrer List, so auch eure Gedanken abgewendet werden von der Einfalt und Lauterkeit gegenüber Christus.“ (2Kor 11,2.3)
Dazu führte Schneider u.a. wie folgt aus:
„Die Einfalt gegenüber Christus gehe […] dann verloren, wenn der Mensch sich auf die Ebene Gottes begebe, mahnt der Stammapostel: ‚Diese Tendenz kennen wir: Ich weiß, was gut für mich ist. Ich weiß, was ich machen muss, um das Heil zu erlangen. Man will frei entscheiden, was Sünde ist und was nicht. Jeder Gläubige will entscheiden, wie er mit dem göttlichen Gesetz umgeht. Nur, das geht so natürlich nicht.'“

Wie passend fügen sich da folgende empirischen Forschungsergebnisse zum Zusammenhang von Religiosität und Friedfertigkeit/Demokratie in einer Gesellschaft ins Bild, wie „Bild der Wissenschaft“ am 19.02.2013 unter der Überschrift „Göttliche Gesellschaften“ vermeldete:

„Wie ‚religiös‘ eine Gesellschaft ist, wurde […] empirisch ermittelt anhand der Selbsteinschätzung der Einwohner, der Häufigkeit des Betens, der Zahl der Gottesbesuche [sic!] oder des Anteils an Kirchenmitgliedern oder anderen religiösen Gemeinschaften. Je ungerechter es in einer Gesellschaft zugeht und je weiter die Schere zwischen den Einkommen geöffnet ist, desto höher ist der Stellenwert der Religion, so Gregory Paul und seine Kollegen. Und: In Ländern mit größeren Einkommensunterschieden sind sowohl ärmere als auch reichere Menschen eher religiös als in Ländern mit geringeren Unterschieden – Reiche sogar überproportional stark. In wirtschaftlich ausgeglichenen Ländern sind sie dagegen weniger religiös als die Armen.

Dass ‚ungläubigere‘ Länder hinsichtlich der Einkommensverteilung und den anderen soziologischen Indikatoren besser abschneiden, zeigten inzwischen mehrere Analysen auch einzelner Gesellschaftsmerkmale. So ist die Demokratie dort stärker ausgeprägt, wo Gott eine geringere Rolle spielt.

Das wies ein Forscherteam unter der Leitung von Marc Bühlmann von der Universität Zürich und Wolfgang Merkel vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung nach. Sie hatten 30 Nationen anhand von über 100 empirischen Indikatoren für demokratische Prinzipien wie Freiheit, Gleichheit und Kontrolle untersucht – also beispielsweise die Möglichkeit der Mitbestimmung, der Transparenz von Entscheidungsprozessen und das Ausmaß der Korruption.[…]
Die religiösen Selbsteinschätzungen stammen vom World Values Survey (WVS), einer groß angelegten weltweiten Umfrage, die seit den 1980er-Jahren immer wieder durchgeführt wird.
Atheistischere Länder sind friedlicher. Das zeigte der britische Religionswissenschaftler und Biologe Tom Rees mit einer Auswertung des Global Peace Index 2009. Dieser bewertet den Friedensgrad anhand von 23 Kriterien – darunter Kriege, Bürgerkriege, das Ausmaß von Menschenrechtsverletzungen und Waffenhandel, die Zahl der Morde und der Gefängnisinsassen sowie der Grad der Demokratisierung. Wie friedlich ein Land ist, korreliert positiv mit dem Prozentsatz der Atheisten und negativ mit dem Prozentsatz derjenigen religiösen Menschen, die gemäß dem WVS mindestens einmal im Monat einen Gottesdienst besuchen.“

Wir halten also fest: Gläubige nach dem Religionsverständnis à la NAK (respektive J.-L. Schneider), die brav nur das glauben, was ihnen die allweisen Segensträgerlein einplaudern („Glauben nach Zahlen“ in Anlehnung an das bekannte Kinder-Spielzeugset „Malen nach Zahlen“), sind tendenziell demokratie- und friedensunfähig! Ein Schlag ins Gesicht für die Möchtegern-Elite der künftigen „Könige und Priester“ im „Tausendjährigen Friedensreich“ der Johannes-Apokalypse.

