Tellkamp, Abdel-Samad, Giordano: Und täglich grüßt das empörialistische Murmeltier!

Ich werde langsam alt. Sehr alt. Mit demnächst 44 Lebensjahren auf dem Buckel und einer ca. zwanzigjährigen Internet-Debattenerfahrung im Rücken komme ich mir manchmal vor wie mein eigener Opa: Mit der Zeit wiederholt sich einfach so vieles, insbesondere die medialen Reaktionen auf im weitesten Sinne migrationspolitik- und islamkritische Statements.

Die jüngste Empörialismus-Welle um die Äußerungen des Dresdner Schriftstellers Uwe Tellkamp belegt zum x-ten Mal das Fehlen einer reifen Debattenkultur in diesem Land: Statt zunächst einmal ihrer journalistischen Sorgfaltspflicht Genüge zu tun und einige seiner inkriminierten Argumente rein deskriptiv wiederzugeben, verfallen beinahe sämtliche von mir am 16.03.2018 (als ich Spätzünder überhaupt erst von der Kontroverse erfuhr) gesichteten Beiträge der hiesigen Mainstream-Medien reflexartig in Schubladendenken: Ob „AfD-nahe Ansichten“, „rechte Äußerungen“ (SPIEGEL online vom 09.03.18 oder „rechtspopulistische Äußerungen“ (ZDF-Sendung „Aspekte“ vom 16.03.18, vgl. ab Min. 6:08) – von sachlich-unaufgeregter Auseinandersetzung mit den Positionen des „Enfant terrible“ wenig zu spüren.
Immerhin ließ ein ausführlicher Artikel in der Print-Ausgabe des SPIEGEL vom 17.03.2018 („Der Riss“, S. 112ff.) ansatzweise erkennen, worum es Tellkamp u.a. ging:
1. 95 % aller Flüchtlinge fliehen demzufolge angeblich gar nicht vor Krieg und Verfolgung, sondern haben es lediglich auf unser Sozialsystem abgesehen und
2. Die AfD sei vor der Bundestagswahl 2017 die „einzige regierungskritische Alternative“ gewesen.

Aha, endlich also einmal „Butter bei die Fische“ statt sofortigem „Ab in die rechtspopulistische Schmuddelecke“.
Zeitgleich greift ein sog. „Faktencheck“ auf SPIEGEL online drei der wichtigsten Thesen Tellkamps auf und rückt sie zurecht – immerhin!

Und auch wenn es sicherlich Differenzen in der politischen Haltung der nachfolgend genannten Publizisten gibt, so ist ihnen doch eines gemein: Die schrille mediale Empörung nach erfolgter Islamkritik: Vor Uwe Tellkamp mussten nämlich (neben weiteren) der Politologe Hamed Abdel-Samad sowie der Holocaust-Überlebende Ralph Giordano diese unangenehme Erfahrung machen. Wagten sie sich doch an das Tabu der Tabus der bundesdeutschen Debatten(un-)kultur heran, nämlich den (politischen) Islam zu kritisieren, wie es ihm gebührt: als demokratiegefährdender, ja faschistischer Auswuchs wahnhafter Ideologie! Dass genannte Herren damit keineswegs alle Muslime hierzulande als „Faschisten“ verstanden wissen oder gar nach bewährtem AfD-Sprech „in Anatolien entsorgen“ (AfD-Vorsitzender Gauland über SPD-Integrationsstaatsministerin Özuguz) wollten, versteht sich von selbst – sollte man meinen.
Und dass sich Abdel-Samad gar in die „Höhle des Löwen“ (sprich: auf eine AfD-Veranstaltung in Dachau) traute, um dort seine islamkritischen Thesen zu referieren, brachte diverse bundesdeutsche Gesinnungswachhunde seinerzeit regelrecht zum Kochen. Die unbedeutende Petitesse, dass Abdel-Samad sich mehrfach von den politischen Positionen der selbsternannten „Alternative“ distanziert hat, sei an dieser Stelle nicht verschwiegen.

Dass es durchaus auch unaufgeregt anders geht, zeigt ein Blick in das Buch „Die Grenzen der Toleranz. Warum wir die offene Gesellschaft verteidigen müssen“ aus der Feder des Geschäftsführers der Giordano-Bruno-Stiftung, Michael Schmidt-Salomon:
„Welch absurde Form die Zwangsvorstellung angenommen hat, der AfD nie und nimmer recht geben zu können, selbst dort, wo sie recht hat, zeigte sich in markanter Weise, als Hamed Abdel-Samad am 18. April 2016 im ARD-Nachtmagazin zu den islamkritischen Positionen der AfD interviewt wurde. Hamed erklärte am Anfang des Gesprächs, dass die Behauptung, Islam und Demokratie seien miteinander nicht vereinbar, ‚grundsätzlich nicht falsch‘ sei. Zur Erläuterung wollte er hinzufügen, dass dies nur auf die politische Ideologie und die tradierte Rechtsordnung des Islam zutreffe, nicht aber auf die Religion an sich, als er mitten im Satz von der Moderatorin unterbrochen wurde: ‚Stopp, Entschuldigung, an diesem Punkt muss ich bleiben: Sie haben ja gerade eben das gesagt, was auch die AfD gesagt hat! Sie bestätigen das?!‘
Man merkte dem Tonfall der Frage an, dass es offenbar eine absolute Ungeheuerlichkeit darstellen muss, der AfD in einzelnen Punkten recht zu geben. […] Obwohl Hamed im ARD-Nachtmagazin deutlich machte, dass er die AfD nie wählen würde, wurde am nächsten Morgen die Nachricht verbreitet, er habe der AfD den Rücken gestärkt. Kurz darauf gingen bei mir Dutzende von Mails ein, die mich, teils unter wüsten Beschimpfungen, dazu aufforderten, den ‚Faschisten‘ Hamed Abdel-Samad mit sofortiger Wirkung aus dem Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung zu entlassen.“


Quelle: Michael Schmidt-Salomon: Die Grenzen der Toleranz. Warum wir die offene Gesellschaft verteidigen müssen. München/Berlin 2016, S. 58f.

Dem bleibt wenig hinzuzufügen: Auch ich denke nach wie vor nicht im Traum daran, mein Kreuz bei einer Partei zu setzen, die sich nicht entblödet, eine Delegation Landtags- und Bundestagsabgeordnete zum Schmusen mit dem Massenmörder Assad nach Damaskus zu entsenden. Derart blind und moralisch verquast wird mich die hiesige Entwicklung des politischen Islam niemals werden lassen, auch wenn es für die Zukunft wohl keinen allzu großen Grund für Optimismus gibt.

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