Archive for the ‘Zur Fragwürdigkeit des christlichen Glaubens’ Category

Manfred Lütz: Weißer Riese des Christentums oder kirchengeschichtlicher Weichspüler?

April 30, 2018

Zugegeben, eigentlich widerstrebt es mir, über ein Buch zu schreiben, das ich nicht einmal in repräsentativen Auszügen gelesen habe. Doch die geneigte Leserin gestatte mir an dieser Stelle eine einmalige Ausnahme.

Und diese Ausnahme hört auf den Namen Manfred Lütz. Über den umtriebigen katholischen Psychiater, Psychotherapeut, Buchautor, Diplom-Theologe und Vatikanberater bin ich vor ca. acht Jahren das erste Mal gestolpert, genauer gesagt über sein damals aktuelles „Gott. Eine kleine Geschichte des Größten“.
Bereits damals musste ich bei der Lektüre ein ums andere Mal den Kopf schütteln ob der gleichermaßen frivolen wie argumentativ-grobschlächtigen Schreibweise des gläubigen Seelenkundlers. Erlaubt sich Lütz dort doch eine Vielzahl manipulativer Kunstgriffe (u.a. die Gleichsetzung des Atheismus mit dem Nihilismus), die allerdings von belesenen Religonskritikern relativ einfach zu durchschauen sind. Wer sich mit dieser apologetischen Schrift näher kritisch befassen möchte, sei auf diesen hpd-Beitrag verwiesen.
Der Autor ist mir also beileibe kein gänzlich Unbekannter, zumal mir auch vor Jahren ein kurzer Ausschnitt aus seinem Buch „Irre! Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen“ über den Weg gelaufen ist und ich seine dortige scharfe Polemik gegen den Oberschwachmaten vom Dienst, Dieter Bohlen, mit großem Genuss aufgenommen habe!

Umso hellhöriger wurde ich also vor zwei Monaten, als ich die Ankündigung des unter dem reißerischen Titel „Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums“ verfassten aktuellen Werks des Dr. Lütz zu lesen bekam. Instinktiv schien mir klar: Da betreibt (mal wieder) einer sicher ganz gehörige Geschichtsklitterung!
Nun, durch das, was ich seither an Rezensionen zum neuen „Lütz“ im Netz auftreiben konnte, wurde mein Unbehagen nur bestätigt. Von daher erlaube ich mir, aus der zuerst verlinkten, akribisch ausführlichen Besprechung von Christian Modehn eine längere Textpassage zu zitieren:

„Lütz will zeigen, wie in Öffentlichkeit schon seit längerer Zeit, also durch die Medien, d.h. durch die Journalisten, die globale, aber in seiner (Lütz) Sicht irrige These verbreitet wird: Die Geschichte des Christentums, vor allem der katholischen Kirche, sei hoch belastet, unangenehm kriegerisch, also unmenschlich. Kurz: Die Geschichte des Christentums sei eben ein Skandal. Gegen diesen Skandal will der Autor argumentieren, indem er die Argumente der von diesem Skandal Sprechenden selbst schon einen Skandal nennt. […]
Dass in der Geschichte des Christentums und der Kirchen, vor allem der katholischen Kirche, trotz einiger Lichtblicke und einiger Vorbilder und Heiliger weithin – in heutiger Sicht – skandalöse Verhältnisse und, vernünftig betrachtet, eben auch skandalöse Denkformen und Inhalte verfestigt wurden, ist ja bekanntlich ein Urteil, zu dem reflektierte Theologen, Religionswissenschaftler und Historiker ziemlich einmütig kommen. Dies ist der wissenschaftliche Gesamteindruck heutiger Wissenschaftler, die natürlich wissen: Das von ihnen in der Gegenwart frei gelegte Elend dieser Kirche(n) (der Skandal), wurde auch schon damals von vielen Beteiligten, den Verfolgten und Leidenden wegen dogmatischer Abweichungen, als solches erlebt. Der Skandal wurde als Skandal als solcher also damals schon von den Leidtragenden erlebt. […]
Lütz will also diese dunklen Seiten bzw. unangenehmen Strukturen der Kirche etwas reinwaschen. Dabei übersieht er die Liste der international geschätzten Wissenschaftler, die den Skandal dieser Kirche ohne apologetische Angst freilegten, etwa Prof. Jean Delumeau, übrigens ein überzeugter Katholik in Frankreich, lange Jahre Professor am Collège de France, Paris: Es steht im Zentrum seiner ausführlichen Studien die giftige Angst der Kirchenführung, diese machte die katholische Kirche zu einer ‚belagerten Festung‘. Dies ist heute allgemeine wissenschaftliche (!) Überzeugung, daran sollte man eigentlich um der Erkenntnis willen nicht „wackeln“. […]
Schon auf Seite 13 verschlägt es einem Theologen die Sprache: Da wird behauptet, Jesus aus Nazareth, hätte ’seiner Kirche‘ keine ungebrochene Heiligengeschichte ‚vorausgesagt‘ (sic). Hat Jesus von Nazareth nicht – laut NT – ganz was anderes vorausgesagt, nämlich das baldige Ende der Welt und seine, Jesu, Wiederkunft? Es ist naiv, gelinde gesagt, zu meinen: Dieser Jesus von Nazareth hätte diese römische Kirche förmlich schon vor Augen gesehen und als Papst-Kirche gegründet. […]“

Und Dr. Josef Breinbauer rückt im Humanistischen Pressedienst u.a. die von Lütz behauptete progressive Leistung des Christentums in Sachen Frauenemanzipation zurecht:

„Beim Thema ‚Frau‘ ist der Autor [Lütz] voll des Lobes für die emanzipatorischen Leistungen der kath. Kirche. Zunächst heißt es auf S. 29 ganz allgemein: ‚Noch ein anderer Keim ist im Monotheismus angelegt. In den kosmologischen Religionen der Vorzeit entspricht der Mann gewöhnlich der Sonne und die Frau dem Mond, womit Letztere immer nur ein Abglanz ist und nie Gleichberechtigung erhält.‘ […] Logischerweise übergeht Lütz bei seiner Zitation von Paulusstellen jene in 1Kor 11,7, wonach der Mann Abglanz Gottes ist, die Frau aber nur Abglanz des Mannes.“

Dementsprechend bleibt nur, sich dem Urteil Breinbauers anzuschließen und Lütz‘ peinliches apologetisches Machwerk als Versuch einer „weichgespülten Kirchengeschichte“ möglichst viel religionskritischen Gegenwind zu wünschen. Als „Weißer Riese des Christentums“ taugt es mitnichten!

