Religion – zur Entstehung eines irrationalen Denksystems (Teil I)

In den kommenden Monaten werde ich mich – wahrscheinlich in unregelmäßiger Folge – dem Phänomen „Entstehung der Religion als irrationalem Denksystem“ widmen.
Den ersten Teil dieser kleinen Reihe eröffnet Jesse Bering, Evolutionspsychologe und Direktor des Institute of Cognition and Culture an der Queen´s University Belfast (Nordirland). Der nachfolgende Text entstammt aus dessen Buch „Die Erfindung Gottes. Wie die Evolution den Glauben schuf“:

produkt-7276

Als direkte Folge der Evolution des sozialen menschlichen Gehirns und wegen der schwerwiegenden selektiven Bedeutung unserer Fähigkeiten zur Mentalisierung können wir manchmal gar nicht anders, als Absichten, Wünsche und Überzeugungen in Dingen zu sehen, bei denen auch nicht das kleinste Fitzelchen eines neuronalen Systems vorhanden ist. Folglich können sie die psychischen Zustände, die wir wahrnehmen […], gar nicht hervorbringen. Vor allem dann, wenn unbelebte Gegenstände unerwartete Dinge tun, denken wir gelegentlich so über sie, wie wir das bei Menschen machen, die sich abseitig oder schlecht benehmen.
Wie viele mögen ihr defektes, „unzuverlässiges“ Vehikel in die Seite getreten oder ihren „unfähigen“ Computer verbal beleidigt haben? Die meisten gehen nicht so weit, diesen Gegenständen mentale Zustände zuzuschreiben […]. Doch unsere Emotionen und unser Verhalten gegenüber solchen Objekten scheinen unser primitives, unbewusstes Denken zu verraten: Wir handeln, als wären sie für ihre Aktionen moralisch verantwortlich. […]
Was wäre, wenn ich sagte, dass auch die mentalen Zustände Gottes allein im Denken jedes Einzelnen vorhanden sind? Dass Gott – wie ein winziger, am Rand der Hornhaut des Auges schwebender Fleck, der das Bild eines verschwommenen, unerreichbaren Sternchens erzeugt, das jede Bewegung mitmacht – in Wahrheit eine psychische Illusion ist, eine Art evolutionär entstandener Fehler, der sich ins Zentrum der kognitiven Hirnsubstanz eingeätzt hat? Vielleicht fühlt es sich ja an, als sei da draußen etwas, das größer ist… etwas, das beobachtet, weiß, sich kümmert. Möglicherweise sogar Urteile fällt. In Wahrheit aber ist es nur unsere überaktive Mentalisierung. Eigentlich ist da nichts als die Luft, die wir atmen. […]
Man sollte sich kurz vor Augen führen, was es heißt, wenn man sich Gott so vorstellt […]. Subjektiv wäre Gott in unserem Leben weiterhin präsent (manche wären davon eher unangenehm berührt). Aus dieser Sicht würde er unsere Erfahrungen immer noch mit einer schwer fassbaren Bedeutung durchdringen und das Gefühl vermitteln, das Universum kommuniziere auf vielfältige Weise mit uns. Doch diese Vorstellung von Gott als Illusion ist eine radikale und für manche wohl gefährliche Idee, weil sie entscheidende Fragen darüber aufwirft, ob Gott ein autonom und unabhängig Handelnder ist, der außerhalb menschlicher Gehirnzellen lebt, oder eher ein Phantom, das von unserer durch eine spezielle Evolution entstandenen Mentalisierung hinaus in die Welt gestoßen ist. […]
Bei allen Wendungen scheinen wir zu glauben, in jedes Schnitzwerk der Natur seien subtile Botschaften eingeritzt: fein gearbeitete Zeichen oder Hinweise darauf, dass Gott oder eine andere übernatürliche Wesenheit versucht, uns eine Lektion oder einen Gedanken zu übermitteln – und häufig uns allein. Gewöhnlich geht es uns darum, wie wir uns verhalten sollten. […] Die besten Beispiele dafür, dass in der Natur der Geist Gottes am Werk gesehen wird, sind tendenziell auch die lachhaftesten. Doch gerade an ihnen können wir erkennen, wie die religiösen und spirituellen Ansichten mit der von unserer Spezies durch Evolution erworbenen Fähigkeit zur Mentalisierung zusammenhängen. Der freimütige afroamerikanische Bürgermeister von New Orleans, Ray Nagin, meinte Reportern 2005 gegenüber, der Hurrikan Katrina – einer der wildesten und zerstörerischsten Stürme, die Nordamerikas Küsten je heimgesucht haben – sei in Wahrheit ein klimatisches Zeichen für Gottes heftigen Zorn gegen die von Drogen benebelte Stadt, den militärischen Einfall des Landes in den Irak und das „schwarze Amerika“ […].


Quelle: Jesse Bering: Die Erfindung Gottes. Wie die Evolution den Glauben schuf. München 2011, S. 56, 58, 111f.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: