„Kultur ohne Worte“: Über verblüffende Ähnlichkeiten fundamentalistischer Parallelgesellschaften

Seit meinen ersten Zweifeln an der Richtigkeit der neuapostolischen Glaubenslehre, wobei ich Letztere zwangsläufig seit frühesten Kindertagen eingeflößt bekam, bildet die Beschäftigung mit dem Phänomen Religion mein Lebensthema.

Umso erstaunlicher finde ich es immer wieder, Parallelen zwischen der neuapostolischen (also einer unter vielen christlich-fudamentalistischen) und der (türkisch-)muslimischen Parallelgesellschaft zu entdecken.
Über erstere habe ich aus eigener Anschauung und Schriftmaterial einen tiefen Einblick gewinnen können, in letztere fallen immer wieder kurze Blicke, insbesondere durch Äußerungen meiner Schüler z.B. zur vermeintlichen Unsinnigkeit der Evolutionslehre oder dem Tabu, (als junge Frau) nach dem Abitur unverheiratet eine eigene Wohnung zu beziehen. Mittlerweile habe ich mir natürlich auch Einiges zur Parallelwelt islamisch-fundamentalistischer Prägung angelesen, die uns Erdogan und Saudi-Barbarien sei Dank seit einigen Jahren quasi vor der eigenen Haustür immer mehr scheinbar hirnlose Religionssklaven mit und ohne Kopftuch, mit und ohne langem Bart beschert.

Einen überaus anschaulichen Einblick in jenes düstere Biotop moralinsauren Spießertums vermittelt uns die mit etwas über 30 Jahren sicher zu den jüngeren Schriftsteller/innen auf diesem Gebiet zählende Germanistin und Medienwissenschaftlerin deutsch-türkischer Herkunft, Tuba Sarica. Ihr 2018 erschienenes Buch „Ihr Scheinheiligen! Doppelmoral und falsche Toleranz – die Parallelwelt der Deutschtürken und die Deutschen“ habe ich über die Osterferien studiert und gebe im Folgenden hier nun meine Eindrücke dazu wieder:

Zunächst einmal: Natürlich musste ich in jungen Jahren in einer Hinsicht weitaus weniger Kämpfe mit elterlicher und/oder kirchlicher Autorität ausfechten: Der erste Schritt in die eigenen vier Wände (bei mir mit immerhin knapp 26 Jahren mitten während meines Studiums) stellte absolut kein Problem für mich dar.
Sarica schreibt sehr deutlich: „Die muslimische Kultur ist eine Kultur ohne Worte. Das Schweigen, das die muslimische Gemeinde pflegt, ist ein Schutz vor der Welt. Indem man nicht über unangenehme Dinge spricht, weicht man unangenehmen Fragen und Antworten aus. Um der Frage nach dem Sinn des Lebens aus dem Weg zu gehen, wird ein riesiges Schauspiel veranstaltet. […] Unser Dasein liegt außerhalb unserer Kontrolle, und es würde weniger Geheul geben, wenn wir das akzeptieren und das Beste aus dem Hier und Jetzt machen würden, statt uns mit der Hoffnung auf ein ewiges Leben im Jenseits aufzuhalten.“ (S. 53f.)

Auch in meinem neuapostolischen Herkunftsmilieu (Arbeiterfamilie, allgemein: überwiegend Kleinbürgertum) habe ich eine ähnliche Erfahrung gemacht: Es wird in vielen Familien nicht bzw. kaum über Glaubensinhalte geredet, schon gar nicht kontrovers diskutiert. Und wenn, dann beschränken sich die Unterhaltungen zumeist darüber, die Predigt zu loben – zumeist ohne allzu konkret zu werden. Eine lebhafte Debattenkultur ist also das komplette Gegenteil. Selbstverständlich wird auch die unrühmliche Vergangenheit der NAK bspw. im Dritten Reich oder die sog. „Botschaft“ des Stammapostels J.G. Bischoff familiär nicht kritisch angesprochen, jenes Kirchenführers, der bis zu seinem Tod 1960 verkündete, Jesus werde noch zu seiner Lebzeit wiederkehren und „sein Werk vollenden.“

