Die mit den Grauen Wölfen heulen? Reflexionen zum Verhältnis der #unteilbaren Linken zum Scharia-Islam

„Solidarität statt Ausgrenzung“, „Für Toleranz“, „Bunt statt Braun“… alles hehre Parolen, die da am 13. Oktober von ca. 240.000 Menschen durch die Straßen Berlins schallten und unzählige Transparente zierten.

Unter dem Hashtag „unteilbar“ zogen so viele Demonstranten wie seit den Pro-Saddam-, äh Anti-Irakkriegs-Protesten 2003 nicht mehr durch die deutsche Hauptstadt. Und in der Tat: Die offenbar munter voranschreitende Radikalisierung großer Teile der „Merkel muss weg“-Bewegung, insbesondere der AfD gibt Anlass zu großer Sorge; deren Thüringer Fraktionschef Höcke fantasiert mittlerweile in der Migrationsdynamik der kommenden Jahre den größten Zivilisationsbruch in der Geschichte des deutschen Volkes herbei. Die Wählerklientel der „Alternative“ scheint´s nicht zu stören; im Gegenteil, erreichte die AfD mit 10,2 % jüngst in Bayern einen mehr als beachtlichen Erfolg, berücksichtigt man die übergroße Konkurrenz seitens des – häufig genug rechtspopulistisch agierenden – Platzhirsches CSU!
Das Problem ist nur komplexer: Die offene Gesellschaft befindet sich längst von zwei Seiten in die Zange genommen: Neben den Rechtspopulisten mit ihrer als Islamkritik getarnten Muslimfeindlichkeit etablieren sich seit 9/11 mehr und mehr Vertreter des politischen Scharia-Islam. Die Reaktion weiter Teile der politischen Linken darauf: ohrenbetäubendes Schweigen – wenn nicht gar eine saftige Diffamierung des Botschaftsüberbringers als „islamophob“ oder „rassistisch“! Es gilt noch immer das berühmte Tucholsky-Wort:
„Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht.“
Auf der anderen Seite haben wenigstens Teile linker Bewegungen wie die jüngst durch Berlin ziehende #unteilbar-Demo keinerlei Berührungsängste mit Repräsentanten des legalistischen Islamismus-Spektrums wie dem Zentralrat der Muslime (ZdM) und dessen mit den türkischen Ultranationalisten in Verbindung gebrachter Unterorganisation ATIP. Die komplette Liste der Erstunterzeichner des Demo-Aufrufs findet sich hier.

Das brillante, da immer wieder gegen den denkfaulen Zeitgeist gebürstete Debattenmagazin „Cicero“ kritisiert die #unteilbar-Initiatoren zudem dafür, als Globalisierungsgewinner die Sorgen und Nöte von deren Verlierern (die früher als „Arbeiterschaft“ bekannte untere bis mittlere Mittelschicht) zu vernachlässigen. Stattdessen verzettele man sich im Engagement für noch so kleine Minderheiten oder auch nur gefühlte Benachteiligungen.

Und so sehr mensch als originär Linksliberaler mit gehörigen rationalen Vorbehalten gegenüber dem politischen Islam dem allzu bunten Treiben eher vorsichtig distanziert zuschaut, so verblüffend reflektiert erscheint doch die Stellungnahme der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung (GBS), die sich nach einigem Hin und Her für die Teilnahem an der #unteilbar-Demo entschieden hat. In deren Stellungnahme heißt es u.a.:

„Hätten vor 70 Jahren nur jene Nationen die ‚Allgemeine Erklärung der Menschenrechte‘ unterzeichnen dürfen, welche die Menschenrechte wirklich achten (gesinnungsethische Position), so wäre es gar nicht erst zu der UN-Erklärung gekommen. Dadurch dass die UN-Charta aber ab dem 10. Dezember 1948 in der Welt war, kam es zu markanten Veränderungen in der internationalen Politik (selbstverständlich gingen diese Veränderungen nicht weit genug, aber das heißt keineswegs, dass wir sämtliche Fortschritte seit 1948 einfach ignorieren dürften). Worum es in diesem Zusammenhang geht, hat Ludwig Marcuse einmal sehr schön in Worte gefasst (und sein Satz weist, wie wir meinen, den Weg, wie man mit dem Bekenntnis des ZdM zur offenen Gesellschaft in verantwortungsethischer Weise umgehen sollte): ‚Es ist besser, das Gute steht nur auf dem Papier – als nicht einmal dort.'“

