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Jenseits der „Sekten“-Hysterie

Mai 31, 2015

Als ehemaliges Mitglied einer christlich-fundamentalistischen Endzeitgemeinschaft gehört die Beschäftigung mit Religion(en), speziell der radikaleren Sorte, sicher zu meinem Lebensthema. Von daher war es nur eine Frage der Zeit, bis mir das Buch
„Die wunderbare Welt der Sekten. Von Paulus bis Scientology“
von Gerald Willms in die Hände fallen würde.

Wunderwelt Sekten
Der Autor, seines Zeichens Religionssoziologe und ehemaliger Lehrbeauftragter für Religionswissenschaften der Uni Göttingen, zeichnet sich durch das komplette Werk hindurch durch einen unaufgeregt-nüchternen, bisweilen plauderhaften Tonfall aus. Eine Tatsache, die so manchem typischem „Aussteiger“-Bericht ebenfalls zu wünschen wäre!
Dabei begibt sich Willms auf einen wahren Parforce-Ritt durch die schillernde Welt „abseitiger“ Religiosität; ein Fakt, der zugleich Vor- und Nachteile mit sich bringt: Einerseits kann sich der Leser aufgrund der schier erschlagenden Fülle behandelter Religionsgemeinschaften einen recht guten Überblick über die wahre Vielgestaltigkeit dieser „Szene“ (nicht nur im Hinblick auf christliche, sondern bspw. auch esoterische oder hinduistische Gruppierungen) bilden, was angereichert um fundierte historische Ausführungen z.B. zur Entwicklung des kirchlichen Mönchswesens oder des Umgangs mit Häresie seitens der alten sowie der mittelalterlichen (katholischen) Kirche sicherlich eine große Stärke des Buches darstellt.

Andererseits geht dieser auf 323 Buchseiten ausgebreitete Facettenreichtum fast zwangsläufig zu Lasten der Detailliertheit in der Analyse der jeweiligen Einzelgemeinschaft: Hier fällt dem neuapostolisch sozialisierten Leser natürlich sofort die fehlende Erwähnung der Bischoff-Botschaft im Zusammenhang mit der Darstellung der „katholischen Protestanten“ (Willms über die NAK, vgl. S. 66 – 68) ins Auge.
Hervorzuheben ist jedoch noch etwas Anderes, was dem Werk eine zurecht exponierte Stellung innerhalb der Fülle an „Sekten“-Literatur verleiht: Und zwar besteht Willms konsequent auf einer nicht-apologetischen Position, d.h. auf dem Verzicht der Differenzierung nach „guter“ und „schlechter“ Religiosität (sprich: unproblematischer („Groß-) Kirche“ einerseits und konfliktärer „Sekte“ andererseits).
Hier macht der Autor mehr als nur einmal deutlich, dass es immer die gesellschaftlichen Mehrheits- und Normativitätsverhältnisse der „Normopathen“ (vgl. S. 268) sind, die der durch dieses Werteraster fallenden einzelnen Gemeinschaft das „Sekten“-Label verpassen.

