Manfred Lütz: Weißer Riese des Christentums oder kirchengeschichtlicher Weichspüler?

Zugegeben, eigentlich widerstrebt es mir, über ein Buch zu schreiben, das ich nicht einmal in repräsentativen Auszügen gelesen habe. Doch die geneigte Leserin gestatte mir an dieser Stelle eine einmalige Ausnahme.

Und diese Ausnahme hört auf den Namen Manfred Lütz. Über den umtriebigen katholischen Psychiater, Psychotherapeut, Buchautor, Diplom-Theologe und Vatikanberater bin ich vor ca. acht Jahren das erste Mal gestolpert, genauer gesagt über sein damals aktuelles „Gott. Eine kleine Geschichte des Größten“.
Bereits damals musste ich bei der Lektüre ein ums andere Mal den Kopf schütteln ob der gleichermaßen frivolen wie argumentativ-grobschlächtigen Schreibweise des gläubigen Seelenkundlers. Erlaubt sich Lütz dort doch eine Vielzahl manipulativer Kunstgriffe (u.a. die Gleichsetzung des Atheismus mit dem Nihilismus), die allerdings von belesenen Religonskritikern relativ einfach zu durchschauen sind. Wer sich mit dieser apologetischen Schrift näher kritisch befassen möchte, sei auf diesen hpd-Beitrag verwiesen.
Der Autor ist mir also beileibe kein gänzlich Unbekannter, zumal mir auch vor Jahren ein kurzer Ausschnitt aus seinem Buch „Irre! Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen“ über den Weg gelaufen ist und ich seine dortige scharfe Polemik gegen den Oberschwachmaten vom Dienst, Dieter Bohlen, mit großem Genuss aufgenommen habe!

Umso hellhöriger wurde ich also vor zwei Monaten, als ich die Ankündigung des unter dem reißerischen Titel „Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums“ verfassten aktuellen Werks des Dr. Lütz zu lesen bekam. Instinktiv schien mir klar: Da betreibt (mal wieder) einer sicher ganz gehörige Geschichtsklitterung!
Nun, durch das, was ich seither an Rezensionen zum neuen „Lütz“ im Netz auftreiben konnte, wurde mein Unbehagen nur bestätigt. Von daher erlaube ich mir, aus der zuerst verlinkten, akribisch ausführlichen Besprechung von Christian Modehn eine längere Textpassage zu zitieren:

„Lütz will zeigen, wie in Öffentlichkeit schon seit längerer Zeit, also durch die Medien, d.h. durch die Journalisten, die globale, aber in seiner (Lütz) Sicht irrige These verbreitet wird: Die Geschichte des Christentums, vor allem der katholischen Kirche, sei hoch belastet, unangenehm kriegerisch, also unmenschlich. Kurz: Die Geschichte des Christentums sei eben ein Skandal. Gegen diesen Skandal will der Autor argumentieren, indem er die Argumente der von diesem Skandal Sprechenden selbst schon einen Skandal nennt. […]
Dass in der Geschichte des Christentums und der Kirchen, vor allem der katholischen Kirche, trotz einiger Lichtblicke und einiger Vorbilder und Heiliger weithin – in heutiger Sicht – skandalöse Verhältnisse und, vernünftig betrachtet, eben auch skandalöse Denkformen und Inhalte verfestigt wurden, ist ja bekanntlich ein Urteil, zu dem reflektierte Theologen, Religionswissenschaftler und Historiker ziemlich einmütig kommen. Dies ist der wissenschaftliche Gesamteindruck heutiger Wissenschaftler, die natürlich wissen: Das von ihnen in der Gegenwart frei gelegte Elend dieser Kirche(n) (der Skandal), wurde auch schon damals von vielen Beteiligten, den Verfolgten und Leidenden wegen dogmatischer Abweichungen, als solches erlebt. Der Skandal wurde als Skandal als solcher also damals schon von den Leidtragenden erlebt. […]
Lütz will also diese dunklen Seiten bzw. unangenehmen Strukturen der Kirche etwas reinwaschen. Dabei übersieht er die Liste der international geschätzten Wissenschaftler, die den Skandal dieser Kirche ohne apologetische Angst freilegten, etwa Prof. Jean Delumeau, übrigens ein überzeugter Katholik in Frankreich, lange Jahre Professor am Collège de France, Paris: Es steht im Zentrum seiner ausführlichen Studien die giftige Angst der Kirchenführung, diese machte die katholische Kirche zu einer ‚belagerten Festung‘. Dies ist heute allgemeine wissenschaftliche (!) Überzeugung, daran sollte man eigentlich um der Erkenntnis willen nicht „wackeln“. […]
Schon auf Seite 13 verschlägt es einem Theologen die Sprache: Da wird behauptet, Jesus aus Nazareth, hätte ’seiner Kirche‘ keine ungebrochene Heiligengeschichte ‚vorausgesagt‘ (sic). Hat Jesus von Nazareth nicht – laut NT – ganz was anderes vorausgesagt, nämlich das baldige Ende der Welt und seine, Jesu, Wiederkunft? Es ist naiv, gelinde gesagt, zu meinen: Dieser Jesus von Nazareth hätte diese römische Kirche förmlich schon vor Augen gesehen und als Papst-Kirche gegründet. […]“

Und Dr. Josef Breinbauer rückt im Humanistischen Pressedienst u.a. die von Lütz behauptete progressive Leistung des Christentums in Sachen Frauenemanzipation zurecht:

„Beim Thema ‚Frau‘ ist der Autor [Lütz] voll des Lobes für die emanzipatorischen Leistungen der kath. Kirche. Zunächst heißt es auf S. 29 ganz allgemein: ‚Noch ein anderer Keim ist im Monotheismus angelegt. In den kosmologischen Religionen der Vorzeit entspricht der Mann gewöhnlich der Sonne und die Frau dem Mond, womit Letztere immer nur ein Abglanz ist und nie Gleichberechtigung erhält.‘ […] Logischerweise übergeht Lütz bei seiner Zitation von Paulusstellen jene in 1Kor 11,7, wonach der Mann Abglanz Gottes ist, die Frau aber nur Abglanz des Mannes.“

Dementsprechend bleibt nur, sich dem Urteil Breinbauers anzuschließen und Lütz‘ peinliches apologetisches Machwerk als Versuch einer „weichgespülten Kirchengeschichte“ möglichst viel religionskritischen Gegenwind zu wünschen. Als „Weißer Riese des Christentums“ taugt es mitnichten!

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