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Luther-Hype: Peinliche Geschichtsvergessenheit on tour

Februar 28, 2017

Große Ereignisse werfen auch in diesem Fall ihre Schatten voraus: Der 500. Jahrestag des (mythischen?) Thesenanschlags durch Martin Luther an der Schlosskirche zu Wittenberg am 31.10.2017 bietet der weitgehend theologisch blutleeren Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) die willkommene Gelegenheit, mit großem Tammtamm an ihr protestantisches Aushängeschild zu erinnern.

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Die geneigte Leserin verschaffe sich gerne selbst einmal einen Überblick über die zahlreichen Luther-Events – von der Neubearbeitung der Luther-Bibel bis zum Luther-Pop-Oratorium bietet der organisierte deutsche Protestantismus vieles, was das Herz des (uninformierten?) Kirchenmitglieds höher schlagen lassen soll.

Welche Ausmaße dieser Hype bereits angenommen hat, und in welchem Verhältnis er zur theologischen „Substanz“ der EKD steht, bringt Alexander Grau im „Cicero“ treffend auf den Punkt und zieht ein vernichtendes Fazit:
„Seit Jahrzehnten übt sich der offizielle Gremienprotestantismus in penetranter Anbiederung an alle Formen des Zeitgeistes. Man ist friedensbewegt, sozial und nachhaltig. Und weil einem darüber hinaus inhaltlich kaum noch was einfällt, recycelt man diesen semipolitischen Brei aus weltanschaulichen Gemeinplätzen in der Endlosschleife.
Ergebnis: Man ergeht sich in Plattitüden, deren Bedeutungslosigkeit und Opportunismus die Bezeichnung ‚Protestantismus‘ geradezu konterkarieren. Eine stolze Denktradition, die einmal mehr als jede andere Konfession für Kultur, Bildung und Intellektualität stand, ist auf dem geistigen Nullpunkt angekommen“
.

Besonderes Highlight des Luther-Kults stellt eine per LKW durch die Republik (und das benachbarte Ausland) tourende Ausstellung zum Reformationsjubiläum dar – der sog. Europäische Stationenweg.
Doch anstatt dort tatsächliche Aufklärung über die Masse an hasstriefender Intoleranz zu betreiben, die der ehemalige Augustinermönch über Juden, aufständische Bauern, Frauen, die Vernunft an sich etc. in die Welt setzte, scheint man eher daran interessiert zu sein, wenig Konkretes über den historischen Luther zu verbreiten und kritische Zeitgenossen (die sich ohnehin äußerst selten einfinden dürften) freundlich, aber bestimmt hinauszukomplimentieren, wie ein Erfahrungsbericht aus Heidelberg nahelegt.
Ein Verhalten, welches man anno 2017 eher von diversen (Endzeit-)Sekten à la NAK gewohnt ist. Shame on you, EKD!

Donald, die Braut des Herrn und die Dämonen – Schlaglichter auf das konservative Christentum

Dezember 30, 2016

Wer als säkular-liberal gesinnter Zeitgenosse (wie meine Wenigkeit) zum Jahresende ein wenig den Blick schweifen lässt und sich Gedanken zur weltweiten Lage des konservativ-„bibeltreuen“ Christentums macht, wird unter Umständen ein gemischtes Fazit für das abgelaufene Jahr 2016 ziehen:

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Übel aufstoßen musste Anfang November auf jeden Fall die Erkenntnis, dass der rassistisch-sexistische zukünftige Mr. President of the United States Donald „Dumpfbacke“ Trump bei den evangelikalen (weißen) Amerikanern trotz hier und da vorhandener Vorbehalte auf breite Zustimmung stieß: Schließlich votierten 81% dieser für die Republikaner so wichtigen Zielgruppe für den New Yorker Immobilienmogul, lediglich 16% zeigten Sympathien für dessen demokratische Kontrahentin Hillary Clinton – ein weiteres Indiz für meine im letzten Beitrag vertretene These der potentiellen Kompatibilität konservativ-christlicher Einstellungen mit rechtspopulistischen Ansichten.

Anlass zu (leichter) Hoffnung geben dagegen diejenigen Berichte, denen zufolge der Anteil dieser endzeit-, dämonen- und höllengläubigen Protestanten sowohl in den USA als auch in Deutschland mittel- bis langfristig abnimmt. (Für die Situation hierzulande beziehe ich mich auf: Hansjörg Hemminger: Evangelikal. Von Gotteskindern und Rechthabern. Gießen 2016, S. 25f.
Die dort genannten Zahlen von 1 – 1,5 Mio. deutschen Evangelikalen werden dahingehend kommentiert, dass die Szene entgegen anderslautenden Vermutungen nicht zulasten der schrumpfenden liberalen Landeskirchen zunehme, sondern bestenfalls stagniere, wobei die Tendenz wie oben erwähnt on the long run rückläufig sei.)

