Archive for Oktober 2015

Wie ich wurde, was ich bin

Oktober 30, 2015

Das bin ich:
Michael Haß, geboren 1974 in Bremen. Nach Studium der Religionswissenschaft und Germanistik (Lehramt Sekundarstufe II) ebendort und Referendariat in Salzgitter (Fächer: Deutsch, Werte und Normen) bin ich seit 2009 Studienrat in Hanau (Fächer: Deutsch, Ethik).

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Von Geburt an neuapostolisch erzogen habe ich mich mit 21 Jahren innerlich von der Kirche, nach einer kurzen Esoterik-Phase auch von der Religion im Allgemeinen abgewandt und bin „vom Glauben zum Wissen konvertiert“ (Hamed Abdel-Samad), vertrete also ein wissenschaftlich-naturalistisches Weltbild. Allerdings ist mir schon klar, dass die Wissenschaft niemals alle Fragen wird beantworten können und ich mich auch irren kann. Jedoch gilt das Popper´sche Prinzip der Falsifikation: Wissenschaftliche Erkenntnisse besitzen solange Gültigkeit, bis empirische Forschungen eine Modifikation dieser Theorie erforderlich machen – ein Prinzip, das in punkto religiöser Offenbarung eben nicht gilt.

Evolutionsbiologie – die Königsdisziplin der Religionskritik

Oktober 30, 2015

Je länger ich mich als Ethiklehrer mit der Evolutionsbiologie (Pflichtthema in Jahrgang 12 der Gymnasialen Oberstufe in Hessen) und ihren weltanschaulichen Implikationen beschäftige, desto klarer wird mir, dass gerade darin der „Fels des Atheismus“ (Georg Büchner) besteht.
darwin fish
Doch leider scheint sich das evolutionsbezogene Halbwissen vieler Mitmenschen im Glauben zu erschöpfen, der Mensch „stamme vom Affen ab“ (wobei es korrekt heißen müsste, dass der Mensch und andere Primaten gemeinsame Vorfahren haben) und dies stehe irgendwie im Zusammenhang mit dem Prinzip des „Survival of the fittest“ (oft missverstanden als „Überleben der Stärksten“).

In Kurzform geht die Evolutionsbiologie (die den wissenschaftlichen Stand eines Charles Darwin (1809 – 1882) längst hinter sich gelassen hat, diesen jedoch mehr und mehr in wesentlichen Punkten bestätigen konnte) von folgenden, empirisch sehr gut untermauerten Annahmen aus:
1. Alle Lebewesen haben gemeinsame Vorfahren, sind also untereinander verwandt.

2. Lebewesen tendieren dazu, mehr Nachwuchs in die Welt zu setzen, als dieser langfristig überlebensfähig wäre. Innerhalb einer Art verfügt jedes Lebewesen zudem über etwas anders ausgestattete genetische Eigenschaften (zum Teil ausgedrückt in unterschiedlichem Aussehen, dem Phänotyp). Bei der Fortpflanzung gehen jeweils mütterliche und väterliche Gen-Anteile in neuer „Mischung“ auf den Nachwuchs über (Rekombination). Bei diesem Vorgang kann es durch Ablesefehler der DNA/RNA zu zufälligen Änderungen des Erbgutes der Keimbahn (= der Geschlechtschromosomen) (oder auch durch radioaktive Strahlenbelastung, Kontakt mit bestimmten chemischen Substanzen etc.), den sog. Mutationen kommen. Diese wirken sich zumeist neutral auf die Überlebensbedingungen des Individuum aus. In wenigen Fällen kann eine solche Mutation jedoch auch zufällig zu einem Überlebensvorteil führen – hier wird klassischerweise häufig die weiße Farbe des Fells angeführt, welche einem Hasen in verschneiter Umgebung viel größere Überlebenschancen vor seinen Fressfeinden bietet als dies bei einem Hasen mit braunem Fell der Fall wäre. Daher wird der Hase mit weißem Fell mit höherer Wahrscheinlichkeit auch mehr Nachkommen zeugen als der braune und seine genetischen Eigenschaften somit weitergeben (natürliche Selektion).
Dieser Mechanismus kann in Extremfällen (und i.d. Regel mithilfe räumlicher Isolation) sogar im Laufe vieler Hunderttausender oder Millionen von Jahren dazu führen, dass aus einer Art mehrere Arten werden, also Populationen, die nicht mehr in der Lage sind, untereinander Nachkommen zu zeugen.

