Schneider, der religiöse Individualismus und das Demokratiedefizit religiöser Gesellschaften

Dass streng-religiöse Menschen häufig Probleme mit allzu individualistischen (Un-)Glaubensansichten haben, dürfte eine triviale Erkenntnis sein. Auch in der Neuapostolischen Kirche hätte bspw. ein Immanuel Kant (1724 – 1804) mit seinem „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ deshalb heute noch einen schweren Stand.
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Von daher dürfte folgender Auszug aus der
Predigt des Stammapostels Jean-Luc Schneider
vom 15.06.2014 in Berlin-Wilmersdorf beim NAK-erfahrenen Leser (erst recht beim NAK-Predigt-Geschädigten) keine große Aufregung auslösen:

Als Grundlage dienten folgende beiden Verse aus dem 2. Korintherbrief:
„Denn ich eifere um euch mit göttlichem Eifer; denn ich habe euch verlobt mit einem einzigen Mann, damit ich Christus eine reine Jungfrau zuführte. Ich fürchte aber, dass wie die Schlange Eva verführte mit ihrer List, so auch eure Gedanken abgewendet werden von der Einfalt und Lauterkeit gegenüber Christus.“ (2Kor 11,2.3)
Dazu führte Schneider u.a. wie folgt aus:
„Die Einfalt gegenüber Christus gehe […] dann verloren, wenn der Mensch sich auf die Ebene Gottes begebe, mahnt der Stammapostel: ‚Diese Tendenz kennen wir: Ich weiß, was gut für mich ist. Ich weiß, was ich machen muss, um das Heil zu erlangen. Man will frei entscheiden, was Sünde ist und was nicht. Jeder Gläubige will entscheiden, wie er mit dem göttlichen Gesetz umgeht. Nur, das geht so natürlich nicht.'“

Wie passend fügen sich da folgende empirischen Forschungsergebnisse zum Zusammenhang von Religiosität und Friedfertigkeit/Demokratie in einer Gesellschaft ins Bild, wie „Bild der Wissenschaft“ am 19.02.2013 unter der Überschrift „Göttliche Gesellschaften“ vermeldete:

„Wie ‚religiös‘ eine Gesellschaft ist, wurde […] empirisch ermittelt anhand der Selbsteinschätzung der Einwohner, der Häufigkeit des Betens, der Zahl der Gottesbesuche [sic!] oder des Anteils an Kirchenmitgliedern oder anderen religiösen Gemeinschaften. Je ungerechter es in einer Gesellschaft zugeht und je weiter die Schere zwischen den Einkommen geöffnet ist, desto höher ist der Stellenwert der Religion, so Gregory Paul und seine Kollegen. Und: In Ländern mit größeren Einkommensunterschieden sind sowohl ärmere als auch reichere Menschen eher religiös als in Ländern mit geringeren Unterschieden – Reiche sogar überproportional stark. In wirtschaftlich ausgeglichenen Ländern sind sie dagegen weniger religiös als die Armen.

Dass ‚ungläubigere‘ Länder hinsichtlich der Einkommensverteilung und den anderen soziologischen Indikatoren besser abschneiden, zeigten inzwischen mehrere Analysen auch einzelner Gesellschaftsmerkmale. So ist die Demokratie dort stärker ausgeprägt, wo Gott eine geringere Rolle spielt.

Das wies ein Forscherteam unter der Leitung von Marc Bühlmann von der Universität Zürich und Wolfgang Merkel vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung nach. Sie hatten 30 Nationen anhand von über 100 empirischen Indikatoren für demokratische Prinzipien wie Freiheit, Gleichheit und Kontrolle untersucht – also beispielsweise die Möglichkeit der Mitbestimmung, der Transparenz von Entscheidungsprozessen und das Ausmaß der Korruption.[…]
Die religiösen Selbsteinschätzungen stammen vom World Values Survey (WVS), einer groß angelegten weltweiten Umfrage, die seit den 1980er-Jahren immer wieder durchgeführt wird.
Atheistischere Länder sind friedlicher. Das zeigte der britische Religionswissenschaftler und Biologe Tom Rees mit einer Auswertung des Global Peace Index 2009. Dieser bewertet den Friedensgrad anhand von 23 Kriterien – darunter Kriege, Bürgerkriege, das Ausmaß von Menschenrechtsverletzungen und Waffenhandel, die Zahl der Morde und der Gefängnisinsassen sowie der Grad der Demokratisierung. Wie friedlich ein Land ist, korreliert positiv mit dem Prozentsatz der Atheisten und negativ mit dem Prozentsatz derjenigen religiösen Menschen, die gemäß dem WVS mindestens einmal im Monat einen Gottesdienst besuchen.“

Wir halten also fest: Gläubige nach dem Religionsverständnis à la NAK (respektive J.-L. Schneider), die brav nur das glauben, was ihnen die allweisen Segensträgerlein einplaudern („Glauben nach Zahlen“ in Anlehnung an das bekannte Kinder-Spielzeugset „Malen nach Zahlen“), sind tendenziell demokratie- und friedensunfähig! Ein Schlag ins Gesicht für die Möchtegern-Elite der künftigen „Könige und Priester“ im „Tausendjährigen Friedensreich“ der Johannes-Apokalypse.

Diese beiden Werte (Demokratie und Frieden) setzen nun einmal Selbstreflexions- und -verantwortungsfähigkeit voraus. Dann würde vielleicht auch der eine oder die andere Gläubige darauf kommen, dass
a) der „Sünden“-Begriff sinnvollerweise von der Frage ausgehen sollte, ob jemand überhaupt real geschädigt worden ist (was auf angeblich „widergöttliche“ Verhaltensweisen wie einvernehmlich praktizierte Homosexualität nicht zutrifft) und

b) der Begriff „Sünde“ sogar zu verwerfen ist, weil er eine von Geburt an vorhandene Schuld des Menschen Gott gegenüber impliziert (Stichwort „Erbsünde“, ein perfides Konzept des „Kirchenvaters“ Augustinus im Rückgriff auf den „heiligen“ Paulus).
Aber so weit ist die „neue“ NAK natürlich nicht und kann sie auch nie und nimmer sein, will sie ihren Anspruch, den eigenen Glauben einigermaßen bibelkonform zu lehren, nicht völlig aufgeben.
Macht aber nichts: Wozu gibt es denn Großevents wie den vollmundig als „Internationaler Kirchentag (IKT) München 2014“ angepriesenen Selbstbeweihräucherungs-Hype oder diesen drolligen kleinen (eine EDEKA-Werbung parodierenden) Videoclip anlässlich des diesjährigen NAK-NRW-Jugendtages… Hauptsache niemand kommt ins kritische Nachdenken!

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