Von N-Wörtern und Zwangs-N-jungferten: die Schattenseiten der Political Correctness

Welche absurden Blüten die Political Correctness (PC), gerade auch im Hinblick auf Gender-Aspekte, mittlerweile bisweilen treibt, war ja bereits im Januar dieses Jahres Thema auf diesem Blog.

Von daher dürfte es die geneigte Leserin nicht weiter verwundern, davon zu erfahren, dass gerade viele Kulturschaffende anscheinend eine besondere PC-Affinität aufweisen dürften.
Das jedenfalls legt ein Blick auf das Berliner Theatertreffen 2017 nahe: In dem dort zur Aufführung anstehenden Stück von Claudia Bauer („89/90“) wurde seitens des Intendanten per Überrumpelungstaktik unmittelbar vor Beginn der Inszenierung durchgesetzt, dass der Neonazi-Darsteller seinem farbigen Kontrahenten das sog. N-Wort („Neger“) nicht ins Gesicht sagen durfte. Stattdessen musste besagtes „N-Wort“ durch ein gesprochenes „Beep“ ersetzt werden!

Man mag derlei Albernheiten getrost lächelnd beiseite schieben, hätte die Political Correctness nicht ab und an absolut traumatische Konsequenzen für ihre Opfer. Opfer, die es eigentlich gar nicht geben dürfte, ist die Grundhaltung der PC doch löblicherweise darauf ausgerichtet, Menschen für sprachliche Diskriminierungen zu sensibilisieren und damit die Zahl der Diskriminierten zu reduzieren – und „Neger“ stellt für Farbige (pardon: „Persons of Colour“) nun einmal seit geraumer Zeit eine heftige Beleidigung dar. Dass selbst der berühmte Martin Luther King in seiner legendären „I have a dream“-Rede von „Negroes“ spricht, sei einmal dahingestellt.

Aber zurück zu den Opfern der PC: Vor vier Jahren wurde in der englischen Kleinstadt Rotherham ein ungeheures Kartell des Schweigens aufgedeckt, ein Kartell aus Polizei, Stadt und weiteren Behörden, welches den massenhaften sexuellen Missbrauch junger Mädchen über viele Jahre unter den Teppich kehren konnte. Der Grund für die langjährige eiserne Verschwiegenheit: Man wollte sich nicht dem Rassismusvorwurf aussetzen, schließlich waren die Täter mehrheitlich Pakistanis! Auch die überregionale deutsche Medienlandschaft berichtete damals recht ausführlich über den Fall Rotherham, gut anderthalb Jahre, bevor auch Deutschland in Form der zunächst zögerlich-relativierenden Berichterstattung über die Kölner Silvesternacht 2015/16 im Fokus der Schattenseiten der PC-Bewegung stehen sollte.

Die Ereignisse in beiden Städten werden auch von Daniel Ullrich (Forscher für Medieninformatik) und Sarah Diefenbach (Wirtschaftspsychologin, beide an der LMU München) in ihrem erfrischend aufklärerischen Werk „Es war doch gut gemeint. Wie Political Correctness unsere freiheitliche Gesellschaft zerstört“ aus dem Jahr 2017 thematisiert.
Darin behandeln beide Wissenschaftler u.a. Strategien der Verweigerung eines rationalen Diskurses, die sog. Dirty Discussion Tactics: diskursive Vorgehensweisen z.B. im Umgang mit zum Outlaw erklärten politischen Gegnern wie der AfD – mit denen die Autoren allerdings nicht sympathisieren:

„Ablenken oder Derailing. Vom konkreten Thema ablenken und auf ein anderes überleiten für das man bessere Argumente hat (z.B. ‚Die meisten sexuellen Übergriffe passieren noch im privaten Umfeld!‘).

Whataboutism. Argumente mit dem Verweis auf andere schlimme Taten wegwischen (z.B. ‚Das Christentum hat auch unermessliches leid verursacht!‘).

Strohmann-Argument. Gegen eine Position argumentieren (den Strohmann), die niemand eingenommen hat (z.B. auf die Aussage ‚ Mit den Flüchtlingen im Land steigt auch die Gewalt‘ erwidern ‚Sie können nicht sagen, dass alle Moslems Terroristen sind!‘).

Nebelkerze oder Roter Hering. Taktik, um Zusammenhänge zu verschleiern und den Gegner auf eine falsche Fährte zu locken (z.B. ‚Die meisten Straftaten werden von Deutschen begangen!‘).
Ad-hominem-Argument. Nicht gegen den Inhalt, sondern gegen die Person argumentieren (z.B. ‚Frau XY stammt aus dem Umfeld von Björn Höcke, ihr kann man nicht vertrauen!‘).

[…] Keulen. Besonders diffamierende Äußerungen, die den Gegner in eine negativ assoziierte Schublade sortieren, um ihn mundtot zu machen. Besonders häufige Keulen sind die Nazi-Keule, die Rassismus-Keule, die Sexismus-Keule, die Homophobie-Keule, die Antisemitismus-Keule und die Populismus-Keule. Die Keulen müssen inhaltlich nicht zwangsläufig etwas mit dem Vorwurf zu tun haben (z.B. ‚Nach einem islamistischen Terroranschlag den Islam kritisieren zu wollen, ist Rassismus pur!‘).

Falsche Alternativen. Zwei Alternativen anbieten, von denen eine offenbar nicht erwünscht ist und damit die andere nahelegt, obwohl es eigentlich noch unzählige andere Alternativen gäbe (z.B. ‚Wir müssen die Inzucht Europas verhindern, sonst wird Europa untergehen. Deshalb brauchen wir Migranten aus Afrika.‘).“

Daniel Ullrich / Sarah Diefenbach: Es war doch gut gemeint. Wie Political Correctness unsere freiheitliche Gesellschaft zerstört. München 2017, S. 200.

Eine erste Gelegenheit, auch diese hochproblematischen Punkte der PC anzusprechen, bietet übrigens für Studienräte wie mich das überarbeitet Deutsch-Curriculum für die Gymnasiale Oberstufe (Jahrgang 12 – Halbjahr Q 2), wo das Thema „Sprache und Öffentlichkeit“ behandelt werden kann – mit ausdrücklicher Konkretisierung auf die Political Correctness. Eine Chance, die ich meinem aktuellen Deutsch-Grundkurs nicht vorenthalten habe.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: