Archive for Juli 2012

Der klein(geistig)e Prinz von Barmbek

Juli 31, 2012

Millionen kleinen und großen Lesern geht auch im Abstand vieler Jahre nach der Lektüre das Herz auf, wenn sie an das moderne Märchen „Der kleine Prinz“ aus der Feder des französischen Aufklärungsfliegers und Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry (1900 – 1944) und die darin enthaltene fiktive Planetenreise des Protagonisten zurückdenken.

Sein Kerninhalt, die Frage nach der Vermittlung zwischen den Idealen der Kindheit und der Lebenswelt der Erwachsenen, kommt zugespitzt im berühmten Ausspruch des kleinen Prinzen zum Ausdruck: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar!“

Gegen diese naive und doch zugleich tiefgehende Weisheit liefert die stammapostolische Predigt vom 25.07.2012 in Hamburg-Barmbek ein in schlechter christlicher, speziell neuapostolischer Tradition stehendes Beispiel für die Vereinnahmung, ja Pervertierung einer prominenten Persönlichkeit der Zeitgeschichte für die eigene Propaganda.

Die Website der NAK Norddeutschland zitiert aus besagtem Gottesdienst wie folgt:

„Stammapostel Leber zitierte Teile eines Ausspruchs des französischen Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry, in dem einige Merkmale und Folgen eines gottlosen Lebens zusammengefasst werden: ‚Wenn die Menschen gottlos leben, sind die Sitten zügellos, die Lügen grenzenlos, die Verbrechen maßlos, die Völker friedlos, die Schulden zahllos, die Regierungen ratlos, die Politik charakterlos, die Konferenzen endlos, die Aussichten trostlos, die Kirchen kraftlos, die Christen gebetslos.‘

Diese Zeilen relativierte der Stammapostel kaum, sondern er betonte, dass die Gottlosigkeit immer mehr die Herzen der Menschen ergreife. Diesem Trend nicht zu folgen, stattdessen alles mit Gott zu machen und jeden Gedanken mit Gott zu fassen, sei die sich lohnende Aufgabe eines jeden Christen.“

Abgesehen von der einfachen – durch Leber hier nicht beantworteten – Frage nach dem konkreten Verständnis von „Gottlosigkeit“ (schließlich kann dieser Begriff auch ganz einfach symbolisch für ein selbstentfremdetes und daher ethisch verrohtes Verhalten stehen, ohne jede bewusste Hin- oder Abwendung zu / von „Gott“), habe ich mich ein wenig auf die Suche nach Saint-Exupéry und seiner Haltung zu Religion / Spiritualität begeben und bin dabei fündig geworden. In seiner 2012 bei Rowohlt erschienenen Biografie „Antoine de Saint-Exupéry“ äußert sich ihr Autor, Karlheinrich Biermann, zwar nur recht knapp, gleichwohl allerdings ganz und gar nicht im Sinne der typisch-neuapostolischen Dichotomie à la Leber zu obigem Aspekt:

„Die simple Apologie eines Abbé Antonin-Gilbert Sertillanges (‚Die Quellen des Glaubens an Gott‘, 1907) lehnt er [de Saint-Exupéry, M.H.] kategorisch ab. Die Ergebnisse der historisch-kritischen Forschung und der Naturwissenschaften können nicht ohne Folgen für den Glauben des Einzelnen und für die Dogmen der römisch-katholischen Kirche bleiben. Die Gottesfrage, das zentrale Problem des Glaubens, jedoch bleibt bestehen, und manchmal hat es den Anschein, als sei Saint-Exupéry der Begriff Gottes wichtiger als seine tatsächliche Existenz. Er ist auf der Suche nach Konzepten, die die zeitgenössische Realität zu erfassen vermögen und die Umgestaltung der Verhältnisse ermöglichen, letztlich aber stößt er auf einen Kern der Wirklichkeit, der rational nicht fassbar ist: Das Wesen des Lebens ist irrational oder auch mütterlich. Diese Erkenntnis verstärkt seine Überzeugung, dass die eigentlich geistige Tätigkeit des Menschen die Dichtung oder die Kunst allgemein ist. Die schöpferische Kraft macht die Freiheit des Menschen und den Kern seiner Menschlichkeit aus. […]

Seine Vorstellung von Kultur schließt auch eine ethische Haltung der Mitmenschlichkeit ein, die einem demokratischen und sogar revolutionären Ideal entspricht. Es ist nicht mehr ein Denken, das dualistisch zwischen Gut und Böse, Gott und Teufel, Freund und Feind unterscheiden zu können glaubt, sondern eine Methode, die den Widerspruch akzeptiert. Die Verwirrung und der Zweifel, sogar die Unordnung, die ein akzeptierter Widerspruch hervorbringt, sind für Saint-Exupéry von ihrem Wesen her fruchtbar und schenken höhere Genugtuung als der Glaube des Fanatikers.“ (S. 71f.)

Damit erübrigen sich wohl sämtliche Versuche, seitens fundamentalistischer Schwarz-Weiß-Denker und Feinde des rationalen Denkens („Der Zweifler empfängt nichts!“), diesen zu dialektischem Denken befähigten Literaten für ihre eigene Sache vor den Karren zu spannen!

Zu Lebers „Trost“ sei erwähnt, dass die Diffamierung selbstständig denkender und zum Agnostizismus / Atheismus tendierender Menschen – ich erwähnte es bereits – eine lange und unselige Tradition innerhalb des Christentums besitzt. Aus aktuellem Anlass sei daher auf die momentan in der säkular-humanistischen Szene Wellen schlagende Affäre um die Äußerungen des katholischen Militärbischofs Franz-Josef Overbeck verwiesen:

„Die Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) hat in einem Brief Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière aufgefordert, ‚öffentlich klarzustellen, dass ‚Menschsein‘ bzw. Menschenrechte und Menschenwürde selbstverständlich nicht von der Religiosität eines Menschen abhängen‘.

Damit reagierte die gbs auf eine Äußerung des katholischen Militärbischofs Franz-Josef Overbeck. Dieser hatte bei der diesjährigen Soldatenwallfahrt nach Lourdes in einer Ansprache an die deutsche Delegation erklärt:
‚Ohne Religion und ohne gelebte Praxis von Religion gibt es kein Menschsein.‘

Damit hatte er sich in die Tradition von NS-Feldbischof Franz Rarkowski gestellt, der in seinem Hirtenbrief vom 29. Juli 1941 geäußert hatte, die ‚Verneinung der göttlichen Weltordnung‘ habe zur Folge, dass ‚der Mensch in den Bereich des Tierhaften herabsinkt‘.“

(Quelle: Materialien und Informationen zur Zeit – Politisches Magazin für Konfessionslose und AtheistINNEN Nr. 2/2012)

Werbeanzeigen