Apokalypse in Dunkelrot oder: Die religiöse Grundierung linksradikaler Denkweise

Ja, auch mich haben die Bilder der völlig enthemmten Gewalt einiger linksautonomer (und teils krawalltouristischer) krimineller Arschlöcher in Hamburg am G20-Wochenende fassungslos gemacht – bis hin zu eigenen Gewaltfantasien, das gebe ich zu!
Um so erstaunlicher, dass große Teile der Politik die linksradikale Szene derart unterschätzen konnten…

Wenn ich an meine (zugegebenermaßen an einer Hand abzuzählenden) Teilnahmen im Kontext linker Demonstrationen zurück denke, dann war mir schon vor mehr als zehn Jahren mehr als einmal zumindest hin und wieder sehr mulmig zumute: Im September 1998 in Rostock, als während einer Demo gegen die kurz vor der Abwahl stehende Kohl-Regierung in Rostock aus den hinteren Reihen Flaschen geworfen wurden – und zwar so, dass sie uns vorne Marschierenden beinahe am Kopf getroffen hätten. Zudem erfuhr ich hinterher, dass einige Typen aus dem Schwarzen Block auch eine Straßenbahn angegriffen hatten und dabei eine unbeteiligte Frau verletzt wurde.
Noch einen Zacken martialischer ging es im Januar 2004 in Hamburg im Rahmen einer Demo gegen einen NPD-Aufmarsch zu: Vermummte Autonome griffen nach Beendigung der Demo eine Polizeiwache mit Eisenstangen an – mein Freund und ich suchten sofort die nächstgelegene S-Bahn-Station auf und flohen regelrecht vor dem Mob…

Nach dem G20-Gipfel, den ich übrigens aufgrund der Beteiligung diverser Staatsterroristen aus Saudi-Arabien, der Türkei, Russland und China (Trump ist hier wirklich das kleinere Übel) ablehne, ist viel geschrieben worden zum Verhältnis der politischen Linken zur Gewalt. Daher möchte ich hier aus einigen Beiträgen die m.E. darin aufgezeigten inhaltlichen Highlights herausstellen:

So kritisiert Ijoma Mangold in der ZEIT völlig zurecht die idiotische Haltung (nicht nur) vieler Linker, alle Übel der Welt „dem Kapitalismus“ anzulasten:

„Interessanterweise […] pflegt unsere handelsübliche Kapitalismuskritik eine umfassende Dämonisierung. So gut wie alles, was irgendwie unschön ist, wird dem Kapitalismus in die Schuhe geschoben: nicht nur die Ungleichverteilung des Wohlstands (wobei sich die Menschen an der Einkommensschere mehr stören, als sie sich an den absoluten Zugewinnen erfreuen), sondern ebenso die Leere unserer Liebesbeziehungen, die seelische Einsamkeit, ganz besonders – in jedem zweiten Feuilletonartikel – der Zwang zur Selbstoptimierung, der Mangel an Glück und sogar die Langeweile und der Grad der Selbstsedierung, mit dem wir unser wohlabgehangenes, aber sinnentleertes Leben angeblich klaglos hinnehmen. Man könnte den Eindruck gewinnen, es läge nur am Kapitalismus, dass die Menschen statt großer Gefühle so schmählich prosaisch Geld und Waren austauschen.“

Und in diesem Zusammenhang darf auch die Tendenz der Medien zur Negativberichterstattung nicht unerwähnt bleiben. Natürlich erwartet niemand ernsthaft, in Presse, Funk und Fernsehen solle über alltägliche Banalitäten wie pünktlich und ohne Zwischenfälle eingelaufene Züge, gelandete Flugzeuge et. berichtet werden. Aber wenn ständig die Schattenseiten unserer Wirtschaftsweise (die es selbstverständlich nicht zu knapp gibt, was ebenso selbstverständlich dargestellt und kritisiert gehört!) herausgekehrt werden, verrutscht dem Rezipienten der moralische Maßstab, weil er nämlich gerade nicht (oder viel zu selten, und wenn, dann irgendwo als Randnotiz unter Ferner liefen) erfährt, wieviel Erfolge innerhalb der letzten gut zweieinhalb Jahrzehnte im globalen Kampf gegen die Armut gefeiert werden konnten: Trotz des ach so bösen Kapitalismus konnte die Anzahl der extrem Armen nämlich zwischen 1990 und 2015 von gut 1,9 Milliarden Menschen auf knapp 840 Millionen reduziert werden! Gerade in China sind hier massive Geländegewinne zu verzeichnen – oder was meint ihr, warum die dortige Kommunistische Partei schon seit Langem in ökonomischer Hinsicht „in Kapitalismus“ macht?

Einen mindestens ebenso interessanteren Aspekt zur Debatte um den Kapitalismus und seine ärgsten Gegner von Links steuert dann der Religionswissenschaftler Michael Blume bei, wenn er die Apokalypse-Affinität (Lust am herbeifantasierten Untergang des kapitalistischen „Schweinesystems“) vieler extremer Linker betont und dies vor allem anhand des Songtextes „Hurra, die Welt geht unter“ der Berliner Gruppe K.I.Z. belegt.
In die selbe Richtung weist der Artikel von Christian Stöcker auf SPIEGEL online, wenn er das apokalyptische Geraune insbesondere im Zusammenhang mit dem Hype um das Manifest „Der kommende Aufstand“ des sog. „Unsichtbaren Komitees“ (Pseudonym einer französischen Formation der politischen Linksautonomen um Serge Quadruppani) thematisiert.
Ein hochinteressanter Gesichtspunkt, verstehen sich doch schließlich nahezu alle radikalen Linken als säkular, ja im Grunde genommen sogar stramm atheistisch!

Und wieder einmal zeigt sich, wie wenig doch viele Menschen zum kritischen Reflektieren der eigenen politischen bzw. (quasi-)religiösen Überzeugung neigen – und wieviel versteckte Gemeinsamkeiten häufig zwischen fundamentalistischen Religioten und vermeintlich a- oder anti-religiösen Möchtegern-Revolutionären bestehen!
An meiner letzten „linken“ Demo (abgesehen vom „March for Science“ in diesem April) habe ich übrigens im Herbst 2006 in Bremen (gegen einen dortigen NPD-Aufmarsch) teilgenommen. Gestört habe ich mich dort vor allem an den vielen linksradikalen Splittergrüppchen mit ihren Hammer-und-Sichel-Flaggen, Che Guevara-Shirts und der Instrumentalisierung der Demo-Teilnehmer gegen die ach so furchtbare „Kriegstreiberei“ der Bundeswehr in Afghanistan. Es waren Typen wie diese linksradikalen Spinner mit ihrem Lautsprecherwagen, die seitdem zu meiner Demo-Abstinenz beigetragen haben – obwohl der friedliche und differenziert durchdachte Protest für eine bessere Welt ohne Zweifel auch heute noch das Gebot der Stunde ist…
Mit dieser Dialektik werde ich leben müssen; auf dass eines fernen Tages weite Teile der radikalen Linken zur Vernunft gekommen sein werden! Aber vermutlich kommt vorher Christus wieder und entschwebt mit den neuapostolischen Auserwählten in den „himmlischen Hochzeitssaal“…

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