Diese beiden Werte (Demokratie und Frieden) setzen nun einmal Selbstreflexions- und -verantwortungsfähigkeit voraus. Dann würde vielleicht auch der eine oder die andere Gläubige darauf kommen, dass
a) der „Sünden“-Begriff sinnvollerweise von der Frage ausgehen sollte, ob jemand überhaupt real geschädigt worden ist (was auf angeblich „widergöttliche“ Verhaltensweisen wie einvernehmlich praktizierte Homosexualität nicht zutrifft) und

b) der Begriff „Sünde“ sogar zu verwerfen ist, weil er eine von Geburt an vorhandene Schuld des Menschen Gott gegenüber impliziert (Stichwort „Erbsünde“, ein perfides Konzept des „Kirchenvaters“ Augustinus im Rückgriff auf den „heiligen“ Paulus).
Aber so weit ist die „neue“ NAK natürlich nicht und kann sie auch nie und nimmer sein, will sie ihren Anspruch, den eigenen Glauben einigermaßen bibelkonform zu lehren, nicht völlig aufgeben.
Macht aber nichts: Wozu gibt es denn Großevents wie den vollmundig als „Internationaler Kirchentag (IKT) München 2014“ angepriesenen Selbstbeweihräucherungs-Hype oder diesen drolligen kleinen (eine EDEKA-Werbung parodierenden) Videoclip anlässlich des diesjährigen NAK-NRW-Jugendtages… Hauptsache niemand kommt ins kritische Nachdenken!

Die Fähigkeit der Geisterunterscheidung oder: Logik à la NAK

Juni 29, 2014

Zürich, 13. Mai 2013: Der scheidende Stammapostel Dr. Wilhelm Leber veröffentlicht in seiner Funktion als Leiter der Neuapostolischen Kirche eine Stellungnahme zur unseligen „Botschaft“ Johann Gottfried Bischoffs aus den 1950er-Jahren („Der Herr kommt zu meiner Lebzeit wieder. Ich bin der Letzte, nach mir kommt keiner mehr!“).

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Im Wortlaut heißt es darin: „Die Neuapostolische Kirche hält heute nicht mehr daran fest, dass es sich bei der Botschaft von Stammapostel Bischoff um eine göttliche Offenbarung gehandelt hat. Die Frage der Bewertung der Botschaft bleibt offen; es steht jedem frei, sich sein eigenes Urteil darüber zu bilden. Die Neuapostolische Kirche wird auch nicht mehr von der Begründung Gebrauch machen, der Herr habe seinen Willen geändert.“

Schön und gut, werter Stammapostel a.D., dass Sie sich nach einem endlosen Eiertanz rund um dieses Thema endlich zu derart klaren Worten durchringen konnten.

Die NAK wäre aber wohl nicht die NAK, hätte die Sache nicht einen klitzekleinen Haken: Liest man sich nämlich das Wort zum Monat Juni 2014 unter dem martialischen Titel „Die Waffen des Heiligen Geistes“ durch, so erfährt man (es geht um die in Epheser 6,11 angesprochene göttliche „Waffenrüstung“ für die Gläubigen):
„Zu den Waffen des Heiligen Geistes gehört die Fähigkeit, die Geister zu erkennen und zu unterscheiden, auch wenn diese sich verstellen. Es ist alles das Werk dieser Geister, wenn wir hin und wieder Probleme haben und denken: Ich bin doch ein Kind Gottes, ich bin schon viele Jahre treu, das ist doch nicht richtig, dass ich in Armut leben muss. Da wenden wir die Waffe des Heiligen Geistes an. Wir erkennen die Geister und unterscheiden, was Gottes Wille ist und was deren Vorhaben ist: Gott will, dass wir treu bleiben, auch in Krankheit und Armut.“

Ich hoffe, Sie haben sofort erkannt, werte/r Leser/in, worin der Hase im Pfeffer liegt. Für alle anderen hier noch einmal klipp und klar:
Entweder das neuapostolisch versiegelte „Gotteskind“ befindet sich im Besitz der Fähigkeit zur Geisterunterscheidung oder nicht. Sollte Ersteres zutreffen, wieso hat dann diese Fähigkeit zur Zeit J. G. Bischoffs so grandios versagt, bitteschön? Und besteht nicht die Gefahr, dass heutige „Glaubenswahrheiten“ im Lichte der „fortschreitenden Erkenntnis“ kommender Zeiten irgendwann seitens der Kirchenleitung retrospektiv genauso relativiert bzw. verworfen werden?
Mit anderen Worten: Wer garantiert euch, liebe aktiv Neuapostolischen, dass euer Glaubensfundament tatsächlich auf Stein und nicht auf Sand gebaut ist? Was, wenn der von vielen Religiösen (siehe Ratzinger) so gefürchtete (Glaubens-)Relativismus nicht längst in euren Reihen Einzug gehalten hat? Wie übrigens auch bei den Katholiken, deren damaliger deutscher Papst bekanntlich die „Vorhölle“ (lat. limbus) für ungetauft verstorbene Kinder im Jahre 2007 offiziell für abgeschafft erklärt hat…