Ein großes Anliegen des Religionssoziologen ist es zudem, mit einer ganzen Reihe gängiger „Sekten“-Klischees aufzuräumen und wissenschaftliche Nüchternheit einziehen zu lassen.
So weist er darauf hin, dass die Theorie der „Gehirnwäsche“ in den 1970er-Jahren aus ihrem ursprünglich militärischen Entstehungskontext entlehnt und auf die Debatte um die damals sog. „Jugendreligionen“ übertragen wurde. Originär besagte jene These, dass während des Korea-Kriegs gefangen genommene US-Soldaten durch ihre kommunistischen Gegner mithilfe diverser Psychotechniken, Drogen etc. gewaltsam zum Seitenwechsel animiert worden seien.
Anhänger neuer Religionsgemeinschaften hätten sich – so Willms – jedoch einer sehr bewussten Entscheidung folgend zu ihrer jeweiligen Konversion entschlossen.
Zudem nimmt der Autor möglicher aufkeimender Kritik an seinem Ansatz den Wind aus den Segeln, indem er betont: „Das Wichtigste aber ist, dass es ein Buch ist, in dem es um das ‚Verstehen‘ geht. Dieses Verstehen darf freilich nicht verwechselt werden. Es geht dabei nicht darum, etwas gutzuheißen oder schönzureden, sondern um das Aufzeigen von Sichtweisen, die den ‚Normalen‘ vielleicht helfen, das vorgeblich ‚Unnormale‘ nachvollziehen zu können. Und zwar ohne dass damit der Zwang einhergeht, das Verstandene „richtig“ oder „gut“ finden zu müssen.“ (S. 17)
Selbstverständlich gehe es nicht darum, „Aussteigern“ aus diversen Gruppierungen die Realität ihrer zumeist negativen Erfahrungen in Abrede zu stellen, jedoch sei ihre Sichtweise eben nur eine mögliche und nicht repräsentativ für alle mit der speziellen Gemeinschaft in Zusammenhang Stehenden (aktiven wie ehemaligen Mitgliedern, Angehörigen etc.).
Nicht gut wegkommen in diesem Werk die von Willms so getauften „Sektenmacher“, also diejenigen (zumeist kirchlichen) „Weltanschauungsexperten“ sowie (Boulevard-) Journalisten, denen es selten um faire Darstellung, sondern um Schwarz-Weiß-Zeichnung von „gesunder“ (evangelischer oder römisch-katholischer Mainstream) und „krankmachender“ Religiosität bzw. um die möglichst reißerische „Aussteiger“-Story gehe.
Dieser Sichtweise ist sicherlich zuzustimmen, jedoch fällt auf, dass Willms in diesem eigens für diese „Sektenmacher“ reservierten Kapitel 12 selten Ross und Reiter nennt und deren problematische Sichtweisen als O-Töne erst gar nicht zitiert.

Des Weiteren – und hiermit möchte ich meine kurzen Anmerkungen zu diesem insgesamt empfehlenswerten Buch beenden – wäre es wünschenswert gewesen, wäre Willms auch dem Phänomen der „Bewusstseinsmanipulation“ nachgegangen (vgl. Detlef Streichs Ausarbeitungen „Konstitutive Merkmale der Neuapostolischen Kirche“ und der darin verwendete Deutungsansatz nach Robert Jay Lifton, vgl. S. 36ff. dieser Arbeit sowie „Sprachliche Mittel zur mentalen Zwangsüberzeugung in der Neuapostolischen Kirche“: Runterscrollen bis „Verschiedene Themenbereiche“, dort als Word-Datei abrufbar).
Der geneigten Leserin von Streichs Studie sollte demnach die Problematik des „betreuten Denkens“ in diversen zumeist kleineren Religionsgemeinschaften sehr wohl als ethisch verwerflich einleuchten. Auch nach meiner eigenen Erfahrung als Hineingeborener in eine christliche Endzeitgruppierung lässt sie sich nicht so einfach argumentativ aushebeln wie Willms dies tut und was leider ein Manko seines ansonsten überaus lesenswerten Buches ausmacht.
In diesem Zusammenhang muss ganz klar auch zur Sprache kommen (was Willms auch versäumt), dass zumindest in einigen der traditionsreichsten (sprich ältesten) der behandelten Gemeinschaften (z.B. der Neuapostolischen Kirche) die Rekrutierung des Großteils der Mitglieder nur zu einem kleineren Teil über die Mission Erwachsener, i.d. Regel aber über die Sozialisation des eigenen Nachwuchses erfolgt, wodurch es den „Sektenkindern“ (zumindest in den Fällen einer sehr rigiden Erziehung) an Außenkontakten und somit der Möglichkeit zu einer alternativen Sichtweise mangeln kann.

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