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Aufklärung meets NAK

Juni 30, 2015

Anlässlich der beiden diesjährigen Jugendtage der Neuapostolischen Kirche Süddeutschland am 28.06. in Nürnberg sowie 12.07. in Offenburg hat die Kirchenleitung eine spezielle Website eingerichtet, auf der jedes (vornehmlich natürlich jugendliche) Kirchenmitglied besondere Grüße, Wünsche und Botschaften im Zusammenhang mit diesen beiden Kirchenevents hinterlassen kann – anonym und ohne dass das Datum der Eingabe angezeigt würde.

Neugierig wie ich bin habe ich mich in der letzten Woche dort umgesehen und bin an folgendem Statement hängengeblieben:
„Ich komme gerade aus der Uni, aus einer Stunde, wo es um Aufklärung und Atheismus ging. Was war ich froh, als ich mittendrin denken konnte ‚(m)ein Gott sei Dank‘ darf ich Glauben haben!'“

Nun bin ich ja als Deutsch- und Ethiklehrer quasi prädestiniert, zu diesem für religiös-überhebliche Auserwähltheitsdünkel typischen Eintrag meinen Kommentar an irgendeiner Stelle im Netz zu hinterlassen. Und da der neuapostolische Zensor selbstverständlich meinen dezenten Hinweis auf den mutmaßlichen Stand der „Ketzer“-Verfolgung im 21. Jahrhundert für den Fall nicht erfolgter Aufklärung seit Kant, Lessing & Co. nicht meinte auf 2nak.de veröffentlichen zu müssen, hole ich dies etwas ausführlicher an dieser Stelle nach:

Zunächst einmal sei für den weniger themenkundigen Leser festgehalten, wie Immanuel Kant (1724 – 1804), DER Aufklärer schlechthin, seine berühmte Frage „Was ist Aufklärung?“ beantwortet:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.
Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. […]“

Ich bezweifle sehr, dass der Student / die Studentin, der / die für obigen Eintrag verantwortlich zeichnet, a) sich umfassend mit der Epoche der europäischen Aufklärung befasst hat oder vor hat dies zu tun und b) sich Kants obiges Diktum zu Herzen nehmen und auf die eigene religiöse Sozialisation in der neuapostolischen Endzeitgemeinschaft anwenden würde. (Die Fähigkeit zum Transfer erarbeiteter Inhalte auf neue Situationen, insbesondere wenn sie ganz unmittelbar die eigene Lebensgestaltung angehen, scheint ohnehin ein Problem vieler heutiger Schüler zu sein, soweit mein subjektiver Eindruck aus ca. acht Jahren Lehrererfahrung.)
kant
Insbesondere kann ich nur jedem, der sich für diese so immens wichtige Epoche unseres europäischen Geisteslebens, der Aufklärung, interessiert, empfehlen, sich ein wenig mit Lessing (1729 – 1781) und dem sog. Fragmentenstreit zu beschäftigen:
Dabei handelt es sich um eine weitreichende Auseinandersetzung Lessings mit dem protestantisch-orthodoxen Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze (1717 – 1786) im Anschluss an Lessings posthume (Teil-)Veröffentlichung bibelkritischer Analyse-Ergebnisse des Hamburger Gymnasialprofessors Hermann Samuel Reimarus (1694 – 1768) unter dem Titel „Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes“.
Mag Reimarus sicher recht radikale Thesen (u.a. die Apostel und Jesus als Betrüger) aufgestellt haben, so sollte uns der Versuch Goezes eine Mahnung sein, die Errungenschaften der damals noch sehr fragilen Aufklärung, in erster Linie Meinungsfreiheit auch und gerade in religiösen Fragen, zu blockieren und damit der dringenden gesellschaftlichen Liberalisierung den Riegel vorzuschieben!
Medial wenig beachtet mobilisieren überwiegend homophobe evangelikale Christen in der Region um Stuttgart aktuell gegen die sog. „Ehe für alle“, ganz abgesehen von den freiheitsfeindlichen Auswüchsen in Teilen der muslimischen Community hierzulande.
(Ich lese momentan das zweite Buch des ehemaligen Berlin-Neuköllner Bezirksbürgermeisters Heinz Buschkowsky: „Die andere Gesellschaft“ ).
Aber „leider Gottes“ wird all dies den kleingeistigen Horizont unseres neuapostolischen Studierenden mit besagtem Eingangsstatement nicht tangieren, wird er / sie mit hoher Wahrscheinlichkeit die Auserwähltheits-Predigten seiner / ihrer „Vorangänger“ einer grundlegenden geistigen Auseinandersetzung mit der Epoche der Aufklärung einschließlich Reflexion zur Relevanz für den eigenen Lebensentwurf vorziehen. Dies ist immer wieder ein kleiner, in der Summe jedoch herber Schlag für das niemals endende Projekt der Aufklärung!