Realsatire der „blinden Blindenführer“

September 21, 2013

In diesem Monat beglückt die Neuapostolische Kirche Mitglieder wie Passanten ihrer Kirchenlokale gleichermaßen mit einer schlichten „Weisheit“ in Form des aktuellen Monatsplakats September 2013, welche uns wissen lässt:

„Kirche ist nichts für Abergläubige. Aber für Gläubige.“

karikatur568

Was aber sollen wir uns unter dem Stichwort „Aberglauben“ eigentlich vorstellen? Das Internet-Lexikon wissen.de definiert ihn wie folgt:

„Aberglaube

ursprünglich eine abwertend gebrauchte Bezeichnung der Kirche für religiöse Vorstellungen, die von der christlichen Lehre abweichen und in denen Reste vorchristlichen Denkens oder magischer Vorstellungen vermutet wurden; […]

Das deutsche Wort Aberglaube ist zum ersten Mal im 12. Jahrhundert belegt. Es diente als Übersetzung des lateinischen „superstitio“ und bezeichnete den von der offiziellen theologischen Lehre abweichenden (Irr-)Glauben; im 16. Jahrhundert wurde das Wort allgemein gebräuchlich und diente dem Klerus zunehmend als Kampfbegriff gegen Häretiker und Ketzer.“

Wie dieser Definition also unschwer zu entnehmen ist, handelt es sich beim „Aberglauben“ schon seit Langem kirchlicherseits um den Versuch, die eigenen Heilslehren mit der Gloriole des einzig wahren Glaubens zu umgeben und in Abgrenzung von allem Anderweitig-Religiösen, irgendwie Suspekten hinzustellen.

Und da sich die christlichen Kleriker – und mit ihnen auch die neuapostolischen – nicht zuletzt in Konkurrenz zu heidnisch-magischen Vorstellungen sahen respektive sehen, sei an dieser Stelle die Bemerkung gestattet, dass der allgemein-christliche Teufelsglaube (wie ihn auch die NAK bekanntlich in naiv-wörtlicher Form konserviert) zu den magischen Denkmustern in Reinkultur zu zählen ist. Beruht dieser schließlich auf der archaisch-mythischen Sichtweise, „das Böse“ werde durch die Einflüsterungen einer äußeren satanischen Instanz in das dadurch „sündhafte“ Menschenkind hineingetragen.

Treffend schreibt dazu der Philosoph und Religionskritiker Michael Schmidt-Salomon in seinem Werk Jenseits von Gut und Böse. Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind :

„Wissenschaftler führen sämtliche Erscheinungen in der Welt auf natürliche Ursachen zurück. Der große Erfolg der Wissenschaften, ihr deutlicher, sich unter anderem in der Entwicklung der modernen Technologie manifestierender Vorsprung gegenüber religiösen Welterklärungsmodellen, beruht nicht zuletzt auf der fruchtbaren (naturalistischen) Unterstellung, dass es im Universum ‚mit rechten Dingen zugeht‘, dass weder Götter noch Dämonen noch Kobolde in die Naturgesetze eingreifen. In dieser nüchternen, wissenschaftlichen Betrachtungsweise sind wir Menschen nichts weiter als eine im Verlauf der natürlichen Evolution zufällig entstandene Primatenart. […]

Deshalb ist für eine spezielle Wirkmacht ‚des Bösen‘ als einer besonderen Kraft in der Geschichte des Menschen in der wissenschaftlichen Betrachtungsweise kein Platz!

Mit anderen Worten: Die Idee des Bösen, die ja nicht nur dazu herangezogen wird, um menschliche Handlungen zu bewerten, sondern auch um diese zu erklären, stellt aufgrund der in ihr enthaltenen übernatürlichen Unterstellungen (‚Es gibt ein eigenes, über natürliche Ursachen nicht zu erklärendes Reich des Bösen!‘) einen Verstoß gegen wissenschaftliche Erkenntnisprinzipien dar. Insofern ist ‚das Böse‘ nicht bloß eine nicht wissenschaftliche, sondern sogar eine unwissenschaftliche Kategorie.“ (S. 36f.)

