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No-go nackte Männerbrüste und Kant-Seminare: über stammhirniges Stammesdenken diverser Anti-Bewegter

Juli 25, 2019

Zu welchem bizarren Auswüchsen ein Übermaß an politisch korrektem Antirassismus/-sexismus führen kann, habe ich bereits in meinem Blogbeitrag vom Januar 2018 aufgezeigt – damals ging es um das ach so sexistische „Avenidas“-Gedicht Eugen Gomringers an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule Berlin.

Eineinhalb Jahre und mehrere Umdrehungen der nach oben offenen Empörialismusskala diverser Anti-Bewegter später lässt sich konstatieren: Da ist immer noch Luft nach oben! Mariam Lau berichtet in ihrem Artikel „Dein Glück ist mein Unglück“ im aktuellen Feuilleton der ZEIT über ein „plumpes Stammesdenken“, welches bisweilen mit einem entsprechenden Szene-Engagement einhergehe.
Eingangs gibt Lau einen kurzen Einblick in den Ablauf eines „Antirassismustrainings“. Diese Workshops seien momentan derart von zahlreichen Unternehmen, Verwaltungen und NGOs nachgefragt, dass die meisten „ausgebucht“ meldeten:

Eine Standardübung läuft so: Alle Teilnehmer stellen sich an die Wand. Die Leiterin liest ihnen Sätze über Privilegien vor. Wer glaubt, dass ein Satz auf ihn selbst zutrifft, tritt einen Schritt nach vorn. Wer am Ende ganz vorn steht (und alle anderen hinter sich gelassen hat), ist mit Sicherheit weiß – und schämt sich. Die Sätze, die aus einem Leitfaden der amerikanischen Autorin Peggy McIntosh stammen, lauten etwa: „Ich kann mit vollem Mund reden, ohne dass Menschen das auf meine Hautfarbe zurückführen.“ Oder: „Ich muss meine Kinder nicht dazu erziehen, sich zu ihrem eigenen Schutz über Rassismus bewusst zu sein.“

Nun will ich den Sinn solcher Trainings nicht gänzlich in Abrede stellen, frage mich aber schon, was derartige Sätze wie der oben zuerst zitierte sollen… Ganz abgesehen von der Tatsache, dass hier soziale Hierarchisierung ausschließlich anhand äußerer (Haut-)Merkmale thematisiert wird, während monetäre gänzlich außen vor bleiben. Wäre es nicht mindestens ebenso relevant, das auch hierzulande pervers große Gefälle zwischen Arm und Reich viel mehr in den Mittelpunkt politischen Aktivismus zu stellen? Doch sei´s drum…
Nach einem kurzen Abriss wichtiger Erfolge linker „Identitätspolitik“ (Eintrag „divers“ im Geburtenregister, Homo-Ehe) geht die Autorin des besagten ZEIT-Artikels auch auf neuerliche Auswüchse des Ganzen ein:

„Oft schlägt aber das befreiende Anliegen des Antirassismus oder Antisexismus um in ein beängstigendes Fuchteln mit Maßregelungen, Kränkungen, Schuldzuweisungen und Strafen. […] An der Berliner Humboldt-Uni musste die Polizei anrücken, weil Studenten den Seminarbetrieb lahmlegten, um zu verhindern, dass Schriften von Kant oder Rousseau diskutiert werden, die sie für Rassisten hielten. […] Man könnte von einem neuen Stammesdenken sprechen. Es kommt nicht mehr darauf an, was gesagt wird. Sondern wer etwas sagt. Spricht ein Weißer oder eine Person of Color? Spricht ein heterosexueller Mann – die Rede ist von ‚toxischer Männlichkeit‘ – oder eine Muslimin?“

Selbstverständlich war der „große Aufklärer“ Kant nach heutigen Maßstäben Rassist – so what? Gerade im Rahmen einer universitären Veranstaltung dürfte, ja müsste dies auch hinreichend problematisiert werden – der Artikel lässt jedenfalls nichts Gegenteiliges annehmen. Im Übrigen ebenso, wie dies im schulischen Standard-Geschichts- und Politikunterricht in Bezug auf autoritäre Regime à la NS oder SED der Fall ist.
Doch weiter im Kindergarten des überbordenden Anti-Zirkusses: Lau schreibt weiter:

„Der Einteilung der Menschheit in Weiße und People of Color, in heterosexuelle Männer und LGBTQI (lesbisch, schwul, bi, trans, queer, intersexuell) entspricht die Einteilung in Täter und Opfer. Der Sexualpädagoge Marco Kemmholz warnt. ‚Eigenschaften, die gesellschaftlich von Vorteil sein könnten, wie etwa heterosexuell, männlich, nicht behindert oder weiß zu sein, werden schon an sich als Bedrohung oder Übergriff für als verletzbar geltende Gruppen wahrgenommen. ‚ Die taz berichtete über ein Antirassismuscamp, auf dem ein Bezirk mit Flatterband abgezäunt war, den nur betreten durfte, wer sich als Person of Color identifizierte. Ein Auftritt der Band Feine Sahne Fischfilet im ArbeiterInnen- und Jugendzentrum Bielefeld musste unterbrochen werden, weil der Drummer im Eifer des Gefechts sein T-Shirt ausgezogen hatte. Arglos gab er zu seiner Verteidigung an, er habe halt geschwitzt – aber damit kam er nicht durch. Sexuell Traumatisierte hätten durch seine nackte Brust erneut traumatisiert werden können, lautete der Vorwurf.“

Bleibt zu hoffen, dass Mariam Lau und ihrer nüchtern-rationalen Betrachtung des Themas kein Shitstorm so wie vor einem Jahr im Zusammenhang mit ihrer Kommentierung der Flüchtlingskrise im Mittelmeer folgt. Unter der irreführenden Überschrift „Oder soll man es lassen?“ suggerierte ihr Beitrag damals, sie plädiere für das Ertrinkenlassen von Hilfsbedürftigen, was Lau aber nie vertrat, was man auch problemlos hätte bemerken können, wenn man denn ihren Artikel tatsächlich komplett gelesen hätte…