Schließlich macht auch die Neuapostolische Kirche (NAK) keine Ausnahme von diesem allgemeinen Abwärtstrend: Laut dem ehemals neuapostolischen Kirchenkritiker Detlef Streich kommt die „Kirche Jesu Christi“ (oder derjenige Teil der weltweiten Christenheit, in dem die Kirche Jesu am deutlichsten offenbart wird, wie das aktuelle neuapostolische Selbstverständnis Stand 30.12.2016 verlautet) wohl nur auf ca. 8,8 Mio. Mitglieder (und nicht auf über 10 Mio., wie jahrelang behauptet), bei mutmaßlich mageren 2 Mio. tatsächlich regelmäßig aktiven Kirchgängern.

Bleibt mir zuguterletzt noch ein kurzer Blick auf die Römisch-katholische Kirche: Hier musste ich Anfang Dezember erschreckt zur Kenntnis nehmen, dass deren polnische Filiale nun wirklich als Fachbetrieb für weltanschaulichen Schwachsinn und Intoleranz bezeichnet werden muss, findet dort doch alldieweil eine kaum für möglich gehaltene Renaissance des Exorzismus, d.h. der sog. Teufelsaustreibung statt, wie der MDR in einer Dokumentation belegt.

Und so beschleicht mich auch jetzt nicht zum ersten (und sicher auch nicht letzten) Mal ein unheimliches Gefühl im Bewusstsein all des religiösen, aber auch politischen Ozeans an Bullshit, der um mich her in Nah und Fern munter vor sich hin- und her wogt! Eigentlich ein Riesenwunder, dass es (zumindest hier in Mittel-/Westeuropa) breiten Teilen der Bevölkerung innerhalb der letzten 250 Jahre, angestoßen durch die Epoche der weltanschaulichen Aufklärung, gelungen ist, diese infantile Stufe der Weltwahrnehmung wenn nicht gänzlich zu überwinden, so doch zumindest großteils einzuhegen und zu zähmen!
Wer heute Anders- oder Nichtgläubige als „ungläubige Gottlose“ diffamiert, muss sich i.d. Regel eines instinktiv anhebenden Protests religiöser wie nicht-religiöser Menschen erwehren. Dass die „Heiligen Schriften“ der Religionen durchaus (und sogar viel eher) Grundlage übelster Ausgrenzung bis hin zu regelrechter Hexenjagd sein können, sollte in diesem Blog in vielen Beiträgen deutlich geworden sein!
Bekämpfen wir gemeinsam auch 2017 mithilfe der besseren Argumente diesen Ozean aus weltanschaulicher Verblödung und Intoleranz – ob evangelischer, katholischer Christ, Jude, Muslim, Jeside, Bahai, Hindu, Buddhist, Sonstwas-Gläubiger, Agnostiker oder Atheist – es ist dringender denn je!

„Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich!“ – Zur Anfälligkeit religiösen Denkens für (rechts-)populistische Abwege

November 29, 2016

Sie poltern gegen kritische Stimmen zur Pegida-Bewegung, faseln hinsichtlich ihrer politischen Gegner über „Gesinnung von HJ-Pöbel“ oder gar vom „Recht auf Widerstand“ gemäß Art. 20, Abs. 4 Grundgesetz: mehr oder weniger prominente Christen mit einem gehörigen politischen Drall nach Rechtsaußen:

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Matthias Matussek, Wolfgang Ockenfels, Peter Winnemöller und wie sie alle heißen.

Auch auf einschlägigen rechtskonservativen Demonstrationen wie dem „Marsch für das Leben“ (alljährlich im September in Berlin stattfindende Anti-Abtreibungs-Kundgebung) oder der „Demo für alle“ (in unregelmäßigen Abständen insbesondere in Stuttgart beheimateter Protest gegen „Genderwahn und Frühsexualisierung“) trifft man ihre Anhänger.

Da verwundert es nicht, dass auch rechtspopulistische Strömungen wie Pegida sowie deren politischer Arm, die „Alternative für Deutschland“ (AfD) für viele von ihnen zur geistigen Heimat geworden sind.

Und auch wenn ihre Kirchenoberen anlässlich dieser unappetitlichen Märsche die Lichter des Kölner oder Erfurter Doms ausschalten lassen; die stramm-konservative Gesinnung der aufrechten Christen ficht das zumeist nicht an – im Gegenteil, fühlt man sich in seiner an Paranoia grenzenden Opferrolle anscheinend pudelwohl. So schreibt die selbst katholische, jedoch Pegida- und AfD-kritische Juristin und Journalistin Liane Bednarz (Mitautorin von „Gefährliche Bürger. Die neue Rechte greift nach der Mitte“) in der FAZ zu den Gründen dieser „unheiligen Allianz“ aus Rechtspopulisten und ultrakonservativen Christen:

„Der katholische Publizist Andreas Püttmann macht dafür ein lange verinnerlichtes Freund-Feind-Denken verantwortlich – und die Neigung, sich selbst als Opfer zu bemitleiden.“

Leider geht Frau Bednarz bei ihrer Suche nach den Ursachen für dieses radikale Gedankengut nicht weiter in die Tiefe. Vielleicht ist sie in dieser Hinsicht ein wenig unbedarft, vielleicht mag sie sich auch aufgrund ihres eigenen „religiösen blinden (Wahrnehmungs-)Flecks“ nicht weiter damit befassen, aber Tatsache ist nun einmal:

Dichotomes Gedankengut ist ein weit verbreiteter Bestandteil der Grundlage des christlichen Glaubens, der Bibel! Hier wird die Welt immer wieder munter in Freund und Feind, gläubig und ungläubig eingeteilt, dass es nur so eine „Freude“ ist.

