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Mit Bibel, Barth und Blablabla: Theo(un-) logische Eiertänze an der Dogmenfront

April 30, 2015

Anno 2015 haben es die Herren (und gelegentlich auch Damen!) Theologen hierzulande nicht so einfach: So Otto-Normal-Christ sich denn überhaupt noch kirchlichem Bepredigtwerden aussetzt – sei es anlässlich von Taufe, Hochzeit, Beerdigung oder auch dem Standard-Sonntagsgottesdienst – allüberall hat er (oder sie) mit theologischem Wortgeklingel zu rechnen. Versuchen es die wackeren Verkündiger des Wortes Gottes doch immer wieder, den Spagat zwischen biblischem Fundament ihrer Glaubenslehre und fortschreitenden Erkenntnissen der Wissenschaft hinzubekommen.
theologie suende schuld angst
Allein die Tatsache, dass die an hiesigen Universitäten gelehrte Theologie katholischer wie evangelischer Ausrichtung es bis heute nicht vermag, den Gegenstand ihrer Analysen stichhaltig nachzuweisen, spricht ja bereits Bände. Die häufige Antwort: theologische Nebelkerzen, oder was sonst soll man ohne kirchlich-dogmatisches Voreingenommensein davon halten, wenn etwa der protestantische Dogmatiker Wilfried Härle schreibt: „‚Gottes Wirklichkeit ist in sich selbst Bewegung, sein Sein ist durch sich selbst bewegte[s] Sein.'“
Ein Mann, der viele Jahre seines Lebens mit dem Studium derartigen Geschwurbels zugebracht hat, ist der Theologe Heinz-Werner Kubitza. Nur statt wie wohl die übergroße Mehrheit seiner Kolleginnen und Kollegen den Weg auf die Kanzel oder ans Universitätstkatheder anzutreten und Generationen nachwachsender Gläubiger (was Theologiestudenten sicher i.d. Regel sind) mit Phrasen obigem Kalibers vollzusalbadern, ging Kubitza einen völlig anderen Weg: denjenigen an die kritische Öffentlichkeit!
Nach „Der Jesuswahn. Wie die Christen sich ihren Gott erschufen. Die Entzauberung einer Weltreligion durch die wissenschaftliche Forschung“ (Marburg 2011) sowie „Verführte Jugend. Eine Kritik am Jugendkatechismus Youcat. Vernünftige Antworten auf katholische Fragen“ (Marburg 2011) ist nun das dritte religionskritische Werk Kubitzas im Tectum-Verlag (dessen Inhaber er zugleich ist) unter dem Titel „Der Dogmenwahn. Scheinprobleme der Theologie. Holzwege einer angemaßten Wissenschaft“ erschienen.

In einem schonungslosen Rundumschlag zitiert der Autor darin aus aktuellen Dogmatiken evangelischer Gottesgelehrter, die auch als maßgeblich für die Ausbildung heutiger Nachwuchs-Theologen herangezogen werden. In erster Linie sind hier besagter Wilfried Härle, Hans-Martin Barth, Wilfried Joest und Wolfgang Trillhaas, bisweilen auch Christopher Frey, Rochus Leonhardt, Heinrich Ott, Horst Georg Pöhlmann und Gunda Schneider-Flume zu nennen.

Der Tenor des Werkes liegt darauf, permanent die hilflosen theologischen Versuche der Quadratur des Kreises vor Augen zu führen, wenn jahrhundertealte Glaubenslehrsätze (Gottessohnschaft Jesu, Sühnetodtheologie, Erbsündenlehre etc.) gleichzeitig als Zugeständnis an den aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstand bzw. ethischen Entwicklungsstand der Mehrheitsgesellschaft relativiert und dennoch mit der Tradition des eigenen Bekenntnisses versöhnt werden sollen.
Kenntnisreich zeigt Kubitza – wie bereits im „Jesuswahn“ – auf, wie der zutiefst jüdische Apokalyptiker und Exorzist Jesus von Nazareth, der seine Jünger dazu anhielt „Geht nicht der Heiden Straßen […] Geht vielmehr zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“ (Matthäus 10, 5 – 7) (Dogmenwahn, S. 317) und den unmittelbar bevorstehenden Anbruch der Gottesherrschaft (Markus 1, 15) verkündigte, nach seinem Tod erst zum sündlosen idealen Menschen und mit zeitlichem Abstand zu seinem Tod am Kreuz mehr und mehr zum Gottmenschen (vgl. vor allem Johannesevangelium) umgeglaubt wurde, den es nun seinerseits von Seiten seiner Anhänger zu verkündigen galt.

Ein Verkündigter, dessen Geburts- und Wundergeschichten samt und sonders als kitschige Hagiographie (Heiligenlegenden) statt als historisch stichhaltige Augenzeugenberichte gelesen werden müssen, wie der Forschung schon lange bekannt ist. Wovon selbstverständlich auch die universitäre Theologie, aber die eigenen Gemeinden weitgehend im Unklaren darüber lässt und stattdessen unverdrossen weiter Lobeshymnen auf einen glorifizierten Jesus singt, den es historisch betrachtet nie gegeben hat.
Überaus erhellend auch die Anmerkungen zur „Karriere“ des biblischen Schöpfergottes vom relativ unbedeutenden bronzezeitlichen Wetter- und Berggott JAHWE (siehe auch hier), der zeitweilig als Ehemann seines weiblichen Götterpendants Aschera geglaubt wurde (bevor nach und nach in Juda und Israel der Monotheismus durchgesetzt wurde), bis hin zum neutestamentlichen Herrn des Universums, der am „Jüngsten Tage“ die „Schalen“ seines grimmigen Zorn über allen Anders- und Nichtgläubigen ausgießen werde…

Sehr aufschlussreich auch die Ausführungen zu den Versuchen „moderner“ Bibelexegeten, ihre linksliberal-ökologische Kirchentagstheologie („Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung“) aus den biblischen Texten abzuleiten, die allesamt als unlauter anzusehen sind, bedenkt man etwa die Vernichtungsforderungen Jahwes gegenüber den unterworfenen Völkern Kanaans im Anschluss an die Wüstenwanderung der Israeliten (die es im Übrigen wohl nie gegeben haben dürfte!) oder auch die zutiefst auf Ungleichheit ausgerichtete Ideologie eines Paulus (die Frau als „Abglanz des Mannes“, vgl. 1. Korinther 11, 7) etc.

In immer neuen Anläufen weist Kubitza nach, wie viel einfacher, ja logisch zwingender es wäre, würde man statt diverser theologischer Scheinlösungen für eben solche Scheinprobleme (vor allem wäre hier das Theodizee-Problem, also die Rechtfertigung Gottes in einer Welt des Leids, hervorzuheben) den Mut haben und den naheliegenden Ausweg wählen – die Annahme der Nichtexistenz (des biblischen) Gottes!

(Interessierten sei an dieser Stelle auch die ausführlichere Rezension des „Dogmenwahns“ von Siegfried R. Krebs im Humanistischen Pressedienst (hpd) vom 16.02.2015 ans Herz gelegt.)

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