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Wie zu erwarten: mediale Unterwerfung gegenüber „religiösen Gefühlen“

Januar 31, 2015

Es war nur eine Frage der Zeit, eigentlich überhaupt ein Wunder, dass die übergroße Anzahl der Medien hierzulande nach den bestialischen Terroranschlägen von Paris in den allgemeinen „Je suis Charlie“-Chor einstimmten. War man doch aus dem Jahr 2006 – dem Jahr des Hochkochens des berüchtigten „Karikaturen-Streits“ um ein paar harmlose Zeichnungen über den Propheten Muhammad – ganz andere Töne der Selbstkasteiung und vorauseilender Rücksichtnahme gegenüber jedweder Form religiöser (muslimischer) Gefühle gewohnt.

Abbildung Muhammad*

Nun scheint es also in der Tat an der Zeit zu sein, wo die allgegenwärtigen Mahner und Warner wieder langsam diskursives Oberwasser erhalten und die Unbedingtheit der Verteidigung der Meinungsfreiheit auch gerade entgegen den dauerbeleidigten Ultrareligiösen hinterfragen:

Bestes Beispiel: Die aktuelle Sendung des NDR-Politikmagazins „Panorama“ vom 29. Januar. Unter der Überschrift „Wenn Meinungsfreiheit zur Waffe wird“ schlägt sich die Redaktion eindeutig auf die Seite derjenigen, die beständig Toleranz für ihre (religiöse) Ideologie einfordern, auch wenn diese oftmals eine jahrhundertelange Blutspur zu verantworten hat. So heißt es im „Panorama-Beitrag“:

„Bisweilen konnte man den Eindruck gewinnen, dass die Mohammed-Karikaturen als eine Art Waffe im Kampf für die Meinungsfreiheit genutzt werden. So sahen sich alle die, die die Zeichnungen nicht brachten, massiver Kritik ausgesetzt. Von mangelnder Solidarität, einer Einschränkung der Meinungsfreiheit oder schlicht Feigheit war da die Rede, nach dem Motto: Ihr habt nicht verstanden, worum es geht! Der Eindruck entstand: Grenzen für die Meinungsfreiheit scheint es offenbar in Deutschland nicht zu geben. Muslime, die die Anschläge von Paris fast ausnahmslos verurteilen, wiesen gegenüber Panorama darauf hin, dass es für sie an dieser Stelle allerdings eine klare Grenze für Satire gibt, die durch einige veröffentlichte Mohammed-Karikaturen der letzten Wochen überschritten wurde. Sie fühlen sich verletzt, wenn ihr Prophet, ihr Religionsstifter, in dieser Form dargestellt wird.

Bekenntnis zur Meinungsfreiheit

Von den Muslimen in Deutschland erwartet man nun, diesen Zwiespalt zwischen einem Bekenntnis zur Meinungsfreiheit und der tiefverwurzelten Ehrfurcht gegenüber ihrer Religion stets zugunsten einer uneingeschränkten Meinungsfreiheit zu entscheiden. Dabei diskutieren und akzeptieren wir in Deutschland seit Jahren durchaus immer wieder gewisse Grenzen: Darf eine Tierschutzorganisation auf einem Domplatz eine Kreuzigungsszene nachspielen? Muss sich der Papst (und die katholische Kirche) ein deftiges Titelbild mit einer urinbefleckten Soutane in der Satirezeitschrift „Titanic“ gefallen lassen? Sind auch die zotigsten Karikaturen mit Jesus am Kreuz in jedem Fall gerechtfertigt, auch wenn sie viele Christen als Missachtung und Herabwürdigung ihrer Religion begreifen? Und wird hier nicht mit zweierlei Maß gemessen, wenn der einen Religion jeder Tabubruch zugemutet wird, während andere Religionen in ihrem Protest ernstgenommen werden?“