Kostprobe gefällig? Ein Blick auf bspw. diese Website (dort unter dem Menüpunkt „Biblische Moral“) sollte genügen, damit sich auch dem friedensbewegten liberalen Protestanten oder Linkskatholiken die Nackenhaare kräuseln…

Schließlich habe ja auch der „Heiland“ Jesus Christus höchstselbst verkündet: „Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich.“ (Matthäus 12,30)

Und wieder einmal zeigt sich: Religiöse Fundamentalisten nehmen ihre „heilige Schrift“ i.d. Regel wörtlicher und damit (leider) auch ernster als ihre rosinenpickenden Mitbrüder und -schwestern aus der Wischiwaschi-Glaubensfraktion. Nicht gerade ein Grund zur Beruhigung…

Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich an dieser Stelle eine populismusfreie Advents- und Weihnachtszeit, egal ob Sie sich als gläubigen oder „religiös unmusiklaischen“ Menschen sehen!

Prädikat philosophisch wertvoll: Glauben auf Knopfdruck als Ding der Unmöglichkeit entlarvt

Oktober 28, 2016

Es ist immer wieder erfrischend, religiöse Glaubenssysteme aus einem philosophischen Blickwinkel in Augenschein zu nehmen. Ein zeitgenössisches Exemplar von Philosoph, genauer gesagt Privatdozent für dieses Fach an der Ludwig-Maximilians-Universität München, ist Andreas Edmüller, dessen aktuelles Buch „Die Legende von der christlichen Moral“ die (seiner Meinung nicht vorhandene) moralische Basis des christlichen Glaubens auseinandernimmt.

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Kurz gesagt, Edmüller weist vor allem nach, dass die Kriterien der Berechenbarkeit und Stimmigkeit als Grundlage eines stringenten Moralsystems im Christentum nicht gegeben sind, von daher viele Fragen der Ethik (z.B. nach Krieg und Frieden) von Christen auf Grundlage der Bibel, der Kirchenväter, diverser Päpste etc. so, aber auch komplett anders beantwortet werden können. Hier ein kurzer Ausschnitt daraus:

„Eine Minimalbedingung sinnvoller moralischer Forderungen wird im Englischen prägnant als Ought implies can ausgedrückt: Moralische Forderungen müssen im Prinzip erfüllbar sein. Wer z.B. fordert, man dürfe nicht lügen, der setzt voraus, dass es zumindest im Normalfall in unserer Macht steht, die Wahrheit zu sagen. Genau dagegen verstoßen aber die ersten Gebote [insbesondere das erste Gebot des Dekalogs: „Ich bin Jahwe, dein Gott […] Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.“, 2. Mose 20, 1]. Es stimmt einfach nicht, dass es in unserer Macht steht, sich bewusst für den Glauben an einen oder mehrere Götter und ihre jeweiligen Eigenschaften ‚zu entscheiden‘. Ich kann doch nicht einfach den Entschluss fassen, ab sofort Christ, Hindu oder Moslem zu sein! Ich kann mich zwar dazu entschließen, mich intensiv mit Fragen nach einem Gott und seinen Eigenschaften auseinanderzusetzen. Aber für sehr viele Menschen endet dies ’nach bestem Wissen und Gewissen‘ in verschiedenen Formen eines religiösen Skeptizismus. Die Aufforderung Glaube ab sofort an Jesus/Jahwe/Allah/Zeus – und zwar felsenfest! ist Unfug. Folglich scheitern die ersten Gebote am Realismus-Prinzip des Ought implies can.“
Quelle: Andreas Edmüller: Die Legende von der christlichen Moral. Warum das Christentum moralisch orientierungslos ist. Marburg 2015, S.86.

Beim Lesen dieser Zeilen fühlte ich mich an meine Zeit in der NAK erinnert, wo ja auch häufig solche ganz schlauen Ratschläge erteilt wurden, quasi auf Knopfdruck zu glauben bzw. die eigenen Emotionen in eine bestimmte Richtung zu lenken: „Geht´s auch wider die Natur – Jesus spricht ja: Glaube nur!“
Ganz abgesehen von der Tatsache, dass in Glaubensdingen fast immer das nachgeplappert wird, was die Leute eh bereits von Kindesbeinen an in ihrer Kirchen-, Moschee- oder Synagogengemeinde zu hören bekamen, ohne hier die rationale Messlatte anzulegen.

Wie heißt es so schön treffend bei Kant: „Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen […], dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben“.

„Was tröstet, hat recht?“ – Das Phänomen des Glaubens an den Glauben

Juli 14, 2016

„Dass Religion die Fähigkeit hat zu trösten, macht sie nicht wahrer. Selbst wenn wir ein gewaltiges Zugeständnis machen; wenn wir schlüssig nachweisen, dass der Glaube an die Existenz Gottes für das psychische und emotionale Wohlbefinden der Menschen völlig unentbehrlich ist; selbst wenn alle Atheisten verzweifelte Neurotiker wären, die von einer erbarmungslosen kosmischen Angst in den Selbstmord getrieben würden – selbst dann wäre das alles nicht der Hauch eines Belegs dafür, dass religiöser Glaube der Wahrheit entspricht. […]
Es ist wohl kaum eine Übertreibung, wenn ich behaupte, dass die Mehrheit der Atheisten in meinem Bekanntenkreis ihre Überzeugung hinter einer frommen Fassade verbirgt. Sie glauben selbst nicht an irgendetwas Übernatürliches, haben aber nach wie vor eine unbestimmte Schwäche für irrationale Überzeugungen. Sie glauben an den Glauben. Es ist verblüffend, wie viele Menschen anscheinend den Unterschied zwischen ‚X ist wahr‘ und ‚Es ist wünschenswert, dass die Menschen X für wahr halten‘ nicht kennen.“