Gleiches ließe sich selbstverständlich ebenso auf die blutrünstige Sühneopfer-Theologie bezüglich des Kreuzestodes Jesu und weitere Elemente christlicher Mythologie übertragen, vom neuapostolischen Sondergut (Entschlafenenwesen etc.) ganz zu schweigen.

Wie sagte der „Seniorchef“ der deutschsprachigen Religionskritiker-Szene und Autor der zehnbändigen „Kriminalgeschichte des Christentums“, Karlheinz Deschner, so wunderbar treffend:
„Daß Glaube etwas ganz anderes sei als Aberglaube, ist unter allem Aberglauben der Größte.“

Psychodynamik à la „Werk des Herrn“

August 24, 2013

Sie können schon richtig nervig sein, diverse Kritiker des „Volkes Gottes“, des „Werk des Herrn“, besonders wenn sie sich weigern, sich die süße Droge von der „NAK 2.0“ einträufeln zu lassen, dem Märchen von einer vermeintlich modernen Kirche mit rundum zufriedenen und mündigen Mitgliedern.
Indoktrination
Mit Fug und Recht kann man Detlef Streich zu diesen „Wadenbeißern“ unter den NAK-Kritikern zählen, legt er doch in mehreren quasi-wissenschaftlichen Ausarbeitungen auf seiner Homepage immer wieder den Finger in die Wunde dieser Endzeitgemeinschaft, deren Führungspersonal seit einiger Zeit viele Hebel in Bewegung setzt, um seine Religionsgemeinschaft aus der ungeliebten „Sektenecke“ herauszukatapultieren.
Aber nicht nur dort schreibt der rührige Detlef Streich mit spitzer Feder gegen das Apostelimperium der Endzeit an, seine Beiträge finden sich u.a. auch im SeeMoZ – Online Magazin am Bodensee, wo er den Konstanzer Oberbürgermeister Horst Frank aufgrund dessen Aufwartung bei der örtlichen Filiale der „Erstlinge und Überwinder“ seiner Kritik unterzog. Auf die Einzelheiten dieser Auseinandersetzung soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden, vielmehr möchte ich die aufschlussreiche Reaktion des Vorstehers einer nicht näher genannten NAK-Gemeinde offenbar aus dem deutschsprachigen Raum auf den Streich-Artikel in den Mittelpunkt meiner Ausführungen stellen:
Herr Streich führt zunächst handwerklich einwandfrei Zitate aus dem „Wort zum Monat November 2010“ (Verantwortlicher Urheber: der seinerzeitige Stammapostel Wilhelm Leber) an, die einmal mehr glasklar die subtil-manipulativen Wirkmechanismen zahlreicher neuapostolischer Predigten belegen und als das benennt, worauf sie abzielen, nämlich nicht zuletzt auf „Denkverbote“ für die Gläubigen.
Wie anders soll man es in Worte kleiden, wenn Leber in typisch-metaphorischer NAK-Sektenmanier ausführt:
„Da ist das Boot des Unglaubens und des Zweifels: Viele Menschen glauben nicht an Jesus Christus, sie glauben schon gar nicht, dass sich der Herr Jesus heute in seinen Knechten offenbart. Wenn sie aufgefordert werden, Jesu nachzufolgen, müssen sie dieses Boot des Unglaubens verlassen.“
und kurz darauf
„Viele Menschen haben ihre eigene, feststehende Meinung und sagen: Ich lasse nichts anderes gelten als das, was ich denke. Besonders was die Zukunft und die geistigen Dinge betrifft: da beharren solche Menschen auf ihren eigenen Theorien und Ideen und sind nicht zur Nachfolge bereit. Wir können aber nicht auf unsere eigene Meinung pochen, sondern wir wollen bereit sein, dem Herrn Jesus nachzufolgen.“

Die Botschaft ist klar: Eigenes Denken, welches dem Wort aus „Apostelmund“ entgegensteht oder gar zum ach so schrecklichen „Unglauben“ führt, hat bei uns nichts verloren und muss ausgemerzt werden!
(Übrigens kein allein der NAK anzulastender Verstoß gegen die grundgesetzlich garantierte Meinungsfreiheit, sondern klipp und klar im Neuen Testament belegt: „Wer zum Glauben kommt und sich taufen lässt, wird gerettet. Wer nicht glaubt, den wird Gott verurteilen.“ (Markus 16, 16) (Quelle: Gute Nachricht Bibel; George Orwell wäre angesichts dieses phänomenalen Neusprechs vonseiten des „Wahrheitsministeriums“ Deutsche Bibelgesellschaft entzückt!)

