Archive for Februar 2017

Luther-Hype: Peinliche Geschichtsvergessenheit on tour

Februar 28, 2017

Große Ereignisse werfen auch in diesem Fall ihre Schatten voraus: Der 500. Jahrestag des (mythischen?) Thesenanschlags durch Martin Luther an der Schlosskirche zu Wittenberg am 31.10.2017 bietet der weitgehend theologisch blutleeren Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) die willkommene Gelegenheit, mit großem Tammtamm an ihr protestantisches Aushängeschild zu erinnern.

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Die geneigte Leserin verschaffe sich gerne selbst einmal einen Überblick über die zahlreichen Luther-Events – von der Neubearbeitung der Luther-Bibel bis zum Luther-Pop-Oratorium bietet der organisierte deutsche Protestantismus vieles, was das Herz des (uninformierten?) Kirchenmitglieds höher schlagen lassen soll.

Welche Ausmaße dieser Hype bereits angenommen hat, und in welchem Verhältnis er zur theologischen „Substanz“ der EKD steht, bringt Alexander Grau im „Cicero“ treffend auf den Punkt und zieht ein vernichtendes Fazit:
„Seit Jahrzehnten übt sich der offizielle Gremienprotestantismus in penetranter Anbiederung an alle Formen des Zeitgeistes. Man ist friedensbewegt, sozial und nachhaltig. Und weil einem darüber hinaus inhaltlich kaum noch was einfällt, recycelt man diesen semipolitischen Brei aus weltanschaulichen Gemeinplätzen in der Endlosschleife.
Ergebnis: Man ergeht sich in Plattitüden, deren Bedeutungslosigkeit und Opportunismus die Bezeichnung ‚Protestantismus‘ geradezu konterkarieren. Eine stolze Denktradition, die einmal mehr als jede andere Konfession für Kultur, Bildung und Intellektualität stand, ist auf dem geistigen Nullpunkt angekommen“
.

Besonderes Highlight des Luther-Kults stellt eine per LKW durch die Republik (und das benachbarte Ausland) tourende Ausstellung zum Reformationsjubiläum dar – der sog. Europäische Stationenweg.
Doch anstatt dort tatsächliche Aufklärung über die Masse an hasstriefender Intoleranz zu betreiben, die der ehemalige Augustinermönch über Juden, aufständische Bauern, Frauen, die Vernunft an sich etc. in die Welt setzte, scheint man eher daran interessiert zu sein, wenig Konkretes über den historischen Luther zu verbreiten und kritische Zeitgenossen (die sich ohnehin äußerst selten einfinden dürften) freundlich, aber bestimmt hinauszukomplimentieren, wie ein Erfahrungsbericht aus Heidelberg nahelegt.
Ein Verhalten, welches man anno 2017 eher von diversen (Endzeit-)Sekten à la NAK gewohnt ist. Shame on you, EKD!

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