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Soweit Richard Dawkins in „Der Gotteswahn“ in einem Textauszug, der in der letzten Unterrichtsstunde meines 11er-Ethikkurses vor den hessischen Sommerferien diskutiert wurde.
Die Einstellungen der Schülerinnen und Schüler fielen dabei erstaunlich unterschiedlich aus: von Unverständnis darüber, wie jemand nun überhaupt nicht an etwas Göttliches glauben könne bis zu 100%-iger Zustimmung war alles dabei. Und ich muss sagen, bei der Vorbereitung der Stunde kam mir unwillkürlich ein ähnlicher Ausspruch einer Kollegin in den Sinn, die damals (es muss wohl mittlerweile auch schon fünf bis sechs Jahre her sein) im Rahmen einer Schultheaterprobe zu Büchners „Woyzeck“ auf ihre Religiosität angesprochen wurde und sinngemäß ihr Bedauern ausdrückte, nicht glauben zu können. Ich habe mich damals aus dem Gespräch herausgehalten, mir aber bereits an Ort und Stelle mir im Sinne Dawkins‘ meine Gedanken dazu gemacht.
Denn nur allein die Tatsache, dass ein religiöser Glaube dazu taugt, Kontingenzbewältigung zu leisten, also in Lebenskrisen Orientierung und Halt zu bieten, sagt doch nun weiß Gott (!) keinen Deut über dessen Realitätsgehalt aus! Einmal abgesehen davon, dass mit Sicherheit jede Menge Anhänger dieses Glaubens existier(t)en, denen eben kein Trost aus ihrer Religiosität erwächst, weil sie nämlich diversen Perversitäten ihres ach so liebevollen Gottes zum Opfer gefallen sind: Man denke nur an unheilbare Krankheiten (ein Schüler unserer Schule verstarb 2014 an Leukämie!) und andere Naturkatastrophen; das von Menschen verursachte Leid (Hunger, Krieg, Terror) braucht hier nicht einmal ins Spiel zu kommen.
Gläubige Menschen werden sich vielfach mithilfe des Argumentes zu retten versuchen, dass derart unschuldig Leidende bei Gott sicher eine Art „Premiumplatz“ hätten. Doch diese Sichtweise verkennt, dass hiermit der Grundstein einer ausgesprochenen Leidenstheologie gelegt würde, welche über Jahrhunderte Gläubige zu masochistischen Zwangsgedanken und -handlungen angetrieben hat (man denke nur an Martin Luthers Selbstkasteiungen).
Und selbst eine biblizistische Endzeitgruppierung wie die NAK will diesen Zug nach eigener Aussage überwunden haben, während in früheren Zeiten der Begriff „Welt“ dort bekanntermaßen mit „Wehe, Elend, Leid und Tod“ gleichgesetzt wurde.
Und noch etwas scheint den Religiösen und ihren säkularen Bewunderern hinsichtlich ihres „Trost“-Argumentes nicht aufzufallen, nämlich die Nähe zur Motivation von Drogenkonsumenten, welche ja häufig gerade deshalb zum Betäubungsmittel ihrer Wahl greifen, um aus der als frustrierend und beengend empfundenen Realität zumindest für einen kurzen Moment zu flüchten. „Wer Hirnes hat, der denke…“

Religion – zur Entstehung eines irrationalen Denksystems (Teil I)

Juni 30, 2016

In den kommenden Monaten werde ich mich – wahrscheinlich in unregelmäßiger Folge – dem Phänomen „Entstehung der Religion als irrationalem Denksystem“ widmen.
Den ersten Teil dieser kleinen Reihe eröffnet Jesse Bering, Evolutionspsychologe und Direktor des Institute of Cognition and Culture an der Queen´s University Belfast (Nordirland). Der nachfolgende Text entstammt aus dessen Buch „Die Erfindung Gottes. Wie die Evolution den Glauben schuf“:

