Archive for Juli 2011

Zum Monatsplakat Juli 2011

Juli 27, 2011

Brief an NAK-Sprecher Bischof Peter Johanning:

Sehr geehrter Herr Johanning,
mit Befremden bin ich auf das Bibelzitat auf dem Plakat des Monats Juli 2011 („Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?“, 1.Mose 18, 14) aufmerksam geworden.
Finden Sie nicht, dass diese Aussage in ihrer Absolutheit ein Schlag ins Gesicht z.B. all der hungernden Menschen Ostafrikas ist, über die wir derzeit täglich neue Hiobsbotschaften erfahren?
(Ganz abgesehen von den japanischen oder haitianischen Erdbebenopfern, den Opfern des Holocaust und anderer Menschheitsverbrechen, denen eben kein göttliches Eingreifen jemals zuteilgeworden ist!)

Ich kann es nur immer wieder mit Erschütterung zur Kenntnis nehmen, mit welcher Realitätsverweigerung gerade tiefreligiöse Menschen die Weltereignisse um sich herum interpretieren. Hier trifft haargenau das zu, was der Psychologe Franz Buggle in seinem wirklich augenöffnenden Buch „Denn sie wissen nicht, was sie glauben. Oder warum man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann“ (2. Aufl. Aschaffenburg 2004), ausleihbar u.a. in der Stadtbücherei Frankfurt, konstatiert:

„Bei konsequenter, redlicher Ablehnung, unbequeme, ’sperrige‘ Aspekte der Wirklichkeit oder des biblisch-christlichen Gottesglaubens auszublenden, auf Rationalität und Denken im Hinblick auf wesentliche Aspekte der Wirklichkeit zu verzichten, erscheint es schwer verständlich, warum die Wirklichkeit, wie sie ist, die ‚Schlachtbank der Weltgeschichte‘ gerade durch den biblisch-christliichen Gottesglauben vertrauenswürdiger, sinnhafter, vernünftiger werden sollte, warum das menschliche Leben durch einen rückschrittlichen Denkverzicht und Hinwendung zu einem unredlichen Wunschdenken, durch blinde Akzeptierung widersprüchlich-absurder, zum Teil archaisch-inhumaner Inhalte sinnvoller, gerechter oder gar in seiner profunden Fraglichkeit geheilt werden sollte.
Daß diese Frage so selten gestellt wird, läßt sich wieder wohl nur durch die Macht frühkindlich eingegebener Suggestionen, die dann zu Selbstverständlichkeiten geworden sind, und die Anfälligkeit des Menschen gegenüber Wunschdenken erklären.“ (S. 287)

Als kleine Kostprobe jener erwähnten archaisch-inhumaner Inhalte, die jedem Mindest(!)-Standard heutiger humaner Ethik auf das Schärfste widersprechen, seien an dieser Stelle an a) die Aufforderung Gottes zu mitleidlosen Eroberungs- und Ausrottungskriegen, b) Gottes Akzeptanz der Sklaverei bzw. Aufforderung der damaligen Sklaven zur Unterwerfung unter ihre Herren sowie c) die göttlich (!) initiierte „Verstockung“ Nichtgläubiger genannt (Bibelzitate gemäß Buggle):

a) S. 67f.: „Aus den Städten dieser Völker jedoch, die der Herr, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt, darfst du nichts, was Atem hat, am Leben lassen. Vielmehr sollst du die Hetiter unnd Amoriter, Kanaaniter und Perisiter, Hiwiter und Jebusiter der Vernichtung weihen, so wie es der Herr, dein Gott, dir zur Pflicht gemacht hat…“ (5. Mose 20, 16ff.)

b) S. 203: „Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Ehrfurcht euren Herren unter, nicht nur den guten und freundlichen, sondern auch den launenhaften. Denn es ist eine Gnade, wenn jemand deswegen Kränkungen erträgt und zu Unrecht leidet, weil er sich in seinem Gewissen nach Gott richtet. Ist es vielleicht etwas Besonderes, wenn ihr wegen einer Verfehlung Schläge erduldet? Wenn ihr aber recht handelt und trotzdem Leiden erduldet, das ist eine Gnade in den Augen Gottes.“ (1. Petrus 2, 18f.)

c) S. 133f. (Jesus erklärt den Jüngern das Gleichnis von der Aussaat): „Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes anvertraut, denen aber, die draußen sind, wird alles in Gleichnissen gesagt; denn sehen sollen sie, sehen, aber nicht erkennen: hören sollen sie, hören, aber nicht verstehen, damit sie sich nicht bekehren, und ihnen nicht vergeben wird.“ (Markus 4, 10ff., analog Matthäus 13, 10ff.)
(Soviel zum in der NAK geflügelten Wort „Gott will, dass *allen* Menschen geholfen wird!“)

Diese kleine Auswahl mag durch Beispiele eigenständiger Bibellektüre ergänzt werden. Insbesondere bietet bekanntlich auch die Offenbarung des Johannes mit ihren göttlich angeordneten Blutorgien reichlich Anschauungsmaterial über die Pläne des „Gottes der Liebe“ gegenüber allen Anders- bzw. Nichtgläubigen.

Nichts für ungut. Ich hoffe, ich konnte mit diesen Gedanken ein wenig Nachdenklichkeit auslösen.

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