Was fällt nun unserem besagten NAK-Vorsteher (Nickname: Daniel Müller) ein, munter die Kommentar-Funktion bei „SeeMoZ“ nutzend? Nicht etwa ein Eingeständnis, dass Streich wahrheitsgemäß den obersten neuapostolischen Glaubenswächter und dessen freiheitsfeindliche Denkweise wiedergegeben habe; nein:
Ich bin sehr erschrocken über Ihre pauschale, beleidigende Stellungnahme über die Kirche, der ich angehöre. Ohne dass ich im Einzelnen zu den Vorwürfen Stellung nehme, empfehle ich Ihnen einmal wieder einen Gottesdienst zu besuchen. Sie werden überrascht sein, wie wenig von dem stimmt, was Sie vorgeben wissen zu wollen.“

Statt sich also die Mühe zu machen, um die einzelnen Kritikpunkte zu widerlegen, haben wir hier die Trotzreaktion eines kleinen Kindes vor uns, das sich – radikale Muslime lassen grüßen – auf seine verletzten religiösen Gefühle zurückzieht und alle vorgebrachten Kritiken in Bausch und Bogen als „beleidigend“ diffamiert! Zu allem Überfluss dann auch noch die unvermeidliche Forderung, einen Gottesdienst in der NAK zu besuchen. Als wenn Herr Streich dies nicht abertausendmal in seinem Leben getan hätte und auch nach seinem Ausstieg immer wieder aktuelle Predigtpassagen höchster neuapostolischer Führungspersönlichkeiten in seine kritischen Ausarbeitungen einbezogen hätte!
Dazu passend möchte ich mit einem Zitat aus einem
esoterikkritischen Werk
enden, welches ich momentan gerade zu meiner Lektüre zähle:
Psychodynamisch gesehen können sie [die Esoterikanhänger, M. H.] nun ihre eigene inwendige Unruhe auf den Kritiker projizieren. Je verzweifelter dieser nun argumentiert, desto weniger nimmt der Gutgläubige seinen eigenen Zweifel wahr, umso unzweifelhafter wirkt auf ihn seine eigene innere Überzeugung. Derart bestärkt, generieren esoterisch [lies: neuapostolisch, M. H.] Indoktrinierte eine beinahe unheimliche Courage gegenüber externen Angriffen“ .

Quelle: Johannes Fischler: New Cage: Esoterik 2.0. Wie sie die Köpfe leert und die Kassen füllt. Wien / Graz / Klagenfurt 2013, S. 170.

„Glaubenserlebnisse“ – Magisches Denken auf dem Prüfstand

Juli 19, 2013

Was für ein GottAuf die Frage, was aktive Neuapostolische denn nach wie vor „aufrecht im Glauben“ halten würde – wenn schon die Qualität der Predigten selbst von vielen dieser als bisweilen phrasenhaft empfunden wird -, bekommt man nicht selten Beispiele sog. „Glaubenserlebnisse“ (oder auch in abgemilderter Form: „Gebetserhörungen“), welche als Zeichen göttlicher Zuwendung interpretiert werden.
Da Gläubige leider vielfach (häufig infolge frühkindlicher Indoktrination und/oder mangelnde wissenschaftliche Ausrichtung des Schulunterrichts) darauf geeicht wurden, in religiösen Fragen magisches statt wissenschaftliches Denken anzuwenden, möchte ich dem religiösen Denkansatz an dieser Stelle letztere als alternative Sichtweise gegenüberstellen.
Die Diskussion erfolgte Anfang/Mitte Juli dieses Jahres auf der NAK-kritischen Netzplattform Quo vadis NAK?. Leider ist es nicht möglich, den Beitrag direkt zu verlinken, von daher hier der Pfad, dem ihr folgen müsst, wenn ihr ihn aufrufen wollt:

„Auch das ist Neuapostolische Kirche“ – „Diskussion mit aktiven NAKlern“ – Beitrag Nr. 74.

