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„Was tröstet, hat recht?“ – Das Phänomen des Glaubens an den Glauben

Juli 14, 2016

„Dass Religion die Fähigkeit hat zu trösten, macht sie nicht wahrer. Selbst wenn wir ein gewaltiges Zugeständnis machen; wenn wir schlüssig nachweisen, dass der Glaube an die Existenz Gottes für das psychische und emotionale Wohlbefinden der Menschen völlig unentbehrlich ist; selbst wenn alle Atheisten verzweifelte Neurotiker wären, die von einer erbarmungslosen kosmischen Angst in den Selbstmord getrieben würden – selbst dann wäre das alles nicht der Hauch eines Belegs dafür, dass religiöser Glaube der Wahrheit entspricht. […]
Es ist wohl kaum eine Übertreibung, wenn ich behaupte, dass die Mehrheit der Atheisten in meinem Bekanntenkreis ihre Überzeugung hinter einer frommen Fassade verbirgt. Sie glauben selbst nicht an irgendetwas Übernatürliches, haben aber nach wie vor eine unbestimmte Schwäche für irrationale Überzeugungen. Sie glauben an den Glauben. Es ist verblüffend, wie viele Menschen anscheinend den Unterschied zwischen ‚X ist wahr‘ und ‚Es ist wünschenswert, dass die Menschen X für wahr halten‘ nicht kennen.“

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Soweit Richard Dawkins in „Der Gotteswahn“ in einem Textauszug, der in der letzten Unterrichtsstunde meines 11er-Ethikkurses vor den hessischen Sommerferien diskutiert wurde.
Die Einstellungen der Schülerinnen und Schüler fielen dabei erstaunlich unterschiedlich aus: von Unverständnis darüber, wie jemand nun überhaupt nicht an etwas Göttliches glauben könne bis zu 100%-iger Zustimmung war alles dabei. Und ich muss sagen, bei der Vorbereitung der Stunde kam mir unwillkürlich ein ähnlicher Ausspruch einer Kollegin in den Sinn, die damals (es muss wohl mittlerweile auch schon fünf bis sechs Jahre her sein) im Rahmen einer Schultheaterprobe zu Büchners „Woyzeck“ auf ihre Religiosität angesprochen wurde und sinngemäß ihr Bedauern ausdrückte, nicht glauben zu können. Ich habe mich damals aus dem Gespräch herausgehalten, mir aber bereits an Ort und Stelle mir im Sinne Dawkins‘ meine Gedanken dazu gemacht.
Denn nur allein die Tatsache, dass ein religiöser Glaube dazu taugt, Kontingenzbewältigung zu leisten, also in Lebenskrisen Orientierung und Halt zu bieten, sagt doch nun weiß Gott (!) keinen Deut über dessen Realitätsgehalt aus! Einmal abgesehen davon, dass mit Sicherheit jede Menge Anhänger dieses Glaubens existier(t)en, denen eben kein Trost aus ihrer Religiosität erwächst, weil sie nämlich diversen Perversitäten ihres ach so liebevollen Gottes zum Opfer gefallen sind: Man denke nur an unheilbare Krankheiten (ein Schüler unserer Schule verstarb 2014 an Leukämie!) und andere Naturkatastrophen; das von Menschen verursachte Leid (Hunger, Krieg, Terror) braucht hier nicht einmal ins Spiel zu kommen.
Gläubige Menschen werden sich vielfach mithilfe des Argumentes zu retten versuchen, dass derart unschuldig Leidende bei Gott sicher eine Art „Premiumplatz“ hätten. Doch diese Sichtweise verkennt, dass hiermit der Grundstein einer ausgesprochenen Leidenstheologie gelegt würde, welche über Jahrhunderte Gläubige zu masochistischen Zwangsgedanken und -handlungen angetrieben hat (man denke nur an Martin Luthers Selbstkasteiungen).
Und selbst eine biblizistische Endzeitgruppierung wie die NAK will diesen Zug nach eigener Aussage überwunden haben, während in früheren Zeiten der Begriff „Welt“ dort bekanntermaßen mit „Wehe, Elend, Leid und Tod“ gleichgesetzt wurde.
Und noch etwas scheint den Religiösen und ihren säkularen Bewunderern hinsichtlich ihres „Trost“-Argumentes nicht aufzufallen, nämlich die Nähe zur Motivation von Drogenkonsumenten, welche ja häufig gerade deshalb zum Betäubungsmittel ihrer Wahl greifen, um aus der als frustrierend und beengend empfundenen Realität zumindest für einen kurzen Moment zu flüchten. „Wer Hirnes hat, der denke…“