Man muss der GBS zugute halten, dass sie maßgeblich bei der Gründung des Zentralrats der Ex-Muslime, der Kritischen Islam-Konferenz und der Säkularen Flüchtlingshilfe beteiligt war – wovon sich große Teile der politischen Linken ein dickes Stück abschneiden sollten!
Bleibt abschließend zu hoffen, dass sich die Religionskritiker in Zukunft gerade auch innerhalb ihres eigenen politischen Herkunftsmilieus kräftig Gehör zu verschaffen wissen.
Um es mit dem langjährigen ARD-Algerienkorrespondent Samuel Schirmbeck zur linken Blanko-Toleranz sagen:

„Eine Projektionsfläche linker Ideologie ist auch der Islam insgesamt, den genauer zu betrachten die Linke für unnötig hält, hat er doch mit dem, was seit zwanzig Jahren in seinem Namen passiert [gemeint ist der Jihad-Terror, M.H.] ’nichts zu tun‘. Die internationalen Geheimdienste und die muslimischen Aufklärer wissen es besser.“
Samuel Schirmbeck: Gefährliche Toleranz. Der fatale Umgang der Linken mit dem Islam. Zürich 2018, S. 49.

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Eine Antwort to “Die mit den Grauen Wölfen heulen? Reflexionen zum Verhältnis der #unteilbaren Linken zum Scharia-Islam”

  1. Eckhardt Kiwitt Says:

    In einem Debattenbeitrag, der zum Thema passt und der in der Printausgabe des Spiegel # 42 / 2018 veröffentlicht wurde, schreibt Francis Fukuyama [*] u.a.:

    Abgesehen davon, dass europäische Länder die formellen Voraussetzungen für den Erwerb der Staatsbürgerschaft ändem sollten, müssen sie von der Auffassung nationaler ldentität auf der Grundlage ethnischer Zugehörigkeit abrücken. Vor rund 20 Jahren schlug Bassam Tibi, ein deutscher Professor syrischer Herkunft, vor, eine Leitkultur zur Basis für eine neue deutsche nationale ldentität zu machen. Er definierte Leitkultur als Glauben an Gleichheit und demokratische Werte, die fest in den liberalen ldeen der Aufklärung verwurzelt seien. Tibis Vorschläge wurden allerdings scharf von links kritisiert, weil er diese Werte als überlegen gegenüber anderen kulturellen Konzepten darstellen würde. Dadurch kam die deutsche Linke unabsichtlich lslamisten und Rechtsextremisten entgegen, die wenig von den ldealen der Aufklärung halten. Doch Deutschland und andere bedeutende europäische Länder benötigen dringend so etwas wie Tibis Leitkultur: einen Normenwandel, der Deutschen türkischer Abstammung erlauben würde, sich als Deutsche zu bezeichnen, ebenso wie Schweden afrikanischer Herkunft, sich Schweden zu nennen, und so weiter. Dieser Prozess bahnt sich an, wenn auch nur schleppend. Die Europäer haben eine bemerkenswerte Zivilisation geschaffen, auf die sie stolz sein sollten und die Menschen aus anderen Kulturen aufnehmen kann, während sie sich ihrer eigenen Besonderheit bewusst bleibt.

    Abgesehen davon, dass ich von „Stolz“ nichts halte weil daraus ganz schnell Verklärung werden kann, stimme ich mit Fukuyama überein.

    Auf Fukuyamas Debattenbeitrag wird auch in dem hier verlinkten Cicero-Beitrag verwiesen; auf SPON ist er hinter einer Bezahlschranke abrufbar.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

    _____

    [*] : Von Francis Fukuyamas These zum „Ende der Geschichte“ mag man halten was man will, man sollte sie aber m.E. nicht mit dem vermengen, was er hier im Spiegel geschrieben hat.

    Zu dem Satz von Martin Busch im hier verlinkten Cicero-Beitrag

    Auch Toleranz einzufordern – wer wollte da widersprechen?

    eine Bemerkung:
    „Tolerieren“ bedeutet wörtlich „dulden“ — was ich ziemlich unangenehm finde. Abgelehnte Asylbewerber z.B. werden geduldet (bis man sie in ihre Herkunftsländer abschiebt). Sympathischer finde ich das Wort „akzeptieren“.
    Henryk Broder hat in seinem Buch „Kritik der reinen Toleranz“ geschrieben

    «Tolerieren» bedeutet wörtlich «dulden», «gewähren lassen». Wer die Güte hat, jemand zu tolerieren, hat auch die Macht, ihn zu vernichten, wenn er es sich anders überlegt hat.

    So gesehen waren auch der Gröfaz (Hitler) und seine Kumpane „tolerant“ gegenüber Sozialdemokraten, Kommunisten, Juden, Sinti, Roma, Zeugen Jehovas etc. — bis sie es sich anders überlegt hatten.

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