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Als direkte Folge der Evolution des sozialen menschlichen Gehirns und wegen der schwerwiegenden selektiven Bedeutung unserer Fähigkeiten zur Mentalisierung können wir manchmal gar nicht anders, als Absichten, Wünsche und Überzeugungen in Dingen zu sehen, bei denen auch nicht das kleinste Fitzelchen eines neuronalen Systems vorhanden ist. Folglich können sie die psychischen Zustände, die wir wahrnehmen […], gar nicht hervorbringen. Vor allem dann, wenn unbelebte Gegenstände unerwartete Dinge tun, denken wir gelegentlich so über sie, wie wir das bei Menschen machen, die sich abseitig oder schlecht benehmen.
Wie viele mögen ihr defektes, „unzuverlässiges“ Vehikel in die Seite getreten oder ihren „unfähigen“ Computer verbal beleidigt haben? Die meisten gehen nicht so weit, diesen Gegenständen mentale Zustände zuzuschreiben […]. Doch unsere Emotionen und unser Verhalten gegenüber solchen Objekten scheinen unser primitives, unbewusstes Denken zu verraten: Wir handeln, als wären sie für ihre Aktionen moralisch verantwortlich. […]
Was wäre, wenn ich sagte, dass auch die mentalen Zustände Gottes allein im Denken jedes Einzelnen vorhanden sind? Dass Gott – wie ein winziger, am Rand der Hornhaut des Auges schwebender Fleck, der das Bild eines verschwommenen, unerreichbaren Sternchens erzeugt, das jede Bewegung mitmacht – in Wahrheit eine psychische Illusion ist, eine Art evolutionär entstandener Fehler, der sich ins Zentrum der kognitiven Hirnsubstanz eingeätzt hat? Vielleicht fühlt es sich ja an, als sei da draußen etwas, das größer ist… etwas, das beobachtet, weiß, sich kümmert. Möglicherweise sogar Urteile fällt. In Wahrheit aber ist es nur unsere überaktive Mentalisierung. Eigentlich ist da nichts als die Luft, die wir atmen. […]
Man sollte sich kurz vor Augen führen, was es heißt, wenn man sich Gott so vorstellt […]. Subjektiv wäre Gott in unserem Leben weiterhin präsent (manche wären davon eher unangenehm berührt). Aus dieser Sicht würde er unsere Erfahrungen immer noch mit einer schwer fassbaren Bedeutung durchdringen und das Gefühl vermitteln, das Universum kommuniziere auf vielfältige Weise mit uns. Doch diese Vorstellung von Gott als Illusion ist eine radikale und für manche wohl gefährliche Idee, weil sie entscheidende Fragen darüber aufwirft, ob Gott ein autonom und unabhängig Handelnder ist, der außerhalb menschlicher Gehirnzellen lebt, oder eher ein Phantom, das von unserer durch eine spezielle Evolution entstandenen Mentalisierung hinaus in die Welt gestoßen ist. […]
Bei allen Wendungen scheinen wir zu glauben, in jedes Schnitzwerk der Natur seien subtile Botschaften eingeritzt: fein gearbeitete Zeichen oder Hinweise darauf, dass Gott oder eine andere übernatürliche Wesenheit versucht, uns eine Lektion oder einen Gedanken zu übermitteln – und häufig uns allein. Gewöhnlich geht es uns darum, wie wir uns verhalten sollten. […] Die besten Beispiele dafür, dass in der Natur der Geist Gottes am Werk gesehen wird, sind tendenziell auch die lachhaftesten. Doch gerade an ihnen können wir erkennen, wie die religiösen und spirituellen Ansichten mit der von unserer Spezies durch Evolution erworbenen Fähigkeit zur Mentalisierung zusammenhängen. Der freimütige afroamerikanische Bürgermeister von New Orleans, Ray Nagin, meinte Reportern 2005 gegenüber, der Hurrikan Katrina – einer der wildesten und zerstörerischsten Stürme, die Nordamerikas Küsten je heimgesucht haben – sei in Wahrheit ein klimatisches Zeichen für Gottes heftigen Zorn gegen die von Drogen benebelte Stadt, den militärischen Einfall des Landes in den Irak und das „schwarze Amerika“ […].


Quelle: Jesse Bering: Die Erfindung Gottes. Wie die Evolution den Glauben schuf. München 2011, S. 56, 58, 111f.

Die „geistige Augensalbe“ des Bischof Koch

Mai 26, 2016

Jedes Mal, wenn ich mal wieder mit dem Rad am Frankfurter Mainufer entlangradele, fällt mein Blick auf dieses Wandbild:

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Es zeigt auf 120 Quadratmetern Fläche an der Osthafenmole unweit des Glitzerpalastes der Europäischen Zentralbank den leblosen Körper des toten dreijährigen Flüchtlingskindes Aylan Kurdi, ertrunken im September 2015 in den Fluten des Mittelmeeres – dank einer EU-Flüchtlingspolitik, die Hunderttausende verzweifelte Menschen auf die lebensgefährliche Reise per Schlauchboot oder seeuntauglichem Kutter zwingt.

Unter anderem mit dieser Politik befassen sich aktuell auch zahlreiche Veranstaltungen auf dem 100. Katholikentag in Leipzig. Wer einmal einen Blick auf die Homepage dieser Großveranstaltung wirft, entdeckt mit ziemlicher Sicherheit auch die Statements diverser Prominenter aus den Bereichen Politik und Kirche. Besonders hängengeblieben bin ich dabei bei dem Beitrag des Berliner Erzbischofs Heiner Koch (etwas nach unten scrollen):
„Der Katholikentag ist eine Schule des Sehenlernens. Und je mehr wir lernen, desto reicher werden wir. Gott sieht jeden und lässt niemanden allein: Gläubige und Nichtgläubige, Junge und Alte, Kranke und Gesunde, leistungsstarke und Schwache, Obdachlose und Flüchtlinge, Linke und Rechte.“

Sicherlich für manchen zu Herzen gehende Worte, vermag es doch sicher zu trösten, wenn man sich einem Gott gegenüber „weiß“, der keinen Menschen von seiner Gnade ausnimmt. Doch ein jeder Leser und jede Leserin möge sich diese bischöflichen Sätze einmal auf der Zunge zergehen lassen und mir dann bitte angesichts des (Flüchtlings-)Elends in der Welt erklären, wie Bischof Koch sich zu dieser Bemerkung versteigen kann. Die Angehörigen des kleinen Aylan sind sicher brennend an einer Antwort interessiert!

„Unser täglich Apokalypse gib uns heute!“

November 29, 2015

Zum Thema „Apokalypse-Erwartung aufgrund aktueller Nachrichten-Wahrnehmung“ habe ich mich ja bereits im Oktober letzten Jahres kurz zu Wort gemeldet („Streik der apokalyptischen Reiter“).
Die momentane Terrorberichterstattung und -wahrnehmung veranlasst mich, erneut einen Beitrag hierzu zu posten:

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Vorab: Ich weiß, dass nach den Anschlägen von Paris (wie bereits nach 9/11 oder dem Super-GAU von Fukushima) wieder einige Menschen aus fundamentalistisch-apokalyptischen Glaubensgemeinschaften an dem eigentlich bereits gefassten Entschluss des Austritts (oder zumindest der inneren Abnabelung) gegenüber ihrem Endzeitverein zweifeln werden. Könnten die brutalen Taten des „Islamischen Staates“ und anderer Terrormilizen nicht doch Vorboten des „Antichristen“, des „Tieres“ aus der Johannes-Apokalypse sein?
Dann stellt sich mir jedoch die Frage, warum man das vermeintlich nahende Endzeit-Finale nicht viel eher im Zusammenhang mit einem der hier aufgelisteten Ereignisse der Vergangenheit hätte proklamieren können:
1. die Zweite Marcellusflut (1362), die sog. „Grote Mandrenke“, in deren Folge sich Teile der Nordfriesischen Inseln vom Festland abspalteten (was noch kein noch so großer Mega-Orkan der letzten Jahre weltweit irgendwo bewerkstelligt hat),
2. der Dreißigjährige Krieg (1618 – 48), der Europa (wie zuvor bereits die Pest) zu ca. einem Drittel entvölkerte,
3. der Erste und Zweite Weltkrieg, beide Ursache von zig Millionen Opfern an Soldaten und Zivilisten.