3. Allein diese Mechanismen erklären die Artenvielfalt im Reich der Organismen, so dass hierfür kein Schöpfungsakt eines Gottes angenommen werden muss, wie ihn zahlreiche Religionen postulieren. Im Gegenteil, die wirkmächtige Rolle des Zufalls erscheint offensichtlich als derart dominant, dass ein planvolles göttliches Eingreifen quasi ad absurdum geführt wird.
Somit wird der Mensch seiner Herkunft nach als Mitglied des Tierreichs „geerdet“ und verliert seinen zuvor selbstherrlich durch die Religionen angenommenen Status als „Krone der Schöpfung“.

In diesem Zusammenhang sei der Evolutionsbiologe Thomas Junker zitiert:
„Zum anderen machte Darwin darauf aufmerksam, dass die Natur nicht so aussieht, als sei sie von einem allmächtigen und gütigen Gott erschaffen worden: ‚Es scheint mir zuviel Elend in der Welt zu geben. Ich kann mich nicht überzeugen, dass ein wohlwollender und allmächtiger Gott absichtlich die Schlupfwespen erschaffen haben würde, mit der ausdrücklichen Absicht ihrer Fütterung in den lebenden Körpern von Raupen‘ […].
Für das Christentum sind Tod und Leiden Folge des Sündenfalls. Dieses Argument lässt sich aber nur einigermaßen glaubhaft vertreten, wenn Menschen und andere Organismen mehr oder weniger gleichzeitig entstanden sind. Die Evolutionsbiologie behauptet hingegen, dass es den Tod schon bei den ersten Lebewesen vor vier Milliarden Jahren, Schmerzen und Leiden schon bei den frühen vielzelligen Tieren vor mehr als 600 Millionen Jahren gab. Da Menschen aber erst seit zwei Millionen Jahren existieren, können sie schlecht für den Tod und das Leiden in den unermesslichen Zeiten vor ihrer Entstehung verantwortlich gemacht werden. Und so hat die Evolutionsbiologie das Theodizee-Problem (die Rechtfertigung Gottes in Anbetracht der Übel und Unvollkommenheiten der Welt) verschärft, indem sie der traditionellen religiösen Antwort die Grundlage entzog.“

Thomas Junker: Die 101 wichtigsten Fragen – Evolution. München 2011, S. 122f.

Gerne führe ich an dieser Stelle auch erneut Michael Schmidt-Salomons geniale Widerlegung der religiösen Seelenlehre an:
„Stellen Sie sich vor, Sie reichen Ihrer Mutter die linke Hand, die wiederum ihrer eigenen Mutter die linke Hand gibt, die das Gleiche bei ihrer Mutter macht und so weiter und so fort. […] Gehen wir nun davon aus, dass jedes Individuum in dieser Kette genau einen Meter Platz für sich beansprucht und der durchschnittliche Abstand zwischen den Generationen 20 Jahre beträgt: Wie lange müssten Sie wohl die Reihe Ihrer Ur-Ur…-Großmütter entlanggehen, um auf jene bemerkenswerte Dame zu stoßen (nennen wir sie ‘Oma Chimpman’), die zugleich auch die Ur-Ur…-Großmutter der heutigen Schimpansen ist? Die Antwort ist verblüffend: Es sind bloß rund 300 Kilometer – etwa die Entfernung von München nach Würzburg oder von Hamburg nach Berlin. […]
Irgendwer oder irgendwas soll irgendwann (man weiß nicht wie, man weiß nicht, warum) eine ‘unsterbliche Seele’, einen ‘autonomen Geist’, einen ‘freien Willen’ in eine dieser affenartigen Lebensformen eingehaucht haben. […] [S]osehr Sie sich auch bemühen, Sie werden in Ihrer Abstammungsreihe keine plötzlichen Veränderungen finden, keinen Moment, in dem aus einem unbeseelten Wesen ein beseeltes würde. […] Kurzum: Sie werden auf Ihrem langen Marsch entlang Ihrer Abstammungslinie exakt das feststellen, was Evolutionsbiologen seit Langem darlegen, nämlich: dass die Natur keine Sprünge macht. (Diese Erfahrung würden Sie selbstverständlich auch machen, wenn Sie die Kette Ihrer Ahnen noch ein gutes Stück weiter gehen würden, um schließlich auch noch auf Mama Reptil, Großmama Lurch und Urgroßmutter Fisch zu treffen, aber wir wollen das Gedankenspiel hier nicht überstrapazieren.)“


Michael Schmidt-Salomon: Hoffnung Mensch. Eine bessere Welt ist möglich. München 2014, S. 56f. [der gebundenen Ausgabe]