Archive for Dezember 2014

„Überall wird enttarnt, entzerrt, zurechtgerückt“ – der wankende Mythos Bibel

Dezember 28, 2014

Insider wissen es bereits spätestens aus dem Werk der beiden Archäologen Israel Finkelstein und Neil A. Silberman
„Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel“
: Viele religiös sozialisierten Menschen zutiefst vertraute biblische Begebenheiten wie der Auszug der Israeliten aus Ägypten, die Einnahme Kanaans oder das vermeintliche Großreich König Davids – sie alle basieren auf nichts als menschlicher Hybris i.d. Regel ohne jedwede archäologischen Belege oder stellen bestenfalls maßlose Übertreibungen wie im Fall des „Räuberhauptmanns“ David mit seinem Provinzfürstentum dar, welcher im Nachhinein zum mythenumrankten Glanz-und-Gloria-Ur-König Israels aus bescheidensten Hirtenanfängen umgelogen wurden.

cartoon-art-of-david-sitting-on_small
Nun hat sich der SPIEGEL in seinem traditionell dem Thema Religion vorbehaltenen Aufmacher der Weihnachtsausgabe 52/2014 vom 20.12. dieses Falls angenommen und kommt unter dem Titel
„Am Anfang war das Feuer“
zu aus religiöser Warte niederschmetternden Ergebnissen, von denen ich hier einige wenige referieren möchte.

Zunächst vertritt der SPIEGEL-Autor Matthias Schulz die originelle These, der Gott der Bibel (JHWH) sei mit dem saudi-arabischen Vulkan Hala al-Badr gleichzusetzen, der in der Gegend des alttestamentarischen Midian gelegen sei. Vermeintlich metaphorisch aufzufassende Bibelverse seien dementsprechend wörtlich zu nehmen und auf eben jenen Feuerberg zu beziehen, wenn es etwa über den landläufig als Berg Sinai identifizierten Gipfel heiße, „denn der Herr war im Feuer auf ihn herabgestiegen. Der Rauch stieg vom Berg auf wie Rauch aus einem Schmelzofen. Der ganze Berg bebte gewaltig“ (Exodus 19).

Auch an der netten Story vom kleinen Hirtenjungen David, der den riesenhaften Philister-Krieger Goliat per Steinschleuder ausschaltete, existierten laut Leipziger Assyrologin Angelika Berlejung erhebliche Zweifel: „Die Nachbarn [Philister, M.H.] waren den Israeliten haushoch überlegen, sie hatten Kampfwagen und besaßen ein Monopol auf Metalle“.

Den Grabungsbefunden Berlejungs zufolge war im Übrigen die Philister-Hauptstadt Aschdod um 900 v. Chr. fünfmal so groß wie die vermeintliche Metropole und David-Hauptstadt Jerusalem: „Wenn ein Hebräer einen Pflug oder auch nur einen Nagel kaufen wollte, musste er ihn beim Feind erbetteln.
Schwerter bekamen sie anfangs überhaupt nicht. Der Archäologe Hermann Michael Niemann aus Rostock spricht von einem ‚Waffenembargo‘. Die Bibel überspielt diese Pleite. Stattdessen […] bietet sie ‚emotionale Tiraden voller Abneigung gegen die reichen Küstenbewohner'“.

„Zwar enthält das Werk [die Bibel, M.H.] echte Annalen, Königslisten und Chroniken. Zugleich aber tischt es Legenden, Gerüchte und ideologisch verbrämte Geschichtsdeutungen auf. Diese wurden im Laufe der Zeit mehrfach redigiert, neu verzahnt und mit manipulierenden Einschüben versehen. […] Dabei schlichen sich Widersprüche ein. Der Erzvater Abraham soll vor über 4000 Jahren gelebt haben. Nur wieso reitet er dann auf einem Kamel? Das Tier war damals noch gar nicht gezähmt.“

Die Goliat-Geschichte zeigt das Gestoppel am besten: Die älteste Schicht der Sage stammt wohl aus dem elften Jahrhundert vor Christus. Da hieß der Held noch ‚Elhanan‘. Erst später münzte man die Story auf König David um. Goliat erhielt nun einen ‚Helm aus Bronze‘ samt Eisenpanzer und Beinschienen. Er sah plötzlich aus wie ein griechischer Soldat. Den letzten erzählerischen Schliff bekam der Bericht erst um Christi Geburt.

All das besagt: Eine Offenbarung aus einem Guss hat es nie gegeben. Die Bibel ist Menschenwerk, teils von grandioser Qualität, teils mit trügerischer Absicht verfasst.

Zwar berichtet die Bibel (1. Könige 5), dass Salomo einem glanzvollen Staat vorstand, der bis zum Euphrat reichte. Der König speiste Perlhühner und ließ sich Affen bringen. Seine Schiffe fuhren bis nach Spanien. In seinem Harem lebten 700 fürstliche und 300 weitere Nebenfrauen. Leider bezeugt nicht ein Stein dieses Mythenreich.
So geht es fort und fort. Überall wir enttarnt, entzerrt, zurechtgerückt. Die moderne theologische Forschung gleicht einer einzigen Desillusion.“

Dass der vermeintlich in der NAK wirkende „Heilige Geist“ diese Erkenntnisse bisher nicht wirkte, sondern nach wie vor an der dortigen althergebrachten Kindergarten-Theologie festhält, spricht dagegen Bände. Und wer meint, diese Desillusion betreffe ja „nur“ das Alte Testament, der irrt, wie z.B. bei Heinz-Werner Kubitza („Der Jesuswahn“, siehe Linkliste am rechten Rand meines Blogs unterhalb der Monatsbeiträge) nachzulesen ist.