Natürlich liegt es mir fern, die Gefahr des islamistischen Terrors herunterzuspielen. Die Toten von Paris werden nicht die letzten innerhalb Europas gewesen sein, irgendwann wird es auch hierzulande richtig knallen, sei es in oder vor einem Fußballstadion, auf einem Weihnachtsmarkt oder „einfach nur “ auf einer belebten Einkaufsmeile.
Ich sehe allerdings keinen Grund, hier ins apokalyptische Geraune einzustimmen – weder in dasjenige der Endzeitgläubigen à la NAK, Zeugen Jehovas, Adventisten etc., noch in dasjenige der Medien, die seit Jahren mit der Angst vieler Menschen und der Jagd nach Auflage bzw. Quote ihr perverses Spielchen spielen (Stichworte: „Klimakatastrophe“, Umweltängste vor Grüner Gentechnik, Pestiziden etc., Terrorangst und und und).

Allen Kulturpessimisten sei daher an dieser Stelle wärmstens das Buch Anleitung zum Zukunftsoptimismus des deutschen Zukunftsforschers Matthias Horx empfohlen, aus dem ich hier zitieren möchte:

„Der britische Systemmathematiker und ‚Katastrophist‘ Gordon Woo hat […] ein mathematisches Modell erarbeitet, mit dem sich die Wahrscheinlichkeit von Terrorattentaten berechnen lässt. So entsteht eine ‚Wahrscheinlichkeitskurve der Terrorevents‘. Und in dieser Kurve sieht es nicht unbedingt nach einem eins zu null für den Terrorismus aus. Zwar werden kleine und mittlere Attentate immer wahrscheinlicher. Aber gleichzeitig sind sie für die terroristische Bewegung zunehmend uninteressanter. Die Chance für spektakuläre Großattentate sinkt tendenziell, auch wenn sich die Zahl der Attentäter derzeit noch erhöht. Sogar eine Fußballweltmeisterschaft [gemeint ist das „Sommermärchen“ 2006] mit ihren gewaltigen ‚Weichteilen‘ war für den Terror nicht zu knacken.“ (2. Auflage 2009, S. 187)

Ich weiß, ich weiß: Diese Zeilen wurden vor der Entstehung der „Bestie Islamischer Staat“ zu Papier gebracht. Aber allein die Tatsache, dass die Medienberichterstattung seit dem 13. November in Endlosschleife mit Beiträgen über den islamistischen Terrorkomplex aufwartete, verzerrt unsere Wahrnehmung des Phänomens. Ganz nüchtern überlegt: Im Jahr 2014 wurden 3368 Menschen in Deutschland Opfer des Straßenverkehrs. Welch einen Bruchteil ihrer Artikel bzw. Sendezeit widmeten unsere Medien dieser traurigen Tatsache, verglichen mit dem Hype um die 130 Ermordeten von Paris?
In diesem Sinne: Stehen Sie, liebe Leserinnen und Leser weiter mutig ein für unsere freiheitlichen Werte, und genießen Sie auch weiterhin den Bummel über den Weihnachtsmarkt in Ihrer Nähe… Ich wünsche Ihnen eine frohe Advents- und Vorweihnachtszeit!

Evolutionsbiologie – die Königsdisziplin der Religionskritik

Oktober 30, 2015

Je länger ich mich als Ethiklehrer mit der Evolutionsbiologie (Pflichtthema in Jahrgang 12 der Gymnasialen Oberstufe in Hessen) und ihren weltanschaulichen Implikationen beschäftige, desto klarer wird mir, dass gerade darin der „Fels des Atheismus“ (Georg Büchner) besteht.
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Doch leider scheint sich das evolutionsbezogene Halbwissen vieler Mitmenschen im Glauben zu erschöpfen, der Mensch „stamme vom Affen ab“ (wobei es korrekt heißen müsste, dass der Mensch und andere Primaten gemeinsame Vorfahren haben) und dies stehe irgendwie im Zusammenhang mit dem Prinzip des „Survival of the fittest“ (oft missverstanden als „Überleben der Stärksten“).

In Kurzform geht die Evolutionsbiologie (die den wissenschaftlichen Stand eines Charles Darwin (1809 – 1882) längst hinter sich gelassen hat, diesen jedoch mehr und mehr in wesentlichen Punkten bestätigen konnte) von folgenden, empirisch sehr gut untermauerten Annahmen aus:
1. Alle Lebewesen haben gemeinsame Vorfahren, sind also untereinander verwandt.

