Archive for August 2014

Gottesfrage und intellektuelle Redlichkeit

August 31, 2014

Mit seiner Dokumentation „Mission unter falscher Flagge“ vom 4. August dieses Jahres wirbelte der Norddeutsche Rundfunk (NDR) mächtig viel Staub im evangelikalen bzw. charismatischen Lager auf, der anschließende Shitstorm erfolgte wohl unausweichlich, wie es für hinterweltlerisch-gläubige Menschen fast schon ein reflexhaftes Verhalten zu sein scheint, wenn man sich in seinem (zumeist recht einfachen Schwarz-Weiß-)Weltbild infragegestellt fühlt.

Da ich allerdings hoffe, zu den Lesern meines Blogs vorwiegend Menschen zu zählen, die zu einer (manchmal recht schmerzlichen) Selbstreflexion eigener Denk- und Glaubensmuster in der Lage sind, habe ich hier einen Auszug aus dem Essay „Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit. Ein Versuch“ von Thomas Metzinger, Professor für Philosophie an der Uni Mainz und u.a. Autor des Buches „Der Ego-Tunnel“, für euch ausgewählt:

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„In seiner höchsten Form führt der Wille zur Wahrhaftigkeit dazu, dass man sich selbst eingestehen kann, dass es keinerlei empirische Belege für die Existenz Gottes gibt, und dass über viertausend Jahre der Philosophiegeschichte kein überzeugendes Argument für die Existenz Gottes hervorgebracht haben. Er erlaubt es uns, die von der Evolution fest in uns eingebaute Suche nach emotionaler Sicherheit und guten Gefühlen loszulassen und der Tatsache ins Auge zu schauen, dass wir radikal sterbliche Wesen sind, die zu systematischen Formen der Selbsttäuschung neigen. Wahrhaftigkeit uns selbst gegenüber erlaubt es, das Wahnhafte und die systematische Endlichkeitsverleugnung in unserem Selbstmodell zu entdecken.
Der Urvater dieser für die Unterscheidung zwischen Religion und Spiritualität so absolut zentralen Frage war der britische Philosoph und Mathematiker William Kingdon Clifford. Hier sind seine zwei Grundprinzipien:
– Es ist zu jeder Zeit, an jedem Ort und für jede Person falsch, etwas aufgrund unzureichender Beweise zu glauben.
– Es ist zu jeder Zeit, an jedem Ort und für jede Person falsch, für die eigenen Überzeugungen relevante Beweise zu ignorieren, oder sie leichtfertig abzuweisen.

In der akademischen Philosophie nennt man diese Position ganz einfach ‚Evidentialismus‘. Das heißt, dass man nur etwas glaubt, für das man wirklich Argumente und Belege hat. Die philosophischen Gegenstücke sind etwas, das wir alle gut kennen, nämlich der Dogmatismus und der Fideismus. Dogmatismus ist die These: ‚Es ist legitim, an einer Überzeugung festzuhalten, einfach weil man sie schon hat.‘ Fideismus nennt man in der Philosophie die Idee, dass es völlig legitim ist, an einer Überzeugung auch dann festzuhalten, wenn es keine guten Gründe oder Evidenzen für sie gibt, sogar angesichts überzeugender Gegenargumente. Der Fideismus ist also der reine Glaubensstandpunkt. Für den Fideisten ist es legitim, an bestimmten Überzeugungen festzuhalten, nicht nur ohne irgendwelche positiven Argumente oder Evidenzen für sie, sondern selbst angesichts starker Gegenargumente und starker empirischer Belege gegen eigene Überzeugungen. Das Interessante daran ist jetzt, dass man den Fideismus als die Verweigerung jeder ethischen Einstellung zum inneren Handeln überhaupt beschreiben kann. Er ist ein Mangel an innerem Anstand. Und das ist der klassische Standpunkt der organisierten Religion im Gegensatz zur Spiritualität. Wenn man die beiden erkenntnistheoretischen Positionen einmal rein psychologisch interpretieren würde, dann geht es beim Fideismus um vorsätzliche Selbsttäuschung, um systematisches Wunschdenken oder auch um Paranoia, während das psychologische Ziel der Ethik eines Glaubens eine ganz bestimmte Form von geistiger Gesundheit ist. Ich nenne diese Form von geistiger Gesundheit ‚intellektuelle Integrität‘.“

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