Außerdem zitiert Sarica ausführlich Immanuel Kant aus dessen berühmter „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ aus der Berlinischen Monatsschrift von 1784. Der deutsche Philosoph definiert darin Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“, welche wiederum Resultat des „Unvermögen[s], sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“ sei.
Leider habe ich keine Erinnerung mehr daran, wann mir dieses Kant´sche Diktum zum ersten Mal begegnet ist – im schulischen Religions-, Ethik- oder Philosophieunterricht jedenfalls nicht, denn weder das eine noch die beiden anderen besuchte ich in meiner Bremer Schulzeit (von Unterricht in „Biblischer Geschichte“ bis Klasse 6 mal abgesehen, im NAK-Reli- und Konfirmandenunterricht war Kant natürlich absolut undenkbar!).
Jedenfalls haben sich mir die mahnenden Philosophen-Worte nachhaltig eingebrannt, wie ein Stachel mit Widerhaken, der sich nicht mehr aus meinem wissbegierigen und freiheitsliebenden Geist entfernen ließ – zum Glück bis heute!
Auch der stark überhöhte Familienbegriff der deutschtürkischen Parallelgesellschaft, wie von Sarica beschrieben, ist mir aus NAK-Zeiten kein unbekannter: Symptomatisch dafür lautet der Titel des neuapostolischen Hofberichterstattungsblattes, welches alle 14 Tage erscheint, „Unsere Familie“, womit natürlich die weltweite NAK-Community gemeint ist. In dem Zusammenhang erinnere ich mich ebenso an die zahlreichen Zusammenkünfte mit der neuapostolischen Verwandtschaft, vor allem mütterlicherseits (meine Mutter hat drei Brüder, alle mitsamten ihren Familien bis zum heutigen Tag eifrige NAK-Kirchgänger).
Und hier haben wir ein Markenzeichen sämtlicher autoritärer Gemeinschaften weltweit vor uns: Die Betonung des Kollektivs bei gleichzeitiger Abwertung des Individuums („Du bist nichts, das Volk ist alles!“ hieß es zum Extrem gesteigert während der NS-Diktatur bekanntlich).
Schließlich noch die Frage nach der Freiwilligkeit in derartigen Institutionen: Im Zuge der bis heute immer wieder aufflackernden Kopftuchdebatte heißt es ja immer wieder aus dem Munde zahlreicher bekennender Muslimas, sie trügen das Tuch absolut freiwillig und würden nicht unterdrückt. Letzteres bestätigt Sarica sogar, spricht aber von der Selbstunterwerfung der Frauen unter das ultrakonservative Patriarchat, wenn sie – noch so ein Zitat, das sich auf ewig in meinen Geist gebrannt hat – mit Marie von Ebner-Eschenbach konstatiert:
„Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit!“ (S.50)

In nahezu verräterischer Offenheit klingt im Vergleich dazu auch der Sprecher der Neuapostolischen Kirche, Peter Johanning, wenn er sich in der entsprechenden Folge über seine Glaubensgemeinschaft im Podcast secta.fm äußert: „Wir müssen uns ganz schön abstrampeln!“

Übrigens: Der dort in Interviewausschnitten zitierte Aussteiger „Martin“ – das bin ich.

Werbeanzeigen

Eine Antwort to “„Kultur ohne Worte“: Über verblüffende Ähnlichkeiten fundamentalistischer Parallelgesellschaften”

  1. Eckhardt Kiwitt Says:

    Ohne selbst je einer Glaubensgemeinschaft angehört zu haben (irgendeinen Initiationsritus wie Taufe oder dgl. musste ich nie über mich ergehen lassen): in den Worten «Indem man nicht über unangenehme Dinge spricht, weicht man unangenehmen Fragen und Antworten aus.» kommt eine große Schwäche zum Ausdruck, das Fehlen von Argumenten und Überzeugung.

    Zu Kant’s „Aufklärung“:
    Darin steht, schon wenige Absätze nach der bekannten Einleitung, ein weniger beachteter und selten zitierter Satz, der es m.E. auf den Punkt bringt:

    Daß der bei weitem größte Teil der Menschen (…) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte, dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben.

    Es ist, soweit ich dies beobachte, in vielen Religionen und sonstigen „ganzheitlichen“[*] Ideologien das gleiche Spiel:
    Wenn du das glaubst, was wir glauben, dann bist du gerettet, wenn du es nicht glaubst, bist du verloren.
    Das hat Erpressungspotenzial.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

    _____
    [*] Der frühere Vorsitzende einer in Deutschland vertretenen islamischen Gemeinschaft hat mir vor elf Jahren mit dem Ausdruck der Zufriedenheit gesagt, seine Religion sei „ganzheitlich“. Das mag zunächst harmlos klingen.
    Auf französisch heißt „ganzheitlich“ jedoch «totalitaire».

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: