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Realsatire der „blinden Blindenführer“

September 21, 2013

In diesem Monat beglückt die Neuapostolische Kirche Mitglieder wie Passanten ihrer Kirchenlokale gleichermaßen mit einer schlichten „Weisheit“ in Form des aktuellen Monatsplakats September 2013, welche uns wissen lässt:

„Kirche ist nichts für Abergläubige. Aber für Gläubige.“

karikatur568

Was aber sollen wir uns unter dem Stichwort „Aberglauben“ eigentlich vorstellen? Das Internet-Lexikon wissen.de definiert ihn wie folgt:

„Aberglaube

ursprünglich eine abwertend gebrauchte Bezeichnung der Kirche für religiöse Vorstellungen, die von der christlichen Lehre abweichen und in denen Reste vorchristlichen Denkens oder magischer Vorstellungen vermutet wurden; […]

Das deutsche Wort Aberglaube ist zum ersten Mal im 12. Jahrhundert belegt. Es diente als Übersetzung des lateinischen „superstitio“ und bezeichnete den von der offiziellen theologischen Lehre abweichenden (Irr-)Glauben; im 16. Jahrhundert wurde das Wort allgemein gebräuchlich und diente dem Klerus zunehmend als Kampfbegriff gegen Häretiker und Ketzer.“

Wie dieser Definition also unschwer zu entnehmen ist, handelt es sich beim „Aberglauben“ schon seit Langem kirchlicherseits um den Versuch, die eigenen Heilslehren mit der Gloriole des einzig wahren Glaubens zu umgeben und in Abgrenzung von allem Anderweitig-Religiösen, irgendwie Suspekten hinzustellen.

Und da sich die christlichen Kleriker – und mit ihnen auch die neuapostolischen – nicht zuletzt in Konkurrenz zu heidnisch-magischen Vorstellungen sahen respektive sehen, sei an dieser Stelle die Bemerkung gestattet, dass der allgemein-christliche Teufelsglaube (wie ihn auch die NAK bekanntlich in naiv-wörtlicher Form konserviert) zu den magischen Denkmustern in Reinkultur zu zählen ist. Beruht dieser schließlich auf der archaisch-mythischen Sichtweise, „das Böse“ werde durch die Einflüsterungen einer äußeren satanischen Instanz in das dadurch „sündhafte“ Menschenkind hineingetragen.

Treffend schreibt dazu der Philosoph und Religionskritiker Michael Schmidt-Salomon in seinem Werk Jenseits von Gut und Böse. Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind :

„Wissenschaftler führen sämtliche Erscheinungen in der Welt auf natürliche Ursachen zurück. Der große Erfolg der Wissenschaften, ihr deutlicher, sich unter anderem in der Entwicklung der modernen Technologie manifestierender Vorsprung gegenüber religiösen Welterklärungsmodellen, beruht nicht zuletzt auf der fruchtbaren (naturalistischen) Unterstellung, dass es im Universum ‚mit rechten Dingen zugeht‘, dass weder Götter noch Dämonen noch Kobolde in die Naturgesetze eingreifen. In dieser nüchternen, wissenschaftlichen Betrachtungsweise sind wir Menschen nichts weiter als eine im Verlauf der natürlichen Evolution zufällig entstandene Primatenart. […]

Deshalb ist für eine spezielle Wirkmacht ‚des Bösen‘ als einer besonderen Kraft in der Geschichte des Menschen in der wissenschaftlichen Betrachtungsweise kein Platz!

Mit anderen Worten: Die Idee des Bösen, die ja nicht nur dazu herangezogen wird, um menschliche Handlungen zu bewerten, sondern auch um diese zu erklären, stellt aufgrund der in ihr enthaltenen übernatürlichen Unterstellungen (‚Es gibt ein eigenes, über natürliche Ursachen nicht zu erklärendes Reich des Bösen!‘) einen Verstoß gegen wissenschaftliche Erkenntnisprinzipien dar. Insofern ist ‚das Böse‘ nicht bloß eine nicht wissenschaftliche, sondern sogar eine unwissenschaftliche Kategorie.“ (S. 36f.)

Gleiches ließe sich selbstverständlich ebenso auf die blutrünstige Sühneopfer-Theologie bezüglich des Kreuzestodes Jesu und weitere Elemente christlicher Mythologie übertragen, vom neuapostolischen Sondergut (Entschlafenenwesen etc.) ganz zu schweigen.

Wie sagte der „Seniorchef“ der deutschsprachigen Religionskritiker-Szene und Autor der zehnbändigen „Kriminalgeschichte des Christentums“, Karlheinz Deschner, so wunderbar treffend:
„Daß Glaube etwas ganz anderes sei als Aberglaube, ist unter allem Aberglauben der Größte.“