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Endzeitglaube als Verschwörungstheorie

August 31, 2015

Manchmal kann es ganz aufschlussreich sein, die eigene (ehemalige) apokalyptisch ausgerichtete Religionsgemeinschaft mit ähnlich orientierten Denominationen zu vergleichen. Passiert ohnehin viel zu selten, dass Mitglieder von Endzeit-Club X sich mit Lehre und Organisation von Endzeit-Club Y oder Z beschäftigen, was ich einfach nicht verstehen kann, aber wohl in erster Linie am Hamsterrad liegt, in welches die jeweilige Gruppierung ihre Mitglieder einspannt (und zudem am theologischen Desinteresse der meisten Gläubigen, die offensichtlich froh sind, wenn sie das rituelle Bepredigtwerden ohne größeren Schaden abgesessen haben).

Apokalypse-Fragezeichen 003

Schade eigentlich, ansonsten würde vielleicht dem einen oder anderen auffallen, wie wenig einheitlich die unterschiedlichen christlichen Endzeitgruppierungen (hier: Zeugen Jehovas und NAK) die Abfolge der konkreten apokalyptischen Ereignisse anordnen.

(Zur willkürlichen In-eins-Setzung des „Ersten-Auferstehungs“-Terminus aus Offb 20,6 mit der „Entrückungs“-Passage aus 1. Kor 15, 20 und 22-24 seitens der NAK siehe den online leider auf der Autoren-Website nicht mehr verfügbaren Auszug aus Rudi Stiegelmeyrs „Die Neuapostolische Kirche – Anspruch und Wirklichkeit einer Glaubenselite – Aus Gnaden erwählt…? Band 3“, S. 555f. Weitere Artikel des theologisch brillanten Stiegelmeyr zur NAK, zur christlichen Kirche allgemein sowie zur Gesellschaftsreform siehe hier.)

Im Übrigen bestand ein Teil meiner Urlaubslektüre darin, dass ich mich den Schilderungen des ehemaligen Zeugen Jehovas Misha Anouk widmete:
„Dass Zeugen Jehovas glauben, die wahre Religion zu sein, liegt unter anderem an dir. Wenn du sie an der Haustür abweist, ist das ein Zeichen. ‚Wenn wir um der Gerechtigkeit willen Gegnerschaft und Verfolgung erdulden müssen, ist das ein Beweis, dass wir als wahre Christen in Gottergebenheit leben‘, heißt es einmal im Wachtturm. Wenn du sie hereinbittest und Interesse zeigst oder gar Zeuge Jehovas wirst: auch. Egal, was du tust, du bleibst nichts anderes als ein kleines, aber feines Glied in ihrer Indizienkette.“ (Misha Anouk: Goodbye, Jehova!, S. 53)

(Übrigens ein typisches Kennzeichen jeder Verschwörungstheorie: Jede Ablehnung/Kritik ihr gegenüber „beweist“ die vermeintliche „Wahrheit“, dass Juden, Amis, Großkonzerne etc. schon immer nur Böses im Schilde führten.)

Und die Neuapostolische Kirche? Im „Wort zum Monat“ August 2015 heißt es (ungekürztes Zitat):
„Wie kann das sein? Da geht ein Werk seiner Vollendung entgegen, das Gott selbst ins Leben gerufen hat, das er führt und leitet, in dem sein Geist die Impulse und die Richtung vorgibt, und dann stellt man allenthalben Erschwernisse und ernüchternde Entwicklungen fest: weniger Gottesdienstbesucher, kleiner werdende Gemeinden, ein schwieriger werdendes Umfeld, in dem das Evangelium und die Botschaft von der nahen Wiederkunft Christi immer weniger Resonanz finden.

Dabei, so sollte man meinen, muss die Braut Christi doch im Triumphzug ihrem Bräutigam, Jesus Christus, entgegengehen, in einem glorreichen Siegeslauf, an dessen Ende die Krone winkt?

Nimmt man die Worte von Paulus und Barnabas ernst, dann sieht die Sache ganz anders aus: „Wir müssen durch viele Bedrängnisse in das Reich Gottes eingehen.“ Kein Triumphmarsch, sondern Mühsal und Bedrängnis: Es wird schwieriger, Glauben zu behalten, es kostet mehr Kraft, treu zu bleiben. Enttäuschungen häufen sich. Man versteht vieles nicht. Man findet keine Antwort und keine Erklärung dafür, warum die Verhältnisse so sind, wie sie sind. Man sieht es im persönlichen Bereich, man sieht es in der Gemeinde und man sieht es in der Kirche insgesamt.

Warum? Weil die Kirche denselben Weg geht wie ihr Herr. Vor der Auferstehung stand das Kreuz. Aber nach der Passion, nach der Todesnacht, kam der Triumph, folgten die siegreiche Auferstehung und die Himmelfahrt. Lassen wir uns deshalb von Bedrängnissen, gleich welcher Art, nicht irritieren.“

Interessanterweise klang das vor einigen Jahren (um die Jahrtausendwende) noch ganz anders. Von Gemeindeschließungen war noch nicht (oder kaum) die Rede, mit stolz geschwellter Brust meinten die Herren NAK-Prediger, das weltweite Wachstum als sicheres Zeichen baldiger Vollendung verkaufen zu können. In einem Gottesdienst bezog der damalige Stammapostel Fehr sogar das Wort aus Jesaja 2, 2 („Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen […]“; zit. n. Luther Bibel 1984) auf die seinerzeitige Situation seiner Endzeitgemeinschaft.

(Leider war es mir trotz mehr als einstündiger Suche nicht möglich, Datum, Ort und Predigtinhalte Fehrs zu diesem Textwort online ausfindig zu machen. Dass dieser Gottesdienst aber kein Hirngespinst ist, dafür verbürge ich mich!)

Vor allem fällt am zitierten „Wort zum Monat“ (wie generell häufig an Publikationen/Predigten apokalyptisch orientierter Gemeinschaften) auf: Es wird keinerlei (und wenn, dann höchstens absolut oberflächliche) Ursachenforschung betrieben, warum denn „Evangelium und die Botschaft von der nahen Wiederkunft Christi immer weniger Resonanz finden“. In vielen Fällen mag es ja wirklich zutreffen, dass sich ein relativ unreflektierter „Gewohnheits-Atheismus“ bei den (Gott sei Dank nur schwach) indoktrinierten Endzeitgläubigen im Laufe der Zeit Bahn bricht und man mit Glaubensfragen (verständlicherweise!) erst einmal nicht weiter behelligt werden möchte. Aber vielfach betrifft es auch (Ex-)Mitglieder, die sich gerade intensiv mit ihrem (zumeist übergestülpten, da von Kindheit ansozialisierten) Glauben auseinandersetzen und aufgrund einer tragfähigen Argumentationsgrundlage zu abweichenden Ergebnissen als von der Kirchenleitung vorgegeben kommen.
Für Endzeitgläubige natürlich ein GAU, rechnen sie doch (idealerweise) täglich mit dem Anbrechen von „Harmageddon“ (Zeugen Jehovas) bzw. der Wiederkunft Christi und der unmittelbar darauffolgenden „großen Drangsal“ (NAK, Siebenten-Tags-Adventisten, zahlreiche Evangelikale und Pfingstler). Aber die Psychodynamik apokalpytischer Gläubiger ist dann doch ein ganz eigenes, separat abzuhandelndes Thema, dem ich mich sicher auch noch annehmen werde, „so der Herr bis dahin nicht gekommen ist“ 😉

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