Ich zitiere aus dem Posting eines aktiven neuapostolischen Vaters (Rechtschreibung folgt dem Original):

„Als Tauflied [der Tochter] wünschten wir uns ‚Wenn Friede mit Gott‘. […] Während meine Frau mit ihr im Krankenhaus war, ging ich in den Gottesdienst und bevor dieser begann, spielte die Organistin O.s Tauflied, ohne zu wissen dass das ihr Tauflied war und dass sie im Krankenhaus lag.
[…] Zwei Wochen später wurde der Husten wieder schlimmer und sie musste zurück in das Krankenhaus. Das ganze wiederholte sich noch mehrere Male über drei Monate. Immer mit dem gleichen Ergebnis: Keine Besserung.
Während dieser Zeit wurde ausnahmslos in jedem Gottesdienst, ‚Wenn Friede mit Gott‘ entweder gesungen oder gespielt. Selbst wenn Priester aus anderen Gemeinden den Gottesdienst hielten, ließen sie ‚ihr‘ Lied singen, ohne dass sie wissen konnten, welche Bedeutung diese Lied für uns hatte.
Als es mit unserer Kleinen wieder schlechter wurde, saß ich eines Sonntag vormittags im Gottesdienst und betete, dass Gott mir doch ein Zeichen geben möge, dass alles gut wird. Innig hoffte ich darauf, auch in diesem Gottesdienst wieder das Lied zu hören aber es geschah nichts. Dann trat der zweite Mitdienende an den Altar und sagte sinngemäß. ‚Liebe Geschwister, ich möchte einmal die zwei bedeutenden ‚F’s‘ in den Vordergund stellen, Freude und Friede. Es heißt in einem Lied: ‚Wenn Friede mit Gott meine Seele durchdringt, ob Stürme auch drohen von fern, / mein Herze im freudigen Glauben doch singt: /Mir ist wohl, mir ist wohl in dem Herrn‘.‘
Kurze Zeit später ging es unserer Kleinen zusehends besser und sie erholte sich von den monatelangen Strapazen. […]“

Persönliche Erlebnisse von Gläubigen wie das oben Geschilderte erinnern mich an die in der Parapsychologie-Szene vielfach geäußerten Todesahnungen/Todesträume. Dass scheinbar unwahrscheinliche Erlebnisse aber (zufällig) häufiger auftreten als uns oftmals bewusst ist, zeigt folgendes Rechenexempel, gefunden auf der Website der Skeptikerorganisation GWUP:

„Als Beispiel nennt der Dortmunder Statistik-Professor Walter Krämer (Mitglied im GWUP-Wissenschaftsrat) die viel zitierten ‚Todesahnungen‘: ‚Wenn wir einmal sehr vorsichtig schätzen, dass jeder Bundesbürger im Durchschnitt einmal im Leben vom Tod eines anderen, ihm bekannten Menschen träumt, kommen bei achtzig Millionen Menschen in Deutschland pro Nacht mehr als 2000 Todesträume vor – ungefähr so viele, wie tatsächlich Menschen sterben. Wenn wir weiter einmal unterstellen, die Opfer in den Todesträumen wären zufällig unter allen Bundesbürgern ausgewählt, so beträgt die Wahrscheinlichkeit rund acht Prozent, dass mindestens ein Todesfall eines bestimmten Tages in der Nacht zuvor von jemand anderem geträumt worden ist. Das führt pro Jahr an durchschnittlich 30 Tagen zu einer wahren Todesahnung.‘

Solche Todesträume seien also ein lupenreines Produkt des Zufalls, ’so häufig oder selten wie zweiköpfige Kälber, Tod durch Blitzschlag oder Schnee im Juni‘, erklärt Krämer: ‚In einem konkreten Einzelfall sehr unwahrscheinlich, aber irgendwann und irgendwo mit Sicherheit zu finden.'“

http://www.gwup.org/infos/nachrichten/396-psidiotie-in-der-ard

Zum anderen wäre natürlich zu fragen, warum – die Existenz des christlichen Gottes einmal vorausgesetzt – Er G.s Tochter zu Gesundheit und den gläubigen Eltern zu einem „Glaubenserlebnis“ verhelfen sollte, tausenden anderen jedoch nicht, die sicher mindestens ebenso um ein „göttliches Zeichen“ gebetet haben – und von denen die Öffentlichkeit zumeist nie erfährt, weil es in ihren Fällen halt nichts vermeintlich Spektakuläres zu berichten gibt!

Als weitere Lektüretipps (selbstverständlich von mir gelesen) empfehle ich folgende Werke:
Christoph Bördlein: Das sockenfressende Monster in der Waschmaschine. Eine Einführung ins skeptische Denken.


Ulrich Schnabel: Die Vermessung des Glaubens. Forscher ergründen, wie der Glaube entsteht und warum er Berge versetzt
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