Liebe „Panorama“-Redaktion, werte Religions-Appeaser aller Couleur: Nein, man sollte sich nicht unter Druck setzen lassen und um irgendwelcher wie auch immer gearteter Konformitätserwartungen eine bestimmte Sorte an Karikaturen abdrucken. Es ist selbstverständlich auch völlig legitim, die entsprechenden Zeichnungen vulgär, geschmacklos, ja zutiefst abstoßend zu finden. Aber findet ihr es nicht merkwürdig, dass ausgerechnet viele derjenigen, die am ehesten zu Dauerbeleidigtsein und einer mantraartigen Beschwörung der Quasi-Heiligkeit ihrer „verletzten religiösen Gefühle“ tendieren, Anhänger einer Glaubenslehre sind, die alles andere als eine blütenweiße Weste vorzuweisen hat? Oder wie es Gunnar Schedel in einem Beitrag des Humanistischen Pressedienstes (hpd) zum Phänomen PEGIDA auf den Punkt bringt:
„Es lässt sich schwer bestreiten, dass der Prophet Mohammed (sofern seine Taten im Koran und in den Überlieferungen historisch halbwegs korrekt beschrieben werden) nach heutigen Maßstäben ein Kriegsverbrecher war.“

Des Weiteren geht Schedel auf die Einlassungen des muslimischen Gefängnisseelsorgers Husamuddin Meyer ein, der sich am 22.01. anlässlich der Talksendung „Maybrit Illner“ wie folgt geäußert habe:
„Auf die Frage nach einer Koranstelle, die Ungläubige niedriger als Tiere einstufe, antwortete er, dass hier ein Missverständnis vorliege. Der Mensch habe eigentlich eine höhere Bestimmung als die Tiere, weil er dazu berufen sei, die göttliche Schönheit zu erkennen. Wer diese Schönheit jedoch nicht erkenne, der irre umher, folge sozusagen seinen Instinkten: ‚Wenn aber sich ein Mensch, der eigentlich eine hohe Bestimmung hat von Gott, nachher benimmt wie ein Tier, dann ist er deswegen noch unter dem Level der Tiere.‘ Da blitzt sie auf, die Vorstellung, dass die Religion die einzige Quelle der Ethik ist und Ungläubige folglich keine Ethik haben (und sich deshalb ‚instinktgesteuert‘ wie Tiere verhalten).“

Und genau da liegt der Hase im Pfeffer: Wer sich aus überzogener religiöser Toleranz auf die Seite der (Hardcore-) Religiösen stellt, erweist damit dem Projekt der Aufklärung im Sinne Kants („Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“) einen Bärendienst. Anstatt darauf zu bestehen, ein reflektiertes und damit auch zumindest in Teilen distanzierendes Verhältnis zum jeweils verehrten Religionsstifter bzw. dem auf diesen zurückgeführten religiösen Überbau einzunehmen, erfolgt ein Einknicken vor der Macht der Irrationalität, die so etwas emotional Besetztes wie das Phänomen Religion nun einmal i.d. Regel mit sich bringt.
Aber genau dadurch begibt man sich in eine gefährliche Abhängigkeit: Wer religiösen Menschen damit letzten Endes die Deutungshoheit darüber einräumt, wer wann ihre „religiösen Gefühle“ verletzt hat bzw. zukünftig dies tun könnte, der führt damit durch die Hintertür eben jene (Selbst-) Zensur wieder ein, von der sich viele Journalisten im Zuge der Charlie-Hebdo-Debatte erfreulicherweise bereits zu verabschieden begonnen hatten.

Dann wundert es auch nicht mehr groß, wenn sich ein namhafter deutscher Jurist für die rigorose Anwendung des „Gotteslästerungs-Paragraphen“ § 166 StGB stark macht und die Organisatoren des Kölner Rosenmontagszuges den geplanten Motivwagen „Charlie Hebdo“ flugs aus ihrer Planung gestrichen haben. Oder wie es Michael-Schmidt-Salomon bereits 2012 anlässlich des Anti-Islam-Machwerks „Die Unschuld der Muslime“ so treffend ausdrückte:

„Die Absurdität der gegenwärtigen Debatte zeigt sich nicht zuletzt darin, dass Respekt ausgerechnet jenen gegenüber eingefordert wird, die hinlänglich bewiesen haben, dass ihnen jeder Respekt gegenüber Andersdenkenden fehlt. Verwunderlich ist dieses Defizit nicht, wenn man die Heiligen Schriften kennt.“

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* Die Darstellung des muslimischen Universalgelehrten Abū Rayḥān al-Bīrūnī (973 – 1048) zeigt Mohammed (rechts) in seiner letzten Predigt zu seinen ersten Konvertiten auf dem Berg Ararat in der Nähe von Mekka.

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