2. Lebewesen tendieren dazu, mehr Nachwuchs in die Welt zu setzen, als dieser langfristig überlebensfähig wäre. Innerhalb einer Art verfügt jedes Lebewesen zudem über etwas anders ausgestattete genetische Eigenschaften (zum Teil ausgedrückt in unterschiedlichem Aussehen, dem Phänotyp). Bei der Fortpflanzung gehen jeweils mütterliche und väterliche Gen-Anteile in neuer „Mischung“ auf den Nachwuchs über (Rekombination). Bei diesem Vorgang kann es durch Ablesefehler der DNA/RNA zu zufälligen Änderungen des Erbgutes der Keimbahn (= der Geschlechtschromosomen) (oder auch durch radioaktive Strahlenbelastung, Kontakt mit bestimmten chemischen Substanzen etc.), den sog. Mutationen kommen. Diese wirken sich zumeist neutral auf die Überlebensbedingungen des Individuum aus. In wenigen Fällen kann eine solche Mutation jedoch auch zufällig zu einem Überlebensvorteil führen – hier wird klassischerweise häufig die weiße Farbe des Fells angeführt, welche einem Hasen in verschneiter Umgebung viel größere Überlebenschancen vor seinen Fressfeinden bietet als dies bei einem Hasen mit braunem Fell der Fall wäre. Daher wird der Hase mit weißem Fell mit höherer Wahrscheinlichkeit auch mehr Nachkommen zeugen als der braune und seine genetischen Eigenschaften somit weitergeben (natürliche Selektion).
Dieser Mechanismus kann in Extremfällen (und i.d. Regel mithilfe räumlicher Isolation) sogar im Laufe vieler Hunderttausender oder Millionen von Jahren dazu führen, dass aus einer Art mehrere Arten werden, also Populationen, die nicht mehr in der Lage sind, untereinander Nachkommen zu zeugen.

3. Allein diese Mechanismen erklären die Artenvielfalt im Reich der Organismen, so dass hierfür kein Schöpfungsakt eines Gottes angenommen werden muss, wie ihn zahlreiche Religionen postulieren. Im Gegenteil, die wirkmächtige Rolle des Zufalls erscheint offensichtlich als derart dominant, dass ein planvolles göttliches Eingreifen quasi ad absurdum geführt wird.
Somit wird der Mensch seiner Herkunft nach als Mitglied des Tierreichs „geerdet“ und verliert seinen zuvor selbstherrlich durch die Religionen angenommenen Status als „Krone der Schöpfung“.

In diesem Zusammenhang sei der Evolutionsbiologe Thomas Junker zitiert:
„Zum anderen machte Darwin darauf aufmerksam, dass die Natur nicht so aussieht, als sei sie von einem allmächtigen und gütigen Gott erschaffen worden: ‚Es scheint mir zuviel Elend in der Welt zu geben. Ich kann mich nicht überzeugen, dass ein wohlwollender und allmächtiger Gott absichtlich die Schlupfwespen erschaffen haben würde, mit der ausdrücklichen Absicht ihrer Fütterung in den lebenden Körpern von Raupen‘ […].
Für das Christentum sind Tod und Leiden Folge des Sündenfalls. Dieses Argument lässt sich aber nur einigermaßen glaubhaft vertreten, wenn Menschen und andere Organismen mehr oder weniger gleichzeitig entstanden sind. Die Evolutionsbiologie behauptet hingegen, dass es den Tod schon bei den ersten Lebewesen vor vier Milliarden Jahren, Schmerzen und Leiden schon bei den frühen vielzelligen Tieren vor mehr als 600 Millionen Jahren gab. Da Menschen aber erst seit zwei Millionen Jahren existieren, können sie schlecht für den Tod und das Leiden in den unermesslichen Zeiten vor ihrer Entstehung verantwortlich gemacht werden. Und so hat die Evolutionsbiologie das Theodizee-Problem (die Rechtfertigung Gottes in Anbetracht der Übel und Unvollkommenheiten der Welt) verschärft, indem sie der traditionellen religiösen Antwort die Grundlage entzog.“

Thomas Junker: Die 101 wichtigsten Fragen – Evolution. München 2011, S. 122f.

Gerne führe ich an dieser Stelle auch erneut Michael Schmidt-Salomons geniale Widerlegung der religiösen Seelenlehre an:
„Stellen Sie sich vor, Sie reichen Ihrer Mutter die linke Hand, die wiederum ihrer eigenen Mutter die linke Hand gibt, die das Gleiche bei ihrer Mutter macht und so weiter und so fort. […] Gehen wir nun davon aus, dass jedes Individuum in dieser Kette genau einen Meter Platz für sich beansprucht und der durchschnittliche Abstand zwischen den Generationen 20 Jahre beträgt: Wie lange müssten Sie wohl die Reihe Ihrer Ur-Ur…-Großmütter entlanggehen, um auf jene bemerkenswerte Dame zu stoßen (nennen wir sie ‘Oma Chimpman’), die zugleich auch die Ur-Ur…-Großmutter der heutigen Schimpansen ist? Die Antwort ist verblüffend: Es sind bloß rund 300 Kilometer – etwa die Entfernung von München nach Würzburg oder von Hamburg nach Berlin. […]
Irgendwer oder irgendwas soll irgendwann (man weiß nicht wie, man weiß nicht, warum) eine ‘unsterbliche Seele’, einen ‘autonomen Geist’, einen ‘freien Willen’ in eine dieser affenartigen Lebensformen eingehaucht haben. […] [S]osehr Sie sich auch bemühen, Sie werden in Ihrer Abstammungsreihe keine plötzlichen Veränderungen finden, keinen Moment, in dem aus einem unbeseelten Wesen ein beseeltes würde. […] Kurzum: Sie werden auf Ihrem langen Marsch entlang Ihrer Abstammungslinie exakt das feststellen, was Evolutionsbiologen seit Langem darlegen, nämlich: dass die Natur keine Sprünge macht. (Diese Erfahrung würden Sie selbstverständlich auch machen, wenn Sie die Kette Ihrer Ahnen noch ein gutes Stück weiter gehen würden, um schließlich auch noch auf Mama Reptil, Großmama Lurch und Urgroßmutter Fisch zu treffen, aber wir wollen das Gedankenspiel hier nicht überstrapazieren.)“


Michael Schmidt-Salomon: Hoffnung Mensch. Eine bessere Welt ist möglich. München 2014, S. 56f. [der gebundenen Ausgabe]