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Selektive Satirophobie schariakonformer Salonlinker – zur Kritik an der Vergabe des Hedwig-Dohm-Preises an die religionskritische Karikaturistin Franziska Becker

Juni 29, 2019

Eingenässte Päpste, gottlose Ferkel, bombenbewährte Religionsstifter – politische, zumal religionskritische Satire hat hierzulande schon für jede Menge Schlagzeilen und Sendezeit gesorgt – und das nicht nur, wenn dabei der Islam Thema war.

Doch kam im ersteren Fall das Satiremagazin „Titanic“ dank einer zurückgezogenen Anzeige des seinerzeitigen Papstes noch gut weg, und konnten sich auch die Macher des atheistischen „Ferkel“-Buchs gerade noch gegen eine drohende Indizierung aufgrund von Antisemitismusvorwürfen zur Wehr setzen, so waren die Konsequenzen für den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard im Zusammenhang mit dem von ihm gezeichneten „Bombenturban“-Mohammed wesentlich verheerender: Polizeischutz inkl. versuchter Tötung durch einen axtschwingenden somalischen Islamisten zum Jahreswechsel 2010/2011!

Und da es in nicht unbedeutenden Teilen des linksliberalen Hypertoleranz-Milieus seit eh und je zum guten Ton zu gehören scheint, in Muslimen per se die „Verdammten dieser Erde“ (Frantz Fanon), ja eigentlich mehr „Kuscheltiere“ (Ahmad Mansour) als menschliche Individuen zu erblicken, war es tatsächlich nur eine Frage der Zeit, wann die Nachricht von der Vergabe des an die deutsche Feministin Hedwig Dohm (1831 – 1919) erinnernden gleichnamigen Preises an die langjährige EMMA-Karikaturistin Franziska Becker einen Aufschrei bei taz und Konsorten verursachen würde: Hatte sich die zu Ehrende doch erfrecht, in ihren häufig religionskritischen Zeichnungen verschleierte muslimische Frauen in den Fokus zu rücken:
So wirft ihr in der taz-Ausgabe vom 26. Juni Hilal Sezgin etwa vor, es sei falsch, „zu verharmlosen, wie stark nicht nur die Emma, sondern eben auch Becker an der Konstruktion, Verbreitung und Verhärtung eines Klischees mitgearbeitet haben, bei dem so viele ‚linke‘ Feministinnen mit ultrarechten Durchschnittssexisten übereinstimmen: dem Klischee von der scheinbar zwangsläufig unterdrückten, verblödeten, jeder Individualität beraubten kopftuchtragenden Frau.
Immer wieder hat Becker die plattesten Figuren gezeichnet: muslimische Polizistinnen, die mit einer Axt herumlaufen; Richterinnen, die fürs Gebet ständig den Prozess unterbrechen; verhüllte Frauen, die sklavisch ihren Männern folgen.“

Und Jakob Augstein, Herausgeber des FREITAG, erteilt Becker dahingehend eine Lektion in schariakonformer Salonlinkenmanier, ein gelungener Polit-Cartoon habe gefälligst die „Großen klein [zu] machen“ und dürfe nicht „auf die treten, die ohnehin unten sind“.

Wie gesagt: Muslime sind für Augstein automatisch die „Opfer“ einer latent rassistischen Gesellschaft, und laut Sezgins Logik dürfte es übrigens keinerlei Blondinen- oder Ostfriesenwitze oder dergleichen geben, funktionieren diese doch nur aufgrund des unterstellten Klischeecharakters der jeweils Verspotteten. Niemand Ernstzunehmendes käme doch auf den Gedanken, alle blonden Frauen für exakt so dämlich zu halten, wie sie in diesen Witzen dargestellt werden. Und ebenso dürfte wohl auch niemand alle verhüllten muslimischen Frauen für Axt schwingende Killerinnen oder auf das Gebet zwangsfixierte Glaubensmarionetten halten – wobei einem Klischee bekanntlich immer ein Kern Wahrheit zugrunde liegt!

Aber in Bezug auf den Islam bzw. seine politischen Auswüchse haben viele linke Kulturrelativisten diese(n) eben schon seit Längerem quasi unter Artenschutz gestellt. Doch statt die Anzahl der Islamisten in Deutschland dadurch abzuschmelzen, verzeichnet der jüngste Verfassungsschutzbericht für das zurückliegende Jahr 2018 sogar einen Anstieg um knapp 800 auf 26.560.
Und auch, wenn aktuell der mutmaßliche Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und damit die Frage nach den Organisationsstrukturen des Rechtsterrorismus die Debatte beherrscht, so gilt es, gerade dieses Spektrum des Extremismus scharf im Blick der Sicherheitsbehörden, aber auch der Sozialarbeit zu behalten.

Für die Politsatire/das politische Kabarett hierzulande gilt wohl auf unabsehbare Zeit folgende Äußerung eines der wenigen Querdenker dieser Szene, Bruno Jonas:

„Wer den linken Laufstall überschreitet, wird als Abtrünniger behandelt. Logische Argumente spielen dabei keine Rolle. Humor, Selbstironie und Querdenken sind im linksgrünen Bereich nicht erwünscht. […] Ja, ja, ich weiß, wer den Islam kritisiert, ist islamophob. Ich bin vor über 43 Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten, hab nie aufgehört, sie zu kritisieren, aber noch nie hat mich deswegen einer katholophob genannt.“
Quelle: Wolf Reiser: Witzischkeit und ihre Grenzen. In: CICERO 3/2019, S. 23