Archive for Mai 2014

Der Bundespredigent und das Hohe Lied kirchlicher Sinnstiftung

Mai 30, 2014

Jedes Jahr im Mai oder Juni wiederholt sich das gleiche Phänomen: Eine deutsche Großstadt wird von gestern auf heute durch eine vielbeinige Menge verklärt blickender Christenmenschen mit bunten Schals und Jesusliedern auf den Lippen bevölkert: keine Frage – es ist mal wieder Kirchentagszeit!
So auch in diesem Jahr, alldieweil die Katholiken an der Reihe sind und ihr kirchliches Massenevent vom 28. Mai bis 1. Juni in Regensburg abhalten. Und wo sich das Wahlvolk in geballter Form einfindet, ist auch die hohe Politik nicht fern: Bundeskanzlerin, -präsident und eine Vielzahl weiterer „Größen“ des Politikbetriebs findet sich auf den obligatorischen Kirchen-/Katholikentags-Foren ein und bekundet Jahr um Jahr die „gute alte Mär“ von der gesellschaftlichen Relevanz christlicher Glaubensinstitutionen.

Katholikentag-in-Regensburg
In diesem Sinne äußerte sich jüngst unser aller Bundespräsident Bundespredigent und Pastor Joachim Gauck auf dem Glaubenstreff zu Regensburg wie folgt:

„‚Die Kirchen werden gebraucht in der Gesellschaft‘, betont Bundespräsident Gauck, weil sie Glaubensformen sind, die nach dem Sinn des Menschen forschen und die Menschen ‚wirklich zueinander bringen'“.

Einmal abgesehen von der Tatsache, dass dies mittlerweile über 36 % aller Bundesbürger anders sehen dürften – da sie keiner (institutionalisierten) Religion angehören, mithin also konfessionslos sind – mehr als der Anteil der Katholiken und Prostestanten mit jeweils knapp unter 30 %.
Und sicherlich empfindet höchstens ein verschwindender Bruchteil dieser Konfessionslosen diesen Status als etwas Defizitäres, da Sinnentleertes – die Wiedereintrittszahlen oder Übertritte in andere Konfessionen halten sich jedenfalls hierzulande in Grenzen.
Und dass nun unbedingt die Kirchen benötigt würden, um Menschen zueinander zu bringen, sehen Fußballfans, Festivalgänger oder andere Freunde jedweder Großveranstaltungen wohl auch mehrheitlich anders. Ganz abgesehen von nicht wenigen Homosexuellen, geschiedenen Wiederverheirateten etc., die insbesondere mit der Katholischen Kirche und deren „integrierender Kraft“ für sexuelle und andere Minderheiten so ihre ganz eigenen Erfahrungen gesammelt haben…

Und auch philosophischerseits mussten sich die beiden (noch) halbwegs großen Kirchen Deutschlands einiges ins Stammbuch schreiben lassen – Urheber der Kritik ist diesmal kein Opfer sexuellen Missbrauchs oder dergleichen, sondern einer der angesehensten Philosophieprofessoren des Landes, Kurt Flasch (Autor des Buches „Warum ich kein Christ bin“).
Im Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“ lesen wir Folgendes über sein Verhältnis zum Christentum und dessen ach so universal sinnstiftende Funktion:

Wenig hält Flasch auch von jenen, die den biblischen Schwulenhass durch Metaphorisierung entschärfen wollen. Wer die Bibel nur bildlich verstehen und damit ins Sanfte transferieren wolle, so Flasch, „kommt mir vor wie ein freundlicher und sensibler junger Mann, der aus Familiengründen in einen Anglerverein geraten ist, der dann aber seine Sympathie für die Fische entdeckt und vorschlägt, der Anglerverein soll sich in Zukunft mit dem Häkeln von Tischdecken statt mit dem Töten von Fischen beschäftigen“.
Nein, über die christliche Religion lasse sich nur reden, wenn man sich auf den strengen Wahrheitsanspruch der Christen einlasse: „Da ihr Gott der einzige Gott sein soll, muss er es für alle sein“, schreibt Flasch. „Und was sie als sein Wort verkünden, soll für alle gelten. Weil wahr ist, was sie sagen, muss es für alle wahr sein.“
[…] Man lande „im gedanklichen Fiasko“, wenn man sich heute noch der Theologie von Erbsünde, Hölle und Erlösung hingebe. Um den Sinn des Lebens zu begreifen, brauche man den Glauben auch nicht: „Mein Leben ist nicht sinnlos“, schreibt Kurt Flasch. Er lebe und arbeite „in Heiterkeit“.

Quelle: http://www.welt.de/print/die_welt/literatur/article119569447/Lasst-alle-Dogmen-fahren.html

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